Empfehlungen für das Lesen und Schreiben

In diesem Artikel finden sich zwei Rezensionen, beide Bücher sind Hardcoverbände aus dem gleichen Verlag: Favoritenpresse aus Berlin. Ich kenne den Gründer, Bodo von Hodenberg, seit ein paar Jahren und finde es bewundernswert, welch gut ausgestattete Bücher er seit mehreren Jahren macht. Zu seinem Hintergrund: Er war vorher Chef-Einkäufer des Großversands Frölich und Kaufmann.

Wie sollte man ein Buch lesen?

Dieser Titel ist von der Autorin Virginia Woolf, von der in meiner Buchreihe „Perlen der Literatur“ der Band 16, Orlando, stammt. Es hat bei 48 Seiten das handliche Format von 17 × 17 cm, eine Fadenheftung. Der Deckenband besteht aus einem sehr haltbaren Papier mit einer Leinenprägung und einem Mattlack als Schutz, jedoch ohne weitere Kaschierung oder Cellophanierung. Er ist, genau wie der Buchblock im Innenteil, durchgängig zweifarbig in Dunkelgelb und Schwarz gedruckt, was ein schönes, einheitliches Erscheinungsbild mit sich bringt.

Der Text von Virginia Woolf in der Übersetzung von Eric Eichinger liest sich flüssig und spricht den Leser direkt an. Ihr erster Rat besteht darin, keinen Rat anzunehmen, außer dem eigenen Instinkt zu folgen. Das gefällt mir wunderbar, scheint jedoch die nächsten Seiten überflüssig zu machen. Sie spricht von der Sparsamkeit mit Ressourcen (gemeint ist die Zeit) und davon, wie man sein Leseverhalten etwas besser strukturiert.
Die Autorin verweist selbstverständlich darauf, dass Bibliotheken Ordnung schaffen und nicht nur das Wiederfinden erleichtern, sondern das Strukturieren aller Inhalte. Sehr gut hat mir der Satz gefallen „Bücher werden zu Komplizen“. Um zu würdigen, wie schwer es ist, einen Roman zu schreiben, gibt sie den einfachen Tipp, doch selber zu schreiben und damit zu merken, wie schwierig es ist, die  passenden Formulierungen zu finden und diesen Stil dann beizubehalten – eine einfache, aber  wirkungsvolle Empfehlung. Dennoch versucht sie zu vermitteln, gute von schlechten  oder mittelgute von  brillanten Büchern zu unterscheiden. Sie empfiehlt, öfter aus dem Fenster zu schauen, denn es ermüde, Abfall zu lesen.
Weiterhin geht Virginia Woolf auf die Komplexität des Lesens ein und kommt zu dem Schluss: Wir brauchen nur Bücher miteinander zu vergleichen, und zwar jedes mit den Besten seiner Art. Welches das beste ist, findet man im Laufe von Jahren heraus, und man stellt es sich im Bücherschrank an eine besondere Position. Dann vergleicht man andere gelesene Texte damit und entwickelt zunehmend einen eigenen Geschmack. Das ist das Ziel ihres Buches: Der Leser möge einen eigenen Geschmack entwickeln und ihn später verfeinern.

Wie diese Verfeinerung des Geschmacks zu funktionieren hat, überlässt sie natürlich dem Leser selbst, gibt aber gute Hinweise. Gegen Ende kommt sie darauf zu sprechen, dass es  eine besondere Fähigkeit der Einbildungskraft sei, die das Lesen fördere. Je mehr man liest, desto besser wird die Einbildungskraft. Der Schlusssatz lautete sinngemäß, wenn jemand stirbt und vor den Allmächtigen tritt und dieser zu Petrus sagt: „Sie liebte es zu lesen“, dann hätte man sein Lebensziel erreicht.

Die Südkoreanerin Ji Hyun Yu hat das Buch mit  durchgängig gelb-schwarzen Illustrationen bereichert, die auf angenehme Weise zeigen, was die Autorin meint. Sie hat es mit viel Humor so illustriert, dass  hierdurch fast eine neue oder erweiterte Geschichte entsteht. Das ist die große Kunst dieser 40-jährigen Illustratorin, die in Mainz studiert und unter anderem für das Zeit-Magazin, die New York Times und den Esquire gearbeitet hat.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Obwohl die Autorin schon seit 85 Jahren tot ist, sind ihre Texte lesenswert, und aus diesem Essay ein komplettes 48-Seiten-Buch zu machen, dessen Titel – wie die Autorin besonders betont – mit einem Fragezeichen endet, ist dem Verleger hoch anzurechnen. Wie sollte man ein Buch lesen? Meine Antwort: Indem man dieses hier kauft und sich mit Virginia Woolfs Anregungen und Argumenten auseinandersetzt.

Virginia Woolf: Wie sollte man ein Buch lesen?, Favoritenpresse, Berlin 2022, 48 S., ISBN 978-3-96849-067-0, € 15

Wie sollte man ein Buch drucken?

Das fast quadratische illustrierte Wörterbuch des Buches (17 x 20 cm) von Stephan Füssel ist auf einem 1,75 fachen, leicht gelblich-weißen Werkdruckpapier zweifarbig gedruckt. Die Schmuckfarbe ist eine Volltonfarbe, ein angenehmes, mittelhelles Grün. Zwar waren zweifarbig gedruckte Bücher bis in die Achtzigerjahre hinein üblich, da sie die Schmuckfarbe gezielt einsetzen, der Druck aber nicht so teuer war wie vierfarbig gedruckte Exemplare. Mit Aufkommen der Online-Druckereien und dem Preiswerterwerden des vierfarbigen Offsetdrucks wird dieses Verfahren nur noch selten angewandt. Es bietet sich an, wenn feine Linien und größere Flächen in dieser Schmuckfarbe sind, die beim farbigen Druck gerastert werden müssten, was hier entfällt, wenn man mit Volltonfarbe von Pantone oder anderen Herstellern druckt. Ein großes Lob an den Verleger für diese Entscheidung.

Die vielen Illustrationen sind von verschiedenen Künstlern unter der Leitung von Jakob Hinrichs entstanden. Sie sind anregend, humorvoll und expressiv, jedoch – das muss ich einschränkend sagen – erklären sie nicht immer den Begriff, den sie visualisieren sollen.

Die Basis dieses Buches stammt aus dem Jahr 1954 von Helmut Hiller und wurde mehrfach von Professor Füssel, der in Mainz Buchwissenschaften gelehrt hat, überarbeitet. Ich kenne auch die Vorgängerversionen, die mir immer sehr gut gefallen haben. Diese hatten jedoch keine Illustrationen. Der Buchsatz ist in einer serifenlosen Schrift zweispaltig gesetzt, die Spaltenbreite ist als angenehm anzusehen, der Zeilenabstand könnte ein wenig größer sein. Warum gelegentlich einzelne Worte gesperrt sind, lässt sich nur dadurch erklären, dass der Setzer eine falsche Voreinstellung von InDesign gewählt haben muss, denn man darf gemeine Buchstaben niemals sperren, was jedoch beim Layoutprogramm InDesign bei entsprechender Einstellung passieren kann. Die Begriffe selbst sind in Versalien und halbfett gedruckt, die Verweise in einer kursiven, serifenlosen Schrift. Außerdem sind Verweise in Grün gedruckt. Es gibt also drei Arten der Hervorhebung: kursiv, serifenlos und Druckfarbe, das sind nach den Regeln der Druckkunst zwei Auszeichnungen zu viel. Dass sich Versalbegriffe etwas langsamer lesen lassen, ist sicherlich gewollt, auch wenn es mir persönlich nicht sonderlich gut gefällt.

Die Substanz ist dem Studiengang Buchwissenschaften geschuldet, selbst als Fachmann entdeckt man einige spannende Dinge, von denen man zuvor nichts wusste.

Manche Begriffe sind ein wenig veraltet, was jedoch meist dabei angemerkt wird. Einen „Andruck“ macht man heutzutage nicht mehr auf einer Auflagenmaschine, da helfen digitale Techniken viel preiswerter und schneller weiter und sind exakt so gut wie der damalige Andruck.

Die Ausführungen zu den Anführungsstrichen haben eine recht gute Illustration, sind aber viel zu kurz gegriffen. Denn es gibt neben den erwähnten drei Anführungsstrichen noch andere, und diese wurden weder bezeichnet noch wurde dazu eine Empfehlung abgegeben, was ich als Mediengestalter schade finde. Anschaulich und hilfreich sind die Anmerkungen zum Chinapapier,  zum Begriff des Durchschusses ebenfalls. Letztere hat eine sehr nette Grafik. Betrachtet man die Definition des Durchschusses genauer, fehlen mir die Angaben, wie viel der Durchschuss sein sollte, beispielsweise: Schriftgröße 11 mit 4 Punkt Durchschuss ergibt einen Zeilenabstand von 15 Punkt.

Dass die mittlerweile kaum noch in Papierform erscheinenden Enzyklopädien weitgehend durch digitale Inhalte abgelöst wurden, ist bekannt und wird auch im Wörterbuch vermerkt. Dennoch widmet der Autor diesem Thema eine ganzen Spalte, was sicherlich dem historischen Hintergrund der großen Bedeutsamkeit damaliger Enzyklopädien geschuldet ist.

Gelernt habe ich etwas bei dem Begriff „Narbe“, denn er bezeichnet eine künstlich gestellte Oberfläche von Leder (oder reale Oberfläche von Leder). Das wird  detailliert beschrieben, was mich freut. Auch der Begriff „Neumen“, was Handschrift aus dem Mittelalter bezeichnet, war mir nicht bekannt.

Erfreulich finde ich, dass die Mainzer Minipressemesse als Buchdruck-Kunst-Fachmesse hervorgehoben wird. Andere vergleichbare Messen wie die BuchDruckKunst in Hamburg oder die Schweizer Messe in Neuenfelde werden jedoch nicht erwähnt. Bei den gesammelten Biografischen Gesellschaften finden sich es auch hilfreiche Anmerkungen, jedoch werden hier keine deutschen Gesellschaften erwähnt, wozu beispielsweise die Pirckheimer-Gesellschaft gehört.

Der letzte Begriff, der mir neu war, ist die „Tragweite“: Sie bezeichnet das Maß, in dem Papier sich unter Feuchtigkeitseinfluss und unter Bearbeitungseinflüssen dehnt oder zusammenzieht.

Fehlendes zu kritisieren und Überflüssiges als veraltet anzugeben, ist leicht! Diese Rezension beinhaltet Kritik auf hohem Niveau. Das Buch gefällt mir ausgezeichnet und ich kann es sehr empfehlen.

Es ist hervorragend, dass ein breites Lesepublikum durch die schöne Optik des  Hardcover-Bandes, der mit 28 Euro zudem noch preiswert ist, an das Thema Buch herangeführt wird.

Ein letzter Kritikpunkt: Die Verwendung eines 1,75-fachen Volumens bringt es mit sich, dass das Buch zwar relativ leicht ist, aber mit vier Zentimetern sehr dick. Würde man ein anderes Papier verwenden, käme man möglicherweise sogar auf weniger als zwei Zentimeter Dicke.  Mein im Jahr 2002 gestaltetes, vergleichbares Verlagslexikon hat 400 Seiten und nur 2,1 Zentimeter Dicke.

Ich bin also etwas befangen, möchte jedoch dieses Wörterbuch des Buches jedem empfehlen, der mit Verlagen zusammenarbeitet, der gestaltet, der als Dienstleister tätig ist oder Ähnliches, denn die Fachbegriffe sind schlicht und einfach unersetzlich. Man muss sie kennen und richtig einsetzen.

Zum Schluss eine persönliche Anmerkung zu den Illustrationen: Ich habe in den 1990er Jahren einen Vorläufer meines Verlagslexikons im Rahmen des Verlagshandbuchs hergestellt und hatte dort weit über 100 4-farbige Illustrationen, die meine Studenten hergestellt haben. Jede dieser Illustrationen hatte erläuternde Begriffe integriert und konnte den Begriff verständlich machen, während die Illustrationen im Wörterbuch des Buches  ein optisches Beiwerk sind, das nicht den Anspruch hat, jeden Begriff  durch die Illustration zu erklären. Für eine mögliche weitere Auflage  würde ich dem Verleger der Favoritenpresse diese Illustrationen gern zur Verfügung stellen.

Stephan Füssel: Das illustrierte Wörterbuch des Buches, Favoriten Presse, Berlin 2026 (neue Auflage), 352 S., ISBN 978-3-96849-146-2, € 28

Verlagslink: https://www.favoritenpresse.de

Fotos: Ralf Plenz

„All New People“ by Zach Braff – The New Premiere at The English Theatre of Hamburg

Did you ever hear of Zach Braff? If not, it is high time to make his acquaintance for Zachary Israel Braff, born 1975, is a filmmaker and an actor well-known in the United States and Britain. During his long career he directed a variety of televison series such as “Scrubs“ and starred in a other popular productions.
„All New People“ is Zach’s first play in wich he appeared himself as Charlie (Will Edgerton), an unhappy young man who seems to be weary of life. Why? Wait and see what is happening on the stage oft the ETH.

An angel saves Charlie’s life

Charlie has decided to commit sucide by hanging himself in the living room of a friend’s trendy beach house on an island in New Jersey. As he dangles on the noose Emma (Claudia Watanabe), a British real estate agent, storms in and saves his life. Emma who is desparate for a green card was expecting a client when she found the young chap in distress. Lucky Charlie!

When the door bell rings Charlie and Emma are joined by Myron, a fireman who increases his salary by dealing with drugs. When the bell rings again a pretty stylish girl named Kim (Paloma Sidik Amaya) joins the trio. Kim works as an escort girl and gets angry when anyone calls her a prostitute. How dare you! She has been hired by one of Charlie’s friends to cheer him up.

Guilt and atonement

As the play proceeds we learn that the four „all new people“ are wrestling with their own morality and the choices they make. Charlie feels guilty of the death of six innocent people that were killed in an accident on an airstrip. As an air controller he was once absent-minded when two planes crashed. Although he had been relieved from any guilt, he still feels depressed and guilty.

Emma had to leave England because she killed a man who raped her and threatened at the same time to cut her father’s throat. She fled to America for fear of being arrested by the British police.
And Myron. Is he guilty of killing some of his fellow firemen by selling them drugs?
Kim seems to be the only one of the quartet without any problems whatsoever. Her weak point is just to be called a prostitute instead of an escort. By the way, Kim is a gifted singer and ukulele player: „When there’s nothing I can say to make things better, I sling my arm around your shoulder like a sweater. Try to bear some of the burden that you’re wearing. But I can’t seem to lift you.“ Right so. You can try to help other people when they are in trouble. But you can’t lift the whole burden from their shoulders.

Before the curtain falls we see Charlie, Emma, Kim and Myron in total harmony. Charlie is in a great mood. Thanks to Emma and his new friends he is still alive and enjoying their love and loyalty.

Conclusion

Zach Braff may be a great filmmaker. But in my opinion he is not a brilliant playwright. At least his first script for the stage does not profess to the status of great art. No doubt, „All new people“ is a nice entertainment for an evening out. A point of critism: Instead of humerous or elegant dialogue the audience has to endure countless fucks and fuckings. Anyway, the young people in the audience seemed to enjoy this dirty language. True enough – there is no accounting for taste.

