Kampfplatz Stadtpark

Hamburg Barmbek und Umgebung in Trümmern (Archiv: Cropp)

Im Juni waren Ritterspiele angesagt: König Artus in Mitten seiner Tafelrunde. Zumindest Prinz Eisenherz wollte jeder sein. Vorher wurde Cowboy und Indianer gespielt. Meist kämpften dann General Custer gegen Sitting Bull. Im April war „Kippel Kappel“ dran, dabei wurden regelmäßig mehrere Fensterscheiben in der Neuen Wöhr und dem Albers-Schönberg-Weg zerschlagen. Eigentlich gingen gar nicht so viele Scheiben drauf, weil die meisten Straßen Barmbeks mit Ruinen umsäumt wurden.

Ruinen waren der spannendste Spielplatz. Ein Spielplatz, den uns Eltern und Lehrer der Schule Fraenkelstraße fast täglich aufs Neue verboten haben. Natürlich hielten wir uns nicht an die Mahnung. Doch zur Not hatten wir immerhin noch den Stadtpark, um uns auszutoben. Wir, das war eine Gang von 15 „Blutsbrüdern“, was den eingeschworenen Haufen nicht hinderte, sich bisweilen auch mal untereinander ordentlich zu zoffen. Die Gang stammte aus meiner Straße, dem Albers-Schönberg-Weg, der Neuen Wöhr und „harten Jungs“ aus den Nissenhütten und Baracken um den Theodor-Rumpel-Weg.

Hamburg Barmbek und Umgebung in Trümmern (Archiv: Cropp)

Wir Jungs aus dem erhaltenen viergeschossigen Block bewunderten die Barackler. Sie waren stärker, hart im Nehmen, schneller, hatten die besten Spielideen. Wären sie nicht in unserer Gang gewesen, wir hätten  die Straßenschlacht neulich gegen die Dennerstraße glatt verloren. Addi und sein kleiner Bruder Rolf kämpften, wie die meisten Barackler, barfuß, mit Pfeil und Bogen, und Katapulten, die besser und weiter schossen als unsere. Sie luden die Schleudern gleich mit Steinen, während wir mit Erbsen schossen. Als Karl, dem Anführer der Dennerstraße, ein Auge ausgeschossen wurde, mischte sich die Polizei ein. Aber wir hatten gewonnen und zogen wie Helden durch die Gassen, respektiert und geachtet. Weder auf dem Schulhof noch auf den abendlich-dunklen Straßen trauten sich gegnerische Jungs uns anzugreifen.

In Barmbek herrschte im Juni 1951 gespenstische Ruhe. Unsere Gang suchte das Abenteuer mal wieder in den Trümmern. Dort machten die Barackler die tiefsten und geheimnisvollsten Verstecke aus … Als Georg, mein rechter Banknachbar in der 5 B, wegblieb und am nächsten Tag Paul, machten uns die Spiele in den Ruinen doch Angst. Georg und Paul waren unter den Trümmern begraben worden. Mein bester Freund Paul, mit dem ich nach der Schule am Stadtparksee Ringkämpfe austrug, weil wir das stärkste Team sein wollten, war jetzt tot! 

Ein toller Spielplatz!
Stadtpark in der Rhododendronblüte (Foto: Cropp)

Addi bestimmte, die Ritterspiele zu verlegen. Und zwar in den Stadtpark. Dorthin, wo die Rhododendren am dichtesten standen. Ich war, zwar in Hamburg geboren, erst vor einem Jahr mit meinen Eltern aus Wenzendorf vom Land in die Stadt gezogen. In unserem Dorf gab ich bei den Jungs den Ton an, und es gefiel mir ganz und gar nicht, dass Addi uns herumkommandierte, auch wenn er der Boss war. Alle folgten ihm. Missmutig trottete ich mit. Bewaffnet mit Schildern aus Türblättern oder breiten Dachlatten und Schwertern, spitz und scharf geschnitzte Besenstiele, im Hosenbund Holzdolche, so zogen wir die Alte Wöhr hinunter, am S-Bahnhof  Stadtpark vorbei, zum Park. Erwachsene schüttelten entgeistert die Köpfe. Was heckten die Gassenjungs Barmbeks denn da schon wieder aus?

Blick auf das Planetarium, Stadtpark Hamburg (Foto: Cropp)

An der Saalandstraße begann der Stadtpark. Unweit davon, am Wasserturm (dem heutigen Planetarium), standen die großen, dichten Rhododendren in prächtiger Blüte, weiß und rot. Vor dem Blätterwald machten wir halt, schauten uns verstohlen um. Auf ein Zeichen von Addi schlüpften wir ins Dickicht wie Füchse in den Hühnerstall. Der Rhododendrenwald umschloss uns wie ein mächtiger, schummrig-grüner Dom. Natürlich war es verboten in den Rhododendren herumzutoben. Doch wir wollten nicht toben, wir wollten als König Artus Ritter die Feinde aus Thule verjagen. Jetzt musste ich Addi Recht geben, in den Rhodos des Stadtparks konnte man Thule am besten verteidigen! Erst einmal schwärmten wir aus und erkundeten zwei geeignete Bäume. Einen als Burg Camelot für die Ritter um Artus und Prinz Eisenherz. Einen als Lager für die Feinde. Ein Rhodobaum mit oberschenkeldicken Stämmen, in tief roter Blüte, wurde die Burg König Artus. Addi ließ zwischen die Äste eine Wolldecke spannen und hockte sich auf seinen Helm, einen weißen Nachttopf, den er seinem jüngsten Bruder weggenommen hatte.

„Hoffentlich ist euer Lager bald fertig!“ rief er in meine Richtung. Ärgerlich schaute ich zu ihm rüber, wie er da unter dem Baldachin saß und sich wie ein King aufführte, sich wahrscheinlich irre mächtig fühlte. Addi hatte sich mir nichts dir nichts zu König Artus erklärt, und mich mit sieben Jungs zu den bösen Hunnen. Das brachte mich auf die Palme!

 Auf in den Kampf

„Los, lasst uns diesen Busch als Lager nehmen, dann greifen wir an und schmeißen die Ritter aus der Burg“, machte ich meinen Freunden Mut. Der Rhodostrauch war etwas schüttern, und die mitgebrachte Pappe nur notdürftig als Dach zu befestigen. Als Feldlager der Hunnen, die anzugreifen hatten, reichte es allemal. Addis Ritter, immerhin acht „Recken“, hatten leichtsinnigerweise ihre Waffen abgelegt und sich zur Beratung um Artus geschart, als wir mit wildem Geheul aus dem Gestrüpp brachen und über die Gegner herfielen. Im Kampfgetümmel versuchten wir die Ritter umzuwerfen und mit dem Schwert auf die Brust gedrückt, in Schach zu halten. Bei Vieren gelang das auch. Sie lagen auf dem Rücken, wie umgeworfene Suppenschildkröten und jammerten. Addi hatte jetzt den Pisspott auf dem Kopf, Schwert und Schild am Körper und drosch wie ein Berserker auf zwei meiner Angreifer ein. 

Wenn Rhododendren weinen

Besenstiele krachten gegeneinander und barsten. Derbe Stöße wurden mit den Schildern abgewehrt. Schläge und Stöße prasselten schmerzhaft auf Arme und Oberkörper. Addi wurde der Helm weggeschlagen. Gerade bekam er einen Hieb auf den Kopf. Wir waren mitten im Schlachtengetümmel und es machte einen mords Spaß. Rechs und links flogen Blüten und kleine Äste durch die Luft. Dicke Äste knackten, wenn einer dagegen flog. Zartere Rhodos sahen bald aus wie gerupftes Federvieh. Einige der eben noch kampfunfähig liegenden Ritter hatten sich befreien können, aufgerappelt und warfen sich brüllend und fechtend auf meine kleine Horde wilder „Hunnen“. Besenstiele knallten gegeneinander, und es klang wie das „Singende Schwert“ von Prinz Eisenherz, der drei Gegner gleichzeitig abwehrte. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass die Burg jetzt unbewacht war. Ich rief: „Peter!“ und zeigte nach rechts. Er kapierte sofort. Wir stürmten zur Burg, unter den Baldachin. Damit war die Tafelrunde eingenommen worden. „Gewonnen!“ stießen wir aus. Addi ließ vom Gegner Werner ab, und schlug zerknirscht einige Zweige nieder. Mit unserer so plötzlichen Einnahme hatte er nicht gerechnet. Keinesfalls wollte er sich geschlagen geben. „Revanche!“ keuchte er, „ihr müsst uns noch mal angreifen.“ „Nee, Addi, jetzt sind wir die Ritter. Ihr greift an,“ widersprach ich. „Was willst du? In die Burg? Ich bleibe König Arthus, klar!“ „Du bist und bleibst `n Arschloch!“ brüllte ich zurück. In aller Ruhe legte Addi jetzt Schwert und Schild aus der Hand und kam auf mich zu, cool wie Garry Cooper in High Noon. Den Film hatten wir uns erst gestern im Gloria Palast angesehen. Hernach fühlte sich jeder wie ein als Ritter verkleideter Revolverheld.

 Kräftemessen

Addis Augen waren kleine Schlitze und kalt wie die einer Otter. „Was bin ich?“ zischte er. Er war zwar nur wenig größer als ich, aber ein erprobter Schläger, der nicht lange fackelte. Seine Position in der Gang hatte er sich erkämpfen müssen. Der Knabe kannte n’e Menge Tricks. Klar, er durfte alle Comics lesen, die da so im Umlauf waren. Schundhefte, Tarzan, Tom Prox, Akim und viele mehr, die mir meine Eltern regelmäßig wegnahmen. Sie würden verderben, hieß es. Addi war die Lektüre ein theoretisches Rüstzeug, ein „Schatz“, der mir bitter fehlte. Einen Augenblick lang überlegte ich, ihm mein Schwert gegen die Brust zu stechen und den Schild auf den Kopf zu dreschen. Unfair, aber wirkungsvoll. Doch dann merkte ich: an diesem Nachmittag, im grünen Blätterwald der Rhododendren des Hamburger Stadtparks ging es um mehr, als ums Kräftemessen. Da bot sich eine Chance, an die Spitze zu gelangen. Den Angeber Addi Weiß ins zweite Glied zu klopfen. Und das musste auf faire Weise geschehen. Zumal seine beiden „Leibburschen“ sich sofort auf mich stürzen würden. Ich war allein. Mein Freund Paul in den ewigen Jagdgründen, und die anderen hatten, wenn es um den Boss ging, sowieso die Hosen voll.
„Sag’ das noch mal, Würstchen!“ drohte er jetzt dicht vor mir. „Affenarsch!“
Meine Größe und Statur sind nicht gerade furchteinflößend. Allein schnelles Handeln und rasches Zuschlagen hatten dem anfangs als dämlich eingestuften Dorfjungen einen respektablen Platz im oberen Drittel in der Hierarchie der Barmbeker Straßengang verschafft. Diese Position galt es in jedem Fall zu verteidigen! Ich ballte meine Fäuste, spannte die Muskeln, zielte auf sein Kinn. Da spürte ich seinen rechten Fuß hinter meinen Beinen. Ein kurzer, harter Stoß, ich lag auf dem Boden. Als ich mich aufrappelte, spürte ich einen schmerzhaften Schlag auf der Nase. Blut tropfte auf meinen neuen Pullover. Augen tränten. Ich hangelte mich an einem Rhodostamm nach oben und bekam einen zweiten Schlag aufs rechte Auge. Damit war ich außer Gefecht.

