Congratulations!

Dorian, listen to me closely. / Dorian, höre mir gut zu.

In 2026 the English Theatre of Hamburg celebrates its 50th anniversary. Congratiulations and many happy returns! No doubt during the last fifty years the ETH has become an integral part of Hamburg’s cultural scene. This year’s season opens with the adaption of Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Gray.“ Dear spectator you will greatly enjoy this wonderful performance directed by Paul Glaser.

Portrait of a dandy

We meet young and beautiful Dorian Gray, offspring of a wealthy English family, in the elegant house of Lord Henry Wotton. He has his portrait made by a famous artist named Basil Hallward. During his sittings he is introduced to Lord Henry Wotton, an immoral aristocrat who is fascinated by Dorian’s good looks. Soon Lord Henry becomes Dorian’s mentor who convinces his new friend that beauty is the most important thing in life overshadowing old-fashioned bourgeois morals. Without thinking twice Dorian follows his cynic friend’s advice to abandon young and innocent Sybil Vane, a pretty but poor actress to whom he had promised marriage. Her suicide does not impress Dorian at all. Instead of mourning her death he travels abroad and seeks pleasure on the Continent.

We are having fun. / Wir haben Spaß.

On Dorian’s return to London Basil Hallward presents his portrait to his model. The painter is very proud of his work that shows Dorian in the prime of his youth. Dorian no doubt is a flawless beauty. Lord Henry Wotton’s influence on Dorian has meanwhile become toxic. Dorian is beguiled by his own attractiveness and his greatest wish is to stay forever young and beautiful. Old age shall never ruin his good looks. Instead the picture shall age for him.

 

A wish is granted

As time goes by Dorian’s friends age and lose their attractiveness, whereas he himself stays as young and beautiful as ever. Only his portrait which he hides in the attic of his house discloses his amoral life that is filled with nights in London’s opium dens and relationships with criminals and prostitutes. He even commits murder in cold blood. When Basil Hallward, the creator of Dorian’s portrait, dares a glimpse at his masterpiece, he is deeply shocked by the sight of it. Dorian does not hesitate a moment to stab him to death.

The final move

Don’t panic. I’m holding you tight. / Keine Panik. Ich halte dich fest.

One day Dorian takes all his courage to look at his portrait. He is horrified by what he sees. In a frantic mood he tries to cut the picture to pieces. But the picture – his alter ego – hits back and kills him instead. When the servants hear his screams and hurry up the stairs they find an old extremely ugly man with wrinkles in his face. They only identify him as their master by the rings on his hands. But the portrait stands undamaged and shows Dorian Gray in his flawless beauty, such as a great artist of his time had once painted him.

Thanks to Paul Glaser and four outstanding actors this complex story could be packed into a two-hour performance. It is a pity that Oscar Wilde himself could not attend. He would have greatly enjoyed Joshua Campbell-Hart as Dorian Gray since his appearance and acting technique fit the part to perfection. The other three actors change in no time from one part to the next. Jess Saunders is to be seen in eight roles, be it pretty innocent Sybil Vane, snobbish Lady Agatha or simple Mrs. Leaf. She further jumps from high-brow aristocrat English to thick Cockney slang and even masters a broad Yorkshire accent. No less perfect in their parts: William Osbeldiston-Hawkes as sensitive Basil Hallward and Ben Kenzie in the role of Lord Henry Wotton, the cynic immoral dandy. Thank you all very much for this wonderful evening.

Dance macabre

A few words about the author

Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde was born on October 16. 1854, in Dublin. The very gifted writer and playwright started a great carreer in England. His wit and talent made him quickly the darling of London
Society. He once mocked his British colleagues by claiming that Englsh literature owned its fame to Irish poets like him and a couple of compatriots. He certainly referred to Jonathan Swift, among others. By the way, George Bernhard Shaw expressed the same opinion years later. However, this was not the reason why British Society sent him to prison for two years. Homosexuality and his intimacy with the offspring of a noble family finally broke his neck. Oscar Wilde, the „fallen angel“, died in his exile in Paris in 1900 at the age of 46 – alone and penniless.

Last performane of „The Picture of Dorian Gray“ on October 31, 2026. Tickets under phone number 040-227 70 89 or online unter www.englishtheatre.de

Next premiere: „Deathtrap“ by Ira Levin on November 20, 2026

Photos: Stefan Kock

Herzlichen Glückwunsch zum fünfzigjährigen Bestehen!

Dorian, listen to me closely. / Dorian, höre mir gut zu.

In diesem Jahr feiert das English Theatre of Hamburg (kurz ETH) ein halbes Jahrhundert Erfolgsgeschichte. Gegründet 1976, wurde das Theater an der Mundsburg sehr schnell zu einem kulturellen Anziehungspunkt in der Hansestadt. Hamburg ist, wie jeder weiß, die britischste Stadt auf dem Kontinent. Es wird behauptet, dass die Hanseaten den Regenschirm aufspannen, wenn sich an Londons Himmel die ersten grauen Wolken abzeichnen. Dichtung oder Wahrheit? Auf jeden Fall ein Narrativ mit realem Hintergrund. Langer Rede kurzer Sinn: Vor nunmehr fünfzig Jahren wurde endlich eine Lücke geschlossen, die den Hanseaten die Chance eröffnete, ihr Englisch auf hohem Niveau zu halten oder gar zu verbessern.

Als Auftakt zur neuen Theatersaison offeriert das ETH seinem Publikum ein viktorianisches „Gothic“, das auf Oscar Wildes‘ einzigem Roman basiert. Vorhang auf für „The Picture of Dorian Gray!“

Noch stimmiger kann man dieses Opus Magnum aus der Feder des gebürtigen Iren Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde nicht auf die Bühne bringen. Die Inszenierung trägt den unverwechselbaren Duktus Paul Glasers. Chapeau.

Die bürgerlichen Moralgesetze gelten nicht für jeden

We are having fun. / Wir haben Spaß.

Lord Henry Wotton, ein ebenso eleganter wie zynischer Aristokrat, wird während eines Besuchs bei dem Porträtmaler Basil Hallward mit dem beeindruckenden Gemälde eines schönen jungen Mannes namens Dorian Gray konfrontiert. Dorians Charme und Grazie faszinieren den Künstler, der alsbald Gefühle für ihn empfindet, die in der seinerzeitigen sittenstrengen Gesellschaft als anstößig galten. Währenddessen beginnt Lord Henry den jungen Dorian mit seinen hedonistischen Ansichten zu beeinflussen. Schönheit, so argumentiert er, sei viel wichtiger als Moral und Tugend. Nach kurzer Zeit erliegt Dorian dem süßen Gift seines „Mentors“ und lässt sich von ihm zu immer größeren Lastern verführen. Dorians erstes Opfer ist die junge unschuldige Schauspielerin Sybild Vane, die er zwar anfänglich bewundert und auf Händen trägt, um sie später umso brutaler fallen zu lassen. Als Sybil ob seiner Grausamkeit Selbstmord begeht und Dorian erste Anzeichen eines schlechten Gewissens zeigt, redet Lord Henry ihm ein, er habe Sybil völlig zu Recht den Laufpass gegeben.

Sybils Bruder James, ein Seemann, der in Australien sein Glück versuchen will, schwört blutige Rache, erntet jedoch nur Hohn und Spott vonDorian und Lord Henry, dem Dorian auf seinem Weg in den Untergang immer höriger wird.

Das Bildnis wird vollendet

In der Zwischenzeit hat Basil Hallward sein Meisterwerk vollendet. Die Veränderung im Wesen seines Modells bleibt seiner sensiblen Künstlerseele nicht verborgen. Deshalb empfiehlt er Dorian, zu Lord Henry Wotton auf Distanz zu gehen. Doch der junge Mann hat sich die Philosophie seines älteren Freundes längst zu eigen gemacht. Er hat nur noch ein Ziel – den Erhalt seiner äußeren Anziehungskraft. Ähnlich wie Faust schließt er einen Pakt mit Mephisto. Statt seiner soll das Bildnis altern und die Spuren der Zeit und seines lasterhaften Lebens tragen, während er immer jung und begehrenswert bleibt. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, denn selbst der Umgang mit Prostituierten und Verbrechern sowie regelmäßige Besuche in den Opiumhöhlen Londons können seiner Schönheit nichts anhaben.

Das Porträt als Zeuge des moralischen Verfalls

Als Dorian nach geraumer Zeit einen Blick auf das in einen Abstellraum des Hauses verbannte Gemälde wirft, ist er zutiefst schockiert. Ihm starrt ein von Laster und Ausschweifungen entstelltes Gesicht – eine Grimasse seiner selbst – aus goldenem Rahmen entgegen. Basil Hallward verschafft sich Zutritt zu Dorians Haus, wirft einen Blick auf sein Werk, erstarrt vor Schreck und versucht zu fliehen. Doch Dorian ersticht den Mitwisser seiner Verbrechen. Diesem Mord folgt ein weiterer. Denn auch James Vane, der Bruder der verschmähten Sybil, wird erdolcht. Nun erkennt auch Dorian seinen Irrweg. In seiner Verzweiflung zerfetzt er sein Porträt mit dem Messer.

Don’t panic. I’m holding you tight. / Keine Panik. Ich halte dich fest.

Das Gemälde hat inzwischen eine zynische Eigendynamik entwickelt und tötet Dorian. Als die Dienstboten auf einen gellenden Schrei herbeieilen, finden sie einen alten von Runzeln und Schrunden entstellten Mann, den sie nur mühsam als ihren Herrn erkennen. Das Bildnis aber ist unversehrt und zeigt einen jungen schönen Dorian Gray, so wie ihn der Maler Basil Hallward einst schuf.

…und die Moral von der Geschicht‘: „Böse Taten lohnen sich nicht.“

Der Sündenfall

Der große Schriftsteller Oscar Wilde schuf eine Reihe brillanter Komödien Märchen und Geschichten. Aber nur einen Roman.

In „Das Bildnis des Dorian Gray“ persifliert Wilde die dekadente britische High Society des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren erkorener Liebling er war. Wilde äußert sich sarkastisch über deren Jahrmarkt der Eitelkeiten und jene Spiegelfechtereien endloser inhaltsloser Diskussionen. Doch auch ihn traf das Schicksal vieler, die hoch aufsteigen und wenig später als verglühte Kometen enden. Der von der Hocharistokratie Britanniens gefeierte Autor fiel tief. Als seine homosexuelle Beziehung zu einem jungen Adligen publik wurde, verurteilte eine selbstgerechte Gesellschaft ihn wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zwangsarbeit, die letztlich zu seinem frühen Tod führten. Mit nur sechsundvierzig Jahren starb Oscar Wilde völlig mittellos und vereinsamt im Pariser Exil.

Dance macabre

Diese neue Inszenierung macht dem English Theatre alle Ehre. Sie ist ein großer Wurf. Ein opulentes Dekor in Salons und Bibliotheken, gestützt von Video-Projektionen, führt mitten hinein in das London des ausgehenden viktorianischen Zeitalters. Vor dem geistigen Auge des Zuschauers entsteht das Bild der Hauptstadt mit seinem an manchen Tagen undurchdringlichen Nebel – seinerzeit auch pea soup genannt. Rauchschwaden wabern über der Bühne und verstärken die unheimliche Atmosphäre. Das Trappeln von Pferdehufen auf dem holperigen Straßenpflaster verhallt in der Ferne. Es ist das London Jack the Rippers, der seinerzeit sein blutiges Handwerk im vornehmlich von Prostituierten, Zuhältern und weiteren düsteren Gestalten bewohnten Stadtteil Whitehall trieb. Im Stück erleben wir zwei Szenarien der pulsierenden britischen Metropole – auf der einen Seite das elegante London der oberen Zehntausend und auf der anderen die verkommenen Viertel der Metropole mit ihren Elendsquartieren und Opiumhöhlen. In diesem Universum tummelt sich ein Ensemble handverlesener Schauspieler. Vier Mimen stellen das gesamte Spektrum dieses facettenreichen Stückes dar. Jess Saunders glänzt gleich in acht Rollen. Sie verkörpert u. a, die verletzliche Sybil Vane ebenso souverän wie die hochnäsige Lady Agatha oder die schlichte Mrs. Leaf. Dabei wechselt sie nahtlos vom hochgestochenen Oxford-English in die Niederungen des Cockney Slangs. Lob gebührt auch Ben Kenzie, der nicht nur den hedonistischen Lord Henry Wotton, sondern mehrere weitere Rollen übernimmt. Gleiches gilt für William Osbeldiston-Hawkes, der den sympathischen Basil Hallward spielt und mühelos in weitere Rollen schlüpft. Bleibt noch der Hauptdarsteller des Stückes, der den anspruchsvollen Part des Dorian Gray übernommen hat. Joshua Campbell-Hart kann ohne Schmeichelei als dessen Idealbesetzung bezeichnet werden. Dieser attraktive junge Mime verkörpert den innerlich zutiefst zerrissenen Dorian Gray mit einer unter die Haut gehenden Intensität.

Ganz großes Theater, so spannend inszeniert, dass man während der Vorstellung eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören können. Und dies bei einem voll besetzten Theatersaal. Der Dank geht an alle Darsteller, die Technik und natürlich an Regisseur Paul Glaser.

„The Picture of Dorian Gray“ läuft bis einschließlich 31. Oktober 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040- 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Deathtrap“ von Ira Levin am 20. November 2026

Fotos: Stefan Kock, ETH

Alaska revisited – Wiederbegegnung mit einem eiskalten Land

Was zieht einen Menschen, der in den klimatisch gemäßigten Zonen unseres Planeten aufgewachsen ist, in eine arktische Wüste? Und dies zum wiederholten Mal. Die Antwort, lieber Leser, findest du zwischen den zwei Buchdeckeln des 195 Seiten starken Romans „Rückkehr nach Alaska“ des Bestseller-Autors Wolf Cropp.

Cropp, jener Tausendsassa, der die ganze Welt von Nord nach Süd erkundet und seine Eindrücke akribisch in zahlreichen Büchern niedergeschrieben hat, ist fasziniert von Alaska. Der Name leitet sich vom aleutischen Alaxsxaq ab und bedeutet so viel wie „das große Land.“ Ein passender Name für eine Gesamtfläche von stolzen 1.717.854 Quadratkilometern, die den 49. Staat der USA zum flächenmäßig größten Bundesstaat der USA machen. Damit ist er fast fünf Mal so groß wie Deutschland.

Das Abenteuer beginnt bereits im Kopf

Gut vorbereitet beginnt Wolf Cropp seine Reise durch Amerikas „icebox.“ Ein Foto zeigt ihn auf dem Cover seines Buches zünftig verpackt mit tief in die Stirn gezogener Pelzmütze. So will er der Polarkälte trotzen.

Bevor Cropp sich in die eis- und schneebedeckten Weiten des Landes begibt, wärmt er sich in einem Saloon bei einem Alaska-Cocktail auf, einem Trank aus Gin und Chartreuse, und vergnügt sich mit einem Mann namens Mike am Billardtisch. Hier lebt man mit der Natur, nicht gegen sie, erläutert der Mann, der mit Bären und Elchen und vielerlei Gefahren auf freier Wildbahn vertraut ist. „Wer das nicht begreift, ist verloren.“ Ein weiser Mann, der die Überlebensstrategie in diesem Teil der Welt in wenigen Worten zusammenfasst.

Wolf Cropp

„Rückkehr nach Alaska“ beinhaltet siebzehn akribisch strukturierte, spannende Kapitel, die den Leser an den Erlebnissen des Autors hautnah teilhaben lassen. Eindrucksvoll ist die Beschreibung der Inseln im Sturm. Der „Magie der Aleuten“, dem Phänomen einer vulkanischen Gasexplosion kann er sich nicht entziehen: „Ein Feuerbogen durchzieht die Kette der Alaska-Halbinsel und der Aleuten“, schreibt er, „Vulkane aufgereiht wie an einer endlosen Perlenschnur, die erst nahe Russlands enden.“

„On Tour“ ist ein weiteres spannendes Kapitel in welchem Cropp sich per Snowmobil, nur mit einem Indigenen und Schlittenhunden aufs Eis begibt. Ein lautes „Hike, Hike“ des „Mushers“ (Hundeschlittenlenker) feuert die Huskys an, während der Schlitten durch Tiefschnee rauscht. Cropp punktet bei den Einheimischen, die dem „Stadtonkel“ so viel Courage gar nicht zugetraut hätten.

Die nächste Herausforderung ist der Transalaska-Highway – 1400 Kilometer entlang der Pipeline und auf keiner Karte zu finden. Zivilisation ade! Hier lockt eine unberührte Natur, in der sich Elche, Bären, Wölfe und Karibus (Rentiere) gute Nacht sagen. In dieser Wildnis lacht das Herz des Abenteurers, der sich wie ein Trapper und Pionier in einer traumhaften Landschaft fühlt, während er an kristallklaren Flüssen und Seen vorbeizieht und die eisig frische Luft genüsslich einatmet.

