„Lizard Boy“ by Justin Huertas – The New Premiere at the English Theatre of Hamburg

„Hey, I’m Trevor. I met a real dragon on Mount Helen’s.“

Dear spectator, have you ever met a dragon? If not, you should immediately book a ticket and enjoy the Rock Fantasy Musical “Lizard Boy” which was praised by critics as Justin Huertas’ latest masterpiece. This award-winning playwright, composer, lyricist and actor describes his superhero story as a “quirky and emotional comic book.” We agree.

Dragon Blood

Have you ever heard of Mount St. Helen’s? Believe it or not, there exists a real volcano in Washington DC which erupts from time to time spewing ashes and occasionally a real dragon. When it erupted last time, Trevor a boy from Seattle, was nearby and saw the beast emerging. He was unable to move since its monstrous appearance paralysed him. Soldiers were on the spot immediately and killed the dragon. But its blood splattered on Trevor covering his skin with green scales which made him look like a lizard. Bad luck for him. Which human being, man or woman, identifies with someone looking like a reptile? Trevor, a gay coloured youngster with an Asian background, feels even more insecure and alone than before the incident. Is he a paria?

Hey, do you want do meet me?

Good for Trevor that he doesn’t panic but tries to find friends on the internet. Here he meets Cary, a song writer like himself, who has only recently moved to Seattle. Trevor is not sure whether or not to date his new acquaintance who has invited him to his home. While hesitating, Trevor sings this song to himself: “What do you say? What do you want? You wanna let something happen today…But then not you wanna stay inside this room where you’ve been . You wanna begin.”

Siren, the Girl of your Dreams

Beware of Siren. She is a witch.

In the Crocodile Club where they are just celebrating the lizard festival – everybody wearing lizard-like costumes – both friends meet Siren, an attractive mysterious blonde who performs on the stage. She is not only a fascinating singer and pianist, but possesses supernatural powers. While talking to each other Trevor and Siren discover that they have something in common besides their passion for song writing. Since both were involved in the volcano incident on Mount Helen’s Siren believes that they have supernatural powers. In addition Siren is sure that hundreds of dragons will soon destroy the city as a revenge for the single dragon that was once killed by soldiers. When Trevor refuses to help Siren to kill the dragons, the “girl of his dreams” turns furious and tries to stop him with her Siren Song. However, it doesn’t work due to Trevor’s own supernatural powers.

An Invasion of Dragons

In the end Siren’s fears become true that an army of dragons will invade the city in not too distant a future. One day Trevor and Cary hear growls and the flapping of heavy wings. No doubt, the dragons are arriving. Cary wants to flee but is stopped by Trevor. One of the monsters lands just in front of him. He is sure that the dragon does not intend to kill him. On the contrary, this one has obviously come to greet a relative instead. All of a sudden gigantic wings have grown on Trevor’s back. Surprise, surprise! A lizard finally turned into a dragon. Blackout.

What’s behind this intriguing story?

The fascination for dragons and other monsters is as old as mankind. Just think of Nordic heroes such as Siegfried who killed a dragon, bathed in its blood and gained supernatural powers. Or take Saint George, the noble knight, who fought a gigantic dragon. Today’s heroes are Catwoman, Batman and Spiderman who fascinate not only young people.

What a brilliant idea to offer Dustin Huertas’ Rock Fantasy Musical “Lizard Boy” to the audience of the English Theatre of Hamburg. The credit for this outstanding performance goes to director Paul Glaser and his crew of three highly talented actors who at the same time are great singers. All of them – Peter Tabornal as Trevor, Jacob Bedford playing the part of Cary and Sophie Earl as Siren also play a number of instruments such as the piano, guitar, ukulele and cello. Chapeau!

Many many thanks and come again.

Last performance of “Lizard Boy” on June 22, 2024. Tickets under telephone number 040 – 227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

Notice: The next premiere after the summer break is not yet known to us. We shall keep you posted in due time.

„Lizard Boy“ von Justin Huertas, die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

„Ich bin Trevor und habe einen echten Drachen auf Mount Helen*s gesehen.“

Liebe Zuschauer, freuen Sie sich auf dieses „theatralische“ Musikereignis mit einem Reigen zündender Melodien und witziger Songs, die süchtig machen. Da tritt die Handlung fast in den Hintergrund. Dennoch ist sie wichtig für das Verständnis dieses „dramma giocoso.“

Drachenwelt

Wer der Meinung war, Drachen, jene feuerspeienden Ungeheuer, die wir aus Märchen und Mythen kennen, seien seit langem ausgestorben, wurde am 25. April eines Besseren belehrt. An diesem Abend bebte die Bühne an der Mundsburg. Ein begeistertes Publikum feierte das Rock Fantasy Musical „Lizard Boy“ und dankte den drei Protagonisten sowie Regisseur Paul Glaser enthusiastisch für eine gelungene Premiere.

Nehmt euch vor Siren in acht. Sie ist eine Hexe.

„Lizard Boy“ ist ein Traumspiel mit Trevor, einem jungen Mann aus Seattle, in der Hauptrolle. Der hatte als Kind das Pech, sich beim letzten Ausbruch des Mount St. Helen’s in unmittelbarer Nähe des Vulkans aufzuhalten. Der spie neben Asche einen Drachen aus. Das Untier wurde zwar von Soldaten getötet. Doch sein Blut spritzte nach allen Seiten und besudelte Trevor. Seitdem muss er mit einer von Schuppen verunstalteten Haut leben, die jener einer Eidechse ähnelt. Ein Stigma, das ein Heranwachsender, zumal gay und mit asiatischem Hintergrund, nicht einfach wegsteckt. In seiner Einsamkeit und dem Gefühl, von keinem geliebt zu werden, erschafft seine Fantasie eine eigene Welt voller Abenteuer, angefüllt mit Sagen, Mythen und geheimnisvollen Kreaturen. Cary, sein neuer Freund und Sidekick, erweist sich als treuer Begleiter auf dieser Reise durch unbekannte Territorien. Und wir Zuschauer nehmen teil an den Begegnungen mit furchterregenden Drachen und schrecklichen Gestalten in Menschengestalt, die den beiden Freunden nicht wohlgesonnen sind. Da ist Siren, ein blondes Gift in schwarzem Leder, das über unheimliche Zauberkräfte verfügt und jeden mit einem einzigen Fingerzeig töten kann. Diese Sirene mit der betörenden Stimme – nomen est omen – soll bereits mehrere Kinder auf dem Gewissen haben. Lechzt sie jetzt auch nach dem Leben von Trevor und Cary? Weil aber jetzt auch Drachenblut durch Trevors Adern fließt, kann ihm kein Zauber etwas anhaben. Da ist selbst Siren machtlos. Am Ende wachsen Trevor noch die Flügel eines Flugsauriers. Mehr Drache geht nicht. Siren muss sich geschlagen geben. Denn wie in einem richtigen Märchen siegt stets das Gute über das Böse.

Helden sind unverzichtbar – gestern wie heute

„Die drei von der Rockband..“

Bei „Lizard Boy“ standen die bekanntesten Figuren der Popkultur Pate: Catwoman, Batman und Spiderman. Allesamt unbesiegbare Superhelden, wie wir sie auch aus unseren Märchen kennen. Wir erweitern den Kreis durch zwei weitere Heroen – den heidnischen Siegfried, der im Blut eines gewaltigen Lindwurms badete und seither unverwundbar war, sowie den christlichen Drachentöter St. Georg, der sich ebenfalls mit der Bestie anlegte und sie erschlug.

Der Drache, eine ferne Erinnerung an die Welt der Dinosaurier, gilt in Europa als Urbild des Bösen. In Fernost hingegen wird er als Glücksbringer verehrt. Am chinesischen Neujahrsfest erhebt er sich unter dem Jubel der Menge sogar in die Lüfte und fliegt davon.

Ganz großes Theater auf kleiner Bühne

Die Narrative über die furchterregenden Bestien der Urzeit haben Justin Huertas offenbar fasziniert. Sie inspirierten diesen mehrfach ausgezeichneten Stückeschreiber, Schauspieler, Komponisten, Lyriker und Virtuosen am Cello zu dem Fantasy Rock Musical „Lizard Boy“. Es ist das Werk eines talentierten Komponisten, getragen von nur drei Protagonisten, die außer schauspielern auch singen können. Zudem beherrschen sie verschiedene Instrumente, darunter Klavier, Gitarre, Ukulele und Cello. Zehn Punkte von zehn gehen jeweils an Peter Tabornal als Trevor, Jacob Bedford in der Rolle des Cary sowie an Sophie Earl als Siren. Das Trio hat Gold in der Kehle. Mit seinem Gesang betörte und verzauberte es zwei Stunden lang ein atemlos lauschendes Publikum. Einfühlsam orchestriert wurde dieses Bühnen-Highlight von Regisseur Paul Glaser. Chapeau!

… dies am Rande

Bereits während der Pause wurde „Lizard Boy“ von den Zuschauern heiß diskutiert. Während die meisten – in der Mehrzahl die Jüngeren – Feuer und Flamme waren, fanden einige ältere Semester manches an der Inszenierung auszusetzen. Manche monierten das Fehlen grüner Eidechsenkostüme, während andere den Plot als reichlich wirr empfanden. De gustibus non est disputandem. Gut so. Wie eintönig, wenn wir alle stets einer Meinung wären. Die Rezensentin, selbst kein Teenager mehr, hatte zu Beginn auch einige Schwierigkeiten, fand sich dann aber schnell in die Handlung hinein und genoss diesen Abend in vollen Zügen. Fazit: Hinreißend – und bitte mehr davon.

„Lizard Boy“ läuft bis einschließlich 22. Juni 2024. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Das neue Stück nach den Theaterferien war vor Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Wir melden uns zu gegebener Zeit an dieser Stelle mit neuen Informationen.

 

Fotos:  Stefan Kock

Handgefertigtes, Buchkunst und ein hochinteressiertes Publikum

Seit 1998 wird im Hamburger Museum der Arbeit, die Messe BuchdruckKunst veranstaltet. Der Name sagt zwar fast alles aus, aber wenn man hingeht, öffnen sich dem Betrachter neue Welten.

Mehr als 60 Aussteller haben am Wochenende vom 5. bis 7. April 2024 ihre Arbeiten gezeigt. Jedoch waren nicht nur Bücher zu sehen, ihr Anteil ist in den letzten Jahren zurückgegangen, sondern sehr viele kleinformatige Drucke, egal ob als Holzschnitt, Linolschnitt, Radierung, Siebdruck und Ähnlichem mehr sowie Reproduktionen solcher Werke. Das ist der Haupttrend der Veränderung in den letzten Jahren.

Etliche Aussteller sind schon zum 15. Mal auf der Messe, und dem Veranstalter Klaus Raasch ist es zu verdanken, dass auch jüngere Buchkünstler einen Ausstellerstand haben. Die Qual der Wahl, aus doppelt so vielen Bewerbungen auszuwählen, ist sicher nicht zu unterschätzen. Jedes Jahr kommen etwa 2.500 Besucher nach Hamburg-Barmbek, um sich inspirieren zu lassen, besonders schöne Stücke zu finden und diese zu kaufen. In diesem Jahr waren es laut Veranstalter rund 1.900. Im Eintrittspreis von 12 Euro sind der farbige Katalog und ein Ausstellerverzeichnis enthalten. Sicherlich werden keine ganz großen Geschäfte abgewickelt, dient doch ein Messestand in erster Linie der Kundenpflege und dem absolut grandiosen haptischen Vergnügen, neue Produkte in die Hand zu nehmen und zu bewundern. Hierbei ist nicht entscheidend, ob es Unikate, Drucke in Kleinstauflagen oder Offset-Reproduktionen in größeren Auflagen sind, es geht um Buchkunst abseits des Üblichen.

Für mich als Journalist beginnt die Qual der Auswahl, was ich dem geneigten Leser näherbringen möchte. Ich habe mich auf fünf Beispiele konzentriert, die unterschiedlicher im Handwerk nicht sein können. Beginnen möchte ich mit der Grafikerin Sabine Riemenschneider aus Wernigerode, die in Kleinstauflagen Bücher im Digitaldruck produziert. Im Bild zu sehen ist eine Papierrolle, auf der durch Stanzung Töne einer Orgel gespeichert und automatisch abgespielt werden können. Dieses Papierunikat hat sie bemalt und beschriftet. Um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sie es nach der Reproduktion digital in ein großformatiges Leporello-Buch ganz ähnlich wie dieses endlos lange Papier gedruckt.

Gerd J. Wunderer aus Augsburg hat sich auf Unikate spezialisiert. Im Bild zu sehen ist ein Bücher-Karussell, ein Papptheater der ganz besonderen Art. Hiervon gibt es keine Reproduktionen und auch kein Buch, sondern nur das Original.

Der Schweizer Buchbinder Roland Meuter zeigte wunderschöne Bucheinbände aus Leder und anderen Materialien. Besonders angetan haben es mir die Illustrationen auf dem Leder und ganz speziell der Buchschnitt. Jeder Leser kennt einen Goldschnitt: goldfarbener Kopfschnitt, Seitenschnitt und Fußschnitt, aber bei diesem Buchkünstler kommt noch etwas hinzu, was ich in 40 Jahren Praxis noch nicht gesehen habe.

Blättert man das Buch, wie im Foto gezeigt, schräg auf, ergibt sich unter dem Goldschnitt eine weitere Malerei. Meuter benennt es mit dem Fachausdruck „unterbemalter Goldschnitt“. Das sind Unikate mit Aquarellfarbe, die erst dann sichtbar sind, wenn man den Buchblock schräg aufblättert: Höchst künstlerisch.