„Die Hunnen greifen wieder an – klar! Der Wolf kann  als Verwunderter im Lager rumliegen!“ höhnte Addi triumphierend. Ich kroch in unser Feldlager und versuchte die blutende Nase zu stillen. Schon tobten zwischen Büschen und Bäumen die Verteidigungs- und Eroberungskämpfe in aller Heftigkeit. Blüten flogen umher wie Daunen aus einer aufgerissenen Bettdecke von Frau Holle.

Ordnungshüter

Plötzlich rief jemand: „Uddels!“
Im Nu war der Kampfplatz verwaist. Ein Polizist rannte Addi hinterher – ergebnislos. Dabei flog ihm der Tschako vom Schädel. Ein anderer baute sich über mir auf. „Na Bürschchen, dich nehmen wir jetzt mal mit auf die Wache!“ Werner krabbelte aus seinem Buschversteck und stellte sich zu mir. Wenigstens einer, der mir beistand.
„Ah, da haben wir ja noch einen Übeltäter!“ Im nächsten Moment wurde Werner am Kragen gepackt und festgehalten. Der Schupo, der Addi nicht fassen konnte, packte nun mich am Schlafittchen und stellte mich auf die Beine. Dass meine Nase heftig blutete, kümmerte den Polizisten nicht, lediglich, dass seine feine, dunkelblaue Uniform durch Blut verfleckt wurde, machte ihn wütend, und so zerrte er mich barsch aus den Rhododendren, die Alte Wöhr hinauf. Werner, ebenfalls im festen Polizeigriff, trabte ergeben vor mir her.

Auf der Wache gab`s n’e  ordentliche Standpauke vom Revierleiter, der schließlich auch unsere Namen und Adressen erfragte, was mir überhaupt nicht gefiel, da ich mir die Reaktion der Eltern verdammt gut ausmalen konnte. Nach einer Stunde hörten wir bekannte Stimmen. Werners und mein Vater waren, wie verabredet, eingetroffen, um uns in Empfang zu nehmen. Als wir aus dem Nebenraum, oder war es schon die Zelle? geführt wurden, lasteten böse Blicke auf uns. „Hier haben Sie Ihre Früchtchen!“ meinte der Revierleiter, „und passen Sie künftig besser auf sie auf. Die Rechnung über die zerstörten Rhododendren bekommen Sie von der Stadtparkverwaltung.“ Vater verabreichte mir eine deftige Ohrfeige. Das gefiel den Uddels, als erste erzieherische Maßnahme. Ob Werner auch eine einfing, weiß ich nicht. Er wurde gleich zum Ausgang gezerrt.

Ob die Eltern wirklich eine Rechnung von der Parkverwaltung bekommen haben und wenn, wie hoch diese ausfiel? Ich habe es auch nie erfahren. War mir auch wurscht. Schlimm war, dass ich 14 Tage Hausarrest bekam. Der einzige Trost daran war, dass mein blaues Auge kaum beachtet, abklingen konnte. Mit dem musste ich mich zwar in der Schule zeigen, Gott sei Dank aber nicht bei meiner Gang. Addi hätte mich damit mächtig aufgezogen.

 

Mit „Kampfplatz Stadtpark“ erinnert sich der Autor an seine spannende, aber bisweilen auch raue Kindheit (zehnjährig) nach dem Krieg in Barmbek, am östlichen Rand des Hamburger Stadtparks.

 

Mauer, Marsch und Mauerfall

Berlin, 21. und 22. August 1988
Die Berliner Mauer wurde gestürmt.

Ich war mit dem PKW von Hamburg aus durch die DDR nach Berlin unterwegs. Die Stimmung war düster, wie der regenverhangene Nachmittag an diesem Augusttag. Oder kam es mir nur so vor? Weil mir alles grau in grau erschien? Weil mich muffige Grenzer filzten wie einen ertappten Drogendealer: Spiegel unters Auto schoben, Sitze umklappten, den Kofferraum leerten und wieder beladen ließen. Als eine alte Bild-Zeitung, es handelte sich um Einwickelpapier, entdeckt wurde, kam es zu einem zwanzigminütigen Verhör … dann schließlich, drückte man doch einen Stempel in den Reisepass und ließ, nach Bezahlung der Einreisegebühren, passieren. Das zerknüllte Zeitungspapier wurde konfisziert. 

Vor West-Berlin stoppte mich die Vopo wegen zu schnellen Fahrens … und kassierte DM. Ich war mir keiner Schuld bewusst. In Charlottenburg wollte ich eine Schulfreundin besuchen. Sabine Seeland, die als Journalistin bei RIAS Berlin arbeitete. So ganz ohne verwandtschaftliche noch sonstige Beziehungen zum östlichen Teil Deutschland war ich gespannt, was Sabine mir an der Mauer über die Grenze zu berichten hätte. Ich gebe zu: Informationen, die längst überfällig waren! Ich übernachtete in einem gemütlichen Hotel am Kurfürstendamm. Genoss zuvor noch etwas Nachtleben im Bei Mo.

Bild von Armin Forster auf Pixabay

Pünktlich um 10 Uhr traf ich Sabine an der Holzplattform am Brandenburger Tor. Einst hatte die Westberliner Polizei die Aussichtstürme zur Beobachtung errichten lassen. Seit Jahren nun schon wurden sie von Touristen besucht, die auch mal einen Blick in den verschlossenen Teil der Stadt werfen wollten. Wir stiegen die Treppe empor und schauten über die Betonmauer. „Heute ist der 22. August,“ bemerkte Sabine, „genau vor 27 Jahren sprang eine Frau Ida Siekmann um 6.50 Uhr in den Tod. Sie war das erste Opfer der Berliner Mauer.“ „Und wie kam es dazu?“ fragte ich, der noch nie etwas von Frau Siekmann gehört hatte. Sabine: „Anderthalb Wochen zuvor hatte die DDR mit Zustimmung der Sowjetunion mit dem Bau begonnen. Die Berliner Grenzbefestigung war das letzte, offene Teilstück der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze. Die 58-jährige Ida Siekmann wohnte im dritten Stock eines Grenzhauses an der Bernauer Straße. Die alleinstehende Frau erkannte den Ernst der Situation als die Haustüre zum im Westen gelegenen Bürgersteig verbarrikadiert wurde. In aller Eile warf sie ein paar Habseligkeiten aus dem Fenster und sprang hinterher … schlug auf der Straße so schwer auf, dass sie auf der Fahrt ins Krankenhaus starb.“
„Schrecklich! Weiß man wie viele Menschen an der Mauer den Tod fanden?“ „Vom Bau bis jetzt sind an der DDR-Grenze rund 800 Menschen umgekommen. Allein an der Berliner Mauer sollen es 140 sein.“

Auf der Plattform drängten sich mittlerweile die Interessenten. Oder waren es nur Schaulustige? Es entstand Gedränge. Ich reckte den Hals: Sah einen breiten Grünstreifen, einen geharkten Sandanschnitt, zu Böcken aufgestellte Doppel-T-Träger. Schäferhunde kläfften, Wachsoldaten mit geschulterten Gewehren und weiter im Süden musste sich ein Wachturm befinden. 

„Unbegreiflich, wie sich ein Volk unterschiedlicher Gesellschaftssysteme so zu trennen vermag!“ Sabine meinte: „Die Schließung der Sektorengrenze sollte Flüchtlingsströme stoppen. Innerhalb von zwölf Jahren hatten fast drei Millionen Menschen Ostdeutschland verlassen.“ „Was der Eiserne Vorhang verhindern soll.“ „Bis auf Ausnahmen auch verhindert hat. Schau dir das nahezu perfekte System der Trennung an: Die Betonmauer ist vier Meter hoch. Entlang der Oberkante verläuft eine 50 Zentimeter dicke Betonröhre. Die Konstruktion wurde 1965 von Armeesportlern getestet. Keinem gelang die Überwindung. Der breite Kontrollstreifen wird stets sorgfältig geglättet, damit Fußspuren sofort erkennbar sind. Und die doppelreihigen Stahlböcke sind Panzersperren. Es gibt elf unterschiedliche Hinderniszonen. Dazu gehört beispielsweise ein ‚Teppich‘ aus 14 Zentimeter langen Eisenspießen. Im DDR-Jargon ‚Spargelbeet‘, im Westen ‚Stalinrasen‘ genannt.“  

Sabine wies nach Norden und fuhr fort: “Auf dem nächsten Korridor da drüben patrouillieren Soldaten zu Fuß oder im Jeep. An vielen Abschnitten wachen zusätzlich scharf abgerichtete Hunde. Dann wurden in unterschiedlichen Höhen Stolperdrähte gespannt, die bei Berührung Leuchtpatronen auslösen. Über allem wachen schießbereite Wachsoldaten mit Ferngläsern vor den Augen, oben auf den Beobachtungstürmen. – Kann ein Käfig hermetischer abgeriegelt werden?“ 

„Was weißt du über die Fluchttunnel?“ „Davon gibt’s einige. Doch nach und nach wurden sie alle entdeckt und geschlossen. Fast 80 000 Fluchtwillige nahm der Staat bereits bei der Planung oder auf dem Weg zur Flucht fest, was Verhöre, Folter, und um die drei Jahre Zuchthaus zur Folge hat.“ „Was meist du, hat die DDR Bestand?“ fragte ich. Sabine dachte einen Moment nach und antwortete: „Nur so lange Moskau seine schützende Hand über den Vasallenstaat hält.“

Ein letzter Blick über das absurde Stück Berlin, dann stiegen wir von der Plattform. Schweigend gingen wir die Straße des 17. Juni hinunter in Richtung Tiergarten. Mich bewegten die Fragen: Wie lange lassen sich Menschen einsperren, der Freiheit berauben, ein Volk wie  lange trennen? Kann es je eine Wiedervereinigung geben? Wenn ja, wie wird sie sich gestalten? Friedlich, blutig?

