Rucksack – A Global Poetry Patchwork

Rucksack 2020, Foto: Antje Stehn :: Die Installation ist seit September 2020 im Il Piccolo Museo della Poesia, Chiesa di San Cristoforo (Piacenza/Italien) zu sehen.

Drei unserer Mitglieder, nämlich Emina Čabaravdić-Kamber, Maren Schönfeld und Gino Leineweber, sind an dem internationalen Poesie-Projekt mit Gedichten beteiligt. Das von Antje Stehn initiierte Projekt beschreibt sie auf ihrer Seite thedreamingmachine.com:

Rucksack, bei Global Poetry Patchwork ist ein Kunstinstallationsprojekt, das am 26. September 2020 im Piccolo Museo della Poesia in Piacenza (Italien) eröffnet wird. Es besteht aus zwei Makroarbeiten: einer Installation mit einem großen Beutel, dem Rucksack, aus getrockneten Teebeuteln und einer Ausstellung mit kurzen Gedichten, die am Ende der Ausstellung in das Museumsarchiv aufgenommen werden sollen. Eine Audio-Loop-Installation bietet dem Publikum die Möglichkeit, den Stimmen von Dichtern zu lauschen, die in ihrer Muttersprache rezitieren. Das Werk vereint eine große Anzahl von Menschen, Orten, Visionen, Sprachen und unterstreicht den Wert der Nähe, der in diesem von Distanz und Enge geprägten historischen Moment, von der akuten Prekarität des menschlichen Netzwerks, so bedeutsam ist. 

Warum Tee? Warum Poesie?

Teebeutel haben eine lange Geschichte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, als die Chinesen anfingen, kleine quadratische Beutel zu nähen, um das Aroma der verschiedenen Tees besser zu bewahren. Die „Tee- und Pferderoute“ entstand während der Tang-Dynastie (618-907), lange vor der Seidenstraße, um die Handelsbeziehungen zwischen Tibet und China zu festigen. Und seitdem gehören Teebeutel zu den kleinsten Behältern, die wir in jedem Haushalt verwenden und finden. Tragetaschen gehörten zu den ersten Werkzeugen, die Frauen und Männer benutzten, um Gegenstände und Erinnerungen zu transportieren. Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler, aber in Wirklichkeit dominierten Sammler, da 80% ihrer Nahrung aus dem Sammeln von Samen, Wurzeln, Früchten in Netzen, Säcken und in jeder Art von Lichtbehälter stammten. Taschen waren gestern wie heute wichtige Transportmittel, wie wir sehen, dass Tüten in den Supermärkten als Einkaufsbehälter verwendet werden. 

seeking unity / by drawning the argument / in a cup of tea :: Haikuinstallation: Maren Schönfeld / Übersetzung: Barry Stevenson

Poeten aus aller Welt haben Gedichte eingereicht, teilweise auch künstlerisch verpackt, und kurze Filme mit der Lesung ihrer Gedichte in ihrer Muttersprache gedreht. Diese sind auf dem Youtube-Kanal Rucksack a Global Poetry Patchwork zu sehen.

Deutsch-italienischer Lyrik-Nachmittag

Gemeinsam mit der Hamburger Autorenvereinigung gestaltet Antje Stehn mit den Autorinnen und Autoren Emina Čabaravdić-Kamber, Sabrina De Canio, Uwe Friesel, Don Krieger, Gino Leineweber, Claudia Piccino, Mamta Sagar und George Wallace einen Lyrik-Nachmittag. Die Begrüßung übernimmt die Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung, Sabine Witt (ebenfalls Mitglied der DAP), die Moderation erfolgt durch die Initiatorin des Projektes, Antje Stehn, sowie den Hamburger Autor und Ehrenvorsitzenden der HAV, Gino Leinweber.
Die Lesung findet am Samstag, den 10.07.2021, als Zoom-Meeting statt. Der Beginn ist um 19:00 Uhr. Anmeldung unter info@hh-av.de, den Teilnahmelink erhalten Zuhörer dann per E-Mail.
Die Teilnahmegebühr beträgt € 8, für Mitglieder der HAV frei.

Gefördert von der Behörde für Kultur und Medien.

„Eidelstedter Farbpinsel“ – ein Raum für Kreativität

Christa Kromeier: Frühlingswache

„Die graue, herzlose Welt müsste behübscht werden. Ein menschlicher, freundlicher, heiterer Geist soll einziehen in die Wohnungen, die Häuser und in die Spitäler“, sagte einer, der in der bildenden Kunst im 20. Jahrhundert etwas Besonderes geschaffen hat. Viele haben seine Größe zu Beginn nur zögernd erkannt. War er trotz seiner Genialität dennoch ein Querulant? Nein! Er zeigte, wie es in der Welt interessanter und ästhetischer zugehen kann. Er war der Künstler, der am stärksten auf das Lebensumfeld der Menschen gewirkt hat, und zwar nicht nur in den Galerien, sondern auch im tagtäglichen Leben. Er hat alle ermutigt, sich aus den Fenstern hinauszulehnen und die Außenwände um die Fenster herum mit kräftigen Farben zu bemalten, zu „behübschen“. Dieser österreichische Künstler heißt Friedensreich Hundertwasser (1928-2000).

Er lebte, wirkte und handelte eigentlich im Sinne des deutschen Aktionskünstlers Joseph Heinrich Beuys (19211986), der alle Zeitgenossen ermutigte: „Jeder ist ein Künstler“. Beide großartigen Künstler sprachen das Individuum an, sein kreatives Potenzial zu entwickeln, Hemmungen abzuschütteln und sich schöpferisch zu betätigen.

Kreatives Potenzial entwickeln und Hemmungen abschütteln

Diese Ideen versuchten und versuchen die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer im Eidelstedter Bürgerhaus seit etwa 15 Jahren zu verwirklichen bzw. sich diesen Ideen zu nähern. Mit ihren selbst angefertigten Zeichnungen und gemalten Gemälden „behübschen“ sie ihre Wohnungen, aber auch ihre Arbeitsbereiche, also Räume überall dort, wo sie leben, lieben oder arbeiten. Sie treffen sich wöchentlich einmal im „Kreativraum“ des Bürgerhauses.

Britta Nürnberger: Frauen

Den Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmern sind die Sitzungen kreative Anlässe, in denen sie im Team Bildideen entwickeln, sich austauschen und sich im Bereich Kunst weiterentwickeln. Hier können sie sich ihrer Leidenschaft hingeben. Sie sind Hausfreuen, Mütter, Väter, Büroangestellte etc.: Es sind Bürger wie du und ich.

Vom Bleistift bis zum Spektrum der Farben

Während der ersten Stunden lernt man den Umgang mit dem Bleistift kennen, dabei ist das ständige Greifen nach dem Radiergummi verpönt. Danach geht die Einführung in der Bildgestaltung mit Pinsel und Farben weiter. Ein wichtiger Bestandteil der Schulung ist auch die Perspektiv-, Kompositions- und Farbenlehre. Die Entwicklung der Fertigkeiten kommt nicht selten überraschend schnell voran. Einige ergriffen Bleistift und Pinsel erst vor Kurzem und gestalten bereits von Woche zu Woche ihre Bilder in Acryl, Aquarell oder Öl auf Bütten-Papier oder Leinen. Es macht ihnen Riesenspaß, ihre Gedanken und Emotionen in diversen Gemälden in zwei Dimensionen eigenhändig zu visualisieren.

Eva-Maria Lorenz: Tulpengruß

„Ich habe gar nicht gewusst, dass ich das kann“, äußern sich einige überrascht nach der Malstunde und freuen sich über ihr eigenes Gemälde. Durch die maltechnische Schulung und langjährige Praxis kann die Malgruppe ein ansehnliches Niveau bereits aufweisen.

Welche Themenkreise werden auf Malblock oder Leinen gebracht? Ihre beliebten Motive sind Stillleben, abstrakte Gemälde und Landschaftsbilder, wie z. B. die Alster, Elbe, der Hafen, die Speicherstadt, diverse Gebäude der Hansestadt Hamburg und/oder frequentierte Plätze, Straßen, Kirchen der direkten Umgebung in Eidelstedt. Am häufigsten werden dazu Vorlagen verwendet, wie z. B. Fotos sowie Bilder aus Zeitungen und Magazinen. Im Sommer malt man „en plein air“, direkt vor Ort in der Natur, wo die Herausforderung bei ‚Wind und Wetter‘ erheblich größer als in einem Atelier ist.

