Alltägliches – schmerzlich vermisst

Buchcover

Als Joachim Frank die Kurzgeschichten und Erzählungen seines Bands „Farben in wechselndem Licht“ schrieb, dachte er ganz bestimmt nicht daran, dass wir es mit einer Corona-Pandemie zu tun bekämen. Und so erscheinen die unterhaltsamen, zum Nachdenken anregenden oder auch zum Lächeln verführenden Erzählstücke über das Lesevergnügen hinaus in einem besonderen Licht.

Da konnte man noch reisen, ohne in Quarantäne zu müssen. Man ging ganz selbstverständlich ins Café, man kam sich nah und von „Munaschu“ ist keine Rede. Damit hat Joachim Frank mit seinem Buch zunächst in den Fokus gerückt, wie unser Leben vor Corona aussah, was für uns selbstverständlich gewesen ist und was wir nun schmerzlich vermissen. Das thematische Spektrum der Erzählungen spart jedoch auch Krankheit nicht aus, sondern gibt einfühlsam Einblick in Folgen einzelner Schicksale, die Menschen wie dich und mich heimsuchen. Dabei folgt der Autor dem Motto „Weniger ist mehr“, konzentriert sich auf wenige, markant gezeichnete Charaktere und wenige Begebenheiten, die, von den Figuren unaufdringlich reflektiert, in den Lesern fortwirken dürften.

Das in fünf Kapitel unterteilte Buch (Reiseperlen/Abschiede/Blickwinkel/Take it easy/Weihnachten) deckt breite Leserinteressen ab. Das Reise-Kapitel beschränkt sich nicht auf Schilderungen von Örtlichkeiten, sondern bringt auch einige geschichtliche Hintergründe und setzt sich mit Klischees und Vorurteilen auseinander, ohne zu werten. Im Kapitel „Abschiede“ erzählt Joachim Frank einfühlsam von Wendepunkten, die bedrücken oder erleichtern. Berührend ist die Szene einer Männerfreundschaft zwischen einstmals sportlich aktiven Männern, von denen der eine nur mehr ein Schatten seiner selbst ist. Das Ungesagte nimmt hier den meisten Raum ein, die Geschichte berührt sehr. Eine originelle und interessante Perspektive nimmt der Autor in den Geschichten „Inferno“ und „Ansichten eines Gemäldes“ ein, indem er sich in der erstgenannten Erzählung in den Maler Egbert van der Poel (1629-1684) hineinversetzt, dessen Schaffen sich nach einem Feuerinferno dramatisch veränderte, und in der letztgenannten gar aus der Perspektive des Gemäldes schreibt.

Bedrängnisse und Fettnäpfchen, die im Alltag nicht immer zu umschifft werden können und vor allem denjenigen, die das Ganze von außen betrachtet, viel Heiterkeit bringen, birgt das Kapitel „Take it easy“. Augen auf beim Beschenken der Ehegattin, möchte man dem Protagonisten der Geschichte „Fit in den Frühling“ zurufen.

Schließlich kommt die Sammlung mit dem aus einer etwas längeren Geschichte bestehenden Schlusskapitel wieder in der Gegenwart an, denn es geht auch hier um ein Weihnachten, das ganz anders als geplant verläuft. So wie es in diesem Jahr 2020 unvorhergesehenerweise sehr vielen Familien gehen dürfte, hat in dieser Geschichte nicht eine Krise von außen, sondern von innen alles in der Hand. Wird die Familie das Fest noch retten?

Die Sammlung kurzer Prosastücke von Joachim Frank ist wie geschaffen für diese Zeit: Sie unterhält, regt zum Nachdenken an, erheitert und gibt gute Impulse. Wenn man täglich eines der kurzen Werke liest, hat man 14 Tage lang etwas von dem Buch. Fangen Sie doch Weihnachten damit an.

 

Joachim Frank wurde 1952 in Hamburg geboren. In Prisdorf und Schweden lebend, schreibt er Erzählungen und Kurzgeschichten, die er in mehreren Einzeltiteln sowie in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien veröffentlicht. Unter den Preisen, die er bekommen hat, sind der Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung (2016) und der Preis des Erwin-Strittmatter-Vereins (2019).

Joachim Frank: Farben in wechselndem Licht, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2020

Frank, Joachim

Von Kindern lernen

Es ist ein alter Hut. Viele Bürger halten sich nur ungern an die einfachsten Verkehrsregeln. Wie oft muss ich erleben, dass ein Auto noch über die Kreuzung vor meinem Haus „nagelt“, wenn die Ampel schon längst auf Rot umgesprungen ist. Auch vor Zebrastreifen drosseln manche Fahrer nur ungern das Tempo. Häufig muss man beherzt ausschreiten, um sie noch rechtzeitig zum Halten zu bewegen.

Und wie steht es mit den Fußgängern, die nicht selten geduldig vor Ampeln ausharren müssen, bis sie endlich die Straße überqueren dürfen, auch wenn weit und breit kein Fahrzeug in Sicht ist? Ich gestehe, dass ich in so einem Fall nicht immer auf grünes Licht warte, solange keine Kinder in der Nähe sind. Dem Nachwuchs gegenüber zeige ich mich stets als vorbildliche Verkehrsteilnehmerin.

Zumindest bis gestern Mittag. Die Sonne blendete mich, als ich in der Nähe des Harburger Bahnhofs bei Rot schnell über eine Straße lief. „Rotgänger, Todgänger, Grüngänger leben länger“, erschallte ein mehrstimmiger Kinderchor hinter mir. Wie vom Schlag gerührt drehte ich mich um. Da standen vier etwa zehnjährige Schulmädchen am Straßenrand und drohten mir mit dem Finger. Mein Gott, die lieben Kleinen hatte ich ganz übersehen! „Entschuldigt“, stammelte ich verlegen. „Aber da habe ich wohl geschlafen. Kommt ja mal vor.“

„Sollte es aber nicht“, entgegnete das Größte von den Mädchen streng. „Erwachsene erzählen uns doch immer, wo es langgeht. Dann müssen sie aber auch Vorbilder sein.“ Wo Kinder recht haben, haben sie recht. Also schwor ich hoch und heilig, nie wieder bei Rot über die Straße zu gehen. Das versöhnte die jungen Damen offenbar, die sich mit einem freundlichen „Tschüs, und noch einen schönen Tag“, von mir verabschiedeten. Ich habe mir übrigens gelobt, dieses Versprechen niemals zu brechen. Großes Indianerehrenwort!