Magdeburg, Ende Oktober 1989

Nur etwas über ein Jahr später: Glasnost und Perestroika hingen in der Luft. Michail Gorbatschow ließ verlauten: „Ich glaube, die Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“. Der Volksmund hatte daraus: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ gemacht.  Ich war gerade mit besonderen Erlebnissen aus Magdeburg zurückgekommen. Hatte mit Kombinats-Generaldirektoren und Parteifunktionären gesprochen. Ahnte man Veränderungen? Vorboten einer Zeitenwende großen Ausmaßes? 

Schon an der Grenze erlebte ich DDR-Grenzer mit menschlich-freundlichen Zügen. Durchsuchungen gab es nicht. Nach dem Einreisestempel wurde „gute Weiterfahrt“ gewünscht. Leuchteten da am Horizont Vorboten eines Wandels?

Mit neugieriger Zurückhaltung hatte mich Dr. Ing. Tensfeldt, Direktor eines VEB Planungsbüros mit der Frage empfangen, wie könne man sich eine Zusammenarbeit vorstellen? Was gäbe es  zu beachten bei einer Ausrichtung hin zum Kapitalismus? Der Parteifunktionär, vielleicht war es auch ein Stasi-Offizier, hatte gerade mal den Raum verlassen.

Ich spürte das aufrichtige Interesse, sah aber auch die ungeheuren Hindernisse für eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen. Nach stundenlangen Diskussionen über die Unterschiede zwischen Plan- und Konkurrenzwirtschaft, die nun mal in der Marktwirtschaft des Westens herrscht und vom Sozialismus als unbarmherzige Härte empfunden wird, verabredete ich mich mit dem Hauptbuchhalter Josef Klein am späten Nachmittag im Magdeburger Dom zu einer Kundgebung. Ich spürte Kleins Drang zur Freiheit. Er fühlte sich wie auf einem sinkenden Schiff. Sprach frei über die hoffnungslose Wirtschaftslage der DDR. Die total überalterte Industrie, maroden Verhältnisse wohin man schaute. Klein war Parteimitglied mit besten Verbindungen zur politischen Führung. Kannte er womöglich das Schürer-Gutachten, das Egon Krenz unter strengster Geheimhaltung anfertigen ließ und am 30. Oktober 1989 dem Politbüro vorgelegt hatte? Darin wurde bereits auf die Überschuldung und der faktischen Zahlungsunfähigkeit des Staates hingewiesen.

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Im Dom herrschte drangvolle Enge. Immer mehr Menschen quollen ins Kirchenschiff. Alte, Junge, Frauen, Männer, Greise und Kinder. Mütter versuchten Babys in Kinderwagen hineinzuschieben. Am Altar hielt ein Pfarrer eine flammende Rede über die Fackeln der Freiheit, die es galt endlich zu entzünden, um sie als Banner vorweg zu tragen. Endlich sei die Stunde der Selbstbestimmung gekommen.

Rechts und links bauten sich Volkspolizisten auf, die die Massenansammlung kritisch beobachteten. Wieviel Stasiagenten in Zivil mochten sich unter die Menge gemischt haben? Mir wurde verdammt mulmig. Was war da im Entstehen? Wann und wie glitt der friedliche Protest ab in chaotischen Tumult mit Verletzten und Schlimmeres? Hauptbuchhalter Klein an meiner Seite blieb gelassen und meinte: „In Leipzig hatte es schon mehrere Montagsdemonstrationen und -märsche gegeben. Bisher verliefen alle friedlich.“

Draußen war es dunkel geworden. Wie ein Weckruf verhallten die Worte des Geistlichen. Auf irgendeine Veranlassung hin wandte sich die Menge um, strebte aus dem Dom und bildete eine lange, dichte Menschenschlange, die sich gemächlichen Schrittes in die Danzstraße begab, dann in die Otto-von-Guericke-Straße schwenkte. Immer eskortiert von bewaffneten Vopos. Nach und nach wurden Kerzen entzündet, die den Friedensmarsch in ein flimmerndes Lichtermeer tauchte. 

Zu meiner Linken schritt Peter Neufert, Bauhandwerker einer Brigade, und erzählte, dass er als Siebenjähriger erleben musste, wie sein Vater morgens um fünf Uhr von acht Mann der Staatssicherheit aus dem Bett gerissen und verhaftet wurde.
„Vater war Kulturredakteur. Schrieb Kritiken über Theater- und Musikereignisse in Magdeburg und Umgebung. Auf der Suche nach Beweismaterial wurde unsere Zwei-Zimmer-Wohnung total auf den Kopf gestellt. Gefunden wurde nichts. Vier Monate lang wussten Mutter und ich nicht, wo sich Vater befand. Schließlich kam es zum Prozess. Vater wurde zu drei Jahren und neun Monaten Zuchthaus verurteilt. In der Untersuchungshaft war er zuvor misshandelt und gefoltert worden. Mutter bekam schließlich heraus: Ein Kollege der Volksstimme hatte unter Eid geschworen, Vater hätte mit seiner Familie Republikflucht geplant, außerdem parteifeindliche Flugblätter verteilt. Dreiste Lügen! In Wirklichkeit neidete der Journalist Vaters Position bei der Zeitung. Entlassen wurde Vater als gebrochener Mann, der nie mehr Fuß fasste. Dass mitanzusehen zu müssen, war besonders schlimm für mich.“

Im Umzug entstand auf einmal Unruhe. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, die Initiatoren des Marsches strebten zum Verlagshaus der Volksstimme und beabsichtigten den Chefredakteur aus dem Fenster zu werfen. Augenblicklich wurde die Polizeieskorte massiver und von Mannschaftswagen verstärkt. Tatsächlich versammelte sich der Zug eine knappe Stunde später vor einem hohen Gebäude, das von unserer Vorhut gestürmt wurde. Aus einem Fenster des dritten Stockwerks flog nicht der Chefredakteur, sondern Aktenbündel. Der Zeitungsmann hatte rechtzeitig Feierabend gemacht.

Unter Zurufen und Klatschen wurden noch ein paar Gegenstände herabgeworfen … es grenzte an ein Wunder, dass die Polizei nicht eingeschritten war. Wie durch eine geheime Absprache löste sich die Versammlung allmählich auf. Sonderbar zufrieden zogen die Bürger Magdeburgs friedlich ihrer Wege.

Berlin, 9. November 1989

Für sehr viele Menschen, wie auch für mich war dieser Donnerstag ein ganz außergewöhnlicher Tag. Der Firmenvorstand hatte die Geschäftsführer der Tochtergesellschaften zu einer mehrtägigen Konferenz ins Hotel Palace in West-Berlin geladen. Zwischen Sitzungsende und dem gemeinsamen Abendessen wurde eine längere Pause eingelegt. Um etwas frische Luft zu schnappen, spazierte ich in Richtung Reichstag. Schon nach den ersten Minuten bot sich mir eine merkwürdige Stimmung.

Ich erlebte Berlin irgendwie anders als sonst. Sehr viel mehr Menschen waren unterwegs. Und es war, als befand ich mich in einem Sog, der in Richtung Osten zog. Alle Fenster waren geöffnet worden, Menschen winkten, manche jubelten. Ich vernahm Lautsprecherdurchsagen, verstand jedoch nichts. Dennoch spürte ich, da musste etwas ganz Unglaubliches geschehen sein. Fahrbahnen, Bürgersteige quollen über von tanzenden Menschenmassen, die mir jetzt auch entgegenströmten. Dann war ich an der Mauer … und sogar auf der Mauer! Wie ich da hinaufgekommen bin – ich weiß es nicht. Wohl über die Rücken einer Personentraube. Oben fielen sich wildfremde Menschen in die Arme klatschten, sangen und jubilierten. Die Euphorie war unbeschreiblich, grenzenlos. Der Mauerfall, ein Großereignis, unfassbar! Politbüro-Sprecher Günther Schabowski hatte um 18.53 Uhr in einer TV-Ansprache gesagt: „ … Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“. Mit diesen Worten zur neuen DDR-Reiseregelung hatte er unfreiwillig das Ende der deutschen Teilung verkündet.

Irgendwann in den Morgenstunden kehrte ich, immer noch aufgewühlt, in mein Hotel zurück. Die Konferenz wurde abgebrochen und vertagt. Wer wollte, konnte noch einen Tag auf Firmenkosten in Berlin weilen und sich um DDR-Bürger kümmern, die inzwischen scharenweise in den Westen gekommen waren. Mit mehreren Kollegen blieb ich. Wir freuten uns mit den Menschen, teilten ihren Enthusiasmus, luden sie ein ins Kranzler, ins KaDeWe und sonst wohin. Jubel, Freudentaumel, Begeisterung hatten mich nicht nur angesteckt, sondern wundersam beseelt und bleiben im Herzen als ewig schöne Erinnerung.

Bild von roegger auf Pixabay

Wie konnte ich ahnen, dass mich ein Jahr später die Treuhand mit der Frage konfrontierte, ob ich mir zutraue ehemalige Kombinate zu sanieren. Wer kann eine solche Herausforderung ablehnen? So geschah es, dass ich fast drei Jahre in Magdeburg, Halle und Ost-Berlin Firmen auf den rauen Konkurrenzkampf vorbereitete. Eine ungeheuer tiefe Erfahrung, geprägt von Euphorie, Schmerz, Glück, Enttäuschung und Dankbarkeit, die ich nicht missen möchte.

 

 

Die dritte Halbzeit war blutig

Foto: AnnRos auf Pixabay

Fußballspiel als Vorspiel zum Krieg – Massenimmigration führte vor 51 Jahren zum sogenannten Fußball- oder 100-Stunden-Krieg

 

Der sogenannte Fußballkrieg wird auch „100-Stunden-Krieg“ genannt, da die Kampfhandlungen nur rund 100 Stunden, nämlich vom 14. bis zum 18. Juli 1969, dauerten. Im Verhältnis zur Kürze ist die Zahl der Opfer mit 2100 Toten und 6000 Verwundeten hoch. Andere Quellen sprechen sogar von 6000 Toten, 15000 Verletzten und 50000 Ausgebombten.

Ungeachtet seiner Bezeichnung liegt die Ursache für den Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras nicht in der schönsten Nebensache der Welt, sondern in einer Massenwanderung von 300000 Armutsflüchtlingen von El Salvador nach Honduras, die im Zielland der Migration nicht als kulturelle Bereicherung betrachtet wurde.

