Ein Leben für die Kunst: Unser Mitglied László Kova wird achtzig

Laut Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler. Über diese Aussage kann man durchaus geteilter Meinung sein. Er selbst, das Enfant terrible der internationalen Kunstszene, war zeitlebens umstritten. Während manche ihn für ein Genie hielten, war er für andere ein Scharlatan, der mit seinen ausgefallenen Ideen die Welt beeindrucken und gleichzeitig abzocken wollte. Man denke nur an seinen berühmten Fettfilz, den eine übereifrige Putzfrau aus einer Gummiwanne mit einem Wisch entfernte, weil sie ihn für Schmutz hielt. Das betroffene Dortmunder Museum hatte innerhalb weniger Minuten ein epochales Kunstwerk im Werte von 800.000 Euro verloren. Ein Skandal, der die Presse im In- und Ausland über Wochen und Monate beschäftigte. Nicht wenige „Kunstbanausen“ amüsierten sich königlich über diesen Fauxpas, während manche der Frau im Arbeitskittel zu ihrer Courage gratulierten, diesen „Mist“ dahin entsorgt zu haben, wo er hingehört – in den Abfluss. Kunst kommt von Können, sagt der Volksmund, und wirkliches Können wollten viele dem Aktionskünstler und Provokateur nicht zubilligen.

Aber in medias res. Heute möchten wir einen Mann ehren, den wir als einen veritablen Künstler bezeichnen können und der mit seinem vielseitigen Werk

viele Kunstliebhaber anspricht. Ob großformatige Ölgemälde, filigrane Blütenträume in Acryl, mit leichter Hand hingeworfene Skizzen oder bronzene Skulpturen – László Kova ist in allen Sätteln der schönen Künste gerecht und versucht sich ständig an neuen Techniken. Doch nicht genug damit. Der Mann hat sich auch als Schriftsteller und Lyriker einen Namen gemacht. Das Herz sei für seine Poesie sehr wichtig, offenbarte Kova einem Journalisten des STERN während eines Interviews, denn – Originalton Kova – „wenn ich in schlaflosen Nächten vom Erlebten und Erfundenen überfallen werde, zwingt mich das unausweichlich zur Bewältigung, zur Verarbeitung, zum Schreiben. Da ergeht es mir ähnlich wie bei meinem Drang zur Malerei.“ Der 1940 in Budapest geborene Ungar erwies sich bereits in jungen Jahren als eine Art „enfant prodige“, das Gedichte und Geschichten schrieb und selbst illustrierte. Später studierte er auf Lehramt und promovierte zum Doktor der Volkswirtschaft. Sein Hauptanliegen aber war von jeher die Kunst, der er sich mit Leib und Seele verschrieb. 1974 kam László Kova als politischer Flüchtling nach Deutschland, wo er seine künstlerische Weiterbildung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Professor Günther Cordes pflegte. Als Journalist war Kova ebenfalls unterwegs. Er schrieb für verschiedene deutsche Zeitungen und betätigte sich nebenbei noch als Handballtrainer in der Bundesliga. Auch als Deutschlehrer war er erfolgreich. Dafür erhielt er von seiner internationalen Schülergemeinde einen vergoldeten Oscar mit der Inschrift „Dem besten Lehrer.“ Mehr geht nicht. Oder doch? Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der athletische Mann bis vor nicht allzu langer Zeit jährlich den Balaton (Plattensee) in ein einer sehr guten Zeit durchschwamm. Immerhin eine Stecke von 5,2 Kilometern. Und dies im Alter von fünfundsiebzig Jahren plus. Chapeau!

Es versteht sich von selbst, dass László Kova an seinem 80, Geburtstag am 14. November dieses Jahres eine Hommage gebührt. Diese findet in Form einer Ausstellung im Hotel New Living Home in Hamburg-Lokstedt statt. Hier wird eine kleine Auswahl von Kovas Bildern gezeigt. Mit von der Partie ist die Ehefrau des Künstlers Witka Kova, deren einzigartige Aquarelle hier ebenfalls präsent sind. Eine partnerschaftliche Gesamtschau vom Feinsten!

Werfen wir jetzt einen Blick auf die Werke des Künstlerehepaars Witka und László Kova, die leider dem Publikum wegen der Corona Pandemie zurzeit nicht zugänglich sind. Die Auswahl kann kontrastreicher kaum sein. Während László in erster Linie Motive aus nördlichen Regionen gewählt hat, kapriziert sich Witka mehr auf südliche Gefilde. Ihre in Venedig entstandenen Aquarelle machen den morbiden Charme der Serenissima fast körperlich erlebbar. Hier wird auch die dunkle Seite der Lagunenstadt beleuchtet mit ihren bröckelnden Fassaden, die sich in den dunklen Wassern der Kanäle spiegeln. Ausgeführt in jenem sensitiven Duktus, der dem Oeuvre Witka Kovas innewohnt. Auch die Szenen aus dem Hamburger Hafen mit ihren im Nebel liegenden Kränen und Docks tragen die unverkennbare Handschrift der Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet und gern mit verschiedenen Materialien experimentiert. Sie verarbeitet auch Seide und Seidenpapier in ihren Bildern. Traumhaft ist Witkas weiblicher Akt auf rotem Untergrund – gleichermaßen vom Eros und einer zerbrechlichen Unschuld beseelt. Witka wurde 1955 im polnischen Sensburg geboren und studierte als junge Frau Bauwesen. Diesem Studium verdankt sie ihr sicheres Gefühl für Proportionen und Perspektiven, die ihre Aquarelle unverwechselbar machen. Die Mutter zweier Kinder ist Mitglied der Aquarellwerkstatt Hamburg. Ihre Bilder wurden bereits in mehreren Kunstmagazinen veröffentlicht, darunter im Artmagazin Kunsthandel und im Lady-Tagebuchkalender des Münchener Heyneverlags. Zudem veranstalten sie und Ehemann László regelmäßig Mal- und Kunstkurse.

