Aktuelle Literaturkurse

Lektoratswerkstatt: Eigene Texte verbessern
Maren Schönfeld Foto: privat

Egal, ob Sie ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder einen Roman schreiben – es kommt immer auf den treffenden Ausdruck, das richtige Bild und die passende Metapher an. Wenngleich Sie für andere Fehler aufspüren, sehen Sie vielleicht bei Ihrem eigenen Text den Wald vor lauter Bäumen nicht. Alle Teilnehmenden in diesem Kurs sind Schreibende und Publikum zugleich. Sie profitieren von der Erörterung Ihres eigenen Textes und von dem Einblick in die Arbeit der anderen. In freundlicher und sachbezogener Diskussion reflektieren wir die Texte. Sie erleben, wie Ihr Text verstanden wird und was er in den Zuhörern auslöst. Kommt das, was Sie gemeint haben, auch beim Publikum an? Sie lernen Möglichkeiten der Bearbeitung von Texten kennen.
Jede/r TeilnehmerIn bringt eigene Texte mit. Etwa zwei Wochen vor Kursbeginn werden Sie von der Dozentin darüber informiert, welchen Umfang Ihre Texte haben dürfen. Es können in sich abgeschlossene Geschichten, Teile größerer Texte wie z. B. Romane oder auch Gedichte mitgebracht werden.
Der Kurs richtet sich an Schreibende, die bereits Texte verfasst haben, diese einer Gruppe von Gleichgesinnten vorstellen möchten und Bearbeitungsmöglichkeiten kennen lernen möchten.

Termine:
Samstag, 22. Juni 2019, 10:30 bis 16 Uhr, VHS West (Othmarschen)
Kursnummer: J10570WWW15
Samstag, 26. Oktober 2019, 9:30 bis 17 Uhr, VHS-Haus Wallstr. 17, 21682 Stade
(Der Kurs ist ca. ab August buchbar, www.vhs-stade.de)

Auf den Spuren von Walter Kempowski – mit Fahrt nach Nartum
Hildegard Kempowski
Foto: Maren Schönfeld

Walter Kempowski war einer der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. 2019 wäre er 90 Jahre alt geworden. Mit seiner „Chronik des deutschen Bürgertums“, zu der auch der Roman „Tadellöser & Wolff“ gehört, schuf er ein einzigartiges gesellschaftliches Bild einer bürgerlichen Familie. Das „Echolot“, eine Collage aus Zeitzeugendokumenten, ist eine unvergleichliche, spannende und erschütternde Dokumentation verschiedener Zeitspannen des Zweiten  Weltkriegs. Die „Chronik des deutschen Bürgertums“ wurde vom Altonaer Theater 2018 in zwei Stücken auf die Bühne gebracht.
Seine eigenen Tagebuchaufzeichnungen und seine Romankonzepte sind für Leser und auch für Autoren interessant.

Wir treffen uns an zwei Vormittagen in der Volkshochschule, um uns auf Leben und Werk Walter Kempowskis einzustimmen. An einem Tag geht es um die „Chronik“ und das „Echolot“, am zweiten um die weiteren Romane und den Bezug zu seinen Tagebüchern. Am dritten Termin fahren wir mit unseren PKWs (Absprache der Fahrgemeinschaften an den vorhergehenden Terminen) nach Nartum, wo wir im Wohnhaus Walter Kempowskis dessen Witwe Hildegard treffen. Wir hören eine Lesung aus dem Werk und können das von Walter Kempowski geplante Haus und den Park besichtigen. Frau Kempowski steht uns für Fragen zur Verfügung. Kosten: Beteiligung an der Fahrgemeinschaft mit dem PKW oder am Zugticket/Taxifahrt.
Für Lesung und Besichtigung in Nartum 25 Euro – bitte passend – dabei haben!