Mehr noch als heute war vor fünf Jahrzehnten das mittelamerikanische El Salvador ungleich stärker besiedelt als dessen Nachbarstaat Honduras. Während in El Salvador rund 2,5 Millionen Menschen auf rund 21000 Quadratkilometern lebten, teilten sich in Honduras nur 1,9 Millionen Einwohner etwa 112000 Quadratkilometer. Zu diesem Ungleichgewicht kam eine Großgrundbesitzer-freundliche Politik des salvadorianischen Präsidenten General Fidel Sánchez Hernández. Das Ergebnis war eine Massenmigration von 300000 Armutsflüchtlingen von El Salvador nach Honduras.

Dampf aus dem Kessel

Über diese war die Regierung in San Salvador nicht unglücklich, nahm sie im eigenen Land doch Dampf aus dem Kessel. Dafür sorgte sie für sozialen Unmut in Honduras. Dort plante die Regierung eine Agrarreform, die zu einem Interessensausgleich zwischen den Großgrundbesitzern und den Kleinbauern des Landes auf Kosten der Einwanderer führen sollte. Am 30. April 1969 forderte Honduras’ Regierung die Immigranten auf, innerhalb der nächsten 30 Tage in ihre Heimat zurückzukehren. Ab Mitte des Jahres verschaffte die paramilitärische Gruppe „Macha Brava“ dieser Aufforderung der Regierung Nachdruck mit Angriffen auf die Einwanderer.

In dieser angespannten Lage kam der Fußball ins Spiel. Bei den Qualifikationsspielen zur Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko trafen vor 50 Jahren El Salvador und Honduras im Halbfinale aufeinander. Entsprechend dem Reglement gab es ein Hin- und ein Rückspiel sowie im Falle eines anschließenden Patts ein entscheidendes drittes Spiel in einem dritten Land.

Das erste Spiel fand am 8. Juni 1969 in Honduras statt. Die Gastgeber gewannen mit 1:0. Wie emotional aufgeladen das Duell war, zeigt die Tatsache, dass sich eine 18-jährige Generalstochter aus El Salvador nach der Niederlage der Mannschaft ihres Landes mit der Pistole ihres Vaters erschoss. Die Fans in Honduras hatten in der Nacht vor dem Spiel vor dem Hotel der Gäste aus El Salvador gelärmt, sodass zumindest in El Salvador sich die Interpretation breitmachte, Übermüdung der eigenen Mannschaft sei für deren Niederlage verantwortlich gewesen.

Eine Woche später kam es in El Salvador im doppelten Sinne zur Revanche. Nun ließen die Fußballanhänger aus El Salvador die Gäste aus Honduras kaum schlafen, und in der Tat gewann diesmal El Salvador, und zwar mit 3:0. Da die Tordifferenz laut Reglement keine Rolle spielte, herrschte also ein Patt und ein Spiel in einem dritten Land muss­te die Entscheidung bringen. Am 26. Juni 1969 traten die beiden Mannschaften in Mexiko-Stadt an, und zwar im Aztekenstadion, in dem im Folgejahr das berühmte, legendäre „Jahrhundertspiel“ Bundesrepublik gegen Italien stattfand. Wie beim Jahrhundertspiel herrschte auch beim Spiel El Salvador gegen Honduras nach der regulären Spielzeit Gleichstand. Der Fußballkrimi ging in die Verlängerung. Die Entscheidung brachte schließlich das 3:2 des Salvadorianers Mauricio „Pipo“ Rodríguez in der 101. Minute. El Salvador war im Finale der Qualifikation, Honduras ausgeschieden.

Wie schon nach dem zweiten kam es auch nach diesem dritten Spiel zu schweren Ausschreitungen und Auseinandersetzungen zwischen den Fans der Kontrahenten. Menschen verloren dabei ihr Leben.

Völkermord und Folter

In der Folge verschlechterte sich der ohnehin schon schwierige Stand der salvadorianischen Einwanderer in Honduras. Die Regierung in San Salvador reagierte hierauf scharf. Einerseits gehörte es zu ihren Aufgaben, auch die Interessen von Bürgern im Ausland zu vertreten. Andererseits hatte sie kein Interesse daran, dass sich durch die Rückwanderung eigener Armutsflüchtlinge im großen Stil die soziale Lage im eigenen Land verschärfte. In El Salvador wurden dem Nachbarn im Zusammenhang mit der Behandlung der emigrierten Landsleute Völkermord, Folter, Kastrationen und Vergewaltigungen vorgeworfen. Zwei Tage nach dem Spiel wurden die diplomatischen Beziehungen abgebrochen.

Am 14. Juli 1969 überfiel El Salvador Honduras. Ohne vorherige Kriegserklärung ließ Sánchez Hernández den Flughafen von Honduras’ Hauptstadt Tegucigalpa durch alte Weltkriegsmaschinen und Cessnas bombardieren. Honduras schlug zurück. Die Luftstreitkräfte der beiden Entwick­lungsländer waren von alten Weltkriegsmaschinen geprägt, und so kam es in diesem Krieg noch einmal zu Luftkämpfen zwischen Propellermaschinen, den letzten im längst angebrochenen Zeitalter des Düsenflugs.

Dem Luftschlag folgte zu Lande ein Vorrücken salvadorianischer Truppen. Diesem Vormarsch hatte Honduras kaum etwas entgegenzusetzen. Nachdem die Sal­va­do­ria­ner etwa 70 Kilometer tief ins Feindesland einmarschiert waren, forderten die Vereinten Nationen, vor allem aber die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), eine politische Lösung. Im Angesicht von Sanktionsdrohungen sah sich die salvadorianische Seite gezwungen, ihren Vormarsch abzubrechen und die Kampfhandlungen einzustellen. El Salvador wurde von der OAS als Aggressor eingestuft und aufgefordert, seine Truppen hinter die Grenze zurück­ziehen. Am 29. Juli stimmte die salvadorianische Regierung nolens volens zu. Am 4. August verließen die letzten Invasoren Honduras.

Seine Kernforderung, ein Bleiberecht seiner Migranten in Honduras, konnte San Salvador nicht durchsetzen. Honduras konnte also die Ausweisung der Einwanderer fortführen.

Handfeste wirtschaftliche Nachteile

Nicht nur, dass der militärisch erfolgreiche Aggressor sein Kriegsziel verfehlte, der Krieg brachte ihm abgesehen von den Kriegsopfern auch noch handfeste wirtschaftliche Nachteile. Honduras behinderte fortan den Export seines Nachbarn über eigenes Gebiet und zog sich aus dem Zentralamerikanischen gemeinsamen Markt (MCCA) zurück, was diesen vorläufig bedeutungslos machte. Das traf El Salvador nicht unerheblich. Zum einen ist dieser Staat relativ klein, dicht besiedelt und stark industrialisiert, was zu einer entsprechenden Abhängigkeit von grenzüberschreitendem Handel führt. Zum anderen liegt Honduras nicht nur zwischen El Salvador und dem Atlantik, sondern auch zwischen El Salvador und den MCCA-Partnerstaaten Nicaragua und Costa Rica.

Mehr noch als diese Handelshemmnisse trug jedoch die durch den Fußballkrieg nicht gestoppte Rückführung von 300000 Armutsflüchtlingen zur Verschärfung der sozialen und wirtschaftlichen Lage in El Salvador bei, die schließlich zum elfjährigen Bürgerkrieg führte. 1980 begann dieser Bürgerkrieg. Ebenfalls 1980 wurde der Fußballkrieg mit einem Friedensvertrag endlich auch formal beendet.

Re:Präsentationen – Black History Month Hamburg 2020

Am 22. und 29. Februar finden  zwei begleitende Veranstaltungen zu der Ausstellung statt. Foto: BHM Hamburg & Lemia Monét Bodden.

Die Ausstellung „Re:Präsentationen“, organisiert vom Hamburger Team des Black History Month, die noch bis zum 24. Februar 2020 im Altonaer Museum zu sehen ist, möchte die Geschichte und Gegenwart von Schwarzen Menschen in Hamburg hervorheben und zeigen, dass Schwarze Menschen in Deutschland eine historische und einflussreiche Präsenz haben.
Frei zugänglich für alle Interessierten, beabsichtigt die Ausstellung, Schwarzen Menschen in Deutschland  Gelegenheit zu geben, sich selbst zu repräsentieren und sich in ihrer Einzigartigkeit als Künstlerinnen und Künstler, Aktivistinnen und Aktivisten sowie als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu zeigen.

Begleitende Veranstaltungen zu der Ausstellung:
SCHWARZRUND „BISKAYA“
Autorinnenlesung
Sa, 22.02.2020, 15 bis 17 Uhr

„WER WIR SEIN WOLLTEN“
Dokumentation, 65 min, Filmvorführung und Gespräch
Sa, 29.02.2020, 15 bis 17 Uhr
Der Eintritt für alle Veranstaltungen ist frei.

Lass leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten

Die Ausstellung kann noch bis zum 20. Juli 2020 besucht werden.

Der vielfach preisgekrönte Dichter Peter Rühmkorf (1929–2008) gehört zu den bedeutendsten Lyrikern und Essayisten der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. In seinen Texten bedichtete Rühmkorf die Liebe und den Tod ebenso wie den Schnaps und den Schnellimbiss – nichts erschien ihm zu unbedeutend, um in eine lyrische Form gefasst zu werden. Seine vor allem durch Wortwitz funkelnden Gedichte bewegen bis heute mit ihrem politischen Engagement und bewähren sich zugleich auf dem poetischen Hochseil. Das Bühnenprogramm „Jazz und Lyrik“, mit dem er 1966 erstmals gemeinsam mit dem Jazzpianisten Michael Naura und dessen Quartett im Rahmen der Aktion „Dichter auf dem Markt“ auf dem Hamburger Adolphsplatz gastierte, erreichte über Jahrzehnte ein großes Publikum. Neben seiner Dichtkunst war es sein politisches Engagement, das Peter Rühmkorf zu einer Schlüsselfigur in der hamburgischen Kulturlandschaft der Nachkriegsjahrzehnte machte.