Die Kenntniserweiterung wird auch durch Projektaufgaben gefördert, in denen die wichtigsten Perioden der Kunstgeschichte besprochen werden. Der Lehrgang beschäftigt sich mit Maltechniken, Form- und Farbenwelten weltbekannter Künstler wie dem niederländischen Maler Vincent van Gogh, dem norwegischen Künstler Edvard Munch oder dem deutschen Expressionisten Emil Nolde usw.

Die Ausstellungen sind das Salz in der Suppe

Diese Bildpräsentationen finden in öffentlichen Gebäuden statt, wie in Kirchen, Altenheimen, Rat- und Bürgerhäusern, Bücherhallen etc. Die Vernissagen sind für die breite Öffentlichkeit gedacht, wo die örtliche Presse unser ständiger Begleiter ist. Diese Feierlichkeiten werden professionell mit Laudatio, literarischen Beiträgen und Musikspektakeln gestaltet. Die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer haben sich in den letzteren Jahren als ‚Eidelstedter Farbpinsel‘ einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet.

Beatrice Funck: Schattenraum

Besonders erwähnenswert sind außerdem die sozialen Kontakte innerhalb der Gruppe, die durch Telefon, E-Mail, Facebook, Handy und persönliche Treffen außerhalb der Sitzungen fortlaufend gepflegt werden. Bei alleinstehenden Malerinnen und Malern gewannen diese sozialen Ereignisse eine bedeutende Relevanz. Wir lassen niemanden einsam sein. Eben diesen seit Jahren funktionierenden Verbindungen ist es zu verdanken, dass eine Ausstellung während der Corona-Epidemie (Mai-Juni 2021) im Albertinen-Haus Hamburg vor ein paar Tagen schnell zu organisieren war, obwohl die Sitzungen fürs Malen ca. seit einem Jahr vollständig pausieren. Somit hat die Gruppe dazu beigetragen, den Bewohnern des Alten- und Pflegeheimes die Monotonie des Alltags während der Corona-Pandemie durch die Ausstellung „Form- und Farbenvielfalt“ erträglicher zu gestalten. So leisten die mit viel Enthusiasmus gemalten Bilder einen intellektuellen, emotionalen, psychologischen und kulturellen Dienst nicht nur für die Malerinnen selbst, sondern darüber hinaus für andere Menschen. Die Gemälde sind dort bis 31. Juni 2021 zu sehen. Die Ausstellerinnen sind Ute Bantin, Hanne Bey, Siegrit Herz, Monica Ehrig, Beatrice Funck, Christa Kromeier, Eva-Maria Lorenz, Britta Nürnberger und Elfi Riemenschneider.

Das Zuhause des ‚Eidelstedter Farbpinsels‘ befindet sich im Bürgerhaus in der Alten Elbgaustraße 12 in Eidelstedt. Dieses geschichtsträchtige Gebäude hat eine lange Geschichte und steht vor einer neuen Zukunft. Es wurde 1887 als Schule gebaut, die Alliierten zerstörten es durch Bombenangriffe 1943, dann diente es bis 1951 wieder als Schule und schließlich wurde es 1980 zum Bürgerhaus und Kulturzentrum. Dieser traditionsträchtige Bau erlebt eine umfassende Modernisierung und eine Erweiterung durch einen Anbau in zeitgemäßer Architektur, der voraussichtlich im Juli 2022 mit großen Feierlichkeiten eingeweiht wird. Das alte, aber runderneuerte Schulgebäude zeigt sich dann bald in frischem Design mit einem Café, der Elternschule, der Bücherhalle, einem Gastraum, einer Terrasse und dem neuen Veranstaltungssaal als stolzes Kultur-, Bildungs- und Veranstaltungshaus. Es wird sicherlich ein erhabenes Gefühl sein, in den lichtdurchfluteten Räumen die Pinsel über Malblock und Leinwände schweben zu lassen.

Aus dem Archiv Dezember 2015_AustellerInnen und Kursleiter Dr. László Kova im ForumVitalis Hamburg

Notabene: Dr. László Kova ist der Kursleiter und Gründer des ‚Eidelstedter Malpinsels‘.

 

 

 

 

Siegrit Herz: Rennende Pferde

Kaffeeklatsch à la carte

Foto: Antje von Hein

Es gibt Träume, aus denen man gar nicht mehr erwachen möchte. Um es mit Goethen zu sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“ Am Muttertag hatte ich Blumen auf das Familiengrab gestellt und eine stille Zwiesprache mit meinem geliebten, bereits vor über fünfzehn Jahren verschiedenen Mütterchen gehalten. Müde geworden, ließ ich mich auf der Bank neben dem Grab nieder und fiel alsbald in einen süßen Traum. Ich saß bei hellem Sonnenschein auf der Terrasse eines Cafés am Strand der Ostsee, einen dampfenden Capuccino und ein großes Stück Nusstorte vor mir. Als ich gerade lustvoll die Kuchengabel zum Munde führen wollte, wurde ich durch einen erregten Wortwechsel brutal aus meinem Traum gerissen. Eine alte Frau in Seemannskluft, den Südwester keck auf dem schlohweißen Haarschopf, unterhielt sich lautstark am Handy mit einem unsichtbaren Partner, der sich partout nicht ihrer Meinung über Grabschmuck und Blumenerde anschließen wollte. Obgleich einige Friedhofsbesucher der Frau Handzeichen machten, ihre Stimme um einige Dezibel zu senken, fuhr diese unbeirrt in ihren Tiraden fort. Als ich sie später an der Bushaltestelle wieder traf, schenkte sie mir ein breites Lächeln und sagte: „Tut mir echt leid, dass ich ein bisschen laut war. Aber mein Mann ist fast taub. Und ich habe den größten Teil meines Lebens auf einem Markt gearbeitet. Und wer da Erfolg haben will, muss schon mal die Stimme heben.“ Das erklärte natürlich alles. Ich stellte mir die Frau im Geiste auf dem Fischmarkt vor, wo sie mit Stentorstimme Aale oder Bananen unter das Volk brachte. „Na dann man tschüüüs,“ rief sie mir zu, sprang behände aus dem Bus und zündete sich eine Zigarette an, deren Rauch sie genüsslich inhalierte. „Ich geh’ jetzt zu meinem Ede, der hat schon den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht,“ ergänzte sie ihren Monolog, „und holen Sie sich man auch irgendwo nen Becher. Tut doch echt gut nach all den ollen Gräbern.“

„Tempora mutantur et nos mutamur in illis”, sagt der Lateiner. In der Tat, die Zeiten haben sich geändert, und wir haben uns ihnen wohl oder übel anpassen müssen. Statt eines gepflegten „Konditerns“ an Marmortischen, wie meine Eltern weiland Besuche in Cafés nannten, stehen wir heute auf der Straße, den Plastikbecher mit dem heißen Kaffee in der rechten und einem Stück Gebäck in der linken Hand. „Da musst du schon ganz schön balancieren, damit du dir das Gesöff nicht über den Pelz kippst“, scherzte unlängst eine Freundin und verbrannte sich prompt die Hand. Dabei fällt mir der verballhornte Text eines Schlagers aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein, den meine Mutter mit ihren Freundinnen in fröhlicher Runde zu singen pflegte: „In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei und fraßen für drei.“ Tja, mit Sitzen ist es ja zurzeit auch nichts. Stehen auch nur unter Vorbehalt. Stand ich mit zwei Freundinnen doch unlängst in der äußersten Ecke des Europa Centers. Kein Mensch weit und breit. Nichts Böses ahnend nippten wir an unserem Kaffee, als zwei sich martialisch gebärdende Männer in Uniform mit großen Schritten auf uns zukamen und uns aufforderten, sofort das Center zu verlassen. Unser Argument, es sei doch niemand hier außer uns wurde mit einem schroffen „Vorschrift ist Vorschrift“ abgeblockt. Wir fanden uns also bei strömendem Regen auf der Straße wieder. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Hatte nicht Birgit ihren schicken BMW in einer Nebenstraße ganz in der Nähe geparkt. Eilig schritten wir zur Tat und genossen einen außerordentlich unterhaltsamen Kaffeeklatsch in wohliger Wärme bei dezenter Musik im Auto. In bester Laune machten wir uns später auf den Heimweg. „Es geht auch anders, doch so geht es auch“, heißt es in Bert Brechts Dreigroschenoper. So ist es. Die Erfahrung während der Coronakrise hat uns gelehrt, die gewohnten Pfade zu verlassen und andere Wege zu beschreiten. Zugegeben, unser Kaffeeklatsch im Auto war lustig und originell. Dennoch wiegt er in keiner Weise den Besuch eines Cafés auf. Denn da sitzen wir entspannt an einem Tisch, lassen uns bedienen und kommunizieren mit anderen Menschen. Dies ist die Freiheit, nach der wir uns sehnen und die wir so schnell wie möglich zurück haben wollen. Amen.

