Die Stadt, die niemals schläft – Hanna Malzahn stellt in Cuxhaven aus

von Jutta de Vries

„Downtown“
Foto: Hanna Malzahn

Am 7. Juli wurde um 11 Uhr die Ausstellung „Die Stadt, die niemals schläft“ mit Gemälden von der Hamburger Künstlerin Hanna Malzahn im Schloss Ritzebüttel in Cuxhaven eröffnet. Hier folgt ein Gastbeitrag der Kulturpädagogin Jutta de Vries zur Einführung in die Ausstellung. Sie hat diese Einführungsrede am 7. Juli vor Ort gehalten. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. August zu sehen.

Musik: Frank Sinatra, New York, New York

Weil alle lebenden jungen Musiker im Cuxhavener Umkreis schon ihre Sommerferien genießen, ist ein berühmter Sänger für uns heute morgen eingesprungen, wenn auch leider nur digital: Frank Sinatra mit „New York New York“, „the city that doesn’t sleep“ Ich möchte erwachen in der Stadt, die niemals schläft, und wenn ich es da schaffen kann, dann schaff ich es auch überall“ — Haben Sie den drive, die Unrast, die Gier nach Leben in der Anonymität, aber auch die Bewunderung für ein solches steinernes Riesengebilde „Weltstadt“ in der Musik gespürt?

Die Malerin, Illustratorin, Buchkünstlerin und Fotografin Hanna Malzahn aus Hamburg ist genau so fasziniert von der Stadt, die niemals schläft. Nach dem Studium Mode und Textildesign und der Pädagogik war sie als Lehrerin an Berufsschulen und am Landesinstitut für Lehrerbildung tätig. Seit ihrer Ateliergründung 2009 hat sie an vielen Orten ausgestellt. Sie ist Mitglied in den Künstlervereinigungen GEDOK und BBK, außerdem Kuratorin am Berenberg-Gossler Haus in Hamburg.

Gerade erscheint ihr erster Bildband zusammen mit Lyrik der Hamburger Literatin Maren Schönfeld. Ein Probeexemplar ist auch hier einzusehen.

Sinatras „Stadt, die niemals schläft“ geht mit der neuen Ausstellung von Hanna Malzahn eine Symbiose ein. Das titelgebende Werk hat Sie schon auf der Einladungskarte und gleich als erstes hier beim Eintritt in den Galeriesaal begrüßt. Die Künstlerin zeigt anstelle von New York ihre Stadt Hamburg, die niemals schläft, zumindest nicht auf St. Pauli, Nachtschwarz und doch glühend überlagern sich die vielen schnellen und flüchtigen Eindrücke des Vergnügens, einer ambivalenten Scheinwelt – heisst „dollhouse“ nun Puppenhaus oder verrücktes Haus? Ist die Freiheit wirklich groß? Und wo sind die Menschenmassen, die sich stets durch das Viertel wälzen? Viele Fragen, die wir uns als Betrachter*innen stellen werden.

Eine Stadt, die niemals schläft…
Schloss Ritzebüttel
Foto: Maren Schönfeld

Gleich nebenan befinden sich ja die Gedächtnisräume für den berühmtesten Herrn auf Ritzebüttel einst im 17. Jh., Amtmann Barthold Heinrich Brockes, der sah alles ganz anders. In seiner Dichtung kam die Stadt nicht vor. Wenn sich der Herr Senator, der Pflichtjahre im damals zu Hamburg gehörenden Elbe-Bollwerk Ritzebüttel ableistete, nach der damals schon riesigen Stadt Hamburg sehnte, dann nur nach seinem geliebten Garten vor dem Steintor. Gottes Schöpfung hier auf Erden in der Natur zu feiern, war ihm als Dichter das Höchste: „weil bey den Farben und Figuren so wunderschöner Kreaturen zugleich des Schöpfers Gegenwart unleugbar wird ihm vorgestellt“, so heißt es in einem Gartengedicht aus der Sammlung „Irdisches vergnügen in Gott“.

Während Brockes zu seiner Zeit der beginnenden Aufklärung ein Universum der Fülle in der Natur aufzeigt, macht Hanna Malzahn ein Universum sichtbar, das genau da ansetzt, nämlich im menschlichen Fortschrittsglauben und Erfindergeist, der mit dem barocken Gottesbild nicht mehr viel gemein hat. Es türmen sich die Fragmente der Stadtansichten, berühmte oder austauschbare, die in allen Großstädten der Welt zu finden sind; die wir zu kennen meinen, aber wir können keine so richtig finden, denn es handelt sich inhaltlich um Projektionen der Wirklichkeit auf Wunschtäume oder Horrorvisionen. Da verwandelt sich die Welt in Luftschlösser, in Wolkenkuckucksheime; es sind Fragmente einer universellen Urbanität, die um uns herum tanzen, aus dem Lot geraten, sich spiegeln oder in Nebelschwaden versinken.