Mitten hinein ins eiskalte Abenteuer

Mit dem Autor erkunden wir das Geheimnis der Alaska Range (wird nicht verraten; selber lesen auf Seite 141), bewegen uns in Richtung Fort Yukon und landen schließlich in Sitka, laut Aussage von Kennern, „die schönste Stadt Alaskas.“ In der Tat, eine Hafenstadt wie aus dem Bilderbuch, die vom Fischfang und Tourismus lebt. Zumal ein Ort, der einst von dem kriegerischen Indianerstamm der Tlingit besiedelt war, der sich tapfer gegen Eindringlinge wehrte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Siedler frech wurden und die anfänglichen Streitereien in kriegerische Handlungen ausarteten. C’est la vie…

Schon mal was von Kodiak gehört? Nicht zu verwechseln mit Kodak. Wer kann schon ein Unwort wie qiq’rtag artikulieren, das auf aleutisch schlicht Insel heißt? Gleichwohl, hier sollen die Kodiak-Bären leben, wunderschöne, aber hoch gefährliche Raubtiere – Zoologen unter der Bezeichnung ursus arctus middendorffi geläufig. Man sagt, sie erreichten, auf den Hinterbeinen stehend, eine Größe von bis zu vier Metern. Dichtung oder Wahrheit? Hinfahren und selber nachmessen. Vielleicht führt ja die Polarkälte zu gelegentlichen Halluzinationen.

Auf nach Juneau, die Hauptstadt Alaskas, die ihren Namen dem Goldgräber Joe Juneau verdankt, der sich mit seinem Kumpel Richard Harris Anfang des 20. Jahrhunderts hier niederließ. Inzwischen hat sich der einstige Goldgräberort in eine moderne Metropole mit allen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts verwandelt. Ein Naturbursche wie Wolf Cropp kann mit einer weit über ihre Grenzen hinausgewachsenen Stadt wenig anfangen. Zuviel Trubel, zu viel Schickimicki. Alles Ursprüngliche wurde dem Fortschritt geopfert. Und von der einst grandiosen Naturszene ist fast nichts mehr übrig geblieben. Zwanzig Kilometer von der heutigen Boomtown befindet sich der Mendenhall-Gletscher, der den Verlust der malerischen Szenerie ein wenig kompensiert. Immerhin.

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Gretchens Klage aus Goethes Faust hat auch heute noch Gültigkeit. Am Chilkoot-Pass wird wie eh und je Gold geschürft. Auch Jack London folgte einst dem Lockruf des Goldes bis nach Klondike. Das Edelmetall aus den Flüssen machte ihn nicht reich. Wohl aber die hier gesammelten Erfahrungen, die ihn zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Generation werden ließen.

Was kostet ein eigener Claim?

Wer schon einmal den Fuß ins Goldland gesetzt hat, sollte auch einen Claim besitzen. Auch Wolf Cropp erliegt der Versuchung und lässt bei eisiger Kälte die Waschpfanne kreisen auf der Suche nach Nuggets, wie winzig auch immer. Ein Erdrutsch beendet das goldene Abenteuer. Das war’s also. Der Claim ist weg und mit ihm mehrere hundert Dollar. Wie ein begossener Pudel steht er da in seiner triefenden Kleidung. Als Trost gönnt Freund Jim ihm einen Nugget aus seinem eigenen Fund als Erinnerung an diesen gemeinsamen Ausflug in die Welt der Goldschürfer.

Fazit: Gold macht nicht glücklich, die gesammelte Erfahrung umso reicher.

Was bleibt

So endet ein grandioser mit Herzblut geschriebener (Abenteuer)Roman, verfasst von einem Autor, der stets auf der Suche nach dem Ursprünglichen auf unserem Planeten war und immer noch ist. Hier in Alaska „am Ende der Welt“ ist er fündig und reich belohnt worden.

Wolf Cropp besitzt das Talent, seine Leser hautnah an seinen Exkursen und gewagten Experimenten teilhaben zu lassen. Seine Sprache ist klar und immer verständlich, selbst wenn er von seltsamen Sitten und Gebräuchen berichtet, die das Verständnis Uneingeweihter überfordern könnten. Auch vor wenig appetitlichen Beschreibungen scheut er nicht zurück. Da ist zum Beispiel die Einladung zu einem „Festessen,“ das aus tranigem Walfleisch und einer Art Blutsuppe besteht. Der Rezensentin wurde beim Lesen leicht übel. Da kamen Erinnerungen an die tägliche Portion Dorschlebertran aus Kindertagen hoch. Und von dem gab es gottlob nur einen Löffel.

Es ist ein Verdienst dieses Buches, dass der Autor neben seinen vielen Aktivitäten immer wieder auf die Geschichte Alaskas mit Jahreszahlen und einschneidenden Vorkommnissen hinweist. Auch die verschiedenen Volksstämme und die indigenen Sprachen werden eingehend beleuchtet.

Alles in allem ein lesenswertes Buch, angereichert mit herrlichen Naturbeschreibungen, das einen tiefen Einblick in eine Welt gewährt, die für die meisten von uns terra incognita ist und wohl auch bleiben wird. Mallorca ist halt wärmer und hat zudem noch einen „Ballermann“, den man im Eis der Arktis wohl immer vergeblich suchen wird. Gott sei Dank!

(C) Omnino Verlag

„Rückkehr nach Alaska“ von Wolf Cropp, 195 Seiten, erschienen im Omnino Verlag. Berlin, zum Preis von Euro 16, ISBN 978-3-95894-389-6 (Print)

Fotos in diesem Artikel: privat/Wolf-Ulrich Cropp

 

279 Werke in 11 Ausstellungen: Triennale der Photographie Hamburg

© Hanna Malzahn

Im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg werden in elf Museen und Ausstellungshäusern 279 fotografisch künstlerische Arbeiten präsentiert. Der Titel des internationalen Fotofestivals lautet:

„Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ und trägt die Botschaft in sich, „The greatest thing you’ll ever learn is just to love and be loved in return.“ Die wichtigste Sache, die du je lernen wirst, ist einfach zu lieben und wieder geliebt zu werden. Das ist eine Zeile aus dem Song Nature Boy von Eden Ahbez, interpretiert von Nat King Cole 1948, einer der Lieblingssongs des britischen Kurators und Autors, Mark Sealy, dem künstlerischen Leiter dieser 9. Phototriennale. Es geht um die Anerkennung des Anderen und um die Überbrückung sozialer und kultureller Unterschiede, „um Raum der gegenseitigen Umarmung, der Fürsorge und des Respekts“ (Mark Sealy).

Die fotografisch dokumentarische Kraft der Bilder von Franki Raffles, gezeigt im Museum der Arbeit, rückt das Nachdenken über Gerechtigkeit, Verantwortung und Menschlichkeit gegenüber Frauen in diesem Sinne in den Fokus.

Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Work

Die englische Fotografin Franki Raffles (1955-1994) widmete sich nach ihrem Studium der Philosophie an der University of St. Andrews der sozialdokumentarischen Fotografie. Dort engagierte sie sich in der Frauenbewegung und bestritt in den 1980er Jahren ihren Lebensunterhalt als freiberufliche Fotografin. Ihre Arbeiten bestehen aus 40.000 Bildern, sie dokumentieren Szenen aus den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Frauen in Schottland, Osteuropa und Asien. Zehn Bildserien weisen auf soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten hin, unterstützen den Kampf gegen männliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, beschäftigen sich mit Themen wie Flucht und Migration und richten die Aufmerksamkeit auf Menschen mit Behinderungen. Die frühen Arbeiten geben tiefe Einblicke in den Arbeitsalltag von Frauen in der Landwirtschaft, der Fischverarbeitung, in der Schuhfabrikation, in der Textilverarbeitung und Wäscherei, im Handwerk und in der industriellen Produktion. Aber auch Bilder von der Ausübung frauenuntypischer Berufe finden ihren Platz, so die Fotografien einer Zugführerin und einer Schweißerin.

9. Triennale der Photographie Hamburg 2026: Franki Raffles, Activism and Protest, Pensioners protesting, Edinburgh. 1987-88 © Franki Raffles Estate

In zahlreichen Projekten und Arbeitsaufträgen von gemeinnützigen und kommunalen Organisationen geht es der Künstlerin um Rollenzuweisungen und hierarchische Strukturen in Betrieben und Institutionen. Viele Arbeiten beschäftigen sich mit den Lebensumständen der meisten Frauen über die Erwerbsarbeit hinaus. Franki Raffles fotografierte nicht nur, sie interviewte die arbeitenden Frauen an ihren Arbeitsplätzen in Hotels, Fabriken, Büros, Krankenhäusern und Läden. Sie porträtierte Frauen in Frauenhäusern und sprach mit Rentnerinnen. Franki Raffles besuchte verschiedene Nachbarschaften und Wohnsiedlungen in Schottland. Die Bezahlbarkeit der Mieten, der Zustand der Wohnungen, Feuchtigkeit, Überbelegung, Sicherheit, eher nicht vorhandene Kinderbetreuung sowie die schwierige Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit waren die Anliegen der Mieterinnen und Mieter. Die Gespräche bestätigten ihre feministischen und marxistischen Überzeugungen. Ihre Arbeit, die Dokumentation der Arbeitsbedingungen von Frauen, wurde zu einem Aufruf, Rollenzuweisungen zu reflektieren, gesellschaftliche Polarisierungen zu hinterfragen und zu einem Appell zur globalen Solidarität. Franki Raffles war eine Aktivistin mit der Kamera, so sah und verstand sie sich auch selbst.

Sie reiste 1989 in die damalige Sowjetunion, um auszuloten, wie sich die politische Ideologie des Kommunismus auf die soziale und gesellschaftliche Lebensqualität von Frauen auswirkte. Gleichermaßen arbeitete sie in China, Simbabwe, in der Karibik, Israel und Palästina. In einem unvollendeten Buchprojekt, dem frühen Tod der Künstlerin geschuldet, kommen sowjetisch-jüdische Migrantinnen, die nach der Auflösung der USSR nach Israel ausgewandert sind, zu Wort. Die direkten Zitate auf Texttafeln über ihre persönlichen Erfahrungen sind sehr berührend. Sie zeugen von zerstörten Hoffnungen und großen Enttäuschungen. Sie erzählen von Machtlosigkeit, Altersdiskriminierung, Heimweh, Fremdheit, Einsamkeit und Schmerz sowie Identitätskrisen als Jüdinnen, als Russinnen und als Frauen.

9. Triennale der Photographie Hamburg 2026: Franki Raffles, Soviet Women, State farm workers, USSR. 1989 © Franki Raffles Estate

Überall auf der Welt, über alle Grenzen hinweg, unabhängig von politischen Systemen und geografischen Entfernungen geht es im Werk der Fotokünstlerin Franki Raffles um die ökonomische Abhängigkeit und soziale Benachteiligung von Frauen. Neben den zehn Bildserien zeigt das Museum der Arbeit in dieser erstmals in Deutschland gezeigten Einzelausstellung umfangreiches Archivmaterial, ein Film mit Interviews sowie Pressereaktionen zur Kampagne „Zero Tolerance“ von 1992.

Die Arbeiten von Franki Raffles sind hochaktuell. Ihre Fragestellungen und Forderungen, ihr Appell an feministische Solidarität, an Verantwortung und Menschlichkeit haben nach wie vor eine große Relevanz.

Die 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 läuft noch bis zum 22. September 2026.

Die Ausstellung „Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Work“ läuft noch bis zum 6. September im Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg.

Wilhelm Reich und Otto Rank – Zwei Pioniere der Psychosomatik

Institut für pränatale Psychologie und Medizin, Heidelberg

Institut für pränatale Psychologie und Medizin, HeidelbergAn Instituten für ganzheitliche Medizin, in Heilpraktikerschulen und komplementärmedizinischen Einrichtungen gibt es heutzutage oft noch einen Wilhelm-Reich-Seminarraum. An psychoanalytisch orientierten Instituten für Psychotherapie und Psychosomatik ist dies seltener der Fall, wenn auch dort Körper und Psyche meist in ihren Zusammenhängen gesehen werden. Und auch wenn die Bedeutung der frühen Kindheit bis zurück in die Schwangerschaft mittlerweile nahezu zum Allgemeinwissen gehört, ist der Name Otto Rank zwar vielen Therapeuten und Therapeutinnen bekannt, in der interessierten Öffentlichkeit aber viel weniger als der von Wilhelm Reich.

Historie

Sowohl Reich (1897-1957) als auch Rank (1884-1939) waren Psychoanalytiker; Rank war zudem lange Jahre engster Mitarbeiter von Sigmund Freud (1856-1939). Dieser, obwohl gelernter Neurologe, stand dem Geisteswissenschaftler Rank näher als dem Arzt Reich, nicht nur aufgrund des geringeren Altersunterschieds. Freud brach letztlich mit beiden Kollegen, wobei Reichs politisches Engagement einerseits dem bürgerlichen Habitus Freuds nicht entsprach, Ranks Fokus auf Geburtsthemen andererseits ebenso dessen kühlen Kopf verschreckte. Doch haben beide, neben Freud selbst, enormen Einfluss auf die heutige Psychosomatik gehabt.

Was sind nun die zentralen Gedanken und Beobachtungen dieser Pioniere? Man kann dies mit dem Begriff der Ganzheitlichkeit beschreiben, die Körper und Seele eng zusammendenkt. Ganzheitlichkeit zeigt eine gewisse Nähe zur anthropologischen Medizin, die heute zum Teil noch im universitätsmedizinischen Fach der Psychosomatik beheimatet ist. In ihr kann für das Verstehen von Symptomatik einerseits das Unbewusste in Anspruch genommen werden, andererseits kann Symptomatik auch als direkter Ausdruck körperlich-seelischer Konflikte konzipiert werden. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung.

Wilhelm Reich

Wilhelm Reich, Foto Ludwig Gutmann, Public domain, via Wikimedia Commons

Dieser hielt zeitlebens an Freuds sogenannter erster Angsttheorie fest, dass seelische Konflikte aus dem Inneren, dem Somatischen kommen – ein Ansatz, den auch Freud selbst nie ganz aufgegeben hat. Dieser auch als Libidotheorie bekannte Ansatz geht vom Trieb und dessen libidinöser Energie aus, die im Rahmen einer Libidostauung als Überschuss an Energie Symptome unterschiedlichster Art ausbilden kann. Störung heißt bei Reich immer Aktualneurose: es entsteht eine Art Panzerung, die sowohl körperlich als auch psychisch in Erscheinung treten kann. Die darauf aufbauende Charakteranalyse [1] stellt heute noch die Grundlage für fast jede Typologie von Persönlichkeit dar.

 

Otto Rank

Otto Rank. By Becker & Maass / Marie Boehm*

Bei ihm spielt die Geburtlichkeit des Menschen die Hauptrolle, nämlich dass der Geburtsvorgang an sich traumatischen Charakter für den werdenden Menschen hat [2]. Zudem kommen vorgeburtliche Prägungen ins Spiel; Kerngedanke jedoch bleibt die Unfertigkeit des Menschen und der geburtliche Milieuwechsel vom Uterus hin zur Außenwelt. Enormen Einfluss hatte Rank auf die humanistische Psychologie von Carl Rogers, aber auch auf die Gestalttherapie, die der Psychiater Fritz Perls – als Schüler von Wilhelm Reich – entwickelte. Auch die sogenannte Terminsetzung als anvisiertes Ende der Therapie stammt von Rank; sie ist heute noch Standard, um eine gewisse Dynamik in den Therapieprozess zu bringen und diesen nicht unendlich werden zu lassen. Die Ähnlichkeit von Therapieprozess und Geburtsprozess hat später der tschechisch-amerikanische Psychiater Stanislav Grof mit seiner in den USA noch heute sehr bekannten Geburtsmatrix ausgearbeitet [3].

Sanfte Geburt

Der französische Arzt Michel Odent, Schüler von Frédérick Leboyer und wie dieser Pionier der sanften Geburt, der sich nicht nur auf Rank, sondern auch auf Reich bezieht und ebensoviel Forschung zu Sexualität und Libido vorgelegt hat, hat zuletzt ausführlich die Problematik der Kaiserschnittgeburt bearbeitet [4]. Wegweisend war die Richtung zur sanften Geburt auch durch die Wiener Geburtshelferin Marina Marcovich [5]. Die ‚Methode Marcovich‘, die Frühgeborene behutsam ins Leben begleitet, wurde in den 1990er Jahren noch heftig bekämpft – selbst „Der Spiegel“ berichtete darüber [6]. Sie ist heute Standard an Universitätskliniken weltweit. Nur wenige prominente Mediziner wie Otwin Linderkamp, Wulf Schiefenhövel oder etwa Freuds Enkel, Ernest Freud, wagten damals für sie Stellung zu beziehen und manchmal gar ihre Karrieren aufs Spiel zu setzen. Hieran kann man erkennen, dass was heute noch leichtfertig als esoterisch abgestempelt wird, morgen schon allgemeiner Standard sein kann. So hat dazu die pränatale Psychologie mittlerweile viele Forschungsbefunde vorgelegt, und auch die neuronale Vernetzung in der allerfrühesten Lebenszeit wurde eindrücklich beschrieben [7, 8, 9]. Zudem hat sich gezeigt, dass dem Träumen in Schwangerschaft und Stillzeit eine erhebliche Bedeutung zukommen kann, eine Thematik, die bislang kaum beachtet wurde [10].