Diese Glosse erschien bereits im Hamburger Abendblatt
Foto: Michael_Luenen, Pixabay

„Schreib einfach!“

Schreiben kann erfüllen, befreien, berauschen und glücklich machen, aber sich auch als schwierige Angelegenheit entpuppen.  Wie fängt man an, über was und in welcher Form soll man schreiben, wie überwindet man Schreibblockaden? Maren Schönfeld möchte mit ihrem neuen Buch hierzu Hilfestellung leisten, aber nicht nur das.

Schreiben kann erfüllen, befreien, berauschen und glücklich machen, aber sich auch als schwierige Angelegenheit entpuppen.  Wie fängt man an, über was und in welcher Form soll man schreiben, wie überwindet man Schreibblockaden? Maren Schönfeld möchte mit ihrem neuen Buch hierzu Hilfestellung leisten, aber nicht nur das. Sowohl für Anfänger als auch für erfahrene Autoren hat sie zahlreiche Tipps und Übungen zusammengetragen, die unmittelbar in die Kreativität führen und dazu einladen, rund um das Thema Schreiben Neues zu entdecken und auszuprobieren. Das erste von insgesamt drei Kapiteln beinhaltet 32 Übungen, die als Schreibimpulse mit teils spielerischem, teils reflektorischem Charakter helfen sollen, in den Schreibprozess zu kommen. Dazu gibt es Anregungen, wie man im hektischen Alltag regelmäßige, kleine Auszeiten zum Schreiben finden kann.
Das zweite Kapitel enthält umfangreiche Anleitungen zum autobiografischen Schreiben, während es im letzten Kapitel um das Thema Lyrik geht. Hier werden unterschiedliche Gedichtformen aus der klassischen Poesie vorgestellt, wie Tanka, Haiku, Sonett, Fünfzeiler, Elfchen und Rondell, dazu Scherz- und Nonsenspoesie, wie Limerick, Leberreim und Klapphornvers. Beispiele zur konkreten Poesie, sowie verschiedene Schreibspiele und Hinweise zu weiterführender Literatur runden das Buch ab.
Wie in allen Disziplinen helfen auch beim Schreiben handwerkliche Kenntnisse enorm, sich besser ausdrücken und weiterentwickeln zu können. Diesbezüglich hat das Buch einen großen Fundus zu bieten. Die fast zwanzigjährige Erfahrung der Autorin als Schreibcoach und Dozentin in der Erwachsenenbildung sind das große Plus des Buches. Die Tipps sind praxisnah und haben sich im Rahmen langjähriger Schreibkurse bei einer großen Teilnehmerzahl bewährt. Der einfühlsame und motivierende Schreibstil macht das Werk zum großen Lesevergnügen.
Fazit: Das Buch wird seinem Titel vollends gerecht und ist sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene Autoren ein äußerst nützlicher Begleiter, den man immer wieder zur Hand nehmen kann. Eine klare Kaufempfehlung!

 

Taschenbuch : 112 Seiten
ISBN-10 : 3947911432
ISBN-13 : 978-3947911431
Abmessungen : 11.5 x 0.9 x 18.4 cm
Herausgeber : Verlag Expeditionen

Ein Leben für die Kunst: Unser Mitglied László Kova wird achtzig

Laut Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler. Über diese Aussage kann man durchaus geteilter Meinung sein. Er selbst, das Enfant terrible der internationalen Kunstszene, war zeitlebens umstritten. Während manche ihn für ein Genie hielten, war er für andere ein Scharlatan, der mit seinen ausgefallenen Ideen die Welt beeindrucken und gleichzeitig abzocken wollte. Man denke nur an seinen berühmten Fettfilz, den eine übereifrige Putzfrau aus einer Gummiwanne mit einem Wisch entfernte, weil sie ihn für Schmutz hielt. Das betroffene Dortmunder Museum hatte innerhalb weniger Minuten ein epochales Kunstwerk im Werte von 800.000 Euro verloren. Ein Skandal, der die Presse im In- und Ausland über Wochen und Monate beschäftigte. Nicht wenige „Kunstbanausen“ amüsierten sich königlich über diesen Fauxpas, während manche der Frau im Arbeitskittel zu ihrer Courage gratulierten, diesen „Mist“ dahin entsorgt zu haben, wo er hingehört – in den Abfluss. Kunst kommt von Können, sagt der Volksmund, und wirkliches Können wollten viele dem Aktionskünstler und Provokateur nicht zubilligen.

