Warum Charlotte Ueckert ein „Swiftie“ ist und mehr vom Tag des Buches

Am vergangenen Sonnabend, den 9. Mai, um 11 Uhr eröffneten in der Altonaer Alfred-Schnittke-Akademie zunächst die Pirckheimer den Tag mit ihrem Treffen norddeutscher Mitglieder. Maler und Grafiker Christian M. Beier zeigte seine Holzschnitte, die auch Bücher illustrieren, und hatte einige Broschüren verschiedener Themen wie beispielsweise humorvolle Tierdarstellungen dabei. Geboren in Insterburg und in Hameln aufgewachsen, wohnt er nun in Hamburg-Wellingsbüttel. Er wird nach eigenen Worten „beim Malen angetrieben von Lust und Zwang: Beides beschreibt und konserviert reale und irreale Situationen.“ Sein Humor kommt in seinen Arbeiten zum Ausdruck, zeigt sich auch in der sympathischen persönlichen Begegnung.

Ein weiterer an Sammlern und Verrückten interessierter Kollege ist Thomas Klockmann, der seine Siebdruckarbeiten aus seiner Ahrensburger Werkstatt sowie seine Bücher vorstellte. Er hat Bilderhefte mit Geschichten, u.a. „pelikan“, womit weniger der Vogel als vielmehr die Füllhalter- und Tintenmarke gemeint ist. Während der Coronazeit befasste er sich eingehend mit seiner Bibliothek und schuf eine kommentierte Liste, die unter dem Titel „SMS“ in gebundener Form in zweiter Ausgabe vorliegt: Ein sehr unterhaltsames Werk über Bücher, das Lust zum Lesen weckt. Mehr über seine Arbeiten und Aktivitäten ist auf seiner Homepage zu finden: https://kukii.de/

Rudolf Angeli vom Angeli & Engel-Verlag, Pirckheimer und Herausgeber des „Hamburger Bothen“, zeigte neue Ausgaben seiner großformatigen bibliophilen Bücher mit beeindruckenden grafischen Elementen. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Staatsbibliothek und der Wolfgang Borchert Gesellschaft gibt der „Verlag für paradiesische Bücher“ (Zitat Website) in diesen Tagen einen Band mit farbigen Bildern und Zeichnungen Wolfgang Borcherts heraus. Das Buch trägt den Titel „Er wollte einmal Maler werden“. Die Subskriptionsfrist endet am 15. Mai 26. Mehr dazu findet sich direkt beim Verlag: https://angeliundengel.art/unsere-buecher/

Zu den Sammlern und Verrückten, die die Pirckheimer-Gesellschaft beherbergt, gehören auch Ralf Plenz vom Input-Verlag und die Verfasserin dieser Zeilen. Beide sind ferner Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung und unseres Journalisten-Verbands; beide Verbände waren als Mitveranstalter am Tag des Buches beteiligt.

Ralf Plenz präsentierte seine bibliophile Edition „Perlen der Literatur“, über die wir schon an anderer Stelle berichtet haben. Zwischenzeitlich sind Vorzugsausgaben mit Original-Kalligrafien ebenso erhältlich wie für die Buchreihe passende Schuber, um die in Leinen gebundenen und mit individuellen Banderolen versehenen Schätzchen stilgerecht im Bücherregal unterzubringen. In diesem Jahr sind neben einer Kalligrafie-Postkartenedition auch fünf neue Perlen erschienen, von denen später noch die Rede sein wird.

Mit „Morgentau am Deich“ erschien erstmals eine Solo-Haikupublikation der Poetin Maren Schönfeld, die in der DAP eher als Journalistin und Fachbuchautorin bekannt ist. Poesie ist jedoch seit Anbeginn ihres Schreibens, von Rilke geprägt, ein großer Bereich ihrer Arbeit. Der Rotkiefer-Verlag gibt die Reihe der Haiku-Hefte heraus, dessen Heft Nr. 16 Schönfelds Titel ist. Als Pirckheimerin ist sie natürlich auch dem Sammeln verfallen und zeigte eine Auswahl schöner alter Bücher, die sie zwanghaft aus Buchtauschregalen retten muss und dann auch liest, und eine kleine Anzahl aus ihrer Lesezeichensammlung. Außerdem hatte sie ihre Sachbücher, Lyrikbände und drei Titel aus dem  Expeditions International Publishing House dabei, der sich mit internationalen Büchern in mehreren Sprachen etabliert hat. Die Malerin Hanna Malzahn steuerte ihre in Sütterlin geschriebenen Gedichtarbeiten bei.

Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums unseres Journalisten-Verbands durfte auch das DAP-Notizbuch – Geschenk für unsere Mitglieder und für fünf Euro auch für Nicht-Mitglieder zu haben – mit auf den Präsentationstisch, außerdem hatten wir aus unserem Mitgliederkreis Leseproben von „Anninarra“, dem utopischen Roman von Christian Buske, dabei sowie den Titel „Germanischer Berghund“ von Jörg Krämer.

Verlagsbesichtigung und Perlen von Sand bis Swift

Für die DAP öffnete Ralf Plenz um die Mittagszeit die Türen seines unweit gelegenen Input-Verlags und gewährte einen Einblick in seine Arbeit als Verleger. Dort wurden einige wertvolle und besondere Bücher gezeigt und Fragen beantwortet, bevor das Bühnenprogramm mit kurzen Podiumsgesprächen wiederum in der Alfred-Schnittke-Akademie begann. Ein wenig Fachsimpelei rund ums Schreiben, Büchermachen und Vermarkten war quasi das Vorprogramm für die Vorstellung der fünf neuen „Perlen der Literatur“.

Die Hamburger Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Charlotte Ueckert sprach mit Ralf Plenz über ihre Arbeit an den Bänden „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift. Dass er Menschen eher gehasst hat, stattdessen aber Tiere liebte, insbesondere Pferde, erfuhr das Publikum aus dem Gespräch. Ueckert befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Autor, was ihr den Zuruf „Dann bist du ein Swiftie!“ aus dem Publikum eintrug. Ob Taylor wohl etwas von Jonathan gelesen hat?

Der im Moment sehr stark beachtete Titel „Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie“ von Jan Tschichold brauchte in der Vorstellung keinen Gesprächspartner für Ralf Plenz, denn das Thema ist absolut seins, um nicht zu sagen sein Steckenpferd; die Leser mögen der Verfasserin dieses Artikels den Kalauer verzeihen. Diese hat beobachtet, dass immer wieder Menschen an den Verleger herantreten und nach korrekter Typografie fragen – vielleicht ist eine typografische Beratung noch ein zu erschließendes Dienstleistungsfeld für Plenz. Jedenfalls hat ein TikTok-Video über das Thema mehr als vierzigtausend Aufrufe zu verzeichnen.

Als Kontrast zu diesem eher nüchtern erscheinenden Buch konnte Sibylle Hallberg mit mehr Sinnlichkeit aufwarten, als sie von ihrer Arbeit an George Sands „Indiana“ erzählte. Die Neuübersetzung stellte sie u.a. vor die Aufgabe, Bezeichnungen zu finden, die sowohl zurzeit des damaligen Erscheinens des Romans (1832) als auch heute stimmig sind. In der Entwicklungsgeschichte der jungen, gutgläubigen Indiana zur selbstbestimmten Frau spielt ein Mann eine Rolle, für den sie nach einigem Überlegen das Wort „Hallodri“ fand, was damals wie heute ein herrliches ist und wahrscheinlich von dem lateinischen Wort „Allotria“ für „Unfug“ abstammt. Allein das macht schon Lust auf das Buch!

Die Arbeit an dem Roman „Frau Sorge“ (1887) des ostpreußischen Schriftstellers Hermann Sudermann war sowohl im Lektorat als auch in der Recherche spannend. Das Buch zog Maren Schönfeld mit seinen naturalistischen Bildern in den Bann. Da schließt sich der Kreis zu ihrer poetischen Ader und der Liebe zur Natur. Die Geschichte um den heranwachsenden Paul unter dem Schatten der ständigen Sorgen berührt und ist trotz des schweren Themas nicht niederdrückend.

Alle Bände der mittlerweile 40 Titel umfassenden Reihe „Perlen der Literatur“ sind auf der Website des  Input-Verlags zu finden.

Durch krankheitsbedingte Absagen und erschwerte Verkehrsbedingungen durch den Hamburger Hafengeburtstag blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Dennoch war es ein inhaltlich sehr gelungener Tag des Buches, der sicherlich nicht der letzte seiner Art gewesen sein wird.

Aufbruch ins Rundfunkzeitalter

Der Berliner Funkturm wurde vor 100 Jahren eingeweiht

Wie die Große Polizei-Ausstellung stand auch der Berliner Funkturm für Zuversicht, Fortschritt und den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Stahlfachwerkkonstruktion im Stil der frühen Moderne steht in der Tradition des Pariser Eiffelturms. Allerdings ist der „Berliner Eiffelturm“ einige Nummern kleiner. Die Gesamthöhe vom sogenannten Langen Lulatsch beträgt statt 330 nur 146,78 Meter und die Gesamtmasse statt 10.100 nur 600 Tonnen.

Auf 51,65 Metern Höhe befindet sich ein quadratisches 15 mal 15 Meter großes Restaurantgeschoss direkt über einem kleineren Küchengeschoss für Wirtschaftszwecke. Auf den 200 Quadratmetern Grundfläche des Turmrestaurants finden heute bis zu 116 Gäste Platz.

1961_4-Musterungen-Funkturm. By Wolfgang Dey – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=182101512

Auf 121,5 Metern Höhe bietet der Turm seinen Besuchern auch noch eine geschlossene, 4,4 Meter breite Aussichtskanzel in Form einer Laterne mit einer 7,9 Meter breiten Aussichtsplattform darüber. Bis dort hinauf führt eine Aufzugsanlage. Mit dieser Förderhöhe war der Aufzug bei seiner Inbetriebnahme der höchste elektrische Lift im Deutschen Reich.

Im Gegensatz zu dem von 1887 bis 1889 erbauten Eiffelturm war dessen knapp vierzig Jahre jüngeres Berliner Pendant von vornherein als Funkturm konzipiert. Ein Jahr nachdem am 29. Oktober 1923 die Geschichte des Hörfunks in Deutschland mit der ersten Unterhaltungssendung aus dem Berliner Vox-Haus begonnen hatte, am 8. November 1924, gab die Gemeinnützige Berliner Messe-Aufbau G.m.b.H. den Bau des Berliner Funkturms in Auftrag. Die erste Große Deutsche Funkausstellung vom 4. bis 14. Dezember des Jahres wurde noch abgewartet, dann gingen die Bauarbeiten los.

180.000 Mark waren geplant. 203.660 wurden es schließlich. Das ist eine Überschreitung von gut 13 Prozent. Zum Vergleich: Ein typisches, bescheidenes Eigenheim kostete damals zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark

By Eva K. / Eva K. – Eva K. / Eva K., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2619456

Am 3. September 1926 war es so weit. In Anwesenheit von rund tausend geladenen Gästen, darunter der Reichsinnenminister, Wilhelm Külz, der Berliner Oberbürgermeister, Gustav Böß, sowie der allein schon durch das nach ihm benannte Institut hinlänglich bekannte erste Verwaltungsratsvorsitzende der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft und Reichs-Rundfunk-Kommissar Hans Bredow, wurde der mit 138 Metern erste und höchste Sende- und Aussichtsturm der Weimarer Republik feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Das leise Versiegen – Anmerkungen zu Libido und Fruchtbarkeit

Hispanic teen girl with medicine pill
Foto: Götz Egloff

Da helfen auch Tabletten nicht… oder doch? – Bringen wir Endokrinologie und Psychosomatik im Sinne einer bio-psycho-sozialen Medizin, die gesellschaftliche Entwicklungen miteinbezieht, zusammen, so gelangen wir rasch zu Einsichten, die durchaus gegenläufig zu vielen weit verbreiteten Annahmen sein dürften. Sowohl klinisch Beobachtbares als auch Alltagserscheinungen in deren Verhältnis zu den aktuell geführten gesellschaftlichen Debatten liefern Anschauungsmaterial, das der Interpretation würdig ist. Ohne hier durchaus bedeutsame individuelle psychische Verfasstheiten zu beleuchten, werden also im Folgenden verschiedene Befunde kursorisch erfasst und in gesellschaftlichen Kontext gesetzt.

In ihrem Fachartikel zur ‚Kontrazeption bei Jugendlichen‘ formulierte Cosima Brucker von der Uni Ulm noch im Jahr 2002 die Problematik von Teenager-Schwangerschaften, die damals schon im Rückgang begriffen waren und noch sind. In ihrem Bezug auf Studiendaten von 1980 und 1998 wurde vor allem zuviel Spontaneität im sexuellen Verhalten als problematisch eingeschätzt. Über 20 Jahre und nichts weniger als eine Medienrevolution später, muss Christian Dadak (2025) vor allem in den westlichen europäischen Ländern nicht nur einen immer drastischeren Geburtenrückgang feststellen; wir haben es bei jugendlichen Frauen hinsichtlich Sexualität und Kontrazeption gar mit einer komplizierten, vielschichtigen Gemengelage zu tun, in der einiges nicht nur auf eine Abnahme der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr hinweist, sondern auf einen Libidorückgang selbst. Dies wäre eine hochproblematische Entwicklung, die von einer der renommiertesten Sexualforscherinnen Nachkriegsdeutschlands, Sophinette Becker, bereits 2013 kritisch in Aussicht gestellt wurde (Becker 2013; vgl. Egloff 2023). Von einer Problematik der Spontaneität hin zur Problematik des Libidorückgangs könnte man wohl sprechen.

Die Luxemburger Gynäkologin Danielle Choucroun (2024) publiziert hierzu über die zunehmende Ablehnung von Kontrazeption und stellt gleichzeitig im Frankreich des Jahres 2022 die höchste Schwangerschaftsabbruchrate seit etwa 30 Jahren fest. Die paradoxe Erscheinung, dass gerade in westlichen Gesellschaften die Geburtenrate sinkt – die niedrigste Anzahl an europäischen Geburten weist Malta auf (Calleja-Agius u. Attard 2024) – und gleichzeitig die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei rückgehender Kontrazeption steigt, muss man erst einmal verdauen: Choucroun beschreibt, wie in Luxemburg im Jahr 2023 die Abbrüche rapide anstiegen, also in genau jenem Jahr, in dem alle Kontrazeptionsmittel zum ersten mal kostenfrei zur Verfügung standen; im Jahr der staatlichen finanziellen Übernahme verdoppelte sich gar deren Anzahl. Auf Luxemburg als “champion of contraception in Europe” hinzuweisen lässt sich die Autorin dennoch nicht nehmen und fragt sich, ob kostenfrei nun noch nicht genug sei. Diese beliebte hyperrationale Perspektive verkennt – neben einem möglicherweise als solchem wahrgenommenen staatlichen Signal, keine Geburten seien Geburten vorzuziehen – mindestens manche derzeitigen gesellschaftlichen Beschaffenheiten. In diesen gehen Gedankenlosigkeit und Anspruchshaltung gar nicht so selten eine unheilige Allianz ein, gewiss nicht nur bei jungen Frauen. Dabei führt Choucroun im Abschnitt über die Hypermoderne gute Beobachtungen an, kann sie aber nicht recht nutzen. Dass totale Verwöhnung mindestens so schädlich ist wie totale Versagung, scheint jedenfalls noch nicht überall durchgedrungen zu sein. Die Hormondosis der ´Morning-after-Pille´ beträgt ein Vielfaches der täglichen Antibabypille und wird im ´Notfall´ doch recht bedenkenlos konsumiert. Dass die Autorin daher die Pillenmüdigkeit beklagt, ist nachvollziehbar, muss aber in einen Gesamtkontext eingebettet werden.

Endokrinologie und Psychosomatik 

Brasilien ist seit jeher ein westliches Land, in dem nur wenige Frauen die Pille mögen (vgl. Egloff 2011a, b). In Italien verhält es sich ähnlich: mit nur etwa 20 Prozent Anwenderinnen in der weiblichen Bevölkerung ist die italienische Pillenquote eine der niedrigsten in Europa, und insgesamt etwa 40 Prozent wenden keine oder nur halbherzig kontrazeptive Maßnahmen an (Farris u. Bastianelli 2025). Nun könnte es sein, dass auch in Deutschland der in Brasilien und Italien oft ins Feld geführte spürbare Libidoverlust im Rahmen der Pilleneinnahme gerade junge Frauen von dieser abhält – und wenn das Verlangen dann durchbricht, sie die ´Pille danach´ als notwendiges Übel akzeptieren lässt. Aus psychotherapeutischen Praxen ist dies gelegentlich zu vernehmen. Die tägliche Hormondosis nicht zu vergessen kann heute für manche junge Frau ein echtes Problem darstellen, und transdermales Hormonpflaster oder Monatsring werden nach wie vor selten verwendet. Näher allerdings scheint zu liegen, dass in Brasilien und Italien mit manchen Rationalisierungsschüben kälterer Länder und Kulturen nur ungern mitgegangen wird. Was für junge Frauen in südlichen Ländern bei einer fraglos beobachtbaren Appetenz- und Libidosteigerung nach Absetzen der Pille (Egloff 2012) nachvollziehbar erscheint, kann auch bedeuten, dass diese eine mögliche Schwangerschaft nicht unbedingt als Katastrophe verstehen; vielleicht ist die ´Empfänglichkeit´ für Empfängnis ausgeprägter als in nördlichen Ländern. Dennoch sinkt auch im europäischen Süden die Geburtenrate.

So wie erhebliche Libidostörungen bei vielerlei pharmakotherapeutischer Medikation (Keck 2019) eher die Regel als die Ausnahme darstellen, werden nun kontrazeptive Maßnahmen auch in Deutschland zunehmend als Bremse oder Belastung wahrgenommen. Dass nach langjähriger Pilleneinnahme Schwierigkeiten auftreten können, schwanger zu werden, hat sich zum Teil herumgesprochen; die sogenannte Lutealphasenunterstützung mittels Progesteron scheint auch bei natürlich geplanter Schwangerschaft mittlerweile immer nötiger zu werden, wie auf dem Kongress der Preis School für Perinatologie, Neonatologie und Reproduktionsmedizin zu hören war (Bruer 2023). Ob dieser Faktor bei jungen deutschen Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, bleibt fraglich. Junge Frauen, pillenmüde oder als unzuverlässige Pillen-Anwenderinnen, könnten von strukturierter Beratung profitieren – in Italien wechselt etwa die Hälfte nach eingehender Beratung ihre Kontrazeptionsmethode (Farris u. Bastianelli 2025) –, ohne dass dies natürlich die Geburtenrate steigern würde.