Nach der Immatrikulation an der Hamburger Universität 1951 zog Rühmkorf zusammen mit der Schauspielerin Peggy Parnass und dem späteren konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl in eine„Hochleistungs-Kommune“ in Lokstedt. Mit der Gruppe um Röhl gründete der angehende Lyriker das Kabarett „Die Pestbeule“ und in den Colonnaden den Existentialisten-Keller „Anarche“, in dem es neben Lesungen auch modernen Jazz zu hören gab, was in der etablierten Kulturszene für Provokation und Unverständnis sorgte. 1967 hielt Rühmkorf auf der Hamburger Moorweide beim Ostermarsch eine Rede gegen die Atomrüstung und gründete kurz darauf unter anderem mit seinem Freund Günter Grass die Initiative „Wir arbeiten nicht für Springer-Zeitungen“.
Seit den frühen 1970er Jahren lebte der Autor mit seiner Frau, der Politikerin Eva Rühmkorf, im Hamburger Stadtteil Oevelgönne an der Elbe, umgeben von zahlreichen Fundstücken von seinen Reisen und Treibgut aller Art.
An seinem „Schreibmaschinengewehrchen“ verfasste er dort mit Blick auf Fluss und Hafen Lyrik, Prosa, Essays und Theaterstücke. Seine Texte, Notizen und Zeichnungen sammelte er in Hunderten von Archivkästen, die heute den umfangreichsten Einzelnachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach bilden.
Anlässlich von Peter Rühmkorfs 90. Geburtstag präsentiert die Arno Schmidt Stiftung, Erbin der Urheberrechte des Autors, in einer atmosphärisch und medial außergewöhnlich gestalteten Literaturausstellung im Altonaer Museum einen umfangreichen Einblick in das Werk und in den Nachlass des Dichters. Unter dem Titel „Lass leuchten!“, der einem von Rühmkorfs Gedichten entstammt, setzt sich die Ausstellung anhand von visuellen Inszenierungen, Manuskripten, Fotos und Alltagsobjekten mit dem facettenreichen Leben und Schaffen des engagierten Künstlers auseinander. Rühmkorfs Sammelsurien als Quelle seiner Inspiration eröffnen ebenso wie eine Reimwortmaschine oder filigrane Schriftanimationen einen unmittelbaren, sinnlichen Zugang zu seinem Werk. Zentrales Element der Ausstellung ist der „Raum der Gedichte“,in dem zehn lyrische Texte Rühmkorfs in Großprojektionen inszeniert werden. Zehn Leserinnen und Leser, unter ihnen Franziska Augstein, Nora Gomringer, Jan Wagner und Heinrich Detering, stellen je ein Gedicht im Interview vor und erklären, warum es ihnen besonders am Herzen liegt. Die Textinszenierung von Stefan Matlik nimmt Rühmkorfs Bild vom „Fliegen“der Texte über den Niederungen von Arbeit und Alltag auf, sodass die Gedichte als luftige Gebilde im Raum schweben. Eine Auswahl von weitgehend unbekannten Filmaufnahmen von Rühmkorfs „Jazz und Lyrik“-Programmen aus mehreren Jahrzehnten ergänzt die Gedichtprojektionen. Weitere Themenstationen widmen sich wichtigen Aspekten im Schaffen und Leben des Dichters, stellen einzelne Werkphasen vor und erläutern auf anschauliche Weise sein poetisches Konzept.
In vier Medien-Installationen kann von den Besuchern auf spielerische Weise nachvollzogen werden, wie Reimkunst, Ironie, politisches Engagement und Subjektivität in Rühmkorfs Lyrik zusammenwirken. Eine fünfzig Quadratmeter große Wandinstallation verdeutlicht am Beispiel des Gedichts„Selbst III/88“ Rühmkorfs aufwändigen Arbeitsprozess.
In einem umfangreichen Begleitprogramm, das neben zahlreichen Führungen, einen festlichen Abend zu Rühmkorfs 90. Geburtstag, eine Lesung mit dem Lyriker und Büchner-Preisträger Jan Wagner, eine wissenschaftlichen Tagung und vielfältige pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche umfasst, können sich die Besucher vertiefend mit dem Oeuvre Peter Rühmkorfs auseinandersetzen.
Im Anschluss an die Laufzeit in Hamburg wird die Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach gezeigt.
Die Ausstellung der Arno Schmidt Stiftung im Altonaer Museum kann noch bis zum 20. Juli 2020 besucht werden.

Der Mann mit den goldenen Händen. Eine Hommage an Ferdinand Sauerbruch in der Charité

Operation am Brustkorb („Thorakoplastik“) 1922, Ölgemälde, Hermann Otto Hoyer, Kunstsammlung Charité, Foto: Thomas Bruns, Berlin

Die Ausstellung „Auf Messers Schneide“. die bis zum 2. Februar 2020 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité läuft, ist ein posthumes Heimspiel für den legendären Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (1875 bis 1951). Denn in diesem Krankenhaus feierte der „Mann mit den goldenen Händen“ seine größten Erfolge. Die Ausstellung verzeichnet täglich bis zu dreihundert Besucher.

Beim Betreten des ersten Saales sticht der riesige Schreibtisch des Chirurgen ins Auge. Dahinter an einem Nagel hängt sein weißer Arztkittel. Die Brille mit den kreisrunden Gläsern ruht gleich nebenan in einer gläsernen Vitrine. Man könnte meinen, Sauerbruch habe gerade sein Zimmer verlassen und würde jeden Augenblick zurückkommen, um einen Patienten zu empfangen. Während wir auf ihn warten, begeben wir uns auf einen Rundgang durch sein bewegtes Leben, das in den Ausstellungsräumen bis ins kleinste Detail dokumentiert ist.

Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch 1932, Max Liebermann, Öl auf Leinwand, © Hamburger Kunsthalle /bpk, Foto: Elke Walford

Sauerbruch wuchs im ostrheinischen Barmen in kleinbürgerlichen Verhältnissen als Enkel eines Schuhmachers auf. Nach dem von seiner Familie geförderten Medizinstudium und Stationen an Krankenhäusern in Erfurt und Kassel begann sein kometenhafter Aufstieg als bald weltberühmter Chirurg, der aufgrund seiner Erfolge im OP-Saal von der internationalen Presse mit Elogen überschüttet wurde. „Meister des Skalpells“, „Gigant der Chirurgie“, „Sieger über den Tod“ und „König der Chirurgen“ waren nur einige der ihm zugedachten Titel. Beim Anblick der aus dem frühen 20. Jahrhundert stammenden Gerätschaften wie Peritonalklammern, Zungenzangen und Leberhaken staunen die jüngeren Besucher. Mit so primitivem Handwerkszeug haben die Altvorderen hantiert? Der klobige OP-Tisch mit den ledernen Halteriemen lässt sie erschaudern. „Sieht ja aus wie eine Folterbank mit Fesseln“, flüstert einer. Kaum vorstellbar, dass unter diesen heute so antiquiert wirkenden Bedingungen Medizingeschichte geschrieben wurde. Weltweite Anerkennung fand Sauerbruch durch seine Operation am offenen Brustkorb, die der Maler Hermann Otto Hoyer 1932 auf einem lebensgroßen, hier ausgestellten Gemälde eindrucksvoll festhielt.

Die vielen Tondokumente, bei denen der Chirurg selbst zu Worte kommt – sei es im Hörsaal oder im Gespräch mit Kollegen – helfen, die Persönlichkeit des Menschen Sauerbruch zu verstehen. Offenbar war er mit einem rheinischen Humor gesegnet, den seine Studenten sehr schätzten. Da kommen Zweifel an dem Etikett „Halbgott in weiß“ auf, das ihm manche seiner Zeitgenossen ans Revers geheftet hatten. Es ist bekannt, dass Sauerbruch stets das Wohl seiner Patienten über alles andere stellte. Zitat: „Arzt ist nur der, der nicht an sich selbst denkt, sondern an seine Mitmenschen, der Verständnis hat für die Qual der Kranken.“ Der Eid des Hippokrates in seiner edelsten Form.

Ein Teil der Ausstellung befasst sich akribisch mit der Rolle Sauerbruchs während des Dritten Reiches. Warum hat er nicht klar Stellung gegen die Diktatur bezogen, lautet die Frage. Und stimmt es, dass er von den perfiden medizinischen Versuchen der Nazis am lebenden Menschen wusste und nichts dagegen unternahm? Fest steht, dass er an diesen Machenschaften nicht beteiligt war und nach 1945 von jeglicher Schuld freigesprochen wurde. „Sauerbruch ist beleidigt“, lautet eine Schlagzeile, als der Chirurg empört darauf hinweist, er habe auch während des Krieges seine Pflicht an seinen Patienten erfüllt. Denn selbst als Berlin lichterloh brannte und alliierte Bomben auch die Gebäude der Charité nicht verschonten, stand er Tag und Nacht im Bunker des Hospitals am OP-Tisch und operierte gewissenhaft jeden, der unter sein Skalpell kam.

Es lohnt sich, den Nachruf auf den großen Sauerbruch anzuhören, der am 2. Juli 1951 über den Äther ging. Ein mit Pathos gesprochener Kommentar, der den Dienst des Chirurgen am Menschen würdigte – ohne Wenn und Aber. De mortuis nil nisi bene.

Prothesenwand Arm- und Handprothesen 1920er – 1950er Jahre, Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité Foto: Thomas Bruns, Berlin

Dieser Artikel erschien im November im „Deutschen Ärzteblatt“ und im Dezember in der Preußischen Allgemeinen Zeitung

800 Jahre Deutscher Orden in Bad Mergentheim

 

Luftbild des ehemaligen Residenzschlosses des Deutschen Ordens in Bad Mergentheim
Foto: Deutschordensmuseum/Jens Hackmann, kopfgeist-arts.de

„Der Gang durchs Taubertal ist ein Gang durch die deutsche Geschichte, durch das alte Reich“, schrieb 1865 der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich von Riehl. Die nunmehr achthundertjährige Geschichte des Deutschen Ordens in Bad Mergentheim bestätigt diese Aussage bis auf den heutigen Tag.

In diesem Jahr platzt das im Tal der Tauber gelegene, knapp 24.000 Seelen-Städtchen Bad Mergentheim aus allen Nähten. Die Feierlichkeiten zu „800 Jahre Deutscher Orden in Bad Mergentheim“ locken Besucher von nah und fern an. Zu den beliebtesten Veranstaltungen gehören der historische Wachaufzug nebst Rekrutenwerbung der in elegante blau-weiße Uniformen gekleideten Deutsch-Orden Companie, deren Mitglieder gegen Ende ihres Auftritts Salutschüsse aus Vorderladergewehren abfeuern. Ein großer Teil der Mergentheimer Bevölkerung ist in die Festivitäten eingebunden, zu denen in diesem Jahr verschiedene Symposien und zahlreiche Vorträge über die historische Entwicklung des Ordens sowie eine Sonderausstellung unter dem Titel „Deutscher Orden im Südwesten“ (14. Juli 2019 bis 26. Januar 2020) im Deutschordensmuseum gehören.

