Gemeinschaftsausstellung „Abstrakt trifft Figur“ unseres Mitgliedes Dr. László Kova

Von Dr. László Kova:

Eröffnungsrede zur Ausstellung

„Abstrakt trifft Figur“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste!

Das Motto des Abends: „Wo die Worte aufhören, fängt die Kunst an.“

László Kova_Im Garten Eden

Vielen Dank im Namen von allen  Ausstellerinnen  und Ausstellern für Ihr bzw. euer zahlreiches Erscheinen. Ein Dankeschön für das Interesse an unseren Bildern, die sich aus Aktzeichnungen und Porträts in unterschiedlichen Techniken, Farbradierungen in ChineCollé-Technik auf feinem Japanpapier sowie abstrakt gemalten Gemälden besteht.

Zunächst bedanke ich mich bei Frau Anja von Hofen, unserer Gruppenleiterin, bei unserer lieben Anja,  für das Vertrauen, dass ich auch 2011 die Eröffnungsrede sagen darf. Und zwar mit Migrationhintergrund. So versäume ich keinesfalls aus verständlichen Gründen aus dem Schatten meines Ausländerseins Thilo Sarrazin, den Autor „Deutschland schafft sich ab“, von hier aus recht herzlich zu grüßen.

Am letzten Freitagabend hatte ich mit Hingabe eben an diesem Text gearbeitet, als mein Nachbar mich zum Biertrinken einlud. Ich lehnte die sündhafte Versuchung strickt ab. Er sagte, mach es nicht so ernst, nimm den Text des Vorjahres, die Ausstellungsbesucher hatten ihn schon längst vergessen.

Was meinen Sie? Hören sie den alten Text wieder gern an? (Publikum: Nein!!!)

Nein?! Es ist gut, dass Sie es so meinen.  Dennoch mache ich es. –

Ach, doch nicht!

Anne-Katrin Piepenbrink_Der Schlafende

Übrigens kann man einem Zufall verdanken, dass ich die Eröffnungsrede hier halte. Ich könnte an diesem Abend in Frankfurt auf einer riesigen internationalen Ausstellung die Laudatio sprechen. Ich wählte dann dennoch Sie, liebes Publikum hier in Hamburg, da ich dort für meinen Auftritt läppische 5.000 Euro hätte zahlen müssen, was ich augenblicklich nicht auf meinem Konto habe.

Da es hier u.a. um den menschlichen Akt handelt, muss ein Sonntagspredigt aus irgendeiner Dorfkirche herbeigerufen werden. „Ihr schaut immer nur auf das Äußere, auf das hübsche Gesicht und das hübsche Kleidchen“,  wettert der neue Kaplan gegen die Leichtfertigkeit der jungen Männer. „Nein! Ich aber sage euch: Ihr solltet das sehen, was darunter ist!“ Und eben das können Sie, liebes Publikum, hier bei uns kostenlos genießen.

Was meine Person betrifft, muss ich ein Geheimnis lüften. Eines Tages legte ich einige Aktzeichnungen bei einem berühmten Galeristen vor. Nach einer langen Bildbetrachtung kratze er an seinem Kopf und sagte: Er könne sich gut vorstellen, dass ich ein Wunderkind gewesen sei. Warum? – fragte ich ihn mit harmlosen Gesicht. Er setzte fort: „Sie konnten mit 6 Jahren schon sicherlich so gut zeichnen, wie Sie es heute mit 70 tun.“ Na ja! Das Talent setzt sich eher oder später durch. Nicht wahr?

Heike Prange_Akt II

Aber zur Sache! Und zwar, es gibt nichts Faszinierendes als die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Modell. Das könnten Sie am besten im Buch „Der Künstler und sein Modell“ von dem amerikanischen Journalisten mit ungarischer Abstammung, Hans Habe, nachlesen. Und er hat gewiss recht.

Körper und Geist bilden eine untrennbare Einheit. Während des Zeichnens oder des Malens versucht der Kunstschaffende dem Modell ein Denkmal zu setzen. Dieses Denkmal ist eine ästhetische Hymne, und zwar nicht nur über den Körper, sondern auch über die Seele des Modells. Der Körper ist ein intimer Bereich unseres Wesens. Das Modell stellt diese innige Intimität uns, den Zeichnern, zur Verfügung, um im künstlerischen Schaffensprozess behilflich zu sein. Und das hat einen unschätzbaren Wert.