Kultur und Biochemie

Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchten in gesellschaftlichen Debatten zunehmend Begriffe wie ‚Toxische Männlichkeit‘ auf, die nicht etwa die naheliegenden Vergiftungsängste durch das Männliche (Priskil 2024) thematisieren, sondern meist poststrukturalistisch verwendet werden. Poststrukturalistisch bedeutet sprachtheoretisch und zeichentheoretisch, und letztlich machttheoretisch. Manche dieser Ansätze lassen sich auf vieles sinnvoll anwenden, auf Körper und Geschlecht aber am wenigsten. Wer Körper und Geschlecht nur poststrukturalistisch – quasi ohne Körper – denken mag, dem sei hier Ralph Frenkens Kapitel “Venus-Phallus” (2023) anempfohlen, das körperlich-leibliche Aspekte leicht sichtbar macht: Körper sind real, und Psyche ist eng mit dem Körper verbunden, gar in Wechselwirkung eingeschrieben. Doch ein ‚Körper, nein danke!‘ ist heute wieder gar nicht so selten zu bemerken, auch ohne dass es immer ausgesprochen würde.

Betrachten wir die Nanowelt der Mitochondrien in der Reproduktion, wird klar, dass im biologischen Befruchtungsvorgang biochemische Prozesse stattfinden, die psychosomatisch fundiert sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass molekularer oxidativer Stress männliche Spermien beim Prozess der Kapazitation und damit die Akrosom-Reaktion im Rahmen der Befruchtung stören kann, was deren Beweglichkeit betrifft, sodass auch bei ausreichender Spermienzahl keine Befruchtung stattfindet (Franjic 2023). Die Biologin Darja Wagner sieht in ihrem Artikel “Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr?” (2025) die männliche Fertilität gar in exorbitantem Rückgang begriffen, wofür manches spricht. Was sie in Zusammenhang mit einer Überexpression des Spike-Proteins im Rahmen der CoVid19-Pandemie formuliert, könnte sogar weitgehendere Zusammenhänge haben.

Die Spermienqualität gehe in Westeuropa, Nord- und Südamerika, China und Indien zurück, formuliert Wagner vielleicht etwas zu global, denn: wo nicht gemessen wird, können keine Befunde vorliegen. Und es wird nicht überall gemessen. Warum geht sie überhaupt zurück? Die üblichen Verdächtigen wie Ernährung, Plastik und manche Stoffe dürften gewiss eine Rolle spielen, es müssten aber auch andere Zusammenhänge eröffnet werden. Denn insgesamt schaut es in afrikanischen und arabischen Regionen deutlich anders aus, sodass von einer Schwerpunkt-Problematik überwiegend westlicher und westlich gepägter Industrieländer gesprochen werden muss. Als mögliche Faktoren müssten auch psychogeographische einbezogen werden; im Rahmen von Mentalität ist eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit im Süd-Nord-Gefälle überdeutlich.

Im engeren biochemischen Rahmen sind bei oxidativem Stress nicht nur eine zu geringe, sondern auch die exzessive Zufuhr von Antioxidantien ungünstige Faktoren, die die Spermien-Kapazitation behindern oder stören (Henkel 2024). Zudem können bei eigentlich gesunden Spermien neben der Motilität auch andere Faktoren als Problematiken auftreten, die im Ergebnis als Sterilität bezeichnet werden können (Franjic 2023). Die Eiweiß-Verbindung L-Carnitin, vertreten durch rotes Fleisch und insbesondere Hammel und Lamm (Henkel 2024), ist dagegen ein protektiver Faktor. Regionen wie Nordafrika und Vorderasien sind hier klar im Vorteil. Von den Ländern auf mit Europa vergleichbaren Breitengraden ist es die Mongolei, die, auf dem Breitengrad Österreichs, eine hohe Geburtenrate aufweist – wenn auch ganz andere soziokulturelle Bedingungen vorliegen. Dennoch: traditionellere Gesellschaften haben kulturell manche Probleme weniger, weil sie sich genealogischer, d.h. sich stärker in historischen Linien sehen (Egloff 2023; vgl. Nassar 2023). Aber auch in Island, wo Hammel und Lamm ebenso eine gewisse Rolle spielen, gibt es eine immerhin recht stabile mittlere Geburtenrate. Ganz entgegengesetzt, auf den Philippinen, ist sie recht hoch. Gemeinsam haben die genannten Länder wiederum, dass Vegetarismus dort keine Rolle spielt. Dieser ist für männliche Fertilitätsförderung wenig geeignet, da fast kein L-Carnitin zugeführt wird (Henkel 2024). Liegt hier gar ein übersehener Schlüssel zu niedrigen Geburtenraten?

Man kann nicht wissen, ob soziokulturelle Bedingungen den psychosomatischen Beschaffenheiten vorausgehen oder andersherum. Ein Sowohl-als-auch ist wahrscheinllich. Was man wissen kann ist, dass auch biologische und kulturelle Faktoren in Wechselwirkung stehen und neben den sozialen eine gewichtige Rolle spielen, die oft ausgeblendet wird. Ein Mehr an oft verwirrenden Informationen schafft zudem nicht unbedingt mehr Aufklärung, sondern dient oft der weiteren Rationalisierung der Lebenswelt, was existentielle Verunsicherung schafft. Die globalisierte Welt zeugt vom Aufschaukeln von Informationsüberflüssen. Nehmen wir gesellschaftlich also einen eher genealogischen als biographischen Standpunkt ein (Egloff 2020), ist davon auszugehen, dass traditionellere Gesellschaften bei der Reproduktion im Vorteil sind, was natürlich zu Lasten von Freiheiten, aber eben auch zu Lasten westlicher Anomietendenzen geht. Daher findet sich in westlichen Ländern nun ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach kultureller Verankerung. Die derzeitig gängigen poststrukturalistischen Konzepte gerade in diesem Bereich stehen dem zum Teil entgegen und befördern eher die existentielle Verunsicherung. Oft werden sie recht unbedacht verwendet und auf alles und jedes angewendet. Weder Körper noch Kultur spielen darin die ihnen zustehende Rolle, und sie werden einem meist unbestimmt genutzten Universalismus untergeordnet.

Mentalität und Debatten

Derzeitige poststrukturalistische Stoßrichtung findet sich auch im Spiegel-Artikel “Männer sind mir fremd geworden” von Nina Sternburg (2025). Ihr Lamento umfasst viele der heutigen Chiffren westlicher Millennials, von denen nicht wenige mit einem Ausmaß an Privilegien aufwuchsen, das Seinesgleichen sucht. Wenn die Autorin das ganze Repertoire der Begrifflichkeiten auspackt und in Deutschland Gewalt allerorten entdeckt, fragt man sich unwillkürlich, ob sie wohl vom Tocqueville-Effekt gehört hat. In ihren Ausführungen erfolgt zunächst nicht nur keine Selbstreflektion, keine historische Einordnung, keine Anerkennung historischer Bedingtheiten, sondern eher schon einiges an Verkennung. So rekurriert die Autorin auf irgendeinen Instagram-Post, postuliert Riss, Zäsur und manches andere. Aber immerhin, dann setzt Selbstreflektion ein: ihre 50-jährige Mutter, die ein Bekannter “nackig” sehen möchte, lässt die Autorin aufhorchen: ihre Mutter sei von Männern nicht entfremdet, sondern lediglich befremdet. Ist das etwa Erwachsenwerden?

Die Kunst, auch ein ungeschicktes Kompliment als solches zu erkennen, scheint auf dem Rückzug. Auch hier kommt es zudem auf Mentalität und Kulturkreis an: nicht nur ´Anmache´, sondern auch Reaktion können schon in Italien und Schweden sehr unterschiedlich sein (vgl. Egloff 2025). Vielleicht war die Mutter der Autorin ungeachtet der Plumpheit ein bisschen stolz auf die Nachfrage; auch das taucht in psychotherapeutischen Praxen manches Mal auf. Wir alle sind eben auch: Körper. Die Entkörperlichung, die auch Becker (2013) in Poststrukturalismus-Konzepten moniert, hat nämlich bereits einige Arbeit geleistet. Wo sie Einzug hält, befinden wir uns, psychoanalytisch gesprochen, auf dem regressiven Weg von der Endlust zur Vorlust, einer zwar dauerhaften, aber nur quasi-libidinösen Erregungskurve, die nie ihr Ziel, nie ihr Objekt, nie Befriedigung findet.

Das leise Versiegen von Libido und Fruchtbarkeit beginnt wohl dann, wenn Männer Frauen zu ähnlich werden. Dann werden sie entweder noch immer als zu fremd empfunden oder aber gar nicht mehr als Männer erlebt. Die Psychoanalytikerin Simone Reissner (2025) findet bei manchen jungen Pornographiekonsumenten gar das Verharren in der Kleinkind-Position, die man evolutionsbiologisch auch als Omega-Position bezeichnen kann. Aus dieser schaut man den Erwachsenen bei eher unverständlichen als ‚unanständigen‘ Sachen zu – mit denen zu tun hat man ohnehin nichts. Die Alpha-Position hingegen, für Männer zur Zeit schwer in Verruf, ist in Debatten nicht gefragt; wer weiß, ob diese durch Alpha-Frauen gefüllt werden kann (Paglia 2014).

So liegt der Gedanke nahe, dass es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, weg von: mit Pille weniger Lust, aber keine Kinder – das ‚alte‘ deutsche Modell – und: ohne Pille mehr Lust und mehr Kinder – das ‚alte‘ südliche Modell, hin zu: keine Pille, keine Lust, und auch keine Kinder. Wird dies das ’neu‘ global-westliche Modell? Dagegen existieren nennenswerte Initiativen eigentlich nur in wenigen südlichen Ländern wie Griechenland, Serbien, Italien, Spanien oder Malta, die die Brisanz der Thematik als hoch einschätzen und: die Kinder und – die fremden – Männer mögen.

Literaturhinweise

Becker, Sophinette (2013). Bisexuelle Omnipotenz als “Leitkultur”? Sexuelle Verhältnisse im gesellschaftlichen Wandel. Psychoanalyse im Widerspruch 25(49):7-25

Brucker, Cosima (2002). Kontrazeption bei Jugendlichen. Gynäkologische Endokrinologie 1:11-17

Bruer, Christian (2023). Kongressbericht Preis School April 2023: Stimulationsprotokolle, Chancen und Risiken bei älteren Patientinnen – und vom Benefit der Lutealphasenunterstützung. J Reproduktionsmed Endokrinol 20(4):174-175

Calleja-Agius, Jean u. Attard, Maria (2024). Will science alone save your fertility? Int J Prenat Life Sci 16(4):1-5

Choucroun, Danielle (2024). Refusal of medical contraception in a hypermodern age: does sexuality want to emancipate itself from science? Europ Gynecol Obstetr 6(2):50-53

Dadak, Christian (2025). Kontrazeption bei Jugendlichen. päd – Prakt Pädiatr 31(2):158-160

Egloff, Götz (2025). Weibliche Psychosomatik in der “postödipalen” Gesellschaft. gyn – Prakt Gynäkol 30(3):242-250

Egloff, Götz (2023). Psyche zwischen Libido und Medien: vom verlorenen zum virtuellen Objekt. gyn – Prakt Gynäkol 28(1):58-68

Egloff, Götz (2020). Time and Psyche. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.). Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 269-295

Egloff, Götz (2012). Der Monatsring als Alternative? Paracelsus 12(6):14-15

Egloff, Götz (2011a). Ist weniger mehr? Der Langzyklus als Therapeutikum. gyne 32(8):8-10

Egloff, Götz (2011b). Neues vom Langzyklus. Gynäkologische Endokrinologie 9(2):132

Farris, Manuela u. Bastianelli, Carlo (2025). Unmet needs of contraception in Italy and the role of transdermal contraception. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 6(1):1-5

Franjic, Sinisa (2023). Sperm are very small male sex cells. J Androl Gynaecol 11(1):1-4

Frenken, Ralph (2023). Venus-Phallus: psychologische Anmerkungen zu den sexuell doppeldeutigen Figurinen des Paläolithikums. In: Stubbe H, Frenken R (Hg.). Paläopsychologie – Erleben, Verhalten und künstlerische Gestaltungen des prähistorischen Menschen. Pabst, Lengerich, 157-206

Henkel, Ralf (2024). Role of mitochondria and redox state in sperm and oocyte health. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 5(1):27-33

Keck, Christoph (2019). Endokrine Aspekte bei Libidostörungen. gynäkologie + geburtshilfe 24(4):22-27

Nassar, Anwar (2023). Newsletter, American University of  Beirut, Medical Center. OB/GYN Wire 43(1):1-7

Paglia, Camille (2014). Alpha. Playboy (US), May 2014, A-Z Special Edition, A

Priskil, Peter (2024). ´Toxische Männlichkeit´. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 42(1):96-102

Reissner, Simone (2025). Unbewusste Motive bei Pornographiekonsumenten. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 43(1/2):95-102

Sternburg, Nina (2025). Männer sind mir fremd geworden. Der Spiegel 9, 55 (22.2.2025)

Wagner, Darja (2025). Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr? Paracelsus 25(3):48-53

 

Sternenlichter: Ein Kinder- und Jugendhospiz

Zu meiner Zeit als Student am anglikanischen Priesterseminar Ripon Hall, Oxford (seit 1975 Ripon College, Cuddesdon) trat ein Kommilitone für eine Spende an „St Joseph’s Hospice for the Dying“ (Das Hospitz St Josef) ein. Eine so direkt kompromisslos ausgesprochene Bezeichnung  „Herberge für die Sterbenden“ wirkte wie ein Überfall, eine unbequeme, unerwartete Konfrontation, denn obwohl wir eine dunkele Ahnung hatten, dass es „irgendwo“ diese Institutionen gab, vermuteten wir keine solche in unserer schönen heilen Welt, Oxford. Etwa von seiner „Überraschungs- und Schocktaktik“, seinem Engagement und der Begeisterung für die Sache benommen wie wir waren –  haben wir seinen Zweck unterstützt. Heutzutage ist das Hospiz-Konzept weltweit bekannt. Allerdings für unheilbar kranke Erwachsene! Als ich von einem Freund gehört habe, dass es in seinem Göttinger Stadtteil Grohne ein Kinder- und Jugendhospiz gibt, erneuerte sich meine Erinnerung an die Gefühle, Oxford 1973. Bei uns sterben Kinder und Jugendliche nicht. Oder?
„Überzeuge dich selbst“, hat mein Freund geantwortet und mich mit Frau Maren Iben, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter e.V., bekannt gemacht. Unser Interview erfolgte vor Ort am Mittwoch, den 12. November 2025:

Clifford Middleton: Was hat Sie, Frau Iben, motiviert, in einem Kinder- und Jugendhospiz arbeiten zu wollen?

Maren Iben: Die größte Motivation für mich war Sinnhaftigkeit: Sternenlichter wurde quasi aus dem Nichts aufgebaut. Denn es war das Ziel, eine Einrichtung aufzubauen, für Menschen, denen es wirklich nicht gut geht. Es war eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Motivation.

Welche vorherige relevante Berufsausbildung und Berufserfahrung haben Sie?

Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig – und das Eine geht in das Andere über: Das ist natürlich nicht nur für Spenden wichtig, sondern vor allem auch für Familien, die bei uns zu Gast sein werden und auch generell für die interessierte Öffentlichkeit. Eine medizinisch-pflegerische Ausbildung war für mich nicht nötig, sondern, dass ich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit „sattelfest“ bin.

Maren Iben

Nach Abschluss des Studiums der Germanistik und Kulturanthropologie an der Universität Göttingen war ich über fünf Jahre als Tageszeitungsjournalistin tätig; es folgten anderthalb Jahre Tätigkeit als Bordredakteurin auf Kreuzfahrtschiffen einer großen Reederei. Diese vorherigen Tätigkeiten und die gesammelten Erfahrungen helfen mir in meinem heutigen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wichtig, für die Menschen, die noch nie von uns gehört haben, in kurzen, knappen Worten beschreiben zu können, was die Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz ausmacht – immer angepasst an die jeweilige Zielgruppe.

Welche besondere Weiterbildung für oder Vorbereitung auf die Aufgaben im Kinder- und Jugendhospiz waren für Sie nötig?

Es war wichtig für mich, Zeit zu haben und mich in unserem damals noch sehr kleinen Team austauschen zu können. Wichtig war auch, andere Kinder- und Jugendhospize zu besichtigen, vor Ort mit Kolleg(inn)en in Kontakt zu treten und ein Netzwerk aufzubauen. So konnte ich mich inhaltlich vorbereiten. Für den Themenbereich „Fundraising“ habe ich ganz klassisch Fortbildungen gemacht.

Die externe Kommunikation richtet sich hingegen an die interessierte Öffentlichkeit, Presse, Spender(inn)en und weitere.

Welchen beruflichen Hintergrund und welche berufliche Erfahrung haben Ihre Mitarbeitenden vor dem Einstieg in das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter? Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen „idealen“ beruflichen Hintergrund für einen Einstieg?

Wir arbeiten im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter (in Göttingen) in einem multiprofessionellen Team. Das bedeutet: Man muss offen für unterschiedliche Menschen sein.  Auch eine gewisse Akzeptanz sollte da sein, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt oder wie mit dem Thema Tod und Sterben, Trauer und Krankheit umgegangen wird.

Welche sind Ihrer Meinung nach unentbehrliche persönliche Charaktereigenschaften bzw. Charakterzüge, über die man verfügen muss, um in einem Kinder- und Jugendhospiz,  wie den Sternenlichtern, arbeiten zu können?

Offenheit und Empathie sind in jedem Arbeitsbereich unserer Einrichtung (aus meiner Sicht) die wichtigsten Eigenschaften. Man muss auch verstehen, dass die Familien, die in unserer Einrichtung zu Gast sind, sich in einer extremen Ausnahmesituation befinden, und zwar oftmals über Jahre.

Muss man z.B. seelisch oder emotional besonders belastbar sein?

Es hilft, wenn man seelisch oder emotional belastbar ist. Aber am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen und es kann sein, dass das eine oder andere Schicksal einem näher geht.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Hospiz für Erwachsene und einem Kinder- und Jugendhospiz?

Der allergrößte Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu einem Erwachsenenhospiz keine reine Sterbeeinrichtung sind. Im Erwachsenenhospiz sind die Gäste in der letzten Lebensphase oder kurz davor. Im Kinder- und Jugendhospiz sind die Gäste lebensverkürzend und unheilbar krank.

Das kann bedeuten: das Kind wird mit 6 Monaten eine solche Diagnose bekommen, aber beispielsweise noch 5 Jahre weiterleben. Ab der Diagnosestellung können die Familien zu uns kommen … Wir begleiten die Familie durch den ganzen Krankheitsverlauf.

