Genderhinweis? Unbedingt!

Eine Glosse von Johanna Renate Wöhlke

Es ist nicht immer leicht, in der eigenen Sprache zu schreiben. Das ist besonders dann nicht der Fall, wenn sich Moden entwickeln, die man nicht als Moden bezeichnen darf, weil sie von ihrem qualitativen Anspruch her zweifellos nicht unrichtig und langlebig zu nennen sind. Ich meine die Gendergerechtigkeit in der Sprache: der Richter, die Richterin; der Bundeskanzler, die Bundeskanzlerin; der Diplom-Kaufmann, die Diplom-Kauffrau – das IN für die weibliche Form ist im Emanzipatorischen gut zu begründen. Die Diskussion darüber füllt inzwischen Band um Band, Bände um Bände – und kein Ende! „Genderhinweis? Unbedingt!“ weiterlesen

Gertie ist so frei

Diese Glosse erschien bereits in der WELT und im Hamburger Abendblatt

Eine Glosse von Uta Buhr

Kurz vor dem Jahreswechsel hat unsere Freundin Gertie sich aus dem Berufsleben zurückgezogen. Auf diese Formulierung legt sie ganz großen Wert. „In Rente gehen. Wie sich das anhört“, sagt sie indigniert. „Für mich ist das gleichbedeutend mit ‚zum alten Eisen’ gehören.’ Und sehe ich etwa so aus?“ Das tut sie ganz gewiss nicht. Groß und schlank ist sie, elegant gekleidet, die graumelierten Haare stets tadellos frisiert. „Gertie ist so frei“ weiterlesen

„Wrapped Tank“ ein Christo-Plagiat oder westliche Militärhilfe für die Ukraine ?

Eine Glosse von Immo H. Wernicke

„Wrapped Tank“, ein verhüllter sowjetischer T 34 am „Unwrapped Reichstag“ im Herbst  in Berlin
„Wrapped Tank“, ein verhüllter sowjetischer T 34 am „Unwrapped Reichstag“ im Herbst in Berlin

Am 9. November feierten am Brandenburger Tor Liedermacher Udo Lindenberg, Wolfgang Biermann und die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel mit einigen 100.000 Zuschauern vor Ort den „Fall der Mauer“. Vor 25 Jahren war die Mauer an diesem Novembertag 1989 zwar durchlässig gemacht, aber nicht, wie von US-Präsident Ronald Reagan gefordert, eingerissen worden.
Vor rund 20 Jahren, im Sommer 1995, begeisterten Christo und Jeanne-Claude die Welt mit ihrem Kunstprojekt „Wrapped Reichstag“, das mit einer glitzernden Spezialfolie verhüllten Reichstagsgebäude. Tausende von Berlinbesuchern bestaunten und fotografierten „„Wrapped Tank“ ein Christo-Plagiat oder westliche Militärhilfe für die Ukraine ?“ weiterlesen

Falsches Vorurteil

Eine Glosse von Uta Buhr

Die Nachmittagsvorstellungen in unseren Theatern erfreuen sich bei Senioren großer Beliebtheit. Und dies besonders in der dunklen Jahreszeit.
„Ich finde das ganz toll“, freut sich Tante Irma. „Da kommt man immer noch im Hellen nach Hause.“ Weniger begeistert war sie allerdings, als vor Kurzem eine ganze Schulklasse den Rang stürmte. Und das fünf Minuten nach Beginn der Vorstellung. Die jungen Leute knisterten mit Bonbonpapier und kommentierten manche Stellen der Handlung ziemlich lautstark. „So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben“, tadelte Irma. „Damals verhielt man sich ruhig und diszipliniert an seinem Platz. Die Jugend von heute hat gar keine Manieren.“ „Falsches Vorurteil“ weiterlesen

Das Schwein ist auf der Autobahn

eine Glosse von Johanna Renate Wöhlke
erschienen im Hamburger Abendblatt
„Das Schwein ist noch auf der Autobahn!“ Gerd sagt das mit einem lachenden Gesicht in die Runde. Das Schwein auf der Autobahn? Er meint doch nicht etwa irgendeinen Menschen, den er nun gar nicht mag und dem er diesen „Ehrentitel“ angedeihen lässt? Nein, Gerd meint ein richtiges Schwein, ein gebratenes, Teile davon.
Hier sitzen nämlich viele Gäste und warten darauf, dass die Sommerkälte dieses Nachmittags durch innere Wärme vertrieben wird – angespornt durch heiße Getränke und stärkendes, heiß dampfendes Essen. Es ist nämlich Richtfest. Ein neues Haus wächst seiner Bestimmung entgegen.