Termine:
Mittwoch, 28.08. und 04.09.2019, 10:00 bis 12:15 Uhr VHS West (Othmarschen)
Mittwoch, 11.09.2019, 10:00 bis ca. 16:00 Uhr Exkursion nach Nartum
Kursnummer: 0510WWW11

Die Waffen nieder!
Ein Abend für Bertha von Suttner
Susanne Bienwald

Bertha von Suttners Appell, die Waffen schweigen zu lassen, fand lange Zeit großes Gehör in Europa und in Amerika. Ihr Buch, „Die Waffen nieder!“ war das meistgelesene Werk des 19. Jahrhunderts. Ihre Bemühungen um Frieden und Abrüstung und ihre Vorschläge zu einer die nationalen Grenzen überschreitenden Friedensvereinigung wurden 1905 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.
Ein moderner Krieg sei von keiner Seite zu gewinnen, so warnte sie. Doch als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Staaten Europas in eine Aufrüstungsspirale treiben ließen, wurden Bertha von Suttners Ideen als Ausdruck weiblicher Exaltiertheit verhöhnt. Ein nationalistisch verhetztes Europa bereitete sich auf den Krieg vor. In Zeitläufen, in denen Pazifismus zu einem Schimpfwort wurde, Pazifisten als Vaterlandsverräter galten, verloren sich die Spuren dieser mutigen und kämpferischen Frau.
Und dennoch: Wenn heute das Haager Schiedsgericht angerufen wird, wenn die Genfer Konvention zwischenstaatliche Konflikte zu lösen versucht, so basieren diese Institutionen auf Einrichtungen, zu denen Bertha von Suttner einst den Grundstein legte.
An diesem Abend stellt die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Susanne Bienwald Bertha von Suttners Persönlichkeit, ihre Biografie und ihre Friedensbotschaft vor. Die Lyrikerin Maren Schönfeld, Organisatorin von musikalisch-literarischen Veranstaltungen zur Friedensdekade, rezitiert ihre zeitgenössischen Gedichte zum Thema Krieg und Frieden.

Termine:
Montag, 2. September 2019, 18 bis 21 Uhr, VHS West (Othmarschen)
Kursnummer: J20500WWW01
Donnerstag, 24. Oktober 2019, 19 Uhr, VHS Buxtehude (noch nicht buchbar)

Abenteuer eines Weltenverstehers

Wolf-Ulrich Cropp las aus seinen neuesten Werken

An diesem Abend des 11. April schwieg die Orgel. Wo sonst Präludien von Bach und Buxtehude erklingen, erfüllten afrikanische Dschembé-Rhythmen die Kirche der Evangelisch-methodistischen Gemeinde in Hamburg-Eppendorf. Die Hamburger Autorenvereinigung hatte zu einer Lesung aus den neuesten Werken Ihres Mitglieds Wolf-Ulrich Cropp geladen.

In seinem Buch „Im Schatten des Löwen“ entführt uns der Autor in den Süden Afrikas – nach Simbabwe, Botswana und Namibia. Als der Mann mit der kecken weißen Mütze auf dem Kopf zu lesen beginnt, kann man eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Die Reise ins Reich des Robert Mugabe, sozusagen in die „Höhle des Löwen“, erfordert schon eine gehörige Portion Mut. Die völlig irrationalen Vorschriften in diesem Land versteht kein Europäer. Man kann völlig grundlos von der Polizei festgenommen und eingekerkert werden, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Wie das folgende Beispiel zeigt:
„In den Morgenstunden meiner Verhaftung, Arrestierung …. bin ich einfach zu spät aufgewacht“, schreibt Cropp. Dass nun ausgerechnet ein Marabu, ein Unheil verkündender Vogel, der sich von Aas ernährt, vor der Zelle hockt und ihn beäugt, verheißt nichts Gutes. Wie soll der „Delinquent“ nur dieser Hölle entkommen? Aber der Autor kennt seine Tricks. Gerade wenn es spannend wird, blockt er ab. Honi soit qui mal y pense. Wer Näheres wissen will, soll halt das Buch erwerben und lesen, wie er sich schließlich aus dieser misslichen Lage befreite.