An einem weiteren Stand entdeckte ich die Logbuch-Buchhandlung aus Bremen, die seit zehn Jahren den Logbuch-Verlag nebenberuflich betreibt. Buchumschläge in schmalen Formaten werden künstlerisch im Hochdruck hergestellt, der Innenteil, schön zwei- oder mehrfarbig gestaltet, im Offsetdruck. Mittlerweile sind zwölf Titel lieferbar (im Foto sind sie in einem Schuber zu sehen), ein optisch und haptisch sehr schönes Erlebnis. Es kommen Autoren wie Edgar Alan Poe, Mary Shelley und Washington Irving in der kleinen Buchreihe, die eigentlich eine Heftreihe ist, vor.

Was passiert mit Büchern, die nicht mehr ins Bücherregal passen, oder was passiert nach einer Haushaltsauflösung? Im besten Fall werden sie in gute Hände weitergegeben, gespendet, und wenn sie besonders wertvoll sind, landen einige in einem Antiquariat. Mein letztes Gespräch führte ich mit dem Hamburger Antiquar Dietrich Schaper, der an einem sehr zentralen Ort in Hamburg, im Pavillon in der Nähe vom Dammtor-Bahnhof, sein Antiquariat hat. Er zeigte auf der Messe BuchDruckKunst  etwa 100 Bücher zum Themenbereich Typografie und Druck. Mit ihnen wurden Generationen von Mediengestaltern und Grafikern aus- oder fortgebildet. Mit diesem Flashback in die Geschichte der Gestaltung und der Druckkunst beende ich diesen kleinen Rundgang und lese auf der Rückfahrt das Buch „Danke Artur“, das dem großartigen Setzer Artur Dieckhoff gewidmet ist, der 72jährig im Jahr 2020 verstarb. Er hat die Druck-Abteilung im Museum der Arbeit mit aufgebaut, war der „schwerste Setzer Deutschlands“ und begann sein Gespräch gerne so: „Du kannst mich auch Meister nennen“. Dass er sich an der Düsseldorfer Kunstakademie vom weltberühmten Künstler Joseph Beuys inspirieren ließ, muss nicht extra erwähnt werden.

Der Buchtitel meiner Roman-Trilogie über die Revolution der Druckbranche in den 1980er Jahren heisst nicht von ungefähr „Lebe wild und gefährlich, Arthur“. Als Abgrenzung zum Original wird Artur hier mit „h“ geschrieben.

Dass auch die Hamburger „Büchergilde Gutenberg“-Buchhandlung mit einem eigenen Stand vertreten war, freute mich ebenfalls, denn dort konnte ich mein vorbestelltes Buch von Uwe Timm abholen, da ich seit etlichen Jahren Mitglied in dieser Buchgemeinschaft bin, die sich dem „schönen Buch“ verschrieben hat. Wer diese hervorragende Buchgemeinschaft mit über 100 Partnerbuchhandlungen noch nicht kennt, findet sie natürlich auch online.

 

Hier finden Sie die Websites der beschriebenen Aussteller:

www.atelier-soso.de Sabine Riemenschneider

www.gerd-j-wunderer.de Gerd Wunderer

www.rmeuter.ch Roland Meuter

www.logbuchladen.de Axel Stiehler

www.antiquariat-schaper.de  Dietrich Schaper

www.buechergilde.de Büchergilde Verlag

 

Der Messetermin für 2025 ist hier zu finden: www.buchdruckkunst.com

(Fotos: Ralf Plenz)

Betreuter Kunstgenuss: Die Caspar David Friedrich Ausstellung in Hamburg

Caspar David Friedrich (1774–1840)
Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm, um 1802. Feder in Braun über Bleistift, 26,7 x 21,5 cm. Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
© Hamburger Kunsthalle / bpk
Foto: Christoph Irrgang

Dies vorab: Die Ausstellung zum 250. Geburtstag des großen Romantikers entwickelt sich zu einem veritablen „Blockbuster.“ Die Hamburger Kunsthalle zählte kaum sechs Wochen nach der Eröffnung bereits an die 100.000 Besucher. Und der Ansturm hält an. Wer bis zum Ende der Schau am 1. April 2024 noch ein Zeitfenster erhaschen will, muss sich sehr beeilen.

Glücklich ist….

Ich gehörte zu den Glücklichen, die das Werk Friedrichs an einem Sonnabend aus nächster Nähe betrachten durften. Meine Freude erhielt jedoch nach Betreten der Ausstellung einen herben Dämpfer. Friedrichs Werk kommt in diesen kleinen Räumen nicht optimal zur Geltung, zumal die Bilder extrem eng gehängt sind. Aufgrund des Gedränges ist es schwer, die Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen auf sich wirken zu lassen

Betreuter Kunstgenuss? Für manchen eine Zumutung, aber das ist nicht der einzige Kritikpunkt. Nahezu verstörend empfand ich die großen Tafeln an den Wänden, die dem Besucher wortreich erklären, was er auf den Bildern sehen soll. Waren da Influencer am Werk, die zwar keine Waren bewerben, dem Publikum aber ihre einzig richtige Sicht auf das Werk verkaufen wollen? Mit dem seinerzeit nicht thematisierten, jedoch heute täglich beschworenen Klimawandel hatte der liberale Künstler Friedrich wahrlich nichts zu tun. Aber genau in diese Richtung soll der Betrachter angesichts der „Zerbrechlichkeit der Natur“ gelotst werden. Und das mit Nachdruck. Als Aufhänger dient das Gemälde „Das Eismeer.“ Es zeigt ein Schiff, das von riesigen Eisschollen zerquetscht wird. Eine kritische Stimme sieht hier keine Klimakatastrophe, sondern eine Anspielung auf die gescheiterten Hoffnungen des Künstlers auf nationale Einheit am Ende der napoleonischen Befreiungskriege.

Nun malt man schön

Über den „Vermittlungsraum“ ist zu sagen, dass die Ausstellungsmacher dessen großflächige Wände für einige der spektakulärsten Gemälde Friedrichs , u.a. „Kreidefelsen auf Rügen“ und „Auf dem Segler“, hätten nutzen sollen. Stattdessen sind die Besucher aufgerufen, sich Gedanken über die Rettung der geschundenen Welt zu machen und ihre hehren Gedanken in Bildchen auszudrücken. Infantiler geht nicht.

Mehrere zeitgenössische Künstler, die sich dem Romantiker Friedrich auf ihre Art angenähert haben, präsentieren ihre Werke in einem Nebenraum. Während der Japaner Hiroyuki Masuyama mit seinen raffinierten Fotomontagen in LED-Leuchtkästen einen sehenswerten Beitrag zur Ausstellung beisteuert, wirkt das Werk des afro-amerikanischen Malers Kehinde Wiley mit seiner postkolonialen Botschaft reichlich deplatziert: Kitsch-as-Kitsch-can!

Caspar David Friedrich (1774–1840)
Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817
Öl auf Leinwand, 94,8 x 74,8 cm
Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen
© SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk
Foto: Elke Walford

Fazit: Trotz aller Kritik an dem aus meiner Sicht verfehlten Konzept war die Wiederbegegnung mit Friedrichs Werk ein Gewinn. Da der ehemalige Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark (1852 bis 1914) einige der berühmtesten Gemälde Friedrichs erwarb – u.a. „Das Eismeer“ und „Wanderer über dem Nebelmeer“ – werde ich die Werke genüsslich in aller Ruhe auf mich wirken lassen, sobald sie nach einer längeren Tournee an ihre angestammten Plätze in Hamburgs Kunsttempel zurückgekehrt sind.

Zum Schluss eine Empfehlung: Florian Illies, Autor, Journalist Kunsthistoriker und Kunstsammler, hat rechtzeitig zum 250. Geburtstag Friedrichs eine Biografie über den Künstler unter dem Titel „Zauber der Stille“ bei S. Fischer herausgebracht. Das Buch führt den Leser einfühlsam und kenntnisreich durch das bewegte Leben des Künstlers. Hörbuch bei Audible, gelesen von Stephan Schad. Ein Lese- und Hörgenuss.

Digitale Angebote zur Ausstellung: https://cdfriedrich.de/

Berührt von schönen Büchern

Am 25. Februar 2024 veranstaltete der Büchermacher Ralf Plenz in Kooperation mit der Hamburger Autorenvereinigung ein Treffen der Pirckheimer Gesellschaft in Hamburg-Altona. In der Alfred-Schnittke-Akademie konnten Interessierte sich über die Institutionen informieren, bibliophile Buchausgaben bewundern und erstehen. Dabei ging es auch um die Frage, was der Begriff „bibliophil“ denn eigentlich umfasst.

Den ersten Programmpunkt der Tagung bildete jedoch ein Vortrag von Ralf Plenz über die Umwälzung der Druckbranche, verknüpft mit seinem Werdegang in dieser Branche. In den 1960er und 70er Jahren fand der Wechsel vom Bleisatz zum Offsetdruck statt. Als Gründungsmitglied der Druckwerkstatt Ottensen bot Plenz gemeinsam mit seinen Mitstreitern eine Spezialität an: Zum Gestalten der Druckvorlagen für die Kunden verwendeten sie altes Werkzeug wie zum Beispiel Federn und stellten die Vorlagen handschriftlich her. So hatten sie viele Autoren und Künstler unter ihrer Kundschaft, u.a. den Lyriker Peter Rühmkorf und den Künstler Albert „Ali“ Schindehütte, der durch die Rixdorfer Drucke berühmt wurde. Die Druckwerkstatt, die heute noch existiert, war ein Erfolgskonzept aus hochwertigen Druckerzeugnissen in Zusammenarbeit mit Kleinstverlagen, dem Verkauf einer kleinen Auswahl an besonderen Büchern sowie Umweltschutzpapiererzeugnissen und einem Copyshop.

Palma Kunkel als Raubdruck

Ralf Plenz (Foto: DAP)

Plenz berichtete über Details des Druckwesens, zu denen Laien kaum Zugang haben. So erfuhr manch erstaunter Gast, dass digital gedruckte Bücher für Bibliothekare nicht archivfest seien, weil diese keine 100 Jahre hielten. Denn Digitaldruck ist technisch fast immer eine Fotokopie – sie blättert ab, wenn sie beispielsweise geknickt wird. Zudem sind die Buchrücken nicht gerade für die Ewigkeit gemacht und brechen meist, wenn man das Buch weit aufzuklappen versucht. Aus diesem Grund ist die Reihe „Perlen der Literatur“ von Ralf Plenz (Input-Verlag) im Offsetverfahren gedruckt und hochwertig ausgestattet.

Für den Nachdruck der historischen Titel fahndet Plenz in Antiquariaten nach sehr alten Ausgaben und stößt manches Mal auf Kuriositäten. Eine ganz besondere ist ein Gedichtband von Christian Morgenstern, datiert auf den Zeitraum 1915-1920, mit gerissenem statt geschnittenem Papier. Die Nachforschungen des Büchermachers ergaben, dass es sich um einen Raubdruck handeln muss, denn in keinem autorisierten Buch gibt es diese Zusammenstellung aus drei Bänden Morgensterns, zudem noch in einer Ausgabe.

Paradiesische Bücher made in Hamburg

Rudolf Angeli vom Angeli & Engel-Verlag bestritt den zweiten Vortrag im Programm. Der Verlag „widmet sich Publikationen zur Kunst mit bibliophilem Anspruch“ (Verlagswebsite). Angelis Leidenschaft für das Schachspiel und für Stefan Zweigs „Schachnovelle“ motivierte ihn schließlich, ins Verlagswesen einzusteigen. Eigentlich aus dem Management kommend, gründete er gemeinsam mit dem Autor Peter Engel den „Verlag für paradiesische Bücher“ (Verlagswebsite) in Hamburg und eignete sich autodidaktisch das entsprechende Wissen an. Neben den o.g. Publikationen betreibt er ein Antiquariat. Er ist von Worten fasziniert und bezeichnet seine verlegerische Berufung als „Serendipity“, also eine „zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist“. (Wikipedia)

Rudolf Angeli (Foto: DAP)

Ein Blick auf den liebevoll präsentierten Büchertisch beglaubigt seine Leidenschaft und man möchte die hochwertigen, großformatigen Bücher gern berühren und aufschlagen. Aktuell erschien die 4. Edition, das Balladenbuch „Liebe, Leid & Untergang“ von Klaus Waschk, das als Buchhandelsausgabe und als Vorzugsausgabe mit einer Original-Grafik des Künstlers erhältlich ist.

Bei so vielen spannenden Vortragsthemen konnte man fast das Anschauen ebenjener Büchertische vergessen. Dabei gab es unter den ausgelegten Leseschätzen viel Schönes zu bewundern, so zum Beispiel der Nachdruck der sehr kurzen Erzählung „Die Insel“ von Stefan Zweig, hochwertig gebunden als schmales Heft mit einer nachgedruckten Grafik von Markus Behmer sowie ergänzt durch das Faksimile des handschriftlichen Manuskripts als Beigabe.

Als weitere Besonderheit hat der Verlag Angeli & Engel 2020 den „Hamburger Bothen“ herausgebracht, einen Rundbrief, der sechsmal im Jahr erscheint, um über einschlägige Veranstaltungen zu informieren und die Kontakte innerhalb der Regionalgruppe Nord der Pirckheimer Gesellschaft zu unterstützen.