Die meisten Bürger der Stadt sind mit der Geschichte des „Ordens der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem“ vertraut, und auch Schulkinder geben ihr Wissen gern an die Besucher weiter. Die Verbindung des Ordens zu Mergentheim entstand 1219 durch Mitglieder des Adelsgeschlechts derer von Hohenlohe, die dem Orden große Teile ihrer Besitztümer übereigneten. Unter ihrer Ägide entstand in der Region eine Vielzahl bedeutender Bauwerke, unter denen das prächtige Renaissanceschloss einen besonderen Rang einnimmt.

Von 1217 bis 1219 führten die Kreuzritter in Damiette einen erbitterten Kampf gegen die muslimischen Ayyubiden mit dem Ziel der Rückeroberung Jerusalems. Diese Schlacht, in der der Deutsche Orden verletzte Kreuzfahrer und Pilger in seinen Spitälern behandelte, wurde zur Initialzündung für großzügige Schenkungen adliger Kreise an den Orden. An erster Stelle standen die bereits erwähnten „Edelfreien“ Brüder Hohenlohe. Am 16. Dezember Anno 1219 gelangte der Orden durch einen Erbvergleich in den Besitz von bedeutenden Ländereien in der Umgebung Mergentheims. Dazu zählten zwei Burgen, Zoll, Gericht und Zehnt, Fischerei-, Weiderechte und Waldflächen. „Nudi nudum Christum sequi cupientes“ heißt es in der Übereignungsurkunde. Was soviel bedeutet, dass die Kreuzritter dem nackten Christus aus tiefer innerer Überzeugung nackt und demütig folgen wollten.

Andreas von Hohenlohe trat als erster dem Orden bei, unterzeichnete aber mit seinen Brüdern Gottfried und Konrad einen Teilungs- und Abfindungsvertrag. Weitere Familienmitglieder entschlossen sich zu großzügigen Schenkungen an den Deutschen Orden. Wenig später traten auch die Brüder Heinrich und Friedrich bei. Heinrich brachte es sogar zum Hochmeister. Diese ermöglichten auch den Bau von Schloss Mergentheim, das nach der Reformation und den Bauernkriegen über einen Zeitraum von nahezu dreihundert Jahren zur Residenz der Hoch- und Deutschmeister wurde.

Blick durch die Spindel der Berwarttreppe von 1574. Foto: Deutschordensmuseum/Holger Schmitt

Bevor der Besucher in die wechselvolle Geschichte des Ordens eintaucht, sollte er einen Blick auf eine der „Perlen“ des Schlosses werfen. Der „Schneck“ ist eine freistehende Wendeltreppe, die sich, begleitet von zierlichen gedrehten Säulchen, bis unter das Dach hinauf windet.

Die Historie des Ordens und seine hierarchische Ordnung werden auf großen Schautafeln erklärt. Ohne ihre Hilfe geriete mancher auch ins Schleudern, denn die geschichtlichen Zusammenhänge sind reichlich verzwickt. Der Deutsche Ritterorden, Deutschorden, entwickelte sich 1198 aus einer Hospitalgemeinschaft, die norddeutsche Kaufleute aus Bremen und Lübeck auf dem dritten Kreuzzug im Jahre 1190 während der Belagerung von Akkon gründeten. Die Ordensritter waren erkennbar an ihren weißen Mänteln, auf denen ein großes schwarzes Kreuz prangte. Oberhaupt des Ordens war der auf Lebenszeit gewählte Hochmeister, dem fünf „Großgebietige“ als Berater zur Seite standen. Auf großflächigen Gemälden sind streng blickende, Ehrfurcht einflößende Hochmeister dargestellt. In den Licht durchfluteten Sälen des Schlossmuseums wird die Entwicklung des Deutschen Ordens anhand von Kartenmaterial, Gebrauchsgegenständen, Grafiken und Gemälden anschaulich demonstriert.

Modell der Deutschordensburg Rehden. Foto: Foto Besserer, Lauda-Königshofen

Die fürstlichen Gemächer des Schlosses sind mit erlesenem Dekor und kostbarem Mobiliar ausgestattet. Aus seinem goldenen Rahmen blickt Kurfürst Clemens August als Hochmeister des Deutschen Ordens um das Jahr 1745 huldvoll auf die Besucher herab. Die ausschweifende Lebensfreude hatte auch vor den einst so rigiden Regeln des Ordens nicht halt gemacht. Der Kapitelsaal, ein eleganter Mix aus Spätbarock und Klassizismus, prunkt mit Stuckdecken und Kristalllüstern, die wie Diamanten in der Sonne funkeln. Auch die Schlosskirche, deren sonnenhelle Fassade an die Theatinerkirche in München erinnert, ist eine eingehende Besichtigung wert. Hinreißend das Deckengemälde von Johann Nikolaus Stuber, das die Verherrlichung des Kreuzes im Himmel und auf Erden darstellt!

Die Prachtentfaltung des 18. Jahrhunderts fand ihr jähes Ende, als Napoléon Bonaparte 1809 den Orden verbot. Doch der Deutsche Orden hatte in seiner über sechshundert Jahre währenden Geschichte so kräftige Wurzeln geschlagen, dass er sich gleich nach der Niederlage des Imperators neu konstituierte und bis zum heutigen Tage fort besteht. Eine stolze Tradition, die es verdient, weiter gepflegt zu werden.

www.deutschordensmuseum.de

Dieser Artikel erschien am 16. August 2019
in der Preußischen Allgemeinen Zeitung

70 Jahre Grundgesetz – Jubiläum eines Fragments der Direkten Demokratie

Direkte Demokratie durch Digitalisierung, vorgestellt
in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin Ende Juni 2019
Foto: Immo H. Wernicke

Auf zahlreichen Veranstaltungen haben der Bundespräsident Frank W. Steinmeier und die Bundeskanzlerin Angela Merkel für das vor 70 Jahren im Mai 1949 in Kraft getretene Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als dem Garanten für die Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geworben. Historiker verweisen auf frühere deutsche Verfassungen, die bereits die wichtigsten Grundrechte enthielten. Kritiker, wie seinerzeit Bayerns Regierung oder heute der ehemalige Verfassungsrichter, Paul Kirchhof, bemängeln das Demokratiedefizit des Grundgesetzes gegenüber den Landesverfassungen und der Schweizer Verfassung. Die Digitalisierung könnte den Bürgern auch in Europa mehr politische Mitwirkung ermöglichen.

Werbung für das Grundgesetz durch Bundeskanzlerin und Bundespräsident

In ihrer Rede zum Festakt der Deutschlandstiftung Integration am 14. Mai 2019 in Berlin stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel heraus: „70 Jahre Grundgesetz – das ist in der Tat ein Anlass zu feiern“, und es ist  „immer wieder gelungen, die Werte und Rechte unserer Verfassung mit Leben zu erfüllen.“ Der Bundespräsident geht am 22. Mai 2019 in seiner Rede vor dem Bundesverfassungsgericht auf die Entstehungsgeschichte des Grundgesetzes ein: „Der Parlamentarische Rat gliederte Westdeutschland wieder ein in die liberale Verfassungstradition der Aufklärung. Und er konnte (…) an deutsche Traditionen anknüpfen, an die Verfassung der Frankfurter Paulskirche und die Weimarer Reichsverfassung“, die vor 100 Jahren in Kraft getreten war. 

Alliierte der westlichen Besatzungszonen als Geburtshelfer des Grundgesetzes

Wenig enthalten die Politikerreden über die Rolle der Alliierten als damaliger „Übergangsregierung“ bei der Entstehung des Grundgesetzes. Staatsrechtler Heinrich A. Wolff  erläutert, dass die Militärgouverneure der drei Westzonen im Frankfurter Dokument  von 1948 die Länderregierungen zur Schaffung einer Verfassung unter besonderer Berücksichtigung der Grundrechte aufgefordert hatten. Historiker erinnern daran, dass zuvor im Juni 1945 die damaligen Alliierten und ihre Verbündeten die Grundrechte in Artikel 1 (3) der Charta der neugegründeten „United Nations“ von 1945 vereinbart und in der „Declaration of Human Rights of the United Nations“ von  1948 aufgelistet hatten.

Rückschau auf die Grundrechte in älteren „Deutschen Verfassungen“  

In seiner Rede hatte der Bundespräsident auch an die jüngere deutsche Verfassungsgeschichte erinnert. Herrmann-Josef  Blankes bestätigt in seinem Band „Deutsche Verfassungen“, dass bereits die Verfassung des Deutschen Reichs v. 1849 (Paulskirchenverfassung) „Die Grundrechte des deutschen Volkes“ enthielt. § 138 legte fest „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“, und § 140 bestimmte „Die Wohnung ist unverletzlich“, § 143 sicherte die „Preßfreiheit“, und § 164 garantierte „Das Eigentum ist unverletzlich“.  Ähnlich legte die Verfassung des Deutschen Reichs von 1919, die „Weimarer Verfassung“ die „Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen“ fest.

Wie die Alliierten 1945, übergehen Bundespolitiker gerne die Landesverfassungen und deren Grundrechtegarantie. Bereits die 200 Jahre alte Verfassungsurkunde für das Königreich Württemberg von 1819 sicherte „jedem Bürger Freiheit der Person, Gewissens- und Denkfreiheit und Freiheit des Eigentums und Auswanderungsfreiheit“. In der Verfassung des Königreichs Bayern v. 1818 wurde dem Volk von Bayern „Freyheit der Meinungen“  und „Gleichheit der Gesetze und vor dem Gesetze“ zugesichert: „Der Staat gewährt jedem Einwohner Sicherheit seiner Person, seines Eigentums und seiner Rechte“ garantiert.

Strafrechtshistoriker erinnern daran, dass die Grundrechte, auch auf „guten Leumund“, seit Jahrhunderten durch die Strafjustiz in den Einzelstaaten einschließlich der Reichsstädte (Frankfurt) und der Freien Städte (Hamburg) im „Heiligen Römischen Reich“ geschützt waren. Verfassungshistoriker Gerhard Oestrich verweist auf die früheren Reichsgerichte, die die persönliche Freiheit, das Eigentum und die Religionsfreiheit vor Übergriffen der Fürsten schützen sollten.

Legitimations- und Demokratiedefizite des Grundgesetzes?