Good News from The English Theatre of Hamburg

Sharon Facinelli

Rejoice, rejoice! The English Theatre is planning its comeback on May 2. As you all will remember, the premiere of “Shirley Valentine” was originally planned for November 20 last year. However, owing to the Corona pandemic disease the start of the play was postponed several times.

Meanwhile Helen Sheals who was originally engaged for this one-woman-show had to leave Hamburg for good. Helen is a well-known star in Britain. Besides her performances on stage, she appears frequently on television. She also plays a part in the popular TV series “Downton Abbey.”

The TET takes pleasure in announcing that Sharon Facinelli, another well-known British star (photo), will take over the part of Shirley Valentine in Willy Russel’s hilarious comedy. Sharon works in film, theatre and musical productions. She regularly performs in theatres as part of the Director’s Cut Theatre Company and is delighted to be making her Hamburg debut.

Last but not least a few words about the plot: Shirley, a frustrated housewife living in Liverpool is fed up with her marriage to a loveless husband. Therefore she is delighted when a friend asks her to spend a holiday with her in Greece. A couple of days in this sun-bathed country work wonders on Shirley and change her whole life.

We do hope that the premiere of this new play will take place on May 2, as scheduled. All of us are keeping our fingers crossed. We say good-bye for the time being and look forward to seeing you on May 2.

Uta Buhr

Gute Nachrichten vom English Theatre of Hamburg

Sharon Facinelli, Foto: Gemma Turnbull

Die Besucher des TET warten sehnsüchtig auf die Wiedereröffnung der Bühne an der Mundsburg. Am 2. Mai erlebt das Ein-Personen-Stück „Shirley Valentine“ von Willy Russel seine Hamburger Uraufführung. Diese hinreißende Komödie feiert seit langem Erfolge im Londoner Westend. Leider musste wegen des Lockdowns die Premiere am 20. November letzten Jahres abgesagt werden.

Der für die Erstaufführung vorgesehene Star der britischen Theaterszene Helen Sheals ist inzwischen nach England zurückgekehrt und steht für den Neustart nicht mehr zur Verfügung. Schade, denn Helen ist auch dem deutschen Publikum durch ihren Auftritt in der TV-Kultserie „Downton Abbey“ bestens bekannt.

Die Rolle der Shirley Valentine wird die in Großbritannien nicht minder bekannte Schauspielerin Sharon Facinelli (Foto) übernehmen. Sie ist seit Jahren eine bekannte Größe im Film- und Musicalgeschäft und präsentiert sich ihrem Publikum ebenfalls mit Leidenschaft auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Freuen wir uns also auf Sharon Facinelli als Shirley Valentine in diesem Stück über eine zutiefst frustrierte Liverpooler Hausfrau, die ihre Lebensfreude auf einer Reise ins von der Sonne verwöhnte Griechenland wiederfindet. Wir dürfen auf einen höchst amüsanten Theaterabend gespannt sein, In Zeiten wie diesen tut uns allen ein solches Trostpflaster besonders gut.

Wir melden uns zu gegebener Zeit an dieser Stelle wieder. Drücken wir also die Daumen, dass wir uns demnächst in unserem schmerzlich vermissten Theater wieder treffen.

Das wünscht uns allen

Ihre Uta Buhr

 

Die Frau, die König Ludwig I. die Krone kostete

Joseph Karl Stieler_-Lola Montez (gemeinfrei)

Vor 200 Jahren kam die „bayerische Pompadour“ zur Welt, die nicht aus Spanien kam, sondern aus Irland und eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert hieß

Lola Montez wird als „bayerische Pompadour“ bezeichnet. Dabei hat die Tänzerin auch gewisse Ähnlichkeit mit Mata Hari. Bei beiden war die Herkunft nicht so exotisch, wie sie behaupteten, sondern eher verwirrend. Bei beiden war der Tanz eher erotisch als künstlerisch. Beide hatten in ihren besten Jahren den Körper und die Ausstrahlung, die Männer um den Finger zu wickeln. Und beiden war ein Altern in Würde missgönnt.

Lola Montez kam ebenso wenig aus Spanien wie Mata Hari aus Indonesien. Vielmehr kam auch sie aus der nördlichen Hälfte Europas. Wie „Mata Hari“ war auch „Lola Montez“ ein Künstlername. Als Elizabeth Rosanna Gilbert kam die Tochter eines schottischen Offiziers und einer irischen Landadeligen vor 200 Jahren, am 17. Februar 1821, im nordwestirischen Grange zur Welt. Früh wurde sie Halbwaise. Nachdem die Familie 1822 nach Kalkutta umgezogen war, starb ihr Vater an der Cholera. Unterschiedliche Ersatzväter taten sich schwer mit ihr und schließlich landete sie in einem Internat. Nach der Schulausbildung sollte sie mit 16 Jahren eine Vernunftehe mit einem Richter eingehen. Um dem zu entgehen, brannte sie mit dem englischen Offizier Thomas James nach Irland durch. Dort heirateten die beiden und gingen dann nach Indien. Nach drei Jahren trennte sich das Paar allerdings wieder. Montez kehrte nach Europa zurück und nahm in London Schauspiel- und Tanzunterricht.

Nun gab sich die gebürtige Irin ihr spanisches Image. Sie ließ sich von einem spanischen Tanzlehrer unterrichten, lernte die spanische Sprache und spanische Tänze und beendete ihre Ausbildung mit einem Spanienaufenthalt. 1843 kam sie als die vorgebliche spanische Tänzerin aus Sevilla Maria de los Dolores Porrys y Montez oder kurz Lola Montez nach London zurück. Dabei kam ihr schließlich das Spanienfai­ble entgegen, das die 1847 erschienene Novelle „Carmen“ des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée auslöste.

Das Debüt in London verlief zwar erfolgreich, aber ihre wahre Identität wurde entdeckt und sie sah sich gezwungen zu fliehen. Es begann eine Flucht durch Europa voller Skandale. In Thüringen hatte sie eine Affäre mit dem Fürsten Reuß zu Lobenstein und Ebersdorf. In Berlin tanzte sie vor dem preußischen König und dem russischen Zaren. In Warschau löste sie Tumulte aus, indem sie sich mit den polnischen Separatisten solidarisierte. Franz Liszt begleitete sie nach Paris. Auch in der Seine-Metropole erregte sie Aufsehen. Dort kostete sie den Redakteur der dortigen Zeitung „Le Press“ Alexandre Dujarier das Leben, der in einem Duell erschossen wurde, das er um ihretwillen gefordert hatte.

Umtriebige Tänzerin

Nach dieser Affäre verließ Lola Montez 1845 Paris und landete schließlich 1846 in München. Da der Intendant der dortigen Hofbühne sie hatte abblitzen lassen, versuchte sie es am 7. Oktober direkt beim König. Angesichts ihres prallen Mieders soll dieser gefragt haben: „Natur oder Kunst?“ Statt zu antworten, soll sie mit einem Brieföffner ihr Mieder aufgeschnitten und damit dem dreieinhalb Jahrzehnte Älteren die Möglichkeit geboten haben, sich selbst ein Bild zu machen.

Das mag ein Gerücht sein. Fakt ist, dass Ludwig I. auf Lola Montez ähnlich begeistert reagierte wie sein Enkel und späterer Nachfolger Ludwig II. auf Richard Wagner, nur etwas weniger platonisch. Er ließ sie nicht nur in München auftreten, sondern beschenkte sie großzügig. Dazu gehörte ein Palais in München ebenso wie 158.084 Gulden. Das war mehr Geld als der Bau der Feldherrenhalle kostete.