Antiquarisches und Bibliophiles

In der Alfred-Schnittke-Akademie ging es nach der Mittagspause mit einem Podiumsgespräch weiter. Zunächst sprachen Ralf Plenz und die Verfasserin dieses Artikels über die in Hamburg-Ottensen spielende Trilogie „Großstadt-Oasen“, zu denen auch zwei Podcastfolgen kostenlos zu hören sind. Im weiteren Gespräch zu dritt mit Rudolf Angeli ging es zunächst um die Situation der Antiquariate in Deutschland und die Vor- und Nachteile der Online-Portale, mithilfe derer sich Bücherfreunde zwar einfach sowohl seltene Ausgaben beschaffen als auch durch Verkauf gebrauchter Exemplare ihr Bücherregal aufräumen können, die jedoch für die stationären Antiquare eine Existenzbedrohung darstellen. Denn wegen sofortigen Vergleichbarkeit aller Anbieter des gleichen Produkts fallen die Preise. Ehemals kostspielige Raritäten sind heutzutage für wenige Euro erhältlich. Zudem wird die Anzahl der Leser insgesamt drastisch weniger und teilt sich überdies auf in solche, die noch Papierbücher lesen und andere, die digitale Medien wie E-Books bevorzugen. Das sind immerhin konstant sechs Prozent.

Aus diesem Thema folgte die Frage, was denn eigentlich bibliophil sei? Wikipedia offenbart dazu: Als Bibliophilie bezeichnet man allgemein das Sammeln von schönen, seltenen oder historisch wertvollen Büchern, meist durch Privatpersonen zum Aufbau einer Privatbibliothek nach bestimmten Sammelkriterien. Die drei Diskutanten einigten sich zusätzlich auf die Ausstattung (Haptik, Papierqualität, Bindung, Veredelung, Beigaben wie z. B. Künstlergrafiken und natürlich die besondere Typografie etc.), den Geruch und die persönliche Bedeutung von Büchern für die Leser. Rudolf Angeli empfindet Bücher wie Freunde, was eine berührende Umschreibung und sehr nachvollziehbar für Menschen ist, die sich einmal mit dem Lesen infiziert haben.

Pirckheimer „unterwegs im Büchermeer“ im April

Die Pirckheimer Gesellschaft, die nach eigenem Bekunden „Sammler und andere Verrückte“ beheimatet, betreibt auf ihrer Website auch einen umfangreichen und vielfältigen Blog. Außerdem wird sie am 5. bis 7. April 2024 im Museum der Arbeit (Hamburg-Barmbek) bei der Buchdruckkunstmesse „Unterwegs im Büchermeer“ vertreten sein. Vielleicht kann man dort auch die weiteren Aussteller, die krankheitsbedingt nicht in Altona sein konnten, antreffen und ihre Schätze bewundern.

Sammler und andere Verrückte

Rainer Ehrt: „Kinderbild Christa Wolf“, Druck nach einer Zeichnung. Foto: Pirckheimer Gesellschaft

Bücherliebhaber und -sammler treffen sich zum Austausch
Für alle Buchliebhaber findet bei freiem Eintritt in Hamburg-Altona eine Tagung im Rahmen des Jahrestreffens der Pirckheimer Gesellschaft statt. Die Herausgeberin der bibliophilen Zeitschrift „Marginalien“ hat ihren Sitz in Berlin und vereint nach eigenen Angaben „Sammler und andere Verrückte“, namentlich Bibliophile, Freunde der Graphik (mit ph!) und Exlibrissammler. Es scheint, als trotzte ein kleines gallisches Bücherfreundedorf mit rund 600 Mitgliedern den digitalen Römern, von denen es zunehmend umzingelt wird. Man sollte jedoch nicht glauben, dass man es hier mit ewig Gestrigen zu tun hat, im Gegenteil gelingt es den Pirckheimern, Klassik und Gegenwart harmonisch zusammenzubringen, das Schöne durch die Zeit zu erhalten und Menschen neu für das Medium Buch zu begeistern. Wem das Herz bei leinengebundenen Büchern aufgeht, wer sich gern Exlibris in den Buchdeckel klebt oder gar selbst welche zeichnet, der ist bei dieser Tagung in seinem Element und wird Gleichgesinnte treffen, mit denen es sich vortrefflich fachsimpeln lässt.

Foto: Pirckheimer Gesellschaft

Sicherlich werden auch die „Marginalien“ vor Ort zu finden sein. Diese »Marginalien – Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie« werden von der Pirckheimer-Gesellschaft im quartus-Verlag herausgegeben und geben den Lesern einen Einblick in die unterschiedlichsten Bereiche der Buchkunst und Bibliophilie aus Geschichte und Gegenwart.

Die Pirckheimer-Gesellschaft schaut auf eine bewegte Geschichte zurück: Gegründet 1956 unter dem Dach des Kulturbundes der DDR ist sie jahrzehntelang die größte bibliophile Gesellschaft im deutschsprachigen Raum – zu Hochzeiten mit weit über 1000 Mitgliedern. Sie regt breitenwirksam die Lust aufs gut gemachte Buch an – mit Editionen, Ausstellungen und der eigenen Zeitschrift Marginalien. Aus den unruhigen Wendejahren ersteigt sie neu motiviert und zieht mittlerweile ihre Kreise in ganz Deutschland mit Regionalgruppen von Bayern bis Berlin. Zum Verein Pirckheimer Gesellschaft erfahren interessierte Leser mehr auf der Webseite, die auch Porträts von Sammlern umfasst, und vor allem im Blog.

Das Programm in Hamburg

Die vom Pirckheimer-Mitglied Ralf Plenz ausgerichtete Veranstaltung „Pirckheimer-Treffen samt Vorträgen und Ausstellung mit Gästen der Hamburger Autorenvereinigung und anderen Buchliebhabern“ beginnt am Sonntag, 25. Februar 2024 um 11 Uhr und endet um 17 Uhr.
Anschrift: Alfred-Schnittke-Akademie, Max-Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg (Altona), das ist 400 Meter vom Bahnhof Altona (Fernbahn und S-Bahn) entfernt. Der Eintritt ist frei.

Alfred-Schnittke-Akademie

Es gibt einige Fachvorträge von Kennern antiquarischer Bücher, Druckern, Buchkünstlern, Autoren und Verlegern des besonderen Buchs. Gemeint sind sowohl antiquarische Bücher, Sammlerobjekte und Handpressendrucke, jedoch auch wiederveröffentlichte Klassiker. Die Vorträge sind abwechslungsreich, genügend Pausen für Gespräche sind eingeplant. Dazu gibt es an den Tischen der Aussteller viel bibliophiles Anschauungsmaterial.

 

(Dieser Text enthält Auszüge aus der Homepage der Pirckheimer Gesellschaft. Wir bedanken uns für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.)

Text: Ralf Plenz und Maren Schönfeld

Bob Dylans Porträts in der Alten Druckerei Ottensen

Mit Zeichnungen, Künstlerbüchern und einem Ölgemälde von Bob Dylan wurde die Ausstellung im Rahmen einer gut besuchten Vernissage am 3. November 2023 in der Kultureinrichtung „Alte Druckerei Hamburg-Ottensen“ feierlich eröffnet.
Die aus Polen stammende Künstlerin Anna Perehuda Zalewski (86) lebt und arbeitet seit 40 Jahren als freischaffende Künstlerin in Hamburg und hat sich mit ihren Ausstellungen in Hamburger und norddeutschen Galerien einen Namen gemacht. Ihre Porträtzeichnungen und Porträt-Ölbilder sowie ihre Rosenbilder sind in Künstlerkreisen begehrte Sammlerobjekte. Ihre Werke über Bob Dylan werden nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Künstlerbücher „The Many Faces“ mit ihren Zeichnungen hat die Künstlerin selbst konzipiert und die Liedtexte von Bob Dylan eigenhändig kalligraphiert. Die Künstlerbücher sind in einer limitierten Auflage erschienen und mit der Signatur der Künstlerin versehen. Anna Perehuda Zalewski, die unerschöpfliche, energiegeladene Zeichnerin und Malerin, hat weit über 200 Porträts von Bob Dylan angefertigt.

Wer ist Bob Dylan?

Er kam als Robert Allen Zimmer am 24. Mai 1941 in Duluth im Bundesstaat Minnesota, USA zur Welt und entwickelte sich zu einem weltbekannten US-amerikanischen Singer-Songwriter und Lyriker. Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts und erhielt 2016 als erster Musiker in der Geschichte den Nobelpreis für Literatur.

Bob Dylan ist ein universaler Künstler: In erster Linie ist er Sänger, darüber hinaus spielt er mehrere Instrumente, wie Gitarre, Mundharmonika, Orgel, aber auch Piano. Zu Beginn seiner Karriere war er als Folkmusiker bekannt, wandte sich aber Mitte der 1960er Jahre der Rockmusik zu. Beeinflusst wurde er zudem durch Stilrichtungen wie Country, Blues, Gospel und Musiktraditionen wie das Great American Songbook. Dylans Liedtexte sind vielschichtig und enthalten Elemente der High und Popular Culture. Sein Werk ist umfangreich, anspruchsvoll, vielseitig und strahlt eine starke, poetische Kraft aus. Es spiegelt die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Ereignisse unserer Zeit wider. Dylan hat sich über sein Lebenswerk stets bescheiden geäußert, so auch zur Verleihung des Literaturnobelpreises. Er habe nie darüber nachgedacht, ob seine Texte im engeren oder weiteren Sinne Literatur seien.

Es gibt auch Kritik

Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler und Dylan-Experte, äußerte sich in den Medien, u.a. im Deutschlandfunk Kultur, begeistert über die Werke von Bob Dylan. Zusammenfassend könnte man sagen, dass Bob Dylans Schaffen ein Lebenswerk ist, das man als Text gerne liest und als Song gerne hört, bzw. beides gerne gleichzeitig genießt. Bob Dylan hatte und hat jedoch auch Kritiker. Die einen mögen seine Stimme nicht, die anderen huldigen ihr. Sein Schaffensdrang ist jedenfalls ungebrochen. Der Nobelpreisträger ist mittlerweile 82 Jahre alt und als Dichter, Songwriter und Live-Musiker weiterhin unermüdlich aktiv. Seine phänomenale Größe beweist er immer wieder in der Literatur und Musik. Dylans Songtexte sind eindrucksvoll, seine Melodien reißen das Publikum mit. Seit mehr als 60 Jahren dichtet und singt er, wobei er auch am Klang seiner Stimme fortlaufend arbeitet. Bis jetzt produzierte er Hunderte von Songs und Weltstars wie Harry Belafonte oder Bruce Springsteen coverten seine Stücke. Zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 2016 wurden jedoch auch kritische Stimmen laut. Sein neues Album „Rough and Rowdy Ways“ brachte ihm jedoch großen Erfolg ein und festigte seinen hohen Status in der Welt der Popularmusik.

Bob Dylan hat ein umfangreiches Werk geschaffen, seine Songtexte sind zeitlos und regen dazu an, über uns Menschen, unser Handeln in der Landes- und Weltpolitik, sowie über die Natur nachzudenken. Bob Dylan hat seine Botschaft auf einem weiten Feld in unserer Gegenwart ausgesandt.

Es ist erfreulich, dass sich die bildende Künstlerin Anna Perehuda Zalewski so intensiv mit Bob Dylans Werk beschäftigt hat und es uns mit ihrer Ausstellung ermöglicht, das Lebenswerk Dylans gründlicher zu erschließen und noch tiefgreifender zu verstehen. Während der Vernissage hat die Künstlerin selber das Wort ergriffen. Sie erzählte mit viel Humor, dass sie an dieser Ausstellung etwa drei Jahre lang gearbeitet und sich gequält habe, auch während der langen Corona-Pandemie. Sie wies darauf hin, dass ihre Zeichnungen unverkäuflich seien, da diese Kollektion demnächst in anderen Galerien gezeigt wird.
Die inspirierende Vernissage wurde musikalisch umrahmt: Der Gitarrist David László Kova (u.a. zu finden auf YouTube unter: „Bardenschule David László Kova“) sang und spielte bravourös mehrere Lieder auf seiner klassischen Gitarre.

 

Die Ausstellung endet mit einer Finissage am Mittwoch, den 13.12.2023 um 19:00 Uhr mit Wortbeiträgen und kulturellen Überraschungen.
Alle Interessentierten und Kunstliebhaber:innen sind herzlich eingeladen.
Der Eintritt ist frei.
Adresse: Alte Druckerei Hamburg-Ottensen, Bahrenfelder Str. 73 d

 

Bilder: Anna Perehuda Zalewski
Foto der Künstlerin: László Kova

Franz Schulz. Ein Autor zwischen Prag und Hollywood

  1. cinefest Hamburg, 26.11.2023: „Bomben auf Monte Carlo“ (1931)
Franz Schulz und Elisabeth Trautwein-Heymann beim Kaufladen von Elisabeth Trautwein-Heymann, Foto: G.G. von Bülow

Eine Rede von G.G. von Bülow: Franz Schulz. Ein Autor zwischen Prag und Hollywood

Der deutsche Film hat, bis 1933, einige seiner besten Komödien einem Mann zu verdanken, der kein Deutscher, der aber in der deutschen Sprache zuhause war: Franz Schulz, 1897 im Prag der k.u.k. Habsburger Monarchie geboren, lässt uns autobiographisch wissen: „er habe seine Erziehung nominell am Graben-Gymnasium genossen, wirklich jedoch in den Bildungsstätten Café Arco und Café Continental…“ in denen es laut Karl Krauss nur so „werfelt, brodelt, kafkat und kischt“. Dieses Prager Sammelbecken deutscher Literatur sollte prägend für F.S. und zeitlebens sein Gütesiegel sein.

Nur zu gern folge ich also der cinefest Einladung ins „Metropolis“. Denn genau an dieser Stätte durfte ich 1997 – damals wie heute Mitglied der Hamburger Autorenvereinigung – meine brandneue Biografie Franz Schulz. Ein Autor zwischen Prag und Hollywood (Prag 1997) anlässlich seines 100. Geburtstags den Hamburgern präsentieren. Geehrt wurde er mit einem seiner großen Ufa-Filme von 1930 Die Drei von der Tankstelle – mit der: Achtung! – Musik: von Werner Richard Heymann, seinem „Freund, ein guter Freund…“

(an dieser Stelle mein Dank an Sie, lieber Hans-Michael Bock, dass mir der CineGraph – noch während meiner Recherche- seine Schulz-Filmografie zur Verfügung stellte und Sie mich bereits 1996 als Ihre Co-Autorin zum Franz Schulz-Eintrag in Ihr „Lexikon zum deutschsprachigen Film“ aufnahmen, danke!)