Abenteuer auf dem Schwarzen Kontinent

Eine kleine Indiskretion sei an dieser Stelle erlaubt. Auch im sozialistischen Paradies des Herrn Mugabe wirkt Bakschisch wie ein Sesam öffne dich. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis war Cropps Weg frei für veritable Abenteuer auf dem Schwarzen Kontinent. Manche unter ihnen ließen dem Zuhörer das Blut in den Adern erstarren. Selbst jenes aus zweiter Hand wie das Schicksal der Reptilienforschers Dr. Jonas Hamilton, der nach Einbruch der Nacht im Sambesi von einem etwa fünf Meter langen Krokodil angegriffen wurde und in dessen mit Knochen, Fell und Kot übersäten Höhle landete. Nur mit Mühe konnte er sich trotz einer schweren Verletzung ans Ufer schleppen, wo ihn helfende Hände fanden und ins nächste Hospital schafften. Während eines Aufenthaltes in der Psychiatrie erhängte sich der schwer traumatisierte Mann später. Hat Wolf Cropp sich etwa durch diese Horrorgeschichte von seinen gefährlichen Abenteuern zu Lande und auf dem Wasser abhalten lassen? Mitnichten. Ganz im Gegenteil, denn bereits am nächsten Tag ruderte er mit seinen Begleitern „ins Inselgewirr vor den (Victoria) Fällen; vorbei an Princess Christian Island, Princess Victoria Island schließlich Livingstone Island“. Und dies trotz aller Gefahren, die in der Tiefe des Flussbettes lauerten. Denn noch gefährlicher als Krokodile sind die Flusspferde – Hippopotamus, im Plural kurz Hippos – die gern einmal mit ihren massigen Körpern unter die Boote tauchen und sie zum Kentern bringen. Wer einmal das aufgerissene Maul eines solchen Ungeheuers gesehen hat (im Buch zu besichtigen auf Seite 78), erkennt, welch tödliche Verwundungen dessen riesige Hauer anrichten können. Dennoch, die Flussfahrt geriet zu einem wunderbaren Ausflug, der im Victoria Falls Hotel mit einem festlichen Dinner gekrönt wurde. Als Hauptgericht wurden Steaks vom Krokodil gereicht. Nach Auskunft des Autors eine Delikatesse, zart wie Geflügel, nur ungleich würziger. Den Nachtisch an diesem Abend servierten die beiden leidenschaftlichen Musikerinnen der Gruppe Toubaba in Form einer getrommelten Eigenkomposition. Hinreißend!

Jenseits der Westwelt – Wasser – Wüste – Eis

Der zweite Teil der ebenso kurzweiligen wie spannenden Lesung war Ausschnitten aus „Jenseits der Westwelt– Wasser – Wüste – Eis“ gewidmet. Wiederum ein erstaunliches Buch, das den Leser auf die Reisen – oder besser – Expeditionen des Autors in die unterschiedlichsten Klimazonen dieser Welt mitnimmt. Hier hatte Cropp das Kapitel über Sitten und Gebräuche der Mursi im Süden Äthiopiens ausgewählt. In diesem riesigen Gebiet mit seinen Savannen und hohen Bergen gelten Frauen als besonders begehrenswert, wenn sie Tellerlippen haben, deren „Besitz“ eine langwierige und schmerzhafte Prozedur voraussetzt. Wer also schön sein will. muss leiden. Wolf Cropp schildert diese barbarische (Un)sitte in seinem Buch sehr detailliert. Jungen Mädchen am Ende der Pubertät wird die Haut unter der Unterlippe ausgeschnitten, zwei untere Schneidezähne werden gezogen, und die erste kleine Scheibe wird eingesetzt. Diese Scheiben – wahlweise aus Ton oder Holz – werden über einen längeren Zeitraum immer größer, wobei auch die Unterlippe ausgedehnt wird, bis sie die Größe eines Tellers erreicht hat. Gott sei Dank schwindet dieser Brauch, der, wie die Mursi sagen, nur das Erwachsen- und Älterwerden symbolisiert, immer mehr aus dem Alltag der Menschen. Junge Mädchen verweigern sich heute dieser grausamen Prozedur, die ihre Mütter und Großmütter noch klaglos ertragen mussten.