Beziehungen

Wo bei Rank also die vorgeburtliche Totalität zu einem partialen Leben wird und damit die Beziehungssuche vorprogrammiert ist, ist dies unabänderlich und zudem mit Stress verbunden. Es ist eine Art Vertreibung aus dem Paradies, obwohl das vorgeburtliche Leben im Uterus nicht so paradiesisch ist, wie man es sich vielleicht vorstellen möchte. Ranks Meisterwerk „Das Trauma der Geburt“, das vorletztes Jahr 100-jähriges Jubiläum feierte, erschließt diese Zusammenhänge tiefenpsychologisch sehr profund [11]. Die gute Nachricht ist zudem, dass man auf manche psychische Störungen auch körperlich guten Zugriff hat, z.B. durch strukturierte Entspannungsverfahren [12]. Körperliches Leben heißt aber nicht monadisches Leben, nicht Inselexistenz. Entscheidend ist, dass der oder die Einzelne sozusagen nicht ohne die Anderen existiert: ein Kind existiert nicht ohne Mutter, so wie ein Kellner nicht ohne Gast existieren kann und eine Schülerin nicht ohne Lehrerin – und umgekehrt. Alles findet in Beziehung statt; der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seiner Sphären-Trilogie ähnliche Befunde vorgelegt [13, 14]. Das heißt letztlich, Interaktion wird gesucht und muss gesucht werden. Dies wiederum hatte auch Reich erkannt, aber stärker über den Körper konzipiert.

Kultureller Hintergrund

Sowohl Reich als auch Rank kamen aus dem österreich-ungarischen Gebiet mit dessen geographisch-kulturell höchst vielfältigen Einflüssen. Diese haben einen gemeinsamen Nenner, der noch heute besteht: Beziehung und Bezogenheit, etwas, das sich aus der menschlichen Unvollständigkeit ableitet. Reich beschreibt dies eindrücklich in seinem Buch „Leidenschaft der Jugend“ [15]. Beziehung ist alles, und in jenem geographischen Gebiet ist besonders leicht zu bemerken, dass menschliche Motive immer in Beziehungen interpretiert werden, und zwar konkret-körperlich. Unter dieser existentiellen Ebene liegt sozusagen die Essenz: der Körper und der von ihm ausgehende Eros. Damit folgt man sozusagen Reichs Konzept, der in der Geschlechterbeziehung den Urgrund allen Menschseins findet, der letztlich auf eine komplementäre Beziehung zusteuert. Dazu hat auch Stanislav Grof im Bereich der LSD-Forschung Bahnbrechendes geleistet, über das heute kaum mehr gesprochen, nun allerdings im wissenschaftlichen Rahmen wieder neu diskutiert wird [16].    Dabei war experimentell zu beobachten, dass auch homosexuell lebende Männer libidinöse Energie in weiblichen Genitalien entdeckten [17, 18], etwas, das Auskunft über die polare Beziehungsdimension geben konnte, die Reich so ausführlich aufzeichnete. Reich hat zudem mit den in den 1960er Jahren stark rezipierten Schriften enormen Einfluss auf die leiblich-seelische Wahrnehmung in der Gesellschaft gehabt, so auch mit dem Konzept von Vor- und Endlust [19, 20]. Ranks Konzept des Partialen wiederum ist in der Beziehungsdimension als Vervollständigung des Unfertigen enthalten; Beziehungsvermeidung hingegen, und deren Ersetzung durch Medien oder virtuelle Welten, führt in die mögliche Destruktivität des Menschen [21, 22]. Die heutigen Befunde der Medienwelten der westlichen Industrieländer zu Beziehung und Bindung [23] können daher nichts weniger als alarmierend eingestuft werden.

Psychosomatische Anthropologie: Körper, Sinne, Triebe 

Was Sloterdijk ‚Philosophische Anthropologie‘ nennt und z.B. mit den Namen Plessner und Gehlen einhergeht, ist psychosomatische Anthropologie im Sinne eines verkörperten leiblich-seelischen Zusammenspiels. Seine Ideengeschichte der Nähe-Faszination und der Perspektivenwechsel zu einem ‚Wo sind wir‘, um das ‚Wer sind wir‘ zu erweitern, weist eine kulturwissenschaftlich-psychohistorische Dimension auf [24], die auch Eingang in die medizinisch-psychologische Lehre finden konnte [25, 26].

Körper, Sinne und Triebe, etwas das sich für viele westeuropäische Vorstellungen wieder fast fremdartig anfühlt und nun vermehrt über Gesetze geregelt werden soll, werden heute noch in Österreich, Ungarn und weiter südlichen Ländern nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Privileg menschlichen Lebens empfunden. Damit wird der körperlosen Existenz im virtuellen Raum, die leicht in die  entsprechenden Störungen mündet [27], der Boden entzogen; ‚echte‘ Beziehung und ‚echte‘ Körper gewinnen dabei ihre Berechtigung zurück.

Hierzu wird in vielen süd-europäischen Großstädten geforscht; in Budapest ist z.B. die ungarische Gesellschaft für pränatale Psychologie und Medizin ein Nabelpunkt der psychosomatischen Gemeinschaft, ähnlich wie auch das renommierte Belgrader Institut für Sprachstörungen und Phonetik psychische und Entwicklungsstörungen in (vor-)geburtlichen und frühkindlichen Zusammenhängen untersucht. Wenn Ganzheitlichkeit nämlich auch Beziehung bedeutet, ist diese ohne Körper, Sinne und Triebe nicht denkbar. Dem innewohnend ist auch die Auffassung, dass der Mensch keine Maschine, sondern eher ein Künstler seines Lebens ist, sein muss [28]. Sowohl Reich als auch Rank haben bedeutsame Konzepte hierzu entwickelt. Die manchmal schwierige Lektüre dieser Autoren ist lohnenswert. Wer Kunst und Literatur schätzt, kann sich jedoch auch über ältere Romane der Thematik nähern. Ein Autor wie Honoré de Balzac, der den Menschen in Gesellschaft und Alltag des 19. Jahrhunderts großartig zeichnet [29], erlaubt uns ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge der menschlichen Entwicklung auszubilden; und für das 20. Jahrhundert geradezu paradigmatisch ist Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften”, von dem manche kulturwissenschaftlichen Aspekte von Lilith Jappe und Ludwig Janus vorzüglich herausgearbeitet wurden [30, 31]. Die Dimension menschlicher Geburtlichkeit kann im Sinne einer psychosomatischen Anthropologie zudem ganz konkret in Praxis und Alltag umgesetzt werden; Konzepte und Evaluationen liegen hierzu vor, mit optimistisch stimmenden Ergebnissen [32, 33].

Freud und andere Psychoanalytiker: (von links nach rechts, sitzend) Freud, Sándor Ferenczi und Hanns Sachs; (stehend) Otto Rank, Karl Abraham, Max Eitingon und Ernest Jones.
By Becker & Maass / Marie Boehm – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs divisionunder the digital ID cph.3c19779.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing., Public Domain, Link

Für nähere Informationen zur Thematik:

Institut für Pränatale Psychologie und Medizin (IPPM) – Friedhofweg 8 – 69118 Heidelberg – Leitungsgremium: Ludwig Janus, Dr. med. – Götz Egloff, Mag. – Thomas Müller-Staffelstein, Dipl.-Psych. – Axel Bischoff, Dr. (Sekretariat) www.praenatalpsychologie.de

Für Fachlektüre zur Geburtlichkeit im Rahmen von Psyche und heutigen gesellschaftlichen Bedingungen sind kostenfrei zu empfehlen:

Janus L (2024) Die psychologische Dimension von Schwangerschaft und Geburt. gyn – Praktische Gynäkologie 29(2):115-129.  Download unter: www.researchgate.net/profile/Ludwig-Janus

Janus L (2025) Die Psychodynamik des mütterlichen Über-Ichs. Y – Zschr atopisches Denken 5(8):1-17.  Download unter: https://www.y-zeitschrift.de/essays/215-janus-2025-08

Egloff G (2025) Vertrauen, Bilder, symbolische Ordnung in der Postmoderne. Deutsches Ärzteblatt PP 24(7):313-315.  Download unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychodynamische-psychotherapie-vertrauen-bilder-symbolische-ordnung-in-der-postmoderne-0d5210db-1704-49cb-abbb-d08ce3d3630f

  

Texthinweise

[1] Reich W (1933) Charakteranalyse. K&W, 1989.

[2] Rank O (1924) Das Trauma der Geburt. Psychosozial, 2007.

[3] Grof S (2021) Topographie des Unbewussten. 13. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart.

[4] Odent M (2014) Generation Kaiserschnitt. Kösel, Freiburg.

[5] Marcovich M (1995) Vom sanften Umgang mit Frühgeborenen. Neue Wege in der Neonatologie.

Int J Prenatal Perinatal Psychol Med 7(1): 57-71.

[6] Kampf der Mechaniker. Der Spiegel 1994; 17:222-224.

[7] Janus L (2018) Homo foetalis et sapiens. Mattes, Heidelberg.

[8] Schindler S (1998) Pränatale Psychologie als wissenschaftlicher Dialog. Int J Prenatal Perinatal Psychol Med 10(4):521-536.

[9] Egloff G, Janus L, Djordjevic D, Linderkamp O (2021) Psychosomatically oriented obstetrics and perinatal medicine. Eur Gynecol Obstetr 3(2):60-62.

[10] Barrasch E (1999) Geburt und Traum. ganzheitlich heilen 4(1):18-20.

[11] Egloff G, Janus L (2024) 100 Jahre ´Das Trauma der Geburt´. Pressemitteilung des Instituts für Pränatale Psychologie und Medizin Heidelberg (IPPM) zur Tagung „Otto Rank (1884-1939): 100 Jahre ´Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse´“, Heidelberg, 23.11.2024. www.dap-hamburg.de, Okt. 2024.

[12] Schirmohammadi A, Egloff G (2017) Entspannungstechniken in der Psychotherapie. AKOM Angew Komplementärmed 2(6):60-63.

[13] Sloterdijk P (2004) Sphären I-III. Suhrkamp, Frankfurt.

[14] Sloterdijk P (2008) Negative Gynäkologie und transindividuelle Immunität. In: Janus L, Evertz K (Hg.) Kunst als kulturelles Bewusstsein geburtlicher und vorgeburtlicher Erfahrungen. Mattes, Heidelberg, 35-48.

[15] Reich W (1922) Leidenschaft der Jugend. K&W, 1994.

[16] Bosch OG, Seifritz E (2022) Renaissance eines Sorgenkindes – Psychedelika in der Depressionsbehandlung. J Neurol Neurochir Psychiatr 23(1):16-25.

[17] Grof S (2009) LSD – Doorway to the Numinous. Park Street Publ., Rochester.

[18] Egloff G, Djordjevic D (2020) Pre- and postnatal psychosomatics in the social context. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.) Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 141-198.

[19] Reich W (1923) Zur Trieb-Energetik. In: Frühe Schriften 1920-1925. K&W, 1997, 153-167.

[20] Egloff G (2026) The best age to circumcise from a psychosomatic point of view. In: Columbus N (ed.) Advances in Psychology Research. Vol.162. Nova Science, New York, 101-122.

[21] Streeck-Fischer A (2004) Adoleszenz – Bindung – Destruktivität. Klett-Cotta, Stuttgart.

[22] Egloff G (2024) ´Der Tod kommt zweimal´ – Wie Brian De Palma die Hyperrealität vorwegnahm. www.dap-hamburg.de, Feb. 2024.

[23] Seiffge-Krenke I (2022) Partnerbeziehungen bei jungen Erwachsenen: Flucht vor der Intimität? Psychotherapeut 67(4):320-329.

[24] Sloterdijk P (1999) Zur Ideengeschichte Nähe-Faszination. Vortrag, 13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für psychohistorische Forschung (DGPF), Frankfurt, 26.3.1999.

[25] Janus L (2023) Die Erweiterung der Wahrnehmung in der Moderne. In: Reiss H, Janus L, Kurth W (Hg.) Identität in der Moderne – die Bilderwelt der Medien und der kollektiven Selbstbilder. Mattes, Heidelberg, 13-42.

[26] Evertz K (2014) Philosophische Aspekte der pränatalen Zeit am Beispiel Peter Sloterdijks. In: Evertz K, Janus L, Linder R (Hg.) Lehrbuch der pränatalen Psychologie. Mattes, Heidelberg, 636-641.

[27] Egloff G (2024) Leere statt Libido – Sexuelle Störungen im digitalen Raum. Freie Psychotherapie 24(4):28-31.

[28] Rank O (1932) Kunst und Künstler. Psychosozial, 2000.

[29] Britten U (2024) Balzacs Blick – Die Geburt des modernen Individuums und seiner psychischen Verfasstheit. Königshausen & Neumann, Würzburg.

[30] Janus L (2024) Zur Selbstkonstitution in der Moderne. Die Gestaltung der Mentalitäts-transformation im 20. Jahrhundert in Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften”. In: Boelderl AR, Neymeyr B (Hg.) Robert Musil im Spannungsfeld zwischen Psychologie und Phänomenologie. deGruyter, Berlin/Boston, 151-170.

[31] Jappe L (2024) Selbstliebe und Seele. Das andere Erleben in Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften” mit Blick auf Geburt und vorgeburtliche Welt. In: Boelderl AR, Neymeyr B (Hg.) Robert Musil im Spannungsfeld zwischen Psychologie und Phänomenologie. deGruyter, Berlin/Boston, 171-190.

[32] Linder R (2023) Ebenen der Wahrnehmung und Behandlung in der Schwangerenvorsorge. In: Reiss H, Janus L, Kurth W (Hg.) Identität in der Moderne – die Bilderwelt der Medien und der kollektiven Selbstbilder. Mattes, Heidelberg,175-191.

[33] Metz G, Hoover T, Gavris D, Olson DM, Vinturache A, Linder R (2022) The Pforzheim Study: Psychotherapy Mitigates the Impact of Transgenerational Maternal Stress and Reduces Adverse Pregnancy Outcomes. Conference Presentation, Developmental Origins of Health and Disease (DOHaD) World Congress, Vancouver, 27.-31.8.2022.

Auszüge aus diesem Beitrag sind im Deutschen Ärzteblatt PP 25(3):123-124 erschienen.

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GUT GEMACHT!

So lautet der Titel der IV. Biennale Angewandter Kunst der ADK (Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg)

Stimmt! Dem kann man nur zustimmen. Die facettenreiche Ausstellung, die Tradition und Moderne gekonnt verbindet, ist in der Alten Fabrik des Museums der Arbeit  zu sehen. Der Untertitel „Das Beste aus 70 Jahren AdK“ weist auf eine Jubiläumsausstellung hin – und Isabelle Hofmann, die 1. Vorsitzende der AdK und Kuratorin der Präsentation bringt es auf den Punkt: „Seit 70 Jahren steht die AdK Hamburg für ‚Klasse statt Masse‘! Zwischen Nachhaltigkeit, Tradition und neuer Technologie behauptet sich die Angewandte Kunst als sichtbarer Gegenentwurf zum Wegwerfprodukt – damals wie heute gilt: GUT GEMACHT!“

Der große Raum gliedert sich optisch in zwei Bereiche: Im zentralen Säulengang ist die historische Handwerkskunst platziert, an den umlaufenden Wände positioniert sich die angewandte Kunst der Gegenwart.

Der Kunsthistoriker Professor Dr. Rüdiger Joppien hat ca. 40 Kunstwerke aus der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe ehemaliger AdK-Mitglieder kuratiert, darunter Arbeiten von Gustav Schleede, dem Gründungsvorsitzenden der AdK 1956 und seinem Sohn Thomas Schleede, Wolfgang Tümpel, Dorothee Eymess, Monika Maetzel und Tatiana Ahlers-Hestermann, eine Textilkünstlerin der 50er Jahre und Tochter des Hamburger Künstlers Friedrich Ahlers-Hestermann.

Alle Museumsstücke sind von hervorragender Handwerkskunst und modernem Design mit starker Ausdruckskraft, besonders die Schmuckstücke sind von schlichter, zeitloser Eleganz und wecken Begehrlichkeiten.

© Stefan Urban, grüne Ledertasche

Auch bei der Präsentation der zeitgenössischen Exponate sind alle Gewerke vertreten, Keramik, Goldschmiedekunst und Metallbearbeitung, Holz, Textil, Glas, Papier und Druckkunst. Viele Handwerkskünste stehen auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

Ob Möbelbau, textile Wandarbeiten, Lederwaren, Schmuck oder Glasobjekte, alle Ausstellungsstücke sind Unikate und zeigen die Verbindung von meisterhaftem Können, tiefem Materialgefühl und kreativem Geist. Viele Arbeiten sind in der bildenden Kunst zu verorten, denn der Gedanke, dass die angewandte Kunst Gebrauchsgegenstände produziert, ist längst nicht mehr zeitgemäß.  Die Werke sind Solitäre und werden schnell zu erlesenen Sammlerstücken.