Ein Autor zwischen Prag und Hollywood

Buchcover

Und wenn ich schon einmal dabei bin, das Füllhorn meines Dankes auszuschütten, dann gehen wir im Jahre 1997 einen Schritt zurück, nämlich zur Berlinale im März 1997. Der Leiter der Retrospektive – Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen (Kinemathek Berlin) – hatte meiner Franz-Schulz-Biografie nicht nur einen grandiosen Auftritt im „Astor“ verschafft, er hat mich mit seiner Kompetenz auch immer unterstützt. Dafür bin ich ihm zu großem Dank verpflichtet. Denn eigentlich hatte ich – nach meiner Logik „für eine intelligente Frau gibt es keine Probleme“ – gehofft, ob nicht besser er, Jacobsen, die Biografie schreiben wolle… nachdem Hellmuth Karasek (gerade mit „Billy Wilder“ auf dem Markt) mir suggerierte:“ Ach, Sie kannten den Schulz? dann müssen Sie die Biografie schreiben!“ Dann auch Jacobsen: „Sie kannten den Schulz, also sollten Sie die Biografie schreiben.“ Eine noble Haltung! Doch kannte ich denn „den Schulz“? Aber nein! – ich kannte nur einen Franz Spencer! Seit unserer Begegnung 1958/59 auf Ibiza – damals glückselige Insel internationaler Künstler – seit ich am Blankeneser Elbestrand mein erstes Vierteljahrhundert über Bord geworfen hatte – auf der Suche nach der eigenen Kreativität, in der Hoffnung: nicht nach der verlorenen Zeit! So traf die Aussteigerin auf einen älteren amerikanischen Schriftsteller namens Spencer, der sich auch gerade neu erfand und als „Gentleman-Nomade“ das Mittelmeer umkreiste Ein Exilant. Der mit der Erfahrung: „Die Freiheitsstatue lächelt nicht immer“ nach Europa zurückgekehrt war und – in die deutsche Sprache. Von ihm gesprochen hörte es sich wie das vielgerühmte beste Prager Deutsch an. Spencer schrieb nun für Bühne und Hörfunk, ging Mitte der 1960er schwanger mit seinem „Schwanengesang“, seinem einzigen deutschen Prosawerk: „Candide 19.. oder das miese Jahrhundert“ (München 1966). „Bruder Voltaires“, befindet Wolfgang Jacobsen im Vorwort zur Biografie. Die Presse feierte das Buch u.a. die Süddeutsche…ein satirischer Gruß aus dem Prager Literatencafé alter Schule, ein mondäner Nachtrag zum „Braven Soldaten Schwejk“… (Den glücklichen Autor vor Augen, habe ich seinen „Candide“ 1994 posthum bei Aufbau Berlin neu herausgegeben, was – wenn man das als Erfolg werten kann – diverse Raubdrucke produzierte.)

Doch wo ist der Filmautor Franz Schulz geblieben?

Haben wir in Ibiza etwa über Filme gesprochen? Nein. Selbst wenn im Montesol am Nebentisch die „Jungfilmer“ sich neu entwarfen. Kein Wort. Oder kaum ein Wort! – getreu seiner Lebensdevise: Vom übrigen wollen wir nicht sprechen… Nicht gerade eine Voraussetzung für eine Biografie

Richard Heymann, Foto: Elisabeth Trautwein-Heymann

Also: „Den Schulz“, den musste ich erst recherchieren. Spurensuche vor Ort in Prag (geb.: 22.03.1897) … Wien… Berlin… L.A… New York… Ibiza… Ascona (gest. 07.05.1971 in Muralto/Tessin) Schließlich schälte sich das Profil eines Drehbuchautors heraus, der 1920 in der Medien- und Filmmetropole Berlin den Film für sich entdeckte und als Journalist, Filmkritiker, Schriftsteller, Drehbuchautor arbeitete. Mit dem Stummfilm DIE HOSE (nach Sternheim) erzielte er 1927 seinen Durchbruch. „Ein Champagner-Film – extra dry“, begeisterte sich der Filmkritiker Willy Haas, ebenfalls Prager Autor. Der „Hosenschulz“ war nun so gefragt, dass er sich einen Ghostwriter leisten musste: Billie Wilder – doch das ist eine andere Geschichte. Schulz jedenfalls galt bei der Kritik als „Filmwitterer“– vor allem im aufkommenden Tonfilm als „Komödienautor comme il faut“, der „handgelenkleicht“ schrieb. Der selbst aber filmpublizistisch auch Themen aufwarf, etwa das Verhältnis Regisseur: Drehbuchautor. Eine Dauerklage quasi: von fünf Filmen würde er drei nicht wiedererkennen… Dennoch: sein Erfolg stieg und stieg.

Als Franz Schulz am 4.Februar 1934 auf dem Cunard White Star Liner George, von England kommend, in Richtung USA emigriert, kann er auf eine steile Karriere während der Zeit von 1920 bis 1933 zurückblicken, nämlich auf 20 Stummfilme und 37 Tonfilme (incl. der Versionenfilme – es wurde noch nicht synchronisiert) Selbstkritisch hat er als Franz Spencer später als seine besten Filme nur gelten lassen:

1927 der Stummfilm DIE HOSE;

die großen Tonfilme:

1930 ZWEI HERZEN IM ¾ TAKT (Achtung! – Musik: Robert Stolz)

1930 DIE DREI VON DER TANKSTELLE (Achtung!- Musik: Werner Richard Heymann)

1931 DIE PRIVATSEKRETÄRIN (Durchbruch für Renate Müller)

1931 BOMBEN AUF MONTE CARLO (Achtung! – Musik: Werner Richard Heymann)

Diese Erfolge hat der Exilant Franz Schulz wie auch der naturalisierte Amerikaner Franz Spencer in Hollywood nicht wieder erzielen können. 1954 kehrte er nach Europa zurück.

Doch last not least will ich das Füllhorn meines Danke noch ausschütten über: Prof. Jan Christopher Horak!

Er hatte nicht nur bereits 1994 Franz Schulz eine großartige Retrospektive in München gewidmet und mich zur Buchpräsentation von „Candide 19.. oder das miese Jahrhundert“ eingeladen, er kam auch 1997 zur Berlinale nach Berlin – mit dem restaurierten Franz Schulz-Film MAMDAME HAT AUSGANG (1931) und sagte in seiner Laudatio, was auch heute noch seine Gültigkeit zu haben scheint:

„Der Name ist schon lange vergessen, ebenso wie viele andere auch aus der Zeit vor 1933: Franz Schulz, der sich in Amerika Spencer nannte. Ein Vertriebener, ein Emigrant, heimatlos als Verfolgter, aber auch, weil Drehbuchautoren – im Gegensatz zu Regisseuren – von der Filmgeschichte vernachlässigt wurden. Franz Schulz war einer der Großen des Kinos der späten Weimarer Republik, ein Autor, der es verstand, Kunst und Kommerz geschickt zu verbinden.“

Hört, hört: …weil Drehbuchautoren im Gegensatz zu Regisseuren… Thank you, Horak!, sagt Good Old Spencer, I’m tickled to death…

Das „cinefest 2023! – Achtung! – Musik!“ geht heute zu Ende – mit dem filmhistorischen Abenteuer BOMBEN AUF MONTE CARLO von 1931, einem der erfolgsreichsten Ufa-Filme. Getragen von der: Achtung! – Musik! des großen Werner Richard Heymann. Getragen von dem legendären „ Hamborger Jung“ Hans Albers und dem jungen Star Heinz Rühmann, der vom allmächtigen Hans als „Herr Kollege von der Sommerbühne“ angesprochen wurde. Drehbuch: Ufa-Dramaturg Dr. Hans Müller und:

Franz Schulz und G.G. von Bülow, Foto: G.G. von Bülow

 

FRANZ SCHULZ.

Er war mein väterlicher Freund und Mentor, der mich „daughter“ nannte.

Und nun, Hamburg, hol‘ di wuchtig!!

 

„Ben Butler“ von Richard Strand – die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Ganz ruhig, mein Freund, sonst muss ich dich erschießen.

Vorab ein Warnhinweis für alle Besucher dieses Südstaaten Dramas: Das Stück ist durchsetzt mit toxischer Männlichkeit, denn alle vier Protagonisten sind maskulinen Geschlechts. Keine einzige Frau spielt mit. Ein echtes No Go für Feministen*Innen, die diesen Namen auch verdienen. Besonders schockierend: Das Drama enthält Vokabeln, die weitab der politischen Korrektheit angesiedelt sind. Da ist dieses „N“-Wort, das kein anständiger Mensch in den Mund zu nehmen wagt. Es sei denn, er ist auf Krawall aus. Sie ahnen es bereits. Es handelt sich um den diskriminierenden Begriff „Negro“, der hier sogar im Plural benutzt wird. Denn gleich mehrere schwarze Sklaven sind in den Wirren des 1861 gerade begonnenen amerikanischen Bürgerkrieges ihren Besitzern entkommen.

Und mit diesem augenzwinkernden Einstieg befinden wir uns auch schon mitten in der Handlung von „Ben Butler.“

Ein General in Gewissensnöten

Wir treffen Major General Benjamin Butler in seinem Quartier in Fort Monroe im Bundesstaat Virginia an. Ein gestandener Mann im besten Alter, gekleidet in die goldbetresste königsblaue Uniform der Nordstaaten Armee. Eine Büste des „Schwans von Stratford“ William Shakespeare auf einem Bücherbord weist darauf hin, dass Butler kein dumpfer Haudegen, sondern ein gebildeter Mann ist. Ein Telegramm informiert ihn darüber, dass Virginia sich gerade auf die Seite der Südstaaten geschlagen hat, als sein Adjutant Lieutenant Kelly den Raum betritt. Drei schwarze Sklaven haben das Weite gesucht und begehren Asyl im Fort. Sie haben die Rechnung ohne ihre Besitzer gemacht, die jetzt ihr „Eigentum“ zurückfordern. Der liberal gesinnte Ben Butler befindet sich in einer äußerst prekären Lage. Was soll er tun. Auf der einen Seite sträubt sich sein Gewissen, die Schwarzen womöglich dem Tod auszuliefern, während andererseits das Gesetz von ihm die Rückgabe dieser Menschen an ihre Besitzer verlangt.

„Verhandlungen“ zwischen einem General und einem Sklaven

Soll ich ihm wirklich die Handschellen abnehmen, Sir?

Die ganze Angelegenheit wird dadurch erschwert, dass einer der entlaufenen Sklaven, ein gewisser Shepard Mallory, die Stirn hat, mit dem General sprechen zu wollen. Butler willigt schließlich ein, den sehr selbstbewusst auftretenden jungen Mann zu empfangen. Er lässt ihm seine Ketten abnehmen und bietet ihm sogar ein Glas Sherry an, das Mallory jedoch nicht goutiert. Butler erklärt ihm, dass er ihm aus rechtlichen Gründen kein Asyl im Fort gewähren kann. Da er von Haus aus Anwalt ist, kennt er das Gesetz. Mallory kontert, ein Jurist könne das Gesetz zu seinen Gunsten „drehen“ und ihm Asyl gewähren. „Das ist es doch, was ihr Anwälte tut,“ fügt er frech hinzu. Butler ist entsetzt. Denn ein Winkeladvokat, der das Gesetz je nach Gusto verbiegt, ist er nicht. Die Intelligenz des Sklaven, der offenbar lesen und schreiben kann, erstaunt ihn ebenfalls. Die Sklavenhalter setzten doch alles daran, ihr „Eigentum“ in Unwissenheit zu belassen. Mallory will das Argument Butlers nicht gelten lassen, sondern beginnt zu randalieren und mit der Faust auf den Schreibtisch des Generals zu schlagen. Das ruft den braven Kelly auf den Plan, der Mallory mit seiner Pistole bedroht. Butler entschärft die Situation. Er schickt Kelly hinaus, der Mallory fragt, ob alle Neger so sind wie er. Nein, er sei einzigartig, erklärt dieser, und „keiner mag mich.“ Er zieht sein Hemd aus und zeigt seinen von zahlreichen Narben entstellten Rücken. Es stellt sich heraus, dass Mallory und die zwei anderen entlaufenen Sklaven nicht etwa Baumwolle gepflanzt haben, sondern zum Bau von militärischen Anlagen herangezogen wurden. Er und seine Kameraden bieten Butler an, dieselbe Arbeit für die Unionstruppen zu verrichten, um diesen zum Sieg über die Konföderierten behilflich zu ein. Butler sitzt in der Falle. Er möchte Mallory gern helfen, ist jedoch nicht bereit, das Recht zu brechen. Ist es nicht besser, den jungen Mann in Richtung Norden entkommen zu lassen. Mallory ist gewieft und wird seinen Weg schon finden. Aber Mallory lehnt stur ab und bleibt.

Besuch von der gegnerischen Seite

Ich verstehe nicht, dass Virginia die Union verlassen hat.

