Congratulations!

In 2026 the English Theatre of Hamburg celebrates its 50th anniversary. Congratiulations and many happy returns! No doubt during the last fifty years the ETH has become an integral part of Hamburg’s cultural scene. This year’s season opens with the adaption of Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Gray.“ Dear spectator you will greatly enjoy this wonderful performance directed by Paul Glaser.

Portrait of a dandy

We meet young and beautiful Dorian Gray, offspring of a wealthy English family, in the elegant house of Lord Henry Wotton. He has his portrait made by a famous artist named Basil Hallward. During his sittings he is introduced to Lord Henry Wotton, an immoral aristocrat who is fascinated by Dorian’s good looks. Soon Lord Henry becomes Dorian’s mentor who convinces his new friend that beauty is the most important thing in life overshadowing old-fashioned bourgeois morals. Without thinking twice Dorian follows his cynic friend’s advice to abandon young and innocent Sybil Vane, a pretty but poor actress to whom he had promised marriage. Her suicide does not impress Dorian at all. Instead of mourning her death he travels abroad and seeks pleasure on the Continent.

On Dorian’s return to London Basil Hallward presents his portrait to his model. The painter is very proud of his work that shows Dorian in the prime of his youth. Dorian no doubt is a flawless beauty. Lord Henry Wotton’s influence on Dorian has meanwhile become toxic. Dorian is beguiled by his own attractiveness and his greatest wish is to stay forever young and beautiful. Old age shall never ruin his good looks. Instead the picture shall age for him.

 

A wish is granted

As time goes by Dorian’s friends age and lose their attractiveness, whereas he himself stays as young and beautiful as ever. Only his portrait which he hides in the attic of his house discloses his amoral life that is filled with nights in London’s opium dens and relationships with criminals and prostitutes. He even commits murder in cold blood. When Basil Hallward, the creator of Dorian’s portrait, dares a glimpse at his masterpiece, he is deeply shocked by the sight of it. Dorian does not hesitate a moment to stab him to death.

The final move

One day Dorian takes all his courage to look at his portrait. He is horrified by what he sees. In a frantic mood he tries to cut the picture to pieces. But the picture – his alter ego – hits back and kills him instead. When the servants hear his screams and hurry up the stairs they find an old extremely ugly man with wrinkles in his face. They only identify him as their master by the rings on his hands. But the portrait stands undamaged and shows Dorian Gray in his flawless beauty, such as a great artist of his time had once painted him.

Thanks to Paul Glaser and four outstanding actors this complex story could be packed into a two-hour performance. It is a pity that Oscar Wilde himself could not attend. He would have greatly enjoyed Joshua Campbell-Hart as Dorian Gray since his appearance and acting technique fit the part to perfection. The other three actors change in no time from one part to the next. Jess Saunders is to be seen in eight roles, be it pretty innocent Sybil Vane, snobbish Lady Agatha or simple Mrs. Leaf. She further jumps from high-brow aristocrat English to thick Cockney slang and even masters a broad Yorkshire accent. No less perfect in their parts: William Osbeldiston-Hawkes as sensitive Basil Hallward and Ben Kenzie in the role of Lord Henry Wotton, the cynic immoral dandy. Thank you all very much for this wonderful evening.

A few words about the author

Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde was born on October 16. 1854, in Dublin. The very gifted writer and playwright started a great carreer in England. His wit and talent made him quickly the darling of London
Society. He once mocked his British colleagues by claiming that Englsh literature owned its fame to Irish poets like him and a couple of compatriots. He certainly referred to Jonathan Swift, among others. By the way, George Bernhard Shaw expressed the same opinion years later. However, this was not the reason why British Society sent him to prison for two years. Homosexuality and his intimacy with the offspring of a noble family finally broke his neck. Oscar Wilde, the „fallen angel“, died in his exile in Paris in 1900 at the age of 46 – alone and penniless.

Last performane of „The Picture of Dorian Gray“ on October 31, 2026. Tickets under phone number 040-227 70 89 or online unter www.englishtheatre.de

Next premiere: „Deathtrap“ by Ira Levin on November 20, 2026

Herzlichen Glückwunsch zum fünfzigjährigen Bestehen!