László Kova macht seinem Ruf „Werke voller Lebensfreude“ zu schaffen, alle Ehre. Die explodierenden Farben des Gemäldes „Rapsfeld am See“ lassen auf Anhieb gute Laune aufkommen. Man hat Lust, mitten durch das sonnengelbe Feld zu laufen und in die spiegelglatte Fläche des Sees einzutauchen. Von entspannter Lebensfreude zeugt das Selbstporträt auf einem Steg an der Außenalster, wo der Künstler sich zu einer Schaffenspause mit einem Buch niedergelassen hat. Auch der rote Felsen von Helgoland mit der Langen Anna sowie die Backsteinbauten in der Hafencity dürfen in Kovas vielschichtigem Werk nicht fehlen. Ein Kontrastprogramm zu diesen in kräftigen Farben gehaltenen Gemälden bilden die filigranen Blumen- und Blütenträume, die Kovas Meisterschaft für das Zarte und Vergängliche belegen. Lassen wir an dieser Stelle einen Experten zu Worte kommen: „Kovas Werke strahlen Entschlossenheit, Klarheit, Zuversicht und Optimismus aus. die von dem ungarischen Vollblutkünstler ausgeübte Maltechnik lässt deutlich eine empfindsame Besessenheit von Farbe und Form erkennen.“

Jeder, der die Jubiläumsausstellung besucht, verlässt mit einem Lächeln auf den Lippen das Foyer des Hotels. Und das ist doch schon etwas an diesen trüben Herbsttagen, die uns durch die vielen Einschränkungen unserer Freiheit nicht gerade versüßt werden. Ein Dankeschön geht an die beiden Künstler. An erster Stelle natürlich an den Jubilar, der heute 80 Jahre alt wird. Selbst wenn es etwas abgeschmackt klingen mag. so sagen wir doch nicht ohne Bewunderung: „Achtzig Jahre und kein bisschen müde.“ Herzlichen Glückwunsch, lieber László, bleibe gesund und erhalte Dir Deine schöpferische Kraft bis in das biblische Alter eines Methusalem.

In diesem Sinne…
Der Vorstand der Auswärtigen Presse
im Namen aller Mitglieder

 

Die Ausstellung im New Living Home, Julius-Vosseler-Straße 40 läuft noch bis Ende Dezember 2020. Eintritt frei.

Link zur Website der Künstler: http://www.edition-kova.de/

Fotoausstellung: Fisch, Gemüse, Wertpapiere

Die Fotoausstellung von Fide Struck im Altonaer Museum wurde bis zum 14. Juni 2021 verlängert. 

Markante Portraits und ungewöhnliche Perspektiven zeichnen die Bilder des Fotografen Friedrich „Fide“ Struck (1901–1985) aus, der in den frühen 1930er Jahren die Arbeiter im Hafen, die Bauern im Hamburger Umland, aber auch die Händler an der Hamburger Börse mit der Kamera festgehalten hat. Nachdem seine Fotografien erst 2015 in einem alten Holzkoffer wieder entdeckt wurden, werden die Arbeiten des Autodidakten und Arbeiterfotografen jetzt vom Altonaer Museum in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach zum ersten Mal in einer Ausstellung präsentiert.  In diesem Jahr wurde der komplette Bestand von Strucks Oeuvre in das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz (bpk Bildagentur) aufgenommen.
In Hamburg und Altona fotografierte Fide Struck in den Jahren zwischen 1930 und 1933 unter anderem auch die Arbeiter in der Altonaer Fischauktionshalle und den Fischräuchereien sowie die Bauern auf dem Gemüsemarkt an den Deichtorhallen. Seine Fotos bestechen zum einen durch ihre Nüchternheit, inspiriert von „Neuer Sachlichkeit“ und „Neuem Sehen“, besitzen aber in ihrer Empathie für die Welt der einfachen Arbeiter und Bauern auch einen politischen Charakter. Die wiederentdeckten Fotografien Strucks sind in ihrer herausragenden fotografischen Qualität und ihrem guten Erhaltungszustand ein kleiner Schatzfund. Sie legen Zeugnis ab von der bildsprachlichen Entwicklung des Mediums Fotografie zwischen 1918 und 1933 und erlauben einen besonderen Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen in Hamburg und Altona in den frühen 1930er Jahren.
Interessierte haben  noch  bis zum 14. 6. 2021 Gelegenheit, die Fotos von Fide Struck im Altonaer Museum zu bewundern.

Veranstaltungen zur Ausstellung „Fisch. Gemüse. Wertpapiere“
Führungen jeden Sonntag, 11 Uhr.
Das Altonaer Museum, Museumstraße 23, 22763 Hamburg  hat am
Montag, Mittwoch und Freitag, von 10.00 bis 17.00 sowie am Sonnabend  und
Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.
Weitere Infos: Stiftung Historische Museen Hamburg
Tel. 040 428 135 0
info@am.shmh.de

„Snake in the Grass“ by Alan Ayckbourn. The New Play at the English Theatre of Hamburg

„Listen girls, I want 100.000 pounds – cash down.“

The good news of the day: The English Theatre is back after a long absence due to the corona pandemic. Rejoice dear aficionados of the TET! What’s more, we are presenting a new play by the most prolific of all living British play writers Alan Ayckbourn. This time the author has concocted a thriller spiced with loads of black humour and a number of shocking scenes that make your blood freeze in the veins.

“Snake in the Grass” is a very “twisty” play. Whenever you think you know who of the three women on the stage could be the scheming person, so to speak the snake lingering in the grass, you find out that you are entirely wrong. Ayckbourn is a master of twists. In this play one twist is followed by another one. By the way, do not be afraid of a real snake, an aggressive cobra or viper hiding in the lawn and trying to attack the ladies on the stage. Joke! It is merely an expression which describes “a treacherous deceitful person.” Just have a look into the Oxford English Dictionary.

The setting is idyllic. A run-down cottage, most probably in the outskirts of London, surrounded by a lush though neglected garden. There is an overgrown tennis court and an old well in front of the house. The sun is shining, the sky of the deepest blue imaginable. The home of the Chester family looks deserted. All of a sudden a woman appears on the scene. Anabel, Mr. Chester’s elder daughter, has just arrived from Australia, her home for the last thirty-five years. Being the heir of all the riches Mr. Chester has left, including cottage and garden, she has been called back to England. In spite of her heritage, the successful business woman from one of the big cities on the Fifth Continent looks quite unhappy. When Miriam, her younger sister, turns up and moans over her lost youth in her father’s “care” an old family conflict erupts. While Anabel still resents her father’s forcing her into an exhausting tennis training day after day over a couple of years, Miriam accuses the old man of abusing her during her childhood. Once she broke out and went to a disco he dragged her back home. The first impression of a perfect world proves entirely wrong. The play turns out to be a trip on a ghost train. But this is no means the end of the horror. The next intruder is on her way.

„Don’t be afraid, Anabel, it’s only a bird in the trees.“

Alice Moody, the former nurse of the deceased Mr. Chester, shocks the two sisters with her message that Miriam deliberately killed the old man by administering a deadly dose of his medicine to him. Her silence is worth the gigantic sum of 100.000 pounds. Is she trying to take revenge for having recently been sacked by Miriam? Alice makes it very clear: “If you do not pay me the 100.000 pounds, I’ll have to report to the police right away.” She even produces a letter by her former employer in which Mr. Chester claims that Miriam intended to kill him. Anabel and Miriam are under shock. They do not have that much money to silence Alice. Really, the best way to get rid of that greedy woman is to “neutralise” her. In both sisters’ opinion, this would be the most elegant way to solve the problem. Since it is not our intention to spoil your appetite for the rest of this thrilling play, we are stopping here and leave it to you to find out who in the end turns out to be the snake in the grass. Or are there several reptiles in the garden? Knowing the author and his tricks you can never be sure…

What a play! No wonder that the press reviews are full of praise. While The Sunday Times writes: “A creepily, scarily, eerily enjoyable evening”, “Plays International” comment: “Alan Ayckbourn feels the urge to make people jump.” We fully agree.