Das Unheil naht in der Person des konföderierten Generals Cary, der Butler am nächsten Morgen seine Aufwartung macht Cary ist ein eitler Gockel in der grauen, mit Goldfransen und Schärpe dekorierten Uniform der Südstaatler – eine Karikatur seiner selbst. In näselndem Tonfall fordert er ohne Umschweife die Rückgabe der drei Sklaven. Das Angebot, ein Glas Sherry mit Butler zu trinken, lehnt er ab. Butler ist verärgert über Carys Arroganz und herablassende Art. Der besteht auf der Rückgabe der Sklaven, die legitimes Eigentum ihrer Besitzer sind. Doch Butler widerspricht, weil diese drei Männer für den Bau militärischer Befestigungsanlagen auf konföderiertem Gebiet eingesetzt wurden. Sie sind daher im juristischen Sinne „Contraband of War“ – also eine Art „Kriegs-Schmuggelware“ – ergo Kriegsbeute. Somit hat Butler das Recht, die Sklaven zu beschlagnahmen wie beispielsweise Kanonen oder anderes Kriegsgerät, das ihm in die Hände gefallen wäre. Ein genialer Schachzug! Weitere Verhandlungen laufen ins Leere.

Freiheit für die Sklaven mit Auflagen

Ist Mallory nun ein freier Mann? Nein, er ist „Contraband“ – Kriegsbeute – und kann sich bewähren, indem er das gleiche tut, was er bislang für die konföderierte Armee getan hat. Er soll auch weiter Befestigungswälle bauen. Diesmal allerdings für die Armee der Gegenseite. Dieses Angebot scheint akzeptabel. Obgleich Butler insistiert, das Wort „Contraband“ dürfe auf keinen Fall die Runde machen, ist es bereits in aller Munde. Neben Mallorys Frau Fanny reklamieren weitere acht entlaufene Sklaven den Status „Contraband“ für sich. Hochstimmung herrscht in Butlers Büro. Drei Gläser werden randvoll mit Sherry gefüllt. Butler, Kelly and Mallory prosten sich zu. Mallory bringt einen Toast aus. „Auf Contraband,“ ruft er ausgelassen. Und damit ist die leidige Angelegenheit vom Tisch. Prost!

Mit „Ben Butler“ liefert Richard Strand eine Tragikomödie, die trotz aller Brisanz mit vielen komischen, zuweilen skurrilen Szenen und Dialogen gewürzt ist. Besonders beeindruckend ist der verbale Schlagabtausch auf Augenhöhe zwischen Butler und Mallory. Dieses Stück, das eines der abstoßendsten Kapitel der amerikanischen Geschichte zum Inhalt hat, die Sklaverei, erweist sich als durch und durch humanes Narrativ. Narrativ insofern, als nicht gesichert ist, wieviel Wahres wirklich in der Geschichte um Ben Butler und sein humanitäres Handeln steckt. Fest steht, dass der Konflikt zwischen Yankees und Südstaatlern nicht zuletzt der Befreiung der Sklaven diente, die einst aus Afrika importiert wurden, um auf den Baumwollfeldern unter menschenunwürdigen Bedingungen zu schuften. Auch die Indigopfanzen, die den begehrten blauen Farbstoff lieferten, trugen in erheblichem Maße zum Reichtum der Plantagenbesitzer bei. Jegliche Romantik, die wir aus verschiedenen Südstaaten-Romanen kennen – u.a. „Vom Winde verweht“ und „Tiefer Süden“ – ist fehl am Platze. Wenn auch nicht wenige Pflanzer die Fürsorgepflicht zugunsten ihrer Schutzbefohlenen – sprich Sklaven – durchaus ernst nahmen, sie zugleich aber wie unmündige Kinder behandelten, so wurde das Gros von ihnen nicht nur ausgebeutet, sondern häufig auch brutal misshandelt. In „Ben Butler“ begegnen wir in Shepard Mallory einem Sklaven, der intelligent und wissbegierig ist und sich mit seinem Schicksal als Underdog nicht abfinden will. Er ist aufmüpfig, sogar dreist und respektlos Ben Butler gegenüber, der jedoch die Größe besitzt, ihm dies nicht sonderlich übel zu nehmen. Er erweist dem Schwarzen sogar die Ehre, ihn stets mit „Mr. Mallory“ anzureden statt irgendwelche diskriminierenden Begriffe zu benutzen. Mallory ist sogar alphabetisiert. Lesen und schreiben zu können war den meisten schwarzen Sklaven sogar unter Androhung drastischer Strafen strikt verboten. Denn Wissen ist Macht. Und gebildete Menschen sind in der Lage, sich mit Argumenten zu wehren. Das beweist Mallory mit seiner Renitenz gegen jedwede Art von Bevormundung und mit seiner Schlagfertigkeit, als er dem Anwalt Ben Butler entgegenhält, er sei schließlich nicht Alexander der Große.

„Ben Butler“ ist ein anrührendes Stück, in dem sich hoch dramatische und mit viel Witz gewürzte Szenen die Waage halten.

Tut mir leid, Mr. Mallory, aber ich kann Ihnen nicht helfen.

Die Auswahl der Protagonisten verdient höchstes Lob. Jonny Magnanti, der fast schon zum Inventar des English Theatre zählt, demonstriert erneut seine schauspielerische Vielseitigkeit. Dieser Mime ist in allen Sätteln gerecht. Diesmal glänzt er in der Rolle des Ben Butler, dem man trotz aller Härte eines mit allen Wassern gewaschenen Militärs seine zutiefst menschliche Seite abnimmt.

Lieutenant Kelly (Cameron Barclay) verkörpert den strammen befehlsgewohnten Adjutanten bis ins Detail, während Hayden Mampasi mit unwiderstehlichem Charme in die Rolle des aufmüpfigen Shepard Mallory schlüpft. Schließlich, doch nicht zuletzt betritt Will Middleton die Bühne. Besser als er kann man den arroganten selbstgerechten Herrenmenschen Cary nicht persiflieren. Für den „Gentleman Farmer“, im Sezessionskrieg einer der „Helden in Grau“, ist das Leben eines Schwarzen weniger wert als das eines Hofhundes. Was aus dieser Spezies wurde, zeigte der Ausgang des Bürgerkrieges 1865 in aller Deutlichkeit. Yankee Doodle!

Ein inspirierender Theaterabend. Dank an alle Mitwirkenden, besonders an Direktor Clifford Dean, der das vierblätterige Kleeblatt auf der Bühne professionell begleitete.

Über den amerikanischen Autor Richard Strand wissen wir wenig. Nur soviel: Er hat sich eines brisanten historischen Stoffs aus der Geschichte der seinerzeit noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika angenommen und diesen in ein grandioses Theaterstück umgesetzt. Übrigens, Major General Benjamin Butler ist keine fiktive Figur. Er hat wirklich existiert und offensichtlich mit seinem mutigen Handeln zur Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten mit beigetragen. Chapeau!

„Ben Butler“ läuft bis einschließlich 4. November 2023. Tickets unter der Telefon-Nummer 040-227 70 89 oder online unter www.english.theatre.de

Nächste Premiere: „The Hound of Baskervilles” von Arthur Conan Doyle, am 20. November 2023

Fotos: Stefan Kock

Ein Drängen, das auf verstürzten Wegen Freiheit sucht

Gedenken an den Lyriker und Künstler Winfried Korf (1941-2021)

Als ich, frisch gebackene Sekretärin der Hamburger Autorenvereinigung, mit dem Korrekturlesen der Beiträge für die Anthologie „Spuk in Hamburg“ (Verlag Expeditionen, Hamburg 2014) befasst war, beeindruckten mich zwei Gedichte eines Lyrikers besonders, den ich bislang nur vom Sehen kannte. Dieser Lyriker arbeitete sehr traditionell, mit einem packend bildhaften und eloquenten Wortschatz, geschliffenem Metrum und gestochenem Versmaß. Wer war dieser Mensch, der einer offiziellen Version der Gattung Lyrik „linksbündiger Flattersatz“ mit althergebrachter Wortgewaltigkeit trotzte?

Bei unserer Lesung zur Vorstellung der Anthologie ließ ich mir auch ihm ein Autogramm auf seine Autorenseite schreiben. Seine Widmung lautete: „In Erinnerung an die glanzvolle Vorstellung unserer Anthologie“. Seine Schrift war genauso wie seine Gedichte: Barock und verschlungen.

Einige Jahre später war unser Kontakt zu einer Freundschaft gediehen, die auch das gemeinsame Arbeiten an unseren Gedichten – für eine ganze Zeit auch zu dritt mit einer weiteren HAV-Kollegin – einschloss. Wir diskutierten, manchmal hart, über Formulierungen und den Sinn von Interpunktion in Gedichten. Man konnte sich an ihm die Zähne ausbeißen! Aber gerade das machte es so spannend, denn sein Humor verließ ihn dabei nie. Unsere völlig unterschiedliche Art zu schreiben war kein Hindernis, sondern gerade eine Bereicherung. Dabei hatte Winfried die Angewohnheit, zu „schweren Fällen“ nicht nur Bearbeitungsvorschläge zu unterbreiten, sondern ein eigenes Parallelgedicht zu schreiben. Eine einzigartige Erfahrung, die eine völlig neue Perspektive auf den eigenen Text eröffnete.

Diese Parallelgedichte sind nun, gut anderthalb Jahre nach seinem Tod, neben seinen wunderbar gestalteten handschriftlichen Briefen und seinen Gedichten, ein großer Schatz für mich.

Karin Grubert und Winfried Korf, Foto: privat

Winfried Korf war Maler, Zeichner, Lyriker. Er war auch Historiker, Dozent in der Erwachsenenbildung und Dramaturg, er spielte Klavier, er war ein Tausendsassa. Und er war ein Mensch, der niemals stillzustehen schien. Wenn er nicht schrieb, zeichnete er. Wenn er nicht malte, fotografierte er. Er war ein Getriebener, manchmal kam er mir vor wie jemand, dessen Kerzen an beiden Enden brannte. In seiner letzten Lebensphase sagte er mehrmals, er könne noch nicht sterben, er habe noch zu viel vor. Und bis zu seinem letzten Tag am 14.12.2021 schrieb und malte er, unermüdlich. Die Überschrift dieses Textes, ein Zitat aus seinem Gedicht „Ewige Wanderung“ (Buchtitel s. u.) erscheint mir wie eine Beschreibung seines Wesens. Das Drängen, das ihn antrieb, blieb bis zum letzten Moment. Er hinterließ Mengen an Werken in Wort und Bild, ein Gesamtkunstwerk, das seine Frau Karin Grubert nun unermüdlich ordnet, sortiert und erfasst. Berührend dabei ist, dass er selbst vieles zusammengestellt hatte, das Ordnen seiner künstlerischen Dinge könnte man als Vermächtnis auffassen.

Uns verband die Lyrik, die Literatur, ein wenig auch die Malerei. Natürlich flossen in unsere Gespräche seine umfangreichen Kenntnisse aus den anderen Bereichen seines Wissens ein, aber nie schulmeisterlich, sondern immer dezent, zurückhaltend und bereichernd. Sein Sinn für das Schöne, der Hang, jede Box für Notizzettel, jede Schachtel, jede Mappe mit künstlerischen Elementen zu veredeln, umgab ihn wie ein Raum, in dem er lebte. Alles, was er anfasste, machte er zu Kunst.

Unsere Gespräche über unsere Gedichte, aber auch über andere Literatur, über das Leben, Gott und die Welt, den Garten, die Liebe – diese Gespräche fehlen mir unendlich. Dankbar bin ich dafür, dass wir uns begegnet sind. Dankbar auch für seine Gedichte, mit denen er seine Handschrift hinterlassen hat. Spät entdeckte er, der Reimdichter, das ungereimte und minimalistische Haiku; eine Form, der er exzessiv frönte und sie auch mit seinen Fotografien zusammenbrachte. Vielleicht hätte er heute, bei einer Feier anlässlich seines 82. Geburtstag, in fröhlicher Runde welche zitiert. Ganz bestimmt ist dieser Tag ein Anlass, in seinen Gedichtbänden zu lesen. Dies ist eins meiner Lieblingsgedichte:

Auf dem Stege
Betrachtungen im Böhmerwald

Immer anders, immer gleich: Geweb’ der Wellen,
Die hurtig über Wehr und Felsen schnellen,
Im Lichte springen, gleich gejagten Rudeln
im dunklen Grunde unter Wurzeln strudeln.

Immer gleich und immer anders: Streit der Steine.
Jeglicher am andern und für sich alleine
Werden sie flussab geschoben und im Schieben
Aneinander zu Geröll und Sand zerrieben
Und als Stoff zum späteren Gebären
Neuer Bergeswelt begraben in den Meeren. –

„Du steigst nicht zweimal in denselben Fluss“:
Er ist es und er ist es nicht.
Du bist es und du bist es nicht.
Wir alle ändern Leben, Lauf, Gesicht –
Ein jeglicher nach seinem Muss.

Und doch ist’s nur die eine Sphäre,
Darin Zerstörer durch die Zeiten kreisen,
Sich steigern, gipfeln, mindern und zerreißen,
Sich verflammend ineinander schweißen
Zu Gestalten, schmelzend in der Leere,

Daraus der Geist sich seine Körper schafft:
Die Dinge als Verdichtungen der Kraft.
Von dem Stege zwischen Hier und Dort,
Von seines Bogens aufgewölbtem Ort,
Der, keines Ufers Eigen, beide bindet
Und überschreitet und kein Ziel je findet,

Schau‘ ich hinunter auf das Schnellen,
Auf das Geweb‘ der Steine und der Wellen:
Strömen, strömen, strömen – Takt der Zeit,
Verschränkt in den Kristall der Ewigkeit.

Winfried Korf (1941-2021): Wanderung im Abend, BoD, Norderstedt 2016

Titel von Winfried Korf bei Amazon: https://www.amazon.de/s?k=winfried+korf&crid=11IILNECC0KER&sprefix=winfried+korf%2Caps%2C89&ref=nb_sb_noss

Endlich wieder Leipziger Buchmesse!