Welche „Programme“ bietet das Hospiz den Gästen und deren Angehörigen an?

Ganz unterschiedliche. Therapieangebote für die erkrankten Gäste bieten wir an, so wie sie sie brauchen. Ob Physiotherapie, Osteopathie, Musiktherapie, der Einsatz von Therapiehunden oder der Besuch von Clowns… es ist vieles möglich. Die Medikation unserer erkrankten Gäste wird natürlich auch ganz normal fortgeführt.

Freizeitangebote, psychosoziale Angebote allein oder in Gruppen, Kreativangebote in unserem Hause – vieles ist möglich. Unsere Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was die Familien möchten. Ganz wichtig ist jedoch: Niemand ist gezwungen, unser Angebot anzunehmen. Bei uns lautet die Devise: „Alles kann, nichts muss.“

Wie definiert man im Hospiz „Lebensqualität“?

Lebensqualität geht in den allerkleinsten Momenten los. Wir wollen versuchen, jeden Tag mit den Familien den Moment zu feiern z.B. beginnend bei einem leckeren Frühstück. Auch sehr wertvoll: ein gutes Gespräch, ein Moment des Lächelns, oder wenn die Kinder einfach mal ausgelassen sein können. Wir wollen Lebensfreude vermitteln, ohne aufgesetzt zu sein. Denn wir können nicht heilen, oder die belastende Situation ungeschehen machen. … wir können helfen, die nächste halbe Stunde, den nächs- ten Nachmittag, das nächste Wochenende… gut zu gestalten. Wenn … die Familien sagen, es war eine unglaublich schwere Zeit, aber wir wurden gut begleitet und aufgefangen, dann haben wir das erreicht, was wir erreichen können. Für die Eltern bedeutet Lebensqualität beispielsweise, eine Nacht durchschlafen zu können und nicht immer auf Alarm zu sein. … ich kann heute Abend essen gehen oder mit den gesunden Geschwistern einen Ausflug machen“.

Wie positiv ist die lokale öffentliche Einstellung, Wahrnehmung und Akzeptanz dem Konzept des Kinder- und Jugendhospizes gegenüber?

Wir sind (hier) mitten im Wohngebiet. bevor es los ging mit dem Bau haben wir Ankündigungsbriefe in die Briefkasten geworfen über das, was wir sind und was wir vorhaben. Man kann sich auf einen Kaffee mit uns treffen. Im Ortsteil Grohne gibt es aktives Vereinsleben, in das wir uns gleich integriert haben. Wir versuchen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit vorgefertigte Vorstellungen aufzulockern.  Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Akzeptanz ist da. Menschen können ihre eigene Unsicherheit  oder Angst und Leid verbalisieren und uns (trotzdem) nachher gerne unterstützen.

Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft der Kinder- und Jugendhospizbewegung regional, national und international aus?

Wir hoffen, dass die Zukunft gut aussieht – letztendlich hängt es aber davon ab, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns finanziell und ideell zu unterstützen, und unsere Arbeit in ihr Netzwerk zu tragen. Unsere Zielgruppe – unheilbar und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche wird es immer geben. Einrichtungen wie unsere sind für sie und ihre Angehörigen eine wichtige Anlauf- stelle.

Ein weiterer Faktor ist, dass es seit wenigen Jahren keine gesonderte Kinderkrankenpflegeausbildung mehr gibt. Die Kinderkrankenpflege unterscheidet sich aber in vielen Bereichen von der medizinisch- en Versorgung Erwachsener. … Kinder haben zudem altersabhängig unterschiedliche emotionale Bedürfnisse. Im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter sind wir gut aufgestellt in unserem Pflege- team, suchen aber weiterhin noch Kolleginnen und Kollegen. Wichtig: Nicht nur Pflegefachkräfte können sich bei uns bewerben, sondern auch Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger.

 

Interview: Clifford Middleton 

Fotos: Maren Iben, Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter, Göttingen

„Proof“ by David Auburn, the New Premiere at the English Theatre of Hamburg

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Have you ever heard of David Auburn, one of the most productive American playwrights of our days? If not, it is high time you learn about his oeuvre. The audience of The English Theatre will greatly enjoy his drama “Proof” that won him not only the coveted Pulitzer Prize but also the Tony Award. This gripping play about a mathematical genius – or even two geniuses (one of them female) –  has proved an overwhelming success on the international theatre stages. A much acclaimed movie stars Gwyneth Paltrow and Anthony Hopkins in the leading parts.

Although Robert (Richard Ings) is dead he is haunting his daughter in her day dreams. While Catherine (Georgina Casbarra) is sitting on the porch of her home in Chicago on a sunny afternoon, Robert appears as a ghost in front of her. Why is she, a brilliant mathematician like himself, neglecting her scientific work? Has she become lazy bones? By no means. Since Catherine has been caring for her demented father for years, she has completely dropped out or her own mathematical studies. Now she worries about inheriting her father’s mental illness along with some of his talent.

Sisterly concern

When Catherine’s sister Claire (Katherine Bristow) learns about her father’s death, she leaves New York immediately to assist Catherine in organizing the funeral. Claire being completely matter of fact, thus the exact contrast of Catherine, does not lose time with grieving over the deceased. Why does Catherine not fly with her to New York and enjoy Big Apple with all its diverse pleasures? A complete change of scenery would do the younger sister a world of good. To Claire’s surprise Catherine denies her offer and insists on staying in Chicago.

A friend turns up

During Robert’s funeral service Hal (Peter Dewhurst)  turns up. He was one of Robert’s most gifted students who now feels entitled to go through his late master’s papers. Catherine falls in love with the young man and even spends the night with him. Next morning Catherine and Hal are enjoying a good breakfast while Claire is fighting a terrible hangover nausea. Wow – who on earth could ever have imagined such a faux pas committed by so fine and stylish a lady like Claire.

Heureka – a sensational find!

Meanwhile Hal is poring over Robert’s notes searching for some final note of brilliance left by his late professor. Finally he comes across a notebook that reveals a sensational result. Did Robert really crack an important mathematical proof! But, surprise, surprise, Catherine claims that this notebook contains her and not Robert’s work. Is she really the the one who finally “cracked the nut?”

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Claire and Hal can’t believe that Catherine is the genius and not Robert as everybody else would have suggested. Claire even reveals her doubt about Catherine’s mental sanity. Catherine falls into  depression and cannot believe what her own sister is doing to her. However, Hal hands the notebook over to experts in his math department who will determine its authenticity. The result of their research shakes the academic world. It becomes clear that Catherine and not Robert has achieved the “unthinkable.”

Catherine is happy and thankful for Hal’s assistance and loyalty in her “case.” She plucks up courage again und decides to continue her studies. She will prove to the world that she can live her own independent life without being patronized by others.

Conclusion:  Persistence pays off.

According to David Auburn his play is not really about mathematics.  Critics claim that “Proof” is ostensibly about math, but it is merely a background of the exploration of the calculus of familial trust, love, grief and loyalty.” Others claim an underlying sexism. A female mathematical genius? Unthinkable in a world full of machos who think that only their sex is up to academic peak performances. The author, however, proves that genius is by no means a question of gender. Feminists will build him a monument for his courage to refute centuries-old prejudices.

A great evening at the ETH brimming with highly emotional and  funny moments, performed by four outstanding “thespians” under the direction of Clifford Dean.

Last but not least a homage for David Auburn by The New York Magazine: “When we think of great playwrights we think of Arthur Miller, Eugene O’Neill and Lillian Hellman. Welcome David Auburn to the club!”

Last performance of “Proof” on April 11, 2026, Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “All New People” by Zach Braff on April 27, 2026

Photos: Stefan Kock

„Proof“ (Der Beweis) von David Auburn, die neue Premiere am ETH

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Sind Mathematiker per se verpeilt oder gar verrückt? Diese Frage beschäftigt David Auburn in seinem Drama „Proof“, das dem amerikanischen Autor sowohl den begehrten Pulitzer Preis als auch einen Tony Award einbrachte. Das von vier Schauspielern getragene Stück spielt in Chicago um das Jahr 2000.

Die gerade 25 Jahre alt gewordene Catherine trauert um ihren Vater Robert, ein allseits bewundertes Genie auf dem Gebiet der Mathematik. Während sie die Vorbereitungen für seine Beerdigung trifft, erscheint ihr Roberts Geist auf der Veranda ihres Hauses mit einer Flasche Champagner, um mit ihr auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.

Robert wirft Catherine vor, ihre Forschungsarbeit vernachlässigt zu haben. Ist sie doch selbst eine brillante Mathematikerin, die ihr Talent nicht verschwenden sollte. Catherine zeigt sich zutiefst verstört. Die jahrelange aufopfernde Pflege, die sie ihrem dementen Vater angedeihen ließ, hat sie viel Kraft gekostet und ihr kaum Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gelassen. Auch Freundschaften hat sie seinetwegen nicht pflegen können. Selbst ihre Schwester Claire ist ihr fremd geworden. Catherines größte Sorge aber gilt ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Womöglich hat sie Roberts Geisteskrankheit geerbt. Wer weiß das schon…

Hal, ein ehemaliger Student und Bewunderer Roberts, macht sich währenddessen daran, den wissenschaftlichen Nachlass des Verblichenen zu ordnen.

Schwesterliche Fürsorge

Pünktlich zur Beisetzung des Familienpatriarchen reist Catherines  Schwester Claire aus New York an. Besorgt über den depressiven Zustand ihrer jüngeren Schwester, möchte sie Catherine mit sich nach Big Apple nehmen, wo sie schnell von ihrer Trauer um den Vater abgelenkt würde. Catherine lehnt ab und verweist auf Hal, der ihr zur Seite steht. Wer zum Teufel ist der? Die pragmatische Claire vermutet, dass dieser Hal nur in Catherines Fantasie existiert. Ist die kleine Schwester etwa gerade dabei, ihren Verstand zu verlieren wie ihr Vater? Immerhin hat sie vor kurzem sogar die Polizei alarmiert, als sie sich einbildete, dass jemand Roberts Notizen stehlen wollte. Wo soll das noch hinführen!

Eine Trauerfeier und ihre Folgen

Auf der Feier im Kreise der Freunde und Kollegen des Verblichenen kommen sich Catherine und der sympathische Hal näher, während die sonst so kontrollierte Claire sich sinnlos betrinkt und am nächsten Morgen völlig verkatert zum Frühstück erscheint. Dennoch konfrontiert sie Catherine mit der Forderung, das Elternhaus in Chicago zu verkaufen. Gehört ihr nach Roberts Tod doch die Hälfte der Immobilie, für deren Erhalt sie jahrelang aufgekommen ist und auch die Hypothek bezahlt hat. Catherine ist empört und argumentiert, sie habe ihre eigene akademische Laufbahn aufgegeben, um jahrelang ihren dementen Vater zu pflegen. Claire kontert, dies sei Catherine nicht gut bekommen. Wenn Catherine sarkastisch anmerkt, ihre Schwester wolle sie wohl in eine Klapsmühle verfrachten, bestreitet diese dies vehement: Aber, aber, davon kann doch keine Rede sein.

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Catherine ist entschlossen, ihr abgebrochenes Studium an der Northwestern University wieder aufzunehmen. Hal zeigt sich beeindruckt von ihrer Entscheidung und fährt fort, Roberts umfangreiche Notizen zu sichten. Ganz unten im Fach des Schreibtisches macht er eine schier unglaubliche Entdeckung.  Eureka – ich hab’s gefunden!   Wusste Catherine etwas von dem Eintrag in Roberts Notizen, der aussieht wie ein mathematisches Theorem über Primzahlen, das Mathematiker von jeher zu beweisen versuchten, ohne jedoch einer Lösung näher gekommen zu sein?  Ein wahrer Geniestreich, der alle bereits vorhandenen Erkenntnisse auf den Kopf stellt. Als Catherine erklärt, sie und nicht Robert habe diesen Beweis erbracht und niedergeschrieben, will weder Hal noch Claire ihr Glauben schenken.

Catherine, das verkannte Genie

Nachdem sich die Wellen geglättet haben und Hal die angeblich von Robert verfassten Notizen noch einmal gründlich durchgegangen ist, kommt er zu der Erkenntnis, dass Catherine und nicht Robert die Urheberin dieses bahnbrechenden Lehrsatzes ist. Denn zu Roberts Lebzeiten existierten die neueren mathematischen Techniken noch gar nicht, mit denen er hätte bewiesen werden können. Trotz dieser Versicherung befürchtet Catherine, dass „etwas mit ihr nicht stimmt“. Aber Hal versichert ihr, dass die abgedroschene Formel „Genie gleich  Wahnsinn“ jeglicher Grundlage entbehrt.

Catherine wird ihr Studium wieder aufnehmen, in Zukunft eng mit Hal wissenschaftlich zusammenarbeiten und beweisen, dass sie in der Lage ist, ein unabhängiges produktives Leben zu führen.

Fazit: Jene, die konsequent ihr Ziele im Auge behalten, werden am Ende mit Erfolg belohnt.

„Proof“ beginnt behäbig ohne Spannungsbögen und plätschert  dahin, ohne dass der Zuschauer zunächst einen Einblick in das eigentliche Sujet gewinnt. Bald aber wird ersichtlich, welchen Sprengstoff das fast ödipale Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Robert, einem international anerkannten Mathematiker, und der gerade 25-jährigen Catherine in sich birgt. Hing Catherine – selbst eine äußerst begabte Mathematikerin – während Roberts aktiver Zeit nicht wie eine Marionette an dem von ihrem Vater geführten Spielkreuz? Seit Robert in geistige Umnachtung verfiel, gab die Tochter ihr vielversprechendes Universitätsstudium auf, um sich ganz der Pflege ihres Vaters zu widmen. Regelmäßig erscheint dieser ihr jetzt als Geist, der sie rügt, ihre Studien vernachlässigt zu haben.

Catherines Schwester Claire, eine erfolgreiche New Yorker Währungsanalystin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie verfolgt ihre Karriere und beobachtet den geistigen Verfall ihres Erzeugers aus der Distanz. Wäre der Vater nicht besser an einem Ort aufgehoben, wo man sich professionell um ihn kümmert?

Zu den beiden ungleichen Schwestern gesellt sich Hal, ein ehemaliger  Student Roberts, dessen Aufgabe es ist, den geistigen Nachlass seines Lehrmeisters unter die Lupe zu nehmen. Und damit beginnt der wahre Plot dieses von Clifford Dean ebenso spannend wie intelligent inszenierten Stückes. Denn was Hal in Roberts zahlreichen Notizheften schließlich entdeckt, hat das Zeug, die wissenschaftliche Welt buchstäblich aus den Angeln zu heben.

Gehen wir gleich in medias res: Eureka! Der smarte Hal hat mit der untrüglichen Nase eines Trüffelschweins das mathematische Theorem über Primzahlen aus dem unübersichtlichen Haufen von Notizen herausgefischt, nach dem Mathematiker forschten, so lange es diese Spezies gibt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass Catherine und nicht ihr Vater Robert für diesen Geniestreich verantwortlich zeichnet.

Doch nun passiert das, was manche als eine Art schlecht unter dem Deckel gehaltenen Sexismus empfinden. Wie kann es sein, dass eine Frau in dieser (immer noch) von Männern dominierten Welt der Wissenschaft zu einem derart bahnbrechenden Forschungsergebnis gelangen konnte! Während Claire vermutet, dass ihre Schwester ihrem verstorbenen Vater diesen späten Erfolg abspenstig machen will, glaubt Hal nach genauen Recherchen mit Fachleuten an Catherines Urheberschaft.

David Auburn, der Autor von „Proof“, betonte in einem Interview, es gehe in seinem Stück eigentlich gar nicht um Mathematik. Da müssen wir allerdings lebhaft widersprechen. Es geht sehr wohl um Mathematik, um Beweise und mathematische Aktivität. Viele Mathematiker sprechen gar von der „feinsten unwiderlegbaren“ Wissenschaft auf dem Planeten. Mathematik ist auch weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft, sondern eine Strukturwissenschaft, die abstrakte Zusammenhänge, Muster und logische Strukturen untersucht, statt nur Zahlen zu berechnen. Noch Fragen?

Wieder einmal hat das English Theatre vier bemerkenswerte Schauspieler auf die Bretter des Hauses gebracht. Beeindruckend ist die Leistung Richard Ings als Robert. Er stellt den dementen Wissenschaftler mit einer Intensität dar, die an die Nieren geht. Catherine, gespielt von Georgina Casbarra, berührt mit ihrer Verletzlichkeit, während Katherine Bristow Claire die toughe Karrierefrau aus New York überzeugend gibt. Bleibt noch Peter Dewhurst als liebenswerter Hal, der am Ende alle Fäden in der Hand hält.

„Proof“ läuft bis zum 11. April 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „All New People” von Zach Braff am 27. April 2026

Fotos: Stefan Kock

Vier auf einen Streich

Quelle: Deutsche Post

Gleich vier Würdigungen hat die Deutsche Post zum Ende des vergangenen Jahres in Form der Widmung einer neuen Briefmarke vorgenommen. Gewürdigt wurden beziehungsweise werden Bernhard Lichtenberg aus Anlass seines 150. Geburtstags am 3. Dezember 2025, Margot Friedländer aus Anlass ihres Todes am 9. Mai 2025, Hildegard Knef aus Anlass ihres 100. Geburtstags am 28. Dezember 2025 sowie das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, das vor über 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins vor dem Kölner Rathaus mit dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 begann.

Die Marke „150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg“ fällt schon insofern aus dem Rahmen, als sie im Unterschied zu den drei anderen nicht 95 Cent wert ist, sondern 15 Cent mehr. Zudem war Hildegard Knef eine im west- beziehungsweise süddeutschen Ulm geborene Wahlberlinerin und Margot Friedländer eine gebürtige Berlinerin, während Bernhard Lichtenberg als einziger aus Ostdeutschland stammte. Schließlich dürfte Lichtenberg von den drei Personen die mit Abstand unbekannteste sein. Dabei wird er in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt sowie in Israel zu den Gerechten unter den Völkern gezählt. Das ist auf seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen.

Bernhard Lichtenberg

In der Kreisstadt Ohlau im Regierungsbezirk Breslau geboren, verschlug es den katholischen Kaufmannssohn nach dem Theologiestudium in Innsbruck und Breslau nach der Priesterweihe 1899 in Schlesiens Hauptstadt bald in die Reichshauptstadt. Damals gehörte Berlin noch als Teil des Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern zum Bistum Breslau, und der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, war dafür bekannt, viele der besten seiner jungen Priester in diese Diaspora zu schicken, wo es viel zu tun gab. Insofern kann Lichtenbergs Entsendung als Auszeichnung interpretiert werden. Der Schlesier machte denn dort auch Karriere. Nach der Errichtung des Bistums Berlin 1930 wurde er im darauffolgenden Jahr residierender Domkapitular, 1932 Dompfarrer an St. Hedwig und 1938 schließlich Dompropst – und damit im Grunde die Nummer 2 nach dem Bischof.