Fazit: Ein sehr gelungener Abend mit einem Autor, der die seltene Gabe besitzt, seine eigenen Werke flüssig ohne übertriebenes Pathos zu lesen und der das Publikum vom ersten Augenblick in seinen Bann schlägt. Wolf-Ulrich Cropp ist Schriftsteller und Forscher in Personalunion und steht ganz in der Tradition eines Alexander von Humboldt, der gleich ihm die Welt bereiste, um sie zu erkunden und die verschiedenen Ethnien zu verstehen, ohne die Menschen anderer Kulturkreise zu bevormunden oder ihnen unsere westliche Zivilisation überstülpen zu wollen. Wolf Cropp beeindruckt durch seine Art, jedem, den er auf seinen ausgedehnten Reisen trifft, freundlich und einfühlsam zu begegnen.

Es liegt ihm fern, Sitten und Gebräuche zu kritisieren – selbst wenn sie ihm noch so befremdlich erscheinen. Sicherlich ist das auch einer der Gründe, warum er von seinen waghalsigen Abenteuern kreuz und quer durch alle sechs Kontinente stets unversehrt zurückgekehrt ist. Wolf Cropps Fangemeinde wünscht sich noch viele weitere spannende Bücher, die allerdings einen Nachteil haben. Nämlich den, dass es sie (noch) nicht als Hörbücher gibt. Über dieses Thema sollten seine Verlage einmal gründlich nachdenken.

„Im Schatten des Löwen“, erschienen bei DuMont, kostet Euro 14.99
„Jenseits der Westwelt“, erschienen bei Kadera, kostet Euro 26,–

„Mit Hamburg im Herzen die Welt bereisen“ … (frei nach Gorch Fock)

… lautet die Einladung und das Motto des Schriftstellers Wolf-Ulrich Cropp

Buchcover „Jenseits der Westwelt“

 Auf heißen Pfaden folgen wir dem Autor und leidenschaftlichen Reisenden in die spannende Welt der Ferne. Cropp liest, erzählt und stellt seine beiden neuesten Bücher vor: „Im Schatten des Löwen“ (DuMont) und „Jenseits der Westwelt“ (Kadera).

Seine Geschichten von unterwegs berichten von besonderen Orten, interessanten Menschen, erstaunlichen Begegnungen  und grandiosen Landschaften. Sie machen nachdenklich, sind poetisch und lassen mitfühlen.

Buchcover „Im Schatten des Löwen“

„Seit ich lesen kann, faszinieren mich Völker und Ereignisse in fremden unwirtlichen Lebensräumen, dazu die Entdecker und Forscher, die aufbrachen, Menschen und Kulturen in den Urlandschaften zu erkunden. – Durch meine Reisen entstand allmählich ein Kaleidoskop erstaunlicher Erlebnisse und Begebenheiten, von denen ich einige erzählen möchte“, so der Autor. „Der Tod lauert in der Sofaecke. Auch in einer technisierten, von Computern überwachten Welt braucht der Mensch das Gefühl von unentdeckten Horizonten, das Geheimnis unbewohnter Gebiete. Er braucht Orte, die gefährlich und mystisch erscheinen. Orte, die das Abenteuer ahnen lassen!“

Musikalisch untermalt die Lesung Maria Ishola von der Gruppe Tubaba mit afrikanischen Djembé-Rhythmen.

„Auf heißen Pfaden“: Wolf-Ulrich Cropp berichtet, liest und stellt seine beiden neuesten Bücher vor.
Donnerstag, 11. April 2019, 19 Uhr
Bethanien-Höfe Eppendorf, Martinistr. 41-49
Karten: 12 €, Gäste der Hamburger Autorenvereinigung: 9 €, Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung: frei

Familie und Kindheit in Zeiten von Wandel und Strukturverlust

Buchcover

Familien- und Erziehungsforschung sind in den letzten Jahrzehnten zu  breit angelegten Disziplinen geworden, in denen psychologische, soziologische und anthropologische Forschungsstränge zusammenlaufen. Ebenso sind Theorie und Praxis eng miteinander verbunden, was für die Wissenschaften nicht selbstverständlich ist. Das 20. Jahrhundert, das Ellen Key als das „Jahrhundert des Kindes” bezeichnete, brachte nicht nur einige Neuerungen, sondern wichtige Arbeiten zu diesem Gebiet hervor, darunter  W. Goodsells  „A History of the Family as a Social and Educational Institution“ (New York, 1915) und H. Schelskys „Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart“ (Stuttgart, 1967). Geradezu revolutionäre Ansätze gingen aus der Mentalitätsgeschichte nach Philippe Ariès und Lloyd deMause hervor, die in ihren unterschiedlichen Standortbestimmungen heute noch reichlich Stoff für Auseinandersetzung bieten. Der sogenannte psychogenetische Ansatz der Eltern-Kind-Beziehungen von deMause zog erhebliche Perspektivenwechsel nach sich, und mit der 1974 gegründeten Zeitschrift „History of Childhood Quarterly“ begann  eine neue Epoche der Familien- und Erziehungsforschung. Der vorliegende Band schließt insofern an diese an, als dass er sich als bio-psycho-soziale Fundierung versteht.