Doch nicht nur mit materiellen Gütern, auch mit einem erblichen Adelstitel wollte Ludwig seine Geliebte versehen. Dafür bemühte er sich um die bayerische Staatsangehörigkeit für sie, das sogenannte Indigenat. Obwohl sie durch das von ihm erhaltene Palais Grundeigentümerin in München geworden war, verweigerte die Gemeinde jedoch die Gewährung des Heimatrechtes. Nun wollte Ludwig Lola Montez dieses Recht per Dekret verleihen. Dafür brauchte er aber die Zustimmung des Staatsrates, die dieser verweigerte. Das Ergebnis war eine Regierungskrise. An die Stelle des Ministeriums des ultramontanen, sprich erzkatholischen Staatsministers Karl von Abel, den Ludwig in besseren Tagen seinen „ersten Staatsmann“ genannt hatte, trat ein liberales sogenanntes Kabinett der Morgenröte, das sich weder der Einbürgerung noch der Erhebung von Lola Montez zur Gräfin von Landsfeld am 25. August 1847 in den Weg stellte.

Sicherlich spielten bei der Ablehnung Lola Montez’ Neid und Standesdünkel eine Rolle. Allerdings wusste sie auch zu provozieren. Bewusst verstieß sie gegen Konventionen. In Hosen zog sie Zigarren rauchend mit einer Reitpeitsche bewaffnet in Begleitung einer Dogge und einer Leibgarde durch die Haupt- und Residenzstadt. Die Leibgarde stellten Studenten des Corps Alemannia. Dabei handelte es sich um eine Abspaltung des Corps Palatia München. Die Spaltung der Münchner Studentenschaft zwischen den sogenannten Lolamannen vom Corps Alemannia und den anderen Corps führte schließlich zu Handgreiflichkeiten. Ludwig reagierte darauf, indem er am 9. Februar 1848 die Universität schloss und die Studenten Münchens verwies. Das Ergebnis waren bereits am folgenden Tag Proteste der Studenten, denen sich andere anschlossen, und Unruhen in der Stadt. Ludwig hatte den Bogen überspannt – und gab nun nach. Er öffnete die Universität wieder und ließ Lola Montez fallen – zumindest offiziell.

Per Kutsche trat Lola Montez am 11. Februar 1848 die Flucht Richtung Schweiz an. Sie blieb jedoch in Verbindung mit Ludwig. Im Folgemonat kam sie heimlich mit seinem Wissen nach München zurück. Das wurde jedoch publik, und unter dem Druck von Unruhen sah sich der König gezwungen, seine Liebe durch die Polizei verfolgen zu lassen. „Da war’s mir unausstehlich, länger auf dem Thron zu sein“, erklärte Ludwig am 20. März 1848 und dankte zugunsten seines Ältesten ab.

München blieb eine Episode

Nach ihrer rund eineinhalbjährigen Episode in München setzte Lola Montez ihre Wanderschaft als Tänzerin fort. Anfänglich konnte sie sich weiterhin der finanziellen Unterstützung Ludwigs erfreuen. Das änderte sich allerdings, als das Verhältnis abkühlte, weil Ludwig von Lola Montez’ Verhältnis mit dem Hochstapler Auguste Papon erfuhr. Gänzlich brach ihr bayerischer Gönner die Beziehung zu ihr ab, nachdem er davon erfahren hatte, dass sie nach ihrer Rückkehr nach London im Jahre 1849 den jungen britischen Offizier George Trafford Heald geheiratet hatte. Die Ehe kostete sie nicht nur die noch verbliebene Unterstützung Ludwigs, sondern brachte ihr auch den Vorwurf der Bigamie ein, da Thomas James noch lebte. Sie begab sich auf die Flucht. George Trafford Heald nahm sie mit.

Nach dem Scheitern ihrer Beziehung mit George Trafford Heald wechselte Lola Montez 1852 den Kontinent. In den USA spielte sie sich selbst in der Theaterrevue „Lola Montez in Bavaria“. Bis zum Frühjahr 1853 tourte sie an der Ostküste einschließlich Auftritten am Broadway. Im Mai des Jahres wechselte sie an die Westküste nach San Francisco. Im Juli 1853 heiratete sie den irischstämmigen amerikanischen Journalisten Patrick Hull, der allerdings noch im selben Jahr verstarb. Im August ließ sie sich in der kalifornischen Goldgräberstadt Grass Valley nieder.

1855/56 tourte sie durch Australien. In Victoria trat sie ebenso auf wie in der Goldgräberstadt Castlemaine, wo sie mit einer Vorstellung das Theatre Royal eröffnete. 1856 machte sie eine wenig beachtete Europatournee, von der sie im Folgejahr nach New York zurückkehrte. Das Tanzen fiel ihr zunehmend schwerer, und so verlegte sie sich auf das Vortragen und Verfassen von Texten. Ihre Bücher „The Arts of Beauty“ und „Anecdotes of Love“ entstanden.

Unter dem Einfluss des protestantischen Journalisten Charles Chauncey Burr entwickelte sich Lola Montez zur bekennenden Methodistin und engagierte sich für sogenannte gefallene Mädchen. Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, hatte Ludwig sie doch zur Gräfin gemacht „wegen der vielen, den Armen Bayerns erzeigten Wohltaten“.

1860 erlitt sie einen Schlaganfall. Möglicherweise kam Syphilis hinzu. Nach einem Leben auf der Überholspur war die einst betörende Blüte früh gewelkt. Mit nicht einmal 40 Jahren starb Lola Montez am 17. Januar 1861 in New York an einer Lungenentzündung.

 

Dieser Artikel erschien bereits in der Preußischen Allgemeinen Zeitung.

Die „Coronik“ zu Corona

Zur Ausstellung „Überall Viren?“ von Susanne Kleiber in der Bedürfnisanstalt

Während manche Kreative durch den Lockdown in eine Schaffensblockade gerutscht sind, hat Susanne Kleiber ihre eigene „Coronik“ erstellt: Auf siebzig Seiten der ZEIT, die mit Artikeln zu Corona bedruckt sind, hat sie während des ersten Lockdowns ihre markanten Figuren gezeichnet. Einen Teil der Bilder stellt sie jetzt in der Bedürfnisanstalt aus. Diese Figuren berühren und bleiben im Gedächtnis, weil sie weder irgendwelchen Moden oder Schönheitsidealen folgen noch besonders vorteilhaft posieren. Sie sind wie sie sind und fordern mich als Betrachterin selbstbewusst dazu auf, sie mit ihren Ecken und Kanten wahrzunehmen. Susanne Kleiber hat, nachdem das Aktzeichnen an der Kunstklinik in Eppendorf wegen der Pandemie-Regeln nicht mehr möglich war, in Zoom-Konferenzen Aktmodelle gemalt. Eine Serie dieser Bilder ist ebenfalls in der Bedürfnisanstalt zu sehen.

In der Ausgabe Nr. 9 der ZEIT wurde die Künstlerin porträtiert und hat die Seite mit einer Illustration bereichert, die in der Ausgabe gedruckt wurde. Das kann man durchaus als Kunstdruck betrachten – aber es gibt schon mehrere Exemplare dieser Seite, die Susanne Kleiber noch weiter gestaltet und sie damit wieder zu einem Unikat gemacht hat. Man kann, sofern man im Besitz einer dieser Seiten ist, die Künstlerin mit so einer Zeichnung beauftragen. Der Artikel ist auch online abrufbar: Artikel ZEIT online

Übermalte und freigelassene Textteile und Überschriften bilden eine Symbiose mit Susanne Kleibers Zeichnungen und bauen gleichzeitig eine Spannung zwischen Typographie und freien Strichen auf. Ein klares Konzept, das sowohl die Zeichenkunst als auch das Printmedium Zeitung in einem neuen Blickwinkel zu betrachten auffordert.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. März 2021 in der Bedürfnisanstalt, Bleichenallee 26 a, 22763 Hamburg, zu sehen. Da es nur ein kleiner Raum ist und man fast eine ganze Fensterfront öffnen kann, können die Kunstwerke fast im Freien betrachtet werden (mit Mund-Nasen-Schutz). Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind die Werke darüber hinaus durchs Fenster zu sehen.