Aber in medias res. Heute möchten wir einen Mann ehren, den wir als einen veritablen Künstler bezeichnen können und der mit seinem vielseitigen Werk

viele Kunstliebhaber anspricht. Ob großformatige Ölgemälde, filigrane Blütenträume in Acryl, mit leichter Hand hingeworfene Skizzen oder bronzene Skulpturen – László Kova ist in allen Sätteln der schönen Künste gerecht und versucht sich ständig an neuen Techniken. Doch nicht genug damit. Der Mann hat sich auch als Schriftsteller und Lyriker einen Namen gemacht. Das Herz sei für seine Poesie sehr wichtig, offenbarte Kova einem Journalisten des STERN während eines Interviews, denn – Originalton Kova – „wenn ich in schlaflosen Nächten vom Erlebten und Erfundenen überfallen werde, zwingt mich das unausweichlich zur Bewältigung, zur Verarbeitung, zum Schreiben. Da ergeht es mir ähnlich wie bei meinem Drang zur Malerei.“ Der 1940 in Budapest geborene Ungar erwies sich bereits in jungen Jahren als eine Art „enfant prodige“, das Gedichte und Geschichten schrieb und selbst illustrierte. Später studierte er auf Lehramt und promovierte zum Doktor der Volkswirtschaft. Sein Hauptanliegen aber war von jeher die Kunst, der er sich mit Leib und Seele verschrieb. 1974 kam László Kova als politischer Flüchtling nach Deutschland, wo er seine künstlerische Weiterbildung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Professor Günther Cordes pflegte. Als Journalist war Kova ebenfalls unterwegs. Er schrieb für verschiedene deutsche Zeitungen und betätigte sich nebenbei noch als Handballtrainer in der Bundesliga. Auch als Deutschlehrer war er erfolgreich. Dafür erhielt er von seiner internationalen Schülergemeinde einen vergoldeten Oscar mit der Inschrift „Dem besten Lehrer.“ Mehr geht nicht. Oder doch? Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der athletische Mann bis vor nicht allzu langer Zeit jährlich den Balaton (Plattensee) in ein einer sehr guten Zeit durchschwamm. Immerhin eine Stecke von 5,2 Kilometern. Und dies im Alter von fünfundsiebzig Jahren plus. Chapeau!

Es versteht sich von selbst, dass László Kova an seinem 80, Geburtstag am 14. November dieses Jahres eine Hommage gebührt. Diese findet in Form einer Ausstellung im Hotel New Living Home in Hamburg-Lokstedt statt. Hier wird eine kleine Auswahl von Kovas Bildern gezeigt. Mit von der Partie ist die Ehefrau des Künstlers Witka Kova, deren einzigartige Aquarelle hier ebenfalls präsent sind. Eine partnerschaftliche Gesamtschau vom Feinsten!

Werfen wir jetzt einen Blick auf die Werke des Künstlerehepaars Witka und László Kova, die leider dem Publikum wegen der Corona Pandemie zurzeit nicht zugänglich sind. Die Auswahl kann kontrastreicher kaum sein. Während László in erster Linie Motive aus nördlichen Regionen gewählt hat, kapriziert sich Witka mehr auf südliche Gefilde. Ihre in Venedig entstandenen Aquarelle machen den morbiden Charme der Serenissima fast körperlich erlebbar. Hier wird auch die dunkle Seite der Lagunenstadt beleuchtet mit ihren bröckelnden Fassaden, die sich in den dunklen Wassern der Kanäle spiegeln. Ausgeführt in jenem sensitiven Duktus, der dem Oeuvre Witka Kovas innewohnt. Auch die Szenen aus dem Hamburger Hafen mit ihren im Nebel liegenden Kränen und Docks tragen die unverkennbare Handschrift der Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet und gern mit verschiedenen Materialien experimentiert. Sie verarbeitet auch Seide und Seidenpapier in ihren Bildern. Traumhaft ist Witkas weiblicher Akt auf rotem Untergrund – gleichermaßen vom Eros und einer zerbrechlichen Unschuld beseelt. Witka wurde 1955 im polnischen Sensburg geboren und studierte als junge Frau Bauwesen. Diesem Studium verdankt sie ihr sicheres Gefühl für Proportionen und Perspektiven, die ihre Aquarelle unverwechselbar machen. Die Mutter zweier Kinder ist Mitglied der Aquarellwerkstatt Hamburg. Ihre Bilder wurden bereits in mehreren Kunstmagazinen veröffentlicht, darunter im Artmagazin Kunsthandel und im Lady-Tagebuchkalender des Münchener Heyneverlags. Zudem veranstalten sie und Ehemann László regelmäßig Mal- und Kunstkurse.

László Kova macht seinem Ruf „Werke voller Lebensfreude“ zu schaffen, alle Ehre. Die explodierenden Farben des Gemäldes „Rapsfeld am See“ lassen auf Anhieb gute Laune aufkommen. Man hat Lust, mitten durch das sonnengelbe Feld zu laufen und in die spiegelglatte Fläche des Sees einzutauchen. Von entspannter Lebensfreude zeugt das Selbstporträt auf einem Steg an der Außenalster, wo der Künstler sich zu einer Schaffenspause mit einem Buch niedergelassen hat. Auch der rote Felsen von Helgoland mit der Langen Anna sowie die Backsteinbauten in der Hafencity dürfen in Kovas vielschichtigem Werk nicht fehlen. Ein Kontrastprogramm zu diesen in kräftigen Farben gehaltenen Gemälden bilden die filigranen Blumen- und Blütenträume, die Kovas Meisterschaft für das Zarte und Vergängliche belegen. Lassen wir an dieser Stelle einen Experten zu Worte kommen: „Kovas Werke strahlen Entschlossenheit, Klarheit, Zuversicht und Optimismus aus. die von dem ungarischen Vollblutkünstler ausgeübte Maltechnik lässt deutlich eine empfindsame Besessenheit von Farbe und Form erkennen.“

Jeder, der die Jubiläumsausstellung besucht, verlässt mit einem Lächeln auf den Lippen das Foyer des Hotels. Und das ist doch schon etwas an diesen trüben Herbsttagen, die uns durch die vielen Einschränkungen unserer Freiheit nicht gerade versüßt werden. Ein Dankeschön geht an die beiden Künstler. An erster Stelle natürlich an den Jubilar, der heute 80 Jahre alt wird. Selbst wenn es etwas abgeschmackt klingen mag. so sagen wir doch nicht ohne Bewunderung: „Achtzig Jahre und kein bisschen müde.“ Herzlichen Glückwunsch, lieber László, bleibe gesund und erhalte Dir Deine schöpferische Kraft bis in das biblische Alter eines Methusalem.