The critics in the American press vary from „The writing is slack und lazy, the characterizations never ring true“ to „Sharp and funny despite the implausibility oft he plot.“

Last performance of „All New People“ on June 27. 2026. Tickets under telephone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

The next premiere after the summer break: „The Potrait of Dorian Gray“ by Oscar Wilde, on September 9, 2026

Photos: Stefan Kock

„All New People“ von Zach Braff, die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Obgleich Zach Braff seit Jahrzehnten auf englischen und amerikanischen Bühnen und Fernsehschirmen brilliert, ist er in Deutschland bislang weitgehend unbekannt. Aber nicht nur als Schauspieler und Regisseur hat er sich einen Namen gemacht, sondern in jüngerer Zeit auch als Bühnenautor. „All New People“, sein erstes Stück, in welchem er auch die Hauptrolle übernahm, erlebte 2011 in New York seine Uraufführung und wurde sofort zum Hit der Saison.

Eine schwarze Komödie

Bevor das Stück beginnt, sehen wir einen jungen Mann ziellos auf der Bühne umherirren. Dann besteigt er einen Stuhl und legt sich eine an der Zimmerdecke befestigte Schlinge um den Hals. Ein Raunen geht durch den Zuschauerraum. Oh Schreck, der Mann will sich das Leben nehmen! Doch bevor er den Stuhl umstoßen kann, stürzt ein Engel in Gestalt einer jungen Frau herein und rettet dem armen Kerl das Leben. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hier könnte das Stück eigentlich enden. Doch gerade jetzt nimmt diese dunkel eingefärbte Komödie ihren Lauf.

Ein Suizid findet nicht statt

What shall I do? / Was soll ich nur tun?

Wir befinden uns mit Charlie (Will Edgerton), dem verhinderten Selbstmörder, und seiner Retterin Emma (Claudia Watanabe) in einem elegant eingerichteten Strandhaus auf einer Insel in New Jersey. Während Charlie schweigt, plappert Emma munter vor sich hin. Charlie hat sein Leben dem Umstand zu verdanken, dass Emma just im rechten Augenblick hereinschneite, um einem Interessenten das zum Verkauf anstehende Strandhaus zu zeigen. Der potentielle Käufer erscheint jedoch nicht. Die junge Frau ist gestresst und hochgradig nervös, weil sie als Britin illegal in den Staaten arbeitet. Ohne die begehrte Green Card droht Ungemach. Jeder weiß das.

Auftritt Myron (Kamal Boulema). Der Feuerwehrmann und Drogendealer in Personalunion kennt als Einheimischer nicht nur jeden Winkel auf der Insel, sondern auch jeden, der hier lebt. Als Vierte im Bunde erscheint Kim (Paloma Siblik Amaya) Das hübsche Escortgirl wurde von Charlies Freunden engagiert, um ihn aus seiner Depression herauszuholen.

Ein vierblätteriges Kleeblatt allein zu Haus

Jede der vier Personen außer der fröhlichen Kim scheint ein bedrückendes Geheimnis mit sich herumzutragen. Im Laufe der Handlung erfährt der Zuschauer, dass Emma wegen eines Deliktes in Großbritannien gesucht wird und deshalb in die Staaten floh, während Charlie sich für den Tod von sechs Menschen verantwortlich fühlt und den einzigen Ausweg aus seinem Dilemma im Selbstmord sah. Myron schließlich hat Probleme mit seinem verantwortungsvollen Beruf als Feuerwehrmann und dem verfassungswidrigen, aber äußerst lukrativen Nebenjob als Drogendealer. Der einzige Schwachpunkt im Leben der kleinen Kim scheint zu sein, dass manche in ihr die Prostituierte anstatt des etwas besser beleumundeten Escortgirls sehen.

Dr. Freud, übernehmen Sie!

Welche tiefgreifenden Ängste belasten Emma und Charlie?
Emma geriet unlängst in eine verzweifelte Situation mit einem Mann, der ihr Gewalt antat und drohte, ihrem Vater die Kehle aufzuschlitzen, falls sie sich ihm widersetzte. Sie aber schlug zu. War es Mord oder Selbstverteidigung? Aus Angst vor einer Festnahme floh Emma aus England nach Amerika.

I feel so sexy / Bin ich nicht sexy?

Nun ist es an Charlie, jenes „Verbrechen“ zu gestehen, in welchem sechs Menschen den Tod fanden. Als Fluglotse im Dienst wurde er einst von seiner Arbeit abgelenkt und verlor für kurze Zeit den Überblick. In diesem Augenblick kollidierten zwei Flugzeuge miteinander. Charlie fühlte sich allein schuldig, obgleich sofort eingeleitete Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Crash um einen Unfall handelte, an welchem der Fluglotse keinerlei Schuld trug. Uff…

So endet diese „drama comedy“ mit einem Freispruch für alle Beteiligten, die jetzt voll rehabilitiert einer unbeschwerten Zukunft entgegensehen.

Fazit

Zach Braffs erstes Bühnenwerk erweist sich als ein sich etwas träge entwickelndes Schauspiel, in welchem viele Sachverhalte lange im Dunkeln bleiben, bevor sie mittels Flashbacks qua Videoprojektion aufgedeckt werden. Der Autor versucht sich etwas dilettantisch in Psychoanalyse, um die Befindlichkeiten der Akteure in den Fokus zu rücken. Kein Zweifel, die vier sind innerlich vereinsamt und suchen nach Kontakten zu anderen Menschen in der Hoffnung auf Verständnis für ihre seelische „Wetterlage.“ Dies geschieht durchweg lautstark und in einer jeden Rahmen sprengenden Fäkalsprache. Fuck und fucking, asshole und andere Kraftausdrücke ersetzen Punkt und Komma. Den jungen Leuten im Auditorium schien das Vokabular jedoch zu gefallen. In diesem zeitgeistigen, als schwarze Komödie konzipierten Plot um Schuld und Sühne wäre ein gepflegtes Oxford-Englisch auch fehl am Platze gewesen. „All New People“ ist ein unterhaltsames Stück ohne viel Tiefgang, allerdings getragen von vier exquisiten Mimen, die mit ihrer Spielfreude das Premierenpublikum begeisterten. Umjubelt war die Gesangseinlage der bildhübschen Kim. Was für eine Stimme!

Don’t argue with me / Hör auf, mich zu nerven

Ein Dankeschön geht an Regisseur Paul Glaser.

„All New People“ läuft bis einschließlich 27. Juni 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Das ETH verabschiedet sich in die Sommerpause und lädt am 9. September 2026 zur Premiere von Oscar Wildes „The Portrait of Dorian Gray“ ein.

Fotos: Stefan Kock

Warum Charlotte Ueckert ein „Swiftie“ ist und mehr vom Tag des Buches

Am vergangenen Sonnabend, den 9. Mai, um 11 Uhr eröffneten in der Altonaer Alfred-Schnittke-Akademie zunächst die Pirckheimer den Tag mit ihrem Treffen norddeutscher Mitglieder. Maler und Grafiker Christian M. Beier zeigte seine Holzschnitte, die auch Bücher illustrieren, und hatte einige Broschüren verschiedener Themen wie beispielsweise humorvolle Tierdarstellungen dabei. Geboren in Insterburg und in Hameln aufgewachsen, wohnt er nun in Hamburg-Wellingsbüttel. Er wird nach eigenen Worten „beim Malen angetrieben von Lust und Zwang: Beides beschreibt und konserviert reale und irreale Situationen.“ Sein Humor kommt in seinen Arbeiten zum Ausdruck, zeigt sich auch in der sympathischen persönlichen Begegnung.

Ein weiterer an Sammlern und Verrückten interessierter Kollege ist Thomas Klockmann, der seine Siebdruckarbeiten aus seiner Ahrensburger Werkstatt sowie seine Bücher vorstellte. Er hat Bilderhefte mit Geschichten, u.a. „pelikan“, womit weniger der Vogel als vielmehr die Füllhalter- und Tintenmarke gemeint ist. Während der Coronazeit befasste er sich eingehend mit seiner Bibliothek und schuf eine kommentierte Liste, die unter dem Titel „SMS“ in gebundener Form in zweiter Ausgabe vorliegt: Ein sehr unterhaltsames Werk über Bücher, das Lust zum Lesen weckt. Mehr über seine Arbeiten und Aktivitäten ist auf seiner Homepage zu finden: https://kukii.de/

Rudolf Angeli vom Angeli & Engel-Verlag, Pirckheimer und Herausgeber des „Hamburger Bothen“, zeigte neue Ausgaben seiner großformatigen bibliophilen Bücher mit beeindruckenden grafischen Elementen. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Staatsbibliothek und der Wolfgang Borchert Gesellschaft gibt der „Verlag für paradiesische Bücher“ (Zitat Website) in diesen Tagen einen Band mit farbigen Bildern und Zeichnungen Wolfgang Borcherts heraus. Das Buch trägt den Titel „Er wollte einmal Maler werden“. Die Subskriptionsfrist endet am 15. Mai 26. Mehr dazu findet sich direkt beim Verlag: https://angeliundengel.art/unsere-buecher/

Zu den Sammlern und Verrückten, die die Pirckheimer-Gesellschaft beherbergt, gehören auch Ralf Plenz vom Input-Verlag und die Verfasserin dieser Zeilen. Beide sind ferner Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung und unseres Journalisten-Verbands; beide Verbände waren als Mitveranstalter am Tag des Buches beteiligt.

Ralf Plenz präsentierte seine bibliophile Edition „Perlen der Literatur“, über die wir schon an anderer Stelle berichtet haben. Zwischenzeitlich sind Vorzugsausgaben mit Original-Kalligrafien ebenso erhältlich wie für die Buchreihe passende Schuber, um die in Leinen gebundenen und mit individuellen Banderolen versehenen Schätzchen stilgerecht im Bücherregal unterzubringen. In diesem Jahr sind neben einer Kalligrafie-Postkartenedition auch fünf neue Perlen erschienen, von denen später noch die Rede sein wird.

Mit „Morgentau am Deich“ erschien erstmals eine Solo-Haikupublikation der Poetin Maren Schönfeld, die in der DAP eher als Journalistin und Fachbuchautorin bekannt ist. Poesie ist jedoch seit Anbeginn ihres Schreibens, von Rilke geprägt, ein großer Bereich ihrer Arbeit. Der Rotkiefer-Verlag gibt die Reihe der Haiku-Hefte heraus, dessen Heft Nr. 16 Schönfelds Titel ist. Als Pirckheimerin ist sie natürlich auch dem Sammeln verfallen und zeigte eine Auswahl schöner alter Bücher, die sie zwanghaft aus Buchtauschregalen retten muss und dann auch liest, und eine kleine Anzahl aus ihrer Lesezeichensammlung. Außerdem hatte sie ihre Sachbücher, Lyrikbände und drei Titel aus dem  Expeditions International Publishing House dabei, der sich mit internationalen Büchern in mehreren Sprachen etabliert hat. Die Malerin Hanna Malzahn steuerte ihre in Sütterlin geschriebenen Gedichtarbeiten bei.

Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums unseres Journalisten-Verbands durfte auch das DAP-Notizbuch – Geschenk für unsere Mitglieder und für fünf Euro auch für Nicht-Mitglieder zu haben – mit auf den Präsentationstisch, außerdem hatten wir aus unserem Mitgliederkreis Leseproben von „Anninarra“, dem utopischen Roman von Christian Buske, dabei sowie den Titel „Germanischer Berghund“ von Jörg Krämer.

Verlagsbesichtigung und Perlen von Sand bis Swift

Für die DAP öffnete Ralf Plenz um die Mittagszeit die Türen seines unweit gelegenen Input-Verlags und gewährte einen Einblick in seine Arbeit als Verleger. Dort wurden einige wertvolle und besondere Bücher gezeigt und Fragen beantwortet, bevor das Bühnenprogramm mit kurzen Podiumsgesprächen wiederum in der Alfred-Schnittke-Akademie begann. Ein wenig Fachsimpelei rund ums Schreiben, Büchermachen und Vermarkten war quasi das Vorprogramm für die Vorstellung der fünf neuen „Perlen der Literatur“.

Die Hamburger Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Charlotte Ueckert sprach mit Ralf Plenz über ihre Arbeit an den Bänden „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Dass er Menschen eher gehasst hat, stattdessen aber Tiere liebte, insbesondere Pferde, erfuhr das Publikum aus dem Gespräch. Ueckert befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Autor, was ihr den Zuruf „Dann bist du ein Swiftie!“ aus dem Publikum eintrug. Ob Taylor wohl etwas von Jonathan gelesen hat?

Der im Moment sehr stark beachtete Titel „Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie“ von Jan Tschichold brauchte in der Vorstellung keinen Gesprächspartner für Ralf Plenz, denn das Thema ist absolut seins, um nicht zu sagen sein Steckenpferd; die Leser mögen der Verfasserin dieses Artikels den Kalauer verzeihen. Diese hat beobachtet, dass immer wieder Menschen an den Verleger herantreten und nach korrekter Typografie fragen – vielleicht ist eine typografische Beratung noch ein zu erschließendes Dienstleistungsfeld für Plenz. Jedenfalls hat ein TikTok-Video über das Thema mehr als vierzigtausend Aufrufe zu verzeichnen.

Als Kontrast zu diesem eher nüchtern erscheinenden Buch konnte Sibylle Hallberg mit mehr Sinnlichkeit aufwarten, als sie von ihrer Arbeit an George Sands „Indiana“ erzählte. Die Neuübersetzung stellte sie u.a. vor die Aufgabe, Bezeichnungen zu finden, die sowohl zurzeit des damaligen Erscheinens des Romans (1832) als auch heute stimmig sind. In der Entwicklungsgeschichte der jungen, gutgläubigen Indiana zur selbstbestimmten Frau spielt ein Mann eine Rolle, für den sie nach einigem Überlegen das Wort „Hallodri“ fand, was damals wie heute ein herrliches ist und wahrscheinlich von dem lateinischen Wort „Allotria“ für „Unfug“ abstammt. Allein das macht schon Lust auf das Buch!

Die Arbeit an dem Roman „Frau Sorge“ (1887) des ostpreußischen Schriftstellers Hermann Sudermann war sowohl im Lektorat als auch in der Recherche spannend. Das Buch zog Maren Schönfeld mit seinen naturalistischen Bildern in den Bann. Da schließt sich der Kreis zu ihrer poetischen Ader und der Liebe zur Natur. Die Geschichte um den heranwachsenden Paul unter dem Schatten der ständigen Sorgen berührt und ist trotz des schweren Themas nicht niederdrückend.

Alle Bände der mittlerweile 40 Titel umfassenden Reihe „Perlen der Literatur“ sind auf der Website des  Input-Verlags zu finden.

Durch krankheitsbedingte Absagen und erschwerte Verkehrsbedingungen durch den Hamburger Hafengeburtstag blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Dennoch war es ein inhaltlich sehr gelungener Tag des Buches, der sicherlich nicht der letzte seiner Art gewesen sein wird.