Homepage der Künstlerin

Nostalgisch – Paternoster in der Hansestadt

In Hamburg gibt es noch zwölf Paternoster, die öffentlich zugänglich sind. Fotomontage: L. Hoffmann

„Zu zweit dürfen Sie den aber nicht benutzen“, sagt der zuständige Wachmann, als ein Paar in den Paternoster einsteigt. „Ich bin mit den Dingern aufgewachsen“, ruft ihm der Mann zu und schwebt mit seiner Begleitung nach oben.
`Benutzung nur für Eingewiesene´ steht auf dem Schild neben dem Paternoster im Hamburger Bezirksamt Eimsbüttel. Und dies ist durchaus ernst gemeint. Eine offizielle Anordnung von ganz oben, die es unter der Rubrik „Der reale Irrsinn“ sogar in die Fernsehsendung Extra3 schaffte.
Der erste Umlaufaufzug der Welt wurde 1876 in England entwickelt und im General Post Office in London zum Transport von Paketen eingesetzt. Später diente er auch der Personenbeförderung.
In Hamburg wurde der erste Paternoster 1886 im neu errichteten Dovenhof eingeweiht. Er blieb nicht der einzige. In den hafennahen Gebieten der Hansestadt entstanden in den Jahren darauf zahlreiche Geschäfts- und Kontorhäuser, die mit Umlaufaufzügen ausgestattet wurden.
Von den rund 30 noch erhaltenen Paternosteraufzügen in Hamburg sind heute nur zwölf öffentlich zugänglich. Zu finden sind diese unter anderem im Paulsenhaus am Neuen Wall, in der Finanzbehörde am Gänsemarkt und – wie bereits erwähnt – im Bezirksamt Eimsbüttel.
Mit dem historischen Umlaufaufzug können Sie endlos rauf und runter fahren. Aber denken Sie daran: Niemals zu zweit in eine Kabine steigen und Ihr Fahrrad bitte vor der Tür stehen lassen. Und wenn dann ein Wachmann auf Sie zukommt, seien Sie freundlich: Er möchte Sie lediglich vor der waghalsigen Fahrt mit dem Paternoster ordnungsgemäß einweisen. Ganz so, wie es der Vorschrift entspricht.

 

Was Körper und Geist im Inneren verbindet

Mit dem gut 200 Seiten starken Gedichtband „Silberfäden“ legt Gino Leineweber in einer Gesamtausgabe seine beiden ersten Sammlungen vor. Der Verleger und Poet Simo Eric aus dem Verlag „Das Bosnische Wort“ würdigt den international vernetzten Lyriker und Verleger in seinem Vorwort.

Dessen Lyrik wechselt zwischen – philosophischen – Blicken auf das große Ganze und situativen Betrachtungen einzelner Themen, Erlebnisse und Empfindungen. Der Autor verhandelt ehrlich und unverstellt, ohne inhaltliche oder formelle Attitüden, in knapp formulierten, prägnanten und überwiegend kurzen Poemen den jeweiligen Gegenstand seines Gedichts. Dabei lässt er angenehmen, aber nicht zu großen Raum für die Interpretation. Er bezieht Position, ohne eine Lesart zu vorzugeben. Ernste Themen, auch bedrückende wie das Leid, das Menschen an anderen begehen, wechseln mit lakonisch-humorvollen Texten ab, wenn der Autor sich selbst, aber auch das vermeintlich typisch Männliche bzw. Weibliche aufs Korn nimmt.

Der Einblick in männliches Empfinden, humorvoll zuweilen, manchmal auch größte Pein durchlassend, ist faszinierend. Das Alter(n), die Rolle in Beziehungen und in der Welt geht in die Lyrik ein und trägt zwischen den Zeilen Ungesagtes weiter, das nach der Lektüre fortwirkt. Die poetische Auseinandersetzung mit weltlichen Dingen wie Besitz und Status bleibt so angenehm zurückhaltend und verknappt, dass das Nachdenken darüber und das Herstellen eines Bezugs zur eigenen Lebenssituation fast unbemerkt beginnen. Von der allumfassenden Perspektive zurück im Detail, zeigt Gino Leineweber auf, was wir alle in den Beziehungen zu unseren Familien und Partnern erleben und versäumen. Berührend spiegelt er u.a. Bande zwischen Vater und Sohn, das als selbstverständlich Hingenommene der elterlichen Zuwendung und Versorgung, die Angst, dass es zu spät sein könnte, etwas zu äußern. Auch Prägungen der Kindheit sind eindrucksvoll Thema:

Schulzeit

Fliehen lernen
Andere Welten
Endlich lesen

Dabei schreibt er mal mit lyrischem Ich, mal in der dritten Person, was eine distanzierte, originelle Perspektive ist. Dass der Lyriker hieraus jedoch kein Dogma macht, sondern offensichtlich für jedes Gedicht entscheidet, ob es ein lyrisches Ich – oder ein Du – bekommt oder nicht, zeigt die aufmerksame Komposition. Überhaupt lassen die Gedichte den Schluss zu, dass Gino Leineweber ein reflektierter und bewusst wahrnehmender Mensch ist. Ein Gedicht aus dem ersten Kapitel empfinde ich als wegweisend:

Ich

Das Ich ist
Was Körper und Geist
Im Innern verbindet

Die Mitte der Platz
An dem
Von Augenblick zu Augenblick
Sich das Bewusstsein findet

Mich haben die Gedichte inspiriert, innezuhalten, hinzusehen, meine Innen- und Außenwelt bewusster wahrzunehmen und die Empathie für meine Mitmenschen nicht zu vergessen.

Immer schön cool bleiben

„O tempora, o mores”, ruft die Lehrerin in gespieltem Entsetzen aus, während ihre Klasse sich trotz ihrer Bitte um Ruhe und Ordnung schreiend und schubsend in den S-Bahn Waggon ergießt. Im Nu liegen Ranzen und Rucksäcke wild verstreut am Boden und ein zäher Kampf entbrennt um die Fensterplätze. Als zwei halbwüchsige Rowdys mit den Fäusten aufeinander losgehen, greift die Lehrkraft entschlossen ein: „Also, Daniel, Jörg, immer schön cool bleiben“, mahnt sie mit beschwörender Stimme und erinnert dabei lebhaft an eine Dompteurin im Raubtierkäfig.

Auf der Rolltreppe begegne ich den beiden Kampfhähnen wieder. Ihre Streitigkeiten haben sie inzwischen beigelegt. Dafür belästigen sie jetzt voller Inbrunst andere Leute, indem sie sich mit verschränkten Armen vor ihnen aufbauen und sie am Verlassen der Treppe hindern. Eine elegante ältere Dame, die offenbar den Anschlusszug noch erreichen will, versucht sich mit aller Macht an ihnen vorbei zu winden.
„Hey, du alte Gruftspinne, mal’n bisschen mehr Benehmen“, sagt der eine der beiden Flegel. Da entfleucht der Frau, die vor Wut putterot angelaufen ist, ein Wort, das zivilisierte Menschen üblicherweise mit „Armleuchter“ zu umschreiben pflegen. Wie von einem Zauberstab berührt, treten die Jungen zur Seite und sehen der eben noch Geschmähten mit unverhohlener Ehrfurcht nach. „Echt geil“, sagt der eine, „was die Mutter für Ausdrücke drauf hat.“

Nachwort: Das oben Geschilderte widerfuhr mir wenige Wochen vor dem ersten Lockdown, als unser Dasein in geregelten Bahnen verlief und wir alle noch unmaskiert die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen durften. Da tobte das pralle Leben, wozu auch gelegentliche verbale Entgleisungen von frechen Buben wie Daniel und Jörg gehörten. Ich gestehe, dass diese mir jetzt viel weniger ausmachen würden als die gegenwärtige depressive Stimmung, die wie Blei auf uns allen lastet.

 

Blume des Jahres 2021

In Norddeutschlang ist der Große Wiesenknopf vor allem entlang der Elbe und Weser zu finden.. Foto: Julian Denstorf
Der Große Wiesenknopf wächst in Norddeutschland vor allem entlang der Elbe und Weser in den Flussauen. Foto: Julian Denstorf

Der Schutz gefährdeter heimischer Pflanzen liegt der Hamburger Loki Schmidt Stiftung sehr am Herzen. Aus diesem Grund wählt sie unter anderem bereits seit 1980 jährlich die Blume des Jahres. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 gab die Botanikerin Loki Schmidt die Wahl immer selbst bekannt. Seitdem erfolgt nun die Bekanntgabe stets am 21. Oktober, dem Todestag der Kanzlergattin.
Die Stiftung entschied sich im vergangenen Jahr dafür, den Großen Wiesenknopf zur Blume des Jahres 2021 zu küren und sich damit für den Erhalt seines Lebensraumes, den schonend genutzten Grünflächen, einzusetzen, die in den letzten 50 Jahren stark zurückgegangen sind. Diese Flächen sind heutzutage häufig unwirtschaftlich und werden vielerorts trockengelegt oder zu Äckern umgewandelt.
Die Blume des Jahres 2021 wächst vom Hügelland bis in beinahe alpine Höhen auf sonnigen oder halbschattigen wechselfeuchten Wiesen. In Norddeutschland ist die Art nur selten vertreten. Hier findet man den Großen Wiesenknopf vor allem entlang der Flüsse Weser und Elbe in den Flussauen und auf frischem Grünland.
Einst galt der Große Wiesenknopf, der zur Familie der Rosengewächse gehört, als wichtige Heilpflanze. Im Mittelalter glaubte man, dass er vor Pest und Tuberkulose schützen könne. Auch in der heutigen Zeit sagt man ihm noch gewisse Heilkräfte nach. So soll er unter anderem blutstillend und entgiftend wirken sowie gegen Verdauungsbeschwerden helfen. Darüber hinaus gilt der Wiesenknopf als wichtige Nahrungsquelle für Schmetterlinge, Bienen und Ameisen.
Wer mehr über den Großen Wiesenknopf erfahren möchte, kann sich an die Loki Schmidt Stiftung in Hamburg wenden. Dort kann außerdem der traditionelle Kalender bestellt werden, der neben Fotos der Blume des Jahres auch Abbildungen anderer Pflanzen enthält.
info@loki-schmidt-stiftung.de
Telefon: 040-2840998-0