In diesem Jahr feiert das English Theatre of Hamburg (kurz ETH) ein halbes Jahrhundert Erfolgsgeschichte. Gegründet 1976, wurde das Theater an der Mundsburg sehr schnell zu einem kulturellen Anziehungspunkt in der Hansestadt. Hamburg ist, wie jeder weiß, die britischste Stadt auf dem Kontinent. Es wird behauptet, dass die Hanseaten den Regenschirm aufspannen, wenn sich an Londons Himmel die ersten grauen Wolken abzeichnen. Dichtung oder Wahrheit? Auf jeden Fall ein Narrativ mit realem Hintergrund. Langer Rede kurzer Sinn: Vor nunmehr fünfzig Jahren wurde endlich eine Lücke geschlossen, die den Hanseaten die Chance eröffnete, ihr Englisch auf hohem Niveau zu halten oder gar zu verbessern.

Als Auftakt zur neuen Theatersaison offeriert das ETH seinem Publikum ein viktorianisches „Gothic“, das auf Oscar Wildes‘ einzigem Roman basiert. Vorhang auf für „The Picture of Dorian Gray!“

Noch stimmiger kann man dieses Opus Magnum aus der Feder des gebürtigen Iren Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde nicht auf die Bühne bringen. Die Inszenierung trägt den unverwechselbaren Duktus Paul Glasers. Chapeau.

Die bürgerlichen Moralgesetze gelten nicht für jeden

Lord Henry Wotton, ein ebenso eleganter wie zynischer Aristokrat, wird während eines Besuchs bei dem Porträtmaler Basil Hallward mit dem beeindruckenden Gemälde eines schönen jungen Mannes namens Dorian Gray konfrontiert. Dorians Charme und Grazie faszinieren den Künstler, der alsbald Gefühle für ihn empfindet, die in der seinerzeitigen sittenstrengen Gesellschaft als anstößig galten. Währenddessen beginnt Lord Henry den jungen Dorian mit seinen hedonistischen Ansichten zu beeinflussen. Schönheit, so argumentiert er, sei viel wichtiger als Moral und Tugend. Nach kurzer Zeit erliegt Dorian dem süßen Gift seines „Mentors“ und lässt sich von ihm zu immer größeren Lastern verführen. Dorians erstes Opfer ist die junge unschuldige Schauspielerin Sybild Vane, die er zwar anfänglich bewundert und auf Händen trägt, um sie später umso brutaler fallen zu lassen. Als Sybil ob seiner Grausamkeit Selbstmord begeht und Dorian erste Anzeichen eines schlechten Gewissens zeigt, redet Lord Henry ihm ein, er habe Sybil völlig zu Recht den Laufpass gegeben.

Sybils Bruder James, ein Seemann, der in Australien sein Glück versuchen will, schwört blutige Rache, erntet jedoch nur Hohn und Spott vonDorian und Lord Henry, dem Dorian auf seinem Weg in den Untergang immer höriger wird.

Das Bildnis wird vollendet

In der Zwischenzeit hat Basil Hallward sein Meisterwerk vollendet. Die Veränderung im Wesen seines Modells bleibt seiner sensiblen Künstlerseele nicht verborgen. Deshalb empfiehlt er Dorian, zu Lord Henry Wotton auf Distanz zu gehen. Doch der junge Mann hat sich die Philosophie seines älteren Freundes längst zu eigen gemacht. Er hat nur noch ein Ziel – den Erhalt seiner äußeren Anziehungskraft. Ähnlich wie Faust schließt er einen Pakt mit Mephisto. Statt seiner soll das Bildnis altern und die Spuren der Zeit und seines lasterhaften Lebens tragen, während er immer jung und begehrenswert bleibt. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, denn selbst der Umgang mit Prostituierten und Verbrechern sowie regelmäßige Besuche in den Opiumhöhlen Londons können seiner Schönheit nichts anhaben.