Aufbruch ins Rundfunkzeitalter

Der Berliner Funkturm wurde vor 100 Jahren eingeweiht

Wie die Große Polizei-Ausstellung stand auch der Berliner Funkturm für Zuversicht, Fortschritt und den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Stahlfachwerkkonstruktion im Stil der frühen Moderne steht in der Tradition des Pariser Eiffelturms. Allerdings ist der „Berliner Eiffelturm“ einige Nummern kleiner. Die Gesamthöhe vom sogenannten Langen Lulatsch beträgt statt 330 nur 146,78 Meter und die Gesamtmasse statt 10.100 nur 600 Tonnen.

Auf 51,65 Metern Höhe befindet sich ein quadratisches 15 mal 15 Meter großes Restaurantgeschoss direkt über einem kleineren Küchengeschoss für Wirtschaftszwecke. Auf den 200 Quadratmetern Grundfläche des Turmrestaurants finden heute bis zu 116 Gäste Platz.

1961_4-Musterungen-Funkturm. By Wolfgang Dey – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182101512

Auf 121,5 Metern Höhe bietet der Turm seinen Besuchern auch noch eine geschlossene, 4,4 Meter breite Aussichtskanzel in Form einer Laterne mit einer 7,9 Meter breiten Aussichtsplattform darüber. Bis dort hinauf führt eine Aufzugsanlage. Mit dieser Förderhöhe war der Aufzug bei seiner Inbetriebnahme der höchste elektrische Lift im Deutschen Reich.

Im Gegensatz zu dem von 1887 bis 1889 erbauten Eiffelturm war dessen knapp vierzig Jahre jüngeres Berliner Pendant von vornherein als Funkturm konzipiert. Ein Jahr nachdem am 29. Oktober 1923 die Geschichte des Hörfunks in Deutschland mit der ersten Unterhaltungssendung aus dem Berliner Vox-Haus begonnen hatte, am 8. November 1924, gab die Gemeinnützige Berliner Messe-Aufbau G.m.b.H. den Bau des Berliner Funkturms in Auftrag. Die erste Große Deutsche Funkausstellung vom 4. bis 14. Dezember des Jahres wurde noch abgewartet, dann gingen die Bauarbeiten los.

180.000 Mark waren geplant. 203.660 wurden es schließlich. Das ist eine Überschreitung von gut 13 Prozent. Zum Vergleich: Ein typisches, bescheidenes Eigenheim kostete damals zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark

By Eva K. / Eva K. – Eva K. / Eva K., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2619456

Am 3. September 1926 war es so weit. In Anwesenheit von rund tausend geladenen Gästen, darunter der Reichsinnenminister, Wilhelm Külz, der Berliner Oberbürgermeister, Gustav Böß, sowie der allein schon durch das nach ihm benannte Institut hinlänglich bekannte erste Verwaltungsratsvorsitzende der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft und Reichs-Rundfunk-Kommissar Hans Bredow, wurde der mit 138 Metern erste und höchste Sende- und Aussichtsturm der Weimarer Republik feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Das leise Versiegen – Anmerkungen zu Libido und Fruchtbarkeit

Hispanic teen girl with medicine pill
Foto: Götz Egloff

Da helfen auch Tabletten nicht… oder doch? – Bringen wir Endokrinologie und Psychosomatik im Sinne einer bio-psycho-sozialen Medizin, die gesellschaftliche Entwicklungen miteinbezieht, zusammen, so gelangen wir rasch zu Einsichten, die durchaus gegenläufig zu vielen weit verbreiteten Annahmen sein dürften. Sowohl klinisch Beobachtbares als auch Alltagserscheinungen in deren Verhältnis zu den aktuell geführten gesellschaftlichen Debatten liefern Anschauungsmaterial, das der Interpretation würdig ist. Ohne hier durchaus bedeutsame individuelle psychische Verfasstheiten zu beleuchten, werden also im Folgenden verschiedene Befunde kursorisch erfasst und in gesellschaftlichen Kontext gesetzt.

In ihrem Fachartikel zur ‚Kontrazeption bei Jugendlichen‘ formulierte Cosima Brucker von der Uni Ulm noch im Jahr 2002 die Problematik von Teenager-Schwangerschaften, die damals schon im Rückgang begriffen waren und noch sind. In ihrem Bezug auf Studiendaten von 1980 und 1998 wurde vor allem zuviel Spontaneität im sexuellen Verhalten als problematisch eingeschätzt. Über 20 Jahre und nichts weniger als eine Medienrevolution später, muss Christian Dadak (2025) vor allem in den westlichen europäischen Ländern nicht nur einen immer drastischeren Geburtenrückgang feststellen; wir haben es bei jugendlichen Frauen hinsichtlich Sexualität und Kontrazeption gar mit einer komplizierten, vielschichtigen Gemengelage zu tun, in der einiges nicht nur auf eine Abnahme der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr hinweist, sondern auf einen Libidorückgang selbst. Dies wäre eine hochproblematische Entwicklung, die von einer der renommiertesten Sexualforscherinnen Nachkriegsdeutschlands, Sophinette Becker, bereits 2013 kritisch in Aussicht gestellt wurde (Becker 2013; vgl. Egloff 2023). Von einer Problematik der Spontaneität hin zur Problematik des Libidorückgangs könnte man wohl sprechen.

Die Luxemburger Gynäkologin Danielle Choucroun (2024) publiziert hierzu über die zunehmende Ablehnung von Kontrazeption und stellt gleichzeitig im Frankreich des Jahres 2022 die höchste Schwangerschaftsabbruchrate seit etwa 30 Jahren fest. Die paradoxe Erscheinung, dass gerade in westlichen Gesellschaften die Geburtenrate sinkt – die niedrigste Anzahl an europäischen Geburten weist Malta auf (Calleja-Agius u. Attard 2024) – und gleichzeitig die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei rückgehender Kontrazeption steigt, muss man erst einmal verdauen: Choucroun beschreibt, wie in Luxemburg im Jahr 2023 die Abbrüche rapide anstiegen, also in genau jenem Jahr, in dem alle Kontrazeptionsmittel zum ersten mal kostenfrei zur Verfügung standen; im Jahr der staatlichen finanziellen Übernahme verdoppelte sich gar deren Anzahl. Auf Luxemburg als “champion of contraception in Europe” hinzuweisen lässt sich die Autorin dennoch nicht nehmen und fragt sich, ob kostenfrei nun noch nicht genug sei. Diese beliebte hyperrationale Perspektive verkennt – neben einem möglicherweise als solchem wahrgenommenen staatlichen Signal, keine Geburten seien Geburten vorzuziehen – mindestens manche derzeitigen gesellschaftlichen Beschaffenheiten. In diesen gehen Gedankenlosigkeit und Anspruchshaltung gar nicht so selten eine unheilige Allianz ein, gewiss nicht nur bei jungen Frauen. Dabei führt Choucroun im Abschnitt über die Hypermoderne gute Beobachtungen an, kann sie aber nicht recht nutzen. Dass totale Verwöhnung mindestens so schädlich ist wie totale Versagung, scheint jedenfalls noch nicht überall durchgedrungen zu sein. Die Hormondosis der ´Morning-after-Pille´ beträgt ein Vielfaches der täglichen Antibabypille und wird im ´Notfall´ doch recht bedenkenlos konsumiert. Dass die Autorin daher die Pillenmüdigkeit beklagt, ist nachvollziehbar, muss aber in einen Gesamtkontext eingebettet werden.

Endokrinologie und Psychosomatik 

Brasilien ist seit jeher ein westliches Land, in dem nur wenige Frauen die Pille mögen (vgl. Egloff 2011a, b). In Italien verhält es sich ähnlich: mit nur etwa 20 Prozent Anwenderinnen in der weiblichen Bevölkerung ist die italienische Pillenquote eine der niedrigsten in Europa, und insgesamt etwa 40 Prozent wenden keine oder nur halbherzig kontrazeptive Maßnahmen an (Farris u. Bastianelli 2025). Nun könnte es sein, dass auch in Deutschland der in Brasilien und Italien oft ins Feld geführte spürbare Libidoverlust im Rahmen der Pilleneinnahme gerade junge Frauen von dieser abhält – und wenn das Verlangen dann durchbricht, sie die ´Pille danach´ als notwendiges Übel akzeptieren lässt. Aus psychotherapeutischen Praxen ist dies gelegentlich zu vernehmen. Die tägliche Hormondosis nicht zu vergessen kann heute für manche junge Frau ein echtes Problem darstellen, und transdermales Hormonpflaster oder Monatsring werden nach wie vor selten verwendet. Näher allerdings scheint zu liegen, dass in Brasilien und Italien mit manchen Rationalisierungsschüben kälterer Länder und Kulturen nur ungern mitgegangen wird. Was für junge Frauen in südlichen Ländern bei einer fraglos beobachtbaren Appetenz- und Libidosteigerung nach Absetzen der Pille (Egloff 2012) nachvollziehbar erscheint, kann auch bedeuten, dass diese eine mögliche Schwangerschaft nicht unbedingt als Katastrophe verstehen; vielleicht ist die ´Empfänglichkeit´ für Empfängnis ausgeprägter als in nördlichen Ländern. Dennoch sinkt auch im europäischen Süden die Geburtenrate.

So wie erhebliche Libidostörungen bei vielerlei pharmakotherapeutischer Medikation (Keck 2019) eher die Regel als die Ausnahme darstellen, werden nun kontrazeptive Maßnahmen auch in Deutschland zunehmend als Bremse oder Belastung wahrgenommen. Dass nach langjähriger Pilleneinnahme Schwierigkeiten auftreten können, schwanger zu werden, hat sich zum Teil herumgesprochen; die sogenannte Lutealphasenunterstützung mittels Progesteron scheint auch bei natürlich geplanter Schwangerschaft mittlerweile immer nötiger zu werden, wie auf dem Kongress der Preis School für Perinatologie, Neonatologie und Reproduktionsmedizin zu hören war (Bruer 2023). Ob dieser Faktor bei jungen deutschen Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, bleibt fraglich. Junge Frauen, pillenmüde oder als unzuverlässige Pillen-Anwenderinnen, könnten von strukturierter Beratung profitieren – in Italien wechselt etwa die Hälfte nach eingehender Beratung ihre Kontrazeptionsmethode (Farris u. Bastianelli 2025) –, ohne dass dies natürlich die Geburtenrate steigern würde.

Kultur und Biochemie

Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchten in gesellschaftlichen Debatten zunehmend Begriffe wie ‚Toxische Männlichkeit‘ auf, die nicht etwa die naheliegenden Vergiftungsängste durch das Männliche (Priskil 2024) thematisieren, sondern meist poststrukturalistisch verwendet werden. Poststrukturalistisch bedeutet sprachtheoretisch und zeichentheoretisch, und letztlich machttheoretisch. Manche dieser Ansätze lassen sich auf vieles sinnvoll anwenden, auf Körper und Geschlecht aber am wenigsten. Wer Körper und Geschlecht nur poststrukturalistisch – quasi ohne Körper – denken mag, dem sei hier Ralph Frenkens Kapitel “Venus-Phallus” (2023) anempfohlen, das körperlich-leibliche Aspekte leicht sichtbar macht: Körper sind real, und Psyche ist eng mit dem Körper verbunden, gar in Wechselwirkung eingeschrieben. Doch ein ‚Körper, nein danke!‘ ist heute wieder gar nicht so selten zu bemerken, auch ohne dass es immer ausgesprochen würde.

Betrachten wir die Nanowelt der Mitochondrien in der Reproduktion, wird klar, dass im biologischen Befruchtungsvorgang biochemische Prozesse stattfinden, die psychosomatisch fundiert sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass molekularer oxidativer Stress männliche Spermien beim Prozess der Kapazitation und damit die Akrosom-Reaktion im Rahmen der Befruchtung stören kann, was deren Beweglichkeit betrifft, sodass auch bei ausreichender Spermienzahl keine Befruchtung stattfindet (Franjic 2023). Die Biologin Darja Wagner sieht in ihrem Artikel “Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr?” (2025) die männliche Fertilität gar in exorbitantem Rückgang begriffen, wofür manches spricht. Was sie in Zusammenhang mit einer Überexpression des Spike-Proteins im Rahmen der CoVid19-Pandemie formuliert, könnte sogar weitgehendere Zusammenhänge haben.

Die Spermienqualität gehe in Westeuropa, Nord- und Südamerika, China und Indien zurück, formuliert Wagner vielleicht etwas zu global, denn: wo nicht gemessen wird, können keine Befunde vorliegen. Und es wird nicht überall gemessen. Warum geht sie überhaupt zurück? Die üblichen Verdächtigen wie Ernährung, Plastik und manche Stoffe dürften gewiss eine Rolle spielen, es müssten aber auch andere Zusammenhänge eröffnet werden. Denn insgesamt schaut es in afrikanischen und arabischen Regionen deutlich anders aus, sodass von einer Schwerpunkt-Problematik überwiegend westlicher und westlich gepägter Industrieländer gesprochen werden muss. Als mögliche Faktoren müssten auch psychogeographische einbezogen werden; im Rahmen von Mentalität ist eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit im Süd-Nord-Gefälle überdeutlich.

Im engeren biochemischen Rahmen sind bei oxidativem Stress nicht nur eine zu geringe, sondern auch die exzessive Zufuhr von Antioxidantien ungünstige Faktoren, die die Spermien-Kapazitation behindern oder stören (Henkel 2024). Zudem können bei eigentlich gesunden Spermien neben der Motilität auch andere Faktoren als Problematiken auftreten, die im Ergebnis als Sterilität bezeichnet werden können (Franjic 2023). Die Eiweiß-Verbindung L-Carnitin, vertreten durch rotes Fleisch und insbesondere Hammel und Lamm (Henkel 2024), ist dagegen ein protektiver Faktor. Regionen wie Nordafrika und Vorderasien sind hier klar im Vorteil. Von den Ländern auf mit Europa vergleichbaren Breitengraden ist es die Mongolei, die, auf dem Breitengrad Österreichs, eine hohe Geburtenrate aufweist – wenn auch ganz andere soziokulturelle Bedingungen vorliegen. Dennoch: traditionellere Gesellschaften haben kulturell manche Probleme weniger, weil sie sich genealogischer, d.h. sich stärker in historischen Linien sehen (Egloff 2023; vgl. Nassar 2023). Aber auch in Island, wo Hammel und Lamm ebenso eine gewisse Rolle spielen, gibt es eine immerhin recht stabile mittlere Geburtenrate. Ganz entgegengesetzt, auf den Philippinen, ist sie recht hoch. Gemeinsam haben die genannten Länder wiederum, dass Vegetarismus dort keine Rolle spielt. Dieser ist für männliche Fertilitätsförderung wenig geeignet, da fast kein L-Carnitin zugeführt wird (Henkel 2024). Liegt hier gar ein übersehener Schlüssel zu niedrigen Geburtenraten?