Alltägliches – schmerzlich vermisst

Buchcover

Als Joachim Frank die Kurzgeschichten und Erzählungen seines Bands „Farben in wechselndem Licht“ schrieb, dachte er ganz bestimmt nicht daran, dass wir es mit einer Corona-Pandemie zu tun bekämen. Und so erscheinen die unterhaltsamen, zum Nachdenken anregenden oder auch zum Lächeln verführenden Erzählstücke über das Lesevergnügen hinaus in einem besonderen Licht.

Da konnte man noch reisen, ohne in Quarantäne zu müssen. Man ging ganz selbstverständlich ins Café, man kam sich nah und von „Munaschu“ ist keine Rede. Damit hat Joachim Frank mit seinem Buch zunächst in den Fokus gerückt, wie unser Leben vor Corona aussah, was für uns selbstverständlich gewesen ist und was wir nun schmerzlich vermissen. Das thematische Spektrum der Erzählungen spart jedoch auch Krankheit nicht aus, sondern gibt einfühlsam Einblick in Folgen einzelner Schicksale, die Menschen wie dich und mich heimsuchen. Dabei folgt der Autor dem Motto „Weniger ist mehr“, konzentriert sich auf wenige, markant gezeichnete Charaktere und wenige Begebenheiten, die, von den Figuren unaufdringlich reflektiert, in den Lesern fortwirken dürften.

Das in fünf Kapitel unterteilte Buch (Reiseperlen/Abschiede/Blickwinkel/Take it easy/Weihnachten) deckt breite Leserinteressen ab. Das Reise-Kapitel beschränkt sich nicht auf Schilderungen von Örtlichkeiten, sondern bringt auch einige geschichtliche Hintergründe und setzt sich mit Klischees und Vorurteilen auseinander, ohne zu werten. Im Kapitel „Abschiede“ erzählt Joachim Frank einfühlsam von Wendepunkten, die bedrücken oder erleichtern. Berührend ist die Szene einer Männerfreundschaft zwischen einstmals sportlich aktiven Männern, von denen der eine nur mehr ein Schatten seiner selbst ist. Das Ungesagte nimmt hier den meisten Raum ein, die Geschichte berührt sehr. Eine originelle und interessante Perspektive nimmt der Autor in den Geschichten „Inferno“ und „Ansichten eines Gemäldes“ ein, indem er sich in der erstgenannten Erzählung in den Maler Egbert van der Poel (1629-1684) hineinversetzt, dessen Schaffen sich nach einem Feuerinferno dramatisch veränderte, und in der letztgenannten gar aus der Perspektive des Gemäldes schreibt.

Bedrängnisse und Fettnäpfchen, die im Alltag nicht immer zu umschifft werden können und vor allem denjenigen, die das Ganze von außen betrachtet, viel Heiterkeit bringen, birgt das Kapitel „Take it easy“. Augen auf beim Beschenken der Ehegattin, möchte man dem Protagonisten der Geschichte „Fit in den Frühling“ zurufen.

Schließlich kommt die Sammlung mit dem aus einer etwas längeren Geschichte bestehenden Schlusskapitel wieder in der Gegenwart an, denn es geht auch hier um ein Weihnachten, das ganz anders als geplant verläuft. So wie es in diesem Jahr 2020 unvorhergesehenerweise sehr vielen Familien gehen dürfte, hat in dieser Geschichte nicht eine Krise von außen, sondern von innen alles in der Hand. Wird die Familie das Fest noch retten?

Die Sammlung kurzer Prosastücke von Joachim Frank ist wie geschaffen für diese Zeit: Sie unterhält, regt zum Nachdenken an, erheitert und gibt gute Impulse. Wenn man täglich eines der kurzen Werke liest, hat man 14 Tage lang etwas von dem Buch. Fangen Sie doch Weihnachten damit an.

 

Joachim Frank wurde 1952 in Hamburg geboren. In Prisdorf und Schweden lebend, schreibt er Erzählungen und Kurzgeschichten, die er in mehreren Einzeltiteln sowie in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien veröffentlicht. Unter den Preisen, die er bekommen hat, sind der Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung (2016) und der Preis des Erwin-Strittmatter-Vereins (2019).

Joachim Frank: Farben in wechselndem Licht, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2020

https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/frank-joachim/

Von Kindern lernen

Es ist ein alter Hut. Viele Bürger halten sich nur ungern an die einfachsten Verkehrsregeln. Wie oft muss ich erleben, dass ein Auto noch über die Kreuzung vor meinem Haus „nagelt“, wenn die Ampel schon längst auf Rot umgesprungen ist. Auch vor Zebrastreifen drosseln manche Fahrer nur ungern das Tempo. Häufig muss man beherzt ausschreiten, um sie noch rechtzeitig zum Halten zu bewegen.

Und wie steht es mit den Fußgängern, die nicht selten geduldig vor Ampeln ausharren müssen, bis sie endlich die Straße überqueren dürfen, auch wenn weit und breit kein Fahrzeug in Sicht ist? Ich gestehe, dass ich in so einem Fall nicht immer auf grünes Licht warte, solange keine Kinder in der Nähe sind. Dem Nachwuchs gegenüber zeige ich mich stets als vorbildliche Verkehrsteilnehmerin.

Zumindest bis gestern Mittag. Die Sonne blendete mich, als ich in der Nähe des Harburger Bahnhofs bei Rot schnell über eine Straße lief. „Rotgänger, Todgänger, Grüngänger leben länger“, erschallte ein mehrstimmiger Kinderchor hinter mir. Wie vom Schlag gerührt drehte ich mich um. Da standen vier etwa zehnjährige Schulmädchen am Straßenrand und drohten mir mit dem Finger. Mein Gott, die lieben Kleinen hatte ich ganz übersehen! „Entschuldigt“, stammelte ich verlegen. „Aber da habe ich wohl geschlafen. Kommt ja mal vor.“

„Sollte es aber nicht“, entgegnete das Größte von den Mädchen streng. „Erwachsene erzählen uns doch immer, wo es langgeht. Dann müssen sie aber auch Vorbilder sein.“ Wo Kinder recht haben, haben sie recht. Also schwor ich hoch und heilig, nie wieder bei Rot über die Straße zu gehen. Das versöhnte die jungen Damen offenbar, die sich mit einem freundlichen „Tschüs, und noch einen schönen Tag“, von mir verabschiedeten. Ich habe mir übrigens gelobt, dieses Versprechen niemals zu brechen. Großes Indianerehrenwort!