„Sorry, Miriam. You really had a bad time with father.“

“Snake in Grass” is Alan Ayckbourn’s masterpiece combining thrilling and humorous elements in a remarkably balanced way. There are mysterious things going on in the backyard, the twitter of a bird hidden in the leaves of a big tree calling a name, and a chair on the porch rocking to and fro. There is also “gaslighting” in the air. What’s more: Alice the nurse is back from the dead, dirty from head to toe, but alive and in high spirits. What the hell is going on in Mr. Chester’s garden? The last act is shocking and will paralyse you with sheer horror. Don’t ask us why. Our lips are sealed. Just buy a ticket and enjoy the thrill while sitting comfortably in the theatre.

Thumbs up for three superb actrices: Debbie Radcliffe as ladylike Anabel, Jan Hirst playing a self conscious Miriam and Joanne Hidon in the role of scheming Alice Moody who is speaking a Yorkshire accent so thick that you could cut it with a knife. Hilarious!
Many thanks to Robert Rumpf who directed the play.

Last but not least a few words about Alan Ayckbourn. He was born in London in 1939 and has been writing and directing for the theatre for over 60 years. Being an extremely prolific author he has written a good many comedies which have become box office successes all over the world. Just think of comedies such as “Relatively Speaking,” Season’s Greetings” and “Communicating Doors,” to mention only three of Ackbourn’s highly amusing plays.

Final performance of “Snake in the Grass” on October 31, 2020

Tickets under phone number 040 – 227 70 89, or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “Shirley Valentine” by Willy Russell on November 12, 2020

Attention: Due to the corona pandemic, you are requested to wear a mask covering your mouth and nose during your stay in the theatre.

(Photos: Stefan Kock)

„Snake in the Grass“ von Alan Ayckbourn – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

„Hört gut zu, Mädels. Ich will 100.000 Pfund. Sofort!“

Die gute Botschaft vorab: Das English Theatre hat gerade wieder seine Pforten geöffnet, und dies mit einem Stück, das so recht nach dem Herzen all jener sein dürfte, die das Theater regelmäßig besuchen. Mit „Snake in the Grass“ – Die Schlange im Gras – setzt der berühmte britische Autor Alan Ayckbourn seine erfolgreiche Serie von Theaterstücken fort, die seit langem auf vielen Bühnen der Welt vor einem begeisterten Publikum gespielt werden. Neu ist, dass sich der Schreiber tiefgründiger Komödien diesmal an einem anderen Genre versucht, dem Thriller, der reichlich mit dem für Ayckbourn typischen schwarzen Humor gewürzt ist. Aber in medias res. Vorhang auf für „Snake in the Grass.“

Über dem üppig blühenden Garten vor dem Haus der Familie Chester wölbt sich ein azurblauer Himmel. Eine Postkartenidylle. Dennoch liegt etwas Unheimliches, fast Bedrohliches in der Luft. Als nacheinander drei Frauen die Bühne betreten, verstärkt sich der Eindruck, dass hier etwas „im Busch“ ist. Anabel und Miriam, die beiden Töchter des erst kürzlich verstorbenen Mr. Chester, geraten im Handumdrehen in eine heftige Auseinandersetzung mit Alice Moody, einer Krankenschwester, die den alten Herrn lange gepflegt hatte und nach eigenen Worten grundlos von Miriam entlassen wurde. Der Streit eskaliert, als Alice behauptet, Miriam habe ihren Vater heimtückisch mit einer Überdosis seiner Medizin ermordet. Es gibt sogar einen Brief des alten Mannes an die Pflegerin, aus dem die Tötungsabsicht seiner jüngeren Tochter hervorgeht. Ist Miriam eine skrupellose Mörderin oder lügt Alice? Will sie sich für die aus ihrer Sicht unberechtigte Kündigung rächen? Der scheinbar friedliche Garten verwandelt sich unter den Augen des Zuschauers im Handumdrehen in eine Schlangengrube, in der drei Vipern in Menschengestalt ihr Unwesen treiben. Doch gemach, es ist ja nur von einer Schlange die Rede, die sich im Gras versteckt. Welche von den Dreien mag das wohl sein, lautet die Frage. Ist es die verhuschte Miriam, ihre ältere gestrenge Schwester Anabel oder gar die ungebildete Alice, die dreist ein Schweigegeld von – man höre und staune – 100.000 Pfund erpressen will? Bei Nichtzahlung droht sie, Miriam wegen Mordes an ihrem Vater bei der Polizei anzuzeigen. Woher soviel Geld nehmen und nicht stehlen! Das Beste wird sein, sich dieser unangenehmen Person zu entledigen. Aber wie? Um dem Publikum nicht die Spannung an diesem wendungsreichen Stück zu nehmen, überspringen wir diesen Punkt und wenden uns dem corpus delicti des Plots zu, dem toten Mr. Chester.

„Keine Angst, Anabel, es ist nur ein Vogel in den Bäumen.“

Es stellt sich heraus, dass dieser Mann seinen Töchtern kein guter Vater war. Nach dem Tode der Mutter der beiden führte er ein unerbittliches Regime und quälte beide Mädchen bis aufs Blut. Anabel wurde mit täglichen Tennisstunden auf dem kleinen Parcours hinter dem Haus drangsaliert, während ihre Schwester Demütigungen und ständige Bevormundungen ertragen musste. In uns keimt ein böser Gedanke auf: Hatte dieser Widerling nicht den Tod mehr als verdient? Aber zurück zur Handlung. Während Anabel erklärt, warum sie vor nunmehr 35 Jahren nach Australien auswanderte, klagt Miriam, dass sie ganz allein mit diesem Unhold von Vater in England zurückbleiben musste. Jetzt, da der Alte tot ist, könnte Anabel, die Erbin des väterlichen Vermögens, das Haus verkaufen und mit Miriam dorthin ziehen, wo beide an ihre schreckliche Kindheit nicht mehr erinnert werden. Der Plan scheint aufzugehen, denn die Erpresserin Alice ist wie vom Erdboden verschluckt und nirgendwo auffindbar. Alles scheint paletti, und die beiden Schwestern Chester können sich zufrieden zurücklehnen. Wer das denkt, kennt Alan Ayckbourn, den Meister der Tricks, Irrungen und Wirrungen schlecht. Denn ab jetzt dreht sich das Karussell der Ereignisse immer schneller. Aus dem Dunkel des Gartens dringen unheimliche Laute. Wurde da nicht ein Name geflüstert. „Keine Angst, Anabel“, beruhigt Miriam ihre Schwester, „das war nur ein Nachtvogel in einem der großen Bäume.“ Mag sein. Aber wer bedient jene Kanone, die den Platz mit Dutzenden gelber Tennisbälle flutet? Diese und ähnliche mysteriöse Vorfälle sind zuviel für Anabels schwaches Herz. Die bricht auf einer der Gartenbänke zusammen. Ist sie tot oder simuliert sie nur? Wie Kai aus der Kiste springt die tot geglaubte Alice quicklebendig mitten hinein ins Geschehen. Zwar mit rußgeschwärztem Gesicht, aber einem spöttischen Lächeln auf den Lippen. Sie scheint sich sicher zu sein, dass das Haus der Chesters nun ihr gehört und reißt die Haustür mit einem Schwung auf… Miriam lächelt indes versonnen in sich hinein und öffnet ihren Mantel, unter dem ein Glitzerkleid hervorlugt. Es hat den Anschein, als wolle sie den von ihrem Vater streng verbotenen Discobesuch nun endlich nachholen. Doch das Lächeln gefriert auf ihrem Gesicht, als sie sieht, dass Mr. Chesters Schaukelstuhl vor dem Haus sich auf einmal rhythmisch hin und her bewegt. Ist der Alte von den Toten wieder auferstanden, ist er gar nicht tot oder treibt er jetzt als böser Geist sein Unwesen? Wir verabschieden uns mit einem leicht abgewandelten Zitat von Bertold Brecht: „Und damit ziehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen…“