Grundlage eines jeden kreativen Schaffensprozess ist das Handwerk – der gelernte und erfahrene Umgang mit Materialien und Werkzeugen – hochwertig, langlebig, klassisch, ressourcenschonend arbeitend, originell und nachhaltig. Leider können im Rahmen dieses Artikels nur wenige Arbeiten vorgestellt werden, es empfiehlt und lohnt sich, den umfassenden Katalog eingehend zu betrachten. Dabei fällt auf, wie viele Objekte von der Bauhaus-Tradtion geprägt sind – in Bezug auf Ästhetik und Funktionalität, aber auch in Bezug auf die meisterhaften Fertigungstechniken. Auch poetisch anmutende, aus Upcycling entstandene, experimentelle und innovative Werke sind in großer Vielfalt dabei.

Bernd Görtz stellt Beistelltische aus regenerativen Pilzmyzel, Linoleum und massiver Eiche her, Birgit Engelmann arbeitet mit Gipsmodellen aus dem 3D-Drucker und fertigt beeindruckende, massiv wirkende Ringe in klarer Formsprache an. Die handgewebten Handtücher von Andreas Möller erinnern an traditionelle Grubenhandtücher. Caroline Rügge präsentiert originelle Silberkelche. Ebenso sind die Schachteln „Häuser“ von Susanne Schwarz aus Papier und Draht einfach bezaubernd.

Ulla Dahm zeigt eine einzigartige Stachelkette aus Crêpe-Seidensatin und bereichert die Ausstellung durch eine Power-Point-Präsentation. Kathrin Heinicke übersetzt die Prinzipien des Brückenbaus in die Ringschienen architektonisch anmutender  Schmuckstücke. Silvia Bunke graviert, bzw. schneidet in ihren Silberschmuck poetische Gedichte in einer eigens entwickelten Schrift, die das Leben beschreiben.

© Caroline Rügge, Kelche aus Silber

Der Carolina D’Amico-Preis für zeitgenössisches Kunsthandwerk geht in diesem Jahr an die Goldschmiedin Heike Ahrens, die Keramikkünstlerin Viktoriia Kurganskaia und die Textildesignerin Ulrike Isensee.

An den Montagabenden während der Laufzeit haben Besucher und Besucherinnen die Möglichkeit, zum Museumseintritt, jeweils um 19 Uhr an einer öffentlichen Führung teilzunehmen.

 

 

Am Sonntag, den 23.August 2026 findet eine Vorführung zum Stahlstichprägedruck mit dem Graveurmeister Daniel Janssen um 15 Uhr statt: Museumseintritt, Treffpunkt an der Kasse des Museums

Am Montag, den 24. August 2026, gibt es eine Führung um 18 Uhr sowie danach einen Themenabend über die „Arbeitswelt Kunsthandwerk“ um 19 Uhr statt.

Mit herzlichem Dank an die Kuratoren Prof.Dr. Rüdiger Joppien und Isabelle Hofmann! Die Ausstellung läuft bis zum 6. September im Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg-Nord.

 

 

Text und Fotos: Hanna Malzahn

Empfehlungen für das Lesen und Schreiben

In diesem Artikel finden sich zwei Rezensionen, beide Bücher sind Hardcoverbände aus dem gleichen Verlag: Favoritenpresse aus Berlin. Ich kenne den Gründer, Bodo von Hodenberg, seit ein paar Jahren und finde es bewundernswert, welch gut ausgestattete Bücher er seit mehreren Jahren macht. Zu seinem Hintergrund: Er war vorher Chef-Einkäufer des Großversands Frölich und Kaufmann.

Wie sollte man ein Buch lesen?

Dieser Titel ist von der Autorin Virginia Woolf, von der in meiner Buchreihe „Perlen der Literatur“ der Band 16, Orlando, stammt. Es hat bei 48 Seiten das handliche Format von 17 × 17 cm, eine Fadenheftung. Der Deckenband besteht aus einem sehr haltbaren Papier mit einer Leinenprägung und einem Mattlack als Schutz, jedoch ohne weitere Kaschierung oder Cellophanierung. Er ist, genau wie der Buchblock im Innenteil, durchgängig zweifarbig in Dunkelgelb und Schwarz gedruckt, was ein schönes, einheitliches Erscheinungsbild mit sich bringt.

Der Text von Virginia Woolf in der Übersetzung von Eric Eichinger liest sich flüssig und spricht den Leser direkt an. Ihr erster Rat besteht darin, keinen Rat anzunehmen, außer dem eigenen Instinkt zu folgen. Das gefällt mir wunderbar, scheint jedoch die nächsten Seiten überflüssig zu machen. Sie spricht von der Sparsamkeit mit Ressourcen (gemeint ist die Zeit) und davon, wie man sein Leseverhalten etwas besser strukturiert.
Die Autorin verweist selbstverständlich darauf, dass Bibliotheken Ordnung schaffen und nicht nur das Wiederfinden erleichtern, sondern das Strukturieren aller Inhalte. Sehr gut hat mir der Satz gefallen „Bücher werden zu Komplizen“. Um zu würdigen, wie schwer es ist, einen Roman zu schreiben, gibt sie den einfachen Tipp, doch selber zu schreiben und damit zu merken, wie schwierig es ist, die  passenden Formulierungen zu finden und diesen Stil dann beizubehalten – eine einfache, aber  wirkungsvolle Empfehlung. Dennoch versucht sie zu vermitteln, gute von schlechten  oder mittelgute von  brillanten Büchern zu unterscheiden. Sie empfiehlt, öfter aus dem Fenster zu schauen, denn es ermüde, Abfall zu lesen.
Weiterhin geht Virginia Woolf auf die Komplexität des Lesens ein und kommt zu dem Schluss: Wir brauchen nur Bücher miteinander zu vergleichen, und zwar jedes mit den Besten seiner Art. Welches das beste ist, findet man im Laufe von Jahren heraus, und man stellt es sich im Bücherschrank an eine besondere Position. Dann vergleicht man andere gelesene Texte damit und entwickelt zunehmend einen eigenen Geschmack. Das ist das Ziel ihres Buches: Der Leser möge einen eigenen Geschmack entwickeln und ihn später verfeinern.

Wie diese Verfeinerung des Geschmacks zu funktionieren hat, überlässt sie natürlich dem Leser selbst, gibt aber gute Hinweise. Gegen Ende kommt sie darauf zu sprechen, dass es  eine besondere Fähigkeit der Einbildungskraft sei, die das Lesen fördere. Je mehr man liest, desto besser wird die Einbildungskraft. Der Schlusssatz lautete sinngemäß, wenn jemand stirbt und vor den Allmächtigen tritt und dieser zu Petrus sagt: „Sie liebte es zu lesen“, dann hätte man sein Lebensziel erreicht.

Die Südkoreanerin Ji Hyun Yu hat das Buch mit  durchgängig gelb-schwarzen Illustrationen bereichert, die auf angenehme Weise zeigen, was die Autorin meint. Sie hat es mit viel Humor so illustriert, dass  hierdurch fast eine neue oder erweiterte Geschichte entsteht. Das ist die große Kunst dieser 40-jährigen Illustratorin, die in Mainz studiert und unter anderem für das Zeit-Magazin, die New York Times und den Esquire gearbeitet hat.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Obwohl die Autorin schon seit 85 Jahren tot ist, sind ihre Texte lesenswert, und aus diesem Essay ein komplettes 48-Seiten-Buch zu machen, dessen Titel – wie die Autorin besonders betont – mit einem Fragezeichen endet, ist dem Verleger hoch anzurechnen. Wie sollte man ein Buch lesen? Meine Antwort: Indem man dieses hier kauft und sich mit Virginia Woolfs Anregungen und Argumenten auseinandersetzt.

Virginia Woolf: Wie sollte man ein Buch lesen?, Favoritenpresse, Berlin 2022, 48 S., ISBN 978-3-96849-067-0, € 15

Wie sollte man ein Buch drucken?

Das fast quadratische illustrierte Wörterbuch des Buches (17 x 20 cm) von Stephan Füssel ist auf einem 1,75 fachen, leicht gelblich-weißen Werkdruckpapier zweifarbig gedruckt. Die Schmuckfarbe ist eine Volltonfarbe, ein angenehmes, mittelhelles Grün. Zwar waren zweifarbig gedruckte Bücher bis in die Achtzigerjahre hinein üblich, da sie die Schmuckfarbe gezielt einsetzen, der Druck aber nicht so teuer war wie vierfarbig gedruckte Exemplare. Mit Aufkommen der Online-Druckereien und dem Preiswerterwerden des vierfarbigen Offsetdrucks wird dieses Verfahren nur noch selten angewandt. Es bietet sich an, wenn feine Linien und größere Flächen in dieser Schmuckfarbe sind, die beim farbigen Druck gerastert werden müssten, was hier entfällt, wenn man mit Volltonfarbe von Pantone oder anderen Herstellern druckt. Ein großes Lob an den Verleger für diese Entscheidung.

Die vielen Illustrationen sind von verschiedenen Künstlern unter der Leitung von Jakob Hinrichs entstanden. Sie sind anregend, humorvoll und expressiv, jedoch – das muss ich einschränkend sagen – erklären sie nicht immer den Begriff, den sie visualisieren sollen.

Die Basis dieses Buches stammt aus dem Jahr 1954 von Helmut Hiller und wurde mehrfach von Professor Füssel, der in Mainz Buchwissenschaften gelehrt hat, überarbeitet. Ich kenne auch die Vorgängerversionen, die mir immer sehr gut gefallen haben. Diese hatten jedoch keine Illustrationen. Der Buchsatz ist in einer serifenlosen Schrift zweispaltig gesetzt, die Spaltenbreite ist als angenehm anzusehen, der Zeilenabstand könnte ein wenig größer sein. Warum gelegentlich einzelne Worte gesperrt sind, lässt sich nur dadurch erklären, dass der Setzer eine falsche Voreinstellung von InDesign gewählt haben muss, denn man darf gemeine Buchstaben niemals sperren, was jedoch beim Layoutprogramm InDesign bei entsprechender Einstellung passieren kann. Die Begriffe selbst sind in Versalien und halbfett gedruckt, die Verweise in einer kursiven, serifenlosen Schrift. Außerdem sind Verweise in Grün gedruckt. Es gibt also drei Arten der Hervorhebung: kursiv, serifenlos und Druckfarbe, das sind nach den Regeln der Druckkunst zwei Auszeichnungen zu viel. Dass sich Versalbegriffe etwas langsamer lesen lassen, ist sicherlich gewollt, auch wenn es mir persönlich nicht sonderlich gut gefällt.

Die Substanz ist dem Studiengang Buchwissenschaften geschuldet, selbst als Fachmann entdeckt man einige spannende Dinge, von denen man zuvor nichts wusste.

Manche Begriffe sind ein wenig veraltet, was jedoch meist dabei angemerkt wird. Einen „Andruck“ macht man heutzutage nicht mehr auf einer Auflagenmaschine, da helfen digitale Techniken viel preiswerter und schneller weiter und sind exakt so gut wie der damalige Andruck.

Die Ausführungen zu den Anführungsstrichen haben eine recht gute Illustration, sind aber viel zu kurz gegriffen. Denn es gibt neben den erwähnten drei Anführungsstrichen noch andere, und diese wurden weder bezeichnet noch wurde dazu eine Empfehlung abgegeben, was ich als Mediengestalter schade finde. Anschaulich und hilfreich sind die Anmerkungen zum Chinapapier,  zum Begriff des Durchschusses ebenfalls. Letztere hat eine sehr nette Grafik. Betrachtet man die Definition des Durchschusses genauer, fehlen mir die Angaben, wie viel der Durchschuss sein sollte, beispielsweise: Schriftgröße 11 mit 4 Punkt Durchschuss ergibt einen Zeilenabstand von 15 Punkt.

Dass die mittlerweile kaum noch in Papierform erscheinenden Enzyklopädien weitgehend durch digitale Inhalte abgelöst wurden, ist bekannt und wird auch im Wörterbuch vermerkt. Dennoch widmet der Autor diesem Thema eine ganzen Spalte, was sicherlich dem historischen Hintergrund der großen Bedeutsamkeit damaliger Enzyklopädien geschuldet ist.

Gelernt habe ich etwas bei dem Begriff „Narbe“, denn er bezeichnet eine künstlich gestellte Oberfläche von Leder (oder reale Oberfläche von Leder). Das wird  detailliert beschrieben, was mich freut. Auch der Begriff „Neumen“, was Handschrift aus dem Mittelalter bezeichnet, war mir nicht bekannt.

Erfreulich finde ich, dass die Mainzer Minipressemesse als Buchdruck-Kunst-Fachmesse hervorgehoben wird. Andere vergleichbare Messen wie die BuchDruckKunst in Hamburg oder die Schweizer Messe in Neuenfelde werden jedoch nicht erwähnt. Bei den gesammelten Biografischen Gesellschaften finden sich es auch hilfreiche Anmerkungen, jedoch werden hier keine deutschen Gesellschaften erwähnt, wozu beispielsweise die Pirckheimer-Gesellschaft gehört.

Der letzte Begriff, der mir neu war, ist die „Tragweite“: Sie bezeichnet das Maß, in dem Papier sich unter Feuchtigkeitseinfluss und unter Bearbeitungseinflüssen dehnt oder zusammenzieht.

Fehlendes zu kritisieren und Überflüssiges als veraltet anzugeben, ist leicht! Diese Rezension beinhaltet Kritik auf hohem Niveau. Das Buch gefällt mir ausgezeichnet und ich kann es sehr empfehlen.

Es ist hervorragend, dass ein breites Lesepublikum durch die schöne Optik des  Hardcover-Bandes, der mit 28 Euro zudem noch preiswert ist, an das Thema Buch herangeführt wird.

Ein letzter Kritikpunkt: Die Verwendung eines 1,75-fachen Volumens bringt es mit sich, dass das Buch zwar relativ leicht ist, aber mit vier Zentimetern sehr dick. Würde man ein anderes Papier verwenden, käme man möglicherweise sogar auf weniger als zwei Zentimeter Dicke.  Mein im Jahr 2002 gestaltetes, vergleichbares Verlagslexikon hat 400 Seiten und nur 2,1 Zentimeter Dicke.

Ich bin also etwas befangen, möchte jedoch dieses Wörterbuch des Buches jedem empfehlen, der mit Verlagen zusammenarbeitet, der gestaltet, der als Dienstleister tätig ist oder Ähnliches, denn die Fachbegriffe sind schlicht und einfach unersetzlich. Man muss sie kennen und richtig einsetzen.

Zum Schluss eine persönliche Anmerkung zu den Illustrationen: Ich habe in den 1990er Jahren einen Vorläufer meines Verlagslexikons im Rahmen des Verlagshandbuchs hergestellt und hatte dort weit über 100 4-farbige Illustrationen, die meine Studenten hergestellt haben. Jede dieser Illustrationen hatte erläuternde Begriffe integriert und konnte den Begriff verständlich machen, während die Illustrationen im Wörterbuch des Buches  ein optisches Beiwerk sind, das nicht den Anspruch hat, jeden Begriff  durch die Illustration zu erklären. Für eine mögliche weitere Auflage  würde ich dem Verleger der Favoritenpresse diese Illustrationen gern zur Verfügung stellen.

Stephan Füssel: Das illustrierte Wörterbuch des Buches, Favoriten Presse, Berlin 2026 (neue Auflage), 352 S., ISBN 978-3-96849-146-2, € 28

Verlagslink: https://www.favoritenpresse.de

Fotos: Ralf Plenz

„All New People“ by Zach Braff – The New Premiere at The English Theatre of Hamburg

Did you ever hear of Zach Braff? If not, it is high time to make his acquaintance for Zachary Israel Braff, born 1975, is a filmmaker and an actor well-known in the United States and Britain. During his long career he directed a variety of televison series such as “Scrubs“ and starred in a other popular productions.
„All New People“ is Zach’s first play in wich he appeared himself as Charlie (Will Edgerton), an unhappy young man who seems to be weary of life. Why? Wait and see what is happening on the stage oft the ETH.

An angel saves Charlie’s life

Charlie has decided to commit sucide by hanging himself in the living room of a friend’s trendy beach house on an island in New Jersey. As he dangles on the noose Emma (Claudia Watanabe), a British real estate agent, storms in and saves his life. Emma who is desparate for a green card was expecting a client when she found the young chap in distress. Lucky Charlie!

When the door bell rings Charlie and Emma are joined by Myron, a fireman who increases his salary by dealing with drugs. When the bell rings again a pretty stylish girl named Kim (Paloma Sidik Amaya) joins the trio. Kim works as an escort girl and gets angry when anyone calls her a prostitute. How dare you! She has been hired by one of Charlie’s friends to cheer him up.

Guilt and atonement

As the play proceeds we learn that the four „all new people“ are wrestling with their own morality and the choices they make. Charlie feels guilty of the death of six innocent people that were killed in an accident on an airstrip. As an air controller he was once absent-minded when two planes crashed. Although he had been relieved from any guilt, he still feels depressed and guilty.