Man kann nicht wissen, ob soziokulturelle Bedingungen den psychosomatischen Beschaffenheiten vorausgehen oder andersherum. Ein Sowohl-als-auch ist wahrscheinllich. Was man wissen kann ist, dass auch biologische und kulturelle Faktoren in Wechselwirkung stehen und neben den sozialen eine gewichtige Rolle spielen, die oft ausgeblendet wird. Ein Mehr an oft verwirrenden Informationen schafft zudem nicht unbedingt mehr Aufklärung, sondern dient oft der weiteren Rationalisierung der Lebenswelt, was existentielle Verunsicherung schafft. Die globalisierte Welt zeugt vom Aufschaukeln von Informationsüberflüssen. Nehmen wir gesellschaftlich also einen eher genealogischen als biographischen Standpunkt ein (Egloff 2020), ist davon auszugehen, dass traditionellere Gesellschaften bei der Reproduktion im Vorteil sind, was natürlich zu Lasten von Freiheiten, aber eben auch zu Lasten westlicher Anomietendenzen geht. Daher findet sich in westlichen Ländern nun ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach kultureller Verankerung. Die derzeitig gängigen poststrukturalistischen Konzepte gerade in diesem Bereich stehen dem zum Teil entgegen und befördern eher die existentielle Verunsicherung. Oft werden sie recht unbedacht verwendet und auf alles und jedes angewendet. Weder Körper noch Kultur spielen darin die ihnen zustehende Rolle, und sie werden einem meist unbestimmt genutzten Universalismus untergeordnet.

Mentalität und Debatten

Derzeitige poststrukturalistische Stoßrichtung findet sich auch im Spiegel-Artikel “Männer sind mir fremd geworden” von Nina Sternburg (2025). Ihr Lamento umfasst viele der heutigen Chiffren westlicher Millennials, von denen nicht wenige mit einem Ausmaß an Privilegien aufwuchsen, das Seinesgleichen sucht. Wenn die Autorin das ganze Repertoire der Begrifflichkeiten auspackt und in Deutschland Gewalt allerorten entdeckt, fragt man sich unwillkürlich, ob sie wohl vom Tocqueville-Effekt gehört hat. In ihren Ausführungen erfolgt zunächst nicht nur keine Selbstreflektion, keine historische Einordnung, keine Anerkennung historischer Bedingtheiten, sondern eher schon einiges an Verkennung. So rekurriert die Autorin auf irgendeinen Instagram-Post, postuliert Riss, Zäsur und manches andere. Aber immerhin, dann setzt Selbstreflektion ein: ihre 50-jährige Mutter, die ein Bekannter “nackig” sehen möchte, lässt die Autorin aufhorchen: ihre Mutter sei von Männern nicht entfremdet, sondern lediglich befremdet. Ist das etwa Erwachsenwerden?

Die Kunst, auch ein ungeschicktes Kompliment als solches zu erkennen, scheint auf dem Rückzug. Auch hier kommt es zudem auf Mentalität und Kulturkreis an: nicht nur ´Anmache´, sondern auch Reaktion können schon in Italien und Schweden sehr unterschiedlich sein (vgl. Egloff 2025). Vielleicht war die Mutter der Autorin ungeachtet der Plumpheit ein bisschen stolz auf die Nachfrage; auch das taucht in psychotherapeutischen Praxen manches Mal auf. Wir alle sind eben auch: Körper. Die Entkörperlichung, die auch Becker (2013) in Poststrukturalismus-Konzepten moniert, hat nämlich bereits einige Arbeit geleistet. Wo sie Einzug hält, befinden wir uns, psychoanalytisch gesprochen, auf dem regressiven Weg von der Endlust zur Vorlust, einer zwar dauerhaften, aber nur quasi-libidinösen Erregungskurve, die nie ihr Ziel, nie ihr Objekt, nie Befriedigung findet.

Das leise Versiegen von Libido und Fruchtbarkeit beginnt wohl dann, wenn Männer Frauen zu ähnlich werden. Dann werden sie entweder noch immer als zu fremd empfunden oder aber gar nicht mehr als Männer erlebt. Die Psychoanalytikerin Simone Reissner (2025) findet bei manchen jungen Pornographiekonsumenten gar das Verharren in der Kleinkind-Position, die man evolutionsbiologisch auch als Omega-Position bezeichnen kann. Aus dieser schaut man den Erwachsenen bei eher unverständlichen als ‚unanständigen‘ Sachen zu – mit denen zu tun hat man ohnehin nichts. Die Alpha-Position hingegen, für Männer zur Zeit schwer in Verruf, ist in Debatten nicht gefragt; wer weiß, ob diese durch Alpha-Frauen gefüllt werden kann (Paglia 2014).

So liegt der Gedanke nahe, dass es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, weg von: mit Pille weniger Lust, aber keine Kinder – das ‚alte‘ deutsche Modell – und: ohne Pille mehr Lust und mehr Kinder – das ‚alte‘ südliche Modell, hin zu: keine Pille, keine Lust, und auch keine Kinder. Wird dies das ’neu‘ global-westliche Modell? Dagegen existieren nennenswerte Initiativen eigentlich nur in wenigen südlichen Ländern wie Griechenland, Serbien, Italien, Spanien oder Malta, die die Brisanz der Thematik als hoch einschätzen und: die Kinder und – die fremden – Männer mögen.

Literaturhinweise

Becker, Sophinette (2013). Bisexuelle Omnipotenz als “Leitkultur”? Sexuelle Verhältnisse im gesellschaftlichen Wandel. Psychoanalyse im Widerspruch 25(49):7-25

Brucker, Cosima (2002). Kontrazeption bei Jugendlichen. Gynäkologische Endokrinologie 1:11-17

Bruer, Christian (2023). Kongressbericht Preis School April 2023: Stimulationsprotokolle, Chancen und Risiken bei älteren Patientinnen – und vom Benefit der Lutealphasenunterstützung. J Reproduktionsmed Endokrinol 20(4):174-175

Calleja-Agius, Jean u. Attard, Maria (2024). Will science alone save your fertility? Int J Prenat Life Sci 16(4):1-5

Choucroun, Danielle (2024). Refusal of medical contraception in a hypermodern age: does sexuality want to emancipate itself from science? Europ Gynecol Obstetr 6(2):50-53

Dadak, Christian (2025). Kontrazeption bei Jugendlichen. päd – Prakt Pädiatr 31(2):158-160

Egloff, Götz (2025). Weibliche Psychosomatik in der “postödipalen” Gesellschaft. gyn – Prakt Gynäkol 30(3):242-250

Egloff, Götz (2023). Psyche zwischen Libido und Medien: vom verlorenen zum virtuellen Objekt. gyn – Prakt Gynäkol 28(1):58-68

Egloff, Götz (2020). Time and Psyche. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.). Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 269-295

Egloff, Götz (2012). Der Monatsring als Alternative? Paracelsus 12(6):14-15

Egloff, Götz (2011a). Ist weniger mehr? Der Langzyklus als Therapeutikum. gyne 32(8):8-10

Egloff, Götz (2011b). Neues vom Langzyklus. Gynäkologische Endokrinologie 9(2):132

Farris, Manuela u. Bastianelli, Carlo (2025). Unmet needs of contraception in Italy and the role of transdermal contraception. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 6(1):1-5

Franjic, Sinisa (2023). Sperm are very small male sex cells. J Androl Gynaecol 11(1):1-4

Frenken, Ralph (2023). Venus-Phallus: psychologische Anmerkungen zu den sexuell doppeldeutigen Figurinen des Paläolithikums. In: Stubbe H, Frenken R (Hg.). Paläopsychologie – Erleben, Verhalten und künstlerische Gestaltungen des prähistorischen Menschen. Pabst, Lengerich, 157-206

Henkel, Ralf (2024). Role of mitochondria and redox state in sperm and oocyte health. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 5(1):27-33

Keck, Christoph (2019). Endokrine Aspekte bei Libidostörungen. gynäkologie + geburtshilfe 24(4):22-27

Nassar, Anwar (2023). Newsletter, American University of  Beirut, Medical Center. OB/GYN Wire 43(1):1-7

Paglia, Camille (2014). Alpha. Playboy (US), May 2014, A-Z Special Edition, A

Priskil, Peter (2024). ´Toxische Männlichkeit´. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 42(1):96-102

Reissner, Simone (2025). Unbewusste Motive bei Pornographiekonsumenten. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 43(1/2):95-102

Sternburg, Nina (2025). Männer sind mir fremd geworden. Der Spiegel 9, 55 (22.2.2025)

Wagner, Darja (2025). Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr? Paracelsus 25(3):48-53

 

Sternenlichter: Ein Kinder- und Jugendhospiz

Zu meiner Zeit als Student am anglikanischen Priesterseminar Ripon Hall, Oxford (seit 1975 Ripon College, Cuddesdon) trat ein Kommilitone für eine Spende an „St Joseph’s Hospice for the Dying“ (Das Hospitz St Josef) ein. Eine so direkt kompromisslos ausgesprochene Bezeichnung  „Herberge für die Sterbenden“ wirkte wie ein Überfall, eine unbequeme, unerwartete Konfrontation, denn obwohl wir eine dunkele Ahnung hatten, dass es „irgendwo“ diese Institutionen gab, vermuteten wir keine solche in unserer schönen heilen Welt, Oxford. Etwa von seiner „Überraschungs- und Schocktaktik“, seinem Engagement und der Begeisterung für die Sache benommen wie wir waren –  haben wir seinen Zweck unterstützt. Heutzutage ist das Hospiz-Konzept weltweit bekannt. Allerdings für unheilbar kranke Erwachsene! Als ich von einem Freund gehört habe, dass es in seinem Göttinger Stadtteil Grohne ein Kinder- und Jugendhospiz gibt, erneuerte sich meine Erinnerung an die Gefühle, Oxford 1973. Bei uns sterben Kinder und Jugendliche nicht. Oder?
„Überzeuge dich selbst“, hat mein Freund geantwortet und mich mit Frau Maren Iben, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter e.V., bekannt gemacht. Unser Interview erfolgte vor Ort am Mittwoch, den 12. November 2025:

Clifford Middleton: Was hat Sie, Frau Iben, motiviert, in einem Kinder- und Jugendhospiz arbeiten zu wollen?

Maren Iben: Die größte Motivation für mich war Sinnhaftigkeit: Sternenlichter wurde quasi aus dem Nichts aufgebaut. Denn es war das Ziel, eine Einrichtung aufzubauen, für Menschen, denen es wirklich nicht gut geht. Es war eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Motivation.

Welche vorherige relevante Berufsausbildung und Berufserfahrung haben Sie?

Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig – und das Eine geht in das Andere über: Das ist natürlich nicht nur für Spenden wichtig, sondern vor allem auch für Familien, die bei uns zu Gast sein werden und auch generell für die interessierte Öffentlichkeit. Eine medizinisch-pflegerische Ausbildung war für mich nicht nötig, sondern, dass ich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit „sattelfest“ bin.

Maren Iben

Nach Abschluss des Studiums der Germanistik und Kulturanthropologie an der Universität Göttingen war ich über fünf Jahre als Tageszeitungsjournalistin tätig; es folgten anderthalb Jahre Tätigkeit als Bordredakteurin auf Kreuzfahrtschiffen einer großen Reederei. Diese vorherigen Tätigkeiten und die gesammelten Erfahrungen helfen mir in meinem heutigen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wichtig, für die Menschen, die noch nie von uns gehört haben, in kurzen, knappen Worten beschreiben zu können, was die Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz ausmacht – immer angepasst an die jeweilige Zielgruppe.

Welche besondere Weiterbildung für oder Vorbereitung auf die Aufgaben im Kinder- und Jugendhospiz waren für Sie nötig?

Es war wichtig für mich, Zeit zu haben und mich in unserem damals noch sehr kleinen Team austauschen zu können. Wichtig war auch, andere Kinder- und Jugendhospize zu besichtigen, vor Ort mit Kolleg(inn)en in Kontakt zu treten und ein Netzwerk aufzubauen. So konnte ich mich inhaltlich vorbereiten. Für den Themenbereich „Fundraising“ habe ich ganz klassisch Fortbildungen gemacht.

Die externe Kommunikation richtet sich hingegen an die interessierte Öffentlichkeit, Presse, Spender(inn)en und weitere.

Welchen beruflichen Hintergrund und welche berufliche Erfahrung haben Ihre Mitarbeitenden vor dem Einstieg in das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter? Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen „idealen“ beruflichen Hintergrund für einen Einstieg?

Wir arbeiten im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter (in Göttingen) in einem multiprofessionellen Team. Das bedeutet: Man muss offen für unterschiedliche Menschen sein.  Auch eine gewisse Akzeptanz sollte da sein, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt oder wie mit dem Thema Tod und Sterben, Trauer und Krankheit umgegangen wird.

Welche sind Ihrer Meinung nach unentbehrliche persönliche Charaktereigenschaften bzw. Charakterzüge, über die man verfügen muss, um in einem Kinder- und Jugendhospiz,  wie den Sternenlichtern, arbeiten zu können?

Offenheit und Empathie sind in jedem Arbeitsbereich unserer Einrichtung (aus meiner Sicht) die wichtigsten Eigenschaften. Man muss auch verstehen, dass die Familien, die in unserer Einrichtung zu Gast sind, sich in einer extremen Ausnahmesituation befinden, und zwar oftmals über Jahre.

Muss man z.B. seelisch oder emotional besonders belastbar sein?

Es hilft, wenn man seelisch oder emotional belastbar ist. Aber am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen und es kann sein, dass das eine oder andere Schicksal einem näher geht.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Hospiz für Erwachsene und einem Kinder- und Jugendhospiz?

Der allergrößte Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu einem Erwachsenenhospiz keine reine Sterbeeinrichtung sind. Im Erwachsenenhospiz sind die Gäste in der letzten Lebensphase oder kurz davor. Im Kinder- und Jugendhospiz sind die Gäste lebensverkürzend und unheilbar krank.

Das kann bedeuten: das Kind wird mit 6 Monaten eine solche Diagnose bekommen, aber beispielsweise noch 5 Jahre weiterleben. Ab der Diagnosestellung können die Familien zu uns kommen … Wir begleiten die Familie durch den ganzen Krankheitsverlauf.

Welche „Programme“ bietet das Hospiz den Gästen und deren Angehörigen an?

Ganz unterschiedliche. Therapieangebote für die erkrankten Gäste bieten wir an, so wie sie sie brauchen. Ob Physiotherapie, Osteopathie, Musiktherapie, der Einsatz von Therapiehunden oder der Besuch von Clowns… es ist vieles möglich. Die Medikation unserer erkrankten Gäste wird natürlich auch ganz normal fortgeführt.

Freizeitangebote, psychosoziale Angebote allein oder in Gruppen, Kreativangebote in unserem Hause – vieles ist möglich. Unsere Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was die Familien möchten. Ganz wichtig ist jedoch: Niemand ist gezwungen, unser Angebot anzunehmen. Bei uns lautet die Devise: „Alles kann, nichts muss.“

Wie definiert man im Hospiz „Lebensqualität“?

Lebensqualität geht in den allerkleinsten Momenten los. Wir wollen versuchen, jeden Tag mit den Familien den Moment zu feiern z.B. beginnend bei einem leckeren Frühstück. Auch sehr wertvoll: ein gutes Gespräch, ein Moment des Lächelns, oder wenn die Kinder einfach mal ausgelassen sein können. Wir wollen Lebensfreude vermitteln, ohne aufgesetzt zu sein. Denn wir können nicht heilen, oder die belastende Situation ungeschehen machen. … wir können helfen, die nächste halbe Stunde, den nächs- ten Nachmittag, das nächste Wochenende… gut zu gestalten. Wenn … die Familien sagen, es war eine unglaublich schwere Zeit, aber wir wurden gut begleitet und aufgefangen, dann haben wir das erreicht, was wir erreichen können. Für die Eltern bedeutet Lebensqualität beispielsweise, eine Nacht durchschlafen zu können und nicht immer auf Alarm zu sein. … ich kann heute Abend essen gehen oder mit den gesunden Geschwistern einen Ausflug machen“.