In diesem Sinne…
Der Vorstand der Auswärtigen Presse
im Namen aller Mitglieder

 

Die Ausstellung im New Living Home, Julius-Vosseler-Straße 40 läuft noch bis Ende Dezember 2020. Eintritt frei.

Link zur Website der Künstler: http://www.edition-kova.de/

Ein Lyriker der besonderen Art

Das leichte, hintergründige Lächeln ist verglommen. Der rote Schal hängt am Garderobenhaken, die schwarze Baskenmütze baumelt darüber. Doch der Mann mit diesen äußerlichen Attributen ist gegangen.

Der Arzt und Autor, uns durch viele Auftritte bekannt, hat sich für immer verabschiedet – plötzlich, unerwartet. Wir trauern um Dr. med. Volker Maaßen, am 29. Mai 1943 in Breslau geboren, am 26. Oktober 2020 in Hamburg verstorben.

Dazwischen liegt ein reiches Leben als Arzt und Lyriker: Studium der Psychologie und Medizin in Kiel und Heidelberg. Tätigkeiten als Gynäkologe und Pathologe in Berlin, München und Hamburg. Siebzehnjahre Chefarzt der Frauenklinik in Hamburg-Harburg … Und schon bald startete er seine zweite Karriere, die als Autor launiger Geschichten und lyrisch-hintergründiger Gedichte:

„Wildgänse. Hans, die Wildgans/ war verliebt/ und kühlte/ seine Triebe/ mit Elfriede/ einem Schwan/ kurz bevor der Winter kam …“

Volker Maaßen gewann zahlreiche Gedichtwettbewerbe und wurde in mehreren Anthologien veröffentlicht. Darüber hinaus lässt sich sein besonderer Sarkasmus in seinen Bücher genießen. Und der Lyrikpapst Anton G. Leitner sagte einst. „Der Realpoet Volker Maaßen weiß mit den Mitteln der Satire ebenso sicher umzugehen wie mit den klassischen Elementen der Lyrik.“

Hören können wir Dich nun leider nicht mehr, lieber Volker. Gern wäre ich mit Dir noch einige Male in der Flussschifferkirche zu Hamburg mit Lesungen aufgetreten. Das ist vorbei. Schade!

Uns bleiben die schönen Erinnerungen und ein letzter, stiller Gruß Deiner Freundinnen und Freunde aus den literarischen Institutionen, in denen Du gewirkt hast: Die Gruppe 48 e. V. in Rösraht, die Hamburger Autorenvereinigung e.V., der Verband Schriftsteller in Schleswig-Holstein e.V.

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Wolf-Ulrich Cropp ist stv. Vorstandsvorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung e.V.

Foto: Maren Schönfeld

Depressionsschub in der Umkleidekabine

Ein schreckliches Erlebnis.  Aber so langsam erhole ich mich wieder von der grauenhaften Umkleidekabine. Foto: L. Hoffmann

Den meisten Frauen bringt es Spaß, ein neues Kleidungsstück zu kaufen. Es anzuprobieren würde auch Freude bereiten, wenn da nicht diese furchtbaren Umkleidekabinen wären.
Die Luxusvariante bietet reichlich Platz, einen Stuhl und mehr als nur einen Kleiderhaken. Im Allgemeinen sind die Kabinen aber sehr eng und für klaustrophobisch veranlagte Menschen der reinste Horror. Daran, dass der Vorhang fast immer zu kurz ist und deshalb auch andere Shopper die Umkleideaktion beobachten können, haben sich mittlerweile viele gewöhnt. Doch das eigentlich Schreckliche ist das Licht
Kaum hat man sich dort entkleidet, wo es nötig ist, erscheint im Spiegel eine fast unbekannte Person. Das grelle Neonlicht bringt nicht nur bläulich schimmernde Äderchen an Stellen hervor, von denen sich keiner vorstellen kann, dass dort welche verlaufen, sondern lässt die Kundin auch blass und fahl erscheinen. Fühlte man sich eben noch leicht und beschwingt, befällt einen nun eine akute Herbstdepression. Zudem scheinen einige Boutiquen und Kaufhäuser ihre Spiegel auf dem Jahrmarkt – Stichwort Glasirrgarten – erworben zu haben. Die Beine zu dünn, die Arme gewölbt und das Becken eigenartig verschoben – wenn Körper dermaßen verzerrt werden, kann auch die modernste Klamotte nicht vorteilhaft wirken.

Aus dem Lautsprecher dröhnt dazu ein Oldie von Ireen Sheer: „Heut kauf ich mir ein Sommerkleid und tu mir nicht mehr selber leid.“ Ein Kleid würde ich mir auch gern kaufen. Doch wo finde ich die optimale Umkleidekabine mit angenehmer Beleuchtung und freundlichem Spiegel, die das Anprobieren endlich zu einem wahren Erlebnis werden lässt?

                     Diese Glosse ist im Hamburger Abendblatt erschienen

Kultur und Psyche

Buchcover

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020

Buchvorstellung

Der englischsprachige Band umfasst gedankliche Aufbereitungen sowohl zur neueren amerikanischen Literaturgeschichte als auch zu kulturellen und klinischen Phänomenen, die der informierten Öffentlichkeit wohlbekannt sind. Deren Zusammenhänge werden Schritt für Schritt erschlossen. Beginnend mit Werken von Maria Cummins und William Faulkner, über J.D. Salinger und John Updike, hin zu John Barth und Don DeLillo, zeigt sich eine Entwicklung, die zuläuft auf die postmoderne Konfiguration der westlichen Welt zur Jahrtausendwende. Deren klinische Aspekte werden augenfällig in Bereichen von Beziehung und Sexualität oder finden im bulimischen Syndrom postmoderner Unverdaulichkeit ihren Ausdruck.