Erinnerungsblatt 150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg, Quelle: Deutsche Post

Lichtenberg war ein Vertreter des den Nationalsozialisten besonders verhassten politischen Katholizismus. Von 1919 bis 1933 saß er für die Zentrumspartei in Charlottenburgs Parlament. Als 1930 „Im Westen nichts Neues“ in die Kinos kam, rief er dazu auf, sich die Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigem Antikriegsroman anzuschauen. Kaum, dass die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren, durchsuchte die Gestapo erstmals seine Wohnung. 1935 protestierte er in einer Beschwerdeschrift gegen die Zustände im KZ Esterwegen. Daraufhin verhört und misshandelt die Gestapo ihn wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“. Nach der sogenannten Reichskristallnacht betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. Nachdem der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die sogenannte Euthanasie publik gemacht hatte, schrieb Lichtenberg Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti einen Protestbrief.

Noch im selben Jahr, am 23. Oktober 1941, nahm ihn die Gestapo fest. Dabei wurde eine von ihm vorbereitete Kanzelvermeldung entdeckt, in der er ein antisemitisches Flugblatt als „Hetzblatt“ bezeichnete. Wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz wurde der Geistliche zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Lichtenberg nicht etwa freigelassen. Vielmehr verfügte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf dem Transport in das KZ Dachau ist der schwer herz- und nierenkranke Häftling am 5. November fern der Heimat im fränkischen Hof gestorben.

Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck

Oh du fröhliche…

Am 5. Dezember fand unsere diesjährige traditionelle Weihnachtsfeier zum zweiten Mal im Residenzhotel „New Living Home“ in Hamburg-Stellingen statt.

Den Auftakt bildete ein Cocktailempfang im festlich geschmückten Musikzimmer. Nachdem unsere Präsidentin Maren Schönfeld die Mitglieder begrüßt hatte, ging es gleich in medias res.

Vier Wortbeiträge erwarteten ein gespannt lauschendes Auditorium. Der Auftritt von Wolfgang Bremke als Kuddel Daddeldu gehört bereits zum Ritual.

Kuddel Daddeldu alias Wolfgang Bremke

Da steht er nun, der Old Sailor Boy, mit keck in den Nacken geschobener blauer Schiffermütze und rezitiert den unsterblichen, köstlich frivolen Text von Joachim Ringelnatz. Applaus, Applaus. Danke, lieber Wolf, bis zum nächsten Mal.

Während sich einer in der Runde Gedanken über den grassierenden Kapitalismus machte – oh, die Milliardäre dieser Welt – ging es in einer anderen Erzählung um das Phänomen des schönen Scheins. Eine weitere Geschichte entführte uns gar in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als die Alster im Winter zwar regelmäßig zugefroren, aber nie einbruchsicher war. Manch Waghalsiger nahm da ein unfreiwilliges eiskaltes Bad.

Wenn wir unser beliebtes Würfelspiel auch bereits seit über fünfzehn Jahren zelebrieren, muss es in jedem Jahr akribisch erklärt werden. Die Regeln sind denkbar einfach. Dennoch kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Muss man eine Sechs oder eine Eins würfeln, um weiterzukommen – das ist hier die Frage.

Birgit Romann-Pontow und Witka Kova vor dem Knusperhäuschen

Den Part unseres ehemaligen, inzwischen verstorbenen Präsidenten Günther Falbe, der jedes Jahr aufs Neue die Regeln mit engelhafter Geduld erklärte, hatte in diesem Jahr unser Mitglied Birgit Romann-Pontow übernommen. Sie meisterte diese Aufgabe ebenso souverän wie weiland Günther.

Das Würfelspiel brachte überraschenderweise ein neues DAP-Mitglied hervor, das sogleich zum Maskottchen unseres Verbands erklärt wurde: Der DAPP wird von nun an bei jeder Weihnachtsfeier dabei sein und hoffentlich sein Ehrenamt zu unserer aller Zufriedenheit wahrnehmen.

Das Essen  kam heiß auf den Tisch. Es gab somit keinerlei Grund zu irgendwelchen Beanstandungen. Im Vorwege konnte zwischen drei Menüs gewählt werden: Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, Hamburger Pannfisch mit Bratkartoffeln und vegetarische Ravioli.

Fazit: Wir erlebten eine gelungene Weihnachtsfeier. Ganz so, wie man sie sich kurz vor dem Fest in unserer turbulenten Zeit nur wünschen kann.

Allen Mitgliedern und Lesern unseres Onlinemagazins wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest und einen fröhlichen Rutsch ins Neue Jahr. Und nie vergessen: „War das alte Jahr ein gutes, freu‘ dich auf das neue. War das alte aber schlecht, ja dann erst recht!“

(Fotos: Birgit Romann-Pontow, Maren Schönfeld)

„Gaslight“ by Patrick Hamilton, the New Premiere at The ETH

A perfect team / Ein perfektes Team

What a wonderful Christmas present! The English Theatre invites its audience to enjoy the top-tier psychological thriller “Gaslight”, written by the British playwright Patrick Hamilton in. Do you remember the film starring the young Ingrid Bergman? For the leading part she was awarded “The Oscar” for Best Actress. Bergman was great as the wife of a scheming und sadistic husband (played by Chares Boyer) who is trying to drive her insane to steel from her.

As a matter of fact, the theatre version based on Patrick Hamilton’s original script is in a good many ways different from the Hollywood production of 1944. Find out yourself, dear spectator, which version you prefer.

Scenes from an unhappy marriage

Jack and Bella Manningham’s marriage seems to be anything but happy inspite of their comfortable social situation. We meet the couple in their well-furnished middle upper-class home in London on a misty afternoon “before the feeble dawn of gaslight and tea”, as Jack Manningham likes to describe teatime. Jack is lacking respect for Bella. Not only does he bully her in front of the servants, but flirts shamelessly with Nancy, the buxom maid.

Mysterious things happen in the house

All of a sudden things vanish and cannot be retrieved. Where is Bella’s diamond brooch, where the picture that once hung on the wall of the sitting room? Jack is furious and attributes Bella’s shortcomings to insanity inherited by her mother who had to be sent to a “loony bin” a couple of years ago. Poor Bella who is unable to make sense of all what is happening in her house.

What’s more. Why do the gas lights always dim when Jack has left the house in the evening? What about the strange noises from the attic? And why does Jack never tell Bella where he is going after dawn? Questions that remain unanswered.

An Inspector is calling

One foggy morning a middle-aged man rings the doorbell of the Manningham’s residence. May he have a word with the lady of the house? When Bella appears he introduces himself as Inspector Rough from Scotland Yard. He is retired though still interested in cold cases. Rough has something alarming to tell Mrs. Manningham: “Please listen closely. You can trust me.”

What is going on the top floor

Bella reports that strange things are happening right after her husband has left the house in the evening. All of a sudden the gaslights dim and noises can be heard in the attic as if someone is walking to and fro. Bella has never been up there because the door is permanently locked and Jack does not want her to intrude.

The inspector reveals a secret

“Do you know that you have most probably be living all the time under one roof with a monster?” Rough asks. Bella cannot believe what the inspector is telling her. The inspector is after a killer who calls himself Sydney Power. Rough is sure that Power and Bella’s husband are one and the same person. Years ago Power murdered Alice Barlow, a rich widow who happened to live in the Manningham’s home. Power knew that the lady possessed precious jewels which he wanted to steel from her. Only for this reason he courted Bella and proposed to her in order to be close to the goal of his wishes.

Inspector, I can hardly believe what you are telling me. / Inspektor, ich kann es kaum glauben, was Sie mir erzählen.

Alas, when breaking into her residence he did not find her rubies. But they must be somewhere in this house. During the night Power regularly goes up to the top floor and looks into every corner, into every box without so far finding the rubies? Where the hell did the old lady hide them? Does Bella know the hiding place?

Bella is waking from a dream

With the help of inspector Rough Bella realizes that she has been duped by Jack from the very beginning of their relationship. She gets furious when realizing that her husband never loved her but that he was solely after her money and the late Mrs. Barlow’s jewellery in particular. Good news: When the rubies are finally found in a rather unexpected place it is too late for Jack to grab them.

In spite of all the information that Rough has against him Jack is not prepared to accept that he has lost the battle. On the contrary he attacks the inspector and threatens to kill him. A police man called in by the inspector puts an end to the fight and arrests the villain.

Bella is plotting revenge

What is going on in Bella, Jack’s devoted and shy wife whom he had humiliated and badly treated for years? While Jack is expecting her to help him escape from punishment, she is no longer willing to follow his instructions. Jack’s blood freezes in his veins when he recognizes that Bella is scheming against him. How dare she? Isn’t he her husband and master? But what is sweeter than revenge against an overbearing and cruel husband with murderous intentions? Dear spectator, Bella’s way of dealing with Jack will give you something to think about. Wait, see and enjoy the unexpected finale.

“Gaslight” is a brilliant psychological tale, based on deceit and trickery committed by an overbearing husband who is driving his young wife into insanity. By unsettling her and telling lies about her allegedly unstable mental state he is trying to steal her inheritance. Once in a closed institution – commonly known as loony bin – the man can dispose of his wife’s assets and lead a life according to his own taste. Bella’s fate was anything but unique in the olden by now means always golden times during the 19th century. Women and children were generally regarded as a man’s property and treated accordingly. The British suffragettes were the first women to rebel against the dominance of men. Their slogan: “Fight the patriarchy!”

Alas, due to Bella’s early birth she had to bear her “Master’s” cruelties for too long a time. Marie Wilson as Bella is the perfect cast. The pain felt by this fragile self-doubting woman is almost palpable.

The villain in the play comes along as Jack, the domineering monster who is trying to destroy his wife. Kevin Johnson plays this diabolical part in an intensity that gives you the jitters. Great performance.

Inspector Rough brilliantly played by Ian Bailey, is kind of a resting pole in the play. He never loses his temper while investigating this mysterious case. His very British humour eases the tension and even elicits occasional laughter.

Both supporting roles Elizabeth (Claire Morissey) and Nancy (Niamh Deasy) are also well cast.

A great event on a grey November day, thanks to Paul Glaser and his Team of Excellence.

What does “Gaslighting “stand for?

“Gaslighting” has also become a household word in our language. It describes a form of psychological manipulation where a person makes a victim doubt their own reality, memories and mental sanity.

Beside “Gaslight” the British novelist Patrick Hamilton wrote quite a number of other thrillers, among them “Rope,” The Duke of Darkness” and “The Plains of Cement.” “Rope” directed by Alfred Hitchcock in 1948 proved a great international success.

Last performance of “Gaslight” on January 17, 2026. Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under

www.englishtheatre.de

Next premiere: “Proof” by Eric Auburn on February 9, 2026

 

Photos: Stefan Kock

„Gaslight“ von Patrick Hamilton: Premiere am ETH

Ein perfektes Team

Als „Das Haus der Lady Alquist“ in den fünfziger Jahren in die deutschen Kinos gelangte, erwies sich dieser Thriller als Blockbuster der Sonderklasse. Jeder wollte die junge Ingrid Bergman in jener Rolle sehen, die ihr ihren ersten Academy Award – besser bekannt als „Oscar“ – einbrachte. Es ist das Verdienst von Regisseur Paul Glaser, den Kultkrimi unter seinem Originaltitel „Gaslight“ auf die Bühne des English Theatre of Hamburg zu bringen. Unter dem Premierenpublikum am 21. November 2021 herrschte Hochspannung. Wie würde die Bühnenversion dieses Stoffes ausfallen? Vorhang auf für „Gaslight!“

Blick hinter die Kulissen einer viktorianischen Ehe

Glücklich scheint das Ehepaar Jack und Bella Manningham nicht zu sein trotz der offensichtlich komfortablen Verhältnisse, in der beide leben. Düster, fast bedrohlich wirkt die mit dunklem Mobiliar ausgestattete Villa in einem Londoner Vorort. Genau das Ambiente, in dem ein patriarchalischer Mann wie der Hausherr sein Unwesen treiben kann. Jack kommandiert seine zarte schüchterne Frau herum und demütigt sie vor den Dienstboten. Dem robusten Hausmädchen Nancy scheint diese Attitüde zu gefallen. Sie würde sich zu gern als Herrin des Hauses aufspielen. Warum nur lässt Bella all dies mit sich geschehen, ohne aufzubegehren?

Eins, zwei drei, vier fünf, sechs sieben, wo ist nur das Bild geblieben

Wie von Zauberhand verschwinden immer wieder Gegenstände im Haushalt und finden sich entweder gar nicht oder dort wieder an, wo man sie am wenigsten vermuten würde? Man kommt kaum mit dem Zählen nach. Wo ist das Gemälde, das gestern noch an der Wand des Salons hing, wo Bellas Brosche oder die Metzgerrechnung, die Jack gerade bezahlen wollte? Für Jack beantworten sich diese Fragen von selbst. Bella ist unverkennbar geistesgestört, genauso wir ihre bedauernswerte Mutter. Irgendwann wird er Bella in eine geschlossene Anstalt bringen müssen. Während Jack von Tag zu Tag brutaler wird, versinkt Bella in tiefer Depression. Sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ist doch bei klarem Verstand. Warum nur agiert Jack so bösartig?

Tapp, tapp, tapp – woher kommt der Lärm auf dem Dach

Seltsame Dinge geschehen in dem unheimlichen Haus. Bella beunruhigen nicht nur die Geräusche im nicht betretbaren, abgeschlossenen Dachgeschoss, sondern auch das Gaslicht im Salon, das stets flackert, wenn Jack das Haus verlassen hat. Es tröstet sie, dass Elizabeth die ihr treu ergebene Haushälterin, sich auch schon Gedanken über die flackernden Gaslampen gemacht hat.

Ein Inspektor bittet um Einlass

Als wäre nicht schon alles mysteriös genug, steht eines Morgens ein unbekannter Mann auf der Türschwelle und wünscht mit Mrs. Manningham zu sprechen. Der bereits pensionierte Inspector Rough von Scotland Yard beobachtet die Geschehnisse im Hause Manningham seit geraumer Zeit. Seine detektivische Spürnase ist seit Jahren einem Kapitalverbrechen auf der Spur. Gemäß seiner Recherchen wurde in diesem Haus einst der Mord an einer reichen alten Dame namens Alice Barlow verübt, der Täter jedoch nie ermittelt.

Ein Mann mit zwei Namen

Inspektor Rough vermutet hinter Jack Manningham den Verbrecher Sydney Power, der Mrs. Barlow umbrachte, um in den Besitz ihrer wertvollen Juwelen zu gelangen. Nach dem Mord änderte er seinen Namen und verschwand für eine Weile von der Bildfläche. Er vertuschte seine Tat, indem er in eine bürgerliche Existenz schlüpfte und die arglose Bella heiratete, in deren Haus er den Schmuck vermutete. Um sein Ziel zu erreichen, verwirrte er seine ungeliebte Frau, erfand perfide Lügen über ihren unberechenbaren Geisteszustand und durchsuchte am Abend den Dachboden nach den Schätzen der gemeuchelten alten Dame.

Inspektor, ich kann es kaum glauben, was Sie mir erzählen.

Inspektor Rough gelingt es endlich, Bella davon zu überzeugen, dass sie mit einem Ungeheuer unter einem Dach lebt, das ihr nach dem Leben trachtet. Es ist ihr Glück, dass Jack alias Sydney trotz aller Bemühungen den Schmuck noch nicht gefunden hat. Wo sind sie nur, die strahlenden Rubine, um derentwillen dieser skrupellose Mann zum Mörder wurde? Als sie sich schließlich anfinden, ist Jack/Sydney schon lange in die vom cleveren Inspektor Rough aufgestellte Falle getappt. Er hat die Dame also völlig umsonst erstochen. Eine alte kriminalistische Weisheit besagt zu Recht: Verbrechen lohnt sich nie.

Bella auf dem Rachefeldzug

Selbst eine schüchterne, gutgläubige Frau wie Bella entwickelt Rachegefühle. Sie will ihren Peiniger für all das, was er ihr angetan hat, bezahlen zu lassen. Und sie tut es auf eine so raffinerte Weise, die selbst einem Mann wie Jack/Sydney das Blut in den Adern erstarren lässt… Mehr wird nicht verraten.

Auch in einem Thriller – ganz gleich wie blutig – muss am Ende die Gerechtigkeit siegen. Nach einem erbitterten Zweikampf zwischen dem Inspektor und Jack/Sydney fallen die Würfel. Der Delinquent wird von den Hütern des „Yard“ in Gewahrsam genommen und abgeführt. Ihm droht der Galgen.

Iustitia praevalet!

Eine grandiose Inszenierung des Psychothrillers von Patrick Hamilton an der Mundsburg. Das English Theatre wählte das Original-Script des Autors für seine neueste Premiere. Bereits 1938 kam das Stück im Londoner Westend auf die Bühne. Der legendäre Film von George Cukor – in Deutschland unter dem Titel „Das Haus der Lady Alquist“ bekannt – folgte erst 1944. Er katapultierte die Hauptdarstellerin Ingrid Bergman von einem Tag zum anderen in die erste Reihe der Hollywood Stars.

Diese Moritat ist stilsicher im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts angelegt. Sie thematisiert eindrücklich Manipulation und Missbrauch eines skrupellosen Ehemannes an seiner jungen Frau, die er aus Macht- und Raffgier loswerden will. In jener Epoche dürfte dies kein Einzelfall gewesen sein. Viele Männer betrachteten Ehefrau und Kinder als eine Art Leibeigene, über die sie je nach Gusto verfügen konnten. Das Gesetz war stets auf ihrer Seite, so dass es für die meisten Frauen kein Entrinnen gab.

„Gaslighting“ ist zu einem festen Begriff in unserer Umgangssprache geworden. Er beschreibt eine besonders perfide Art psychischer Manipulation, die einen Menschen in einem Maße desorientiert und verunsichert, dass er seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertraut.