Das Porträt als Zeuge des moralischen Verfalls

Als Dorian nach geraumer Zeit einen Blick auf das in einen Abstellraum des Hauses verbannte Gemälde wirft, ist er zutiefst schockiert. Ihm starrt ein von Laster und Ausschweifungen entstelltes Gesicht – eine Grimasse seiner selbst – aus goldenem Rahmen entgegen. Basil Hallward verschafft sich Zutritt zu Dorians Haus, wirft einen Blick auf sein Werk, erstarrt vor Schreck und versucht zu fliehen. Doch Dorian ersticht den Mitwisser seiner Verbrechen. Diesem Mord folgt ein weiterer. Denn auch James Vane, der Bruder der verschmähten Sybil, wird erdolcht. Nun erkennt auch Dorian seinen Irrweg. In seiner Verzweiflung zerfetzt er sein Porträt mit dem Messer.

Das Gemälde hat inzwischen eine zynische Eigendynamik entwickelt und tötet Dorian. Als die Dienstboten auf einen gellenden Schrei herbeieilen, finden sie einen alten von Runzeln und Schrunden entstellten Mann, den sie nur mühsam als ihren Herrn erkennen. Das Bildnis aber ist unversehrt und zeigt einen jungen schönen Dorian Gray, so wie ihn der Maler Basil Hallward einst schuf.

…und die Moral von der Geschicht‘: „Böse Taten lohnen sich nicht.“

Der Sündenfall

Der große Schriftsteller Oscar Wilde schuf eine Reihe brillanter Komödien Märchen und Geschichten. Aber nur einen Roman.

In „Das Bildnis des Dorian Gray“ persifliert Wilde die dekadente britische High Society des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren erkorener Liebling er war. Wilde äußert sich sarkastisch über deren Jahrmarkt der Eitelkeiten und jene Spiegelfechtereien endloser inhaltsloser Diskussionen. Doch auch ihn traf das Schicksal vieler, die hoch aufsteigen und wenig später als verglühte Kometen enden. Der von der Hocharistokratie Britanniens gefeierte Autor fiel tief. Als seine homosexuelle Beziehung zu einem jungen Adligen publik wurde, verurteilte eine selbstgerechte Gesellschaft ihn wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zwangsarbeit, die letztlich zu seinem frühen Tod führten. Mit nur sechsundvierzig Jahren starb Oscar Wilde völlig mittellos und vereinsamt im Pariser Exil.

Diese neue Inszenierung macht dem English Theatre alle Ehre. Sie ist ein großer Wurf. Ein opulentes Dekor in Salons und Bibliotheken, gestützt von Video-Projektionen, führt mitten hinein in das London des ausgehenden viktorianischen Zeitalters. Vor dem geistigen Auge des Zuschauers entsteht das Bild der Hauptstadt mit seinem an manchen Tagen undurchdringlichen Nebel – seinerzeit auch pea soup genannt. Rauchschwaden wabern über der Bühne und verstärken die unheimliche Atmosphäre. Das Trappeln von Pferdehufen auf dem holperigen Straßenpflaster verhallt in der Ferne. Es ist das London Jack the Rippers, der seinerzeit sein blutiges Handwerk im vornehmlich von Prostituierten, Zuhältern und weiteren düsteren Gestalten bewohnten Stadtteil Whitehall trieb. Im Stück erleben wir zwei Szenarien der pulsierenden britischen Metropole – auf der einen Seite das elegante London der oberen Zehntausend und auf der anderen die verkommenen Viertel der Metropole mit ihren Elendsquartieren und Opiumhöhlen. In diesem Universum tummelt sich ein Ensemble handverlesener Schauspieler. Vier Mimen stellen das gesamte Spektrum dieses facettenreichen Stückes dar. Jess Saunders glänzt gleich in acht Rollen. Sie verkörpert u. a, die verletzliche Sybil Vane ebenso souverän wie die hochnäsige Lady Agatha oder die schlichte Mrs. Leaf. Dabei wechselt sie nahtlos vom hochgestochenen Oxford-English in die Niederungen des Cockney Slangs. Lob gebührt auch Ben Kenzie, der nicht nur den hedonistischen Lord Henry Wotton, sondern mehrere weitere Rollen übernimmt. Gleiches gilt für William Osbeldiston-Hawkes, der den sympathischen Basil Hallward spielt und mühelos in weitere Rollen schlüpft. Bleibt noch der Hauptdarsteller des Stückes, der den anspruchsvollen Part des Dorian Gray übernommen hat. Joshua Campbell-Hart kann ohne Schmeichelei als dessen Idealbesetzung bezeichnet werden. Dieser attraktive junge Mime verkörpert den innerlich zutiefst zerrissenen Dorian Gray mit einer unter die Haut gehenden Intensität.