Subjektivitätsbildung in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen weist zum Epochenwechsel von Moderne zu Postmoderne, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt, hin auf eine Herauslösung des Ichs aus dem kulturellen Gefüge, „from a culture-based toward a psyche-based view of man“. Nur scheinbar gegenläufig verbleibt das auf einen Sockel gestellte Ich umso mehr unter dem Einfluss von Ökonomie und Verlust von Repräsentation, was zu neuen Formen existentiellen Unbehagens führt. Paradigmatisch wird diese Konstellation in DonDeLillos Roman White Noise, in dem die Referenzsysteme menschlichen Gelingens nahezu zusammenbrechen.

Weitere Themenbereiche des Bandes umfassen die Psychosomatik von Haut und Hormonen, des Beschneidungszeitpunkts im männlichen Entwicklungsverlauf, der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen kindlichen Entwicklung sowie der gesellschaftlichen Strukturen; dies  jeweils in Verbindung mit Aspekten von Ritual, Gedächtnis und Zeit. Der Band versteht sich als Hintergrundfolie zur Kulturhistorie von Körper, Psyche und Gesellschaft im  jüdisch-christlich-muslimischen Kulturraum, auf der zukünftige Konzeptionen entworfen werden können. Ein Anhang mit Auszügen aus Interviews in der spanisch- und deutschsprachigen yellow press zu Schwangerschaft, Geburt und kindlicher Entwicklung ergänzt den Band.

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020, 308 S., 53,90 Euro

„Snake in the Grass“ by Alan Ayckbourn. The New Play at the English Theatre of Hamburg

„Listen girls, I want 100.000 pounds – cash down.“

The good news of the day: The English Theatre is back after a long absence due to the corona pandemic. Rejoice dear aficionados of the TET! What’s more, we are presenting a new play by the most prolific of all living British play writers Alan Ayckbourn. This time the author has concocted a thriller spiced with loads of black humour and a number of shocking scenes that make your blood freeze in the veins.

“Snake in the Grass” is a very “twisty” play. Whenever you think you know who of the three women on the stage could be the scheming person, so to speak the snake lingering in the grass, you find out that you are entirely wrong. Ayckbourn is a master of twists. In this play one twist is followed by another one. By the way, do not be afraid of a real snake, an aggressive cobra or viper hiding in the lawn and trying to attack the ladies on the stage. Joke! It is merely an expression which describes “a treacherous deceitful person.” Just have a look into the Oxford English Dictionary.

The setting is idyllic. A run-down cottage, most probably in the outskirts of London, surrounded by a lush though neglected garden. There is an overgrown tennis court and an old well in front of the house. The sun is shining, the sky of the deepest blue imaginable. The home of the Chester family looks deserted. All of a sudden a woman appears on the scene. Anabel, Mr. Chester’s elder daughter, has just arrived from Australia, her home for the last thirty-five years. Being the heir of all the riches Mr. Chester has left, including cottage and garden, she has been called back to England. In spite of her heritage, the successful business woman from one of the big cities on the Fifth Continent looks quite unhappy. When Miriam, her younger sister, turns up and moans over her lost youth in her father’s “care” an old family conflict erupts. While Anabel still resents her father’s forcing her into an exhausting tennis training day after day over a couple of years, Miriam accuses the old man of abusing her during her childhood. Once she broke out and went to a disco he dragged her back home. The first impression of a perfect world proves entirely wrong. The play turns out to be a trip on a ghost train. But this is no means the end of the horror. The next intruder is on her way.

„Don’t be afraid, Anabel, it’s only a bird in the trees.“

Alice Moody, the former nurse of the deceased Mr. Chester, shocks the two sisters with her message that Miriam deliberately killed the old man by administering a deadly dose of his medicine to him. Her silence is worth the gigantic sum of 100.000 pounds. Is she trying to take revenge for having recently been sacked by Miriam? Alice makes it very clear: “If you do not pay me the 100.000 pounds, I’ll have to report to the police right away.” She even produces a letter by her former employer in which Mr. Chester claims that Miriam intended to kill him. Anabel and Miriam are under shock. They do not have that much money to silence Alice. Really, the best way to get rid of that greedy woman is to “neutralise” her. In both sisters’ opinion, this would be the most elegant way to solve the problem. Since it is not our intention to spoil your appetite for the rest of this thrilling play, we are stopping here and leave it to you to find out who in the end turns out to be the snake in the grass. Or are there several reptiles in the garden? Knowing the author and his tricks you can never be sure…

What a play! No wonder that the press reviews are full of praise. While The Sunday Times writes: “A creepily, scarily, eerily enjoyable evening”, “Plays International” comment: “Alan Ayckbourn feels the urge to make people jump.” We fully agree.

„Sorry, Miriam. You really had a bad time with father.“

“Snake in Grass” is Alan Ayckbourn’s masterpiece combining thrilling and humorous elements in a remarkably balanced way. There are mysterious things going on in the backyard, the twitter of a bird hidden in the leaves of a big tree calling a name, and a chair on the porch rocking to and fro. There is also “gaslighting” in the air. What’s more: Alice the nurse is back from the dead, dirty from head to toe, but alive and in high spirits. What the hell is going on in Mr. Chester’s garden? The last act is shocking and will paralyse you with sheer horror. Don’t ask us why. Our lips are sealed. Just buy a ticket and enjoy the thrill while sitting comfortably in the theatre.

Thumbs up for three superb actrices: Debbie Radcliffe as ladylike Anabel, Jan Hirst playing a self conscious Miriam and Joanne Hidon in the role of scheming Alice Moody who is speaking a Yorkshire accent so thick that you could cut it with a knife. Hilarious!
Many thanks to Robert Rumpf who directed the play.

Last but not least a few words about Alan Ayckbourn. He was born in London in 1939 and has been writing and directing for the theatre for over 60 years. Being an extremely prolific author he has written a good many comedies which have become box office successes all over the world. Just think of comedies such as “Relatively Speaking,” Season’s Greetings” and “Communicating Doors,” to mention only three of Ackbourn’s highly amusing plays.