„Das Schwein ist auf der Autobahn“ weiterlesen

Böses Erwachen

Eine Glosse von Lilo Hoffmann

Was war das nur für ein Oktober. Reichlich Sonnenschein und öfter mal Temperaturen über 20 Grad. Ist das nun die Klimaerwärmung oder hatte Petrus einfach nur gute Laune?
In einer Zeit, in der wir in anderen Jahren schon vor Kälte bibberten, Autos vom Schnee befreiten und die alljährlich wiederkehrende Schlagzeile „Blitzeis – Tausende kamen zu spät zur Arbeit“ die Runde machte, sonnten wir uns in Parks und an der Elbe, starteten leicht bekleidet zur Radtour, bevölkerten Eiscafés und Biergärten und liefen mit hochgekrempelten Ärmeln – die Jacke über den Arm tragend – durch die Gegend.
Da war so mancher Sommer kühler und nasser als dieser Herbst. Und dann die wunderbaren ersten Novembertage, an denen die Temperaturen noch einmal in die Höhe schnellten.
Allmählich ist es etwas frischer geworden. Doch ich träume davon, dass der ganz große Kälteeinbruch auf sich warten lässt. Ich weiß, das böse Erwachen kommt bestimmt.
Irgendwann empfangen mich Sturm und Hagel, wenn ich morgens vor die Tür trete. Mein Auto springt nicht an, weil die Nacht so frostig war und auf der Titelseite der Zeitung steht: „Blitzeis – Tausende kamen zu spät zur Arbeit.“

Tierliebe verbindet

Erschienen im Hamburger Abendblatt

Von Lilo Hoffmann

Für Singles, die unbedingt einen passenden Partner kennen lernen möchten, habe ich einen ganz heißen Tipp. Vergessen Sie Diskotheken, Kneipen, Fitness-Center oder die Hotelbar. Schnappen Sie sich Ihr Haustier (notfalls könnten Sie eins ausleihen) und verbringen Sie einfach mal einen Nachmittag im Wartezimmer eines Tierarztes.
Hier kommt man wunderbar unkompliziert ins Gespräch. Die gemeinsame Tierliebe verbindet auf den ersten Blick. Fragen wie „was haben Sie denn da unter Ihrer Decke?“ oder „wie heißt Ihre Kobra?“ kommen einem ganz leicht über die Lippen und sind durchaus erwünscht. So unterhielt ich „Tierliebe verbindet“ weiterlesen

Schade, dass ihr nicht hier seid!

Erschienen im Hamburger Abendblatt

Von Lilo Hoffmann

Früher verreiste ich oft mit Freunden. Den gemeinsamen Bekannten, die zu Hause blieben, schickten wir Ansichtskarten. Die meisten erhielten ganz normale Urlaubsgrüße. Bei einigen jedoch – es waren die, die uns damals ein wenig auf die Nerven gingen – schrieben wir in jugendlichem Übermut noch hinzu, dass sie uns sehr fehlen würden. Manchmal wurde diese Bemerkung auch in „Wirklich schade, dass du nicht hier sein kannst“ abgewandelt. Beim Schreiben dieser Karten amüsierten wir uns köstlich – waren wir in Wirklichkeit doch froh, dass diese Menschen uns nicht begleitet hatten. „Schade, dass ihr nicht hier seid!“ weiterlesen

Kulinarischer Trost im Stau

Erschienen im Hamburger Abendblatt

Von Lilo Hoffmann

Wenn ich von Harburg aus auf die andere Seite der Elbe fahre, benutze ich wie so viele die Auffahrt Moorburg, um auf die A7 zu gelangen.

Wer Pech hat – das wissen alle Autofahrer – steht dann vor dem Elbtunnel eine Weile im Stau. Bisher waren diese Staus zumindest für mich einigermaßen erträglich, denn die begehrten Röhren sind von Moorweg nicht allzu weit entfernt.

Doch vor kurzem erwischte es mich voll, denn diesmal kam ich aus Richtung Lüneburg. Zum ersten Mal musste ich erleben, was es bedeutet zwanzig Kilometer vor dem Elbtunnel in stockenden Verkehr zu geraten. In einer halben Stunde konnte ich etwa zwei Kilometer zurücklegen. Ein „Kulinarischer Trost im Stau“ weiterlesen

Die Eieruhr

Von Johanna Renate Wöhlke

Die Eieruhr
Die Eieruhr

Was ist die Bestimmung einer Eieruhr? Die Frage könnte auch lauten: Was ist der Lebenszweck einer Eieruhr – allerdings setzte das voraus, dass die Eieruhr etwas Lebendiges an sich hat, was im medizinischen Sinne nicht gegeben ist. Aber sie ist doch so lebendig! Wenn der Sand in ihr von oben nach unten fließt und die Körnchen, nein die Körnlein, so rutschen und gleiten, fallen und schweben, dann hat es zumindest den Anschein von Lebendigkeit.

Ich sehe, wie mit den Körnern die Zeit fließt. Sie fließt und fällt und stürzt dahin. Dieser lebendige Eindruck ist bei einer Uhr nicht gegeben, so empfinde ich. Sicher, der Zeiger der Uhr dreht sich und auch bei „Die Eieruhr“ weiterlesen