Die Bodenhaftung scheint verloren, der Taumel in eine weite Vernetzung von Erinnerungswelten nimmt seinen Lauf, wie es in der Werkgruppe „Fragmente der Welt“ gut ablesbar ist. Da findet sich das St.Pauli-Theater auf dem Eiffelturm, der Topkapi Palast an den Wassern der Elbe, Shanghai und New York sind auch nicht weit, in den Hafensilhouetten erscheinen die Bibliothek von Ephesus und auch die Elphi, alles tanzt zusammen, über- mit- oder gegeneinander, so dass es scheint, als ob der Mensch hier gar keinen Platz mehr hat. er ist auch in der Tat nirgends sichtbar, nur seine Spuren, Spuren der Genialität, Spuren der Erfindungsgabe,

Spuren der Maßlosigkeit, des immer größer, höher, weiter….

Freude am Spiel, an der Farbe, an der Form bilden in Hanna Malzahns Arbeiten die Menschheit und ihr Tun und Lassen als Metapher unausgesprochen hinter den Fassaden ab. Der Bau von Behausung ist als Schutz und individueller Rückzugsraum des Menschen eine frühe Kulturleistung, die heute in immer anonymeren Megastädten ohne Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse kumuliert.
Denn abseits der offensichtlich humorvollen, vielfach heiter wirkenden Darstellungsweisen in Hanna Malzahns Werken werfen sich Fragen auf: Wie hat sich die Welt – nicht erst seit Barthold Heinrich Brockes – gewandelt, wie steht es mit der Landflucht, warum wird so sozial unverträglich in den Städten gebaut, wer zieht die Finanz-Fäden, wo sollen Kinder spielen, sind Einkaufstempel aus Glas und Stahl vorrangig, wie gehen Ballungszentren mit der Anonymität, den Einsamkeiten des einzelnen um, wie ballt sich Kriminalität, wer bezahlt die immer höheren Mieten, wo gibt es öffentliches Grün, wie verloren fühlen sich Neuankömmlinge? Kurz gesagt: wo findet sich der Mensch geachtet als Individuum oder als soziales Wesen?

Es gibt aber auch viele positive Aspekte von Stadt, die nich ungenannt bleiben sollen: Die Angebote von Lebensvielfalt sind groß, Wahlmöglichkeiten jeder Art sind gegeben, Interaktion, Information, Bildung, Kultur, Arbeit – die Liste ließe sich weit ergänzen.

Hanna Malzahn
Foto: Maren Schönfeld

Und alles findet sich unausgesprochen in den Arbeiten von Hanna Malzahn. Wir sehen farbsatte Leinwände unterschiedlicher Formate, auch als Triptychon und Diptychon zusammengestellt, um die epischen Möglichkeiten zu intensivieren. Hannas vielfältige Darstellungsmittel reichen von grafischen Zeichen über Papier-und Materialcollage, Monotypie, Prägedruck und Hochdruck auf Seide bis zu den feinsten Farblasuren in Acryl und Öl, die Fotografie nicht zu vergessen. Alles läßt sich auf den Leinwänden zu geschlossenen Kompositionen verbinden, unverwechselbar stilbildend.
Die Künstlerin setzt ihrer surrealen Ideen gern mit den Mitteln der Collage und deren verwandten Techniken sehr subtil und mit neuen Mitteln um. Picasso und Braque, die Collage-Erfinder, und auch Hannah Höch, die Collage-Meisterin zu Beginn des 20.Jh.,hatten davon noch keine Ahnung. Mit ihrer brillanten Weiterentwicklung der Collagetechnik könnte Hanna Malzahn durchaus Hannah Höchs Enkelschülerin sein.