Final performance of “Snake in the Grass” on October 31, 2020

Tickets under phone number 040 – 227 70 89, or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “Shirley Valentine” by Willy Russell on November 12, 2020

Attention: Due to the corona pandemic, you are requested to wear a mask covering your mouth and nose during your stay in the theatre.

(Photos: Stefan Kock)

„Snake in the Grass“ von Alan Ayckbourn – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

„Hört gut zu, Mädels. Ich will 100.000 Pfund. Sofort!“

Die gute Botschaft vorab: Das English Theatre hat gerade wieder seine Pforten geöffnet, und dies mit einem Stück, das so recht nach dem Herzen all jener sein dürfte, die das Theater regelmäßig besuchen. Mit „Snake in the Grass“ – Die Schlange im Gras – setzt der berühmte britische Autor Alan Ayckbourn seine erfolgreiche Serie von Theaterstücken fort, die seit langem auf vielen Bühnen der Welt vor einem begeisterten Publikum gespielt werden. Neu ist, dass sich der Schreiber tiefgründiger Komödien diesmal an einem anderen Genre versucht, dem Thriller, der reichlich mit dem für Ayckbourn typischen schwarzen Humor gewürzt ist. Aber in medias res. Vorhang auf für „Snake in the Grass.“

Über dem üppig blühenden Garten vor dem Haus der Familie Chester wölbt sich ein azurblauer Himmel. Eine Postkartenidylle. Dennoch liegt etwas Unheimliches, fast Bedrohliches in der Luft. Als nacheinander drei Frauen die Bühne betreten, verstärkt sich der Eindruck, dass hier etwas „im Busch“ ist. Anabel und Miriam, die beiden Töchter des erst kürzlich verstorbenen Mr. Chester, geraten im Handumdrehen in eine heftige Auseinandersetzung mit Alice Moody, einer Krankenschwester, die den alten Herrn lange gepflegt hatte und nach eigenen Worten grundlos von Miriam entlassen wurde. Der Streit eskaliert, als Alice behauptet, Miriam habe ihren Vater heimtückisch mit einer Überdosis seiner Medizin ermordet. Es gibt sogar einen Brief des alten Mannes an die Pflegerin, aus dem die Tötungsabsicht seiner jüngeren Tochter hervorgeht. Ist Miriam eine skrupellose Mörderin oder lügt Alice? Will sie sich für die aus ihrer Sicht unberechtigte Kündigung rächen? Der scheinbar friedliche Garten verwandelt sich unter den Augen des Zuschauers im Handumdrehen in eine Schlangengrube, in der drei Vipern in Menschengestalt ihr Unwesen treiben. Doch gemach, es ist ja nur von einer Schlange die Rede, die sich im Gras versteckt. Welche von den Dreien mag das wohl sein, lautet die Frage. Ist es die verhuschte Miriam, ihre ältere gestrenge Schwester Anabel oder gar die ungebildete Alice, die dreist ein Schweigegeld von – man höre und staune – 100.000 Pfund erpressen will? Bei Nichtzahlung droht sie, Miriam wegen Mordes an ihrem Vater bei der Polizei anzuzeigen. Woher soviel Geld nehmen und nicht stehlen! Das Beste wird sein, sich dieser unangenehmen Person zu entledigen. Aber wie? Um dem Publikum nicht die Spannung an diesem wendungsreichen Stück zu nehmen, überspringen wir diesen Punkt und wenden uns dem corpus delicti des Plots zu, dem toten Mr. Chester.

„Keine Angst, Anabel, es ist nur ein Vogel in den Bäumen.“

Es stellt sich heraus, dass dieser Mann seinen Töchtern kein guter Vater war. Nach dem Tode der Mutter der beiden führte er ein unerbittliches Regime und quälte beide Mädchen bis aufs Blut. Anabel wurde mit täglichen Tennisstunden auf dem kleinen Parcours hinter dem Haus drangsaliert, während ihre Schwester Demütigungen und ständige Bevormundungen ertragen musste. In uns keimt ein böser Gedanke auf: Hatte dieser Widerling nicht den Tod mehr als verdient? Aber zurück zur Handlung. Während Anabel erklärt, warum sie vor nunmehr 35 Jahren nach Australien auswanderte, klagt Miriam, dass sie ganz allein mit diesem Unhold von Vater in England zurückbleiben musste. Jetzt, da der Alte tot ist, könnte Anabel, die Erbin des väterlichen Vermögens, das Haus verkaufen und mit Miriam dorthin ziehen, wo beide an ihre schreckliche Kindheit nicht mehr erinnert werden. Der Plan scheint aufzugehen, denn die Erpresserin Alice ist wie vom Erdboden verschluckt und nirgendwo auffindbar. Alles scheint paletti, und die beiden Schwestern Chester können sich zufrieden zurücklehnen. Wer das denkt, kennt Alan Ayckbourn, den Meister der Tricks, Irrungen und Wirrungen schlecht. Denn ab jetzt dreht sich das Karussell der Ereignisse immer schneller. Aus dem Dunkel des Gartens dringen unheimliche Laute. Wurde da nicht ein Name geflüstert. „Keine Angst, Anabel“, beruhigt Miriam ihre Schwester, „das war nur ein Nachtvogel in einem der großen Bäume.“ Mag sein. Aber wer bedient jene Kanone, die den Platz mit Dutzenden gelber Tennisbälle flutet? Diese und ähnliche mysteriöse Vorfälle sind zuviel für Anabels schwaches Herz. Die bricht auf einer der Gartenbänke zusammen. Ist sie tot oder simuliert sie nur? Wie Kai aus der Kiste springt die tot geglaubte Alice quicklebendig mitten hinein ins Geschehen. Zwar mit rußgeschwärztem Gesicht, aber einem spöttischen Lächeln auf den Lippen. Sie scheint sich sicher zu sein, dass das Haus der Chesters nun ihr gehört und reißt die Haustür mit einem Schwung auf… Miriam lächelt indes versonnen in sich hinein und öffnet ihren Mantel, unter dem ein Glitzerkleid hervorlugt. Es hat den Anschein, als wolle sie den von ihrem Vater streng verbotenen Discobesuch nun endlich nachholen. Doch das Lächeln gefriert auf ihrem Gesicht, als sie sieht, dass Mr. Chesters Schaukelstuhl vor dem Haus sich auf einmal rhythmisch hin und her bewegt. Ist der Alte von den Toten wieder auferstanden, ist er gar nicht tot oder treibt er jetzt als böser Geist sein Unwesen? Wir verabschieden uns mit einem leicht abgewandelten Zitat von Bertold Brecht: „Und damit ziehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen…“