Diese Glosse erschien bereits im Hamburger Abendblatt
Foto: Michael_Luenen, Pixabay

„Schreib einfach!“

Schreiben kann erfüllen, befreien, berauschen und glücklich machen, aber sich auch als schwierige Angelegenheit entpuppen.  Wie fängt man an, über was und in welcher Form soll man schreiben, wie überwindet man Schreibblockaden? Maren Schönfeld möchte mit ihrem neuen Buch hierzu Hilfestellung leisten, aber nicht nur das. Sowohl für Anfänger als auch für erfahrene Autoren hat sie zahlreiche Tipps und Übungen zusammengetragen, die unmittelbar in die Kreativität führen und dazu einladen, rund um das Thema Schreiben Neues zu entdecken und auszuprobieren. Das erste von insgesamt drei Kapiteln beinhaltet 32 Übungen, die als Schreibimpulse mit teils spielerischem, teils reflektorischem Charakter helfen sollen, in den Schreibprozess zu kommen. Dazu gibt es Anregungen, wie man im hektischen Alltag regelmäßige, kleine Auszeiten zum Schreiben finden kann.
Das zweite Kapitel enthält umfangreiche Anleitungen zum autobiografischen Schreiben, während es im letzten Kapitel um das Thema Lyrik geht. Hier werden unterschiedliche Gedichtformen aus der klassischen Poesie vorgestellt, wie Tanka, Haiku, Sonett, Fünfzeiler, Elfchen und Rondell, dazu Scherz- und Nonsenspoesie, wie Limerick, Leberreim und Klapphornvers. Beispiele zur konkreten Poesie, sowie verschiedene Schreibspiele und Hinweise zu weiterführender Literatur runden das Buch ab.
Wie in allen Disziplinen helfen auch beim Schreiben handwerkliche Kenntnisse enorm, sich besser ausdrücken und weiterentwickeln zu können. Diesbezüglich hat das Buch einen großen Fundus zu bieten. Die fast zwanzigjährige Erfahrung der Autorin als Schreibcoach und Dozentin in der Erwachsenenbildung sind das große Plus des Buches. Die Tipps sind praxisnah und haben sich im Rahmen langjähriger Schreibkurse bei einer großen Teilnehmerzahl bewährt. Der einfühlsame und motivierende Schreibstil macht das Werk zum großen Lesevergnügen.
Fazit: Das Buch wird seinem Titel vollends gerecht und ist sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene Autoren ein äußerst nützlicher Begleiter, den man immer wieder zur Hand nehmen kann. Eine klare Kaufempfehlung!

 

Taschenbuch : 112 Seiten
ISBN-10 : 3947911432
ISBN-13 : 978-3947911431
Abmessungen : 11.5 x 0.9 x 18.4 cm
Herausgeber : Verlag Expeditionen

Ein Leben für die Kunst: Unser Mitglied László Kova wird achtzig

Laut Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler. Über diese Aussage kann man durchaus geteilter Meinung sein. Er selbst, das Enfant terrible der internationalen Kunstszene, war zeitlebens umstritten. Während manche ihn für ein Genie hielten, war er für andere ein Scharlatan, der mit seinen ausgefallenen Ideen die Welt beeindrucken und gleichzeitig abzocken wollte. Man denke nur an seinen berühmten Fettfilz, den eine übereifrige Putzfrau aus einer Gummiwanne mit einem Wisch entfernte, weil sie ihn für Schmutz hielt. Das betroffene Dortmunder Museum hatte innerhalb weniger Minuten ein epochales Kunstwerk im Werte von 800.000 Euro verloren. Ein Skandal, der die Presse im In- und Ausland über Wochen und Monate beschäftigte. Nicht wenige „Kunstbanausen“ amüsierten sich königlich über diesen Fauxpas, während manche der Frau im Arbeitskittel zu ihrer Courage gratulierten, diesen „Mist“ dahin entsorgt zu haben, wo er hingehört – in den Abfluss. Kunst kommt von Können, sagt der Volksmund, und wirkliches Können wollten viele dem Aktionskünstler und Provokateur nicht zubilligen.

Aber in medias res. Heute möchten wir einen Mann ehren, den wir als einen veritablen Künstler bezeichnen können und der mit seinem vielseitigen Werk

viele Kunstliebhaber anspricht. Ob großformatige Ölgemälde, filigrane Blütenträume in Acryl, mit leichter Hand hingeworfene Skizzen oder bronzene Skulpturen – László Kova ist in allen Sätteln der schönen Künste gerecht und versucht sich ständig an neuen Techniken. Doch nicht genug damit. Der Mann hat sich auch als Schriftsteller und Lyriker einen Namen gemacht. Das Herz sei für seine Poesie sehr wichtig, offenbarte Kova einem Journalisten des STERN während eines Interviews, denn – Originalton Kova – „wenn ich in schlaflosen Nächten vom Erlebten und Erfundenen überfallen werde, zwingt mich das unausweichlich zur Bewältigung, zur Verarbeitung, zum Schreiben. Da ergeht es mir ähnlich wie bei meinem Drang zur Malerei.“ Der 1940 in Budapest geborene Ungar erwies sich bereits in jungen Jahren als eine Art „enfant prodige“, das Gedichte und Geschichten schrieb und selbst illustrierte. Später studierte er auf Lehramt und promovierte zum Doktor der Volkswirtschaft. Sein Hauptanliegen aber war von jeher die Kunst, der er sich mit Leib und Seele verschrieb. 1974 kam László Kova als politischer Flüchtling nach Deutschland, wo er seine künstlerische Weiterbildung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Professor Günther Cordes pflegte. Als Journalist war Kova ebenfalls unterwegs. Er schrieb für verschiedene deutsche Zeitungen und betätigte sich nebenbei noch als Handballtrainer in der Bundesliga. Auch als Deutschlehrer war er erfolgreich. Dafür erhielt er von seiner internationalen Schülergemeinde einen vergoldeten Oscar mit der Inschrift „Dem besten Lehrer.“ Mehr geht nicht. Oder doch? Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der athletische Mann bis vor nicht allzu langer Zeit jährlich den Balaton (Plattensee) in ein einer sehr guten Zeit durchschwamm. Immerhin eine Stecke von 5,2 Kilometern. Und dies im Alter von fünfundsiebzig Jahren plus. Chapeau!

Es versteht sich von selbst, dass László Kova an seinem 80, Geburtstag am 14. November dieses Jahres eine Hommage gebührt. Diese findet in Form einer Ausstellung im Hotel New Living Home in Hamburg-Lokstedt statt. Hier wird eine kleine Auswahl von Kovas Bildern gezeigt. Mit von der Partie ist die Ehefrau des Künstlers Witka Kova, deren einzigartige Aquarelle hier ebenfalls präsent sind. Eine partnerschaftliche Gesamtschau vom Feinsten!

Werfen wir jetzt einen Blick auf die Werke des Künstlerehepaars Witka und László Kova, die leider dem Publikum wegen der Corona Pandemie zurzeit nicht zugänglich sind. Die Auswahl kann kontrastreicher kaum sein. Während László in erster Linie Motive aus nördlichen Regionen gewählt hat, kapriziert sich Witka mehr auf südliche Gefilde. Ihre in Venedig entstandenen Aquarelle machen den morbiden Charme der Serenissima fast körperlich erlebbar. Hier wird auch die dunkle Seite der Lagunenstadt beleuchtet mit ihren bröckelnden Fassaden, die sich in den dunklen Wassern der Kanäle spiegeln. Ausgeführt in jenem sensitiven Duktus, der dem Oeuvre Witka Kovas innewohnt. Auch die Szenen aus dem Hamburger Hafen mit ihren im Nebel liegenden Kränen und Docks tragen die unverkennbare Handschrift der Künstlerin, die sich immer wieder neu erfindet und gern mit verschiedenen Materialien experimentiert. Sie verarbeitet auch Seide und Seidenpapier in ihren Bildern. Traumhaft ist Witkas weiblicher Akt auf rotem Untergrund – gleichermaßen vom Eros und einer zerbrechlichen Unschuld beseelt. Witka wurde 1955 im polnischen Sensburg geboren und studierte als junge Frau Bauwesen. Diesem Studium verdankt sie ihr sicheres Gefühl für Proportionen und Perspektiven, die ihre Aquarelle unverwechselbar machen. Die Mutter zweier Kinder ist Mitglied der Aquarellwerkstatt Hamburg. Ihre Bilder wurden bereits in mehreren Kunstmagazinen veröffentlicht, darunter im Artmagazin Kunsthandel und im Lady-Tagebuchkalender des Münchener Heyneverlags. Zudem veranstalten sie und Ehemann László regelmäßig Mal- und Kunstkurse.