Ganz großes Theater, so spannend inszeniert, dass man während der Vorstellung eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören können. Und dies bei einem voll besetzten Theatersaal. Der Dank geht an alle Darsteller, die Technik und natürlich an Regisseur Paul Glaser.

„The Picture of Dorian Gray“ läuft bis einschließlich 31. Oktober 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040- 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Deathtrap“ von Ira Levin am 20. November 2026

Fotos: Stefan Kock, ETH

„All New People“ von Zach Braff, die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Obgleich Zach Braff seit Jahrzehnten auf englischen und amerikanischen Bühnen und Fernsehschirmen brilliert, ist er in Deutschland bislang weitgehend unbekannt. Aber nicht nur als Schauspieler und Regisseur hat er sich einen Namen gemacht, sondern in jüngerer Zeit auch als Bühnenautor. „All New People“, sein erstes Stück, in welchem er auch die Hauptrolle übernahm, erlebte 2011 in New York seine Uraufführung und wurde sofort zum Hit der Saison.

Eine schwarze Komödie

Bevor das Stück beginnt, sehen wir einen jungen Mann ziellos auf der Bühne umherirren. Dann besteigt er einen Stuhl und legt sich eine an der Zimmerdecke befestigte Schlinge um den Hals. Ein Raunen geht durch den Zuschauerraum. Oh Schreck, der Mann will sich das Leben nehmen! Doch bevor er den Stuhl umstoßen kann, stürzt ein Engel in Gestalt einer jungen Frau herein und rettet dem armen Kerl das Leben. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hier könnte das Stück eigentlich enden. Doch gerade jetzt nimmt diese dunkel eingefärbte Komödie ihren Lauf.

Ein Suizid findet nicht statt

What shall I do? / Was soll ich nur tun?

Wir befinden uns mit Charlie (Will Edgerton), dem verhinderten Selbstmörder, und seiner Retterin Emma (Claudia Watanabe) in einem elegant eingerichteten Strandhaus auf einer Insel in New Jersey. Während Charlie schweigt, plappert Emma munter vor sich hin. Charlie hat sein Leben dem Umstand zu verdanken, dass Emma just im rechten Augenblick hereinschneite, um einem Interessenten das zum Verkauf anstehende Strandhaus zu zeigen. Der potentielle Käufer erscheint jedoch nicht. Die junge Frau ist gestresst und hochgradig nervös, weil sie als Britin illegal in den Staaten arbeitet. Ohne die begehrte Green Card droht Ungemach. Jeder weiß das.

Auftritt Myron (Kamal Boulema). Der Feuerwehrmann und Drogendealer in Personalunion kennt als Einheimischer nicht nur jeden Winkel auf der Insel, sondern auch jeden, der hier lebt. Als Vierte im Bunde erscheint Kim (Paloma Siblik Amaya) Das hübsche Escortgirl wurde von Charlies Freunden engagiert, um ihn aus seiner Depression herauszuholen.

Ein vierblätteriges Kleeblatt allein zu Haus

Jede der vier Personen außer der fröhlichen Kim scheint ein bedrückendes Geheimnis mit sich herumzutragen. Im Laufe der Handlung erfährt der Zuschauer, dass Emma wegen eines Deliktes in Großbritannien gesucht wird und deshalb in die Staaten floh, während Charlie sich für den Tod von sechs Menschen verantwortlich fühlt und den einzigen Ausweg aus seinem Dilemma im Selbstmord sah. Myron schließlich hat Probleme mit seinem verantwortungsvollen Beruf als Feuerwehrmann und dem verfassungswidrigen, aber äußerst lukrativen Nebenjob als Drogendealer. Der einzige Schwachpunkt im Leben der kleinen Kim scheint zu sein, dass manche in ihr die Prostituierte anstatt des etwas besser beleumundeten Escortgirls sehen.

Dr. Freud, übernehmen Sie!