„Es tut mir leid, Miriam, die Zeit mit Vater muss schlimm gewesen sein.“

So endet der von Alan Ayckbourn raffiniert in Szene gesetzte Thriller. Ja, wer ist denn nun die Schlange, welche den Autor zu seinem Titel inspirierte? Wir, die das Privileg besaßen, zur Premiere geladen zu werden, verraten natürlich nichts. Unsere Lippen bleiben versiegelt. Lieber Fan des English Theatre, beeile Dich mit dem Kauf eines Tickets, damit Du die Auflösung dieses diabolischen Rätsels selbst erleben kannst. Zurzeit können coronabedingt nicht alle Plätze des Theaters besetzt werden. Dennoch ist der Genuss am Stück mindestens ebenso groß wie in einem voll besetzten Haus.

Die Rezensentin hat diesen Krimi über die Maßen genossen, zumal die spannende Handlung mit vielen humorvollen Ingredienzien gewürzt ist. Wohl dosiert und dadurch besonders effektvoll. Als ehemalige Florettfechterin hat sie die eingebauten Finten des Autors goutiert: Wenn du denkst, der Gegner sticht frontal zu, trifft er dich in der Flanke. Wer da nicht aufpasst, verliert im Kampfsport nur Punkte. In früheren Zeiten konnte eine Sekunde Unaufmerksamkeit den Fechter allerdings das Leben kosten.

Last but not least: Alle Daumen hoch für das fantastische Trio auf den Brettern des English Theatre.: Debbie Radcliffe als damenhafte Anabel, Jan Hirst in der Rolle der verhuschten Miriam und Joanne Hildon als Alice, das hinreißende „blonde Gift“ mit Yorkshire Zungenschlag. Regie: Altmeister Robert Rumpf.

Ganz zum Schluss noch ein paar Takte über Alan Ayckbourn, den vielleicht „fruchtbarsten“ lebenden britischen Stückeschreiber. 1939 in London geboren, blickt er auf über sechzig Jahre Theaterpraxis zurück, als Autor und Spielleiter gleichermaßen. Also eine echte „Rampensau“, wie man dermaßen verdiente Künstler im etwas hemdsärmeligen Theaterjargon zu nennen pflegt. Eigentlich gilt dies nur für die Akteure auf der Bühne. Doch Alan Ayckbourn verleihen wir diesen Titel aufgrund seiner Verdienste um die Bretter, die die Welt bedeuten. Erinnern wir uns doch an die größten Erfolge des Mannes mit dem verschmitzten Lächeln: „Relatively Speaking“, „A Small Family Business“, „Communicating Doors“ und „Season’s Greetings“ zählen zu seinen erfolgreichsten Stücken, die es auf viele Bühnen der Welt geschafft haben. Auch auf deutsche. Hoffen wir, dass uns der Autor noch recht lange erhalten bleibt, um uns mit weiteren witzig-ironischen Stücken zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

 

„Snake in the Grass“ läuft bis einschließlich 31. Oktober 2020

Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Shirley Valentine“ von Willy Russell am 12. November 2020

Hinweis: Leider müssen sich die Besucher des TET auf Weisung der Regierung während ihres Aufenthaltes im Theater maskieren. Dem Kunstgenuss tut diese Einschränkung keinerlei Abbruch.

(Fotos: Stefan Kock)

Willkommen zurück: Die Viermastbark PEKING

Der Viermaster PEKING vor der Elbphilharmonie

„Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn,
to my hoodah, to my hoodah!
De Masten so scheef as den Schipper sien Been.
to my hoodah, hooda, ho!
Blow, boys, blow for Californio …“

So schallte es von den Planken der CAP SAN DIEGO herüber und über Elbe und Hafen. An den Ufern, an Kaimauern, an der Überseebrücke drängten sich viele Tausend Schaulustige.

Was war los an diesem Nachmittag des 7. September 2020?

Der Großsegler im Fontänenvorhang

Na, das war doch nicht zu übersehen! Zwei Schlepper bugsierten einen Großsegler in den Hamburger Hafen. Nicht irgendein Segelschiff. Es war die PEKING. Der Stolz von einstmals neun Flying P-Linern der Reederei F. Laeisz. Nach ihrer Reise um die halbe Welt ist die PEKING nach 88 Jahren zurück nach Hamburg gekommen. Dorthin, wo sie 1911 auf der Werft Blohm + Voss vom Stapel gelaufen war.

Dazwischen liegt bewegende Seegeschichte: 1914 wurde der Frachtensegler in Chile an die Kette gelegt. 1918 kam er nach London. Dann, 1921 nach Italien und wurde schließlich 1923 von Laeisz wieder erworben, um auf der Hamburg – Chile – Route hauptsächlich Salpeter zu befördern. Salpeter, der der Stadt mit dem Reeder wirtschaftlichen Aufschwung bereitete.