Wie positiv ist die lokale öffentliche Einstellung, Wahrnehmung und Akzeptanz dem Konzept des Kinder- und Jugendhospizes gegenüber?

Wir sind (hier) mitten im Wohngebiet. bevor es los ging mit dem Bau haben wir Ankündigungsbriefe in die Briefkasten geworfen über das, was wir sind und was wir vorhaben. Man kann sich auf einen Kaffee mit uns treffen. Im Ortsteil Grohne gibt es aktives Vereinsleben, in das wir uns gleich integriert haben. Wir versuchen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit vorgefertigte Vorstellungen aufzulockern.  Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Akzeptanz ist da. Menschen können ihre eigene Unsicherheit  oder Angst und Leid verbalisieren und uns (trotzdem) nachher gerne unterstützen.

Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft der Kinder- und Jugendhospizbewegung regional, national und international aus?

Wir hoffen, dass die Zukunft gut aussieht – letztendlich hängt es aber davon ab, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns finanziell und ideell zu unterstützen, und unsere Arbeit in ihr Netzwerk zu tragen. Unsere Zielgruppe – unheilbar und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche wird es immer geben. Einrichtungen wie unsere sind für sie und ihre Angehörigen eine wichtige Anlauf- stelle.

Ein weiterer Faktor ist, dass es seit wenigen Jahren keine gesonderte Kinderkrankenpflegeausbildung mehr gibt. Die Kinderkrankenpflege unterscheidet sich aber in vielen Bereichen von der medizinisch- en Versorgung Erwachsener. … Kinder haben zudem altersabhängig unterschiedliche emotionale Bedürfnisse. Im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter sind wir gut aufgestellt in unserem Pflege- team, suchen aber weiterhin noch Kolleginnen und Kollegen. Wichtig: Nicht nur Pflegefachkräfte können sich bei uns bewerben, sondern auch Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger.

 

Interview: Clifford Middleton 

Fotos: Maren Iben, Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter, Göttingen

„Proof“ by David Auburn, the New Premiere at the English Theatre of Hamburg

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Have you ever heard of David Auburn, one of the most productive American playwrights of our days? If not, it is high time you learn about his oeuvre. The audience of The English Theatre will greatly enjoy his drama “Proof” that won him not only the coveted Pulitzer Prize but also the Tony Award. This gripping play about a mathematical genius – or even two geniuses (one of them female) –  has proved an overwhelming success on the international theatre stages. A much acclaimed movie stars Gwyneth Paltrow and Anthony Hopkins in the leading parts.

Although Robert (Richard Ings) is dead he is haunting his daughter in her day dreams. While Catherine (Georgina Casbarra) is sitting on the porch of her home in Chicago on a sunny afternoon, Robert appears as a ghost in front of her. Why is she, a brilliant mathematician like himself, neglecting her scientific work? Has she become lazy bones? By no means. Since Catherine has been caring for her demented father for years, she has completely dropped out or her own mathematical studies. Now she worries about inheriting her father’s mental illness along with some of his talent.

Sisterly concern

When Catherine’s sister Claire (Katherine Bristow) learns about her father’s death, she leaves New York immediately to assist Catherine in organizing the funeral. Claire being completely matter of fact, thus the exact contrast of Catherine, does not lose time with grieving over the deceased. Why does Catherine not fly with her to New York and enjoy Big Apple with all its diverse pleasures? A complete change of scenery would do the younger sister a world of good. To Claire’s surprise Catherine denies her offer and insists on staying in Chicago.

A friend turns up

During Robert’s funeral service Hal (Peter Dewhurst)  turns up. He was one of Robert’s most gifted students who now feels entitled to go through his late master’s papers. Catherine falls in love with the young man and even spends the night with him. Next morning Catherine and Hal are enjoying a good breakfast while Claire is fighting a terrible hangover nausea. Wow – who on earth could ever have imagined such a faux pas committed by so fine and stylish a lady like Claire.

Heureka – a sensational find!

Meanwhile Hal is poring over Robert’s notes searching for some final note of brilliance left by his late professor. Finally he comes across a notebook that reveals a sensational result. Did Robert really crack an important mathematical proof! But, surprise, surprise, Catherine claims that this notebook contains her and not Robert’s work. Is she really the the one who finally “cracked the nut?”

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Claire and Hal can’t believe that Catherine is the genius and not Robert as everybody else would have suggested. Claire even reveals her doubt about Catherine’s mental sanity. Catherine falls into  depression and cannot believe what her own sister is doing to her. However, Hal hands the notebook over to experts in his math department who will determine its authenticity. The result of their research shakes the academic world. It becomes clear that Catherine and not Robert has achieved the “unthinkable.”

Catherine is happy and thankful for Hal’s assistance and loyalty in her “case.” She plucks up courage again und decides to continue her studies. She will prove to the world that she can live her own independent life without being patronized by others.

Conclusion:  Persistence pays off.

According to David Auburn his play is not really about mathematics.  Critics claim that “Proof” is ostensibly about math, but it is merely a background of the exploration of the calculus of familial trust, love, grief and loyalty.” Others claim an underlying sexism. A female mathematical genius? Unthinkable in a world full of machos who think that only their sex is up to academic peak performances. The author, however, proves that genius is by no means a question of gender. Feminists will build him a monument for his courage to refute centuries-old prejudices.

A great evening at the ETH brimming with highly emotional and  funny moments, performed by four outstanding “thespians” under the direction of Clifford Dean.

Last but not least a homage for David Auburn by The New York Magazine: “When we think of great playwrights we think of Arthur Miller, Eugene O’Neill and Lillian Hellman. Welcome David Auburn to the club!”

Last performance of “Proof” on April 11, 2026, Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “All New People” by Zach Braff on April 27, 2026

Photos: Stefan Kock

„Proof“ (Der Beweis) von David Auburn, die neue Premiere am ETH

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Sind Mathematiker per se verpeilt oder gar verrückt? Diese Frage beschäftigt David Auburn in seinem Drama „Proof“, das dem amerikanischen Autor sowohl den begehrten Pulitzer Preis als auch einen Tony Award einbrachte. Das von vier Schauspielern getragene Stück spielt in Chicago um das Jahr 2000.

Die gerade 25 Jahre alt gewordene Catherine trauert um ihren Vater Robert, ein allseits bewundertes Genie auf dem Gebiet der Mathematik. Während sie die Vorbereitungen für seine Beerdigung trifft, erscheint ihr Roberts Geist auf der Veranda ihres Hauses mit einer Flasche Champagner, um mit ihr auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.

Robert wirft Catherine vor, ihre Forschungsarbeit vernachlässigt zu haben. Ist sie doch selbst eine brillante Mathematikerin, die ihr Talent nicht verschwenden sollte. Catherine zeigt sich zutiefst verstört. Die jahrelange aufopfernde Pflege, die sie ihrem dementen Vater angedeihen ließ, hat sie viel Kraft gekostet und ihr kaum Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gelassen. Auch Freundschaften hat sie seinetwegen nicht pflegen können. Selbst ihre Schwester Claire ist ihr fremd geworden. Catherines größte Sorge aber gilt ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Womöglich hat sie Roberts Geisteskrankheit geerbt. Wer weiß das schon…

Hal, ein ehemaliger Student und Bewunderer Roberts, macht sich währenddessen daran, den wissenschaftlichen Nachlass des Verblichenen zu ordnen.

Schwesterliche Fürsorge

Pünktlich zur Beisetzung des Familienpatriarchen reist Catherines  Schwester Claire aus New York an. Besorgt über den depressiven Zustand ihrer jüngeren Schwester, möchte sie Catherine mit sich nach Big Apple nehmen, wo sie schnell von ihrer Trauer um den Vater abgelenkt würde. Catherine lehnt ab und verweist auf Hal, der ihr zur Seite steht. Wer zum Teufel ist der? Die pragmatische Claire vermutet, dass dieser Hal nur in Catherines Fantasie existiert. Ist die kleine Schwester etwa gerade dabei, ihren Verstand zu verlieren wie ihr Vater? Immerhin hat sie vor kurzem sogar die Polizei alarmiert, als sie sich einbildete, dass jemand Roberts Notizen stehlen wollte. Wo soll das noch hinführen!

Eine Trauerfeier und ihre Folgen

Auf der Feier im Kreise der Freunde und Kollegen des Verblichenen kommen sich Catherine und der sympathische Hal näher, während die sonst so kontrollierte Claire sich sinnlos betrinkt und am nächsten Morgen völlig verkatert zum Frühstück erscheint. Dennoch konfrontiert sie Catherine mit der Forderung, das Elternhaus in Chicago zu verkaufen. Gehört ihr nach Roberts Tod doch die Hälfte der Immobilie, für deren Erhalt sie jahrelang aufgekommen ist und auch die Hypothek bezahlt hat. Catherine ist empört und argumentiert, sie habe ihre eigene akademische Laufbahn aufgegeben, um jahrelang ihren dementen Vater zu pflegen. Claire kontert, dies sei Catherine nicht gut bekommen. Wenn Catherine sarkastisch anmerkt, ihre Schwester wolle sie wohl in eine Klapsmühle verfrachten, bestreitet diese dies vehement: Aber, aber, davon kann doch keine Rede sein.

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Catherine ist entschlossen, ihr abgebrochenes Studium an der Northwestern University wieder aufzunehmen. Hal zeigt sich beeindruckt von ihrer Entscheidung und fährt fort, Roberts umfangreiche Notizen zu sichten. Ganz unten im Fach des Schreibtisches macht er eine schier unglaubliche Entdeckung.  Eureka – ich hab’s gefunden!   Wusste Catherine etwas von dem Eintrag in Roberts Notizen, der aussieht wie ein mathematisches Theorem über Primzahlen, das Mathematiker von jeher zu beweisen versuchten, ohne jedoch einer Lösung näher gekommen zu sein?  Ein wahrer Geniestreich, der alle bereits vorhandenen Erkenntnisse auf den Kopf stellt. Als Catherine erklärt, sie und nicht Robert habe diesen Beweis erbracht und niedergeschrieben, will weder Hal noch Claire ihr Glauben schenken.

Catherine, das verkannte Genie

Nachdem sich die Wellen geglättet haben und Hal die angeblich von Robert verfassten Notizen noch einmal gründlich durchgegangen ist, kommt er zu der Erkenntnis, dass Catherine und nicht Robert die Urheberin dieses bahnbrechenden Lehrsatzes ist. Denn zu Roberts Lebzeiten existierten die neueren mathematischen Techniken noch gar nicht, mit denen er hätte bewiesen werden können. Trotz dieser Versicherung befürchtet Catherine, dass „etwas mit ihr nicht stimmt“. Aber Hal versichert ihr, dass die abgedroschene Formel „Genie gleich  Wahnsinn“ jeglicher Grundlage entbehrt.

Catherine wird ihr Studium wieder aufnehmen, in Zukunft eng mit Hal wissenschaftlich zusammenarbeiten und beweisen, dass sie in der Lage ist, ein unabhängiges produktives Leben zu führen.

Fazit: Jene, die konsequent ihr Ziele im Auge behalten, werden am Ende mit Erfolg belohnt.

„Proof“ beginnt behäbig ohne Spannungsbögen und plätschert  dahin, ohne dass der Zuschauer zunächst einen Einblick in das eigentliche Sujet gewinnt. Bald aber wird ersichtlich, welchen Sprengstoff das fast ödipale Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Robert, einem international anerkannten Mathematiker, und der gerade 25-jährigen Catherine in sich birgt. Hing Catherine – selbst eine äußerst begabte Mathematikerin – während Roberts aktiver Zeit nicht wie eine Marionette an dem von ihrem Vater geführten Spielkreuz? Seit Robert in geistige Umnachtung verfiel, gab die Tochter ihr vielversprechendes Universitätsstudium auf, um sich ganz der Pflege ihres Vaters zu widmen. Regelmäßig erscheint dieser ihr jetzt als Geist, der sie rügt, ihre Studien vernachlässigt zu haben.

Catherines Schwester Claire, eine erfolgreiche New Yorker Währungsanalystin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie verfolgt ihre Karriere und beobachtet den geistigen Verfall ihres Erzeugers aus der Distanz. Wäre der Vater nicht besser an einem Ort aufgehoben, wo man sich professionell um ihn kümmert?

Zu den beiden ungleichen Schwestern gesellt sich Hal, ein ehemaliger  Student Roberts, dessen Aufgabe es ist, den geistigen Nachlass seines Lehrmeisters unter die Lupe zu nehmen. Und damit beginnt der wahre Plot dieses von Clifford Dean ebenso spannend wie intelligent inszenierten Stückes. Denn was Hal in Roberts zahlreichen Notizheften schließlich entdeckt, hat das Zeug, die wissenschaftliche Welt buchstäblich aus den Angeln zu heben.

Gehen wir gleich in medias res: Eureka! Der smarte Hal hat mit der untrüglichen Nase eines Trüffelschweins das mathematische Theorem über Primzahlen aus dem unübersichtlichen Haufen von Notizen herausgefischt, nach dem Mathematiker forschten, so lange es diese Spezies gibt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass Catherine und nicht ihr Vater Robert für diesen Geniestreich verantwortlich zeichnet.

Doch nun passiert das, was manche als eine Art schlecht unter dem Deckel gehaltenen Sexismus empfinden. Wie kann es sein, dass eine Frau in dieser (immer noch) von Männern dominierten Welt der Wissenschaft zu einem derart bahnbrechenden Forschungsergebnis gelangen konnte! Während Claire vermutet, dass ihre Schwester ihrem verstorbenen Vater diesen späten Erfolg abspenstig machen will, glaubt Hal nach genauen Recherchen mit Fachleuten an Catherines Urheberschaft.

David Auburn, der Autor von „Proof“, betonte in einem Interview, es gehe in seinem Stück eigentlich gar nicht um Mathematik. Da müssen wir allerdings lebhaft widersprechen. Es geht sehr wohl um Mathematik, um Beweise und mathematische Aktivität. Viele Mathematiker sprechen gar von der „feinsten unwiderlegbaren“ Wissenschaft auf dem Planeten. Mathematik ist auch weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft, sondern eine Strukturwissenschaft, die abstrakte Zusammenhänge, Muster und logische Strukturen untersucht, statt nur Zahlen zu berechnen. Noch Fragen?

Wieder einmal hat das English Theatre vier bemerkenswerte Schauspieler auf die Bretter des Hauses gebracht. Beeindruckend ist die Leistung Richard Ings als Robert. Er stellt den dementen Wissenschaftler mit einer Intensität dar, die an die Nieren geht. Catherine, gespielt von Georgina Casbarra, berührt mit ihrer Verletzlichkeit, während Katherine Bristow Claire die toughe Karrierefrau aus New York überzeugend gibt. Bleibt noch Peter Dewhurst als liebenswerter Hal, der am Ende alle Fäden in der Hand hält.