Giorgio Morandi, großer italienischer Maler, meint zum Thema Erfindung: „Nichts oder nur sehr wenig ist neu in dieser Welt, wichtig ist die verschiedenartige und neue Position, in der ein Künstler die Dinge der so genannten Natur und die Werke, die ihm voraus gegangen sind und ihn beschäftigt haben, auffasst oder sieht.“

Im aktuellen Werk von Hanna Malzahn wird das globale Architekturthema in ständigen Variationen weiterentwickelt. Dabei ist formal der konstruktivistische Bauhausgedanke als geometrisches Strukturpotenzial immer vorhanden, in  manchen Werken wird er zum Thema, (Bauhaustryptichon, Downtown). Auch der Kubismus ist niemals weit, das zeigt sich explizit in den gläsernen Brüchen Hamburger EinkaufsGalerien (Fenster I+II). Auf den Grundformen bauen sich dann Liniengefüge, Farbflächen und orthogonale Baukörper in schwereloser Gliederung auf, die oftmals über den Bildrand hinaus ins Weite wachsen. Sie fluten mit ihren rhythmischen vertikalen Höhenschwingungen schwebend ins eigentlich Unfaßbare. Tiefenschärfe und Bewegungsstruktur werden durch repetitive Schichtungen und reliefartige Collage-Einschübe erzielt, die das Licht auf besondere Weise brechen, alles lebt, virulente Farben mischen sich ein. Es dominieren Türkis und verwandte Blauklänge, die mit den komplementären Rot-Violetts spielen. Schwarztrübungen leuchten und werden in den neuesten Werken zum Thema.
Paul Klees Farbklavier wird von Hanna virtuos bespielt.

Die atmosphärisch heitere Palette der leuchtenden Zwischentöne findet sich auch in den neuesten Arbeiten. die speziell für Ritzebüttel entstanden sind. Hier sind kostbare Türen und Fenster der Welt vereint in einem großen Triptychon, wenn das keine Symbolkraft hat! Warum nur sind sie, in ihrer ganzen Schönheit und Farbprächtigkeit, geschlossen?

Im Werk daneben zeigen die Türen in Hamburgs durchaus problematischen Szeneviertel, Am kleinen Schäferkamp, das Kontrastprogramm, aber eine ähnliche Geschlossenheit. Verstärkt wird die Abgrenzung nach außen hin noch durch authentische Botschaften: „Parken verboten“ „Hunde nicht erlaubt“ „Kein Zutritt“. Womöglich aber zeigen die Türen ihren Betrachter*innen ja besonders ihre künstlerische Schönheit, ihre revolutionären Botschaften, was nur in geschlossenem Zustand geht? Denn eigentlich wollen wir Menschen doch nur eins nach einer langen Wanderung durch die Welt unseres Lebens: offene Türen, Fenster, offene Arme, nach Hause kommen.
Home, home, home! schreit dann auch das graffitto gleich nebenan.

Auch die Stadt, die niemals schläft, ist Heimat, hinter jeder Tür, jedem Fenster, wächst eine ganz individuelle Geschichte.

Triptychon Kleiner Schäferkamp
Foto: Hanna Malzahn

 

 

 

 

Hanna Malzahn
„Die Stadt, die niemals schläft“
7.7. bis 25.8.2019, Schloss Ritzebüttel Schlossgarten 8, 27472 Cuxhaven
www.cuxhaven.de/schloss-ritzebuettel
Tel. 04721-721 812

…. außerhalb des Möglichen    

Zur Ausstellung von Andrea Cziesso im Bürgerhaus Niendorf

Adam und Eva

Kommt man in den Saal des Berenberg-Gossler-Hauses und wirft einen ersten Blick auf die großformatigen Bilder, ist er erste Gedanke: Klar, kenne ich – Turmbau zu Babel von Bruegel. Dann der zweite Blick: Nee, Moment, da stimmt doch was nicht! Der dritte: Oh, das ist ja raffiniert, wie hat sie das denn gemacht?! Der Turm ist eine Collage aus verschiedenen Hausfassaden.
Schon ist man mittendrin in Andrea Cziessos Welt, in diesem Fall in der Serie „Alte Meister-Nachbauten“. Dazu gehören z.B. der „Turmbau zu Babel“ von Pieter Bruegel, „Das Abendmahl“ von Leonardo da Vinci und „Das Frühstück im Grünen“ von Édourd Manet. Aber diese Bilder verschieben die Realität, sie haben verfremdete Inhalte und eine gewisse Vieldeutigkeit – sie sind in die heutige Zeit verlegt worden – mit einem Augenzwickern und mit einem gesellschaftskritischen Aspekt. So gibt es bei dem Werk „Adam und Eva“ nach Peter Paul Rubens keinen Apfel, sondern einen Coffee to go und einen Hamburger, und die Verführung findet nicht im Paradies, sondern auf einer Müllkippe statt. Antike Motive werden in die Gegenwart transportiert und erhalten so eine die Zeiten überspannende Wirkung.