Gebührender Empfang

Also Grund genug, den Veermaster, die einst so bedeutende und seinerzeit schnellste Bark PEKING gebührend zu empfangen!Barkassen, Jachten, ein Pulk von Traditionsschiffen, wie die SCHAARHÖRN oder TOLKIN und viele andere mehr, begleiteten die Attraktion in den Hafen. Auf der MS HAMBURG waren wir dabei. Und an den Ufern  staunten die Enthusiasten. Mathias Kahl, Vorsitzender des Vereins „Freunde der Viermastbark PEKING e. V.“ hatte die Begleitfahrt organisiert und mit anderen Hamburgern für das Tall Ship gekämpft. Es lag nämlich rund 20 Jahre als Museumsschiff in New York am East River, gleich neben der Brooklyn Bridge, wo es wegen Geldmangel allmählich verfiel. Nach langjährigen und zähen Verhandlungen wurde die PEKING vor der Verschrottung gerettet, dann per Dockschiff 2017 zur Peters Werft verbracht, wo sie in  Wewelsfleth an der Stör von Grund auf liebevoll und detailgetreu restauriert wurde. Ein finanzieller und technischer Kraftakt, der drei Jahre dauerte.

Gemälde von Angelika Kahl

„Hat ‚nen Haufen Geld gekostet“, meinte Kapitän i. R., Heinz Hinrichsen, „aber, verdammt noch mal, der Aufwand hat sich gelohnt. Die PEKING wird ein weiteres Wahrzeichen der Hansestadt!“
Mathias Kahl blickte versonnen hinüber zum Viermaster: „Es ist ein großes emotionales Gefühl, das Schiff wieder in Hamburg zu haben!“ Für ihn ist die Rückkehr besonders eindrucksvoll, weil sein Vater Ende der 1920er Jahre auf der PEKING zur See fuhr.

Kap Hoorn – Ruhe vor dem Sturm

Laut dröhnten die Typhone, Schiffshupen, zum Empfang. Löschschiffe schossen Wasserfontänen in den Himmel. Die Sonne lugte jetzt aus Haufenwolken – und durch Regenbogen und Wasservorhängen schob sich die PEKING ihrem Liegeplatz entgegen. Nicht nur Wasserratten, Teernacken und Salzbuckel wurden da von ganz starken Gefühlen übermannt. Nun mal ehrlich, mir ging es auch so. Vierunddreißig mal hatte der Großsegler Kap Hoorn umrundet. Wie es unten vor der Südspitze Südamerikas zu geht, kann nur jemand beurteilen, der „Kap Hoorn rund“ jäh gemacht hat. Ich hatte das „Vergnügen“ 1997 auf dem Dreimast-Vollschiff  KHERSONES die Hoorn zu umrunden – ein bleibendes Erlebnis!

„Tscha,“ sagte der alte Kaptain und schob die Mütze aus der Stirn, „dieser P-Liner war schon was Besonderes: Unter vollem Zeug brachte er es auf 17 Knoten, also 31 Kilometer pro Stunde, damit war er schneller als die damaligen Dampfschiffe von denen sich keines um die Hoorn wagte. Die Länge der PEKING über alles beträgt 115 Meter, die Breite 14,40 Meter, ihr Tiefgang ist 7,24 Meter. Sie besaß 34 Segel mit einer Fläche von 4100 Quadratmetern. Die Masthöhe über Kiel bringt 62 Meter. Vier Kilometer stehendes Gut, das sind die Stahlseile, befinden sich auf dem Schiff. Die Baukosten betrugen 680 000 Goldmark, umgerechnet wären das 3,8 Millionen Euro. Und befahren wurde der Großsegler mit 31 Mann und 43 Offiziersanwärtern.“

„Und wie ging’s mit der PEKING in den 1930er Jahren weiter?“ wollte ich wissen.

„Sie wurde 1932 nach England verkauft, wo sie mit dem Namen ARETHUSA als stationäres Schulschiff für Kadetten vor Anker ging. 1997 verhökerte man sie, wieder als PEKING an die USA. Wo sie dann in New York regelrecht vergammelte. – Kein Wunder, die Amis hatten keine Beziehung zu dem Schiff. Nie hatte die PEKING den Hafen angelaufen.“

Nun zogen wir im mords Geschwader am Michel vorbei und stießen vor die Elphie, deren Fassade in der Sonne wie geputztes Silber glänzte.

„Von den einst neun Flying P-Linern gibt’s nur noch vier“, erklärte Hinrichsen,“ die PASSAT als Museumsschiff in Travemünde, die POMMERN auf Aland in Finnland, und die PADUA. Mit dem Namen KRUZENSHTERN pflügt die PADUA noch als einzige unter Segeln den blauen Acker. Und zwar als russisches Schulschiff.“

„Die PAMIR ist ja im Orkan 1957 in einem Hurrikan, der südwestlich der Azoren tobte, gesunken,“ ergänzte ich.

„Genau. – Und die PEKING wird nun in den Hansahafen, an den Bremer Kai verholt. Besucher können sie ab Sommer 2021 besichtigen. Ihren endgültigen Liegeplatz im Hafenbecken des Kleinen Grasbrook bekommt sie erst später, wo sie dann auch der „Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) offiziell übergeben wird.“

„Wird die Bark jemals wieder in See stechen?“

„Nee, nee, das ist vorbei. Zwar fehlen ihr nur die Segel und die Gordinge. Schon könnte sie auf Fahrt gehen. Doch der Aufwand wäre immens, die Sicherheitsbestimmungen extrem hoch und irre teuer. Schade, aber so ist das man mit all den ollen, schönen Pötten!“

Die PEKING wurde gerade weiter in Richtung Hansahafen geschleppt, nur noch ihre gewaltig hohen Masten waren zu sehen. Die Begrüßungshörner verstummten, Wasserfontänen erloschen und vom Capstan Shanty „De Hamborger Veermaster“ war nichts mehr zu hören. Durchdrungen von melancholischen Gefühlen aus der Zeit der großen Windjammer verließen wir unser Begleitschiff MS HAMBURG in der Gewissheit, Hamburg hat sie wieder, die PEKING.