Emma had to leave England because she killed a man who raped her and threatened at the same time to cut her father’s throat. She fled to America for fear of being arrested by the British police.
And Myron. Is he guilty of killing some of his fellow firemen by selling them drugs?
Kim seems to be the only one of the quartet without any problems whatsoever. Her weak point is just to be called a prostitute instead of an escort. By the way, Kim is a gifted singer and ukulele player: „When there’s nothing I can say to make things better, I sling my arm around your shoulder like a sweater. Try to bear some of the burden that you’re wearing. But I can’t seem to lift you.“ Right so. You can try to help other people when they are in trouble. But you can’t lift the whole burden from their shoulders.

Before the curtain falls we see Charlie, Emma, Kim and Myron in total harmony. Charlie is in a great mood. Thanks to Emma and his new friends he is still alive and enjoying their love and loyalty.

Conclusion

Zach Braff may be a great filmmaker. But in my opinion he is not a brilliant playwright. At least his first script for the stage does not profess to the status of great art. No doubt, „All new people“ is a nice entertainment for an evening out. A point of critism: Instead of humerous or elegant dialogue the audience has to endure countless fucks and fuckings. Anyway, the young people in the audience seemed to enjoy this dirty language. True enough – there is no accounting for taste.

The critics in the American press vary from „The writing is slack und lazy, the characterizations never ring true“ to „Sharp and funny despite the implausibility oft he plot.“

Last performance of „All New People“ on June 27. 2026. Tickets under telephone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

The next premiere after the summer break: „The Potrait of Dorian Gray“ by Oscar Wilde, on September 9, 2026

Photos: Stefan Kock

„All New People“ von Zach Braff, die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Obgleich Zach Braff seit Jahrzehnten auf englischen und amerikanischen Bühnen und Fernsehschirmen brilliert, ist er in Deutschland bislang weitgehend unbekannt. Aber nicht nur als Schauspieler und Regisseur hat er sich einen Namen gemacht, sondern in jüngerer Zeit auch als Bühnenautor. „All New People“, sein erstes Stück, in welchem er auch die Hauptrolle übernahm, erlebte 2011 in New York seine Uraufführung und wurde sofort zum Hit der Saison.

Eine schwarze Komödie

Bevor das Stück beginnt, sehen wir einen jungen Mann ziellos auf der Bühne umherirren. Dann besteigt er einen Stuhl und legt sich eine an der Zimmerdecke befestigte Schlinge um den Hals. Ein Raunen geht durch den Zuschauerraum. Oh Schreck, der Mann will sich das Leben nehmen! Doch bevor er den Stuhl umstoßen kann, stürzt ein Engel in Gestalt einer jungen Frau herein und rettet dem armen Kerl das Leben. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hier könnte das Stück eigentlich enden. Doch gerade jetzt nimmt diese dunkel eingefärbte Komödie ihren Lauf.

Ein Suizid findet nicht statt

What shall I do? / Was soll ich nur tun?

Wir befinden uns mit Charlie (Will Edgerton), dem verhinderten Selbstmörder, und seiner Retterin Emma (Claudia Watanabe) in einem elegant eingerichteten Strandhaus auf einer Insel in New Jersey. Während Charlie schweigt, plappert Emma munter vor sich hin. Charlie hat sein Leben dem Umstand zu verdanken, dass Emma just im rechten Augenblick hereinschneite, um einem Interessenten das zum Verkauf anstehende Strandhaus zu zeigen. Der potentielle Käufer erscheint jedoch nicht. Die junge Frau ist gestresst und hochgradig nervös, weil sie als Britin illegal in den Staaten arbeitet. Ohne die begehrte Green Card droht Ungemach. Jeder weiß das.

Auftritt Myron (Kamal Boulema). Der Feuerwehrmann und Drogendealer in Personalunion kennt als Einheimischer nicht nur jeden Winkel auf der Insel, sondern auch jeden, der hier lebt. Als Vierte im Bunde erscheint Kim (Paloma Siblik Amaya) Das hübsche Escortgirl wurde von Charlies Freunden engagiert, um ihn aus seiner Depression herauszuholen.

Ein vierblätteriges Kleeblatt allein zu Haus

Jede der vier Personen außer der fröhlichen Kim scheint ein bedrückendes Geheimnis mit sich herumzutragen. Im Laufe der Handlung erfährt der Zuschauer, dass Emma wegen eines Deliktes in Großbritannien gesucht wird und deshalb in die Staaten floh, während Charlie sich für den Tod von sechs Menschen verantwortlich fühlt und den einzigen Ausweg aus seinem Dilemma im Selbstmord sah. Myron schließlich hat Probleme mit seinem verantwortungsvollen Beruf als Feuerwehrmann und dem verfassungswidrigen, aber äußerst lukrativen Nebenjob als Drogendealer. Der einzige Schwachpunkt im Leben der kleinen Kim scheint zu sein, dass manche in ihr die Prostituierte anstatt des etwas besser beleumundeten Escortgirls sehen.

Dr. Freud, übernehmen Sie!

Welche tiefgreifenden Ängste belasten Emma und Charlie?
Emma geriet unlängst in eine verzweifelte Situation mit einem Mann, der ihr Gewalt antat und drohte, ihrem Vater die Kehle aufzuschlitzen, falls sie sich ihm widersetzte. Sie aber schlug zu. War es Mord oder Selbstverteidigung? Aus Angst vor einer Festnahme floh Emma aus England nach Amerika.

I feel so sexy / Bin ich nicht sexy?

Nun ist es an Charlie, jenes „Verbrechen“ zu gestehen, in welchem sechs Menschen den Tod fanden. Als Fluglotse im Dienst wurde er einst von seiner Arbeit abgelenkt und verlor für kurze Zeit den Überblick. In diesem Augenblick kollidierten zwei Flugzeuge miteinander. Charlie fühlte sich allein schuldig, obgleich sofort eingeleitete Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Crash um einen Unfall handelte, an welchem der Fluglotse keinerlei Schuld trug. Uff…

So endet diese „drama comedy“ mit einem Freispruch für alle Beteiligten, die jetzt voll rehabilitiert einer unbeschwerten Zukunft entgegensehen.

Fazit

Zach Braffs erstes Bühnenwerk erweist sich als ein sich etwas träge entwickelndes Schauspiel, in welchem viele Sachverhalte lange im Dunkeln bleiben, bevor sie mittels Flashbacks qua Videoprojektion aufgedeckt werden. Der Autor versucht sich etwas dilettantisch in Psychoanalyse, um die Befindlichkeiten der Akteure in den Fokus zu rücken. Kein Zweifel, die vier sind innerlich vereinsamt und suchen nach Kontakten zu anderen Menschen in der Hoffnung auf Verständnis für ihre seelische „Wetterlage.“ Dies geschieht durchweg lautstark und in einer jeden Rahmen sprengenden Fäkalsprache. Fuck und fucking, asshole und andere Kraftausdrücke ersetzen Punkt und Komma. Den jungen Leuten im Auditorium schien das Vokabular jedoch zu gefallen. In diesem zeitgeistigen, als schwarze Komödie konzipierten Plot um Schuld und Sühne wäre ein gepflegtes Oxford-Englisch auch fehl am Platze gewesen. „All New People“ ist ein unterhaltsames Stück ohne viel Tiefgang, allerdings getragen von vier exquisiten Mimen, die mit ihrer Spielfreude das Premierenpublikum begeisterten. Umjubelt war die Gesangseinlage der bildhübschen Kim. Was für eine Stimme!

Don’t argue with me / Hör auf, mich zu nerven

Ein Dankeschön geht an Regisseur Paul Glaser.

„All New People“ läuft bis einschließlich 27. Juni 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Das ETH verabschiedet sich in die Sommerpause und lädt am 9. September 2026 zur Premiere von Oscar Wildes „The Portrait of Dorian Gray“ ein.

Fotos: Stefan Kock

Warum Charlotte Ueckert ein „Swiftie“ ist und mehr vom Tag des Buches

Am vergangenen Sonnabend, den 9. Mai, um 11 Uhr eröffneten in der Altonaer Alfred-Schnittke-Akademie zunächst die Pirckheimer den Tag mit ihrem Treffen norddeutscher Mitglieder. Maler und Grafiker Christian M. Beier zeigte seine Holzschnitte, die auch Bücher illustrieren, und hatte einige Broschüren verschiedener Themen wie beispielsweise humorvolle Tierdarstellungen dabei. Geboren in Insterburg und in Hameln aufgewachsen, wohnt er nun in Hamburg-Wellingsbüttel. Er wird nach eigenen Worten „beim Malen angetrieben von Lust und Zwang: Beides beschreibt und konserviert reale und irreale Situationen.“ Sein Humor kommt in seinen Arbeiten zum Ausdruck, zeigt sich auch in der sympathischen persönlichen Begegnung.

Ein weiterer an Sammlern und Verrückten interessierter Kollege ist Thomas Klockmann, der seine Siebdruckarbeiten aus seiner Ahrensburger Werkstatt sowie seine Bücher vorstellte. Er hat Bilderhefte mit Geschichten, u.a. „pelikan“, womit weniger der Vogel als vielmehr die Füllhalter- und Tintenmarke gemeint ist. Während der Coronazeit befasste er sich eingehend mit seiner Bibliothek und schuf eine kommentierte Liste, die unter dem Titel „SMS“ in gebundener Form in zweiter Ausgabe vorliegt: Ein sehr unterhaltsames Werk über Bücher, das Lust zum Lesen weckt. Mehr über seine Arbeiten und Aktivitäten ist auf seiner Homepage zu finden: https://kukii.de/

Rudolf Angeli vom Angeli & Engel-Verlag, Pirckheimer und Herausgeber des „Hamburger Bothen“, zeigte neue Ausgaben seiner großformatigen bibliophilen Bücher mit beeindruckenden grafischen Elementen. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Staatsbibliothek und der Wolfgang Borchert Gesellschaft gibt der „Verlag für paradiesische Bücher“ (Zitat Website) in diesen Tagen einen Band mit farbigen Bildern und Zeichnungen Wolfgang Borcherts heraus. Das Buch trägt den Titel „Er wollte einmal Maler werden“. Die Subskriptionsfrist endet am 15. Mai 26. Mehr dazu findet sich direkt beim Verlag: https://angeliundengel.art/unsere-buecher/

Zu den Sammlern und Verrückten, die die Pirckheimer-Gesellschaft beherbergt, gehören auch Ralf Plenz vom Input-Verlag und die Verfasserin dieser Zeilen. Beide sind ferner Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung und unseres Journalisten-Verbands; beide Verbände waren als Mitveranstalter am Tag des Buches beteiligt.

Ralf Plenz präsentierte seine bibliophile Edition „Perlen der Literatur“, über die wir schon an anderer Stelle berichtet haben. Zwischenzeitlich sind Vorzugsausgaben mit Original-Kalligrafien ebenso erhältlich wie für die Buchreihe passende Schuber, um die in Leinen gebundenen und mit individuellen Banderolen versehenen Schätzchen stilgerecht im Bücherregal unterzubringen. In diesem Jahr sind neben einer Kalligrafie-Postkartenedition auch fünf neue Perlen erschienen, von denen später noch die Rede sein wird.

Mit „Morgentau am Deich“ erschien erstmals eine Solo-Haikupublikation der Poetin Maren Schönfeld, die in der DAP eher als Journalistin und Fachbuchautorin bekannt ist. Poesie ist jedoch seit Anbeginn ihres Schreibens, von Rilke geprägt, ein großer Bereich ihrer Arbeit. Der Rotkiefer-Verlag gibt die Reihe der Haiku-Hefte heraus, dessen Heft Nr. 16 Schönfelds Titel ist. Als Pirckheimerin ist sie natürlich auch dem Sammeln verfallen und zeigte eine Auswahl schöner alter Bücher, die sie zwanghaft aus Buchtauschregalen retten muss und dann auch liest, und eine kleine Anzahl aus ihrer Lesezeichensammlung. Außerdem hatte sie ihre Sachbücher, Lyrikbände und drei Titel aus dem  Expeditions International Publishing House dabei, der sich mit internationalen Büchern in mehreren Sprachen etabliert hat. Die Malerin Hanna Malzahn steuerte ihre in Sütterlin geschriebenen Gedichtarbeiten bei.

Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums unseres Journalisten-Verbands durfte auch das DAP-Notizbuch – Geschenk für unsere Mitglieder und für fünf Euro auch für Nicht-Mitglieder zu haben – mit auf den Präsentationstisch, außerdem hatten wir aus unserem Mitgliederkreis Leseproben von „Anninarra“, dem utopischen Roman von Christian Buske, dabei sowie den Titel „Germanischer Berghund“ von Jörg Krämer.

Verlagsbesichtigung und Perlen von Sand bis Swift

Für die DAP öffnete Ralf Plenz um die Mittagszeit die Türen seines unweit gelegenen Input-Verlags und gewährte einen Einblick in seine Arbeit als Verleger. Dort wurden einige wertvolle und besondere Bücher gezeigt und Fragen beantwortet, bevor das Bühnenprogramm mit kurzen Podiumsgesprächen wiederum in der Alfred-Schnittke-Akademie begann. Ein wenig Fachsimpelei rund ums Schreiben, Büchermachen und Vermarkten war quasi das Vorprogramm für die Vorstellung der fünf neuen „Perlen der Literatur“.

Die Hamburger Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Charlotte Ueckert sprach mit Ralf Plenz über ihre Arbeit an den Bänden „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Dass er Menschen eher gehasst hat, stattdessen aber Tiere liebte, insbesondere Pferde, erfuhr das Publikum aus dem Gespräch. Ueckert befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Autor, was ihr den Zuruf „Dann bist du ein Swiftie!“ aus dem Publikum eintrug. Ob Taylor wohl etwas von Jonathan gelesen hat?

Der im Moment sehr stark beachtete Titel „Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie“ von Jan Tschichold brauchte in der Vorstellung keinen Gesprächspartner für Ralf Plenz, denn das Thema ist absolut seins, um nicht zu sagen sein Steckenpferd; die Leser mögen der Verfasserin dieses Artikels den Kalauer verzeihen. Diese hat beobachtet, dass immer wieder Menschen an den Verleger herantreten und nach korrekter Typografie fragen – vielleicht ist eine typografische Beratung noch ein zu erschließendes Dienstleistungsfeld für Plenz. Jedenfalls hat ein TikTok-Video über das Thema mehr als vierzigtausend Aufrufe zu verzeichnen.

Als Kontrast zu diesem eher nüchtern erscheinenden Buch konnte Sibylle Hallberg mit mehr Sinnlichkeit aufwarten, als sie von ihrer Arbeit an George Sands „Indiana“ erzählte. Die Neuübersetzung stellte sie u.a. vor die Aufgabe, Bezeichnungen zu finden, die sowohl zurzeit des damaligen Erscheinens des Romans (1832) als auch heute stimmig sind. In der Entwicklungsgeschichte der jungen, gutgläubigen Indiana zur selbstbestimmten Frau spielt ein Mann eine Rolle, für den sie nach einigem Überlegen das Wort „Hallodri“ fand, was damals wie heute ein herrliches ist und wahrscheinlich von dem lateinischen Wort „Allotria“ für „Unfug“ abstammt. Allein das macht schon Lust auf das Buch!

Die Arbeit an dem Roman „Frau Sorge“ (1887) des ostpreußischen Schriftstellers Hermann Sudermann war sowohl im Lektorat als auch in der Recherche spannend. Das Buch zog Maren Schönfeld mit seinen naturalistischen Bildern in den Bann. Da schließt sich der Kreis zu ihrer poetischen Ader und der Liebe zur Natur. Die Geschichte um den heranwachsenden Paul unter dem Schatten der ständigen Sorgen berührt und ist trotz des schweren Themas nicht niederdrückend.

Alle Bände der mittlerweile 40 Titel umfassenden Reihe „Perlen der Literatur“ sind auf der Website des  Input-Verlags zu finden.

Durch krankheitsbedingte Absagen und erschwerte Verkehrsbedingungen durch den Hamburger Hafengeburtstag blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Dennoch war es ein inhaltlich sehr gelungener Tag des Buches, der sicherlich nicht der letzte seiner Art gewesen sein wird.

Aufbruch ins Rundfunkzeitalter

Der Berliner Funkturm wurde vor 100 Jahren eingeweiht

Wie die Große Polizei-Ausstellung stand auch der Berliner Funkturm für Zuversicht, Fortschritt und den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Stahlfachwerkkonstruktion im Stil der frühen Moderne steht in der Tradition des Pariser Eiffelturms. Allerdings ist der „Berliner Eiffelturm“ einige Nummern kleiner. Die Gesamthöhe vom sogenannten Langen Lulatsch beträgt statt 330 nur 146,78 Meter und die Gesamtmasse statt 10.100 nur 600 Tonnen.

Auf 51,65 Metern Höhe befindet sich ein quadratisches 15 mal 15 Meter großes Restaurantgeschoss direkt über einem kleineren Küchengeschoss für Wirtschaftszwecke. Auf den 200 Quadratmetern Grundfläche des Turmrestaurants finden heute bis zu 116 Gäste Platz.

1961_4-Musterungen-Funkturm. By Wolfgang Dey – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182101512

Auf 121,5 Metern Höhe bietet der Turm seinen Besuchern auch noch eine geschlossene, 4,4 Meter breite Aussichtskanzel in Form einer Laterne mit einer 7,9 Meter breiten Aussichtsplattform darüber. Bis dort hinauf führt eine Aufzugsanlage. Mit dieser Förderhöhe war der Aufzug bei seiner Inbetriebnahme der höchste elektrische Lift im Deutschen Reich.