„Es tut mir leid, Miriam, die Zeit mit Vater muss schlimm gewesen sein.“

So endet der von Alan Ayckbourn raffiniert in Szene gesetzte Thriller. Ja, wer ist denn nun die Schlange, welche den Autor zu seinem Titel inspirierte? Wir, die das Privileg besaßen, zur Premiere geladen zu werden, verraten natürlich nichts. Unsere Lippen bleiben versiegelt. Lieber Fan des English Theatre, beeile Dich mit dem Kauf eines Tickets, damit Du die Auflösung dieses diabolischen Rätsels selbst erleben kannst. Zurzeit können coronabedingt nicht alle Plätze des Theaters besetzt werden. Dennoch ist der Genuss am Stück mindestens ebenso groß wie in einem voll besetzten Haus.

Die Rezensentin hat diesen Krimi über die Maßen genossen, zumal die spannende Handlung mit vielen humorvollen Ingredienzien gewürzt ist. Wohl dosiert und dadurch besonders effektvoll. Als ehemalige Florettfechterin hat sie die eingebauten Finten des Autors goutiert: Wenn du denkst, der Gegner sticht frontal zu, trifft er dich in der Flanke. Wer da nicht aufpasst, verliert im Kampfsport nur Punkte. In früheren Zeiten konnte eine Sekunde Unaufmerksamkeit den Fechter allerdings das Leben kosten.

Last but not least: Alle Daumen hoch für das fantastische Trio auf den Brettern des English Theatre.: Debbie Radcliffe als damenhafte Anabel, Jan Hirst in der Rolle der verhuschten Miriam und Joanne Hildon als Alice, das hinreißende „blonde Gift“ mit Yorkshire Zungenschlag. Regie: Altmeister Robert Rumpf.

Ganz zum Schluss noch ein paar Takte über Alan Ayckbourn, den vielleicht „fruchtbarsten“ lebenden britischen Stückeschreiber. 1939 in London geboren, blickt er auf über sechzig Jahre Theaterpraxis zurück, als Autor und Spielleiter gleichermaßen. Also eine echte „Rampensau“, wie man dermaßen verdiente Künstler im etwas hemdsärmeligen Theaterjargon zu nennen pflegt. Eigentlich gilt dies nur für die Akteure auf der Bühne. Doch Alan Ayckbourn verleihen wir diesen Titel aufgrund seiner Verdienste um die Bretter, die die Welt bedeuten. Erinnern wir uns doch an die größten Erfolge des Mannes mit dem verschmitzten Lächeln: „Relatively Speaking“, „A Small Family Business“, „Communicating Doors“ und „Season’s Greetings“ zählen zu seinen erfolgreichsten Stücken, die es auf viele Bühnen der Welt geschafft haben. Auch auf deutsche. Hoffen wir, dass uns der Autor noch recht lange erhalten bleibt, um uns mit weiteren witzig-ironischen Stücken zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

 

„Snake in the Grass“ läuft bis einschließlich 31. Oktober 2020

Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Shirley Valentine“ von Willy Russell am 12. November 2020

Hinweis: Leider müssen sich die Besucher des TET auf Weisung der Regierung während ihres Aufenthaltes im Theater maskieren. Dem Kunstgenuss tut diese Einschränkung keinerlei Abbruch.

(Fotos: Stefan Kock)

Kafka und Meran – vor genau hundert Jahren

Im Jahre 1920 weilt der damals fast 37-jährige Franz Kafka von April bis Ende Juni in der Kurstadt Meran, um näheres über seine Tuberkulose zu erfahren. In dieser Zeit beginnt der Schriftsteller auch einen Briefaustausch mit der beinah 24-jährigen Milena Jesenská, seiner Übersetzerin und Geliebten. Eine kleine Sonderausstellung gibt es dazu seit dem 29. Mai 2020 in einigen restaurierten Räumen des Touriseums im schönen Schloss Trauthmannsdorf, bekannt wegen seiner wunderbaren Gärten.

Natürlich hatte auch der Luftkurort Meran im Jahre 1920 gerade den ersten Weltkrieg hinter sich und musste daher erstmal mit den schwerwiegenden politischen sowie wirtschaftlichen Folgen zurechtkommen. Besonders deshalb, weil Südtirol laut dem Vertrag von St. Germain-en-Laye von 1919 Italien zugesprochen wurde und eine neue politische Bewegung, welche die nächsten zwanzig Jahre das Land regieren würde, bereits im Aufmarsch war. So musste man sich damals auch in Meran der Kultur aus dem Süden öffnen. Und das nur 324 Meter über dem Meeresspiegel liegende Tiroler Städtchen wollte auch im neuen Staat Italien auf jeden Fall ein Luftkurort bleiben.

Pension Ottoburg

Viele berühmte Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Christian Morgenstern, Clara Schuman oder Edvard Grieg waren genauso in Meran zu Gast. Doch der Aufenthalt Franz Kafkas war allein seinem Gesundheitszustand geschuldet. Ein nächtlicher Blutsturz bereits im Jahre 1917, die Erkrankung an der Spanischen Grippe, eine Lungenentzündung im Jahre 1918, einige wenig bringende Aufenthalte in anderen Kurorten brachten den im Jahre 1883 in Prag geborenen deutschsprachigen Schriftsteller schließlich auch nach Meran.