Das erste Kapitel stellt das Projekt Cross-National Collaboration in the Study of Parenting and Child Adjustment vor, eine neun Länder umfassende Langzeitstudie zu Elternschaft und kindlicher Entwicklung unter der Leitung von Ann T. Skinner, Duke University, USA, die zahlreiche internationale Wissenschaftler begleiten. Die Zusammenhänge von Elternschaft und Kindesentwicklung in internationalem Vergleich tragen erheblich zum Verständnis des menschlichen Sozialisationsprozesses bei.

Das zweite Kapitel, Parenting in Psycho-Social Medicine: Analyzing the Basics, Applications, and Challenges, behandelt  Elternschaft und frühkindliche Sozialisation aus Sicht der psycho-sozialen Medizin, in deren Rahmen in Deutschland Interventionsprogramme entwickelt wurden, die auf Forschungsergebnisse in erster Linie aus Psychoanalyse und Säuglingsforschung zurückgehen. Diese Ansätze reichen von bindungs- und beziehungsorientierten Elternkursen über erziehungspraktische Seminare bis hin zu entwicklungspädiatrischer Intervention und zu vorgeburtlicher Selbsterfahrung für Mütter. Jenseits individueller Förderung stellt sich gleichzeitig die Frage, ob gerade in hochindustrialisierten Ländern eine stärkere Betonung kollektiver Maßnahmen nötig ist, um die schwierige gesellschaftliche Entwicklung insbesondere der letzten zwei Jahrzehnte aufzufangen.

Im dritten Kapitel, Child-Rearing Attitudes and Practices in China, erörtern Vivien Yiu, Jinsol Lee, Jung Hwa Choi und Xinyin Chen von der University of Pennsylvania, USA, die Rolle der chinesischen Kultur in Bezug auf die Prägung elterlicher Einstellungen; sie untersuchen hierbei spezifische Erziehungsziele und -praktiken wie z.B. die Ausrichtung auf Autonomie, auf akademische Ausbildung, oder auf emotionale Bildung, und deren Zusammenhänge mit der Kindesentwicklung. Da kulturelle Normen und Wertvorstellungen elterliche Erziehungsziele und -praktiken  beeinflussen, prägen sie auch die psychische Entwicklung des Kindes. Hinzu kommt, dass auch in China westliche Einflüsse sozialen Wandel ausgelöst haben, der in unterschiedlichen Subgruppen unterschiedliche Ausprägung gefunden hat.

Andreas Schick, langjähriger Präventionsforscher und Gründer des Heidelberger Präventionszentrum (HPZ), stellt im vierten Kapitel die internationalen Evaluationsergebnisse eines der am intensivsten beforschten und am häufigsten genutzten Gewaltpräventionsprogramme vor. Second Step Violence Prevention and its European Versions behandelt ´Second Step´, dessen deutsche Version ´Faustlos´ seit Jahren erfolgreich im deutschsprachigen Raum eingesetzt wird. Die Förderung pro-sozialen Verhaltens wird dabei bereits im Kindergarten systematisch ermöglicht. Ein Überblick über das bio-psycho-soziale Modell der klinischen Psychologie erweitert den Blick auf die Faktoren destruktiv- aggressiven Verhaltens. Dabei wird deutlich, wie die ganze Bandbreite von Entwicklungs- und auslösenden Faktoren zu Sozialisation beiträgt und Präventionsprogramme die Entwicklung von Gewalt eindämmen können.