Wie schön! Nach drei Jahren coronabedingter Pause fand endlich wieder die Leipziger Buchmesse im Verbund mit der Manga-Comic-Con und dem Lesefest Leipzig statt. Mit rund 2.000 Ausstellern aus 40 Ländern, mehr als 3.000 Veranstaltungen und rund 3.200 Mitwirkenden an etwa 300 Veranstaltungsorten bot die Messe wie vor Corona eine große Bühne für Autorinnen und Autoren, für Verlage und natürlich für die Leserinnen und Leser. Oder sollte man genauer sagen Hörerinnen und Hörer?  In zahlreichen Lesungen, Talkrunden, Interviews und Mitmachaktionen wurden alle Aspekte rund um Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt vorgestellt. Aber es wurden auch – so ist es gute Tradition hier – viele Fragen zu den generellen Themen Zukunft des Buches, veränderte Lesegewohnheiten des Publikums und Situation der Autorinnen und Autoren diskutiert. Eher am Rande ging es auch um politische Themen.

Ich besuchte die Leipziger Messe vor Corona etwa alle zwei Jahre. Einerseits, um jeweils meine eigenen neuen Bücher auf Lesungen vorzustellen, anderseits, um mich über den Stand der Dinge zu informieren, Anregungen zu bekommen und bekannte Autorinnen und Autoren zu erleben beziehungsweise weniger bekannte zu entdecken. Immer spannend und inspirierend!

Was würde sich verändert haben nach dieser Zwangspause?

Stand Österreichs

Mein erster Eindruck: Vor allem überall Freude, dass die Buchmesse wieder stattfindet. Allerdings hat Corona Spuren hinterlassen: Man rechnete mit ca. 40 % weniger Besuchern (es sollten dann doch fast 250.000 werden!), und auch die Hallen waren längst nicht völlig ausgebucht. Aller (Neu-) Anfang ist eben schwer. In vielen Gesprächen wurde geklagt, dass die stark gestiegenen Papier- und Produktionskosten für die Buchherstellung das Verlagswesen erheblich belastet haben und noch belasten. Aber es war auch viel Optimismus nach dem Motto „Trotz allem!“ zu spüren. Vielfach wurden die staatlichen Hilfen unter dem Titel „Neustart Kultur“ lobend erwähnt. Ja, und das spezifische „Leipziger-Buchmessen-Feeling“ stellte sich nicht nur bei mir ganz schnell wieder ein. Überall Lesungen, Gespräche und Buchvorstellungen, jede Menge junger Leute in ihren Verkleidungen und geschäftiges Treiben an den Verlagsständen und auf den diversen Foren. Allerdings fiel auf, dass selbst größere Verlage auf oft etwas kleineren Ständen als früher vertreten waren.

Wer diese Messe besucht, sollte sich Schwerpunkte setzen, denn sonst verliert man leicht den Überblick und läuft irgendwann orientierungslos durch die Gegend, was zugegebenermaßen auch seine Vorteile haben kann. Manchmal stößt man dadurch auf unentdeckte literarische Schätze, hört interessante, noch unentdeckte Autorinnen und Autoren oder gerät in spannende Diskussionsrunden.

Preisverleihung

Für mich als Autor von Belletristik sind die neuen Romane des Jahres ein naheliegender Schwerpunkt, auf den ich mich konzentriert habe. Dementsprechend habe ich den Bereich Sachbuch nur gestreift, und über Krimis, Horror, Fantasie und Jugendliteratur können andere viel kompetenter schreiben.

Preise der Leipziger Buchmesse

Der Höhepunkt des ersten Messetages war die Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Sachbuch, Übersetzung und Belletristik. Es war wie in besten Zeiten gerammelt voll in der zentralen Glashalle. Die fünf nominierten jeder Kategorie waren jeweils anwesend, und erst mit der Bekanntgabe der Gewinnerinnen und Gewinner löste sich die Spannung. In der Kategorie Belletristik kürte die siebenköpfige Jury den türkischstämmigen Dinçer Güçyeter für sein Familienportrait „Unser Deutschlandmärchen“. Für mich eine Überraschung, waren doch u.a. auch die viel bekannteren Clemens J. Setz und Ulrike Draesner nominiert. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der Kategorie Sachbuch/Essayistik Regina Scheer sowie Johanna Schwering in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet wurden.

Wie vergänglich nicht nur sportlicher, sondern auch literarischer Ruhm ist, zeigte sich mir bei einem Gespräch im ARD-Forum mit dem großartigen Lyriker Jan Wagner. Der war 2015 umjubelter Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik gewesen, und nun berichtete er vor lichten Reihen über Idee und Produktion des Podcasts „Book of Songs“. Anschließend war ich der Einzige, der sich seinen wunderbaren Lyrik-Band „Regentonnenvariationen“ signieren ließ.

Gastland war in diesem Jahr Österreich. Dementsprechend setzte ich meinen Schwerpunkt und hörte mir Lesungen und Gespräche mit u.a. mit Michael Köhlmeier, Tonio Schachinger, Raphaela Edelbauer und Teresa Präauer an. Ständig muss man sich zwischen unendlich vielen Angeboten entscheiden, und immer beschleicht einen das Gefühl, irgendwo anders etwas zu verpassen. Man sollte gelassen bleiben, auch mal hier und dort ungeplant hineinhören, um so ganz eigene Entdeckungen zu machen. So besuchte ich auf Empfehlung von Lou A. Probsthayn, dem Betreiber des in Hamburg ansässigen Literatur Quickie Verlages, eine abendliche Lesung in einer Eisdiele am Stadtrand von Leipzig. Denn das ist eine der Besonderheit hier: Begleitend zur Messe findet das Festival „Leipzig liest“ nicht nur auf dem Messegelände, sondern überall statt: In Cafés, Bankfilialen, diversen Vereinen und vielen anderen Orten der Stadt.

Ulrike Schrimpf im Café

Schon diese Location war eine Attraktion: Im Stil der 1970er Jahre bot das Café ein lauschig-nostalgisches Ambiente, und die Lesung von Ulrike Schrimpf aus ihrem Roman Lauter Ghosts bekam dadurch einen besonderen Reiz, dass die männlichen Passagen von einem Schauspieler des Stadttheaters Halle im Wechsel mit der Autorin gelesen wurden. So konnte der Text noch mehr funkeln.

Und die Politik? Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine? Spielte kaum eine wahrnehmbare Rolle. Ich hatte mich dennoch entschlossen, der Vorstellung des Buches „Kremulator“ des belarussischen Autors Sasha Filipenko zuzuhören, der im Exil in der Schweiz leben muss. Auf ihn war ich durch seinen das russische Herrschaftssystem entlarvenden Roman „Die Jagd“ aufmerksam geworden. Und jetzt? Besuchten vielleicht 20 Zuhörerinnen und Zuhörer diese Veranstaltung.

Kein Vergleich zu einem Autor wie Sebastian Fitzek! Um sich von ihm ein Buch signieren zu lassen, standen die vor allem jugendlichen Fans in einer mindestens 100 m langen Schlange an. Überhaupt die Jugend. Ihr wird schon traditionell viel Raum gegeben. Auffallend die kostümierten Kids, die sich vor allem für Mangas, Horror, Phantasie und Lebenshilfe interessieren. Hochwertige Literatur ist das sicher nicht, und ich frage mich, zu welchem Ergebnis das führen mag, denke aber: Besser sowas lesen als gar nichts. Schließlich ist lesen bzw. lesen können eine fundamentale Fertigkeit, die nicht bei allen Jugendlichen in wünschenswertem Umfang vorhanden sind.

Und Corona? Alles schon vergangen und vorüber? Hoffentlich! Auf ein Neues: Auf zur Leipziger Buchmesse 2024, vom 21.bis 24.März. Gastland wird dann übrigens die Niederlande plus Flandern sein.

Märchen und Musik zum japanischen Tanabata-Fest

Samstag, 8. Juli 2023, 15:00 Uhr, Sülldorfer Kirchenweg 161, 22589 Hamburg

Tanabata (七夕) ist eines der wichtigsten und beliebtesten Feste des japanischen Sommers: In der siebten Nacht des siebten Monats wird das Sternenfest gefeiert und einer alten Legende über die Liebe des Rinderhirten Hikoboshi (彦星) und der Weberprinzessin Orihime (織姫) gedacht. Überall in den Straßen findet man farbenfrohe Dekorationen aus Bambus, an welchen bunte Sterne und Girlanden aus Papier sowie kleine Wunschzettel gehängt werden. Schließlich ist Tanabata auch ein Fest der Wünsche – und solange kein Regen fällt, bestehen gute Chancen, dass die auf Papier verewigten Wünsche auch in Erfüllung gehen.

Das Sternenfest wollen wir in diesem Jahr auch in Hamburg feiern, und so lädt am Samstag, dem 8. Juli 2023, um 15:00 Uhr das Deutsch-Japanische Forum Elbe e. V. (DJFE) gemeinsam mit der Kirchengemeinde Blankenese  zu einem Sommerkonzert mit kleinem Rahmenprogramm in der Friedhofskapelle Blankenese (Sülldorfer Kirchenweg 161, 22589 Hamburg) ein.

Es erwartet Sie ein wunderbares Konzert, das von verschiedenen Solistinnen und Solisten sowie dem Sakura-Chor des DJFE gestaltet wird und in welchem Sie nicht nur japanische und deutsche Lieder genießen, sondern selbstverständlich die ganze Geschichte von Hikoboshi und Orihime erfahren können. Im Anschluss an das musikalische Programm laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam Bambus zu dekorieren und Ihre Wünsche anzubringen .

Über das DJFE e. V:

Das Deutsch-Japanische Forum Elbe e. V. ist ein im Jahr 2014 gegründeter Verein aus dem Hamburger Westen mit nunmehr über 650 Mitgliedern, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den deutsch-japanisches Austausch mit kulturellen Veranstaltungen und sozialem Engagement zu fördern. Hierzu gehören neben einem regelmäßigen Stammtisch über das Jahr verteilt verschiedene Konzerte, Vorträge und Events sowie die aktive Unterstützung japanischer Bürger*innen in Hamburg bei unterschiedlichen Belangen.     http://www.djfe.de/      https://www.facebook.com/djfeev/

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Bild 1: https://unsplash.com/de/fotos/fUnfEz3VLv4 (Graham Holtshausen @ unsplash.com)

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Die japanische Mythologie, der Shintōismus und der Tennō

Das Deutsch-Japanische Forum Elbe e. V. (DJFE e. V.) lädt herzlich zu einer Vortragsveranstaltung zum Thema „Die japanische Mythologie, der Shintōismus und der Tennō“ mit Dr. Kenji Kamino mit anschließender Diskussion, Getränken und einem kleinen Imbiss ein.

Das japanische Kaiserhaus ist die älteste ununterbrochene Erbmonarchie der Welt und stützt sich in seiner Entstehungs- und Legimationsgeschichte eng auf die japanische Mythologie: Der Legende nach ist der erste Kaiser, Jimmu Tennō, der Japan ca. 660 vor Christus regierte, ein Nachfahre der shintōistischen Sonnengöttin Amaterasu, und erhielt von ihr die drei Reichsinsignien, welche bis heute am Kaiserhof aufbewahrt werden sollen. Und obgleich Jimmu Tennō wahrscheinlich eher eine sagenumwobene als eine historische Gestalt war, ist doch die Verbindung zwischen diesen Legenden, der japanischen Religion und dem Kaiserhaus nach wie vor eng verwoben: Während der Tennō heute politisch rein repräsentative Funktionen einnimmt, ist er zugleich oberster Priester des Shintō und somit in seiner religiösen Rolle von zentraler Bedeutung.

Zu dieser hochkomplexen und spannenden Verbindung referiert Dr. Kenji Kamino in seinem Vortrag und führt die Zuhörenden über japanische Mythologie und die ersten Gottheiten Izanagi und Izanami, die Entstehung des shintōistischen Glaubens und die Geschichte des Kaiserhauses bis in die Moderne, in welcher die Rolle des Tennō nicht nur im Rahmen der Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert, sondern vor allem in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg neu definiert werden musste.

Über den Referenten Dr. Kenji Kamino:

Dr. Kenji Kamino, geboren 1953 in Oita, lebt seit 1974 in Deutschland. Nach dem Studium der Humanmedizin in Marburg und Düsseldorf war er als Pathologe tätig, zuletzt von 1990 bis 2005 an der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit vielen Jahren wirkt Dr. Kamino als ehrenamtlicher Referent zu verschiedenen Themen rund um die japanische Geschichte und Kultur. Auch für das DJFE e. V. hielt er bereits mehrere Vorträge, unter anderem zu den Themen „Esskultur“, „Samurai“ und „Japanische Keramik und Töpferkunst“.

 

Samstag, 17. Juni 2023, 15 Uhr (Einlass ab 14:40 Uhr)
Clubraum des Deutsch-Japanischen Forums Elbe e.V., 1. OG, Baumweg 15, 22589 Hamburg
Der Eintritt ist frei. Spenden für den DJFE e.V. sind willkommen.

Bitte melden Sie sich wegen der räumlich begrenzten Kapazitäten per E-Mail unter office@djfe.de an.

Über das DJFE e. V:

Das Deutsch-Japanische Forum Elbe e. V. ist ein im Dezember 2014 gegründeter Verein aus dem Hamburger Westen mit nunmehr über 650 Mitgliedern, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den deutsch-japanisches Austausch mit kulturellen Veranstaltungen und sozialem Engagement zu fördern. Hierzu gehören neben dem regelmäßigen Stammtisch „Stammtisch Elbe“ sowie Chor-Übungsabenden unseres gemischten Freundschafts-Chores „Sakura-Chor“ über das Jahr verteilt verschiedene Konzerte, Vorträge und Events sowie die aktive Unterstützung japanischer Bürger*innen in Hamburg bei unterschiedlichen Belangen.