Im Gegensatz zu dem von 1887 bis 1889 erbauten Eiffelturm war dessen knapp vierzig Jahre jüngeres Berliner Pendant von vornherein als Funkturm konzipiert. Ein Jahr nachdem am 29. Oktober 1923 die Geschichte des Hörfunks in Deutschland mit der ersten Unterhaltungssendung aus dem Berliner Vox-Haus begonnen hatte, am 8. November 1924, gab die Gemeinnützige Berliner Messe-Aufbau G.m.b.H. den Bau des Berliner Funkturms in Auftrag. Die erste Große Deutsche Funkausstellung vom 4. bis 14. Dezember des Jahres wurde noch abgewartet, dann gingen die Bauarbeiten los.

180.000 Mark waren geplant. 203.660 wurden es schließlich. Das ist eine Überschreitung von gut 13 Prozent. Zum Vergleich: Ein typisches, bescheidenes Eigenheim kostete damals zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark

By Eva K. / Eva K. – Eva K. / Eva K., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2619456

Am 3. September 1926 war es so weit. In Anwesenheit von rund tausend geladenen Gästen, darunter der Reichsinnenminister, Wilhelm Külz, der Berliner Oberbürgermeister, Gustav Böß, sowie der allein schon durch das nach ihm benannte Institut hinlänglich bekannte erste Verwaltungsratsvorsitzende der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft und Reichs-Rundfunk-Kommissar Hans Bredow, wurde der mit 138 Metern erste und höchste Sende- und Aussichtsturm der Weimarer Republik feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Das leise Versiegen – Anmerkungen zu Libido und Fruchtbarkeit

Hispanic teen girl with medicine pill
Foto: Götz Egloff

Da helfen auch Tabletten nicht… oder doch? – Bringen wir Endokrinologie und Psychosomatik im Sinne einer bio-psycho-sozialen Medizin, die gesellschaftliche Entwicklungen miteinbezieht, zusammen, so gelangen wir rasch zu Einsichten, die durchaus gegenläufig zu vielen weit verbreiteten Annahmen sein dürften. Sowohl klinisch Beobachtbares als auch Alltagserscheinungen in deren Verhältnis zu den aktuell geführten gesellschaftlichen Debatten liefern Anschauungsmaterial, das der Interpretation würdig ist. Ohne hier durchaus bedeutsame individuelle psychische Verfasstheiten zu beleuchten, werden also im Folgenden verschiedene Befunde kursorisch erfasst und in gesellschaftlichen Kontext gesetzt.

In ihrem Fachartikel zur ‚Kontrazeption bei Jugendlichen‘ formulierte Cosima Brucker von der Uni Ulm noch im Jahr 2002 die Problematik von Teenager-Schwangerschaften, die damals schon im Rückgang begriffen waren und noch sind. In ihrem Bezug auf Studiendaten von 1980 und 1998 wurde vor allem zuviel Spontaneität im sexuellen Verhalten als problematisch eingeschätzt. Über 20 Jahre und nichts weniger als eine Medienrevolution später, muss Christian Dadak (2025) vor allem in den westlichen europäischen Ländern nicht nur einen immer drastischeren Geburtenrückgang feststellen; wir haben es bei jugendlichen Frauen hinsichtlich Sexualität und Kontrazeption gar mit einer komplizierten, vielschichtigen Gemengelage zu tun, in der einiges nicht nur auf eine Abnahme der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr hinweist, sondern auf einen Libidorückgang selbst. Dies wäre eine hochproblematische Entwicklung, die von einer der renommiertesten Sexualforscherinnen Nachkriegsdeutschlands, Sophinette Becker, bereits 2013 kritisch in Aussicht gestellt wurde (Becker 2013; vgl. Egloff 2023). Von einer Problematik der Spontaneität hin zur Problematik des Libidorückgangs könnte man wohl sprechen.

Die Luxemburger Gynäkologin Danielle Choucroun (2024) publiziert hierzu über die zunehmende Ablehnung von Kontrazeption und stellt gleichzeitig im Frankreich des Jahres 2022 die höchste Schwangerschaftsabbruchrate seit etwa 30 Jahren fest. Die paradoxe Erscheinung, dass gerade in westlichen Gesellschaften die Geburtenrate sinkt – die niedrigste Anzahl an europäischen Geburten weist Malta auf (Calleja-Agius u. Attard 2024) – und gleichzeitig die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei rückgehender Kontrazeption steigt, muss man erst einmal verdauen: Choucroun beschreibt, wie in Luxemburg im Jahr 2023 die Abbrüche rapide anstiegen, also in genau jenem Jahr, in dem alle Kontrazeptionsmittel zum ersten mal kostenfrei zur Verfügung standen; im Jahr der staatlichen finanziellen Übernahme verdoppelte sich gar deren Anzahl. Auf Luxemburg als “champion of contraception in Europe” hinzuweisen lässt sich die Autorin dennoch nicht nehmen und fragt sich, ob kostenfrei nun noch nicht genug sei. Diese beliebte hyperrationale Perspektive verkennt – neben einem möglicherweise als solchem wahrgenommenen staatlichen Signal, keine Geburten seien Geburten vorzuziehen – mindestens manche derzeitigen gesellschaftlichen Beschaffenheiten. In diesen gehen Gedankenlosigkeit und Anspruchshaltung gar nicht so selten eine unheilige Allianz ein, gewiss nicht nur bei jungen Frauen. Dabei führt Choucroun im Abschnitt über die Hypermoderne gute Beobachtungen an, kann sie aber nicht recht nutzen. Dass totale Verwöhnung mindestens so schädlich ist wie totale Versagung, scheint jedenfalls noch nicht überall durchgedrungen zu sein. Die Hormondosis der ´Morning-after-Pille´ beträgt ein Vielfaches der täglichen Antibabypille und wird im ´Notfall´ doch recht bedenkenlos konsumiert. Dass die Autorin daher die Pillenmüdigkeit beklagt, ist nachvollziehbar, muss aber in einen Gesamtkontext eingebettet werden.

Endokrinologie und Psychosomatik 

Brasilien ist seit jeher ein westliches Land, in dem nur wenige Frauen die Pille mögen (vgl. Egloff 2011a, b). In Italien verhält es sich ähnlich: mit nur etwa 20 Prozent Anwenderinnen in der weiblichen Bevölkerung ist die italienische Pillenquote eine der niedrigsten in Europa, und insgesamt etwa 40 Prozent wenden keine oder nur halbherzig kontrazeptive Maßnahmen an (Farris u. Bastianelli 2025). Nun könnte es sein, dass auch in Deutschland der in Brasilien und Italien oft ins Feld geführte spürbare Libidoverlust im Rahmen der Pilleneinnahme gerade junge Frauen von dieser abhält – und wenn das Verlangen dann durchbricht, sie die ´Pille danach´ als notwendiges Übel akzeptieren lässt. Aus psychotherapeutischen Praxen ist dies gelegentlich zu vernehmen. Die tägliche Hormondosis nicht zu vergessen kann heute für manche junge Frau ein echtes Problem darstellen, und transdermales Hormonpflaster oder Monatsring werden nach wie vor selten verwendet. Näher allerdings scheint zu liegen, dass in Brasilien und Italien mit manchen Rationalisierungsschüben kälterer Länder und Kulturen nur ungern mitgegangen wird. Was für junge Frauen in südlichen Ländern bei einer fraglos beobachtbaren Appetenz- und Libidosteigerung nach Absetzen der Pille (Egloff 2012) nachvollziehbar erscheint, kann auch bedeuten, dass diese eine mögliche Schwangerschaft nicht unbedingt als Katastrophe verstehen; vielleicht ist die ´Empfänglichkeit´ für Empfängnis ausgeprägter als in nördlichen Ländern. Dennoch sinkt auch im europäischen Süden die Geburtenrate.

So wie erhebliche Libidostörungen bei vielerlei pharmakotherapeutischer Medikation (Keck 2019) eher die Regel als die Ausnahme darstellen, werden nun kontrazeptive Maßnahmen auch in Deutschland zunehmend als Bremse oder Belastung wahrgenommen. Dass nach langjähriger Pilleneinnahme Schwierigkeiten auftreten können, schwanger zu werden, hat sich zum Teil herumgesprochen; die sogenannte Lutealphasenunterstützung mittels Progesteron scheint auch bei natürlich geplanter Schwangerschaft mittlerweile immer nötiger zu werden, wie auf dem Kongress der Preis School für Perinatologie, Neonatologie und Reproduktionsmedizin zu hören war (Bruer 2023). Ob dieser Faktor bei jungen deutschen Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, bleibt fraglich. Junge Frauen, pillenmüde oder als unzuverlässige Pillen-Anwenderinnen, könnten von strukturierter Beratung profitieren – in Italien wechselt etwa die Hälfte nach eingehender Beratung ihre Kontrazeptionsmethode (Farris u. Bastianelli 2025) –, ohne dass dies natürlich die Geburtenrate steigern würde.

Kultur und Biochemie

Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchten in gesellschaftlichen Debatten zunehmend Begriffe wie ‚Toxische Männlichkeit‘ auf, die nicht etwa die naheliegenden Vergiftungsängste durch das Männliche (Priskil 2024) thematisieren, sondern meist poststrukturalistisch verwendet werden. Poststrukturalistisch bedeutet sprachtheoretisch und zeichentheoretisch, und letztlich machttheoretisch. Manche dieser Ansätze lassen sich auf vieles sinnvoll anwenden, auf Körper und Geschlecht aber am wenigsten. Wer Körper und Geschlecht nur poststrukturalistisch – quasi ohne Körper – denken mag, dem sei hier Ralph Frenkens Kapitel “Venus-Phallus” (2023) anempfohlen, das körperlich-leibliche Aspekte leicht sichtbar macht: Körper sind real, und Psyche ist eng mit dem Körper verbunden, gar in Wechselwirkung eingeschrieben. Doch ein ‚Körper, nein danke!‘ ist heute wieder gar nicht so selten zu bemerken, auch ohne dass es immer ausgesprochen würde.

Betrachten wir die Nanowelt der Mitochondrien in der Reproduktion, wird klar, dass im biologischen Befruchtungsvorgang biochemische Prozesse stattfinden, die psychosomatisch fundiert sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass molekularer oxidativer Stress männliche Spermien beim Prozess der Kapazitation und damit die Akrosom-Reaktion im Rahmen der Befruchtung stören kann, was deren Beweglichkeit betrifft, sodass auch bei ausreichender Spermienzahl keine Befruchtung stattfindet (Franjic 2023). Die Biologin Darja Wagner sieht in ihrem Artikel “Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr?” (2025) die männliche Fertilität gar in exorbitantem Rückgang begriffen, wofür manches spricht. Was sie in Zusammenhang mit einer Überexpression des Spike-Proteins im Rahmen der CoVid19-Pandemie formuliert, könnte sogar weitgehendere Zusammenhänge haben.

Die Spermienqualität gehe in Westeuropa, Nord- und Südamerika, China und Indien zurück, formuliert Wagner vielleicht etwas zu global, denn: wo nicht gemessen wird, können keine Befunde vorliegen. Und es wird nicht überall gemessen. Warum geht sie überhaupt zurück? Die üblichen Verdächtigen wie Ernährung, Plastik und manche Stoffe dürften gewiss eine Rolle spielen, es müssten aber auch andere Zusammenhänge eröffnet werden. Denn insgesamt schaut es in afrikanischen und arabischen Regionen deutlich anders aus, sodass von einer Schwerpunkt-Problematik überwiegend westlicher und westlich gepägter Industrieländer gesprochen werden muss. Als mögliche Faktoren müssten auch psychogeographische einbezogen werden; im Rahmen von Mentalität ist eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit im Süd-Nord-Gefälle überdeutlich.

Im engeren biochemischen Rahmen sind bei oxidativem Stress nicht nur eine zu geringe, sondern auch die exzessive Zufuhr von Antioxidantien ungünstige Faktoren, die die Spermien-Kapazitation behindern oder stören (Henkel 2024). Zudem können bei eigentlich gesunden Spermien neben der Motilität auch andere Faktoren als Problematiken auftreten, die im Ergebnis als Sterilität bezeichnet werden können (Franjic 2023). Die Eiweiß-Verbindung L-Carnitin, vertreten durch rotes Fleisch und insbesondere Hammel und Lamm (Henkel 2024), ist dagegen ein protektiver Faktor. Regionen wie Nordafrika und Vorderasien sind hier klar im Vorteil. Von den Ländern auf mit Europa vergleichbaren Breitengraden ist es die Mongolei, die, auf dem Breitengrad Österreichs, eine hohe Geburtenrate aufweist – wenn auch ganz andere soziokulturelle Bedingungen vorliegen. Dennoch: traditionellere Gesellschaften haben kulturell manche Probleme weniger, weil sie sich genealogischer, d.h. sich stärker in historischen Linien sehen (Egloff 2023; vgl. Nassar 2023). Aber auch in Island, wo Hammel und Lamm ebenso eine gewisse Rolle spielen, gibt es eine immerhin recht stabile mittlere Geburtenrate. Ganz entgegengesetzt, auf den Philippinen, ist sie recht hoch. Gemeinsam haben die genannten Länder wiederum, dass Vegetarismus dort keine Rolle spielt. Dieser ist für männliche Fertilitätsförderung wenig geeignet, da fast kein L-Carnitin zugeführt wird (Henkel 2024). Liegt hier gar ein übersehener Schlüssel zu niedrigen Geburtenraten?

Man kann nicht wissen, ob soziokulturelle Bedingungen den psychosomatischen Beschaffenheiten vorausgehen oder andersherum. Ein Sowohl-als-auch ist wahrscheinllich. Was man wissen kann ist, dass auch biologische und kulturelle Faktoren in Wechselwirkung stehen und neben den sozialen eine gewichtige Rolle spielen, die oft ausgeblendet wird. Ein Mehr an oft verwirrenden Informationen schafft zudem nicht unbedingt mehr Aufklärung, sondern dient oft der weiteren Rationalisierung der Lebenswelt, was existentielle Verunsicherung schafft. Die globalisierte Welt zeugt vom Aufschaukeln von Informationsüberflüssen. Nehmen wir gesellschaftlich also einen eher genealogischen als biographischen Standpunkt ein (Egloff 2020), ist davon auszugehen, dass traditionellere Gesellschaften bei der Reproduktion im Vorteil sind, was natürlich zu Lasten von Freiheiten, aber eben auch zu Lasten westlicher Anomietendenzen geht. Daher findet sich in westlichen Ländern nun ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach kultureller Verankerung. Die derzeitig gängigen poststrukturalistischen Konzepte gerade in diesem Bereich stehen dem zum Teil entgegen und befördern eher die existentielle Verunsicherung. Oft werden sie recht unbedacht verwendet und auf alles und jedes angewendet. Weder Körper noch Kultur spielen darin die ihnen zustehende Rolle, und sie werden einem meist unbestimmt genutzten Universalismus untergeordnet.

Mentalität und Debatten

Derzeitige poststrukturalistische Stoßrichtung findet sich auch im Spiegel-Artikel “Männer sind mir fremd geworden” von Nina Sternburg (2025). Ihr Lamento umfasst viele der heutigen Chiffren westlicher Millennials, von denen nicht wenige mit einem Ausmaß an Privilegien aufwuchsen, das Seinesgleichen sucht. Wenn die Autorin das ganze Repertoire der Begrifflichkeiten auspackt und in Deutschland Gewalt allerorten entdeckt, fragt man sich unwillkürlich, ob sie wohl vom Tocqueville-Effekt gehört hat. In ihren Ausführungen erfolgt zunächst nicht nur keine Selbstreflektion, keine historische Einordnung, keine Anerkennung historischer Bedingtheiten, sondern eher schon einiges an Verkennung. So rekurriert die Autorin auf irgendeinen Instagram-Post, postuliert Riss, Zäsur und manches andere. Aber immerhin, dann setzt Selbstreflektion ein: ihre 50-jährige Mutter, die ein Bekannter “nackig” sehen möchte, lässt die Autorin aufhorchen: ihre Mutter sei von Männern nicht entfremdet, sondern lediglich befremdet. Ist das etwa Erwachsenwerden?

Die Kunst, auch ein ungeschicktes Kompliment als solches zu erkennen, scheint auf dem Rückzug. Auch hier kommt es zudem auf Mentalität und Kulturkreis an: nicht nur ´Anmache´, sondern auch Reaktion können schon in Italien und Schweden sehr unterschiedlich sein (vgl. Egloff 2025). Vielleicht war die Mutter der Autorin ungeachtet der Plumpheit ein bisschen stolz auf die Nachfrage; auch das taucht in psychotherapeutischen Praxen manches Mal auf. Wir alle sind eben auch: Körper. Die Entkörperlichung, die auch Becker (2013) in Poststrukturalismus-Konzepten moniert, hat nämlich bereits einige Arbeit geleistet. Wo sie Einzug hält, befinden wir uns, psychoanalytisch gesprochen, auf dem regressiven Weg von der Endlust zur Vorlust, einer zwar dauerhaften, aber nur quasi-libidinösen Erregungskurve, die nie ihr Ziel, nie ihr Objekt, nie Befriedigung findet.