Welche tiefgreifenden Ängste belasten Emma und Charlie?
Emma geriet unlängst in eine verzweifelte Situation mit einem Mann, der ihr Gewalt antat und drohte, ihrem Vater die Kehle aufzuschlitzen, falls sie sich ihm widersetzte. Sie aber schlug zu. War es Mord oder Selbstverteidigung? Aus Angst vor einer Festnahme floh Emma aus England nach Amerika.

I feel so sexy / Bin ich nicht sexy?

Nun ist es an Charlie, jenes „Verbrechen“ zu gestehen, in welchem sechs Menschen den Tod fanden. Als Fluglotse im Dienst wurde er einst von seiner Arbeit abgelenkt und verlor für kurze Zeit den Überblick. In diesem Augenblick kollidierten zwei Flugzeuge miteinander. Charlie fühlte sich allein schuldig, obgleich sofort eingeleitete Untersuchungen ergaben, dass es sich bei diesem Crash um einen Unfall handelte, an welchem der Fluglotse keinerlei Schuld trug. Uff…

So endet diese „drama comedy“ mit einem Freispruch für alle Beteiligten, die jetzt voll rehabilitiert einer unbeschwerten Zukunft entgegensehen.

Fazit

Zach Braffs erstes Bühnenwerk erweist sich als ein sich etwas träge entwickelndes Schauspiel, in welchem viele Sachverhalte lange im Dunkeln bleiben, bevor sie mittels Flashbacks qua Videoprojektion aufgedeckt werden. Der Autor versucht sich etwas dilettantisch in Psychoanalyse, um die Befindlichkeiten der Akteure in den Fokus zu rücken. Kein Zweifel, die vier sind innerlich vereinsamt und suchen nach Kontakten zu anderen Menschen in der Hoffnung auf Verständnis für ihre seelische „Wetterlage.“ Dies geschieht durchweg lautstark und in einer jeden Rahmen sprengenden Fäkalsprache. Fuck und fucking, asshole und andere Kraftausdrücke ersetzen Punkt und Komma. Den jungen Leuten im Auditorium schien das Vokabular jedoch zu gefallen. In diesem zeitgeistigen, als schwarze Komödie konzipierten Plot um Schuld und Sühne wäre ein gepflegtes Oxford-Englisch auch fehl am Platze gewesen. „All New People“ ist ein unterhaltsames Stück ohne viel Tiefgang, allerdings getragen von vier exquisiten Mimen, die mit ihrer Spielfreude das Premierenpublikum begeisterten. Umjubelt war die Gesangseinlage der bildhübschen Kim. Was für eine Stimme!

Don’t argue with me / Hör auf, mich zu nerven

Ein Dankeschön geht an Regisseur Paul Glaser.

„All New People“ läuft bis einschließlich 27. Juni 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Das ETH verabschiedet sich in die Sommerpause und lädt am 9. September 2026 zur Premiere von Oscar Wildes „The Portrait of Dorian Gray“ ein.

Fotos: Stefan Kock

„Proof“ (Der Beweis) von David Auburn, die neue Premiere am ETH

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Sind Mathematiker per se verpeilt oder gar verrückt? Diese Frage beschäftigt David Auburn in seinem Drama „Proof“, das dem amerikanischen Autor sowohl den begehrten Pulitzer Preis als auch einen Tony Award einbrachte. Das von vier Schauspielern getragene Stück spielt in Chicago um das Jahr 2000.

Die gerade 25 Jahre alt gewordene Catherine trauert um ihren Vater Robert, ein allseits bewundertes Genie auf dem Gebiet der Mathematik. Während sie die Vorbereitungen für seine Beerdigung trifft, erscheint ihr Roberts Geist auf der Veranda ihres Hauses mit einer Flasche Champagner, um mit ihr auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.