Auch Bella Manningham erleidet dieses Schicksal, nachdem Jack ihrer im Ehejoch ganz sicher sein kann. Marie Wilson verkörpert die hilflose, eingeschüchterte Bella fast schmerzhaft überzeugend. Dem breitbeinig auftretenden Kevin Johnson ist der Part des diabolischen Jack Manningham auf den Leib geschrieben und wird großartig ausgespielt bis ans bittere Ende. Ian Bailey als pensionierter Inspektor Rough von Scotland Yard bringt mit seinem Humor und flotten Sprüchen ein wenig Licht in die sinistre Atmosphäre. Er erinnert an einen Westentaschen Sherlock Holmes, der den Geschehnissen im Mörderhaus akribisch auf den Grund geht und schließlich alle Machenschaften aufdeckt. Die Rollen der beiden Domestiken Nancy und Elizabeth sind mit Niamh Deasy und Claire Morissey ebenfalls optimal besetzt.

Fazit: Eine gelungene atmosphärisch dichte Inszenierung von „Gaslight“, die die Zuschauer in die Regierungszeit von Königin Victoria zurückversetzt. In eine Epoche, während der London in der kalten Jahreszeit vom Nebel fast erstickt wurde. Der war so undurchdringlich – im Volksmund treffend „peasoup“ genannt – dass man seine Hand vor Augen kaum erkennen und selbst Schritte in unmittelbarer Nähe nicht hören konnte. Ein ideales Umfeld für Jack the Ripper, der seinerzeit die Gegend um Whitechapel in Angst und Schrecken versetzte.

Der Autor Patrick Hamilton schrieb außer „Gaslight“ noch eine Reihe sehr erfolgreicher weiterer Thriller, die häufig ins Kino gelangten, wie zum Beispiel „Rope,“ der, von Alfred Hitchcock verfilmt, unter dem Titel „Cocktail für eine Leiche“ in die deutschen Kinos kam.

„Gaslight“ läuft bis einschließlich 17. Januar 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Proof“ von David Auburn am 9. Februar 2026

 

Fotos: Stefan Kock

Warum die Samoainseln geteilt sind

Kokosnuss-Ernte auf Samoa. Foto: Pixabay (Simon)

Deutschland, Großbritannien und die USA einigten sich vor 126 Jahren auf den Samoa-Vertrag

Die polynesische Inselgruppe Samoa entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Interessensgebiet der aufstrebenden europäischen Industrie- und Handelsnationen Großbritannien, Deutschland und USA. Als die daraus resultierenden Interessenskonflikte und Rivalitäten zu kriegerischen Auseinandersetzungen zu führen drohten, einigten sich die drei Großmächte 1889 auf der Samoa-Konferenz, zu welcher der Sohn des Reichskanzlers Otto von Bismarck und Außenstaatssekretär des Deutschen Reiches, Herbert von Bismarck, nach Berlin geladen hatte, auf eine Samoa-Akte. Die Inselgruppe wurde eine formal unabhängige Monarchie mit Malietoa Laupepa als König unter der gemeinsamen Verwaltung der sogenannten Three Powers (drei Mächte).

Der Streit zwischen den drei Mächten entflammte erneut, als der Monarch 1898 starb. Die Angloamerikaner unterstützten die Thronansprüche von Laupepas Sohn, die Deutschen hingegen jene von Laupepas altem Rivalen Mataafa Josefo. Als sich abzuzeichnen schien, dass sich der deutsche Kandidat durchsetzt, beschossen die britischen Kriegsschiffe „Royalist“ und „Porpoise“ sowie die US-amerikanische „Philadelphia“ im März 1899 die Hauptstadt Apia.

Nach dieser direkten militärischen Intervention der Angloamerikaner musste eine Einigung her, wollte man nicht riskieren, dass der Konflikt zu direkten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Three Powers eskaliert. Im Mai trafen sich Vertreter der drei Mächte, ein zweiter Sekretär des britischen Botschafters in Washington, ein früherer US-Botschafter in Wien und ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Washington, im Hafen von Apia auf dem US-Kriegsschiff „Badger“ zu Verhandlungen. Das Ergebnis war der Samoa-Vertrag, den vor 126 Jahren, am 14. November 1899, das Deutsche Reich und das Vereinigte Königreich schlossen und dem am 2. Dezember 1899 die USA beitraten. Kernbestandteil des Vertrages ist eine Teilung der Samoainseln, die bis zum heutigen Tag Bestand hat.

Der Vertrag spiegelt die Tatsache wider, dass Großbritannien seit dem 11. Oktober mit seinem zweiten Krieg gegen die Buren beschäftigt war. Bei der Teilung der Samoainseln ging es nämlich leer aus. Versüßt wurde den Briten der Verzicht durch andere pazifische Inseln. So verzichtete das Deutsche Reich zugunsten des Empires auf Tonga und Teile der Salomonen.

Die Samoainseln hingen wurden am 171. Längengrad westlicher Länge geteilt. Deutschland bekam den West- und die USA den Ostteil. Nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden am 16. Februar 1900 wurde noch im selben Jahr der westliche Teil zum Schutzgebiet Deutsch-Samoa und der östliche Teil durch den Treaty of Cession of Tutuila zu einem abhängigen Gebiet der USA.

Die weitere Geschichte der beiden Teile ist sehr unterschiedlich. In Westsamoa wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Herrschaft des Kriegsverlierers Deutschland durch die des Kriegssiegers Neuseeland abgelöst. 1962 wurde dieser Teil unabhängig, was er heute noch ist.

Der Ostteil hingegen ist bis heute ein Bestandteil des US-Imperiums geblieben, seine autochthonen Bewohner sind US-Staatsangehörige zweiter Klasse mit beschränkten politischen Rechten.

(Dieser Beitrag erschien zunächst in der Preußischen Allgemeinen Zeitung)

„Harry, hol schon mal den Wagen!“

Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F034156-0025 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5870631

„Harry, hol schon mal den Wagen!“ ist entgegen einer weitverbreiteten Mär kein einziges Mal in „Derrick“ gesagt worden. Fakt ist hingegen, dass es besagten Harry Klein bereits vor „Derrick“ gab, denn davor war er bereits Assistent von Kommissar Herbert Keller in der ZDF-Serie „Der Kommissar“. In deren Folge 71 wurde Harry 1974 mit einem Sektumtrunk von seinen Kollegen verabschiedet, um fortan – nur wenige Zimmer weiter, wie es hieß – Stephan Derrick zu assistieren.

Mancher Fernsehzuschauer wird sich damals gefragt haben, warum der Harry-Klein-Darsteller Fritz Wepper seine Serienrolle als Assistent des Kommissars Keller in der damals sehr erfolgreichen Krimiserie aufgab, um in einer neuen ZDF-Serie die Assistentenrolle zu übernehmen. Doch Wepper tat gut daran. „Der Kommissar“ endete bereits zwei Jahre später auf Wunsch Odes noch vor dem Erreichen der 100. Folge. An der Seite von Horst Tappert als Derrick konnte Wepper als Harry noch fast ein Vierteljahrhundert ermitteln.

Dabei fing es vor nunmehr einem halben Jahrhundert gar nicht gut an. Dass der Zuschauer von Beginn der Folge an den Täter kannte, kam im Gegensatz zur US-Krimiserie „Columbo“ mit Peter Falk bei der ersten „Derrick“-Staffel nicht gut an. Nach dem Wechsel zum konventionellen Schema mit dem Beginn der zweiten Staffel, bei dem der Zuschauer mitraten konnte, ging es dann bergauf. Die Serie, für die wie beim „Kommissar“ Helmut Ringelmann für die Produktion und Herbert Reinecker für das Drehbuch verantwortlich zeichneten, wurde die meistverkaufte deutsche Fernsehserie.

War „Derrick“ am Anfang ein flotter, aktionsreicher Krimi, so wurde dieser schließlich zum Kammerspiel. Horst Tappert fing augenscheinlich an, statt eines normalen Kriminalbeamten sich selbst zu spielen. Derrick/Tappert bewegte sich fast nur noch in der Oberschicht, trug luxuriöse Armbanduhren von Rolex und IWC sowie modische Brillen. Dabei moralisierte und predigte er theatralisch und melodramatisch Weisheiten über das Verbrechen, den Tod und das Leben wie ein Moralphilosoph oder Geistlicher. Das signifikanteste Beispiel für das Abheben Derricks/Tapperts war 1981 der für einen gewöhnlichen Kriminalbeamten ziemlich unrealistische Wechsel beim Dienstwagen von der Mittel- zur Oberklasse, vom 5er- zum 7er-BMW.

Maßlos wird es dann in der letzten Folge. Der bisherige Oberinspektor soll Vorsitzender der Koordinierungskommission des Europäischen Kriminalamtes werden. Es gibt einen großen Festakt ihm zu Ehren, auf dem neben ihm auch der damals bekannte Regisseur, Manager, Kulturpolitiker und Intendant August Everding spricht. Im Publikum sitzt auch Derricks Kollege Hauptkommissar Leo Kress samt Mitarbeitern aus der ZDF-Krimiserie „Der Alte“. Wie zu Beginn der Geschichte von „Derrick“ kommt es also auch an dessen Schluss damit noch einmal zu einem amüsanten Crossover.

Nicht nur, dass wir seitdem auf neue „Derrick“-Folgen am Freitagabend verzichten müssen. Seit 2016 sind uns nicht einmal mehr Wiederholungen vergönnt – als wenn wir etwas dafürkönnten, dass drei Jahre zuvor Tapperts Zugehörigkeit zur Waffen-SS bekannt geworden war.

(Dieser Beitrag erschien zunächst in der Preußischen Allgemeinen Zeitung)

Eine frühe Zuwanderin – Emily Ruete, Prinzessin von Oman und Sansibar

Salme als Tochter des Sultans in Stone Town, Sansibar (Foto: W. Cropp, mit Genehmigung des Museums von Sansibar)

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Gräber wecken Erinnerungen. Unter manchem Stein schlummern erstaunliche Geschichten. Nun sind Friedhöfe nicht gerade meine bevorzugten Aufenthaltsorte. Grund, warum ich an jenem Vormittag suchend durch den Ohlsdorfer Friedhof spazierte, war das Projekt der Künstlerin Anna Bardi. Sie hatte Autorinnen und Autoren gebeten, an den Gräbern toter Kollegen zu lesen. Ich war für Willy Haas, Felix Graf von Luckner und Rolf Italiander vorgesehen. Also suchte ich die Gräber vorher einmal auf. Per Zufall fand ich in einem verwunschen gelegenen Rhododendronhain ein Familiengrab und las in goldfarbener Gravur: Familie Ruete. Vor der eindrucksvollen Ruhestätte lagen Grabplatten. Eine der vielen Tafeln weckte meine Aufmerksamkeit. Ich las unter arabischen Schriftzeichen: Emily Ruete. Wittwe des Rudolph Heinrich Ruete. Auf der Platte stand ein Gläschen Sand mit der Aufschrift: Sansibar. Das musste etwas zu bedeuten haben!

Später erfuhr ich, dass die arabischen Schriftzeichen ein Siegel seien und bedeuten: Salme Prinzessin von Oman und Sansibar. Nicht weit entfernt stieß ich auf den „Garten der Frauen“, eine Spirale aus Steinblöcken. Einer davon trägt die Gravur: Emily Ruete, geb. Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar, 1844 – 1924. Zuwanderin.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof: Das Familiengrab der Ruetes.

Zuwanderin, welch ein moderner, ja aktueller Begriff, der nicht nur Deutschland, der ganz Europa brennend beschäftigt! Ich schlug eine Hinweistafel aus Aluminium auf und las einen kurzen Abriss aus Emilys Leben, der mit ihren Worten endet: „Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin und was bin ich heute? Eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche.“
Sonderbar, mit einem Mal wurde ich von Neugier gepackt. Die Geschichte der Prinzessin aus Tausendundeine Nacht, dem fernen Sansibar, fing an mich zu faszinieren. Ich wollte mehr darüber erfahren, an die Wurzeln gelangen…
Also machte ich mich auf.

Sansibar

Nach stürmischer Überfahrt mit einer Dhau von Bagamoyo, Tansania nach Stone Town, Sansibar Stadt, quartierte ich mich in der Backpacker Lodge Flamingo ein und erkundete peu à peu die Stadt, dann mit einer Vespa die ganze Insel. Livingstone, Burton und andere Entdecker starteten von hier aus ihre Expeditionen durch Afrika. Gespräche mit Einheimischen, Informationen im Palast Museum, im Haus of Wonders, das Buch „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ erschlossen mir den Lebensweg Salmes:

Im Hafen von Sansibar City, Stone Town

Im Palast des Sultans Sayyid Said brachte eine der 75 Nebenfrauen die Prinzessin Sayyida Salme am 30. August 1844 zur Welt. Sie wuchs als außerordentlich lebhaftes und wissbegieriges Mädchen heran, das sich früh im goldenen Palastkäfig eingesperrt fühlte. Lesen und schreiben musste sie heimlich lernen. Ihr Halbbruder Majid wurde, nach dem Ableben des Vaters, 1856 Sultan. Er fand Gefallen an der Neugierde der Schwester und förderte sie. Brachte ihr Reiten und Schießen bei und ließ sie bei sich im Palast wohnen. Mit zwölf Jahren wurde Salme volljährig. Sie erhielt ihr väterliches Erbe. Als die Mutter starb, wurde sie noch reicher. Besaß Wohnhäuser, Plantagen und mehrte durch den Export von Gewürznelken ihr Vermögen.
Wohl aus Übermut – niemand weiß es ganz genau, ließ sie sich von ihrer Halbschwester Khwala und ihrem herrschsüchtigen Halbbruder Bargash verleiten, gegen Majid, ihrem Gönner, zu putschen. Der Umsturz misslang. Salme kam glimpflich davon. Das Vertrauensverhältnis bei Hof blieb jedoch nachhaltig gestört.

Emily Ruete als Ehefrau des Kaufmanns Rudolph Heinrich Ruete (Foto: W. Cropp, mit Genehmigung des Museums in Sansibar)

Die Prinzessin bezog eine Stadtwohnung in unmittelbarer Nähe eines Hamburger Kaufmanns, namens Heinrich Rudolph Ruete, einem stattlichen Mann, der mit Gewürzen und Elfenbein handelte. Erst Neugierde, dann Sympathie brachte die Beiden näher. Das jeweils Gegensätzliche zog magisch an. Sie verliebten sich. Welch eine gefährliche Verbindung in damaliger Zeit! Sie Mohammedanerin, er Christ. Und zur Liebe gesellte sich eine Schwangerschaft, damit die tödliche Gefahr für Leib und Leben. Um der Steinigung zu entgehen, floh die Prinzessin nach Aden, wo ihr Sohn, Heinrich jr. geboren wurde. Sie wartete auf ihren Gatten und ließ sich derweil auf den Namen Emily christlich taufen. Ihr Sohn starb, bevor Vater Heinrich eintraf.

Die über viele Wochen währende Reise nach Hamburg trat das Paar gemeinsam an. Im März 1868 wurde ihre Tochter Antonie geboren. Ein Jahr später freuten sich die Eltern über die Geburt des Sohnes Rudolph. Dann erblickte die Tochter Rosalie das Licht der Welt. 1870 geriet Ehemann und Vater Heinrich unter die Räder der Straßenbahn, die seinerzeit von Pferden gezogen wurde. Damit begann für Emily die Zeit großer Unsicherheit: Die Frau mit drei Kindern war auf sich gestellt. Ihre Ansprüche und den Besitz auf Sansibar hatte sie durch die Ehe mit dem „Ungläubigen“ Heinrich verwirkt. Die angeheiratete Familie, nebst deutsche Behörden verweigerten Emily das Erbe ihres Mannes.

Die Grabplatte von Emily Ruete, geb. Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar.

Sie schlug sich als Gelegenheitslehrerin und Übersetzerin für arabisch durch. 1886 veröffentlichte sie mit beachtlichem Erfolg das Buch „Memoiren einer arabischen Prinzessin“. Die finanziellen Sorgen konnte sie durch Buchtantiemen reduzieren. Dennoch, Kulturschock und Enttäuschungen überforderten ihre Kräfte. Besonders die negative Erfahrung ihrer zweiten Sansibarreise schmerzten sehr. Entwurzelung, ewiges Heimweh, der Tod ihres Mannes nagten an ihrem Gemüht. Aus Melancholie entwickelte sich Depression. Am 29. Februar 1924 starb sie in Jena an Lungenentzündung. In der Handtasche der Mutter fanden die Kinder ein Säckchen Sand vom Strand ihrer Heimat Sansibar. Sand, den sie stets, bis zu ihrem Tod bei sich trug. Auf Wunsch ihrer Kinder wurde sie neben ihrem Mann Heinrich in Hamburg beigesetzt.

Im Palast Museum wurde ihr ein Zimmer mit Erinnerungsstücken aus der Jugend eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder von Ihr, ihrem Mann, der Mutter, dem Vater und vieles mehr. Prinzessin Salme bleibt in Erinnerung, sie hat in einem eigenen Raum endlich Ruhe gefunden. Und Frieden in Ihrer so geliebten Heimat Sansibar!

Wer darüber hinaus Interesse am Leben und Treiben in Tansania und Sansibar hat, dem sei das Buch „Wie ich die Prinzessin von Sansibar suchte und dabei mal kurz am Kilimandscharo vorbeikam“, empfohlen.

Fotos: privat

„The Invisible Hand“ by Ayad Akhtar – The New Premiere at the ETH

Come on guy, tell me the truth!

The Theatre Season 2025/26 at the English Theatre of Hamburg opens with a provocative drama about terrorism and greed written by Ayad Akhtar, the American author of Pakistani heritage whose play “Disgrace” won him the coveted Pulitzer Prize.

What do you know about free markets? Little or even nothing? Just listen to a wise man who was conversant with the mechanisms of international markets.  Adam Smith, the Scottish economist and moral philosopher (1723 to 1790), describes “the incentives which free markets sometimes create for self-interested people to accidentally act in the public interest, even when this is not something they intended. Smith originally mentioned the term in two specific, but different economic examples. He states a hypothetical example of wealth being concentrated in the hands of one person, who wastes his wealth, but thereby employs others. In his ‘Wealth of Nations’ Smith argues that governments do not normally need to force international traders to invest in their own home country. In both cases Smith speaks of an  invisible hand, never of the invisible hand.” Mark the difference! Wait and see what Ayan Akhbar’s gripping drama is about. Off we go.

A Nightmare

The play opens with a horror scene. Nick Bright (Lee White) – a young bright – pun! – American banker is handcuffed and sitting in a dark cell somewhere in Pakistan wondering what has just happened to him. Bad luck. He has been mistaken for his Citibank boss and abducted by a gang of Pakistani Jihadists. Nick knows for sure that his bank will never pay the 10- million-dollar ransom that the terrorists are demanding for his release. What’s more, also the American government will never agree to that payment since Imam Saleem (Rohit Gokani), head and religious leader of the organization, was recently placed on the US terrorism list. In other words: No bail out!

