In diesem Jahr feiert das English Theatre of Hamburg (kurz ETH) ein halbes Jahrhundert Erfolgsgeschichte. Gegründet 1976, wurde das Theater an der Mundsburg sehr schnell zu einem kulturellen Anziehungspunkt in der Hansestadt. Hamburg ist, wie jeder weiß, die britischste Stadt auf dem Kontinent. Es wird behauptet, dass die Hanseaten den Regenschirm aufspannen, wenn sich an Londons Himmel die ersten grauen Wolken abzeichnen. Dichtung oder Wahrheit? Auf jeden Fall ein Narrativ mit realem Hintergrund. Langer Rede kurzer Sinn: Vor nunmehr fünfzig Jahren wurde endlich eine Lücke geschlossen, die den Hanseaten die Chance eröffnete, ihr Englisch auf hohem Niveau zu halten oder gar zu verbessern.
Als Auftakt zur neuen Theatersaison offeriert das ETH seinem Publikum ein viktorianisches „Gothic“, das auf Oscar Wildes‘ einzigem Roman basiert. Vorhang auf für „The Picture of Dorian Gray!“
Noch stimmiger kann man dieses Opus Magnum aus der Feder des gebürtigen Iren Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde nicht auf die Bühne bringen. Die Inszenierung trägt den unverwechselbaren Duktus Paul Glasers. Chapeau.
Die bürgerlichen Moralgesetze gelten nicht für jeden
Lord Henry Wotton, ein ebenso eleganter wie zynischer Aristokrat, wird während eines Besuchs bei dem Porträtmaler Basil Hallward mit dem beeindruckenden Gemälde eines schönen jungen Mannes namens Dorian Gray konfrontiert. Dorians Charme und Grazie faszinieren den Künstler, der alsbald Gefühle für ihn empfindet, die in der seinerzeitigen sittenstrengen Gesellschaft als anstößig galten. Währenddessen beginnt Lord Henry den jungen Dorian mit seinen hedonistischen Ansichten zu beeinflussen. Schönheit, so argumentiert er, sei viel wichtiger als Moral und Tugend. Nach kurzer Zeit erliegt Dorian dem süßen Gift seines „Mentors“ und lässt sich von ihm zu immer größeren Lastern verführen. Dorians erstes Opfer ist die junge unschuldige Schauspielerin Sybild Vane, die er zwar anfänglich bewundert und auf Händen trägt, um sie später umso brutaler fallen zu lassen. Als Sybil ob seiner Grausamkeit Selbstmord begeht und Dorian erste Anzeichen eines schlechten Gewissens zeigt, redet Lord Henry ihm ein, er habe Sybil völlig zu Recht den Laufpass gegeben.
Sybils Bruder James, ein Seemann, der in Australien sein Glück versuchen will, schwört blutige Rache, erntet jedoch nur Hohn und Spott vonDorian und Lord Henry, dem Dorian auf seinem Weg in den Untergang immer höriger wird.
Das Bildnis wird vollendet
In der Zwischenzeit hat Basil Hallward sein Meisterwerk vollendet. Die Veränderung im Wesen seines Modells bleibt seiner sensiblen Künstlerseele nicht verborgen. Deshalb empfiehlt er Dorian, zu Lord Henry Wotton auf Distanz zu gehen. Doch der junge Mann hat sich die Philosophie seines älteren Freundes längst zu eigen gemacht. Er hat nur noch ein Ziel – den Erhalt seiner äußeren Anziehungskraft. Ähnlich wie Faust schließt er einen Pakt mit Mephisto. Statt seiner soll das Bildnis altern und die Spuren der Zeit und seines lasterhaften Lebens tragen, während er immer jung und begehrenswert bleibt. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, denn selbst der Umgang mit Prostituierten und Verbrechern sowie regelmäßige Besuche in den Opiumhöhlen Londons können seiner Schönheit nichts anhaben.
Das Porträt als Zeuge des moralischen Verfalls
Als Dorian nach geraumer Zeit einen Blick auf das in einen Abstellraum des Hauses verbannte Gemälde wirft, ist er zutiefst schockiert. Ihm starrt ein von Laster und Ausschweifungen entstelltes Gesicht – eine Grimasse seiner selbst – aus goldenem Rahmen entgegen. Basil Hallward verschafft sich Zutritt zu Dorians Haus, wirft einen Blick auf sein Werk, erstarrt vor Schreck und versucht zu fliehen. Doch Dorian ersticht den Mitwisser seiner Verbrechen. Diesem Mord folgt ein weiterer. Denn auch James Vane, der Bruder der verschmähten Sybil, wird erdolcht. Nun erkennt auch Dorian seinen Irrweg. In seiner Verzweiflung zerfetzt er sein Porträt mit dem Messer.