Briefe an Milena

Dessen Aufenthalt in Meran ist schon durch seine Korrespondenz belegbar. In einem Brief an Milena Jesenká vermerkt Kafka aus Meran-Untermais, wo er offenbar in der Pension Ottoburg logierte, Folgendes: “Liebe Frau Milena, von Prag schrieb ich Ihnen einen Zettel und dann von Meran. Antwort bekam ich keine.” Ein weiterer Brief des Schriftstellers an Milena Jessenská bekundet in seiner Frage am Ende vielleicht sogar etwas Sehnsucht: “Ist es schön bei Ihnen zuhause?” Und wieder deutet Kafka daraufhin, dass er in Meran-Untermais, Pension Ottoburg wohnt. Mehr über seine Eindrücke in Meran erzählt der Schriftsteller ausdrücklich in einem Absatz eines anderen Briefes: ”Ich lebe hier recht gut, mehr Sorgfalt könnte der sterbliche Leib kaum ertragen, der Balkon meines Zimmers ist in einen Garten eingesenkt, umwachsen, überwachsen von blühenden Sträuchern (merkwürdig ist die Vegetation hier, bei einem Wetter, bei dem in Prag fast die Pfützen gefrieren, öffnen sich vor meinem Balkon langsam die Blüten), dabei voll der Sonne ausgesetzt (oder allerdings den tiefbewölkten Himmel, wie seit fast einer Woche schon), Eidechsen und Vögel, ungleiche Paare, besuchen mich: Ich würde Ihnen Meran so sehr gönnen, Sie schrieben letzthin einmal vom Nicht-atmen-können, Bild und Sinn sind darin sehr nah und beides mag hier ein wenig leichter werden.” In den nächsten “Briefen an Milena” steht über Meran dann nichts Genaueres mehr. Das Verhältnis zwischen Franz Kafka und Milena Jessenská soll auch etwas schwierig gewesen sein.

Willy Haas schrieb 1952 in seinem Nachwort zu “Franz Kafka, Briefe an Milena”, erschienen im Fischer Taschenbuch-Verlag, Folgendes: “Der Übergang in seine leidenschaftliche Bindung lässt sich aus seinen Meraner Briefen 1920 verfolgen. (…) es ist eigentlich nur ein Augenblick – der Augenblick, in dem sich Kafka klar darüber wird, dass er nicht mehr frei in seinen Entschlüssen ist, dass er nicht von Meran über München oder eine andere Strecke nach Prag oder in ein böhmisches Bad zurückkehren kann, sondern über Wien, wie es Milena vom ihm verlangte, die dort in einer sich allmählich auflösenden Ehe lebte. Auch Kafka war nicht frei, seine Situation war der ihren nicht unähnlich, eine Verlobte wartete auf ihn in Prag, mit Hoffnung auf baldige Ehe, aber mit ebenso wenig Aussicht auf eine solche, wie vorher schon eine andere Verlobte, die wir nur als ‚die Berlinerin‘  kannten. Der einzige Unterschied: Beide Male – oder eigentlich dreimal, denn er war wohl zweimal mit demselben Mädchen verlobt, bedeutete der Bruch offenbar eine schwere Krise im Leben dieser Mädchen. Während Milenas Auflösung von ihrem Mann vermutlich ganz ohne jede Tragödie ausgegangen wäre, wie es einige Jahre später auch wirklich geschah.”

Es sind von Franz Kafka aber noch andere Briefinhalte erhalten geblieben, die uns auch nach einem Jahrhundert einige Einzelheiten über ihn selbst, seine Pension und seine Wirtin berichten. Und das ist durchaus interessant, weil Franz Kafka in Meran alles schätzte, außer der etwas fantasielosen Küche seiner Wirtin eben. Wir wissen, dass Kafka Veganer und als solcher daher im Essen ausgesprochen anspruchsvoll war.

Kafka als Aufhänger?

Die ganze Ausstellung, die eigentlich der Geschichte sowie touristischen Entwicklung der Stadt Meran und Südtirols gewidmet ist, hat im Grunde genommen über den Aufenthalt Franz Kafkas in der in Südtirol sogenannten Passerstadt (die Passer ist der Fluss, der aus dem Passeiertal kommt und auch Meran durchfließt, deshalb nennt man Meran die Passerstadt) außer dem Dutzend Briefe, vielleicht ein paar mehr, sonst wenig anzubieten. Es gibt nur noch einige historische Fotos, auf denen zum Beispiel auch die inzwischen nicht mehr existierende Pension Ottoburg abgebildet ist.

Für die so bedeutsamen Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hat man den Schriftsteller Franz Kafka als Bezug nehmen wollen, ohne ihn vielleicht aber in diesem Kontext gebührend genug zu würdigen. Wahrscheinlich hatte man wenig Ausstellungsmaterial zur Verfügung, aber sicherlich hätte man den Aufenthalt Kafkas in Meran etwas aufwendiger und prunkvoller inszenieren können.

Besucht man nämlich die Ausstellung als Freund der deutschen Literatur, wird man schnell davon überzeugt, dass Franz Kafka in der insgesamten Ausstellung des Touriseums nicht viel mehr als eine berühmte Komparse ist. Ist das nicht eine Zumutung? Den Schriftsteller Franz Kafka beinahe nur als “Marketing-Aufhänger” für eine Ausstellung zu benutzen, die eigentlich Landesgeschichte und Tourismus vermischt, ist wie ein Stich mitten ins Herz! Für einen Freund der Literatur ganz sicher.

Diese Sonderausstellung über Kafka in Meran ist noch bis zum 5. Oktober 2020 zu sehen.

Südtiroler Landesmuseum für Tourismus
I – 39012 Meran, St. Valentinstr. 51 a
Tel. +39 0473 255 655
Fax +39 0473 255 656
E-Mail: info@touriseum.it
Pec: tm.mt@pec.prov.bz.it

Mali, mon amour. Eine Expedition durch einen Wüstenstaat

Die Stelzentänzer der Dogon

Wer wagt eine Reise durch Mali, dieses arme, zumal durch Bürgerkriege zerrüttete Land im Westen des Schwarzen Kontinents? Gute Frage. Da gibt es eigentlich nur einen, der dieses trotz aller Gefahren faszinierende Land liebt und seinen Geheimnissen unbedingt auf die Spur kommen wollte. Der Autor heißt Wolf-Ulrich Cropp, der Grandseigneur in Sachen Expeditionen in Gegenden, die für die meisten von uns terra incognita sind. Mit „Mali und die Dschinns der Wüste“ hat der Autor ein Buch vorgelegt, das – 300 Seiten stark – den Leser vom ersten bis zum letzten Satz in seinen Bann schlägt.