Nick is aware of his hopeless situation. But he is not willing to give up.  All of a sudden a brilliant idea enters his mind. What about offering a deal to his captors. Being conversant with the mechanisms of global finance, he could raise his own ransom and thus regain freedom. Bashir (Ismail Khan), the only British-born member of the militant group, is hesitant. But after thinking twice he recognizes that Nick’s financial know-how and deep understanding of the Pakistani futures market could be of great value to the group.

Bashir convinces Imam Saleem of Nick’s financial skills. The Imam is only too happy to hear this and orders a computer be installed in the Nick’s cell. Forbidden to use the PC himself it is Nick’s job to instruct Bashir.

A Valuable Find on the Floor

During his captivity Nick has befriended Dar (Aliyaan Asif), his young jail guard, whom Nick gives valuable tips to gain some money on the side. While cutting Nick’s finger nails, Dar drops the nail cutter which Nick later picks up. You never know what such a tool can be good for. Bashir is an intelligent man who learns fast to operate the computer. And Nick is glad that his teachings are falling on fertile ground. When Nick notices that a sum of 400,000 dollars has been withdrawn from his ransom account, he gets furious, but masters his anger for fear to provoke his captors. Bashir tells him not to worry since Imam Saleem needed the money to buy vaccine for the children of his community.

Neither Bashir nor Dar, his loyal footman, believe the Imam. Both heard on the grapevine that their revered religious leader recently contacted a real estate agency who offers high-priced beautiful houses. What a betrayal! Shame on the Imam. Bashir loses his temper and knocks Saleem down. A couple of minutes later Bashir gives order to Dar to shoot the traitor.

Gosh, there is nobody on the street.

Nick is standing on the only chair in his cell and looks out of the barred window. It is calm outside. The only sound is the barking of a stray dog nearby. Nick uses the nail cutter to dig a hole into the wall of his jail. Hard work, but the opening gets wider from day to day.

As already mentioned, Bashir learns in no time to work the markets. Following Nick’s instructions, he makes roughly 700,000 dollars in only a few days. Nick warns his captor not to become greedy since “making money can get intoxicating.” As we all know, a loyal follower of Allah should never become a slave of worldly riches!  That’s the point. Wait and see whether Bashir will stick to this rule.

Nick continues digging at the wall with his tool. One night he is able to slip through the hole. However, his captors find him after some weeks and imprison him anew. Bashir has no mercy on Nick. On the contrary, he handcuffs and this time even chains Nick. All of a sudden he orders Dar to shoot him. Nick is horrified but becomes aware that he underwent only a mock execution. This was just meant to discipline him.  Matter of fact: Nick is a most valuable asset in Bashir’s revolutionary concept. Why kill him? He still needs him to make more and more money to fill his personal account.

A New Imam is Born

After Imam Saleem’s execution Bahir has taken over his high position as leader and religious head of the militant group. Now he is wearing a fine robe reminiscent of Imam Saleem’s attire instead of his soldier’s uniform. He has gained status and is regarded the new charismatic leader of the organization. Nick is flabbergasted by this change in such a short time and wonders what is going on outside his cell. There are sounds of gunfire and drones nearby. No doubt, these are sounds of war. While Nick wants to get back to work, Bashir tells him that at the annual meeting of the central bankers of Pakistan last Thursday an explosion did  not only kill the governor of the bank but all the members of the board at the same time. Bashir joyfully explains that as a result the Pakistani rupee has gone into free fall. This guarantees high profits on the financial markets

A Free Man in a Destroyed Environment

Listen Nick, you owe us a lot of money.

Nick can hardly believe what Bashir is telling him. He, the new leader organized the bombing of the Central Bank of Pakistan. Following Nick’s advice, he invested all the capital he made with Nick’s help and put options on the idea that Pakistan`s  currency – the rupee – was going bust. Bingo! Thanks to Nick’s expertise Bashir is now a rich man. His account right now shows a balance of thirty-five million dollars. What’s more, the bombing proved a “blessing” for the Pakistani people. In Bashir’s opinion the time is now ripe for a real revolution. Allahu akbar!

Bashir and his sidekick Dar say goodbye to Nick leaving the door of the cell wide open. Nick is paralyzed. He is now a free man in murderous environment. And didn’t Bashir give him the advice to take care of himself in this violent country where the blood is flowing in the streets…

Oof – this hostage drama is heavy stuff, exciting and startling. No doubt, Ayd Akhbar’s ingenious plot gets under the skin. This financial thriller left most of the audience speechless.

The play which is about a young banker fighting for his survival reminds me of one of the tales from 1001 nights: Scheherazade, the wife of a vengeful sultan is threatened with death unless she finds a way to calm her master’s anger. The young woman being full of imagination starts to tell the powerful man one exciting story after the other in one thousand and one nights. Thus she wins the sultan’s heart and lives happily ever after. Nick’s situation is less romantic since he has to generate a lot of money on the market for a gang of terrorists to save his life. In the end he is a free man, but faces an uncertain future in the middle of a war zone. A happy ending is not in sight.

Ayad Akhtar has created a microcosm of global economics and politics in just four characters. Let’s take a closer look on the quartet:

In this pulse-raising thriller we meet Nick, the young ambitious banker who is striving for a higher position. For Bashir, his captor, he is a greedy American. As the play goes on we are becoming aware of Bashir’s real character. While pretending to be Robin Hood himself who has a heart for the poor he is greedy and only interested in the money that Nick generates for him. The same is true for Imam Saleem, the hypocritical Islamic leader who shamelessly embezzles Nick’s ransom for a leisurely life in luxury. Last but not least there is Dar, the hired gun for the Imam who is the only empathic character on the stage. He treats Nick with respect and even removes his handcuffs when his boss is out of sight.

According to the critic of the New York Times Ayad Akhbar’s play raises probing questions about the roots of the Islamic terrorism that has rattled the world for the last decade and more. The British Guardian writes:” Akhbar doesn’t hold back when it comes to exposing the gathering greed of the Jihadists…” And Robert Hofler at “The Wrap” comes to the conclusion that “Akhbar has written a financial thriller that is every bit as arresting and nail-bit inducing as Chandor’s Margin Call.” He compares Akhbar to Shaw, Brecht and Miller.

 

Conclusion:

A great performance directed by Clifford Dean.

“The Invisible Hand” is a hostage drama performed by a quartet of outstanding actors whom we hope to see again soon on the Mundsburg stage.

 

Last Performance of “The Invisible Hand” November 1, 2025 Tickets under phone number 040-227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

 

Next Premiere “Gaslight” by Patrick Hamilton on November 17, 2025

„The Invisible Hand“ von Ayad Akhtar, die neue Premiere am ETH

Nun mach’s schon, sag‘ mir die Wahrheit!

Dieses Geiseldrama des Pulitzerpreis-Gewinners Ayad Akhtar hält das Publikum des English Theatre of Hamburg zwei Stunden lang in Hochspannung. Ganz großes Theater!

Der schottische Moralphilosoph und Aufklärer Adam Smith (1723 bis 1790) war ein Verfechter des freien Marktes. Nachfolgend seine Definition: „Wenn Einzelpersonen ihren eigenen Interessen nachgehen, fördern sie oft das Gemeinwohl, auch wenn sie dies nicht beabsichtigen. Ein klassisches Beispiel für die unsichtbare Hand ist der freie Markt.“

Auf Gedeih und Verderb

Die Handlung spielt irgendwo in Pakistan. Der junge amerikanische Banker Nick Bright (Lee White) wird von islamischen Dschihadisten in einem finsteren Kellerloch gefangen gehalten, in das sich nur selten ein Sonnenstrahl  stiehlt. Nick hatte das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Zudem wurde er mit seinem Boss von der Citibank verwechselt. Aber was ist wertvoller als eine Geisel, für deren Freilassung man zehn Millionen Dollar erpressen kann. Da die Bank das eherne Prinzip vertritt, auf keinen Fall mit Terroristen zu verhandeln, befindet sich Nick in einer ausweglosen Lage. Was also tun?

Dar bewacht Nick in seiner Zelle

Während Explosionen die Mauern des Verlieses erzittern lassen, gibt Nick Dar (Aliyaan Asif), seinem etwas schlichten, aber schwer bewaffneten Wächter, Tipps, wie er den Seinen zu einer gewinnbringenden Kartoffelernte verhelfen kann. Dies hat zu einer kumpelhaften Beziehung zwischen beiden Männern geführt. Die Situation verändert sich jedoch schlagartig, als Bashir (Ismail Khan), ein führendes Mitglied der militanten Gruppe, den Raum betritt. Als er von Dars Geschäften erfährt, rastet er aus und schlägt ihn zu Boden. Wie kann er es wagen, dem westlichen Kapitalismus zu frönen und sich gegen Allahs strenge Gesetze zu vergehen?

Bashir beschuldigt Nick, er und seine Bank arbeiteten eng mit einem korrupten pakistanischen Lokalpolitiker zusammen, der die Wasserversorgung privatisieren und somit dem Volk das kostbare Nass entziehen wolle. Nicks Dementi ist nicht hilfreich. Ganz im Gegenteil. Bashir erinnert ihn daran, dass seine Leute nicht davor zurückschrecken würden, ihn „einen Kopf kürzer“ zu machen, wie es vor Jahren seinem unglücklichen Landsmann Daniel Pearl widerfuhr. Als Nick einen Nagelknipser am Boden entdeckt, den Dar versehentlich fallen ließ, hebt er ihn auf. Man weiß ja nie, wofür sein solches Werkzeug nützlich sein kann.

Auch ein Video von Nicks Frau, die die Entführer unter Tränen anfleht, ihren Mann frei zu lassen, fruchtet nicht. Bashir informiert Nick, dass alle Verhandlungsversuche fehlgeschlagen seien, weil die amerikanische Regierung Imam Saleem (Rohit Gokani), den hochverehrten religiösen Führer der Gruppe, auf die Liste der Terroristen gesetzt habe.

Eine clevere Überlebensstrategie

Nick verfügt nicht nur über einen scharfen Verstand, sondern kennt sich zudem bestens in den Mechanismen der globalen Finanzmärkte sowie der pakistanischen Terminbörse aus. In seinem unbändigen Überlebenswillen bietet er seinen Entführern an, sein Lösegeld höchstselbst zu verdienen, indem er den Markt manipuliert. Immerhin hat er auf diese Weise unlängst einer hochkarätigen pakistanischen Finanzgruppe einen Gewinn von zwanzig Millionen Dollar beschert. Beeindruckt von dieser Leistung, stimmt Bashir Nicks Vorschlag zu, ihn die Summe für seine Freilassung an der Börse verdienen zu lassen.

Imam Saleem behauptet, die pakistanische Gesellschaft sei die Gefangene eines durch und durch korrupten Systems. Man habe Nick aus dem einzigen Grunde entführt, um das Lösegeld zum Wohlergehen der lokalen Bevölkerung einzusetzen. Er bekäme einen PC zur Verfügung gestellt, den jedoch nur Bashir berühren dürfe. Daraus ergebe sich eine echte Win-Win-Situation, denn Bashir würde lernen, einen Computer zu bedienen und gleichzeitig Geld zum Wohl des Volkes generieren.

Na sowas, keiner auf der Straße

Allein in seiner Zelle, wagt Nick einen Blick durch sein hoch gelegenes vergittertes Fenster. Draußen ist es stockfinster, und nur das gelegentliche Bellen eines streunenden Hundes zerreißt die Stille. Mit dem aufgelesenen Nagelknipser beginnt er ein sich ständig vergrößerndes Loch in die Wand zu kratzen.

Inzwischen laufen die Börsengeschäfte dank Nicks Expertise mehr als zufriedenstellend. Das Verhältnis zwischen Nick und Bashir entspannt sich. Als Nick feststellt, dass 400.000 Dollar vom Lösegeldkonto verschwunden sind, wird er von Bashir aufgeklärt, Imam Saleem habe die Summe abgehoben, um Impfstoff für die Kinder seiner Gemeinde zu kaufen. Dadurch ist Nicks Lösegeld erheblich geschrumpft. Er ist empört, beherrscht sich aber, um seine Entführer nicht zu provozieren.

Nick ist es endlich gelungen, das Loch in der Mauer erheblich zu vergrößern, sodass er mühelos ins Freie gelangen kann.  Fünf Wochen später wird er jedoch von seinen Entführern aufgespürt und in seine Zelle zurückgeführt. Diesmal zu brutal verschärften Haftbedingungen. Bashir hat in der Zwischenzeit sehr viel über die Aktivitäten an den internationalen Börsen gelernt und entsprechende Artikel im Wirtschaftsteil der „Financial Times“ gelesen. Auch Nicks Doktorarbeit über das Bretton-Woods-Abkommen hat er mit Gewinn studiert. Kein Zweifel, die Geisel besitzt einen hohen Stellenwert.

Ist Imam Saleem zu trauen?

Bashir und Dar hegen den Verdacht, dass ihr hochverehrter Imam einen Immobilienkauf ins Auge gefasst hat. Wozu sonst war er bei einem Makler, der teure Häuser anbietet? Und in der Tat, das gesamte Lösegeld ist wie von Zauberhand vom Konto verschwunden. Bashir hatte die ehrliche Absicht, das Geld den armen Leuten seiner Gemeinde zugute kommen zu lassen. Und nun dieser Verrat! Mit einem Faustschlag  streckt Bashir den Imam zu Boden. Wenig später treffen ihn zwei Kugeln aus Dars Waffe, bevor der fromme Mann sein finales „Allahu Akbar“ murmeln kann.

Bashir im neuen Gewand

Drei Wochen lassen die Entführer Nick allein in seiner Zelle. In seiner totalen Verwahrlosung bietet er ein Bild des Jammers. Er reißt sämtliche Papiere mit den Börsenkursen von der Wand und lauscht den Gewehrsalven und Explosionen, die immer näherkommen. Ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen?

Du schuldest uns viel Geld.

Bashir hat inzwischen Imam Saleems Position als Führer der Gruppe übernommen und seinen Kampfanzug gegen ein feines goldbesticktes Gewand getauscht. Er fühlt sich offensichtlich in seiner neuen Rolle wohl. Andächtig verliest er einen Artikel aus der Times, der sich mit dem jährlichen Treffen der pakistanischen Zentralbanker befasst. Am Donnerstag detonierte eine Bombe in der Bank und riss sämtliche Vorstandmitglieder in den Tod. Das Resultat: Die pakistanische Rupie befindet sich im freien Fall. Hallelujah!

Nick, der Börsenguru, hatte recht. Mit dem Wertverfall einer Währung lässt sich ein Vermögen machen. Der gläubige, angeblich nur am Wohl seiner Landsleute interessierte
Bashir freut sich über seinen neuen Kontostand von 35 Millionen Dollar!  Das Beste aber: Die Zeit ist endlich reif für eine Revolution! Er bedankt sich herzlich bei Nick, der ihm mit seinem Wissen so tatkräftig bei der Umsetzung seiner umstürzlerischen Ideen behilflich war. Mit Dar im Schlepptau verlässt er die Zelle, ohne die Tür hinter sich zu schließen…

Fragen über Fragen

Was wurde aus Nick, unserem Helden in schimmernder Rüstung, der sich trotz aller widrigen Umstände dank seines wachen Verstandes so tapfer schlug? Wurde er auf der Stelle aus seinem Verlies in die Freiheit entlassen und mit Ehrenbekundungen, Preisen und klingender Münze überschüttet? Das, liebe Zuschauer, müssen Sie selbst herausfinden. Freuen Sie sich auf einen spannenden Schlussakkord.

Fazit: „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles. Ach, wir Armen!“ Gretchens Klage aus Goethes „Faust“.

Warnung! Dieses Geiseldrama ist nichts für schwache Nerven. Es lässt keinen kalt. Allein das finstere Kellerloch, in dem Nick, die unglückliche Geisel, gefangen gehalten wird, geht an die Nieren. Das Damoklesschwert hängt tief über Nicks Kopf. Mit dem schwer bewaffneten Gefängniswärter Dar ist trotz seines etwas kindlich naiv wirkenden Auftritts nicht zu spaßen. Während er mit dem Gefangenen freundlich spricht, hält er seine schussbereite Waffe stets im Anschlag.

Dem Zuschauer bleibt in diesem Stück keine Brutalität erspart. Da wird geprügelt, auf hinterhältigste Weise intrigiert und sogar gemordet. Hinzu kommen Scheinhinrichtungen, die unter die Haut gehen.

Gibt es etwas Feigeres und Unmenschlicheres als Geiselnahmen? Das Opfer ist seinen Entführern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ein falsches Wort oder eine unbedachte Geste entscheiden innerhalb von Sekunden über Leben und Tod. Nick Bright ist sich seiner prekären Lage in jeder Sekunde bewusst. Da er von seinen Vorgesetzten  offenkundig keine Hilfe erwarten darf, kämpft er auf einsamem Posten mit den Mitteln des Verstandes um sein nacktes Leben. Erinnert dieses Szenario nicht an das Schicksal der Scheherazade aus der Märchensammlung „1001 Nacht“, in der die schöne Frau eines rachsüchtigen Sultans ihr Leben rettet, indem sie ihren Herrn und Gebieter jede Nacht mit einer neuen Erzählung erfreut?

Der Fortgang des Dramas enthüllt schonungslos die Gier und Verlogenheit der Entführer. Ging es ihnen nach eigenen Angaben doch ausschließlich um die hehren Gesetze des Islam, die den Gläubigen verbieten, Gewinn in Form von Zinsen aus ihrem Kapital zu erzielen! Da sei Allah vor! Doch pecunia non olet – Geld stinkt nicht.  Auch hier gilt wieder das weise Wort George Orwells, dass alle Menschen gleich sind, aber manche eben gleicher. Was spricht also dagegen, dass der über jeden Zweifel erhabene Imam Saleem ein paar Dollar – realiter zunächst 400.000 – aus Nicks 10 Millionen „Ablöse“ aus dem Konto abzieht, um diese Summe in ein schönes Haus für sich und seine Frau zu investieren?

Bashir, der andere gestrenge Hüter der islamischen Gesetze, ist zwar zunächst scheinheilig empört ob des Ungehorsams des Imams, ergreift jedoch die sich bietende Gelegenheit,  den lästigen Rivalen loszuwerden, indem er ihn von seinem Lakaien Dar qua Schusswaffe ins Jenseits befördern lässt. Denn auch Bashir hatte die ganze Zeit über Dollarnoten in den Augen. Letztlich hat es sich für ihn gelohnt. Aus den ursprünglich zehn Millionen Lösegeld ergeben sich summa summarum jetzt 35 Millionen Dollar. Und obendrauf – sozusagen als Zuckerl – kommt noch der heiß ersehnte Sturz der verhassten Regierung. Allahu Akbar – Allah sei Dank! Der einzige, der leer  ausgeht, ist Dar,  der in unterwürfiger Treue bis zum Schluss seine Pflicht gegenüber seinem Herrn und Meister erfüllt.  Der Volksmund meint dazu lapidar: „Ja, das ist der Gang der Welt. Der Gutgläubige wird stets geprellt.“

Und Nick, das unschuldige in die Mühlen der Trickser und Manipulatoren geratene Opfer, hat zumindest sein Leben für den Augenblick gerettet. Auch er war am Ende wie Dar nur der nützliche Idiot in diesem perfiden Spiel.