Geisterhafte Wesen im verlassenen Haus

In der Serie Fotomontagen vom Olffschen Haus werden die Räume von tanzenden, schwebenden geisterhaften Wesen bevölkert. Dieses alte Haus ist seit 30 Jahren verlassen, wurde aber nie ausgeräumt. Es wirkt so, als wären die Bewohner nur mal kurz weggegangen. Andrea Cziesso hatte die Möglichkeit, zweimal im Haus zu fotografieren, und hat Lebendigkeit in die morbiden Stillleben gebracht. Ihre tanzenden und schwebenden Figuren und eine Explosion geben dem toten Ort Dynamik.

Kleine Kostbarkeiten aus vergangenen Zeiten bilden das Material für die Stillleben im Karton. Aus ihrem im Jahre 1900 erbauten Elternhaus, das vier Generationen ihrer Familie beherbergte, hat sie Gegenstände zusammengetragen und in Szene gesetzt. Zu den Stillleben hat Andrea Cziesso ein Buch mit dem Titel „Eine Hausgeschichte“ veröffentlicht.

Mystik und morbide Ästhetik

Engel

Obergeschoss des Berenberg-Gossler-Hauses finden sich zwei weitere Serien der Künstlerin. Ihre altmeisterlichen Halbportraits haben eine morbide Ästhetik. „In meiner Serie „status humanum“ möchte ich innere körperliche und seelische Zustände sichtbar machen, sozusagen das Innere nach außen kehren. Ganz plastisch können das Organe und Blutgefäße sein, aber auch die Verbildlichung geistiger Zustände wie sich kopflos fühlen, verwirrt oder besinnlich sein, oder ihre Wut herausschreiend“, erklärt Andrea Cziesso.
Die Serie Mixed Media ist eine Mischung aus Malerei und Fototechnik, die mystisch und märchenhaft anmutet. Es sind sehr poetische Arbeiten, Neuinszenierungen, die wiederum einen eigenen Kosmos darstellen.
Eindrucksvoll zeigen die im Haus sehr stimmig angeordneten Werke die große Bandbreite des Könnens der Künstlerin.

Von der Malerei zur digitalen Bildbearbeitung

Hanna Malzahn (li.) und Andrea Cziesso

Zur Vernissage am 11. Januar 19 stellte die Kuratorin des Berenberg-Gossler-Hauses, Hanna Malzahn, die Künstlerin vor und erläuterte einiges zu ihren Werken. Andrea Cziesso ist an der Elbe aufgewachsen und wohnt im schönsten Bauernhaus mit Fachwerk, Reetdach, mit Gemüsegarten und Hühnerstall. Ihre Mutter war Damenschneiderin, ihr Urgroßvater und ihre Großmutter waren Herrenschneider mit eigener Werkstatt. Das erkläre, so Hanna Malzahn, sicher die Affinität zu Kleidung, Verkleidung, Kostümen und zum Handwerk. Andrea Cziesso studierte Kostümdesign an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Als Kostümbildnerin verbrachte sie viele Jahre an verschiedenen Theatern, u.a. zwei Jahre im Stadttheater Bamberg. Wieder im Norden, arbeitete Andrea Cziesso Anfang der 90ziger Jahre, immer noch beheimatet in der Malerei, in Druckereien und bekam so die Entwicklung der Computertechnik in der Druckvorstufe von Anfang an mit. Sie ist sozusagen von klein auf in die Digitalisierung hereingewachsen. Mit Photoshop 1.0 machte sie erste digitale Bildversuche und erkannte das Potenzial dieser Technik für die Umsetzung ihrer fantastischen, skurrilen und manchmal auch morbiden Bildideen. Ab 2003 wendete sie sich der Fotografie zu, nach anfänglichen Portraitaufnahmen entwickelte sie sehr schnell opulente Kostüminszenierungen, sie verkleidete Freunde und Verwandte undbaute sie in phantasievolle Kulissen und sonderbare Welten ein.
Visuelle Inspirationen fand und findet sie im Theater, durch Märchen, schräge Geschichten und bei den „Alten Meistern“.

Einfühlsame Musik zur Vernissage

Hanna Malzahn und Wolfgang CG Schönfeld

Auch der Komponist und Musiker Wolfgang CG Schönfeld verbindet und komponiert Altes und Neues miteinander, es finden Einflüsse klassischer wie moderner Strömungen auf der Grundlage spätklassischer und programmatischer Musik der Romantik zusammen. So passten seine instrumentalen Musikstücke zur Vernissage sehr gut zu den Bildern.

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Februar 19 zu sehen.

www.buergerhaus-niendorf.de
Berenberg-Gossler-Haus, Niendorfer Kirchenweg 17, 22459 Hamburg, Tel. 589 766 43
http://andreacziesso.de/

Wolfgang CG Schönfelds CD „Shadows“