Homepage: https://djfe.de/

Bildnachweis:
Empfangsraum im Kaiserpalast (https://www.ac-illust.com/)

„Frühlingsgruß 2023“ vom „Eidelstedter Farbpinsel“

Beatrice Funk: Schattenfrau

Die Kunstschaffenden und ihre Gäste haben am So., den 01.04.2023 einen schönen Festtag im Albertinen-Haus in Hamburg-Schnelsen erlebt. Die Vernissage der Malgruppe Eidelstedter Farbpinsel war   im Wesentlichen ein farbenfrohes Fest der bildenden Kunst, und zwar in Begleitung von Literatur und musikalischen Klängen auf dem Keyboard.

Es war wieder ein Erlebnis, diverse malerische Auffassungen in einer lukrativ gestalteten Ausstellung mit zahlreichen Gästen wahrhaft zu genießen. Das Publikum sammelte sich zunächst in den Gängen, wo die Kunstwerke zwei Monate lang zu sehen sind. Für die Kunstinteressierten ergab sich die Möglichkeit, sich schon vor der Eröffnungsrede einen Überblick über die Gemälde und die Kunstfotografie zu verschaffen. Intensive Gespräche wurden unmittelbar vor den Bildern geführt. Die Künstlerinnen und Künstler sprachen mit den Bildbetrachtern ausführlich über Bildinhalte, Maltechniken und Malprozesse, oder überhaupt wie ihre Gemälde in Aquarell, Acryl, Collagen und Mischtechniken auf Leinwänden und Büttenpapier entstanden sind. Das Publikum war rege interessiert an der großen Vielfalt der gemalten Werken und der Kunstfotografie. Die hochwertige Präsentation umfasst weit mehr als 50 Bilder.

Margrit Lunk: Elefantenmutter mit ihrem Baby

Humor und Lustigkeit leiteten die Vernissage ein, da  der Kursleiter und Laudator Dr. László Kova einen witzigen Text vorlas, bevor er seine „akademische “ Eröffnungsrede vortrug. Die Anwesenden erhielten einen weit gefassten Bogen über die bildende Kunst von der Höhlenmalerei über die diversen Stilrichtungen wie Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus und abstrakten Malerei bis zur Gegenwart.

Vielfalt und Freude beim Eidelstedter Farbpinsel

Der Eidelstedter Farbpinsel besteht länger als 20 Jahre und ist eine lose Vereinigung von Malerinnen und Malern, die montags im modern umgebauten Kulturhaus Eidelstedt, genannt „steeedt“, ihre malerischen Ideen in diversen Kunstauffassungen „sichtbar machen“. Der Kursleiter Kova sieht das Wesentliche seiner Wirkung darin, dass er fachliche und individuelle Hilfe leistet, um jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer bis zur Leistungsgrenze zu bringen. Den Erfolg bezeugen die Werke.

Angelika Eickemeyer: Adieur, mon amour

Die Bildtitel erzählen Vieles über die Bildinhalte, wie: Frühling ist da, Spirit of  Nature;  Adieu, mon amour!, Schattenfrau 1 und 2, Pythagoras, Tanz der Vögel, Abendstunde, Frühlingsschuh sucht neuen Besitzer und aus den Kunstfotografien z.B. Mandelblüte auf Sizilien.

Es ist unbedingt zu erwähnen, dass die malerische Fertigkeit der Ausstellerinnen und Aussteller die geschickte Auswahl der Bildinhalte unterstützt, die ebenso bei den in Aquarell und Acryl gemalten Tafelbildern wie auch in den Ölgemälden zum Ausdruck kommt.

Ein Höhepunkt der Vernissage war das „Podiumsgespräch“, in dem die Kunstschaffenden vor dem Publikum über ihre eigene künstlerische Laufbahn und die persönliche Bedeutung der Beschäftigung mit dem Kunstschaffen berichteten. Mehrere fingen erst im späteren Alter mit dem Malen an, da ihnen der Beruf und/oder die Kindererziehung keine Zeit für ein Hobby ermöglichten. Diese Erwähnung soll jede und jeden unter dem Motto zur Tat ermutigen: „Es ist nie zu spät!“

Gisela: Blüten

Die Bildpräsentation spiegelt eine seltene Führungspraxis der Kursleitung wider: Unter den Ausstellerinnen sind auch mehrere vertreten,  die z.B. aus Alters- oder Krankheitsgründen schon lange keinen Kurs mehr besuchen konnten. „Niemanden lassen wir allein“, sagt Dr. László Kova. „Sie gehören auch zu uns. Der Kontakt zu den früheren Kursmitgliedern wird auch regelmäßig gepflegt.“

Die Protagonisten der Ausstellung in der Frühlingskollektion 2023 sind Ute Bantin, Ingrid Degler, Evelin Dreyer, Angelika Eickemeyer, Sigrid Garz-Othmer, Hans-Peter Ferch,  Beatrice Funck, Gisela, Brigitte Konieczny, Laki, Dieter Langlott, Lieselotte Lehmann, Joachim Lunk, Margit Lunk, Renate Mühe, Andrea Otto, und Selen Yilmaz.

 

Renate Mühe: Gestrandetes Boot

Die Ausstellung Frühlingsgruß 2023 ist im April-Mai 2023 im Albertinen-Haus (Sellhopsweg 18-22, 22459 Hamburg-Schnelsen) jeden Tag für die Öffentlichkeit geöffnet.

 

Kursinteressierte können Informationen über die laufenden Malkurse vom Kursleiter Kova erhalten. Seine Erreichbarkeiten sind Tel.: 040/57 45 77 oder edition.kova@web.de.

„The Who & The What“ – The New Play at the English Theatre of Hamburg

How dare you write such blasphemous things about the Prophet, Zarina!

How dare a young woman, born into a traditional Muslim family, write a novel about the Prophet Muhammed examining his various marriages and the origin of the “hijab”, the veil, that women have to wear in many Islamic communities? This is the essence of Ayad Akhtar’s provocative play “The Who & The What” that premiered on April 6 on the Mundsburg stage.

Indeed, this Pulitzer Prize winning American author of Pakistani heritage (born 1970), is a critical observer of Islamic customs, traditions and prejudice against Western values which do not seem compatible with the values of any devout Muslim. He does not stop digging deeply into his own heritage as an offspring of a Muslim family living in America.

The setting: The home of the Pakistani Afzal family in Atlanta, Georgia. The family patriarch once immigrated from Pakistan to America without a cent in his pocket and built up a taxi company that made him a rich man. Afzal has every reason to be proud of himself. As a good father he saw to it that both his daughters got a good education.

Don’t worry, everything will be all right

Zarina, Afzal’s free-thinking elder daughter, is not interested in finding a husband although her younger sister Mahwish wants her to get married soon so that she herself can marry her boyfriend. It is an unwritten law in traditional Muslim families that the elder sister has to marry before the younger one can wed her fiancé. Afzal, a devout Muslim, does not agree with Zarina’s independent way of life and urges her to find a “suitable” husband. After her back he signs her up on a Muslim dating website and interviews the candidates in her name. His choice is Eli, a white American, who only recently converted to Islam since he prefers the Islamic faith to the, as he feels, superficial values of Christianity. When Zarina learns about her father’s encroachment, she is furious. However, after talking to Afzal she agrees to meet Eli. Both find out that they have a lot in common. Eli even encourages Zarina to write her novel on the Prophet Muhammed who, as she found out after studying his life, was anything but perfect. Isn’t it time, she asks to relax the rules of the Koran, the Holy Book of Islam, after more than 1,400 years and liberate Muslim women? Why do some Muslim communities insist on women’s wearing a veil and why the hell are they not allowed to determine their own lives? When Afzal reads some chapters of Zarina’s book he is out of his mind and forbids her to have it published. He cannot accept Zarina’s refusal to do so, the more so as Eli supports her in every possible way. He outs himself as a defender of women’s rights. Enough is enough, shouts Afzal and bans Zarina and Eli from his house. The message: Never ever come back.

Let’s go to another place, Zarina

Two years later we meet Afzal and Mahwish in one of Atlanta’s lush green parks. The sun is shining, birds are twittering in the trees, and everything seems to be in perfect order. When Zarina turns up out of the blue, Afzal addresses her mildly and asks her how she is. He obviously is suffering from pangs of conscience and even seems to enjoy Zarina’s presence. After all, he wants her to be happy, although the publication of her book caused him trouble. Most of his drivers quit and one even broke a window in his office. Zarina tells her father that after getting into serious trouble in the Muslim community she and Eli, her husband, will leave Atlanta and settle in Oregon. She is very glad that her book became enormously popular in the United States, encouraging many people, particularly women, to speak out their own opinions without any inhibitions. Afzal is in high spirits when Zarina confesses that she is expecting a child. Isn’t it wonderful that she will soon make him the grandfather of a boy! When he learns that Zarina will give birth to a girl, he seems depressed. Zarina smiles and enjoys her triumph over Afzal, the old macho!

“The Who & The What” reminded a critic of Shakespeare’s “The Taming of the Shrew.” However, in contrast to the play written more than 400 years ago by the “Swan of Stratford”, the disobedient woman in Ayad Akhtar’s comedy does not submit herself to male dominance but insists on her independence as a free human being.

I want you to get married soon, dear sister

While “The Who & The What” has been a great success on German and Austrian stages, played by German speaking actors, stage director Clifford Dean was given the chance to choose actors with a Pakistani background. Karen Johal is convincing in the role of Zarina who – torn between loyalty towards her father on the one hand and her fight for independence on the other – finally decides to go her own way.

Did Ayad Akhtar create the part of family patriarch Afzal for Rohit Gokani? Indeed, this role fits him like a glove. A brilliant performance!

Also a big hand for Noor Sobka as Zarina’s little sister Mahwish and Adam Collier in the part of Eli.

The American press was full of praise after the premiere of “The Who & The What.” Mike Fisher of the Sunday Journal Sentinel described the play as “funny and moving,” and the critic of the Chicago Tribune found it “gutsy and very admirable… Not a script to miss.” Charles Isherwood of The New York Times even compared the play with a “fiery flavored stew, a mixture composed of matters of faith and family, gender and culture.” Bon appétit!

About the author

Ayad Akhtar is a screenwriter, playwright, actor and novelist. His plays include “The Who & The What”, “American Dervish”, “The War Within”, and “Disgraced” which was the recipient of the 2013 Pulitzer Prize for Drama.

Last performance of “The Who & The What” on June 3, 2023. Tickets under phone number 040 – 227 70 89 or online under www.einglishtheatre,de

The ETH will be on holiday until September. We will be back here as soon as we know more about the new premiere.

Dear reader, you will also be informed about the ETH’s Summer Festival that includes “Sinatra – The Voice.”

Photos: Stefan Kock

„The Who & The What“ – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

Wie kannst du so etwas über den Propheten schreiben, Zarina?

Dieses Stück des mit dem begehrten Pulitzerpreis ausgezeichneten pakistanisch-amerikanischen Autors Ayad Akhtar ist eine veritable Herausforderung für jeden „Theatermacher.“ Kein Wunder, dass die Mundsburger Bühne unter der bewährten Regie von Clifford Dean sich dieses Stoffs angenommen hat. Allein der Titel „The Who & The What“ – zu Deutsch “Das Wer & Das Was“- wirft Fragen auf. Worum geht es in diesem als Tragikomödie konzipierten Stück, in dem das Publikum sich einem Wechselbad widersprüchlichster Emotionen ausgesetzt sieht?

Ich möchte, dass du bald heiratest, liebe Schwester

Auf den ersten Blick scheint alles in bester Ordnung im Heim der pakistanisch-amerikanischen Familie Afzal, die seit langem in Atlanta, der Metropole im tiefen Süden der Vereinigten Staaten, lebt. Doch der Schein trügt. Der Vater der beiden Schwestern Zarina und Mahwish wünscht, dass seine ältere Tochter endlich heiratet, damit Mahwish, die Jüngere, ihrem Jugendfreund das Ja-Wort geben kann. Doch Zarina, die emanzipierte Hochschulabsolventin, weigert sich standhaft, dem Willen ihres Erzeugers nachzugeben. In einer guten muslimischen Familie ist es Tradition, dass die jüngere Schwester erst heiraten kann, wenn die ältere unter der Haube ist. So will es der Brauch. Und daran gibt es für das patriarchalische Familienoberhaupt Afzal nichts zu rütteln. Afzal hat jeden Grund, stolz auf sich und seine Leistung zu sein. Als mittelloser Einwanderer aus Pakistan hat er es dank Fleiß und Ausdauer in einem fremden Land mit völlig anderen Wertvorstellungen mit seinem Taxiunternehmen zu einem vermögenden Mann gebracht. Ergo – er allein bestimmt über das Wohl der Familie. Punkt.

Mach‘ dir keine Sorgen. Das bekommen wir hin

Hinter ihrem Rücken hat Afzal ein Profil von Zarina auf einer muslimischen Ehepartnerbörse erstellt. Er hält es für seine väterliche Pflicht, die Kandidaten auf Herz und Nieren zu überprüfen, bevor sie Zarina kennenlernen dürfen. Eli, ein zum Islam konvertierter Amerikaner, besteht den strengen väterlichen Test. Zarina ist außer sich. Dennoch willigt sie ein, den jungen Mann zu treffen. Sie stellt fest, dass sie vieles mit Eli verbindet. Genau wie sie steht er Glauben und Religion kritisch gegenüber. Er ermuntert Zarina, ihr Buch fertigzustellen, in welchem sie sich mit Leben und Wirken des Propheten Mohammed auseinandersetzt. Was für ein Mensch war er, was trieb ihn an? Müssten nicht viele der vor über 1400 Jahren erlassenen Gebote, die seither das Leben muslemischer Frauen bestimmen, revidiert und den jetzigen Verhältnissen angepasst werden? Ein Tabu für den sich zwar liberal gebenden, aber im Grunde seines Herzens erzkonservativen Afzal, für den der Koran seit eh und je ein in Stein gemeißeltes Gesetzbuch war. Als er Zarinas Manuskript in die Hände bekommt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Ein Konflikt eskaliert, der die Familie zu zerreißen droht. Afzal weist Eli, der fest an der Seite Zarinas steht und ihr Vorhaben verteidigt, mit harschen Worten die Tür. Kritik am Propheten ist eine unverzeihliche Blasphemie. Eine Todsünde. Alles, was an die „Sünderin“ Zarina erinnert, wird aus dem Haus verbannt.