Das Modell teilt durch seine hilfsbereite Handlung mit,  Ecce Homo,  im Sinne „Seht, welch ein Mensch“, bzw. ´Schau, so ist der Mensch´. Demzufolge ist das Aktzeichnen  ein vorzügliches Mittel, uns mit der wahren Körperlichkeit, Wandlungsfähigkeit und Vergänglichkeit des Menschen auseinander zu setzen. Im Zauber des Aktzeichnens verbirgt der ewige Versuch, und zwar das Aufhalten der Vergänglichkeit. Aber man weiß, dass es leider nicht möglich ist. Das hat Hermann Hesse in seinem Gedicht „Welkes Blatt“ so ausgedruckt: „Ewiges ist nicht auf Erden, als der Wandel, als die Flucht.“

An dieser Stelle fällt mir der Spruch ein: „Es gibt viel Wunderbares auf der Welt, aber nichts ist wunderbarer als der Mensch.“ Der Mensch, der die voneinander weit liegenden Kontinente entdeckte, der in der  Tiefe der Ozeane und in der Höhe der Atmosphäre forscht, der Mensch, der schon auf dem Mond landete, der in den geheimnisvollen Galaxien mit seinen unbemannten Raumschiffen vordringt.

Wegen der vor kurzem entdeckten Täuschungsversuche in der Dissertation unseres Verteidigungsministers a.D., Karl-Theodor zu Guttenberg, mit vollständigen Namen Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, teile ich mit, dass ich den Satz  „Es gibt viel Wunderbares auf der Welt, aber nichts ist wunderbarer als der Mensch“ in Zitatzeichen aufgeführt und mit Fußnoten versehen habe.

John Bassiner_Akt

Dass der Mensch, besonders die Frau wunderbar ist, kann der Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi (74) mit den Bunga-Bunga-Mädchen auf geschmacklose Art(!) beweisen. Ebenso lächerlich macht sich der österreichische Baulöwe und Sponsor Richard Lugner, genannt „Mörtel“ Lugner, auf den jährlichen ´Wiener Opernbällen´ mit seinen gemieteten ´sekend-hand-girls´. Von solchen „Modellen“ distanzieren wir uns weitgehend.

Die schönsten Akte in der bildenden Kunst zeichnete, malte und als Bildhauer modellierte  der weltberühmte Michelangelo Buonarroti (1475-1564). Er lehrte das folgende: „Wer nun einen Fuß, eine Hand oder ein Genick zu zeichnen versteht, wird in der Lage sein, alle anderen Dinge, die auf dieser Welt existieren, zu malen.“  In diesem Sinne trainieren wir uns von Woche zu Woche.  Im Name von allen Mitzeichnenden spreche ich an dieser Stelle ein Dankeschön für unsere Modelle aus, die trotz Muskelkrämpfe die Positionen minutenlang halten,  damit wir unsere Werke fertig stellen können. Durch diese gemeinsame Bemühungen entstand diese Ausstellung mit ausgewählten Skizzen, Zeichnungen, die meistens zwischen 3 bis 10 Minuten angefertigt wurden.

Vera Schöttler_Farbkomposition I

Unser Ziel ist das schnelle Erfassen des Wesentlichen und dabei die maximale Qualität zu gewähren. Die Zeichnungen müssen das Dynamische, das Schwungvolle, das Spritzige, das Spontane darstellen. Das Zeichnen erfolgt mit Kohle, Kreide, Stiften, Farbstiften, Rohrfedern oder Schreibpinseln. Flächen werden mit Aquarell oder Acryl erzeugt. Die von den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern verwendeten Techniken verraten unsere Ausstellungsobjekte auf den ersten Blick. Wenn Sie diesbezüglich dennoch Fragen hätten, stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

Die präsentierten Arbeiten möchten die Einheit von Körper und Seele darstellen, sprechen über Emotionen, Erotik, Gefühle und Träume. So bleibt es uns, den Zeichnenden, die Auseinandersetzung mit dem Akt eine unerschöpfliche Quelle der künstlerischen Inspiration.