Das leise Versiegen von Libido und Fruchtbarkeit beginnt wohl dann, wenn Männer Frauen zu ähnlich werden. Dann werden sie entweder noch immer als zu fremd empfunden oder aber gar nicht mehr als Männer erlebt. Die Psychoanalytikerin Simone Reissner (2025) findet bei manchen jungen Pornographiekonsumenten gar das Verharren in der Kleinkind-Position, die man evolutionsbiologisch auch als Omega-Position bezeichnen kann. Aus dieser schaut man den Erwachsenen bei eher unverständlichen als ‚unanständigen‘ Sachen zu – mit denen zu tun hat man ohnehin nichts. Die Alpha-Position hingegen, für Männer zur Zeit schwer in Verruf, ist in Debatten nicht gefragt; wer weiß, ob diese durch Alpha-Frauen gefüllt werden kann (Paglia 2014).

So liegt der Gedanke nahe, dass es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, weg von: mit Pille weniger Lust, aber keine Kinder – das ‚alte‘ deutsche Modell – und: ohne Pille mehr Lust und mehr Kinder – das ‚alte‘ südliche Modell, hin zu: keine Pille, keine Lust, und auch keine Kinder. Wird dies das ’neu‘ global-westliche Modell? Dagegen existieren nennenswerte Initiativen eigentlich nur in wenigen südlichen Ländern wie Griechenland, Serbien, Italien, Spanien oder Malta, die die Brisanz der Thematik als hoch einschätzen und: die Kinder und – die fremden – Männer mögen.

Literaturhinweise

Becker, Sophinette (2013). Bisexuelle Omnipotenz als “Leitkultur”? Sexuelle Verhältnisse im gesellschaftlichen Wandel. Psychoanalyse im Widerspruch 25(49):7-25

Brucker, Cosima (2002). Kontrazeption bei Jugendlichen. Gynäkologische Endokrinologie 1:11-17

Bruer, Christian (2023). Kongressbericht Preis School April 2023: Stimulationsprotokolle, Chancen und Risiken bei älteren Patientinnen – und vom Benefit der Lutealphasenunterstützung. J Reproduktionsmed Endokrinol 20(4):174-175

Calleja-Agius, Jean u. Attard, Maria (2024). Will science alone save your fertility? Int J Prenat Life Sci 16(4):1-5

Choucroun, Danielle (2024). Refusal of medical contraception in a hypermodern age: does sexuality want to emancipate itself from science? Europ Gynecol Obstetr 6(2):50-53

Dadak, Christian (2025). Kontrazeption bei Jugendlichen. päd – Prakt Pädiatr 31(2):158-160

Egloff, Götz (2025). Weibliche Psychosomatik in der “postödipalen” Gesellschaft. gyn – Prakt Gynäkol 30(3):242-250

Egloff, Götz (2023). Psyche zwischen Libido und Medien: vom verlorenen zum virtuellen Objekt. gyn – Prakt Gynäkol 28(1):58-68

Egloff, Götz (2020). Time and Psyche. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.). Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 269-295

Egloff, Götz (2012). Der Monatsring als Alternative? Paracelsus 12(6):14-15

Egloff, Götz (2011a). Ist weniger mehr? Der Langzyklus als Therapeutikum. gyne 32(8):8-10

Egloff, Götz (2011b). Neues vom Langzyklus. Gynäkologische Endokrinologie 9(2):132

Farris, Manuela u. Bastianelli, Carlo (2025). Unmet needs of contraception in Italy and the role of transdermal contraception. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 6(1):1-5

Franjic, Sinisa (2023). Sperm are very small male sex cells. J Androl Gynaecol 11(1):1-4

Frenken, Ralph (2023). Venus-Phallus: psychologische Anmerkungen zu den sexuell doppeldeutigen Figurinen des Paläolithikums. In: Stubbe H, Frenken R (Hg.). Paläopsychologie – Erleben, Verhalten und künstlerische Gestaltungen des prähistorischen Menschen. Pabst, Lengerich, 157-206

Henkel, Ralf (2024). Role of mitochondria and redox state in sperm and oocyte health. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 5(1):27-33

Keck, Christoph (2019). Endokrine Aspekte bei Libidostörungen. gynäkologie + geburtshilfe 24(4):22-27

Nassar, Anwar (2023). Newsletter, American University of  Beirut, Medical Center. OB/GYN Wire 43(1):1-7

Paglia, Camille (2014). Alpha. Playboy (US), May 2014, A-Z Special Edition, A

Priskil, Peter (2024). ´Toxische Männlichkeit´. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 42(1):96-102

Reissner, Simone (2025). Unbewusste Motive bei Pornographiekonsumenten. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 43(1/2):95-102

Sternburg, Nina (2025). Männer sind mir fremd geworden. Der Spiegel 9, 55 (22.2.2025)

Wagner, Darja (2025). Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr? Paracelsus 25(3):48-53

 

Sternenlichter: Ein Kinder- und Jugendhospiz

Zu meiner Zeit als Student am anglikanischen Priesterseminar Ripon Hall, Oxford (seit 1975 Ripon College, Cuddesdon) trat ein Kommilitone für eine Spende an „St Joseph’s Hospice for the Dying“ (Das Hospitz St Josef) ein. Eine so direkt kompromisslos ausgesprochene Bezeichnung  „Herberge für die Sterbenden“ wirkte wie ein Überfall, eine unbequeme, unerwartete Konfrontation, denn obwohl wir eine dunkele Ahnung hatten, dass es „irgendwo“ diese Institutionen gab, vermuteten wir keine solche in unserer schönen heilen Welt, Oxford. Etwa von seiner „Überraschungs- und Schocktaktik“, seinem Engagement und der Begeisterung für die Sache benommen wie wir waren –  haben wir seinen Zweck unterstützt. Heutzutage ist das Hospiz-Konzept weltweit bekannt. Allerdings für unheilbar kranke Erwachsene! Als ich von einem Freund gehört habe, dass es in seinem Göttinger Stadtteil Grohne ein Kinder- und Jugendhospiz gibt, erneuerte sich meine Erinnerung an die Gefühle, Oxford 1973. Bei uns sterben Kinder und Jugendliche nicht. Oder?
„Überzeuge dich selbst“, hat mein Freund geantwortet und mich mit Frau Maren Iben, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter e.V., bekannt gemacht. Unser Interview erfolgte vor Ort am Mittwoch, den 12. November 2025:

Clifford Middleton: Was hat Sie, Frau Iben, motiviert, in einem Kinder- und Jugendhospiz arbeiten zu wollen?

Maren Iben: Die größte Motivation für mich war Sinnhaftigkeit: Sternenlichter wurde quasi aus dem Nichts aufgebaut. Denn es war das Ziel, eine Einrichtung aufzubauen, für Menschen, denen es wirklich nicht gut geht. Es war eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Motivation.

Welche vorherige relevante Berufsausbildung und Berufserfahrung haben Sie?

Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig – und das Eine geht in das Andere über: Das ist natürlich nicht nur für Spenden wichtig, sondern vor allem auch für Familien, die bei uns zu Gast sein werden und auch generell für die interessierte Öffentlichkeit. Eine medizinisch-pflegerische Ausbildung war für mich nicht nötig, sondern, dass ich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit „sattelfest“ bin.

Maren Iben

Nach Abschluss des Studiums der Germanistik und Kulturanthropologie an der Universität Göttingen war ich über fünf Jahre als Tageszeitungsjournalistin tätig; es folgten anderthalb Jahre Tätigkeit als Bordredakteurin auf Kreuzfahrtschiffen einer großen Reederei. Diese vorherigen Tätigkeiten und die gesammelten Erfahrungen helfen mir in meinem heutigen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wichtig, für die Menschen, die noch nie von uns gehört haben, in kurzen, knappen Worten beschreiben zu können, was die Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz ausmacht – immer angepasst an die jeweilige Zielgruppe.

Welche besondere Weiterbildung für oder Vorbereitung auf die Aufgaben im Kinder- und Jugendhospiz waren für Sie nötig?

Es war wichtig für mich, Zeit zu haben und mich in unserem damals noch sehr kleinen Team austauschen zu können. Wichtig war auch, andere Kinder- und Jugendhospize zu besichtigen, vor Ort mit Kolleg(inn)en in Kontakt zu treten und ein Netzwerk aufzubauen. So konnte ich mich inhaltlich vorbereiten. Für den Themenbereich „Fundraising“ habe ich ganz klassisch Fortbildungen gemacht.

Die externe Kommunikation richtet sich hingegen an die interessierte Öffentlichkeit, Presse, Spender(inn)en und weitere.

Welchen beruflichen Hintergrund und welche berufliche Erfahrung haben Ihre Mitarbeitenden vor dem Einstieg in das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter? Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen „idealen“ beruflichen Hintergrund für einen Einstieg?

Wir arbeiten im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter (in Göttingen) in einem multiprofessionellen Team. Das bedeutet: Man muss offen für unterschiedliche Menschen sein.  Auch eine gewisse Akzeptanz sollte da sein, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt oder wie mit dem Thema Tod und Sterben, Trauer und Krankheit umgegangen wird.

Welche sind Ihrer Meinung nach unentbehrliche persönliche Charaktereigenschaften bzw. Charakterzüge, über die man verfügen muss, um in einem Kinder- und Jugendhospiz,  wie den Sternenlichtern, arbeiten zu können?

Offenheit und Empathie sind in jedem Arbeitsbereich unserer Einrichtung (aus meiner Sicht) die wichtigsten Eigenschaften. Man muss auch verstehen, dass die Familien, die in unserer Einrichtung zu Gast sind, sich in einer extremen Ausnahmesituation befinden, und zwar oftmals über Jahre.

Muss man z.B. seelisch oder emotional besonders belastbar sein?

Es hilft, wenn man seelisch oder emotional belastbar ist. Aber am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen und es kann sein, dass das eine oder andere Schicksal einem näher geht.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Hospiz für Erwachsene und einem Kinder- und Jugendhospiz?

Der allergrößte Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu einem Erwachsenenhospiz keine reine Sterbeeinrichtung sind. Im Erwachsenenhospiz sind die Gäste in der letzten Lebensphase oder kurz davor. Im Kinder- und Jugendhospiz sind die Gäste lebensverkürzend und unheilbar krank.

Das kann bedeuten: das Kind wird mit 6 Monaten eine solche Diagnose bekommen, aber beispielsweise noch 5 Jahre weiterleben. Ab der Diagnosestellung können die Familien zu uns kommen … Wir begleiten die Familie durch den ganzen Krankheitsverlauf.

Welche „Programme“ bietet das Hospiz den Gästen und deren Angehörigen an?

Ganz unterschiedliche. Therapieangebote für die erkrankten Gäste bieten wir an, so wie sie sie brauchen. Ob Physiotherapie, Osteopathie, Musiktherapie, der Einsatz von Therapiehunden oder der Besuch von Clowns… es ist vieles möglich. Die Medikation unserer erkrankten Gäste wird natürlich auch ganz normal fortgeführt.

Freizeitangebote, psychosoziale Angebote allein oder in Gruppen, Kreativangebote in unserem Hause – vieles ist möglich. Unsere Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was die Familien möchten. Ganz wichtig ist jedoch: Niemand ist gezwungen, unser Angebot anzunehmen. Bei uns lautet die Devise: „Alles kann, nichts muss.“

Wie definiert man im Hospiz „Lebensqualität“?

Lebensqualität geht in den allerkleinsten Momenten los. Wir wollen versuchen, jeden Tag mit den Familien den Moment zu feiern z.B. beginnend bei einem leckeren Frühstück. Auch sehr wertvoll: ein gutes Gespräch, ein Moment des Lächelns, oder wenn die Kinder einfach mal ausgelassen sein können. Wir wollen Lebensfreude vermitteln, ohne aufgesetzt zu sein. Denn wir können nicht heilen, oder die belastende Situation ungeschehen machen. … wir können helfen, die nächste halbe Stunde, den nächs- ten Nachmittag, das nächste Wochenende… gut zu gestalten. Wenn … die Familien sagen, es war eine unglaublich schwere Zeit, aber wir wurden gut begleitet und aufgefangen, dann haben wir das erreicht, was wir erreichen können. Für die Eltern bedeutet Lebensqualität beispielsweise, eine Nacht durchschlafen zu können und nicht immer auf Alarm zu sein. … ich kann heute Abend essen gehen oder mit den gesunden Geschwistern einen Ausflug machen“.

Wie positiv ist die lokale öffentliche Einstellung, Wahrnehmung und Akzeptanz dem Konzept des Kinder- und Jugendhospizes gegenüber?

Wir sind (hier) mitten im Wohngebiet. bevor es los ging mit dem Bau haben wir Ankündigungsbriefe in die Briefkasten geworfen über das, was wir sind und was wir vorhaben. Man kann sich auf einen Kaffee mit uns treffen. Im Ortsteil Grohne gibt es aktives Vereinsleben, in das wir uns gleich integriert haben. Wir versuchen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit vorgefertigte Vorstellungen aufzulockern.  Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Akzeptanz ist da. Menschen können ihre eigene Unsicherheit  oder Angst und Leid verbalisieren und uns (trotzdem) nachher gerne unterstützen.

Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft der Kinder- und Jugendhospizbewegung regional, national und international aus?

Wir hoffen, dass die Zukunft gut aussieht – letztendlich hängt es aber davon ab, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns finanziell und ideell zu unterstützen, und unsere Arbeit in ihr Netzwerk zu tragen. Unsere Zielgruppe – unheilbar und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche wird es immer geben. Einrichtungen wie unsere sind für sie und ihre Angehörigen eine wichtige Anlauf- stelle.

Ein weiterer Faktor ist, dass es seit wenigen Jahren keine gesonderte Kinderkrankenpflegeausbildung mehr gibt. Die Kinderkrankenpflege unterscheidet sich aber in vielen Bereichen von der medizinisch- en Versorgung Erwachsener. … Kinder haben zudem altersabhängig unterschiedliche emotionale Bedürfnisse. Im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter sind wir gut aufgestellt in unserem Pflege- team, suchen aber weiterhin noch Kolleginnen und Kollegen. Wichtig: Nicht nur Pflegefachkräfte können sich bei uns bewerben, sondern auch Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger.

 

Interview: Clifford Middleton 

Fotos: Maren Iben, Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter, Göttingen

„Proof“ by David Auburn, the New Premiere at the English Theatre of Hamburg

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Have you ever heard of David Auburn, one of the most productive American playwrights of our days? If not, it is high time you learn about his oeuvre. The audience of The English Theatre will greatly enjoy his drama “Proof” that won him not only the coveted Pulitzer Prize but also the Tony Award. This gripping play about a mathematical genius – or even two geniuses (one of them female) –  has proved an overwhelming success on the international theatre stages. A much acclaimed movie stars Gwyneth Paltrow and Anthony Hopkins in the leading parts.

Although Robert (Richard Ings) is dead he is haunting his daughter in her day dreams. While Catherine (Georgina Casbarra) is sitting on the porch of her home in Chicago on a sunny afternoon, Robert appears as a ghost in front of her. Why is she, a brilliant mathematician like himself, neglecting her scientific work? Has she become lazy bones? By no means. Since Catherine has been caring for her demented father for years, she has completely dropped out or her own mathematical studies. Now she worries about inheriting her father’s mental illness along with some of his talent.

Sisterly concern

When Catherine’s sister Claire (Katherine Bristow) learns about her father’s death, she leaves New York immediately to assist Catherine in organizing the funeral. Claire being completely matter of fact, thus the exact contrast of Catherine, does not lose time with grieving over the deceased. Why does Catherine not fly with her to New York and enjoy Big Apple with all its diverse pleasures? A complete change of scenery would do the younger sister a world of good. To Claire’s surprise Catherine denies her offer and insists on staying in Chicago.

A friend turns up

During Robert’s funeral service Hal (Peter Dewhurst)  turns up. He was one of Robert’s most gifted students who now feels entitled to go through his late master’s papers. Catherine falls in love with the young man and even spends the night with him. Next morning Catherine and Hal are enjoying a good breakfast while Claire is fighting a terrible hangover nausea. Wow – who on earth could ever have imagined such a faux pas committed by so fine and stylish a lady like Claire.

Heureka – a sensational find!

Meanwhile Hal is poring over Robert’s notes searching for some final note of brilliance left by his late professor. Finally he comes across a notebook that reveals a sensational result. Did Robert really crack an important mathematical proof! But, surprise, surprise, Catherine claims that this notebook contains her and not Robert’s work. Is she really the the one who finally “cracked the nut?”

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Claire and Hal can’t believe that Catherine is the genius and not Robert as everybody else would have suggested. Claire even reveals her doubt about Catherine’s mental sanity. Catherine falls into  depression and cannot believe what her own sister is doing to her. However, Hal hands the notebook over to experts in his math department who will determine its authenticity. The result of their research shakes the academic world. It becomes clear that Catherine and not Robert has achieved the “unthinkable.”