Der erste Anlauf in Richtung Sehnsuchtsort misslang. Widrige Umstände verhinderten die Weiterreise von Nordafrika ins Innere des Kontinents. Resignation? Keine Spur. Dafür erkundet der Autor einen Teil Marokkos. Der Streifzug durch dieses Land, dessen Königsstädte, besonders Marrakesch, an Märchen aus 1001 Nacht erinnern, bilden die Ouvertüre zu weiteren Abenteuern, die noch im Dunkeln liegen. Cropp führt uns durch die blendend weißen Sanddünen der Sahara, gewährt Einblicke in von schattigen Dattelpalmen gesäumte Oasen und lässt uns an einem Ausflug in den Osten des Hohen Atlas teilhaben. Wir tauchen ein in das Gewusel der bunten lauten Märkte von Tanger und Casablanca und lassen uns von den Wohlgerüchen des Orients betören. Des Autors hohe Kunst des Erzählens führt den Leser mitten hinein ins Geschehen, lässt ihn hautnah teilnehmen am Erlebten.

Damit ist der erste Teil des Abenteuers Afrika zunächst beendet. Jedoch Schwierigkeiten sind dazu da, gemeistert zu werden, lautet die Maxime des Autors. „Die Kraft des Baobab, des Affenbrotbaumes, liegt in seinen Wurzeln“, besagt ein malisches Sprichwort, mit dem Cropps Einstieg in die 2-Millionen-Metropole Bamako beginnt. Die Zustände im „Maison des Jeunes“, wo der Mann sich einquartiert, entsprechen nicht den Vorstellungen verwöhnter Europäer. Statt klimatisierter Zimmer erwartet den Gast ein stickiger Schlafsaal mit Kakerlaken und anderem Getier. Während sich auf den Brücken der Stadt eine einem riesigen Wurm nicht unähnliche Autoschlange nur mühsam fortbewegt, waschen dunkelhäutige Frauen in den trüben Wassern des Niger ihre Wäsche und sehen den jungen Leuten zu, die ausgelassen in der Brühe baden. Lokalkolorit vom Feinsten. Hier und da ergibt sich ein Dialog mit einheimischen Händlern, die ihr großes Angebot an Souvenirs an den Mann bringen wollen und sich gleichzeitig einem Schwätzchen mit einem Fremden sehr aufgeschlossen zeigen.

Timbuktus Wahrzeichen: Die Moschee Sankoré

Wir verlassen Bamako und wenden uns der Großen Moschee von Djenné zu, einem Gotteshaus, das mit seiner Wehrhaftigkeit einer gigantischen Trutzburg gleicht. Und weiter geht es nach Fourou, zu einer der Goldgruben Afrikas. Viele arme Schlucker hoffen, hier das große Los zu ziehen. Aber es sind die mächtigen Konzerne und politische Kreise, die den Reibach machen. Die kleinen Leute gehen, wie üblich, leer aus. Kismet. Das nächste Kapitel widmet sich der abenteuerlichen Flussfahrt auf einer Pinasse, die ihren Anfang in Mopti am Zusammenfluss von Niger und Bami nimmt und fünf Stunden später wegen eines Motorschadens ihr unrühmliches Ende findet.

Endlich liegt sie vor uns: Timbuktu, die Stadt der Legenden und Geheimnisse, die den Autor schon aus der Ferne in seiner Jugend faszinierte. „Da war sie wieder, die Vorstellung vom magischen Ort der Sehnsüchte und Begierden“, schreibt er. „Allein der Name ‚Timbuktu’ beseelt Entdeckerlust. Eine Oase, die die Fantasie anregt, Sklaven- und Schutzkarawanen kommen und am Horizont entschwinden lässt … Die aber auch von Glanz, Reichtum, ja sogar von Wissenschaft, Lehre und Forschung berichtet.“ Diese „Perle der Wüste“, „Stadt der 333 Heiligen“ und einstiges Zentrum islamischer Wissenschaft und Kultur, ist kostbarer Bestandteil des UNESCO Weltkulturerbes. Hier ist der Autor in seinem Element. Ein anderer Hamburger, der Afrika-Forscher Heinrich Barth, hat an diesem magischen Ort bereits im 19. Jahrhundert akribisch geforscht und unauslöschliche Spuren hinterlassen. In der Rue Heinrich Barth besucht der Hanseat Cropp das kleine Museum und entrichtet unter der Gedenktafel seinen Obolus. Ehre, wem Ehre gebührt!

Tuareg in Timbuktu

Die Fahrt durch die Wüste bei sengender Hitze nimmt nur ein Masochist auf sich oder einer, der den Geschehnissen aus dem Jahre 2003 auf die Spur kommen will. Rufen wir uns doch den Austausch deutscher Geiseln gegen Terroristen ins Gedächtnis, der tagelang Thema Nummer eins in Rundfunk, Fernsehen und Presse war. Hier, wo rivalisierende Tuareg-Clans und Glaubensfanatiker ihr Unwesen treiben, fand die lebensgefährliche Aktion statt. Der Autor beschreibt sie so lebendig, als wäre er selbst dabei gewesen. Die Wüste fasziniert ihn, obgleich er ihre Gefahren und Tücken bis ins Detail kennt. Diese Leidenschaft teilt er mit dem legendären Flugpionier Antoine de Saint-Exupéry, der die Wüste einst als die schönste und gleichsam traurigste Landschaft auf Erden pries.

Im Kapitel „Am Rande des Abgrunds“ kommen wir endlich mit den im Titel des Buches erwähnten Dschinns in Berührung. Dschinns sind böse Geister in der Gestalt islamistischer Gruppierungen, denen sich zeitweise die Tuareg anschlossen: Rebellengruppen aus Algerien, dem Niger, dem Nordosten Malis und Libyen. Kein schöner Gedanke, bei einem Ritt auf dem Dromedar diesen finsteren Gesellen zu begegnen. Doch der Autor ist offenbar ein Sonntagskind, denn, wie man auf gut hamburgisch zu sagen pflegt: „Es hat ja noch mal gut gegangen“ während seines nicht ungefährlichen Ausflugs in die Wüste. Wohl auch, weil er sich an die alte Tuareg-Weisheit hielt, die fordert: „Ein Reisender soll Augen und Ohren aufreißen, nicht das Maul.“ Ita est.

Mali – zum letzten Mal. Wirklich? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Denn zuvor lassen wir uns noch auf den „Fluss der Krokodile“ und in eine Fetischhöhle entführen. Auch einem Besuch in der “Bar der Ratten“ weicht der Autor nicht aus. Sie befindet sich in einem Hotel in Kora, aus dem sich diese unappetitlichen Nager nicht vertreiben lassen wollen. So lässt man sie halt gewähren. Afrikanisches laisser-faire, laisser-aller halt: „Hélas, on n’en peut rien faire.“ Man kann leider nichts dagegen tun, heißt es mit einem Achselzucken. Aber keine Sorge. Die Hotelangestellten beteuern, es gehe keine Seuchengefahr von den Viechern aus. Hoffen wir’s Beste, liebe Leser.