Auch diesmal lohnt es sich, Brechts berühmtes Diktum an den Schluss zu setzen: „Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Vielen Dank für einen ebenso spannenden wie nachhaltigen Theaterabend, über dem die sichtbare Hand Clifford Deans schwebte.

Eine unter die Haut gehende Inszenierung, die von einem Schauspieler-Quartett getragen wird, das seinesgleichen sucht! Während Lee Bright in der Opferrolle glänzte, gab Ismail Khan den angeblich tief gläubigen Moslem, der dem Glanz des Goldes nicht widerstehen kann. Rohit Gokani überzeugte als schlitzohriger Imam und Aliyaan Asif in der Rolle des gutgläubigen Dar.

 

Der amerikanisch-pakistanische Autor Ayad Akhtar soll nicht unerwähnt bleiben. Neben „The Invisible Hand“ brachte er andere bemerkenswerte Stücke wie „Disgraced“ „American Dervish“ und „The War Within“ auf die internationalen Bühnen.

„The Invisible Hand“ läuft bis einschließlich 1. November 2025 Tickets unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere „Gaslight“ von Patrick Hamilton am 17. November 2025

Das Verschwinden von Buchhandlungen, Teil 2

Besteht wirklich eine Gefahr für die Kulturwelt, nur weil es weniger Kaufgelegenheiten gibt und das Angebot der verbleibenden Buchhandlungen immer ähnlicher wird? Nach einem Streifzug durch die Geschichte und Entwicklung der Buchhandlungslandschaft kommt der Autor im zweiten Teil seines Artikels zu einem persönlichen Ausblick.

Mein Ansatz beruht auf mehr als 40 Jahren Erfahrung in der Verlagsbranche, genauem Beobachten, vielen Gesprächen innerhalb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sowie regelmäßiger Analyse dessen, was in der Presse, im Hörfunk und gelegentlich im Fernsehen zu diesen Themen publiziert wurde. Meine Hintergrundinformationen sind durchaus subjektiv gefärbt. Ich habe keine bahnbrechenden Lösungsansätze für die Buchbranche, sondern beschreibe, was geschehen ist, und gebe einen Ausblick darauf, wie sich die Branche wieder erholen könnte.

Die Mediennutzung der meisten Deutschen hat sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sehr stark verändert. Wir können nur aktiv daran arbeiten, eine lebendige Lesekultur zu pflegen und aufrechtzuerhalten – auch mit weniger Buchhandlungen vor Ort. Die Analyse hat ergeben, dass wir über mehrere Jahrzehnte ein sehr positives Überangebot an Buchhandlungen hatten, das sich jetzt auf ein Normalmaß reduziert. Dass sich die Buchhandelslandschaft nicht nur zum Positiven verändert, lässt sich vielleicht noch korrigieren.

Nachfolgersuche

Mit diesem großen Thema kämpfen Jahr für Jahr hundert und mehr Buchhandlungen. Ideal ist es, wenn ein Team aus mehreren Mitarbeitern unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Interessen in einer Buchhandlung sich den Zeitläuften anpasst. Inhaber sollten immer darauf achten, mögliche Nachfolger aus den eigenen Reihen zu fördern. Am Ende des Arbeitslebens sollte es nicht vorkommen, dass eine Übernahme durch sehr fähige Angestellte daran scheitert, dass der Buchhändler eine Abstandszahlung von 50.000 oder 300.000 Euro für einen Lagerbestand haben möchte, der überwiegend aus unverkäuflichem, wertlosem Altpapier besteht. Ein erfahrener Buchhändler sollte so viel Weitblick haben und in den Jahren seines aktiven Berufslebens genügend für die Altersvorsorge zurückgelegt haben, um nicht auf eine unrealistisch hohe Abstandszahlung zu bestehen. Die Wirklichkeit sieht häufig anders aus: Inhaber planen diese mögliche Abstandszahlung oder eine monatliche Umsatzbeteiligung leider fest für ihre Verrentung ein.

Versucht man, mit Anzeigen in der Fachpresse oder mit Beratern, jüngere Nachfolger zu finden, ist dieser Prozess langwierig. Der vom Besitzer geforderte finanzielle Ausgleich für die Übergabe lässt manche Verkaufsabsicht nach ein bis zwei Jahren scheitern. Jährlich werden einige hundert Buchhändler neu ausgebildet. Sie bewähren sich und haben aufgrund ihrer Persönlichkeit (und eines möglichen finanziellen Backgrounds aus der Familie) durchaus die Möglichkeit, eine gut geführte Buchhandlung zu einem geringen Kaufpreis zu übernehmen.

Und wieder ist die Wirklichkeit anders als gewünscht: Die meisten Inhaber sehen sich aus finanziellen Gründen dazu genötigt, das Angebot einer Großbuchhandlung (Thalia, Mayersche, Hugendubel etc.) anzunehmen, anstatt das Ladenlokal samt Inhalt und Personal einem/einer engagierten, jüngeren Buchhändler/in zu übergeben. Dies verarmt die Vielfalt und wird mit dem positiv klingenden Namen „Filialisierung“ umschrieben. Es gibt mittlerweile rund 500 Filialen, also mehr als 20 Prozent aller Buchhandlungen, die schätzungsweise die Hälfte des Umsatzes der Branche erwirtschaften.

Die Großen werden noch größer und die Kleinen verschwinden. In vielen Städten gibt es drei bis fünf Buchhandlungen, die zu den Konzernen Thalia oder Hugendubel gehören. Einfalt statt Vielfalt. Bedenkt man, dass diese Großbuchhändler bis zu 40 Prozent ihrer Verkaufsfläche für Nonbook-Artikel reservieren, womit sich eine wesentlich höhere Gewinnspanne erzielen lässt, hat das mit kultureller Vielfalt und engagiertem Buchhändlertum nur wenig zu tun. Dieser Prozess wird seit rund 30 Jahren als „Strukturwandel“ bezeichnet.

Er findet nicht nur im Vertrieb des Buchhandels (des Sortiments) statt, sondern auch bei den Verlagen. Deren Konzentration führt beispielsweise dazu, dass zu Random House in München (hervorgegangen aus der Bertelsmann-Gruppe in Gütersloh) allein in Deutschland weit mehr als 50 Imprint-Verlage gehören. Etliche der großen Verlage sind europaweit oder international agierende Konzerne bzw. wurden von diesen gekauft. Auf Verlagsseite gibt es eine ähnliche Konzentrationsbewegung: Die Großen werden noch größer und die Kleinen verschwinden.

Lesungen in Buchhandlungen bringen Autoren und Leser zusammen

Verlage passen sich den Kundenwünschen an. Im Schnitt machen sie rund 23 Prozent ihres Umsatzes direkt mit Endkunden, sei es auf Veranstaltungen, bei Kongressen, auf Messen oder über bestehende Großkundenkontakte mit Beziehungen zu Verbänden und Institutionen. Ähnlich wie Buchhandlungen haben sie Webshops und differenzieren diese mit verschiedenen Labels für verschiedene Kundengruppen.

Die Vielfalt geht sowohl bei Buchhandlungen als auch bei Verlagen zurück. Ausführlich wurde bereits analysiert, dass die Großhändler-Dominanz zunimmt. Diese unterstützt zwar aktiv Buchhandlungen, jedoch geht dies auf Kosten der sinkenden Einkaufskonditionen, sodass die ohnehin schmale Rendite eines Buchhändlers nahezu aufgezehrt wird. Je nachdem, in welcher wirtschaftlichen Situation sich eine Stadt, eine Region oder ein Stadtteil befindet, geben Buchhändler mehr aus, als sie einnehmen.

Die Hoffnung ruht natürlich auf jungen Buchhändlern: Sie haben eine sehr gute wirtschaftliche Vorbildung und bei der Frage, welche Buchhandlung sie kaufen oder übernehmen wollen, picken sie sich eindeutig die Rosinen heraus – zumindest, wenn sie örtlich einigermaßen flexibel sind. Diese jungen Sortimenter wissen, wie man Veranstaltungen managt, wie man Kunden bindet und dass die Einnahmequellen zumindest teilweise nicht aus dem Buchverkauf bestehen.

Preisbindung im Buchhandel

Die seit Jahrzehnten in Deutschland gesetzlich festgeschriebene Preisbindung rettet die Buchvielfalt. Abgesehen von älteren Titeln, die nicht mehr der Preisbindung unterliegen, und Titeln, die verramscht werden, haben nahezu alle Bücher in Deutschland den gleichen Preis. Das verhindert eine Rabattschlacht. In den letzten Jahren hat Amazon wiederholt versucht, Rabattaktionen auf Bücher auszudehnen, und wurde dabei regelmäßig durch deutsche Gerichte ausgebremst. Ein gutes Fachbuch kostet beispielsweise 48 Euro, egal, ob man es in der Innenstadt, in einer Kleinstadt oder am Stadtrand in einer sehr kleinen Buchhandlung bestellt und bezahlt. Das garantiert eine gewisse Stabilität und Vielfalt für alle Seiten.

Werden Bücher verbilligt in Stapeln angeboten, handelt es sich entweder um Titel, bei denen der Verlag die Preisbindung aufgehoben hat, oder um Restauflagen, die dringend verkauft werden müssen. Eine Besonderheit sind englischsprachige Titel, die nicht preisgebunden sind. Hier gibt es regelmäßig Rabattschlachten von 30 bis 50 Prozent.

Was kann man tun, wenn eine Buchhandlung nicht genügend Rendite abwirft? Gespräche mit dem Immobilieninhaber sind oft hilfreich. Nicht nur während der Corona-Pandemie gab es immer wieder Beispiele von subventionierten oder gesenkten Mieten. Buchhändler sollten bezüglich des Standorts flexibel sein, möglicherweise setzen zwei Straßen weiter oder in einem benachbarten Stadtteil Immobilienbesitzer nicht nur auf hohen Mieterlös, sondern wollen kulturelle Vielfalt an diesem Standort umsetzen. Es gibt Beispiele, bei denen der Besitzer lediglich fünf Euro je Quadratmeter verlangt. Ist der Immobilienbesitzer die kommunale oder öffentliche Hand, kann die Miete je Quadratmeter durchaus bei einem Euro liegen. Solche sehr großen Unterstützungsangebote retten jedoch nicht in jedem Fall jeden Standort. Manch ein Buchhändler muss dennoch die Segel streichen, weil die Kundenfrequenz zu niedrig ist oder die Kaufbereitschaft nicht ausreicht, um die Ladenmitarbeiter und die sonstigen Overhead-Kosten zu decken. Ich kenne einen ähnlichen Fall, bei dem die kommunale Hand zwar die Mieten sehr stark subventioniert hat, um kulturelle Vielfalt zu fördern, jedoch die Auflage gemacht hat, dass mindestens sechs Veranstaltungen jeden Monat durchgeführt werden. Dass solche Veranstaltungen hohe Nebenkosten und Honorare für angereiste Autoren und Fachleute beinhalten, die niemals durch den Buchverkauf gedeckt werden können, konnte der Immobilienbesitzer nicht voraussehen.

Weitere Maßnahmen sind der Umzug in eine kleinere Lokalität wenige Straßen weiter, Personalabbau, deutliche Veränderung des Sortiments, frühzeitige Übergabe an jüngere Hände unter Verzicht auf angestammte Machtstrukturen oder inhaltliche Schwerpunkte, Offenheit für neue Trends und permanentes Anpassen an die Bedürfnisse der Zielgruppe. Auch ein Umzug in eine andere Stadt kann hilfreich sein, wenn die Ladenmieten oder das Lohnniveau deutlich geringer sind. All das ist möglich und keine Wunschvorstellung.

Und die Zukunft?

Glücklicherweise gibt es weitere Best-Practice-Beispiele, wie etwa Kooperationen von Buchhändlern mit Bibliotheken, Kulturvereinen und Institutionen, die Zusammenarbeit mit örtlichen Größen, Theatern sowie vieles mehr. Letztlich ist das „Kommen und Gehen“ ein normaler Prozess.

Bestellt gern Bücher für Kunden: der lokale Buchhändler

Was können Sie als Leser tun? Das Stichwort „buy local“ ist sicher die erste Wahl. Gibt es an Ihrem Ort keine akzeptable Buchhandlung, planen Sie bei der nächsten Fahrt zum Nachbarort einen Besuch im dortigen Buchhandel ein. Suchen Sie bestimmte Titel, sollten Sie diese telefonisch oder online vorbestellen. Meine Empfehlung: Kaufen Sie nicht oder möglichst wenig bei Filialisten, sondern beim inhabergeführten, unabhängigen Buchhandel – auch wenn dieser  weiter entfernt liegt. Es ist lediglich eine Frage der Organisation Ihrer Zeit und der Lese-, Einkaufs- und Verschenk-Routinen.

Beim Online-Kauf, der mittlerweile rund 23 Prozent aller Buchkäufe ausmacht, können Sie grundsätzlich den Buchhändler auswählen, den Sie unter dem Aspekt „buy local“ unterstützen wollen. Das gilt unabhängig davon, ob Sie die Bücher vor Ort abholen oder sich diese zuschicken lassen. Das machen selbstverständlich alle Buchhändler portofrei.

Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die alle deutschen Verlage und Buchhändler in den letzten 20 Jahren von Amazon gelernt haben: Der Kunde wünscht eine portofreie, schnelle Lieferung. Das schmälert zwar die Rendite, ist jedoch nur eine Frage des günstigen Einkaufs und der Logistik. Ich bin kein Buchhandelsberater, sondern war früher Verlagsberater. Das Thema Kundenbindung und Kundenzufriedenheit hat jedoch die gesamte Branche durchdrungen. Wenn sich ein Buchhändler diesen Gewohnheiten nicht anpassen will oder kann, muss er seinen Laden wegen mangelnder Kundenzufriedenheit und veränderter Käuferströme ohne Nachfolger schließen. Das wäre die bitterste Lektion nach Jahren des Jammerns und des Nicht-Ändern-Wollens.

Ein persönliches Fazit

Mit diesen Hintergrundinformationen und Analysen will ich zeigen, dass es zwar ein Verschwinden der Buchhandlungen gibt, Buchhändler jedoch auf vielfältige Unterstützung setzen können, wenn sie offen für Neues sind. Idealerweise besitzt eine Buchhändlerfamilie eine oder mehrere Immobilien, in denen sie eine aufstrebende Buchhandlung nahezu mietfrei betreiben kann und nicht unter enormem Kostendruck steht. Dies ist ein weites Feld für Immobilienbesitzer, die sich kulturell betätigen wollen: Reden Sie mit künftigen Buchhändlern und engagieren Sie sich für kulturelle Vielfalt. Knüpfen Sie wirtschaftliche und politische Kontakte, die ein Kulturzentrum ermöglichen. Denn neben Bibliotheken (auch „dritter Ort“ genannt) sind unsere Buchhandlungen in Deutschland ein wichtiger kultureller Ort.

 

Einige dieser sowie weiterführende Gedanken finden Sie in dem Buch „Bücher retten die Welt“, Edition Konturen, 2019, von Ralf Plenz und Gerhard Hauptfeld

Auch als Podcast

Sie können beide Teile dieses Artikels als Podcast hören:

Folge_1, Folge_2, Folge 3, Folge 4

Das Verschwinden von Buchhandlungen, Teil 1

Dass die Buchhandlungsvielfalt seit vielen Jahren weniger wird, fällt Lesern und Autoren gleichermaßen auf. Immer wieder wird der Untergang der Lesekultur in den Medien verhandelt. Besteht wirklich eine Gefahr für die Kulturwelt, nur weil es weniger Kaufgelegenheiten gibt und das Angebot der verbleibenden Buchhandlungen immer ähnlicher wird?

Wie in jedem Wirtschaftsbereich geht es um Angebot und Nachfrage. Egal, ob Restaurant, Bäckerei oder Dienstleistungsbetrieb: Es gibt immer ein Kommen und Gehen. Es blieb in der Bevölkerung nicht unbemerkt, dass in den letzten 20 Jahren Buchhandlungen verschwanden und kaum neue dazukamen. Eigentlich ein ganz normaler Prozess, den die Marktwirtschaft regelt – so tragisch jede Einstellung eines Wirtschaftsbetriebs ist, vor allem, wenn dieser sich um geistige Inhalte kümmert, wie das Buchhändler tun.

Der Inhaber einer Buchhandlung investiert Geld für Einrichtung, Büro und ersten Warenbestand, zahlt Löhne und Mieten. Und er hofft, seine Investitionen durch Umsatzsteigerungen zurückzubekommen und ab dem fünften Jahr Gewinn zu erwirtschaften.

Je nach Größe des Betriebs kann der Inhaber monatlich einen geringeren oder höheren Betrag aus der Kasse nehmen. Das zu versteuernde Einkommen ist in der Regel relativ niedrig und auch die Löhne der Angestellten sind nicht sehr hoch. Übernimmt der Buchhändler einen bestehenden Betrieb, ist eine Abstandszahlung für Einrichtung und Warenbestand zu leisten. Das geschieht meist über einen Kredit, der im Laufe von mehreren Jahren getilgt werden muss.

Immer weniger Leser?

Früher gab es in einer mittleren oder kleinen Stadt pro 15.000 Einwohner eine Buchhandlung, heute gilt das für etwa 30.000 Einwohner. In größeren Städten ist das Verhältnis etwas anders. Diese Zahlen sind nur ein Orientierungswert und beziehen sich auf den Zeitraum der vergangenen 60 Jahre in Deutschland. Dass es in einigen Städten und insbesondere in der Region der ehemaligen DDR andere Zahlen gab, ist bekannt, wird in dieser Analyse jedoch zunächst vernachlässigt.