Das Gemälde hat inzwischen eine zynische Eigendynamik entwickelt und tötet Dorian. Als die Dienstboten auf einen gellenden Schrei herbeieilen, finden sie einen alten von Runzeln und Schrunden entstellten Mann, den sie nur mühsam als ihren Herrn erkennen. Das Bildnis aber ist unversehrt und zeigt einen jungen schönen Dorian Gray, so wie ihn der Maler Basil Hallward einst schuf.
…und die Moral von der Geschicht‘: „Böse Taten lohnen sich nicht.“
Der Sündenfall
Der große Schriftsteller Oscar Wilde schuf eine Reihe brillanter Komödien Märchen und Geschichten. Aber nur einen Roman.
In „Das Bildnis des Dorian Gray“ persifliert Wilde die dekadente britische High Society des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren erkorener Liebling er war. Wilde äußert sich sarkastisch über deren Jahrmarkt der Eitelkeiten und jene Spiegelfechtereien endloser inhaltsloser Diskussionen. Doch auch ihn traf das Schicksal vieler, die hoch aufsteigen und wenig später als verglühte Kometen enden. Der von der Hocharistokratie Britanniens gefeierte Autor fiel tief. Als seine homosexuelle Beziehung zu einem jungen Adligen publik wurde, verurteilte eine selbstgerechte Gesellschaft ihn wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zwangsarbeit, die letztlich zu seinem frühen Tod führten. Mit nur sechsundvierzig Jahren starb Oscar Wilde völlig mittellos und vereinsamt im Pariser Exil.

Diese neue Inszenierung macht dem English Theatre alle Ehre. Sie ist ein großer Wurf. Ein opulentes Dekor in Salons und Bibliotheken, gestützt von Video-Projektionen, führt mitten hinein in das London des ausgehenden viktorianischen Zeitalters. Vor dem geistigen Auge des Zuschauers entsteht das Bild der Hauptstadt mit seinem an manchen Tagen undurchdringlichen Nebel – seinerzeit auch pea soup genannt. Rauchschwaden wabern über der Bühne und verstärken die unheimliche Atmosphäre. Das Trappeln von Pferdehufen auf dem holperigen Straßenpflaster verhallt in der Ferne. Es ist das London Jack the Rippers, der seinerzeit sein blutiges Handwerk im vornehmlich von Prostituierten, Zuhältern und weiteren düsteren Gestalten bewohnten Stadtteil Whitehall trieb. Im Stück erleben wir zwei Szenarien der pulsierenden britischen Metropole – auf der einen Seite das elegante London der oberen Zehntausend und auf der anderen die verkommenen Viertel der Metropole mit ihren Elendsquartieren und Opiumhöhlen. In diesem Universum tummelt sich ein Ensemble handverlesener Schauspieler. Vier Mimen stellen das gesamte Spektrum dieses facettenreichen Stückes dar. Jess Saunders glänzt gleich in acht Rollen. Sie verkörpert u. a, die verletzliche Sybil Vane ebenso souverän wie die hochnäsige Lady Agatha oder die schlichte Mrs. Leaf. Dabei wechselt sie nahtlos vom hochgestochenen Oxford-English in die Niederungen des Cockney Slangs. Lob gebührt auch Ben Kenzie, der nicht nur den hedonistischen Lord Henry Wotton, sondern mehrere weitere Rollen übernimmt. Gleiches gilt für William Osbeldiston-Hawkes, der den sympathischen Basil Hallward spielt und mühelos in weitere Rollen schlüpft. Bleibt noch der Hauptdarsteller des Stückes, der den anspruchsvollen Part des Dorian Gray übernommen hat. Joshua Campbell-Hart kann ohne Schmeichelei als dessen Idealbesetzung bezeichnet werden. Dieser attraktive junge Mime verkörpert den innerlich zutiefst zerrissenen Dorian Gray mit einer unter die Haut gehenden Intensität.
Ganz großes Theater, so spannend inszeniert, dass man während der Vorstellung eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören können. Und dies bei einem voll besetzten Theatersaal. Der Dank geht an alle Darsteller, die Technik und natürlich an Regisseur Paul Glaser.
„The Picture of Dorian Gray“ läuft bis einschließlich 31. Oktober 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040- 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de
Nächste Premiere: „Deathtrap“ von Ira Levin am 20. November 2026
Fotos: Stefan Kock, ETH