Zwei Jahre später treffen wir Afzal und die junge Mahwish in einem Park wieder. Der Patriarch lauscht dem Gesang seines Lieblingsvogels, eines Kentucky Warblers. Wie aus dem Nichts taucht die vom Vater verstoßene Zarina auf. Trotz des Zerwürfnisses ist Afzal heute milde gestimmt. Als Zarina erzählt, dass sie mit Eli, ihrem Mann, nach Oregon übersiedeln will, weil es wegen ihres inzwischen veröffentlichten Buches zu Spannungen in seinem muslimischen Umfeld gekommen ist, erfährt sie, dass auch ihr Vater ihretwegen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Ein Großteil seiner Taxifahrer hat wegen des Buches gekündigt. Aus Protest wurde sogar ein Fenster seines Hauses eingeworfen. Doch das ist Afzals geringste Sorge. Er hat Zarina verziehen und möchte nur, dass sie glücklich wird. Ja, glücklich sei sie, gesteht Zarina, zumal ihr Buch in weiten Teilen der USA viel Anklang gefunden habe und viele Menschen sich jetzt trauten, ohne Scheu kontroverse Fragen zu stellen. Als Zarina ihrem Vater gesteht, dass sie schwanger ist, zeigt er sich hoch erfreut darüber, bald Großvater eines Jungen zu werden. Doch auf die anfängliche Freude folgt Ernüchterung. „ Es ist ein Mädchen,“ triumphiert Zarina. Dass selbstbestimmte Frauen auch immer das letzte Wort haben müssen! Der Vorhang fällt unter dem begeisterten Applaus der Zuschauer.

Wir werden von hier fortgehen, Zarina

Nach einer Reihe dramatischer Szenen setzt die Regie urkomische Akzente. Wer kommt schon auf die Idee, einer hochgebildeten Muslima wie Zarina zu verbieten, Geld in die Hand zu nehmen. Laut dem bekennenden Macho Afzal geziemt sich dies für Frauen nicht, denn – Zitat – „Geldangelegenheiten sind nun einmal Männersache.“ Und das im 21. Jahrhundert. Muslimische Lebensart in allen Ehren. Aber auch hier gibt es Grenzen. Kann es sein, dass Autor Ayad Akhtar, dem der Schalk aus den Augen blitzt, sich nur einen kleinen Scherz erlaubt hat, um das Publikum zu provozieren? In diesem Stück bleibt so manche Frage unbeantwortet…

„The Who & The What“ dürfte bei vielen in ihren Traditionen tief verwurzelten muslimischen Menschen eingeschlagen haben wie eine Bombe. Wie kann eine junge Frau wie Zarina sich nur dem allmächtigen Vater widersetzen und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen? Karen Johal, der britischen Schauspielerin mit pakistanischen Wurzeln, gelingt es meisterhaft, Zarinas innere Zerrissenheit zwischen familiärer Loyalität gegenüber ihrem Vater und selbstbestimmter Lebensplanung herauszuarbeiten.

Rohit Gokani als schlitzohriger Patriarch, ist eine ebenso tragische wie komische Figur, die seine durch Zarina angegriffene Autorität mit hilflosen Aktionen in den Griff zu bekommen sucht. 10 Punkte von 10 für diese grandiose Darstellung.

Der zum Islam konvertierte Eli ( Adam Collier) wächst im Laufe des Stückes weit über seine Rolle als etwas unglaubwürdiger Konvertit in die Rolle eines gestandenen Verteidigers individueller Freiheiten und Frauenrechte hinaus.

Auch Mahwish, die Jüngste im Bunde (Noor Sobka), zeigt eine reife schauspielerische Leistung in diesem konfliktreichen Spiel. Fazit: Ein perfekt miteinander harmonierendes Ensemble, dessen Spielfreude mit viel Beifall bedacht wurde.

Der Autor Ayad Akhtar, Jahrgang 1970, wurde als Sohn pakistanischer Eltern in den USA geboren. Er ist vielseitig begabt und wirkt als Bühnen- und Fernsehautor, Schauspieler und Romancier. Seine berühmtesten Bühnenwerke sind „The War Within“, „American Dervish“, „Disgraced“ und „The Who & The What”.

 

“The Who & The What” läuft bis einschließlich 3. Juni 2023. Tickets unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nach den Theaterferien im September melden wir uns wieder und informieren über das neue Stück auf dem Spielplan.

Über das Summer Festival des English Theatre erfahren unsere Leser in Kürze mehr an dieser Stelle.

Fotos: Stefan Kock

„Don Flanello“: Film-Ermittler im Maßanzug

Flanell
Foto: Mira Cosic, Pixabay (Ausschnitt)

Seiner Vorliebe für Maßanzüge verdankte der am 9. Februar 1923 in Essen geborene Schauspieler Heinz Drache den Spitznamen „Don Flanello“. Dazu passt der Typus des kultivierten Gentlemans, den der Mime so häufig verkörperte. Dazu passt aber auch die Herkunft und Schulbildung des gebürtigen Preußen. Die Eltern besaßen ein Glas-, Porzellan- und Stahlwarengeschäft, und er machte am Gymnasium Abitur.

Weniger standesgemäß war sein bereits in der Schulzeit auftauchender Wunsch, Schauspieler zu werden. Entsprechend wenig begeistert war sein Vater, aber Heinz setzte sich durch. Das ersparte ihm zwar nicht de jure, aber de facto den Kriegsdienst, denn trotz Einberufung bekam er nach einem Vorsprechen beim Intendanten ein Engagement beim Nürnberger Schauspielhaus.

Nach dem Krieg setzte er seine Schauspielerkarriere fort. Nach Wolfgang Langhoff wurde auch Gustaf Gründgens auf den vielversprechenden Nachwuchsschauspieler aufmerksam. Unter Letzterem gelang ihm 1947 in dessen Inszenierung des Stücks „Der Schatten“ von Jewgeni Schwarz der endgültige Durchbruch als Theaterschauspieler.

Heinz Drache Foto: Udo Grimberg
CC BY-SA 3.0 de

Als Filmschauspieler gelang ihm der Durchbruch als Ermittler. Diese Rolle spielte er sowohl in dem legendären Fernsehsechsteiler „Das Halstuch“ von Francis Durbridge, das der Westdeutsche Rundfunk (WDR) 1961 produzierte, als auch in diversen Edgar-Wallace-Verfilmungen fürs Kino. Der Reigen dieser Spielfilme, die später auch ihren Weg ins Fernsehen fanden, reicht von „Der Rächer“ aus dem Jahre 1960 bis zum 1968 erschienenen „Der Hund von Blackwood Castle“, in dem Drache – Ausnahmen bestätigen die Regel – zum Abschluss einmal den Bösewicht spielte. Daneben verkörperte der Mime in den 60er Jahren in diversen anderen Krimis den Ermittler.

Nach dem Ende dieser Krimiwelle der 60er Jahre wandte sich Drache wieder verstärkt dem Theater und der Synchronisation zu. Dort war sein Rollenspektrum größer, die Bezahlung hingegen weniger üppig.

1985 kehrte er noch einmal für den „Tatort“ als Ermittler zum Film zurück. Als Berliner Hauptkommissar Hans Georg Bülow gab er den Anti-Schimanski, der sich dank des Erbes seiner verstorbenen Ehefrau ein kultiviertes Leben leisten kann und das auch tut. Damit war allerdings nach insgesamt sechs Folgen 1989 Schluss.

„Adelsromanzen“ lautete der Titel der letzten Serie, für die der bürgerliche Aristokrat vor der Kamera stand. Am 8. März 2002 begann die Erstausstrahlung. Am 3. April des Jahres starb Heinz Drache nach einem mehrmonatigem Krebsleiden in einem Berliner Krankenhaus.

(Dieser Artikel erschien zuerst in der Preußischen Allgemeinen Zeitung.)

Finissage der Ausstellung „Sprache der BildKunst“

„Sprache der BildKunst“. Foto: Witka und Dr. László Kova.

Geschickte Architekten zauberten aus einem alten Schulgebäude (erbaut 1887), das seit 1980 als Bürgerhaus und Kulturzentrum fungierte, ein modernes, attraktives Kulturhaus. Zur Eröffnung des Kulturhauses Eidelstedt „steeedt“ (Alte Elbgaustr. 12, 22523 Hamburg) am 2. September 2022 veranstaltete die Künstlergruppe „Eidelstedter Farbpinsel“ eine Gemälde- und Fotoausstellung unter dem Titel „Sprache der BildKunst“ mit den Arbeiten aus den jüngsten Kursen für Malerei.
Die Präsentation lockte viele Besucher von nah und fern ins Haus, wo am Eröffnungstag auch eine Galerieführung unter der Leitung des Kursleiters und Künstlers Dr. László Kova stattfand. Die Besucher konnten gleichzeitig die Ausstellerinnen und Aussteller persönlich kennenlernen, die vor ihren Bildern ein kurzes Exposé über Inspiration, Bildaufbau, Malprozess, Geheimnisse der Fotografie usw. erteilten. Das große Interesse veranlasste den Veranstalter dazu, die Ausstellung durch eine Finissage noch einmal in den Blickpunkt zu stellen. Durch digitale Medien, Plakate und Flyer wurde das breite Publikum zu einer Abschlussveranstaltung zum Termin am 1. November 2022 um 18:00 Uhr eingeladen.

Kunstinteressierte bei „Sprache der BildKunst“. Foto: Witka und Dr. László Kova.

Beim Sektempfang begrüßte der Geschäftsführer Herr Holger Börgartz die Interessierten zum vielversprechenden Abend. Dann übernahm Herr Dr. László Kova das Wort und hielt einen Vortrag über die Techniken der bildenden Kunst mit den Schwerpunkten von Radierungen, Lithografien und Holzschnitt, die als Druckgrafik besonders populär und beliebt sind. Es wurden reichlich Beispiele für die traditionsreichen, originalen Grafikarten gezeigt, die auf wertvolles Bütten-Papier von dem Künstler eigenhändig durch eine Handpresse gedruckt worden sind. Der Unterschied zwischen Originalgrafik (Büttenpapier, Nummerierung, Unterschrift, gesetzliche Vorschriften) und Offsetdruck (Art Print als fotografisches, technisches Verfahren) wurde ausführlich behandelt.

Publikum und Kunstschaffende im Ausstellungsraum. Foto: Witka und Dr. László Kova.

Seine Erörterungen gingen auch auf die Malerei in Aquarell, Acryl und Öl in Details ein, die durch mehrere expressive Gemälde veranschaulicht wurden. Hinter dem Vortragenden Kova hing diesbezüglich sein großes Tafelbild (3×1 m) in Acryl auf Leinen zum Thema Küstenlandschaft, auf dem u.a. See und Sandküste, ein romantisches, Reet bedecktes Haus sowie ein Leuchtturm – wie in List auf Sylt – dargestellt sind. Nach dem Vortrag erfolgte eine Galerieführung in der Ausstellung „Sprache der BildKunst“ in Begleitung des Publikums und der Kunstschaffenden, wo sich über Inspirationen, Themenauswahl, Pinselführung usw. rege ausgetauscht wurde.
Dann führte der Weg in den Vortragsraum zurück, wo Künstler und Kunstinteressierte in einer Podiumsdiskussion über ihre persönlichen „Erlebnisse mit Kunst“ sprechen konnten. Spontane Fragen und Antworten prasselten aufeinander ein und machten die Finissage richtig dynamisch.

Die Ausstellung gestalteten Ute Bantin (abstrahierte, großformatige Landschaften), Beatrice Funk (kreative Abstraktionen) , Sigrid Garz-Othmer (Impressionen: Hafenansicht, Loch Ness), Traute Haase (tosende See), Brigitte Konieczni (Stadtlandschaft Schwabing, Herbst) Denise Krohn (Farbenwunder, Meine liebe Kuh), Laki (Meditation, Lichtstrahl, Garten), Lieselotte Lehmann (Farbkomposition, Wasserfall, Bergkirche), Joachim Lunk (Kunstfotografie: Honigbiene, Heidelibelle, Segelfalter), Margritt Lunk (Hamburger Hafen, Speicherstadt in Hamburg,Tierwelt in Afrika), Ruth Mothes (Mohnlandschaft, Rapsfeld, Sonnenblume), Britta Nürnberger (Seerosen, Segelbote, Damen mit Regenschirm).

Übrigens treffen sich die Ausstellerinnen und Aussteller regelmäßig montags in den Kursen schon seit mehr als 20 Jahren, wo sie ihre Bilder für Ausstellungen malen,
die sie in diversen öffentlichen Räumen innerhalb und außerhalb Hamburgs zweimal jährlich präsentieren. Die Kurse laufen unter dem Motto „Malen kann jede/jeder“ und sind für Interessierte (Anfänger und/oder Fortgeschrittene) jeder Zeit offen.
Der Kursleiter ist Herr Dr. László Kova.
Erreichbar unter:
Tel.: 040 – 57 45 77
E-Mail: edition.kova@web.de