Und zuletzt vielleicht eine moralische Frage: Bei so einer Ausstellung mit Aktbildern fragt man sich, ob sie nicht zu erotisch oder anstößig sind? Sollte der Künstler mit errötetem Gesicht vor eigenen Kunstwerken stehen? Oder sich in einer Burka verstecken? – Als man Picasso an seinem Lebensabend einmal nach dem Untersied zwischen Kunst und Erotik fragte, antwortete der berühmte Meister  nachdenklich: „Aber – es gibt keinen Unterschied.“

Solange ein Porträt- oder Aktzeichner einem Modell gegenüber sitzt, ist ein Abstraktmaler in Zeit und Raum einsam. Er lässt während des Malprozesses die entstehenden Farben und Formen aus dem Unbewussten heraufsteigen. Die Begegnung mit den Farben,  mit der Glaube an verborgenen Kräften, mit der Sehnsucht und Hinwendung zu einer geistigen Wirklichkeit, mit dem Versuch, um diese Kräfte und Energien sichtbar zu machen, sind zauberhafte Impulse, welche die Art und Weise der abstrakten Malerei bestimmen. Der schöpferische Akt wird zum eigentlichen Kunstwerk, in dem mehrere Variante des Farbauftrages entstehen. In den spontanen und  kreativen Arbeitsweise werden die Farbtöne und die gebildeten Oberflächen ständig aufs Neue gewählt, verändert und vermischt. Keine einmal getroffene Entscheidung ist bindend, ständig wird erschaffen und zerstört, bis eine spannungsgeladene Gesamtwirkung des Werkes zustande kommt. Und wann das Endzustand, das ´jetz-ist-es-fertig´  erreicht wurde, weißt nur der Künstler selber.

 

László Kova_Mädchen im Wind

Während der Sitzungen beim Zeichnen und Malen führen wir untereinander Konversation über Kunst und  Politik, sowie über aktuelle Ereignisse  des Weltgeschehens. Oder einfach über ´det on dat´. Um ein Beispiel zu nennen: Einmal warf einer ein, dass er zum Orthopäden gehen musste, da ihn ständig Rücken- und Gelenkschmerzen von der Anstrengung beim Zeichnen quält. „Und, was sagte der Arzt?“, fragten wir ihn. „Er teilte mit, dass ich mit der Kunst aufhören muss.“ „Hat er dich überhaupt gründlich untersucht?“, prasselten die Fragen von allen Seiten. „Überhaupt nicht! Er hat bloß meine Bilder gesehen.“

 

 

 

 

Jetzt möchte ich Ihnen die Protagonisten des Abends  vorstellen: Zunächst unsere liebe Leiterin Frau Anja von Hofen; unseren Gast, der großformatige abstrakte Gemälde zeigt, der unsere Ausstellung auf „internationale Ebene“ erhob und zwar aus dem Bundesland Bremen Frau Vera Schöttle; unsere in unterschiedlichen Techniken und mutig in Farben arbeitende Frau Anne-Katrin Piepenbrink;  unsere nicht nur gekonnt zeichnende, sondern auch phantastisch Geige spielende Frau Heike Prange; unseren bravourösen Zeichner Herrn John Bassiner; und den mit Pinseln zeichnenden und Farbradierungen präsentierenden Herrn László Kova.

Meine Damen und Herren! Liebe Gäste! Die gezeigten Werke sind so wertvoll und farblich so gestaltet,  dass es zu jedem Bild ein roter Punkt passen könnte.  Greifen Sie zu. Sie dürfen sich keinesfalls schämen, wenn ein Bild Ihr Herz ergriffen hat. Sie dürfen bei Ihren heimlichen Absichten keine Hemmungen haben, wenn Sie auf ein Bild gierig geworden sind. Nehmen Sie das ausgewählte Bild einfach nach Hause mit.  Ja, nehmen Sie es mit! Natürlich, nach der Bezahlung!!! Auch der Künstler wird sich darüber freuen.

Bitte nicht vergessen: „Wo die Worte aufhören, fängt die Kunst an.“

Die Ausstellung ist damit eröffnet.

Die Ausstellung ist vom 01.04. bis 15.05.2011 vom Mo. bis Fr. von 10:00 bis 17:00 Uhr

in der Rudolf-Steiner-Schule, Bleickenallee 1, 22763 Hamburg-Altona zu besichtigen.