Die japanischen Forscher Rie Wakimizu und Hiroshi Fujioka beleuchten im fünften Kapitel, Characteristics of Child-Rearing in Japanese Families and Findings of the Positive Parenting Program (Triple P) in Japan, den gesellschaftlichen Wandel in Japan, der sich in sinkenden Geburtenraten und immer kleiner werdenden Familien niedergeschlagen hat. So steigt bspw. die Gefahr von Kindesmissbrauch entlang des Trends zur Kernfamilie ebenso wie die Zahl diagnostizierter Depressionen. Die Verfasser der Faculty of Medicine at University of Tsukuba und der Ibaraki Prefectural University of Health Sciences, Japan, halten eine bevölkerungsorientierte Interventionspolitik, die auf gefährdete Eltern und Familien ausgerichtet ist, für dringend erforderlich und weisen auch auf die Möglichkeiten des Positive Parenting Program (Triple P) hin, einem auch in Deutschland verbreiteten Elternprogramm.

Kapitel 6 beleuchtet gesellschaftlichen Wandel aus einer etwas anderen Perspektive. Esin Kumlu zeichnet in Falling from Grace: Analyzing the Landscape of Depression in „Prozac Nation“ and „The Last Yankee“ den Prozess postmoderner Fragmentierung bei Elizabeth Wurtzel und Arthur Miller nach. Wurtzel hat mit „Prozac Nation” eine Mischung aus Autobiographie und Soziogramm vorgelegt, die thematische Anknüpfungspunkte zu Arthur Millers Drama „The Last Yankee“ aufweist. Diese liegen in der historischen Bestandsaufnahme von Gesellschaft, Geschlecht und Rolle – und damit insbesondere der Themen von Mutterschaft und Familie. Die an der Dokuz Eylül Universität in Izmir, Türkei, lehrende Verfasserin greift Depression als Schlüsselbegriff auf, der den psychologischen Grundzustand  im ausgehenden 20. Jahrhundert definiert. Depression und Wahnsinn können zumal nicht nur als Resultat gesellschaftlicher Entwicklung verstanden werden, sondern als kulturelle Konstruktion des Abseitigen, das jedoch integraler Bestandteil der postmodernen Gesellschaft ist.

Im zweihundertsten Geburtsjahr von Henry David Thoreau ist die amerikanische Idee, die eigenen Potenziale zu nutzen, aktueller denn je. Dass dies mit Problemen einhergeht, ist angesichts enormer globaler Herausforderungen gewiss deutlich. Weniger deutlich dürfte sein, dass Potenziale in unterschiedlichen Lebensbereichen liegen können. In Kapitel 7 wird daher Emancipation as an Educational Issue in the Early Republic untersucht, und zwar anhand weiblicher Autorenperspektiven über Erziehungsziele und Sozialisationsvorstellungen. Obwohl weit entfernt von postmodernen Verhältnissen heutiger Zeit, zeigten sich die gesellschaftlichen Umbrüche in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts kaum minder dramatisch. Dass emanzipatorische Ansätze zu jener Zeit eine erhebliche Rolle spielten, lässt sich den Schriften der Frühen Republik entnehmen. Dabei kam Frauen eine entscheidende Rolle zu; dies sowohl in der Verschriftlichung publikumswirksamer Themen als auch in der Neugestaltung ihres gesellschaftlichen Standpunktes.

In Kapitel 8 untersucht Johanna Schacht, Internationale Studiengemeinschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin, den Beitrag von Otto Gross zur psychoanalytischen Theoriebildung sowie dessen wenig bekannten kulturellen Einfluss. Otto Gross, Original Sin and Psychoanalysis öffnet den Blick auf menschliche Sexualität und deren lange Geschichte der Unterdrückung, deren Opfer in erster Linie Frauen waren. Das Konzept der Erbsünde im Christentum dürfte im Rahmen der Trennung der Geschlechter mit den Themen Schuld, Scham und Schande aufs Engste verknüpft sein. Eine patriarchatskritische Lesart trägt erheblich zur Relativierung dieser Sichtweise bei, vor allem aber kann sie zu neuen Konzeptionen führen, die im 20. Jahrhundert bereits ein gutes Stück gegangen wurden, gewiss aber breiterer gesellschaftlicher Fundierung bedürfen.