Bundeskanzlerin und Bundespräsident übergehen in ihren Festtagsreden die Legitimations- und Demokratiedefizite des Grundgesetzes. Staatsrechtler Christoph Gröpl erläutert, dass das Grundgesetz „nicht durch eine Volksabstimmung angenommen worden war“. Der Staatsrechtler bestreitet aber ein Legitimationsdefizit des Grundgesetzes, da die Wähler seit 1949 die Parteien gewählt haben, die sich “eindeutig zur grundgesetzlichen Verfassungsordnung bekannten.“

Das Demokratiedefizit besteht nach Ansicht des ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Paul Kirchhof, insofern, als den Bürgern nur wenige konkrete Mitwirkungsmöglichkeiten an politischen Entscheidungen und an der Rechtsetzung gewährt werden. Das Grundgesetz unterscheidet sich darin sowohl von den Landesverfassungen als auch von der „Weimarer Verfassung“ von 1919. Diese gewährte Mitwirkungsrechte bei der Reichsgesetzgebung bei Verfassungsänderungen durch Volksentscheide und Volksbegehren. Die an die Schweizer Verfassung angelehnten Landesverfassungen nach 1945 garantieren ebenfalls Volksentscheide, so das Land Hessen: „Das Volk handelt nach den Bestimmungen dieser Verfassung unmittelbar durch Volksabstimmung (Volkswahl, Volksbegehren und Volksentscheid), mittelbar durch die Beschlüsse der verfassungsmäßig bestellten Organe.“ Anders als das Grundgesetz wurden die Landesverfassungen durch Volksabstimmungen legitimiert. Die Schweiz ist als politisches Vorbild der Direkten Demokratie für Europa jedoch umstritten.

Grundgesetz und Lissabon-Vertrag Fragmente der Direkten Demokratie
Schweizer Botschaft ohne Absperrungen in Berlin:
Vorbild für mehr Direkte Demokratie in Europa
Foto: Immo H. Wernicke

Verfassungsrichter Paul Kirchhof würdigte in seiner 2013 gehaltenen Rede zur 60-Jahrfeier der baden-württembergischen Verfassung die politischen  Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger durch Volksentscheid, Volksbegehren und Volksinitiative. Die Direkte Demokratie ermöglicht dem „Bürger, sich mehr mit seinem Staat zu identifizieren, weil er an ihm selbst mitwirkt“, so Paul Kirchof. Er bemängelt dagegen, dass im Grundgesetz die Befugnis der Bürger zur unmittelbaren Sachentscheidung und zur Rechtsetzung fehlt, denn dies ist Parlament, Bundesregierung und Bundesrat vorbehalten. Volksentscheide sind lediglich bei Gebietsveränderungen der Bundesländer vorgesehen.

Das Reichstagsgebäude gewidmet „Dem Deutschen Volke“,
abgesperrter Sitz seiner Repräsentanten
Foto: Immo H. Wernicke

Das Grundgesetz sieht folglich weder Volksbefragungen noch Volksabstimmungen vor, auch nicht bei so einschneidenden Eingriffen in die Gesellschaftsstrukturen von Ländern und Gemeinden durch Erweiterung von Bundeskompetenzen, Steuer- und Abgabenbelastung, Verteilung von Asylbewerbern und Migranten und durch Abtretung von Souveränitätsrechten an die Europäische Union.

Auf europäischer Ebene sind mehr politische Rechte für die Bürger Fehlanzeige. So konstatiert Paul Kirchhof, dass sich die „Europäische Union im Lissabonvertrag vor direkter Demokratie scheut“. In seinem  2008 erschienen Bestseller kritisiert der ehemalige Verfassungsrichter die „Normenflut die den Rechtsstaat erdrückt“ und fordert von Politikern, Parteien  und Medien: „Gebt den Bürgern ihren Staat zurück“. Die Digitalisierung und das Internet könnten das Prinzip der Volkssouveränität des Grundgesetzes endlich „mit Leben erfüllen“.

Schloss Fasanerie in Fulda – Gartenfest mit barockem Gepränge

Die-Südfassade-von-Schloss-Fasanerie_Fotograf-Andreas-von-Einsiedel

Unter den zahlreichen Barockschlössern Deutschlands nimmt Schloss Fasanerie in Fulda- Eichenzell einen besonderen Platz ein. „Ich bin vielleicht etwas voreingenommen“, gesteht eine Ortsansässige. „Aber mit der Fasanerie können nur wenige Herrensitze konkurrieren.“ Neben dem Schloss mit seinen vielen Kostbarkeiten erwähnt sie den fast 100 Hektar großen Park, der mit seinen Rabatten, Skulpturen und dem alten Baumbestand jeden Besucher in seinen Bann schlägt. Das „Fürstliche Gartenfest“ des Schlosses Fasanerie ist ein Ereignis, das jedes Jahr im Frühling Besucher von nah und fern anlockt.

Am 16. Mai ist es wieder soweit. Da öffnet das schönste Barockschloss Hessens seine Pforten und lädt zu einem Festival der Sinne inmitten duftender Blütenpracht ein. Im Rahmen einer Ausstellung zum Thema „English Gardening“ wird den Besuchern bis zum 19. Mai von zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellern die traditionsreiche britische Gartenkunst näher gebracht.

in-Blick-in-die-außergewöhnliche-Porzellansammlung-von-Schloss-Fasanerie_Fotograf-Andreas-von-Einsiedel

Das elegante, im hellen Ockerton gehaltene Schloss mit dem leuchtend roten Dach diente den Fürstbischöfen von Fulda einst als Sommerresidenz. Ein Rundgang durch die prunkvoll ausgestatteten Säle und Räume demonstriert eindrucksvoll den erlesenen Geschmack und Kunstverstand der ehemaligen Besitzer. Die Porzellansammlung im Nordflügel des Schlosses entführt die Besucher in eine Zeit, als in aristokratischen Kreisen die Kunst des Tischdekors einen hohen Rang einnahm. Beim Anblick der mit erlesenem Geschirr und blank geputzten silbernen Kerzenleuchtern gedeckten Tafel entfährt einem Besucher die Bemerkung: „Das war noch Stil – ganz ohne Plastik und McDonalds!“

Die Antikensammlung umfasst ein wohl geordnetes Sammelsurium griechischer und etruskischer Vasen, Terrakotten und Bronzen sowie römische Porträtbüsten. Das kostbarste Stück – eine an die 2400 Jahre alte griechische Vase – kennen manche von uns noch aus Schulbüchern, in denen sie als Musterbeispiel antiker Kunst abgebildet war.

Ein-Blick-in-den-Gästeflügel-von-Hessens-schönstem-Barockschloss_Fotograf-Andreas-von-Einsiedel

Endlos lange, mit kostbarer flämischer Tapisserie, Porträts, zierlichem alten Mobiliar und filigranen Figurinen ausgestattete Flure führen in die repräsentativen Räume und Antichambres der ehemaligen Herren von Schloss Fasanerie. Beeindruckend ist der mit barockem Gestühl, wuchtigen Kommoden und einem tonnenschweren Kristalllüster ausgestattete rote Salon.

Nach diesem von einem eloquenten Museumsführer begleiteten Rundgang lockt der bezaubernde Chinesische Pavillon – auch Hochzeitspavillon – im Zentrum des weitläufigen Parks. Dieses Kleinod wurde inzwischen zu einer Außenstelle des Standesamtes Eichenzell umfunktioniert. In dem eleganten, mit vielen dekorativen Gegenständen bestückten Innenraum finden neben Hochzeiten regelmäßig Jubiläen und Familienfeiern statt. Auch das ehemalige Badehaus erfreut sich großer Beliebtheit und wartet jährlich mit viel besuchten Sonderausstellungen auf.

Die-Südfassade-von-Schloss-Fasanerie-mit-Sonnenterrasse-und-Café

„Keine Angst, du wirst dich bei uns nicht langweilen“, erklärt eine Schlossführerin einem kleinen Mädchen von etwa sieben Jahren. In der Tat, die Kinderführungen von Schloss Fasanerie sind berühmt. Da wird der Nachwuchs nicht mit drögen Erklärungen gequält, sondern erlebt das echte Schlossleben von Anno dazumal mit Prinzessinnen, Hofdamen und anderen Mitgliedern des Hofstaates, Selbst ein Schlossgespenst geistert durch die hohen Räume und sorgt für Stimmung unter den Kleinen. Dieser ereignisreiche Tag klingt im gemütlichen Café des Schlosses aus. Ein geeignetes Plätzchen zum Ausruhen ist die Südterrasse, wo der Schlossbesucher das Erlebte noch einmal Revue passieren lassen kann.

www.schloss-fasanerie.de

www.die-fasanerie.de

Dieser Artikel erschien in der Juni-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts

Vor 150 Jahren wurde die Luxemburgkrise gelöst –

Bild von Adam Derewecki auf Pixabay

der durch sie bewirkte Bruch zwischen Napoleon III. und Bismarck aber blieb: Vor 150 Jahren brachte die Luxemburgkrise Europa an den Rand eines Krieges. Sie zerrüttete das Verhältnis zwischen Frankreich und Preußen, die kein halbes Jahrzehnt später gegeneinander Krieg führen sollten, und bescherte Luxemburg eine „immerwährende Neutralität“.

Napoleon III., Kaiser der Franzosen, stützte seine Herrschaft wie sein noch berühmterer Onkel weniger auf das Gottesgnadentum als auf die Zustimmung der Nation. Dieser Zustimmung glaubte der Kaiser sich durch regelmäßige außenpolitische Erfolge vergewissern zu müssen. Das führte zu einer aktiven, offensiven, aggressiven, expansiven, interventionistischen und imperialistischen Außenpolitik. Wenn Napoleon III. auch wie sein Oheim ein Kind der Revolution war, so strebte er doch in klassisch französischer Manier an den Rhein, getreu dem französischen Anspruch, dass es sich bei ihm nicht um „Deutschlands Fluss“, sondern wie die Pyrenäen um Frankreichs „natürliche Grenze“ handele. Folglich hatte Napoleon bereits vor dem Deutschen Krieg von 1866 am 12. Juni jenes Jahres mit Österreich einen Geheimvertrag geschlossen, der für den Fall einer Neuordnung Deutschlands nach dem erwarteten österreichischen Sieg im absehbar bevorstehenden Krieg gegen Preußen die Umwandlung der preußischen Rheinlande in einen de jure „unabhängigen“ französischen Satellitenstaat vorsah.