Robert wirft Catherine vor, ihre Forschungsarbeit vernachlässigt zu haben. Ist sie doch selbst eine brillante Mathematikerin, die ihr Talent nicht verschwenden sollte. Catherine zeigt sich zutiefst verstört. Die jahrelange aufopfernde Pflege, die sie ihrem dementen Vater angedeihen ließ, hat sie viel Kraft gekostet und ihr kaum Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gelassen. Auch Freundschaften hat sie seinetwegen nicht pflegen können. Selbst ihre Schwester Claire ist ihr fremd geworden. Catherines größte Sorge aber gilt ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Womöglich hat sie Roberts Geisteskrankheit geerbt. Wer weiß das schon…

Hal, ein ehemaliger Student und Bewunderer Roberts, macht sich währenddessen daran, den wissenschaftlichen Nachlass des Verblichenen zu ordnen.

Schwesterliche Fürsorge

Pünktlich zur Beisetzung des Familienpatriarchen reist Catherines  Schwester Claire aus New York an. Besorgt über den depressiven Zustand ihrer jüngeren Schwester, möchte sie Catherine mit sich nach Big Apple nehmen, wo sie schnell von ihrer Trauer um den Vater abgelenkt würde. Catherine lehnt ab und verweist auf Hal, der ihr zur Seite steht. Wer zum Teufel ist der? Die pragmatische Claire vermutet, dass dieser Hal nur in Catherines Fantasie existiert. Ist die kleine Schwester etwa gerade dabei, ihren Verstand zu verlieren wie ihr Vater? Immerhin hat sie vor kurzem sogar die Polizei alarmiert, als sie sich einbildete, dass jemand Roberts Notizen stehlen wollte. Wo soll das noch hinführen!

Eine Trauerfeier und ihre Folgen

Auf der Feier im Kreise der Freunde und Kollegen des Verblichenen kommen sich Catherine und der sympathische Hal näher, während die sonst so kontrollierte Claire sich sinnlos betrinkt und am nächsten Morgen völlig verkatert zum Frühstück erscheint. Dennoch konfrontiert sie Catherine mit der Forderung, das Elternhaus in Chicago zu verkaufen. Gehört ihr nach Roberts Tod doch die Hälfte der Immobilie, für deren Erhalt sie jahrelang aufgekommen ist und auch die Hypothek bezahlt hat. Catherine ist empört und argumentiert, sie habe ihre eigene akademische Laufbahn aufgegeben, um jahrelang ihren dementen Vater zu pflegen. Claire kontert, dies sei Catherine nicht gut bekommen. Wenn Catherine sarkastisch anmerkt, ihre Schwester wolle sie wohl in eine Klapsmühle verfrachten, bestreitet diese dies vehement: Aber, aber, davon kann doch keine Rede sein.

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Catherine ist entschlossen, ihr abgebrochenes Studium an der Northwestern University wieder aufzunehmen. Hal zeigt sich beeindruckt von ihrer Entscheidung und fährt fort, Roberts umfangreiche Notizen zu sichten. Ganz unten im Fach des Schreibtisches macht er eine schier unglaubliche Entdeckung.  Eureka – ich hab’s gefunden!   Wusste Catherine etwas von dem Eintrag in Roberts Notizen, der aussieht wie ein mathematisches Theorem über Primzahlen, das Mathematiker von jeher zu beweisen versuchten, ohne jedoch einer Lösung näher gekommen zu sein?  Ein wahrer Geniestreich, der alle bereits vorhandenen Erkenntnisse auf den Kopf stellt. Als Catherine erklärt, sie und nicht Robert habe diesen Beweis erbracht und niedergeschrieben, will weder Hal noch Claire ihr Glauben schenken.

Catherine, das verkannte Genie

Nachdem sich die Wellen geglättet haben und Hal die angeblich von Robert verfassten Notizen noch einmal gründlich durchgegangen ist, kommt er zu der Erkenntnis, dass Catherine und nicht Robert die Urheberin dieses bahnbrechenden Lehrsatzes ist. Denn zu Roberts Lebzeiten existierten die neueren mathematischen Techniken noch gar nicht, mit denen er hätte bewiesen werden können. Trotz dieser Versicherung befürchtet Catherine, dass „etwas mit ihr nicht stimmt“. Aber Hal versichert ihr, dass die abgedroschene Formel „Genie gleich  Wahnsinn“ jeglicher Grundlage entbehrt.

Catherine wird ihr Studium wieder aufnehmen, in Zukunft eng mit Hal wissenschaftlich zusammenarbeiten und beweisen, dass sie in der Lage ist, ein unabhängiges produktives Leben zu führen.