„Proof“ läuft bis zum 11. April 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „All New People” von Zach Braff am 27. April 2026

Fotos: Stefan Kock

Vier auf einen Streich

Quelle: Deutsche Post

Gleich vier Würdigungen hat die Deutsche Post zum Ende des vergangenen Jahres in Form der Widmung einer neuen Briefmarke vorgenommen. Gewürdigt wurden beziehungsweise werden Bernhard Lichtenberg aus Anlass seines 150. Geburtstags am 3. Dezember 2025, Margot Friedländer aus Anlass ihres Todes am 9. Mai 2025, Hildegard Knef aus Anlass ihres 100. Geburtstags am 28. Dezember 2025 sowie das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, das vor über 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins vor dem Kölner Rathaus mit dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 begann.

Die Marke „150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg“ fällt schon insofern aus dem Rahmen, als sie im Unterschied zu den drei anderen nicht 95 Cent wert ist, sondern 15 Cent mehr. Zudem war Hildegard Knef eine im west- beziehungsweise süddeutschen Ulm geborene Wahlberlinerin und Margot Friedländer eine gebürtige Berlinerin, während Bernhard Lichtenberg als einziger aus Ostdeutschland stammte. Schließlich dürfte Lichtenberg von den drei Personen die mit Abstand unbekannteste sein. Dabei wird er in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt sowie in Israel zu den Gerechten unter den Völkern gezählt. Das ist auf seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen.

Bernhard Lichtenberg

In der Kreisstadt Ohlau im Regierungsbezirk Breslau geboren, verschlug es den katholischen Kaufmannssohn nach dem Theologiestudium in Innsbruck und Breslau nach der Priesterweihe 1899 in Schlesiens Hauptstadt bald in die Reichshauptstadt. Damals gehörte Berlin noch als Teil des Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern zum Bistum Breslau, und der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, war dafür bekannt, viele der besten seiner jungen Priester in diese Diaspora zu schicken, wo es viel zu tun gab. Insofern kann Lichtenbergs Entsendung als Auszeichnung interpretiert werden. Der Schlesier machte denn dort auch Karriere. Nach der Errichtung des Bistums Berlin 1930 wurde er im darauffolgenden Jahr residierender Domkapitular, 1932 Dompfarrer an St. Hedwig und 1938 schließlich Dompropst – und damit im Grunde die Nummer 2 nach dem Bischof.

Erinnerungsblatt 150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg, Quelle: Deutsche Post

Lichtenberg war ein Vertreter des den Nationalsozialisten besonders verhassten politischen Katholizismus. Von 1919 bis 1933 saß er für die Zentrumspartei in Charlottenburgs Parlament. Als 1930 „Im Westen nichts Neues“ in die Kinos kam, rief er dazu auf, sich die Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigem Antikriegsroman anzuschauen. Kaum, dass die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren, durchsuchte die Gestapo erstmals seine Wohnung. 1935 protestierte er in einer Beschwerdeschrift gegen die Zustände im KZ Esterwegen. Daraufhin verhört und misshandelt die Gestapo ihn wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“. Nach der sogenannten Reichskristallnacht betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. Nachdem der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die sogenannte Euthanasie publik gemacht hatte, schrieb Lichtenberg Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti einen Protestbrief.

Noch im selben Jahr, am 23. Oktober 1941, nahm ihn die Gestapo fest. Dabei wurde eine von ihm vorbereitete Kanzelvermeldung entdeckt, in der er ein antisemitisches Flugblatt als „Hetzblatt“ bezeichnete. Wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz wurde der Geistliche zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Lichtenberg nicht etwa freigelassen. Vielmehr verfügte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf dem Transport in das KZ Dachau ist der schwer herz- und nierenkranke Häftling am 5. November fern der Heimat im fränkischen Hof gestorben.

Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck

Oh du fröhliche…

Am 5. Dezember fand unsere diesjährige traditionelle Weihnachtsfeier zum zweiten Mal im Residenzhotel „New Living Home“ in Hamburg-Stellingen statt.

Den Auftakt bildete ein Cocktailempfang im festlich geschmückten Musikzimmer. Nachdem unsere Präsidentin Maren Schönfeld die Mitglieder begrüßt hatte, ging es gleich in medias res.

Vier Wortbeiträge erwarteten ein gespannt lauschendes Auditorium. Der Auftritt von Wolfgang Bremke als Kuddel Daddeldu gehört bereits zum Ritual.

Kuddel Daddeldu alias Wolfgang Bremke

Da steht er nun, der Old Sailor Boy, mit keck in den Nacken geschobener blauer Schiffermütze und rezitiert den unsterblichen, köstlich frivolen Text von Joachim Ringelnatz. Applaus, Applaus. Danke, lieber Wolf, bis zum nächsten Mal.

Während sich einer in der Runde Gedanken über den grassierenden Kapitalismus machte – oh, die Milliardäre dieser Welt – ging es in einer anderen Erzählung um das Phänomen des schönen Scheins. Eine weitere Geschichte entführte uns gar in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Alster im Winter zwar regelmäßig zugefroren, aber nie einbruchsicher war. Manch Waghalsiger nahm da ein unfreiwilliges eiskaltes Bad.

Wenn wir unser beliebtes Würfelspiel auch bereits seit über fünfzehn Jahren zelebrieren, muss es in jedem Jahr akribisch erklärt werden. Die Regeln sind denkbar einfach. Dennoch kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Muss man eine Sechs oder eine Eins würfeln, um weiterzukommen – das ist hier die Frage.

Birgit Romann-Pontow und Witka Kova vor dem Knusperhäuschen

Den Part unseres ehemaligen, inzwischen verstorbenen Präsidenten Günther Falbe, der jedes Jahr aufs Neue die Regeln mit engelhafter Geduld erklärte, hatte in diesem Jahr unser Mitglied Birgit Romann-Pontow übernommen. Sie meisterte diese Aufgabe ebenso souverän wie weiland Günther.

Das Würfelspiel brachte überraschenderweise ein neues DAP-Mitglied hervor, das sogleich zum Maskottchen unseres Verbands erklärt wurde: Der DAPP wird von nun an bei jeder Weihnachtsfeier dabei sein und hoffentlich sein Ehrenamt zu unserer aller Zufriedenheit wahrnehmen.

Das Essen  kam heiß auf den Tisch. Es gab somit keinerlei Grund zu irgendwelchen Beanstandungen. Im Vorwege konnte zwischen drei Menüs gewählt werden: Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, Hamburger Pannfisch mit Bratkartoffeln und vegetarische Ravioli.

Fazit: Wir erlebten eine gelungene Weihnachtsfeier. Ganz so, wie man sie sich kurz vor dem Fest in unserer turbulenten Zeit nur wünschen kann.

Allen Mitgliedern und Lesern unseres Onlinemagazins wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest und einen fröhlichen Rutsch ins Neue Jahr. Und nie vergessen: „War das alte Jahr ein gutes, freu‘ dich auf das neue. War das alte aber schlecht, ja dann erst recht!“

(Fotos: Birgit Romann-Pontow, Maren Schönfeld)

„Gaslight“ by Patrick Hamilton, the New Premiere at The ETH

A perfect team / Ein perfektes Team

What a wonderful Christmas present! The English Theatre invites its audience to enjoy the top-tier psychological thriller “Gaslight”, written by the British playwright Patrick Hamilton in. Do you remember the film starring the young Ingrid Bergman? For the leading part she was awarded “The Oscar” for Best Actress. Bergman was great as the wife of a scheming und sadistic husband (played by Chares Boyer) who is trying to drive her insane to steel from her.

As a matter of fact, the theatre version based on Patrick Hamilton’s original script is in a good many ways different from the Hollywood production of 1944. Find out yourself, dear spectator, which version you prefer.

Scenes from an unhappy marriage

Jack and Bella Manningham’s marriage seems to be anything but happy inspite of their comfortable social situation. We meet the couple in their well-furnished middle upper-class home in London on a misty afternoon “before the feeble dawn of gaslight and tea”, as Jack Manningham likes to describe teatime. Jack is lacking respect for Bella. Not only does he bully her in front of the servants, but flirts shamelessly with Nancy, the buxom maid.

Mysterious things happen in the house

All of a sudden things vanish and cannot be retrieved. Where is Bella’s diamond brooch, where the picture that once hung on the wall of the sitting room? Jack is furious and attributes Bella’s shortcomings to insanity inherited by her mother who had to be sent to a “loony bin” a couple of years ago. Poor Bella who is unable to make sense of all what is happening in her house.

What’s more. Why do the gas lights always dim when Jack has left the house in the evening? What about the strange noises from the attic? And why does Jack never tell Bella where he is going after dawn? Questions that remain unanswered.

An Inspector is calling

One foggy morning a middle-aged man rings the doorbell of the Manningham’s residence. May he have a word with the lady of the house? When Bella appears he introduces himself as Inspector Rough from Scotland Yard. He is retired though still interested in cold cases. Rough has something alarming to tell Mrs. Manningham: “Please listen closely. You can trust me.”

What is going on the top floor

Bella reports that strange things are happening right after her husband has left the house in the evening. All of a sudden the gaslights dim and noises can be heard in the attic as if someone is walking to and fro. Bella has never been up there because the door is permanently locked and Jack does not want her to intrude.

The inspector reveals a secret

“Do you know that you have most probably be living all the time under one roof with a monster?” Rough asks. Bella cannot believe what the inspector is telling her. The inspector is after a killer who calls himself Sydney Power. Rough is sure that Power and Bella’s husband are one and the same person. Years ago Power murdered Alice Barlow, a rich widow who happened to live in the Manningham’s home. Power knew that the lady possessed precious jewels which he wanted to steel from her. Only for this reason he courted Bella and proposed to her in order to be close to the goal of his wishes.

Inspector, I can hardly believe what you are telling me. / Inspektor, ich kann es kaum glauben, was Sie mir erzählen.

Alas, when breaking into her residence he did not find her rubies. But they must be somewhere in this house. During the night Power regularly goes up to the top floor and looks into every corner, into every box without so far finding the rubies? Where the hell did the old lady hide them? Does Bella know the hiding place?

Bella is waking from a dream

With the help of inspector Rough Bella realizes that she has been duped by Jack from the very beginning of their relationship. She gets furious when realizing that her husband never loved her but that he was solely after her money and the late Mrs. Barlow’s jewellery in particular. Good news: When the rubies are finally found in a rather unexpected place it is too late for Jack to grab them.

In spite of all the information that Rough has against him Jack is not prepared to accept that he has lost the battle. On the contrary he attacks the inspector and threatens to kill him. A police man called in by the inspector puts an end to the fight and arrests the villain.

Bella is plotting revenge

What is going on in Bella, Jack’s devoted and shy wife whom he had humiliated and badly treated for years? While Jack is expecting her to help him escape from punishment, she is no longer willing to follow his instructions. Jack’s blood freezes in his veins when he recognizes that Bella is scheming against him. How dare she? Isn’t he her husband and master? But what is sweeter than revenge against an overbearing and cruel husband with murderous intentions? Dear spectator, Bella’s way of dealing with Jack will give you something to think about. Wait, see and enjoy the unexpected finale.

“Gaslight” is a brilliant psychological tale, based on deceit and trickery committed by an overbearing husband who is driving his young wife into insanity. By unsettling her and telling lies about her allegedly unstable mental state he is trying to steal her inheritance. Once in a closed institution – commonly known as loony bin – the man can dispose of his wife’s assets and lead a life according to his own taste. Bella’s fate was anything but unique in the olden by now means always golden times during the 19th century. Women and children were generally regarded as a man’s property and treated accordingly. The British suffragettes were the first women to rebel against the dominance of men. Their slogan: “Fight the patriarchy!”

Alas, due to Bella’s early birth she had to bear her “Master’s” cruelties for too long a time. Marie Wilson as Bella is the perfect cast. The pain felt by this fragile self-doubting woman is almost palpable.

The villain in the play comes along as Jack, the domineering monster who is trying to destroy his wife. Kevin Johnson plays this diabolical part in an intensity that gives you the jitters. Great performance.

Inspector Rough brilliantly played by Ian Bailey, is kind of a resting pole in the play. He never loses his temper while investigating this mysterious case. His very British humour eases the tension and even elicits occasional laughter.

Both supporting roles Elizabeth (Claire Morissey) and Nancy (Niamh Deasy) are also well cast.

A great event on a grey November day, thanks to Paul Glaser and his Team of Excellence.

What does “Gaslighting “stand for?

“Gaslighting” has also become a household word in our language. It describes a form of psychological manipulation where a person makes a victim doubt their own reality, memories and mental sanity.

Beside “Gaslight” the British novelist Patrick Hamilton wrote quite a number of other thrillers, among them “Rope,” The Duke of Darkness” and “The Plains of Cement.” “Rope” directed by Alfred Hitchcock in 1948 proved a great international success.

Last performance of “Gaslight” on January 17, 2026. Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under

www.englishtheatre.de

Next premiere: “Proof” by Eric Auburn on February 9, 2026

 

Photos: Stefan Kock

„Gaslight“ von Patrick Hamilton: Premiere am ETH

Ein perfektes Team

Als „Das Haus der Lady Alquist“ in den fünfziger Jahren in die deutschen Kinos gelangte, erwies sich dieser Thriller als Blockbuster der Sonderklasse. Jeder wollte die junge Ingrid Bergman in jener Rolle sehen, die ihr ihren ersten Academy Award – besser bekannt als „Oscar“ – einbrachte. Es ist das Verdienst von Regisseur Paul Glaser, den Kultkrimi unter seinem Originaltitel „Gaslight“ auf die Bühne des English Theatre of Hamburg zu bringen. Unter dem Premierenpublikum am 21. November 2021 herrschte Hochspannung. Wie würde die Bühnenversion dieses Stoffes ausfallen? Vorhang auf für „Gaslight!“

Blick hinter die Kulissen einer viktorianischen Ehe

Glücklich scheint das Ehepaar Jack und Bella Manningham nicht zu sein trotz der offensichtlich komfortablen Verhältnisse, in der beide leben. Düster, fast bedrohlich wirkt die mit dunklem Mobiliar ausgestattete Villa in einem Londoner Vorort. Genau das Ambiente, in dem ein patriarchalischer Mann wie der Hausherr sein Unwesen treiben kann. Jack kommandiert seine zarte schüchterne Frau herum und demütigt sie vor den Dienstboten. Dem robusten Hausmädchen Nancy scheint diese Attitüde zu gefallen. Sie würde sich zu gern als Herrin des Hauses aufspielen. Warum nur lässt Bella all dies mit sich geschehen, ohne aufzubegehren?

Eins, zwei drei, vier fünf, sechs sieben, wo ist nur das Bild geblieben

Wie von Zauberhand verschwinden immer wieder Gegenstände im Haushalt und finden sich entweder gar nicht oder dort wieder an, wo man sie am wenigsten vermuten würde? Man kommt kaum mit dem Zählen nach. Wo ist das Gemälde, das gestern noch an der Wand des Salons hing, wo Bellas Brosche oder die Metzgerrechnung, die Jack gerade bezahlen wollte? Für Jack beantworten sich diese Fragen von selbst. Bella ist unverkennbar geistesgestört, genauso wir ihre bedauernswerte Mutter. Irgendwann wird er Bella in eine geschlossene Anstalt bringen müssen. Während Jack von Tag zu Tag brutaler wird, versinkt Bella in tiefer Depression. Sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ist doch bei klarem Verstand. Warum nur agiert Jack so bösartig?