Nun kam es zwar tatsächlich zu dem erwarteten preußisch-österreichischen Krieg, aber wider Erwarten gewann ihn nicht Österreich, sondern Preußen, und es war deshalb primär Preußen, mit dem Frankreich nun die deutsche Nachkriegsordnung zu verhandeln hatte. Naheliegenderweise konnte Frankreich schwerlich vom siegreichen Preußen die Abtretung seiner Rheinlande verlangen. Doch auch die zu den Verlierern des Deutschen Krieges gehörenden vormaligen Verbündeten Österreichs Bayern und Hessen-Darmstadt besaßen linksrheinisches Gebiet. Hieran äußerte Frankreich gegenüber Preußen in schriftlicher Form Interesse. Doch Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck war nicht bereit, der preußisch-französischen Freundschaft linksrheinisches Deutschland zu opfern. Statt der schriftlichen französischen Interessensbekundung nachzukommen, setzte er die Süddeutschen darüber in Kenntnis, die schockiert Schutz vor dem französischen Imperialismus in den von Preußen ihnen angebotenen Schutz- und Trutzbündnissen suchten.

Um der Verständigung mit Frankreich willen stellte Bismarck sich dem französischen Drang an den Rhein jedoch nicht grundsätzlich entgegen. Vielmehr versuchte er, diesen auf Gebiet abzulenken, das er zum französischen Kulturkreis zählte. Die Franzosen waren damit grundsätzlich einverstanden.

Der Erwerb belgischen Territoriums war für Frankreich nicht so einfach. Großbritannien legte nämlich großen Wert darauf, dass die der Themsemündung gegenüberliegende Küste des europäischen Kontinents nicht in die Hände einer seefahrenden Großmacht fiel, die mit ihrer Flotte die Themsemündung hätte kontrollieren und schlimmstenfalls blockieren können. Deshalb hatte das Vereinigte Königreich nach der Belgischen Revolution von 1830 gleich in zwei Londoner Konferenzen die Neutralität und Unabhängigkeit Belgiens durch die europäischen Großmächte garantieren lassen.

Luxemburg war hingegen unproblematischer. Es handelte sich um einen Binnenstaat, bei dem weder die Neutralität noch die Unabhängigkeit international garantiert war. „Einmal in Luxemburg, sind wir auf der Straße nach Brüssel“, frohlockte Vincent Graf Benedetti, Frankreichs Botschafter in Berlin. Der luxemburgische Großherzog Wilhelm III., in Personalunion König der Niederlande, befand sich in Geldnot und war bereit, sein Großherzogtum an die Franzosen zu verkaufen. Die niederländische Regierung stand der in Aussicht genommenen Beendigung der niederländisch-luxemburgischen Personalunion ebenfalls positiv gegenüber, stand ihr doch die Verwicklung Dänemarks in den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 durch die Personalunion des Königreiches mit den Elbherzogtümern mahnend vor Augen.

Auch Bismarck war mit einem französischen Luxemburg einverstanden, denn für ihn war das Großherzogtum hinsichtlich „Nationalität und Sprache“ eher französisch als deutsch. Dem Politiker war jedoch durchaus bewusst, dass die deutsche Nationalbewegung das anders sah, und er forderte deshalb die französische Seite auf, diskret mit Wilhelm III. handelseinig zu werden und dann die Öffentlichkeit und scheinbar auch ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die Franzosen folgten Bismarcks Rat.

Wenige Tage, nachdem die Verhandlungen Napoleons III. mit Wilhelm III. begonnen hatten, am 19. März 1867, veröffentlichte der „Preußische Staatsanzeiger“ die preußischen Schutz- und Trotzbündnisse mit den süddeutschen Staaten. Bismarcks Motive waren innerdeutsche, doch Wilhelm III. missverstand diese Veröffentlichung als außenpolitische Drohgebärde. Der Deutsche Bund, dessen Bundesfestung Luxemburg gewesen war, war zwar bereits 1866 im Deutschen Krieg untergegangen, aber aus jener Zeit standen immer noch preußische Truppen in der Festung, und Wilhelm scheute es, den großen Nachbarn im Osten mit einem Fait accompli zu konfrontieren. Entgegen dem französischen Rat setzte er am 26. März 1867 auf offiziellem diplomatischen Wege den preußischen König über die Verhandlungen in Kenntnis und versicherte diesem, dass er in der Angelegenheit nichts ohne dessen Kenntnis und Einverständnis unternehmen werde.

Damit war genau das eingetreten, was Bismarck hatte verhindern wollen: Preußen musste Farbe bekennen zu einem Zeitpunkt, als von seiner Stellungnahme das Gelingen des Projekts abhing. Bismarck befand sich in der Zwickmühle, entweder mit Napoleon III. oder der deutschen Nationalbewegung zu brechen. Bismarck war die Nationalbewegung wichtiger. Am 3. April 1867 beantwortete er die Mitteilung Wilhelms III. telegrafisch mit dem dringenden Rat, von einem Verkauf abzusehen, da „der Krieg nach der Aufregung der öffentlichen Meinung kaum zu verhüten sein würde, wenn die Sache vor sich ginge“. Wilhelm III. befolgte den Rat.

Napoleon III. empfand Bismarcks offizielles Nein nach dem vorherigen inoffiziellen Ja als Verrat. Das Vertrauen zwischen den beiden war nachhaltig gestört. Ein Sprung Preußens über den Main und eine kleindeutsche Lösung der deutschen Frage unter preußischer Führung ohne französischen Widerstand war damit ausgeschlossen.

Damals, im Frühjahr 1867, kam es jedoch noch nicht zum Krieg. Vom Scheitern der französischen Intervention in Mexiko mussten sich das Kaiserreich und seine Armee erst einmal erholen. Zudem sollte die am 1. April eröffnete prestigeträchtige Pariser Weltausstellung, in der die Grande Nation die Welt zu Gast hatte, nicht durch einen Krieg mit dem Nachbarn überschattet werden. Und Bismarck wollte den Norddeutschen Bund sowie die Schutz- und Trutzbündnisse mit den süddeutschen Staaten nicht schon gleich zu Beginn einer derartigen Belastungsprobe aussetzen. In einer derartigen Situation bietet sich eine internationale Konferenz an. Nach der Belgischen Revolution hatten die Großmächte in London eine Lösung für die Zukunft des Landes gefunden; da lag es nahe, bei Luxemburg analog zu verfahren. Die Anregung kam vom Gastgeberland Großbritannien, die Ehre einzuladen, wurde Wilhelm III. gewährt, ging es doch um sein Großherzogtum.

Vom 7. bis 11. Mai tagte die Londoner Konferenz bezüglich Luxemburg. Wieder waren alle europäischen Großmächte dabei. Diesmal gehörte aber neben den klassischen fünf Großmächten der Pentarchie auch der sechs Jahre zuvor gegründete italienische Nationalstaat dazu. Des Weiteren waren Luxemburg, um das es ging, und dessen Nachbar Belgien vertreten.

Hauptergebnis der Konferenz war, dass es zu dem von Napoleon III. angestrebten Kauf Luxemburgs nicht kam, vielmehr der niederländische König weiterhin Großherzog von Luxemburg blieb. Auch blieb der Staat Mitglied des Deutschen Zollvereins. Dafür zog Preußen seine Garnison aus der Festung ab und die Festungswerke wurden geschleift. Nach belgischem Vorbild wurde Luxemburg für neutral und unabhängig erklärt sowie die Wahrung sowohl der „immerwährenden Neutralität“ als auch der Unabhängigkeit von Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland garantiert.

Anders als im Falle Belgiens wenige Jahrzehnte zuvor hatte diesmal vor allem Preußen auf eine international garantierte Neutralität und Unabhängigkeit Wert gelegt. Nach der Verschlechterung der preußisch-französischen Beziehungen infolge der Luxemburger Krise wollte Bismarck ein französisches Luxemburg in unmittelbarer Nachbarschaft verständlicherweise verhindert wissen. Ohne preußische Truppen und mit geschleifter Festung wäre der Kleinstaat dem französischen Nachbarn jedoch ohne internationale Garantien ziemlich hilflos ausgeliefert gewesen.

Großbritannien hingegen zeigte anders als seinerzeit im Falle Belgiens wenig Engagement. Da die luxemburgische im Gegensatz zur belgischen Frage nicht die kontinentale Gegenküste der Themsemündung betraf, zeigte London wenig Bereitschaft, sich deswegen in einen Krieg ziehen zu lassen. Zudem verfolgte die damalige britische Regierung eine eher isolationistische als interventionistische Politik. Mit dem Reform Act von 1867, einer Wahlrechtsreform, welche die Zahl der Wahlberechtigten glatt verdoppelte, hatte sie im eigenen Land genug zu tun.

Die Briten sorgten deshalb für einen bemerkenswerten Unterschied zwischen den Garantieerklärungen für Belgien und Luxemburg. Während im Falle des Küstenstaates jede einzelne der fünf Großmächte Neutralität und Unabhängigkeit garantiert hatte, handelte es sich im Falle des Binnenstaates nur um eine Kollektivgarantie. Von britischer Seite wurde das in der Weise interpretiert, dass ihr Land nur als Bestandteil des Kollektivs zur Verteidigung von Luxemburgs Neutralität und Unabhängigkeit tätig zu werden brauche. Da aber zu erwarten war, dass eine Verletzung der Neutralität oder Unabhängigkeit Luxemburgs entweder im Interesse Preußens oder Frankreichs lag, war nicht anzunehmen, dass das Kollektiv der Garantiemächte in seiner Gesamtheit sich auf Gegenmaßnahmen würde verständigen können. Der britische Premier Edward Geoffrey Smith-Stanley zog daraus die Schlussfolgerung, dass aufgrund der Kollektivgarantie sein Land bei einer Verletzung der luxemburgischen Unabhängigkeit oder Neutralität zweifellos das Recht habe, Krieg zu führen – aber nicht notwendigerweise die Pflicht. An 14. Juni 1867 erklärte er im Unterhaus: „It would, no doubt, give a right to make war, but not necessarily impose the obligation.“ Mehrmals wurde Bismarck wegen derartiger offizieller Relativierung der Kollektivgarantie zu einem Nichts bei den Briten vorstellig – doch ohne Erfolg.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass es 1914 ausgerechnet das von Bismarck gegründete Deutsche Reich war, das mit seinem Einmarsch den Londoner Vertrag von 1867 massiv verletzte, und das es das Vereinigte Königreich war, das sich darüber bis hin zum Kriegseintritt echauffierte.

Nachdem der deutsche Nachbar auch im Zweiten Weltkrieg die Neutralität und Unabhängigkeit Luxemburgs ignoriert hatte, wurde 1948 formell die ab 1867 bestehende „immerwährende Neutralität“ aufgehoben. Damit war der Weg in die Nato frei.