Ludwig Janus erweitert im letzten Kapitel, Thoughts on Some Basic Assumptions of Psychoanalysis, die Perspektive nochmals um einige Aspekte des menschlichen Sozialisationsprozesses. Betrachtet man die psychoanalytische Theoriebildung und die Bindungs- und Säuglingsforschung in Zusammenschau mit Erkenntnissen der pränatalen Psychologie und der Psycho-Neuroendokrinologie, lässt sich konstatieren, dass manche Aspekte der menschlichen Entwicklung unterschätzt wurden. Die Historizität, also die Epochenbedingtheit mancher Konzeptionen fällt auf. Das Verfallsdatum wissenschaftlicher Erkenntnisse wird in Wissenschaft und Gesellschaft wenig diskutiert – was Konsequenzen auch auf die Vorstellungen von Familie, Sozialisation und Erziehung hat. Das Kapitel beleuchtet diese Dynamik und zeigt somit mögliche zukünftige Denkrichtungen auf.

In der Zusammenschau aktueller und historischer Perspektiven zeigt sich die Palette der Praktiken, Vorstellungen und kulturellen Unterschiede als maßgebliche Faktoren menschlichen Handelns. Familien- und Erziehungsforschung hat also viel zu bieten. Der in der Reihe „Family Issues of the 21st Century” erschienene Band knüpft an zahlreiche  Aspekte zur Sozialisationsforschung an und will einen weiteren Beitrag zum Verständnis menschlichen Handelns leisten. Der englischsprachige Band richtet sich sowohl an Fachleute als auch an interessierte Laien.

„Child-Rearing: Practices, Attitudes and Cultural Differences”, Götz Egloff (ed.). Nova Science, New York 2017. 242 pages, $ 95

 

Neues aus der großen weiten Welt

von Maren Schönfeld

Buchcover Schatten des Löwen

Der Weltenbummler und Autor Wolf-Ulrich Cropp hat gerade zwei neue spannende Bücher veröffentlicht, deren Lektüre wir sehr gern empfehlen möchten:

Die Bücher sind im Dumont Verlag und im Kadera Verlag erschienen.

 

Raumspuren Beyond Architecture – letzte Tage einer Ausstellung

Text und Fotos: Ele Runge

Piet Niemann, ‚Off Season I & II‘

Die Triennale der Photographie 2018 in Hamburg geht ihrem Ende entgegen. Nicht nur in den großen Häusern, sondern auch in den kleineren Off-Triennale-Galerien sind die letzten Ausstellungstage angebrochen. So auch in der BDA Hamburg Galerie (Bund Deutscher Architekten) in der Shanghaiallee 6, wo noch bis zum 7. September 2018 die Ausstellung ‚Raumspuren Beyond Architecture‘ besucht werden kann. Unter dem Themenfokus der Transformation zeigen vier Fotografen und Fotografinnen ihre persönlichen Blicke auf gebaute Realität. Sehr individuell behandelt jeder von ihnen die gemeinsame Frage danach, wie sich die Wandlungen der gebauten Strukturen auf die sozialen Aspekte des urbanen Lebens auswirken. Welche Spuren lassen sich verfolgen, wer nutzte die Orte früher und wie hat sich diese Nutzung verändert? Wie gehen die Menschen mit Gebäuden, öffentlichem Raum aber auch mit dessen Leerstellen um? Die vier Künstler*innen bieten hier ganz unterschiedliche Ansätze an, was die räumlich eher kleine Ausstellung recht dicht werden lässt.

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Altonale-Lesebühne morgen in der Motte!

 

Auch 2018 ist die Textfabrique51 mit der altonale Lesebühne wieder Programmpunkt im überregional bekannten Stadtteilkulturfestival altonale – diesmal an einem neuen Spielort – im Stadtteilkulturzentrum MOTTE in der Eulenstraße in HH-Ottensen!