László Kova macht seinem Ruf „Werke voller Lebensfreude“ zu schaffen, alle Ehre. Die explodierenden Farben des Gemäldes „Rapsfeld am See“ lassen auf Anhieb gute Laune aufkommen. Man hat Lust, mitten durch das sonnengelbe Feld zu laufen und in die spiegelglatte Fläche des Sees einzutauchen. Von entspannter Lebensfreude zeugt das Selbstporträt auf einem Steg an der Außenalster, wo der Künstler sich zu einer Schaffenspause mit einem Buch niedergelassen hat. Auch der rote Felsen von Helgoland mit der Langen Anna sowie die Backsteinbauten in der Hafencity dürfen in Kovas vielschichtigem Werk nicht fehlen. Ein Kontrastprogramm zu diesen in kräftigen Farben gehaltenen Gemälden bilden die filigranen Blumen- und Blütenträume, die Kovas Meisterschaft für das Zarte und Vergängliche belegen. Lassen wir an dieser Stelle einen Experten zu Worte kommen: „Kovas Werke strahlen Entschlossenheit, Klarheit, Zuversicht und Optimismus aus. die von dem ungarischen Vollblutkünstler ausgeübte Maltechnik lässt deutlich eine empfindsame Besessenheit von Farbe und Form erkennen.“

Jeder, der die Jubiläumsausstellung besucht, verlässt mit einem Lächeln auf den Lippen das Foyer des Hotels. Und das ist doch schon etwas an diesen trüben Herbsttagen, die uns durch die vielen Einschränkungen unserer Freiheit nicht gerade versüßt werden. Ein Dankeschön geht an die beiden Künstler. An erster Stelle natürlich an den Jubilar, der heute 80 Jahre alt wird. Selbst wenn es etwas abgeschmackt klingen mag. so sagen wir doch nicht ohne Bewunderung: „Achtzig Jahre und kein bisschen müde.“ Herzlichen Glückwunsch, lieber László, bleibe gesund und erhalte Dir Deine schöpferische Kraft bis in das biblische Alter eines Methusalem.

In diesem Sinne…
Der Vorstand der Auswärtigen Presse
im Namen aller Mitglieder

 

Die Ausstellung im New Living Home, Julius-Vosseler-Straße 40 läuft noch bis Ende Dezember 2020. Eintritt frei.

Link zur Website der Künstler: http://www.edition-kova.de/

Ein Lyriker der besonderen Art

Das leichte, hintergründige Lächeln ist verglommen. Der rote Schal hängt am Garderobenhaken, die schwarze Baskenmütze baumelt darüber. Doch der Mann mit diesen äußerlichen Attributen ist gegangen.

Der Arzt und Autor, uns durch viele Auftritte bekannt, hat sich für immer verabschiedet – plötzlich, unerwartet. Wir trauern um Dr. med. Volker Maaßen, am 29. Mai 1943 in Breslau geboren, am 26. Oktober 2020 in Hamburg verstorben.

Dazwischen liegt ein reiches Leben als Arzt und Lyriker: Studium der Psychologie und Medizin in Kiel und Heidelberg. Tätigkeiten als Gynäkologe und Pathologe in Berlin, München und Hamburg. Siebzehnjahre Chefarzt der Frauenklinik in Hamburg-Harburg … Und schon bald startete er seine zweite Karriere, die als Autor launiger Geschichten und lyrisch-hintergründiger Gedichte:

„Wildgänse. Hans, die Wildgans/ war verliebt/ und kühlte/ seine Triebe/ mit Elfriede/ einem Schwan/ kurz bevor der Winter kam …“

Volker Maaßen gewann zahlreiche Gedichtwettbewerbe und wurde in mehreren Anthologien veröffentlicht. Darüber hinaus lässt sich sein besonderer Sarkasmus in seinen Bücher genießen. Und der Lyrikpapst Anton G. Leitner sagte einst. „Der Realpoet Volker Maaßen weiß mit den Mitteln der Satire ebenso sicher umzugehen wie mit den klassischen Elementen der Lyrik.“

Hören können wir Dich nun leider nicht mehr, lieber Volker. Gern wäre ich mit Dir noch einige Male in der Flussschifferkirche zu Hamburg mit Lesungen aufgetreten. Das ist vorbei. Schade!

Uns bleiben die schönen Erinnerungen und ein letzter, stiller Gruß Deiner Freundinnen und Freunde aus den literarischen Institutionen, in denen Du gewirkt hast: Die Gruppe 48 e. V. in Rösraht, die Hamburger Autorenvereinigung e.V., der Verband Schriftsteller in Schleswig-Holstein e.V.

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Wolf-Ulrich Cropp ist stv. Vorstandsvorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung e.V.

Foto: Maren Schönfeld

Depressionsschub in der Umkleidekabine

Ein schreckliches Erlebnis.  Aber so langsam erhole ich mich wieder von der grauenhaften Umkleidekabine. Foto: L. Hoffmann

Den meisten Frauen bringt es Spaß, ein neues Kleidungsstück zu kaufen. Es anzuprobieren würde auch Freude bereiten, wenn da nicht diese furchtbaren Umkleidekabinen wären.
Die Luxusvariante bietet reichlich Platz, einen Stuhl und mehr als nur einen Kleiderhaken. Im Allgemeinen sind die Kabinen aber sehr eng und für klaustrophobisch veranlagte Menschen der reinste Horror. Daran, dass der Vorhang fast immer zu kurz ist und deshalb auch andere Shopper die Umkleideaktion beobachten können, haben sich mittlerweile viele gewöhnt. Doch das eigentlich Schreckliche ist das Licht
Kaum hat man sich dort entkleidet, wo es nötig ist, erscheint im Spiegel eine fast unbekannte Person. Das grelle Neonlicht bringt nicht nur bläulich schimmernde Äderchen an Stellen hervor, von denen sich keiner vorstellen kann, dass dort welche verlaufen, sondern lässt die Kundin auch blass und fahl erscheinen. Fühlte man sich eben noch leicht und beschwingt, befällt einen nun eine akute Herbstdepression. Zudem scheinen einige Boutiquen und Kaufhäuser ihre Spiegel auf dem Jahrmarkt – Stichwort Glasirrgarten – erworben zu haben. Die Beine zu dünn, die Arme gewölbt und das Becken eigenartig verschoben – wenn Körper dermaßen verzerrt werden, kann auch die modernste Klamotte nicht vorteilhaft wirken.

Aus dem Lautsprecher dröhnt dazu ein Oldie von Ireen Sheer: „Heut kauf ich mir ein Sommerkleid und tu mir nicht mehr selber leid.“ Ein Kleid würde ich mir auch gern kaufen. Doch wo finde ich die optimale Umkleidekabine mit angenehmer Beleuchtung und freundlichem Spiegel, die das Anprobieren endlich zu einem wahren Erlebnis werden lässt?

                     Diese Glosse ist im Hamburger Abendblatt erschienen

Kultur und Psyche

Buchcover

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020

Buchvorstellung

Der englischsprachige Band umfasst gedankliche Aufbereitungen sowohl zur neueren amerikanischen Literaturgeschichte als auch zu kulturellen und klinischen Phänomenen, die der informierten Öffentlichkeit wohlbekannt sind. Deren Zusammenhänge werden Schritt für Schritt erschlossen. Beginnend mit Werken von Maria Cummins und William Faulkner, über J.D. Salinger und John Updike, hin zu John Barth und Don DeLillo, zeigt sich eine Entwicklung, die zuläuft auf die postmoderne Konfiguration der westlichen Welt zur Jahrtausendwende. Deren klinische Aspekte werden augenfällig in Bereichen von Beziehung und Sexualität oder finden im bulimischen Syndrom postmoderner Unverdaulichkeit ihren Ausdruck.

Subjektivitätsbildung in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen weist zum Epochenwechsel von Moderne zu Postmoderne, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt, hin auf eine Herauslösung des Ichs aus dem kulturellen Gefüge, „from a culture-based toward a psyche-based view of man“. Nur scheinbar gegenläufig verbleibt das auf einen Sockel gestellte Ich umso mehr unter dem Einfluss von Ökonomie und Verlust von Repräsentation, was zu neuen Formen existentiellen Unbehagens führt. Paradigmatisch wird diese Konstellation in DonDeLillos Roman White Noise, in dem die Referenzsysteme menschlichen Gelingens nahezu zusammenbrechen.

Weitere Themenbereiche des Bandes umfassen die Psychosomatik von Haut und Hormonen, des Beschneidungszeitpunkts im männlichen Entwicklungsverlauf, der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen kindlichen Entwicklung sowie der gesellschaftlichen Strukturen; dies  jeweils in Verbindung mit Aspekten von Ritual, Gedächtnis und Zeit. Der Band versteht sich als Hintergrundfolie zur Kulturhistorie von Körper, Psyche und Gesellschaft im  jüdisch-christlich-muslimischen Kulturraum, auf der zukünftige Konzeptionen entworfen werden können. Ein Anhang mit Auszügen aus Interviews in der spanisch- und deutschsprachigen yellow press zu Schwangerschaft, Geburt und kindlicher Entwicklung ergänzt den Band.

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020, 308 S., 53,90 Euro