Der Besuch einer Schule in Touréla, in der unter primitivsten Umständen zweisprachig unterrichtet wird, in der Landessprache Bambara und auf französisch, räumt mit vielen Vorurteilen über die oft zitierte Trägheit der Afrikaner auf. Trotz Saunatemperaturen in einem kleinen, mit fünfzig Kindern besetzen Klassenraum geht es sehr diszipliniert zu. Den Nachwuchs dürstet es nach Wissen. So nehmen die Kleinen häufig mehrstündige Wege auf schlechten Straßen und schlammigen Pfaden in Kauf, um lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Alle Achtung! Bildung war von jeher der erste Schritt in eine bessere Zukunft.

Mir hat die Lektüre dieses Buches großes Vergnügen bereitet, zumal ich dabei viel über diesen Teil Westafrikas erfahren habe, von dem ich vorher so gut wie nichts wusste. Mein herzlicher Dank für diese „Erleuchtung“ gilt dem Autor Wolf-Ulrich Cropp. Zum Schluss soll der Abenteurer und Weltenbummler noch mit einem Bekenntnis zu Wort kommen: „Der Mensch braucht das Gefühl von unentdeckten Horizonten, das Geheimnis unbewohnter Landstriche. Er braucht den Ort, wo Wild auf der Jagd ist, weil Land, das Wild hervorbringen kann, gesundes, robustes Land ist.“ Dem ist schwerlich etwas hinzuzufügen.

Ich möchte noch auf den umfangreichen Anhang aufmerksam machen, in welchem der Autor neben einem Abriss zur Geschichte Malis wertvolle Hinweise und Empfehlungen für Wüstenfahrer erteilt. Hinweise auf Sehenswürdigkeiten und eine Fotogalerie im Inneren des Buches tun ihr Übriges, um das Lesevergnügen zu steigern.

„Mali und die Dschinns der Wüste“ von Wolf-Ulrich Cropp
300 Seiten, reich illustriert, ist im Verlag Expeditionen erschienen
– ISBN 978-3-947911-20-2 – Preis: Euro 14,90

(Fotos: Wolf-Ulrich Cropp)

 

 

Dear friends of The English Theatre of Hamburg …

Foto: TET

… how disappointing for all of us that the premiere of John Patrick Shanley’s comedy “Outside Mulligar” could not take place on April 23, as originally scheduled. The reason was the worldwide lockdown due to the Corona crisis.

Most unfortunately, we do not know yet on which date the theatre will get back to normal and reopen its doors to the public. However, dear aficionado of the TET, you may be sure that the crew of your beloved stage is not sleeping. All of them are busy trying to find a way out of this dilemma by planning the next premiere as soon as the lockdown has been lifted by the government. We shall keep you informed about any new development. Promised.

No doubt, The English theatre is a real asset for Hamburg and its citizens. By the way, for some of them London is nearer to their hearts than Berlin, the German capital. For this reason, it is a must for them to learn or improve their knowledge of English the best way possible. And here the TET comes in, since by buying a ticket the spectator learns English, the lingua franca of our time, while sitting comfortably in the theatre and listening to the actors performing on the stage.

Honestly, could you imagine anything more relaxing than this way of playful learning? What’s more, the theatre offers special performances for school children, students and their teachers, accompanied by excellent learning material. These matinees have become very popular in schools in and outside Hamburg.

Dear friends of the TET, please keep your fingers crossed and pray for an early reopening of the theatre. We look forward to seeing you again at our next premiere. As already promised above, we hall keep you posted. For the time being, we say goodbye wishing you all the best. Stay healthy and try to avoid any risk.

Best regards,

Uta Buhr, Vice President DAP and great fan of The English Theatre of Hamburg

… noch ein paar Worte in Sachen English Theatre of Hamburg

Foto: TET

Ein Glück, dass es das English Theatre in unserer Stadt gibt, die Bühne mit dem Flair des Londoner Westends. 1976 von den beiden amerikanischen Intendanten Clifford Dean und Robert Rumpf an der Mundsburg gegründet, hat es sich im Laufe der Jahre einen Ruf erworben, der weit über die Grenzen der Hansestadt hinausgeht. Mit Paul Glaser wurde das Duo Dean/Rumpf durch ein weiteres vielversprechendes Talent erweitert. Paul hat sein Können bereits mit der erfolgreichen Inszenierung verschiedener Stücke unter Beweis gestellt. Hier sei besonders auf den Thriller „The Woman in Black“ hingewiesen.

Wir bedauern, dass den vielen Fans des Theaters seit März eine Zwangspause zugemutet wird, die schwer zu ertragen ist. Selbstredend leidet das gesamte Personal des TET unter der Schließung. Heute möchten wir den beiden bereits in unserem Online-Magazin erschienenen Artikeln noch einen weiteren Beitrag hinzufügen. Der didaktische Aspekt – das bessere Verständnis der englischen Sprache durch regelmäßige Besuche des Theaters – kann gar nicht oft genug betont werden.

Nachstehend finden Sie unseren an die „Aficionados“ des TET gerichteten Brief.

Liebe Freunde des English Theatre of Hamburg,
Foto: TET

wie hatten wir uns doch alle auf die nächste Premiere an der Mundsburg gefreut.

„Outside Mullingar“ von John Patrick Shanley sollte am 23. April dieses Jahres uraufgeführt werden. Und dann machte uns das Coronavirus und der anschließend verhängte Lockdown einen dicken Strich durch die Rechnung. Bis zum heutigen Tag wissen wir nicht, wann die Bühne ihren Betrieb wieder aufnehmen kann. Aber findig wie sämtliche Mitarbeiter des Theaters sind, werden hinter den Kulissen alle Register gezogen, um die nächste Aufführung stattfinden zu lassen, sobald „von oben“ grünes Licht gegeben wird. Wir halten Sie auf dem Laufenden und melden uns, wenn es wieder heißt „Hereinspaziert und Vorhang auf.“

In diesem Zusammenhang möchten wir darauf hinweisen, wie wertvoll dieses in englischer Sprache spielende Theater ist. Da Englisch, die Sprache Shakespeares, die lingua franca unserer Zeit ist, so wie Latein im Mittelalter, sollte die Beherrschung dieses Idioms ein Muss für jedermann sein. Egal wohin der Reisende kommt, er findet immer Menschen, die Englisch sprechen. Wenn in vielen Fällen auch nicht perfekt, so reichen die Kenntnisse doch für einfache Unterhaltungen und den Austausch von Informationen.