Tapp, tapp, tapp – woher kommt der Lärm auf dem Dach

Seltsame Dinge geschehen in dem unheimlichen Haus. Bella beunruhigen nicht nur die Geräusche im nicht betretbaren, abgeschlossenen Dachgeschoss, sondern auch das Gaslicht im Salon, das stets flackert, wenn Jack das Haus verlassen hat. Es tröstet sie, dass Elizabeth die ihr treu ergebene Haushälterin, sich auch schon Gedanken über die flackernden Gaslampen gemacht hat.

Ein Inspektor bittet um Einlass

Als wäre nicht schon alles mysteriös genug, steht eines Morgens ein unbekannter Mann auf der Türschwelle und wünscht mit Mrs. Manningham zu sprechen. Der bereits pensionierte Inspector Rough von Scotland Yard beobachtet die Geschehnisse im Hause Manningham seit geraumer Zeit. Seine detektivische Spürnase ist seit Jahren einem Kapitalverbrechen auf der Spur. Gemäß seiner Recherchen wurde in diesem Haus einst der Mord an einer reichen alten Dame namens Alice Barlow verübt, der Täter jedoch nie ermittelt.

Ein Mann mit zwei Namen

Inspektor Rough vermutet hinter Jack Manningham den Verbrecher Sydney Power, der Mrs. Barlow umbrachte, um in den Besitz ihrer wertvollen Juwelen zu gelangen. Nach dem Mord änderte er seinen Namen und verschwand für eine Weile von der Bildfläche. Er vertuschte seine Tat, indem er in eine bürgerliche Existenz schlüpfte und die arglose Bella heiratete, in deren Haus er den Schmuck vermutete. Um sein Ziel zu erreichen, verwirrte er seine ungeliebte Frau, erfand perfide Lügen über ihren unberechenbaren Geisteszustand und durchsuchte am Abend den Dachboden nach den Schätzen der gemeuchelten alten Dame.

Inspektor, ich kann es kaum glauben, was Sie mir erzählen.

Inspektor Rough gelingt es endlich, Bella davon zu überzeugen, dass sie mit einem Ungeheuer unter einem Dach lebt, das ihr nach dem Leben trachtet. Es ist ihr Glück, dass Jack alias Sydney trotz aller Bemühungen den Schmuck noch nicht gefunden hat. Wo sind sie nur, die strahlenden Rubine, um derentwillen dieser skrupellose Mann zum Mörder wurde? Als sie sich schließlich anfinden, ist Jack/Sydney schon lange in die vom cleveren Inspektor Rough aufgestellte Falle getappt. Er hat die Dame also völlig umsonst erstochen. Eine alte kriminalistische Weisheit besagt zu Recht: Verbrechen lohnt sich nie.

Bella auf dem Rachefeldzug

Selbst eine schüchterne, gutgläubige Frau wie Bella entwickelt Rachegefühle. Sie will ihren Peiniger für all das, was er ihr angetan hat, bezahlen zu lassen. Und sie tut es auf eine so raffinerte Weise, die selbst einem Mann wie Jack/Sydney das Blut in den Adern erstarren lässt… Mehr wird nicht verraten.

Auch in einem Thriller – ganz gleich wie blutig – muss am Ende die Gerechtigkeit siegen. Nach einem erbitterten Zweikampf zwischen dem Inspektor und Jack/Sydney fallen die Würfel. Der Delinquent wird von den Hütern des „Yard“ in Gewahrsam genommen und abgeführt. Ihm droht der Galgen.

Iustitia praevalet!

Eine grandiose Inszenierung des Psychothrillers von Patrick Hamilton an der Mundsburg. Das English Theatre wählte das Original-Script des Autors für seine neueste Premiere. Bereits 1938 kam das Stück im Londoner Westend auf die Bühne. Der legendäre Film von George Cukor – in Deutschland unter dem Titel „Das Haus der Lady Alquist“ bekannt – folgte erst 1944. Er katapultierte die Hauptdarstellerin Ingrid Bergman von einem Tag zum anderen in die erste Reihe der Hollywood Stars.

Diese Moritat ist stilsicher im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts angelegt. Sie thematisiert eindrücklich Manipulation und Missbrauch eines skrupellosen Ehemannes an seiner jungen Frau, die er aus Macht- und Raffgier loswerden will. In jener Epoche dürfte dies kein Einzelfall gewesen sein. Viele Männer betrachteten Ehefrau und Kinder als eine Art Leibeigene, über die sie je nach Gusto verfügen konnten. Das Gesetz war stets auf ihrer Seite, so dass es für die meisten Frauen kein Entrinnen gab.

„Gaslighting“ ist zu einem festen Begriff in unserer Umgangssprache geworden. Er beschreibt eine besonders perfide Art psychischer Manipulation, die einen Menschen in einem Maße desorientiert und verunsichert, dass er seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertraut.

Auch Bella Manningham erleidet dieses Schicksal, nachdem Jack ihrer im Ehejoch ganz sicher sein kann. Marie Wilson verkörpert die hilflose, eingeschüchterte Bella fast schmerzhaft überzeugend. Dem breitbeinig auftretenden Kevin Johnson ist der Part des diabolischen Jack Manningham auf den Leib geschrieben und wird großartig ausgespielt bis ans bittere Ende. Ian Bailey als pensionierter Inspektor Rough von Scotland Yard bringt mit seinem Humor und flotten Sprüchen ein wenig Licht in die sinistre Atmosphäre. Er erinnert an einen Westentaschen Sherlock Holmes, der den Geschehnissen im Mörderhaus akribisch auf den Grund geht und schließlich alle Machenschaften aufdeckt. Die Rollen der beiden Domestiken Nancy und Elizabeth sind mit Niamh Deasy und Claire Morissey ebenfalls optimal besetzt.

Fazit: Eine gelungene atmosphärisch dichte Inszenierung von „Gaslight“, die die Zuschauer in die Regierungszeit von Königin Victoria zurückversetzt. In eine Epoche, während der London in der kalten Jahreszeit vom Nebel fast erstickt wurde. Der war so undurchdringlich – im Volksmund treffend „peasoup“ genannt – dass man seine Hand vor Augen kaum erkennen und selbst Schritte in unmittelbarer Nähe nicht hören konnte. Ein ideales Umfeld für Jack the Ripper, der seinerzeit die Gegend um Whitechapel in Angst und Schrecken versetzte.

Der Autor Patrick Hamilton schrieb außer „Gaslight“ noch eine Reihe sehr erfolgreicher weiterer Thriller, die häufig ins Kino gelangten, wie zum Beispiel „Rope,“ der, von Alfred Hitchcock verfilmt, unter dem Titel „Cocktail für eine Leiche“ in die deutschen Kinos kam.

„Gaslight“ läuft bis einschließlich 17. Januar 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Proof“ von David Auburn am 9. Februar 2026

 

Fotos: Stefan Kock

Warum die Samoainseln geteilt sind

Kokosnuss-Ernte auf Samoa. Foto: Pixabay (Simon)

Deutschland, Großbritannien und die USA einigten sich vor 126 Jahren auf den Samoa-Vertrag

Die polynesische Inselgruppe Samoa entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Interessensgebiet der aufstrebenden europäischen Industrie- und Handelsnationen Großbritannien, Deutschland und USA. Als die daraus resultierenden Interessenskonflikte und Rivalitäten zu kriegerischen Auseinandersetzungen zu führen drohten, einigten sich die drei Großmächte 1889 auf der Samoa-Konferenz, zu welcher der Sohn des Reichskanzlers Otto von Bismarck und Außenstaatssekretär des Deutschen Reiches, Herbert von Bismarck, nach Berlin geladen hatte, auf eine Samoa-Akte. Die Inselgruppe wurde eine formal unabhängige Monarchie mit Malietoa Laupepa als König unter der gemeinsamen Verwaltung der sogenannten Three Powers (drei Mächte).

Der Streit zwischen den drei Mächten entflammte erneut, als der Monarch 1898 starb. Die Angloamerikaner unterstützten die Thronansprüche von Laupepas Sohn, die Deutschen hingegen jene von Laupepas altem Rivalen Mataafa Josefo. Als sich abzuzeichnen schien, dass sich der deutsche Kandidat durchsetzt, beschossen die britischen Kriegsschiffe „Royalist“ und „Porpoise“ sowie die US-amerikanische „Philadelphia“ im März 1899 die Hauptstadt Apia.

Nach dieser direkten militärischen Intervention der Angloamerikaner musste eine Einigung her, wollte man nicht riskieren, dass der Konflikt zu direkten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Three Powers eskaliert. Im Mai trafen sich Vertreter der drei Mächte, ein zweiter Sekretär des britischen Botschafters in Washington, ein früherer US-Botschafter in Wien und ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Washington, im Hafen von Apia auf dem US-Kriegsschiff „Badger“ zu Verhandlungen. Das Ergebnis war der Samoa-Vertrag, den vor 126 Jahren, am 14. November 1899, das Deutsche Reich und das Vereinigte Königreich schlossen und dem am 2. Dezember 1899 die USA beitraten. Kernbestandteil des Vertrages ist eine Teilung der Samoainseln, die bis zum heutigen Tag Bestand hat.

Der Vertrag spiegelt die Tatsache wider, dass Großbritannien seit dem 11. Oktober mit seinem zweiten Krieg gegen die Buren beschäftigt war. Bei der Teilung der Samoainseln ging es nämlich leer aus. Versüßt wurde den Briten der Verzicht durch andere pazifische Inseln. So verzichtete das Deutsche Reich zugunsten des Empires auf Tonga und Teile der Salomonen.

Die Samoainseln hingen wurden am 171. Längengrad westlicher Länge geteilt. Deutschland bekam den West- und die USA den Ostteil. Nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden am 16. Februar 1900 wurde noch im selben Jahr der westliche Teil zum Schutzgebiet Deutsch-Samoa und der östliche Teil durch den Treaty of Cession of Tutuila zu einem abhängigen Gebiet der USA.

Die weitere Geschichte der beiden Teile ist sehr unterschiedlich. In Westsamoa wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Herrschaft des Kriegsverlierers Deutschland durch die des Kriegssiegers Neuseeland abgelöst. 1962 wurde dieser Teil unabhängig, was er heute noch ist.

Der Ostteil hingegen ist bis heute ein Bestandteil des US-Imperiums geblieben, seine autochthonen Bewohner sind US-Staatsangehörige zweiter Klasse mit beschränkten politischen Rechten.

(Dieser Beitrag erschien zunächst in der Preußischen Allgemeinen Zeitung)

„Harry, hol schon mal den Wagen!“

Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F034156-0025 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5870631

„Harry, hol schon mal den Wagen!“ ist entgegen einer weitverbreiteten Mär kein einziges Mal in „Derrick“ gesagt worden. Fakt ist hingegen, dass es besagten Harry Klein bereits vor „Derrick“ gab, denn davor war er bereits Assistent von Kommissar Herbert Keller in der ZDF-Serie „Der Kommissar“. In deren Folge 71 wurde Harry 1974 mit einem Sektumtrunk von seinen Kollegen verabschiedet, um fortan – nur wenige Zimmer weiter, wie es hieß – Stephan Derrick zu assistieren.

Mancher Fernsehzuschauer wird sich damals gefragt haben, warum der Harry-Klein-Darsteller Fritz Wepper seine Serienrolle als Assistent des Kommissars Keller in der damals sehr erfolgreichen Krimiserie aufgab, um in einer neuen ZDF-Serie die Assistentenrolle zu übernehmen. Doch Wepper tat gut daran. „Der Kommissar“ endete bereits zwei Jahre später auf Wunsch Odes noch vor dem Erreichen der 100. Folge. An der Seite von Horst Tappert als Derrick konnte Wepper als Harry noch fast ein Vierteljahrhundert ermitteln.

Dabei fing es vor nunmehr einem halben Jahrhundert gar nicht gut an. Dass der Zuschauer von Beginn der Folge an den Täter kannte, kam im Gegensatz zur US-Krimiserie „Columbo“ mit Peter Falk bei der ersten „Derrick“-Staffel nicht gut an. Nach dem Wechsel zum konventionellen Schema mit dem Beginn der zweiten Staffel, bei dem der Zuschauer mitraten konnte, ging es dann bergauf. Die Serie, für die wie beim „Kommissar“ Helmut Ringelmann für die Produktion und Herbert Reinecker für das Drehbuch verantwortlich zeichneten, wurde die meistverkaufte deutsche Fernsehserie.

War „Derrick“ am Anfang ein flotter, aktionsreicher Krimi, so wurde dieser schließlich zum Kammerspiel. Horst Tappert fing augenscheinlich an, statt eines normalen Kriminalbeamten sich selbst zu spielen. Derrick/Tappert bewegte sich fast nur noch in der Oberschicht, trug luxuriöse Armbanduhren von Rolex und IWC sowie modische Brillen. Dabei moralisierte und predigte er theatralisch und melodramatisch Weisheiten über das Verbrechen, den Tod und das Leben wie ein Moralphilosoph oder Geistlicher. Das signifikanteste Beispiel für das Abheben Derricks/Tapperts war 1981 der für einen gewöhnlichen Kriminalbeamten ziemlich unrealistische Wechsel beim Dienstwagen von der Mittel- zur Oberklasse, vom 5er- zum 7er-BMW.

Maßlos wird es dann in der letzten Folge. Der bisherige Oberinspektor soll Vorsitzender der Koordinierungskommission des Europäischen Kriminalamtes werden. Es gibt einen großen Festakt ihm zu Ehren, auf dem neben ihm auch der damals bekannte Regisseur, Manager, Kulturpolitiker und Intendant August Everding spricht. Im Publikum sitzt auch Derricks Kollege Hauptkommissar Leo Kress samt Mitarbeitern aus der ZDF-Krimiserie „Der Alte“. Wie zu Beginn der Geschichte von „Derrick“ kommt es also auch an dessen Schluss damit noch einmal zu einem amüsanten Crossover.

Nicht nur, dass wir seitdem auf neue „Derrick“-Folgen am Freitagabend verzichten müssen. Seit 2016 sind uns nicht einmal mehr Wiederholungen vergönnt – als wenn wir etwas dafürkönnten, dass drei Jahre zuvor Tapperts Zugehörigkeit zur Waffen-SS bekannt geworden war.

(Dieser Beitrag erschien zunächst in der Preußischen Allgemeinen Zeitung)

Eine frühe Zuwanderin – Emily Ruete, Prinzessin von Oman und Sansibar

Salme als Tochter des Sultans in Stone Town, Sansibar (Foto: W. Cropp, mit Genehmigung des Museums von Sansibar)

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Gräber wecken Erinnerungen. Unter manchem Stein schlummern erstaunliche Geschichten. Nun sind Friedhöfe nicht gerade meine bevorzugten Aufenthaltsorte. Grund, warum ich an jenem Vormittag suchend durch den Ohlsdorfer Friedhof spazierte, war das Projekt der Künstlerin Anna Bardi. Sie hatte Autorinnen und Autoren gebeten, an den Gräbern toter Kollegen zu lesen. Ich war für Willy Haas, Felix Graf von Luckner und Rolf Italiander vorgesehen. Also suchte ich die Gräber vorher einmal auf. Per Zufall fand ich in einem verwunschen gelegenen Rhododendronhain ein Familiengrab und las in goldfarbener Gravur: Familie Ruete. Vor der eindrucksvollen Ruhestätte lagen Grabplatten. Eine der vielen Tafeln weckte meine Aufmerksamkeit. Ich las unter arabischen Schriftzeichen: Emily Ruete. Wittwe des Rudolph Heinrich Ruete. Auf der Platte stand ein Gläschen Sand mit der Aufschrift: Sansibar. Das musste etwas zu bedeuten haben!