Catherine is happy and thankful for Hal’s assistance and loyalty in her “case.” She plucks up courage again und decides to continue her studies. She will prove to the world that she can live her own independent life without being patronized by others.

Conclusion:  Persistence pays off.

According to David Auburn his play is not really about mathematics.  Critics claim that “Proof” is ostensibly about math, but it is merely a background of the exploration of the calculus of familial trust, love, grief and loyalty.” Others claim an underlying sexism. A female mathematical genius? Unthinkable in a world full of machos who think that only their sex is up to academic peak performances. The author, however, proves that genius is by no means a question of gender. Feminists will build him a monument for his courage to refute centuries-old prejudices.

A great evening at the ETH brimming with highly emotional and  funny moments, performed by four outstanding “thespians” under the direction of Clifford Dean.

Last but not least a homage for David Auburn by The New York Magazine: “When we think of great playwrights we think of Arthur Miller, Eugene O’Neill and Lillian Hellman. Welcome David Auburn to the club!”

Last performance of “Proof” on April 11, 2026, Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “All New People” by Zach Braff on April 27, 2026

Photos: Stefan Kock

„Proof“ (Der Beweis) von David Auburn, die neue Premiere am ETH

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Sind Mathematiker per se verpeilt oder gar verrückt? Diese Frage beschäftigt David Auburn in seinem Drama „Proof“, das dem amerikanischen Autor sowohl den begehrten Pulitzer Preis als auch einen Tony Award einbrachte. Das von vier Schauspielern getragene Stück spielt in Chicago um das Jahr 2000.

Die gerade 25 Jahre alt gewordene Catherine trauert um ihren Vater Robert, ein allseits bewundertes Genie auf dem Gebiet der Mathematik. Während sie die Vorbereitungen für seine Beerdigung trifft, erscheint ihr Roberts Geist auf der Veranda ihres Hauses mit einer Flasche Champagner, um mit ihr auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.

Robert wirft Catherine vor, ihre Forschungsarbeit vernachlässigt zu haben. Ist sie doch selbst eine brillante Mathematikerin, die ihr Talent nicht verschwenden sollte. Catherine zeigt sich zutiefst verstört. Die jahrelange aufopfernde Pflege, die sie ihrem dementen Vater angedeihen ließ, hat sie viel Kraft gekostet und ihr kaum Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gelassen. Auch Freundschaften hat sie seinetwegen nicht pflegen können. Selbst ihre Schwester Claire ist ihr fremd geworden. Catherines größte Sorge aber gilt ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Womöglich hat sie Roberts Geisteskrankheit geerbt. Wer weiß das schon…

Hal, ein ehemaliger Student und Bewunderer Roberts, macht sich währenddessen daran, den wissenschaftlichen Nachlass des Verblichenen zu ordnen.

Schwesterliche Fürsorge

Pünktlich zur Beisetzung des Familienpatriarchen reist Catherines  Schwester Claire aus New York an. Besorgt über den depressiven Zustand ihrer jüngeren Schwester, möchte sie Catherine mit sich nach Big Apple nehmen, wo sie schnell von ihrer Trauer um den Vater abgelenkt würde. Catherine lehnt ab und verweist auf Hal, der ihr zur Seite steht. Wer zum Teufel ist der? Die pragmatische Claire vermutet, dass dieser Hal nur in Catherines Fantasie existiert. Ist die kleine Schwester etwa gerade dabei, ihren Verstand zu verlieren wie ihr Vater? Immerhin hat sie vor kurzem sogar die Polizei alarmiert, als sie sich einbildete, dass jemand Roberts Notizen stehlen wollte. Wo soll das noch hinführen!

Eine Trauerfeier und ihre Folgen

Auf der Feier im Kreise der Freunde und Kollegen des Verblichenen kommen sich Catherine und der sympathische Hal näher, während die sonst so kontrollierte Claire sich sinnlos betrinkt und am nächsten Morgen völlig verkatert zum Frühstück erscheint. Dennoch konfrontiert sie Catherine mit der Forderung, das Elternhaus in Chicago zu verkaufen. Gehört ihr nach Roberts Tod doch die Hälfte der Immobilie, für deren Erhalt sie jahrelang aufgekommen ist und auch die Hypothek bezahlt hat. Catherine ist empört und argumentiert, sie habe ihre eigene akademische Laufbahn aufgegeben, um jahrelang ihren dementen Vater zu pflegen. Claire kontert, dies sei Catherine nicht gut bekommen. Wenn Catherine sarkastisch anmerkt, ihre Schwester wolle sie wohl in eine Klapsmühle verfrachten, bestreitet diese dies vehement: Aber, aber, davon kann doch keine Rede sein.

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Catherine ist entschlossen, ihr abgebrochenes Studium an der Northwestern University wieder aufzunehmen. Hal zeigt sich beeindruckt von ihrer Entscheidung und fährt fort, Roberts umfangreiche Notizen zu sichten. Ganz unten im Fach des Schreibtisches macht er eine schier unglaubliche Entdeckung.  Eureka – ich hab’s gefunden!   Wusste Catherine etwas von dem Eintrag in Roberts Notizen, der aussieht wie ein mathematisches Theorem über Primzahlen, das Mathematiker von jeher zu beweisen versuchten, ohne jedoch einer Lösung näher gekommen zu sein?  Ein wahrer Geniestreich, der alle bereits vorhandenen Erkenntnisse auf den Kopf stellt. Als Catherine erklärt, sie und nicht Robert habe diesen Beweis erbracht und niedergeschrieben, will weder Hal noch Claire ihr Glauben schenken.

Catherine, das verkannte Genie

Nachdem sich die Wellen geglättet haben und Hal die angeblich von Robert verfassten Notizen noch einmal gründlich durchgegangen ist, kommt er zu der Erkenntnis, dass Catherine und nicht Robert die Urheberin dieses bahnbrechenden Lehrsatzes ist. Denn zu Roberts Lebzeiten existierten die neueren mathematischen Techniken noch gar nicht, mit denen er hätte bewiesen werden können. Trotz dieser Versicherung befürchtet Catherine, dass „etwas mit ihr nicht stimmt“. Aber Hal versichert ihr, dass die abgedroschene Formel „Genie gleich  Wahnsinn“ jeglicher Grundlage entbehrt.

Catherine wird ihr Studium wieder aufnehmen, in Zukunft eng mit Hal wissenschaftlich zusammenarbeiten und beweisen, dass sie in der Lage ist, ein unabhängiges produktives Leben zu führen.

Fazit: Jene, die konsequent ihr Ziele im Auge behalten, werden am Ende mit Erfolg belohnt.

„Proof“ beginnt behäbig ohne Spannungsbögen und plätschert  dahin, ohne dass der Zuschauer zunächst einen Einblick in das eigentliche Sujet gewinnt. Bald aber wird ersichtlich, welchen Sprengstoff das fast ödipale Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Robert, einem international anerkannten Mathematiker, und der gerade 25-jährigen Catherine in sich birgt. Hing Catherine – selbst eine äußerst begabte Mathematikerin – während Roberts aktiver Zeit nicht wie eine Marionette an dem von ihrem Vater geführten Spielkreuz? Seit Robert in geistige Umnachtung verfiel, gab die Tochter ihr vielversprechendes Universitätsstudium auf, um sich ganz der Pflege ihres Vaters zu widmen. Regelmäßig erscheint dieser ihr jetzt als Geist, der sie rügt, ihre Studien vernachlässigt zu haben.

Catherines Schwester Claire, eine erfolgreiche New Yorker Währungsanalystin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie verfolgt ihre Karriere und beobachtet den geistigen Verfall ihres Erzeugers aus der Distanz. Wäre der Vater nicht besser an einem Ort aufgehoben, wo man sich professionell um ihn kümmert?

Zu den beiden ungleichen Schwestern gesellt sich Hal, ein ehemaliger  Student Roberts, dessen Aufgabe es ist, den geistigen Nachlass seines Lehrmeisters unter die Lupe zu nehmen. Und damit beginnt der wahre Plot dieses von Clifford Dean ebenso spannend wie intelligent inszenierten Stückes. Denn was Hal in Roberts zahlreichen Notizheften schließlich entdeckt, hat das Zeug, die wissenschaftliche Welt buchstäblich aus den Angeln zu heben.

Gehen wir gleich in medias res: Eureka! Der smarte Hal hat mit der untrüglichen Nase eines Trüffelschweins das mathematische Theorem über Primzahlen aus dem unübersichtlichen Haufen von Notizen herausgefischt, nach dem Mathematiker forschten, so lange es diese Spezies gibt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass Catherine und nicht ihr Vater Robert für diesen Geniestreich verantwortlich zeichnet.

Doch nun passiert das, was manche als eine Art schlecht unter dem Deckel gehaltenen Sexismus empfinden. Wie kann es sein, dass eine Frau in dieser (immer noch) von Männern dominierten Welt der Wissenschaft zu einem derart bahnbrechenden Forschungsergebnis gelangen konnte! Während Claire vermutet, dass ihre Schwester ihrem verstorbenen Vater diesen späten Erfolg abspenstig machen will, glaubt Hal nach genauen Recherchen mit Fachleuten an Catherines Urheberschaft.

David Auburn, der Autor von „Proof“, betonte in einem Interview, es gehe in seinem Stück eigentlich gar nicht um Mathematik. Da müssen wir allerdings lebhaft widersprechen. Es geht sehr wohl um Mathematik, um Beweise und mathematische Aktivität. Viele Mathematiker sprechen gar von der „feinsten unwiderlegbaren“ Wissenschaft auf dem Planeten. Mathematik ist auch weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft, sondern eine Strukturwissenschaft, die abstrakte Zusammenhänge, Muster und logische Strukturen untersucht, statt nur Zahlen zu berechnen. Noch Fragen?

Wieder einmal hat das English Theatre vier bemerkenswerte Schauspieler auf die Bretter des Hauses gebracht. Beeindruckend ist die Leistung Richard Ings als Robert. Er stellt den dementen Wissenschaftler mit einer Intensität dar, die an die Nieren geht. Catherine, gespielt von Georgina Casbarra, berührt mit ihrer Verletzlichkeit, während Katherine Bristow Claire die toughe Karrierefrau aus New York überzeugend gibt. Bleibt noch Peter Dewhurst als liebenswerter Hal, der am Ende alle Fäden in der Hand hält.

„Proof“ läuft bis zum 11. April 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „All New People” von Zach Braff am 27. April 2026

Fotos: Stefan Kock

Vier auf einen Streich

Quelle: Deutsche Post

Gleich vier Würdigungen hat die Deutsche Post zum Ende des vergangenen Jahres in Form der Widmung einer neuen Briefmarke vorgenommen. Gewürdigt wurden beziehungsweise werden Bernhard Lichtenberg aus Anlass seines 150. Geburtstags am 3. Dezember 2025, Margot Friedländer aus Anlass ihres Todes am 9. Mai 2025, Hildegard Knef aus Anlass ihres 100. Geburtstags am 28. Dezember 2025 sowie das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, das vor über 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins vor dem Kölner Rathaus mit dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 begann.

Die Marke „150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg“ fällt schon insofern aus dem Rahmen, als sie im Unterschied zu den drei anderen nicht 95 Cent wert ist, sondern 15 Cent mehr. Zudem war Hildegard Knef eine im west- beziehungsweise süddeutschen Ulm geborene Wahlberlinerin und Margot Friedländer eine gebürtige Berlinerin, während Bernhard Lichtenberg als einziger aus Ostdeutschland stammte. Schließlich dürfte Lichtenberg von den drei Personen die mit Abstand unbekannteste sein. Dabei wird er in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt sowie in Israel zu den Gerechten unter den Völkern gezählt. Das ist auf seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen.

Bernhard Lichtenberg

In der Kreisstadt Ohlau im Regierungsbezirk Breslau geboren, verschlug es den katholischen Kaufmannssohn nach dem Theologiestudium in Innsbruck und Breslau nach der Priesterweihe 1899 in Schlesiens Hauptstadt bald in die Reichshauptstadt. Damals gehörte Berlin noch als Teil des Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern zum Bistum Breslau, und der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, war dafür bekannt, viele der besten seiner jungen Priester in diese Diaspora zu schicken, wo es viel zu tun gab. Insofern kann Lichtenbergs Entsendung als Auszeichnung interpretiert werden. Der Schlesier machte denn dort auch Karriere. Nach der Errichtung des Bistums Berlin 1930 wurde er im darauffolgenden Jahr residierender Domkapitular, 1932 Dompfarrer an St. Hedwig und 1938 schließlich Dompropst – und damit im Grunde die Nummer 2 nach dem Bischof.

Erinnerungsblatt 150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg, Quelle: Deutsche Post

Lichtenberg war ein Vertreter des den Nationalsozialisten besonders verhassten politischen Katholizismus. Von 1919 bis 1933 saß er für die Zentrumspartei in Charlottenburgs Parlament. Als 1930 „Im Westen nichts Neues“ in die Kinos kam, rief er dazu auf, sich die Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigem Antikriegsroman anzuschauen. Kaum, dass die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren, durchsuchte die Gestapo erstmals seine Wohnung. 1935 protestierte er in einer Beschwerdeschrift gegen die Zustände im KZ Esterwegen. Daraufhin verhört und misshandelt die Gestapo ihn wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“. Nach der sogenannten Reichskristallnacht betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. Nachdem der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die sogenannte Euthanasie publik gemacht hatte, schrieb Lichtenberg Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti einen Protestbrief.

Noch im selben Jahr, am 23. Oktober 1941, nahm ihn die Gestapo fest. Dabei wurde eine von ihm vorbereitete Kanzelvermeldung entdeckt, in der er ein antisemitisches Flugblatt als „Hetzblatt“ bezeichnete. Wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz wurde der Geistliche zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Lichtenberg nicht etwa freigelassen. Vielmehr verfügte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf dem Transport in das KZ Dachau ist der schwer herz- und nierenkranke Häftling am 5. November fern der Heimat im fränkischen Hof gestorben.

Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck

Oh du fröhliche…

Am 5. Dezember fand unsere diesjährige traditionelle Weihnachtsfeier zum zweiten Mal im Residenzhotel „New Living Home“ in Hamburg-Stellingen statt.

Den Auftakt bildete ein Cocktailempfang im festlich geschmückten Musikzimmer. Nachdem unsere Präsidentin Maren Schönfeld die Mitglieder begrüßt hatte, ging es gleich in medias res.

Vier Wortbeiträge erwarteten ein gespannt lauschendes Auditorium. Der Auftritt von Wolfgang Bremke als Kuddel Daddeldu gehört bereits zum Ritual.

Kuddel Daddeldu alias Wolfgang Bremke

Da steht er nun, der Old Sailor Boy, mit keck in den Nacken geschobener blauer Schiffermütze und rezitiert den unsterblichen, köstlich frivolen Text von Joachim Ringelnatz. Applaus, Applaus. Danke, lieber Wolf, bis zum nächsten Mal.

Während sich einer in der Runde Gedanken über den grassierenden Kapitalismus machte – oh, die Milliardäre dieser Welt – ging es in einer anderen Erzählung um das Phänomen des schönen Scheins. Eine weitere Geschichte entführte uns gar in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Alster im Winter zwar regelmäßig zugefroren, aber nie einbruchsicher war. Manch Waghalsiger nahm da ein unfreiwilliges eiskaltes Bad.

Wenn wir unser beliebtes Würfelspiel auch bereits seit über fünfzehn Jahren zelebrieren, muss es in jedem Jahr akribisch erklärt werden. Die Regeln sind denkbar einfach. Dennoch kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Muss man eine Sechs oder eine Eins würfeln, um weiterzukommen – das ist hier die Frage.

Birgit Romann-Pontow und Witka Kova vor dem Knusperhäuschen

Den Part unseres ehemaligen, inzwischen verstorbenen Präsidenten Günther Falbe, der jedes Jahr aufs Neue die Regeln mit engelhafter Geduld erklärte, hatte in diesem Jahr unser Mitglied Birgit Romann-Pontow übernommen. Sie meisterte diese Aufgabe ebenso souverän wie weiland Günther.

Das Würfelspiel brachte überraschenderweise ein neues DAP-Mitglied hervor, das sogleich zum Maskottchen unseres Verbands erklärt wurde: Der DAPP wird von nun an bei jeder Weihnachtsfeier dabei sein und hoffentlich sein Ehrenamt zu unserer aller Zufriedenheit wahrnehmen.

Das Essen  kam heiß auf den Tisch. Es gab somit keinerlei Grund zu irgendwelchen Beanstandungen. Im Vorwege konnte zwischen drei Menüs gewählt werden: Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, Hamburger Pannfisch mit Bratkartoffeln und vegetarische Ravioli.

Fazit: Wir erlebten eine gelungene Weihnachtsfeier. Ganz so, wie man sie sich kurz vor dem Fest in unserer turbulenten Zeit nur wünschen kann.

Allen Mitgliedern und Lesern unseres Onlinemagazins wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest und einen fröhlichen Rutsch ins Neue Jahr. Und nie vergessen: „War das alte Jahr ein gutes, freu‘ dich auf das neue. War das alte aber schlecht, ja dann erst recht!“

(Fotos: Birgit Romann-Pontow, Maren Schönfeld)