Um jedoch aus dem Rudiment etwas Anspruchsvolles zu formen, ist es unerlässlich, Unterricht zu nehmen und sowohl Zeitungen als auch Bücher in englischer Sprache zu lesen. Und hier kommt das English Theatre im wahrsten Sinne des Wortes „ins Spiel“. Die vom TET engagierten Schauspieler sind handverlesen und bereits an verschiedenen Bühnen im angelsächsischen Sprachraum geschult. Sie agieren somit als eine Art Sprachlehrer, und dies ohne den lästigen Schulzwang in muffigen Klassenzimmern. Das macht Laune, denn auch jene, die das Englische gut beherrschen, profitieren von jeder Aufführung. Mehr geht nicht oder doch? Das Theater erarbeitet vor jeder Premiere Schulungsmaterial, das in erster Linie für Hamburger Schüler bestimmt ist, die mit ihren Lehrern an bestimmten Terminen den Vorstellungen beiwohnen. Die Resonanz ist stets positiv.

Bleibt zu hoffen, dass das English Theatre bald wieder seine Pforten öffnen und seine vielen Freunde in alter Frische mit einem neuen Stück erfreuen kann. Drücken wir also die Daumen. Über Neuigkeiten berichten wir zeitnah an dieser Stelle.

Also – bis bald.

Beste Grüße
Uta Buhr, Vizepräsidentin der DAP und großer Fan des English Theatre of Hamburg

Dreizehn Kilometer Poesie

Foto: Martin Lowsky

Eine Wanderung auf dem Klaus-Groth-Weg
Spätestens seit dem Gottesdienst zur Beerdigung von Helmut Schmidt ist nicht nur Hamburgern der Name Klaus Groth geläufig. Hatte doch Schmidt selbst verfügt, man möge die Vertonung von Groths plattdeutschem Gedicht „Min Jehann“ im Michel singen.

Groths bekanntestes Gedicht ist jedoch wohl die kurze Ballade von „Lütt Matten de Has“, in der der böse Fuchs den gutgläubigen Hasen verspeist. Weitgehend unbekannt jedoch ist Groths Prosawerk „Min Jungsparadies“, in dem er Kindheits- und Jugenderinnerungen aus dem kleinen Dithmarscher Ort Tellingstedt beschreibt. Nach wie vor berühren diese Aufzeichnungen vom Glück und Leid des Erwachsenwerdens den Leser und lassen ihn an eigene Erfahrungen zurückdenken.

Groth ist in jungen Jahren häufig vom Elternhaus in Heide zu Fuß nach Tellingstedt gewandert, um dort Onkel und Tante zu besuchen und jugendliche Freiheit zu genießen.

Tellingsted weer wit nog, dat man nich jüs mit sin Botterbrot inne Hand sik hineten kunn doch weert ok nich so wit, dat nich en Jung mit sin egen Been un Handstock, as de Tellingsteder sän, dar hin harrn much, wenn´t ok en Reis weer vun enige Stunn.

Diesen mittlerweile gut ausgeschilderten Klaus-Groth-Wanderweg kann man nun selbst nachgehen, auf den Spuren des großen Dithmarscher Dichters. An einigen Tagen im Jahr wird eine geführte Wanderung angeboten. So auch am 28. Juli 2020. Einheimische, Touristen, drei zugereiste Hamburger und ein Hund fanden sich am Startpunkt in Süderholm ein. Es herrschte allerbestes Wanderwetter, Sonne und Wind, weißblauer Himmel (wie bei uns zuhause, merkte ein bayrisches Ehepaar an).

Nach einer kurzen Einführung in die Biografie Groths und der beruhigenden Auskunft, dass es nicht darum gehe, möglichst schnell möglichst viel Strecke zu machen, sondern den Zweiklang von Landschaft und Poesie zu genießen, ging es los.

Der Weg führt durch Wald, Moore und Wiesen und bietet immer wieder weite Ausblicke in die unaufgeregte Dithmarscher Landschaft. Gerade für großstadtgeplagte Hamburger eine Erholung für die Seele. Der ortskundige Führer machte während der gut dreistündigen Wanderung immer wieder auf landschaftliche und historische Besonderheiten aufmerksam und rezitierte Texte von Groth. So bekamen die Teilnehmer das Gefühl, ganz dicht auf den Spuren eines Dichters zu wandeln.

Am Endpunkt, in Tellingstedt, wurde eingekehrt. Döner, Pizza und Eis brachten die müden Wanderer, zwei ausgezeichnete Würstchen den Hund wieder in Form. Und an allen Tischen fiel der Satz: Nächstes Jahr bin ich wieder mit dabei.

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Eine hochdeutsche Übersetzung vom „Jungsparadies“ erscheint demnächst  im elbaol verlag hamburg.

Auskunft über die nächste geführte Wanderung im September erteilt die Touristinformation Heide

Die Wirrnisse des Alltags

Lilo Hoffmanns neuer Roman spielt in Eimsbüttel, Lokstedt und St. Pauli.

Erst vergisst sie ein Kind aus ihrer Gruppe auf dem Spielplatz und dann fährt ihr auch noch so ein Modepüppchen ins Auto – die Woche fängt ja gut an!
Als Leserin bin ich sofort in der Geschichte, die so temporeich beginnt. An der Seite der Erzieherin Iris geht es, zeitweilig mit einem Eierlikör gestärkt, weiter durch deren turbulente Tage, eben wie im echten Leben. Vor der Lokalkulisse Hamburgs erzählt Autorin Lilo Hoffmann die Ereignisse zweier sehr verschiedener Mitbewohner – von denen eine das Modepüppchen werden wird – und die Erlebnisse der Hauptperson Iris. Deren Freund Alex war am Anfang ganz hinreißend und ist nun eher ins Vage abgedriftet, bevor er sie mit einer nicht vorhersehbaren Lebenswendung überraschen wird. Neben Modepüppchen Dana, ihres Zeichens Radiomoderatorin und mit schrägen Typen bekannt, kommt Iris sich manchmal wenig hip vor, bis sie herausfindet, dass da auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Eierlikör-Tradition ihrer Großmutter bildet eine stabilisierende Konstante für Iris und erfreut die Leserin gleichermaßen. So treibt das Leben Iris in diverse lustige und weniger lustige Situationen, es geht um Abschiede und (neue) Freundschaften, um dumme und schöne Zufälle. Iris gibt sich keine Mühe, die hippe Großstädterin zu geben, sondern schaut mit sympathischer Verwunderung und vielleicht ein wenig heimlicher Verehrung Danas Treiben zu. Sie verbiegt sich nicht, sondern bleibt sich treu und verweigert sich auch mal, wenn es ihr zu bunt wird. Ich habe dieses Buch gern gelesen, mit Iris mitgefiebert und ihr das Beste gewünscht, das sie meiner Meinung nach unbedingt verdient hat. Eine wunderbare Lektüre zur Entspannung, vielleicht mit einer Tasse Kaffee – oder einem Eierlikör.

 

Lilo Hoffmann: Wenn das Chaos perfekt ist
Verlag Tinte & Feder, 2020, 283 Seiten
Taschenbuch und E-Book