Später erfuhr ich, dass die arabischen Schriftzeichen ein Siegel seien und bedeuten: Salme Prinzessin von Oman und Sansibar. Nicht weit entfernt stieß ich auf den „Garten der Frauen“, eine Spirale aus Steinblöcken. Einer davon trägt die Gravur: Emily Ruete, geb. Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar, 1844 – 1924. Zuwanderin.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof: Das Familiengrab der Ruetes.

Zuwanderin, welch ein moderner, ja aktueller Begriff, der nicht nur Deutschland, der ganz Europa brennend beschäftigt! Ich schlug eine Hinweistafel aus Aluminium auf und las einen kurzen Abriss aus Emilys Leben, der mit ihren Worten endet: „Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin und was bin ich heute? Eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche.“
Sonderbar, mit einem Mal wurde ich von Neugier gepackt. Die Geschichte der Prinzessin aus Tausendundeine Nacht, dem fernen Sansibar, fing an mich zu faszinieren. Ich wollte mehr darüber erfahren, an die Wurzeln gelangen…
Also machte ich mich auf.

Sansibar

Nach stürmischer Überfahrt mit einer Dhau von Bagamoyo, Tansania nach Stone Town, Sansibar Stadt, quartierte ich mich in der Backpacker Lodge Flamingo ein und erkundete peu à peu die Stadt, dann mit einer Vespa die ganze Insel. Livingstone, Burton und andere Entdecker starteten von hier aus ihre Expeditionen durch Afrika. Gespräche mit Einheimischen, Informationen im Palast Museum, im Haus of Wonders, das Buch „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ erschlossen mir den Lebensweg Salmes:

Im Hafen von Sansibar City, Stone Town

Im Palast des Sultans Sayyid Said brachte eine der 75 Nebenfrauen die Prinzessin Sayyida Salme am 30. August 1844 zur Welt. Sie wuchs als außerordentlich lebhaftes und wissbegieriges Mädchen heran, das sich früh im goldenen Palastkäfig eingesperrt fühlte. Lesen und schreiben musste sie heimlich lernen. Ihr Halbbruder Majid wurde, nach dem Ableben des Vaters, 1856 Sultan. Er fand Gefallen an der Neugierde der Schwester und förderte sie. Brachte ihr Reiten und Schießen bei und ließ sie bei sich im Palast wohnen. Mit zwölf Jahren wurde Salme volljährig. Sie erhielt ihr väterliches Erbe. Als die Mutter starb, wurde sie noch reicher. Besaß Wohnhäuser, Plantagen und mehrte durch den Export von Gewürznelken ihr Vermögen.
Wohl aus Übermut – niemand weiß es ganz genau, ließ sie sich von ihrer Halbschwester Khwala und ihrem herrschsüchtigen Halbbruder Bargash verleiten, gegen Majid, ihrem Gönner, zu putschen. Der Umsturz misslang. Salme kam glimpflich davon. Das Vertrauensverhältnis bei Hof blieb jedoch nachhaltig gestört.

Emily Ruete als Ehefrau des Kaufmanns Rudolph Heinrich Ruete (Foto: W. Cropp, mit Genehmigung des Museums in Sansibar)

Die Prinzessin bezog eine Stadtwohnung in unmittelbarer Nähe eines Hamburger Kaufmanns, namens Heinrich Rudolph Ruete, einem stattlichen Mann, der mit Gewürzen und Elfenbein handelte. Erst Neugierde, dann Sympathie brachte die Beiden näher. Das jeweils Gegensätzliche zog magisch an. Sie verliebten sich. Welch eine gefährliche Verbindung in damaliger Zeit! Sie Mohammedanerin, er Christ. Und zur Liebe gesellte sich eine Schwangerschaft, damit die tödliche Gefahr für Leib und Leben. Um der Steinigung zu entgehen, floh die Prinzessin nach Aden, wo ihr Sohn, Heinrich jr. geboren wurde. Sie wartete auf ihren Gatten und ließ sich derweil auf den Namen Emily christlich taufen. Ihr Sohn starb, bevor Vater Heinrich eintraf.

Die über viele Wochen währende Reise nach Hamburg trat das Paar gemeinsam an. Im März 1868 wurde ihre Tochter Antonie geboren. Ein Jahr später freuten sich die Eltern über die Geburt des Sohnes Rudolph. Dann erblickte die Tochter Rosalie das Licht der Welt. 1870 geriet Ehemann und Vater Heinrich unter die Räder der Straßenbahn, die seinerzeit von Pferden gezogen wurde. Damit begann für Emily die Zeit großer Unsicherheit: Die Frau mit drei Kindern war auf sich gestellt. Ihre Ansprüche und den Besitz auf Sansibar hatte sie durch die Ehe mit dem „Ungläubigen“ Heinrich verwirkt. Die angeheiratete Familie, nebst deutsche Behörden verweigerten Emily das Erbe ihres Mannes.

Die Grabplatte von Emily Ruete, geb. Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar.

Sie schlug sich als Gelegenheitslehrerin und Übersetzerin für arabisch durch. 1886 veröffentlichte sie mit beachtlichem Erfolg das Buch „Memoiren einer arabischen Prinzessin“. Die finanziellen Sorgen konnte sie durch Buchtantiemen reduzieren. Dennoch, Kulturschock und Enttäuschungen überforderten ihre Kräfte. Besonders die negative Erfahrung ihrer zweiten Sansibarreise schmerzten sehr. Entwurzelung, ewiges Heimweh, der Tod ihres Mannes nagten an ihrem Gemüht. Aus Melancholie entwickelte sich Depression. Am 29. Februar 1924 starb sie in Jena an Lungenentzündung. In der Handtasche der Mutter fanden die Kinder ein Säckchen Sand vom Strand ihrer Heimat Sansibar. Sand, den sie stets, bis zu ihrem Tod bei sich trug. Auf Wunsch ihrer Kinder wurde sie neben ihrem Mann Heinrich in Hamburg beigesetzt.

Im Palast Museum wurde ihr ein Zimmer mit Erinnerungsstücken aus der Jugend eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder von Ihr, ihrem Mann, der Mutter, dem Vater und vieles mehr. Prinzessin Salme bleibt in Erinnerung, sie hat in einem eigenen Raum endlich Ruhe gefunden. Und Frieden in Ihrer so geliebten Heimat Sansibar!

Wer darüber hinaus Interesse am Leben und Treiben in Tansania und Sansibar hat, dem sei das Buch „Wie ich die Prinzessin von Sansibar suchte und dabei mal kurz am Kilimandscharo vorbeikam“, empfohlen.

Fotos: privat

„The Invisible Hand“ by Ayad Akhtar – The New Premiere at the ETH

Come on guy, tell me the truth!

The Theatre Season 2025/26 at the English Theatre of Hamburg opens with a provocative drama about terrorism and greed written by Ayad Akhtar, the American author of Pakistani heritage whose play “Disgrace” won him the coveted Pulitzer Prize.

What do you know about free markets? Little or even nothing? Just listen to a wise man who was conversant with the mechanisms of international markets.  Adam Smith, the Scottish economist and moral philosopher (1723 to 1790), describes “the incentives which free markets sometimes create for self-interested people to accidentally act in the public interest, even when this is not something they intended. Smith originally mentioned the term in two specific, but different economic examples. He states a hypothetical example of wealth being concentrated in the hands of one person, who wastes his wealth, but thereby employs others. In his ‘Wealth of Nations’ Smith argues that governments do not normally need to force international traders to invest in their own home country. In both cases Smith speaks of an  invisible hand, never of the invisible hand.” Mark the difference! Wait and see what Ayan Akhbar’s gripping drama is about. Off we go.

A Nightmare

The play opens with a horror scene. Nick Bright (Lee White) – a young bright – pun! – American banker is handcuffed and sitting in a dark cell somewhere in Pakistan wondering what has just happened to him. Bad luck. He has been mistaken for his Citibank boss and abducted by a gang of Pakistani Jihadists. Nick knows for sure that his bank will never pay the 10- million-dollar ransom that the terrorists are demanding for his release. What’s more, also the American government will never agree to that payment since Imam Saleem (Rohit Gokani), head and religious leader of the organization, was recently placed on the US terrorism list. In other words: No bail out!

Nick is aware of his hopeless situation. But he is not willing to give up.  All of a sudden a brilliant idea enters his mind. What about offering a deal to his captors. Being conversant with the mechanisms of global finance, he could raise his own ransom and thus regain freedom. Bashir (Ismail Khan), the only British-born member of the militant group, is hesitant. But after thinking twice he recognizes that Nick’s financial know-how and deep understanding of the Pakistani futures market could be of great value to the group.

Bashir convinces Imam Saleem of Nick’s financial skills. The Imam is only too happy to hear this and orders a computer be installed in the Nick’s cell. Forbidden to use the PC himself it is Nick’s job to instruct Bashir.

A Valuable Find on the Floor

During his captivity Nick has befriended Dar (Aliyaan Asif), his young jail guard, whom Nick gives valuable tips to gain some money on the side. While cutting Nick’s finger nails, Dar drops the nail cutter which Nick later picks up. You never know what such a tool can be good for. Bashir is an intelligent man who learns fast to operate the computer. And Nick is glad that his teachings are falling on fertile ground. When Nick notices that a sum of 400,000 dollars has been withdrawn from his ransom account, he gets furious, but masters his anger for fear to provoke his captors. Bashir tells him not to worry since Imam Saleem needed the money to buy vaccine for the children of his community.

Neither Bashir nor Dar, his loyal footman, believe the Imam. Both heard on the grapevine that their revered religious leader recently contacted a real estate agency who offers high-priced beautiful houses. What a betrayal! Shame on the Imam. Bashir loses his temper and knocks Saleem down. A couple of minutes later Bashir gives order to Dar to shoot the traitor.

Gosh, there is nobody on the street.

Nick is standing on the only chair in his cell and looks out of the barred window. It is calm outside. The only sound is the barking of a stray dog nearby. Nick uses the nail cutter to dig a hole into the wall of his jail. Hard work, but the opening gets wider from day to day.

As already mentioned, Bashir learns in no time to work the markets. Following Nick’s instructions, he makes roughly 700,000 dollars in only a few days. Nick warns his captor not to become greedy since “making money can get intoxicating.” As we all know, a loyal follower of Allah should never become a slave of worldly riches!  That’s the point. Wait and see whether Bashir will stick to this rule.

Nick continues digging at the wall with his tool. One night he is able to slip through the hole. However, his captors find him after some weeks and imprison him anew. Bashir has no mercy on Nick. On the contrary, he handcuffs and this time even chains Nick. All of a sudden he orders Dar to shoot him. Nick is horrified but becomes aware that he underwent only a mock execution. This was just meant to discipline him.  Matter of fact: Nick is a most valuable asset in Bashir’s revolutionary concept. Why kill him? He still needs him to make more and more money to fill his personal account.

A New Imam is Born

After Imam Saleem’s execution Bahir has taken over his high position as leader and religious head of the militant group. Now he is wearing a fine robe reminiscent of Imam Saleem’s attire instead of his soldier’s uniform. He has gained status and is regarded the new charismatic leader of the organization. Nick is flabbergasted by this change in such a short time and wonders what is going on outside his cell. There are sounds of gunfire and drones nearby. No doubt, these are sounds of war. While Nick wants to get back to work, Bashir tells him that at the annual meeting of the central bankers of Pakistan last Thursday an explosion did  not only kill the governor of the bank but all the members of the board at the same time. Bashir joyfully explains that as a result the Pakistani rupee has gone into free fall. This guarantees high profits on the financial markets

A Free Man in a Destroyed Environment

Listen Nick, you owe us a lot of money.

Nick can hardly believe what Bashir is telling him. He, the new leader organized the bombing of the Central Bank of Pakistan. Following Nick’s advice, he invested all the capital he made with Nick’s help and put options on the idea that Pakistan`s  currency – the rupee – was going bust. Bingo! Thanks to Nick’s expertise Bashir is now a rich man. His account right now shows a balance of thirty-five million dollars. What’s more, the bombing proved a “blessing” for the Pakistani people. In Bashir’s opinion the time is now ripe for a real revolution. Allahu akbar!

Bashir and his sidekick Dar say goodbye to Nick leaving the door of the cell wide open. Nick is paralyzed. He is now a free man in murderous environment. And didn’t Bashir give him the advice to take care of himself in this violent country where the blood is flowing in the streets…

Oof – this hostage drama is heavy stuff, exciting and startling. No doubt, Ayd Akhbar’s ingenious plot gets under the skin. This financial thriller left most of the audience speechless.

The play which is about a young banker fighting for his survival reminds me of one of the tales from 1001 nights: Scheherazade, the wife of a vengeful sultan is threatened with death unless she finds a way to calm her master’s anger. The young woman being full of imagination starts to tell the powerful man one exciting story after the other in one thousand and one nights. Thus she wins the sultan’s heart and lives happily ever after. Nick’s situation is less romantic since he has to generate a lot of money on the market for a gang of terrorists to save his life. In the end he is a free man, but faces an uncertain future in the middle of a war zone. A happy ending is not in sight.

Ayad Akhtar has created a microcosm of global economics and politics in just four characters. Let’s take a closer look on the quartet:

In this pulse-raising thriller we meet Nick, the young ambitious banker who is striving for a higher position. For Bashir, his captor, he is a greedy American. As the play goes on we are becoming aware of Bashir’s real character. While pretending to be Robin Hood himself who has a heart for the poor he is greedy and only interested in the money that Nick generates for him. The same is true for Imam Saleem, the hypocritical Islamic leader who shamelessly embezzles Nick’s ransom for a leisurely life in luxury. Last but not least there is Dar, the hired gun for the Imam who is the only empathic character on the stage. He treats Nick with respect and even removes his handcuffs when his boss is out of sight.

According to the critic of the New York Times Ayad Akhbar’s play raises probing questions about the roots of the Islamic terrorism that has rattled the world for the last decade and more. The British Guardian writes:” Akhbar doesn’t hold back when it comes to exposing the gathering greed of the Jihadists…” And Robert Hofler at “The Wrap” comes to the conclusion that “Akhbar has written a financial thriller that is every bit as arresting and nail-bit inducing as Chandor’s Margin Call.” He compares Akhbar to Shaw, Brecht and Miller.

 

Conclusion:

A great performance directed by Clifford Dean.

“The Invisible Hand” is a hostage drama performed by a quartet of outstanding actors whom we hope to see again soon on the Mundsburg stage.

 

Last Performance of “The Invisible Hand” November 1, 2025 Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

 

Next Premiere “Gaslight” by Patrick Hamilton on November 17, 2025