Zum achten Mal organisiert und moderiert  das Literaturnetzwerk Textfabrique 51 die altonale Lesebühne

12 Autorinnen und Autoren präsentieren in diesem Jahr Kurzgeschichten, Romanauszüge, Gedichte, lyrische Prosa und Rhythmisches:

Susanne Bienwald (Mitglied der DAP), Jörgen Bracker, Monika Buttler, Thorsten Dörp, Hasune El-Choly, Klaus D. Gutsche, Franziska Herrmann, Tilla Lingenberg, Birgit Rabisch, Andreas Schmeling, Jochen Stüsser-Simpson (mit Ulrike Geschwendtner) und Marion Venhaus (die komplette Leseliste im Download unten)

Es moderieren Ellen Balsewitsch-Oldach und Dirk-UWe Becker

Eine Anmeldung für Gäste ist noch möglich unter elbaol@gmx.de.

Zeit & Ort: Do, 14. Juni, 19.30 Uhr, Neuer Ort: MOTTE, Eulenstr. 43 (HH-Ottensen),

Eintritt Abendkasse: Zahle, so viel du willst!

Hommage: Über die Kurzprosa von Johanna Renate Wöhlke

von Dr. László Kova

Johanna Renate Wöhlke bei der Internationalen Gartenschau 2013 in Wilhelmsburg

Eines Tages besuchte ich gerade eine renommierte Galerie in der Stadtmitte Hamburg, um dort anlässlich einer Vernissage nach spannenden Bildern für meine neue Wohnung zu suchen. Ich tat das natürlich nur als witziges Spiel, da ich als Maler ausreichend Bilder habe. Die Ausstellung, die mir übrigens gar nicht gefiel, sah ich mir lustlos an. Plötzlich drückte mir eine hübsche Hostess ein Glas Sekt in die Hand und begleitete mich in einen Raum, in dem schon viele Menschen auf einer breiten Edelholztreppe saßen  und auf den Beginn des Erzählabends einer Studentin warteten, die sichtlich aus der fernen arabischen Welt stammte.

Märchen für mich?  Nein!, sagte ich mir, aber der Rückweg war hinter mir schon versperrt. Und sie fing eben mit ihrer Vorführung an. Sie erzählte keine Märchen. Aber auch keine Wahrheiten. Sie erzählte Geschichten, die sie in ihrer Kindheit von ihrer Großmutter und von alten, ehrwürdigen Dorffrauen gehört hatte, die sie an warmen Abenden vor den Hütten im Sand sitzend den Familienmitgliedern und gelegentlichen Zuhörern vortrugen. Diese Geschichten sind nicht aufgeschrieben, sie werden in Tausenden von Variationen immer wieder erzählt, sie haben keinen Anfang und kein Ende, sie gehen ineinander über, sie schweben und fließen, sie reißen die Hörerschaft mit. Der Zuhörer fühlt die eigene Person ins Geschehen hineingezogen, man ist mitten drin, man verliert das Raum- und Zeitgefühl, man hört nicht nur zu, man handelt im Geschehen mit, man glaubt, dass alles in diesem Moment passiert.

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Wir trauern um Ruth Geede, die Große Dame der Auswärtigen Presse

Ein Nachruf

von Uta Buhr

Ruth Geede

Ich begegnete Ruth Geede, die mit bürgerlichem Namen Ruth Vollmer-Rupprecht hieß, zum ersten Mal während einer ihrer Lesungen. Obwohl seinerzeit bereits über achtzig, beeindruckte sie mich mit ihrer Frische und jugendlich heiteren Ausstrahlung. Mit klarer Stimme las sie aus einer ihrer ostpreußischen Erzählungen und beantwortete später geduldig alle an sie gerichteten Fragen. Sie war eine gute Erscheinung, stets elegant gekleidet und sorgfältig frisiert. Ihr pechschwarzes Haar mit dem exakt gezogenen Mittelscheitel war ihr Markenzeichen bis ans Ende ihres langen Lebens.

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Abschied von Ruth Geede

In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser Ehrenmitglied Ruth Geede am 17. April 2018 verstorben ist. Sie war am 13. Februar 1916 geboren und die älteste noch tätige Journalistin der Welt. Ein Nachruf wird in Kürze hier erscheinen.

Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung findet statt am Donnerstag, den 3. Mai 2018, um 13:30 Uhr in der Barockkirche Hamburg-Niendorf, Niendorfer Marktplatz.

 

Traueranzeige Ruth Geede