Fazit: Jene, die konsequent ihr Ziele im Auge behalten, werden am Ende mit Erfolg belohnt.

„Proof“ beginnt behäbig ohne Spannungsbögen und plätschert  dahin, ohne dass der Zuschauer zunächst einen Einblick in das eigentliche Sujet gewinnt. Bald aber wird ersichtlich, welchen Sprengstoff das fast ödipale Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Robert, einem international anerkannten Mathematiker, und der gerade 25-jährigen Catherine in sich birgt. Hing Catherine – selbst eine äußerst begabte Mathematikerin – während Roberts aktiver Zeit nicht wie eine Marionette an dem von ihrem Vater geführten Spielkreuz? Seit Robert in geistige Umnachtung verfiel, gab die Tochter ihr vielversprechendes Universitätsstudium auf, um sich ganz der Pflege ihres Vaters zu widmen. Regelmäßig erscheint dieser ihr jetzt als Geist, der sie rügt, ihre Studien vernachlässigt zu haben.

Catherines Schwester Claire, eine erfolgreiche New Yorker Währungsanalystin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie verfolgt ihre Karriere und beobachtet den geistigen Verfall ihres Erzeugers aus der Distanz. Wäre der Vater nicht besser an einem Ort aufgehoben, wo man sich professionell um ihn kümmert?

Zu den beiden ungleichen Schwestern gesellt sich Hal, ein ehemaliger  Student Roberts, dessen Aufgabe es ist, den geistigen Nachlass seines Lehrmeisters unter die Lupe zu nehmen. Und damit beginnt der wahre Plot dieses von Clifford Dean ebenso spannend wie intelligent inszenierten Stückes. Denn was Hal in Roberts zahlreichen Notizheften schließlich entdeckt, hat das Zeug, die wissenschaftliche Welt buchstäblich aus den Angeln zu heben.

Gehen wir gleich in medias res: Eureka! Der smarte Hal hat mit der untrüglichen Nase eines Trüffelschweins das mathematische Theorem über Primzahlen aus dem unübersichtlichen Haufen von Notizen herausgefischt, nach dem Mathematiker forschten, so lange es diese Spezies gibt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass Catherine und nicht ihr Vater Robert für diesen Geniestreich verantwortlich zeichnet.

Doch nun passiert das, was manche als eine Art schlecht unter dem Deckel gehaltenen Sexismus empfinden. Wie kann es sein, dass eine Frau in dieser (immer noch) von Männern dominierten Welt der Wissenschaft zu einem derart bahnbrechenden Forschungsergebnis gelangen konnte! Während Claire vermutet, dass ihre Schwester ihrem verstorbenen Vater diesen späten Erfolg abspenstig machen will, glaubt Hal nach genauen Recherchen mit Fachleuten an Catherines Urheberschaft.

David Auburn, der Autor von „Proof“, betonte in einem Interview, es gehe in seinem Stück eigentlich gar nicht um Mathematik. Da müssen wir allerdings lebhaft widersprechen. Es geht sehr wohl um Mathematik, um Beweise und mathematische Aktivität. Viele Mathematiker sprechen gar von der „feinsten unwiderlegbaren“ Wissenschaft auf dem Planeten. Mathematik ist auch weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft, sondern eine Strukturwissenschaft, die abstrakte Zusammenhänge, Muster und logische Strukturen untersucht, statt nur Zahlen zu berechnen. Noch Fragen?

Wieder einmal hat das English Theatre vier bemerkenswerte Schauspieler auf die Bretter des Hauses gebracht. Beeindruckend ist die Leistung Richard Ings als Robert. Er stellt den dementen Wissenschaftler mit einer Intensität dar, die an die Nieren geht. Catherine, gespielt von Georgina Casbarra, berührt mit ihrer Verletzlichkeit, während Katherine Bristow Claire die toughe Karrierefrau aus New York überzeugend gibt. Bleibt noch Peter Dewhurst als liebenswerter Hal, der am Ende alle Fäden in der Hand hält.

„Proof“ läuft bis zum 11. April 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „All New People” von Zach Braff am 27. April 2026

Fotos: Stefan Kock