Tatsache ist: Die Zahl der Leser sinkt. Während vor wenigen Jahrzehnten noch rund 40 Millionen Deutsche regelmäßig ein Buch in die Hand nahmen, sind es jetzt weniger als 30 Millionen. Gibt es weniger Leser, können weniger Buchhandlungen überleben. Doch Buchhandlungen verschwinden nicht, sondern ändern teilweise nur ihr Erscheinungsbild. Manche Fachbuchhandlung mit vielen Firmenkunden und einem sogenannten Rechnungsgeschäft hat kein Schaufenster und kein Verkaufspersonal mehr, sondern einen Webshop und ein Lager bzw. einen Bürobetrieb. Ähnlich verhält es sich bei Antiquaren: Etliche haben ein gutes Online-Geschäft und treue Kunden, aber kein Ladenlokal. Das liegt an den relativ hohen Mieten in den Innenstädten.

Warum wird überhaupt gelesen? Die Motive sind einfach zusammengefasst: Bildungshunger und Wunsch nach Unterhaltung. Früher wurde viel nachgeschlagen. Man hatte Adressverzeichnisse und Lexika, die im digitalen Wandel nahezu verschwunden sind. Es gibt kaum noch Gründe, diese Inhalte in Buchform zu kaufen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass es in der Zeit des Wirtschaftswunders ebenso wie heute um eine Geldfrage ging. Gemessen am jährlich steigenden Einkommen, waren Mieten und Lebenshaltungskosten von den 1960er bis in die 1980er Jahre jedoch vergleichsweise niedrig.  Das verfügbare Medienbudget und die Mediennutzungszeit verteilten sich großzügig auf Zeitungen, Zeitschriften und Bücher.

Betrachtet man den gleichen Zeitraum auf der Seite des Buchhandels, so mussten für Mieten je Quadratmeter  vielleicht umgerechnet fünf Euro bezahlt werden, heute oft mehr als 35 Euro. Weitere Faktoren sind die besonders gestiegenen Versandkosten, die früher von der  Bundespost als Kulturauftrag subventioniert wurden, sowie die deutlich höheren Energiekosten, Lohn- und Lohnnebenkosten und vieles mehr. All dies schmälert das Einkommen, das sich mit Büchern generieren lässt. Somit entsteht ein wirtschaftlicher Nachteil für jeden Buchhändler – egal in welchem Jahrzehnt und in welcher Stadt. Die Differenz zwischen Umsatz und Wareneinkauf beträgt in der Regel etwa 30 bis 40 Prozent. Je mehr Kosten davon abgezogen werden, desto geringer ist der verbleibende Nettolohn des vom Inhaber geführten Geschäfts. Kommen noch hohe Kreditzinsen von drei bis acht Prozent oder Überziehungszinsen beim Girokonto hinzu, wird die sogenannte Marge für den Buchhändler immer geringer.

Anders als vom Laien vermutet, sind Buchhändler nicht in erster Linie Leser, sondern arbeiten in einem Wirtschaftsbetrieb und sind Händler. Zwar lesen sie in ihrer Freizeit vergleichsweise viel, über die Bücher, die sie anbieten, haben sie jedoch nur wenige Hintergrundinformationen. Dafür können sie Autor und Verlag viel besser einschätzen als die meisten Leser. Obwohl ein Buchhändler pro Jahr wohl kaum mehr als 30 bis 50 Bücher liest, kann er zu vielleicht 300 Büchern profunde Aussagen treffen. Denn während der Ladenöffnungszeiten kommt er in der Regel nicht zum Lesen.

Betrachtet man die Kosten und die Frage, wie Buchhandlungen trotz des schwierigen Umfelds gewinnorientiert geführt werden können, hängt das möglicherweise damit zusammen, dass Kulturvermittlung eine kommunale Aufgabe ist. Ein Teil dieser Kosten sollte nicht bei den Buchhandlungen verbleiben, sondern von öffentlicher Seite gefördert werden. Beispiele sind subventionierte Mieten und die Verpflichtung öffentlicher Institutionen wie Schulen, Bibliotheken und Behörden, ausschließlich beim lokalen Buchhandel einzukaufen.

Einige Themen verdienen eine tiefergehende Betrachtung, denn sie beinhalten kommunikativen, kulturpolitischen und wirtschaftspolitischen Sprengstoff. Soll literarische Vielfalt erhalten werden, kann dies nur zum Teil mit finanzieller Unterstützung von dritter Seite funktionieren.

So viel ist klar: Wird die Schere zwischen Kosten und Einnahmen immer enger, muss ein Buchhändler spätestens dann seinen Betrieb einstellen, wenn die Kosten die geplanten Gewinne auffressen oder er seine Kredite nicht mehr bedienen kann. Da helfen auch bestes Buchangebot, ansprechendes Ladenlokal und vielfältiges Sortiment nicht. Gefährden wirtschaftliche Zwänge eine sehr lobenswerte Buchhandlung, sollte die Weiterführung nicht davon abhängen, dass der Inhaber sein Privatvermögen verbraucht. Denkbar wäre, dass Erlöse aus Immobilien (Untervermietung oder Ferienhäuser) in Form einer Quersubventionierung eine Sortimentsbuchhandlung finanziell unterstützen.

Der Boom der 1960er bis 1980er Jahre

Die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders: Aufgrund niedriger externer Kosten und fehlender Konkurrenz durch Online-Medien blieben sowohl viel Zeit als auch viel Geld, um Bildungshunger und Unterhaltungsbedürfnis durch Lesen zu stillen. Eine sehr breite Bevölkerungsschicht entschied sich für längere Ausbildungen, Zusatzqualifikationen oder ein Studium, was damals nur mit vielen Büchern möglich war. In einem durchschnittlichen, bildungsnahen Haushalt befanden sich eher tausend als hundert Bücher.

Event in der Buchhandlung

Nachdem viele Haushalte zunehmend gut ausgestattet waren, wurden – was sich sehr positiv anhört – überflüssige Bücher geschenkt und die Lesesucht begann. Wohlgemerkt, bevor sich der Fernsehkonsum breitmachte und es digitale Medien gab.

Einige Jahrzehnte später werden diese gut ausgestatteten Haushalte aufgelöst. Viele Bücher werden an jüngere Verwandte und Bekannte  verschenkt, andere vererbt. Kirchenbasare und Flohmärkte profitieren von aufgelösten Haushalten des Wirtschaftswunders. In der Marktwirtschaft nennt man das Überflutung oder Überangebot. Es gibt viel mehr Angebot als Nachfrage, sodass die Ware Buch an Wert verliert – es sei denn, es handelt sich um Neuerscheinungen oder besondere Ausgaben. Egal, ob es sich um Klassiker, Bildbände oder wertvolle Sammlungen handelt, die man erbt oder für wenig Geld erwirbt – schnell hat man einige Regalmeter Bücher, die man noch nicht gelesen hat. Ein seltenerer Besuch in der Buchhandlung ist nahezu vorprogrammiert. Es gibt wenig oder gar keinen Platz für neue Bücher und vor allem auch keine zusätzliche Lesezeit für Neuerscheinungen.

Mediennutzungszeit und Medienarten

Seit 1980 wird zunehmend visuelles Bewegtbild konsumiert und seit 2000 nahezu alles digital statt analog konsumiert:  von Musik über Nachrichten bis zu Unterhaltungsmedien.

Wurde in Deutschland früher durchschnittlich zwei Stunden pro Tag ferngesehen, waren es im Jahr 2024 weit über vier Stunden. Je nach Altersgruppe und Interesse betrug die durchschnittliche Online-Zeit (Smartphone, Tablet, PC) zwischen einer und acht Stunden pro Person täglich. Wo bleibt da noch Zeit zum Bücherlesen?

Heutiges Leseverhalten

Als Büchermacher erfreut es mich, dass digitales Lesen nach nahezu 20 Jahren E-Books seit zehn Jahren sehr konstant bei etwa 6 Prozent des jährlichen Verlagsumsatzes verharrt. Erfreulich ist auch, dass der Online-Buchumsatz des Versandhändlers Amazon, der seit 1994 existiert, nur 11 Prozent des gesamten deutschen Buchumsatzes ausmacht, weil nahezu alle Buchhandlungen (mithilfe der Grossisten) relativ schnell eigene Webshops eröffnet haben und es sich herumgesprochen hat, dass es Alternativen zum Amazon-Buchversand gibt. Dem Wachstum dieses Anbieters sind nach den Erfolgsjahren des Anfangs von den Verbrauchern und Buchhändlern Grenzen gesetzt worden.

Zwar werden viel mehr Bücher in Onlineshops gekauft als vor zehn oder zwanzig Jahren, aber viele Buchhändler haben inzwischen selbst einen Webshop und die drei größten Buchhandelsketten machen online mehr Umsatz mit Büchern als Amazon. Das sind zwei beruhigende Tendenzen: Digital wächst nicht mehr und der größte Konkurrent im Buchhandel ist keine wirkliche Bedrohung. Beide Trends gelten seit nahezu zehn Jahren und werden sich auch nicht mehr verschieben. Die Buchhändler haben sich darauf eingestellt. Selbstverständlich bieten sie auch Hörbücher und digitale Produkte an. Sie haben einen Webshop eingerichtet, sodass die Kunden zwar online bestellen, die Bücher aber im Geschäft abholen oder zusenden lassen.

Werfen wir noch einen Blick auf die Motive zum Lesen: Warum kaufen oder verschenken wir Bücher? Neben Bildungshunger, Wunsch nach Verständnis, Einordnung und vertiefendem Wissen gibt es die Unterhaltung. Es geht auch darum, dem nichtdigitalen Produkt eine Haptik zu geben, also Greifbarkeit und Verleihbarkeit. Das ist nur mit physischen Büchern möglich.

Durch Internet und unzählige Apps hat sich sehr viel verändert. Die Verfügbarkeit von Informationen innerhalb weniger Sekunden oder Minuten ist massiv gestiegen. Die Frage der Seriosität bleibt offen: Hier geht es um Meinung, Werbedurchdringung und Fake-News. Dennoch schaden all diese Möglichkeiten des Suchens und Findens dem Sachbuch und Fachbuch. Die Vermutung, dass das ohne Bücher genauso gut geht, ist ein Irrglaube. Am meisten haben Zeitschriften und Tageszeitungen unter den veränderten Gewohnheiten und Tendenzen der Mediennutzung gelitten. Sie haben 50 bis 80 Prozent ihrer bisherigen Auflage sowie der finanzierenden Anzeigen und Kunden verloren.

Aufgrund des geringeren Umfangs, weniger Titel und sinkender Leserzahl sind in diesen Printmedien kaum Rezensionen zu finden. Das schadet der Sichtbarkeit und dem Verkauf von Büchern. Heute dreht sich viel mehr um Videos, Beiträge in soziale Medien, Klatsch und Tratsch, weniger um das profunde Wissen aus Büchern.

Ein Fest für Leser: gefüllte Bücherregale

All diese Aspekte wirken sich massiv auf lokale Buchhandlungen aus. Wenn Käufer ausbleiben, preiswertere Produkte kaufen, sich an anderer Stelle informieren, zu wenig Lesezeit haben und keine Lesungen oder andere Veranstaltungen in der Buchhandlung besuchen,  steht das mit dem sehr stark geänderten Mediennutzungsverhalten aller Lesenden in Verbindung.

Die Formulierung „Buchhandlungsverschwinden“ trifft den Kern der Sache, auch wenn das Wort sehr lang und ungewöhnlich ist. Hätte ich stattdessen „Buchhandelsverschwinden“ gesagt, dann wäre der komplette Handel mit Büchern verschwunden, was natürlich nicht stimmt. Genauer gesagt, gehen noch rund 42 Prozent des Umsatzes über das stationäre Sortiment (die Buchhandlungen) und 24 Prozent über Webshops. Davon entfällt weniger als die Hälfte auf Amazon; der Rest geht über Webshops des stationären Buchhandels. Weitere 23 Prozent werden von Verlagen direkt an Endkunden ausgeliefert – eine beachtliche Änderung gegenüber der Jahrtausendwende. Zwar beteuert jeder Verlag, dass der Buchhändler – der Sortimenter – sein wichtigster Partner ist, doch das hat Jahr für Jahr weniger Bedeutung.

Der Buchgroßhandel

Fast alle Webshops von Buchhandlungen werden von den großen Barsortimenten (Libri, Zeitfracht, Umbreit) gehostet und physisch bedient. Buchhandlungen bestellen zwar nach wie vor direkt bei Verlagen, doch der Bezug über das Barsortiment wird immer wichtiger. Ein Grund dafür ist, dass der Buchhändler dadurch weniger Verwaltungsaufwand durch Kleinstrechnungen hat und die Ware schon am nächsten Tag zur Verfügung steht.

Jedes lieferbare Buch innerhalb von 24 Stunden in der Buchhandlung abholen zu können, wird Besorgungsgeschäft genannt und ist – abgesehen von Apotheken – einmalig in Deutschland. Der lokale Buchhändler, der über das Barsortiment einkauft, hat verglichen mit hunderten anderen Geschäften eine absolute Sonderstellung. Er erhält meist einen geringeren Rabatt als beim direkten Einkauf beim Verlag.

Vom Gründungsboom zum Verschwinden

Von 1970 bis 1990 gab es einen regelrechten Gründungsboom. Es waren sehr bewegte Zeiten und die Gründer hatten häufig einen politischen oder besonderen literarischen Anspruch. Es ging um Frauenemanzipation, Esoterik und viele Ratgeber, die dem wachsenden Publikum angeboten wurden. Diese Buchhändler zeichneten sich durch besonderen Enthusiasmus und hohe inhaltliche Ansprüche aus. Sie trafen auf ein Publikum, das über genügend Geld verfügte, sich persönlich weiterentwickeln wollte und noch nicht von Fernsehen und Online-Medien in Beschlag genommen war. Auch Jugendthemen wie Rock- und Popmusik wurden beispielsweise durch die neu gegründete Buchhandelskette „Monatus aktuell“ mit rund 50 Filialen hervorragend abgedeckt. Diese Buchhandlung der Douglas-Holding mit Zentrale in Hagen/Westfalen gibt es nicht mehr, da sie mit den damals aufstrebenden Thalia-Buchhandlungen in einer neuen Holding fusionierten.

All diese Gründer konnten kaum Nachfolger finden, denn die Themen und die Nachfrage haben sich sehr verändert. Seit etwa 2010 sind diese Buchhändler zunehmend im Rentenalter und müssen ihren Laden schließen, wenn es keinen Nachfolger gibt. Hinzu kommt – betriebswirtschaftlich betrachtet – die fehlende Rentabilität seit zehn oder 15 Jahren. Die Kostenschere klafft immer weiter auseinander: Buchhändler geben mehr aus, als sie einnehmen. Außerdem haben viele lokale Buchhändler Regale voller Bücher (15.000 bis 40.000 sind keine Seltenheit), die vor längerer Zeit eingekauft wurden und sich nur sehr langsam oder gar nicht mehr verkaufen lassen: bedrucktes Altpapier.

In der Bilanz steht nominell der Einkaufspreis von vielleicht 200.000 oder 300.000 €. Das hilft dem Buchhändler jedoch nicht, wenn er kaum etwas verkaufen kann. Es dient auch nicht als Absicherung von Krediten, denn die Titel sind überwiegend unverkäuflich. Böse Zungen bezeichnen die gefüllten Regale als „Tapete“. Eigentlich müsste der Buchhändler fast alles remittieren – was nicht möglich ist, wenn die Titel seit mehr als zwei Jahren dort stehen. Überwiegend lebt er von den Novitäten und den Titeln, die auf Tischen oder in Augenhöhe als „Stapelware“ angeboten werden.

Buchhändler, die sehr kaufmännisch denken, sollten mindestens zweimal im Jahr überprüfen, ob die Bücher im Regal älter als ein oder zwei Jahre sind, und sie eventuell an den Verlag oder das Barsortiment zurückschicken. Ausnahmen sind Titel wie die Bibel oder der Duden, die permanent nachbestellt werden, weil es Nachfrage gibt, und die im Regal leicht auffindbar sind. Es gibt durchaus Titel, die bis zu zehn Jahre und mehr „Longseller“ sind und nicht bei der Stapelware liegen.

Das Verschwinden der Vielfalt

Statt der einstigen Vielfalt an Buchhandlungen und inhaltlichen Angeboten herrschen jetzt Einfalt und Massenware. Das Ergebnis: Buchhandlungen – vor allem, wenn sie von Filialisten wie Thalia und Hugendubel betrieben werden – unterscheiden sich in Angebot und Präsentation wenig. Ob die Beratung darunter leidet, möchte der Autor dieser Zeilen nicht beurteilen.

Tatsache ist: Die Dominanz der Bestseller ist groß. Die bekannten Namen ziehen bei Lesungen wie auch bei Stapelverkäufen viel Publikum an. Alles andere ist zunehmend Nische oder findet nur in kleinem Rahmen statt. Das ist stark vereinfacht formuliert, aber ein Trend, der nicht aufhaltbar scheint. Die veränderte Mediennutzung begünstigt das Sterben der „Boomer-Buchhandlung“. Die Großen werden immer größer, die Kleinen immer kleiner oder verschwinden.

Was ist mit jüngeren Lesern? Zu behaupten, sie würden von lokalen Buchhandlungen vernachlässigt,  stimmt nicht. Alle Sortimenter bemühen sich, Schulkinder zu reiferen Lesern zu machen, und sie haben stets ein sehr gutes Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene. Allerdings bevorzugen jüngere Leute andere Beschaffungswege (Messen, Events, digitale Kanäle, Gebrauchtbuchhandel usw.).

Cosplayer auf der Buchmesse Himmelpforten 2024, Foto: Maren Schönfeld

Seit rund zehn Jahren zeigt sich, dass Manga- und Cosplay-Szenen massenhaft Leser haben, die sich in Communities organisieren und bei Events und Messen treffen. Der neuere Trend der „Young Romance“, „Dark Fantasy“ und „Farbschnitt-Liebhaber“ zeigt, dass es eine Generation „TikTok“ gibt, die massenhaft spezielle Bücher liest, sofern sie eine besondere Ausstattung haben und sich als Sammelobjekte eignen. Ob sie diese Bücher bei Events, einem Zwischenhändler wie der „Bücherbüchse“ oder in einer spezialisierten Buchhandlung in größeren Städten kaufen, ist noch offen. Pfiffige Buchhändler lassen ihre zwei bis drei Regale mit „Young-Adult-Titeln“ von jungem Personal bestücken oder sich von jungen Kundinnen beraten. Sie sind so organisiert, dass  die Auswahl mindestens monatlich erneuert wird – eine Voraussetzung, um mit diesem jungen Publikum erhebliche Umsatzsprünge zu machen. Das lässt hoffen.

(Fortsetzung in Teil 2 am 15.09.2025; Fotos: Ralf Plenz)

Einige dieser sowie weiterführende Gedanken finden Sie in dem Buch „Bücher retten die Welt“, Edition Konturen, 2019, von Ralf Plenz und Gerhard Hauptfeld