„Don’t misunderstand me“ von Patrick Cargill – die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

„Wie wäre es mit einer schönen Tasse Tee!“ Foto: Stefan Kock

Wiedersehen macht Freude. Wer erinnert sich nicht an diese Komödie aus der Feder des vielseitigen Stückeschreibers, Schauspielers und Sängers Patrick Cargill (1918 bis 1996), das bereits vor Jahren das Publikum des English Theatre begeisterte. Zur Eröffnung der Frühjahrssaison 2022 erscheint „Don’t misunderstand me“ im neuen Gewand auf der Bühne an der Mundsburg. Ein echtes Schmankerl für Freunde des unverwüstlichen britischen Humors.
Obgleich das Stück bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben und zeitgleich in namhaften Theatern im angelsächsischen Raum aufgeführt wurde, hat es an Aktualität nichts eingebüßt. „Don’t misunderstand me“ ist eine Art Sitcom, jedoch keineswegs vergleichbar mit jener tristen Massenware mit eingespielten Lachern, die uns fast täglich im Fernsehen geboten wird. Patrick Cargills Komödie um einen britischen Gentleman in den besten Jahren, der während eines geschäftlichen Aufenthaltes in New York den Reizen einer blutjungen Sirene erliegt, glänzt durch Witz und Esprit.

Ein britischer Gentleman auf Abwegen
„Überraschung, Überraschung, ich komme gerade aus New York.“ Foto: Stefan Kock

Im elegant möblierten Wohnzimmer von Charles und Margery Fleminge in der Grafschaft Surrey herrscht allem Anschein nach Frieden und Eintracht. Oder? Sprechen wir lieber von gepflegter Langeweile, wie sie sich häufig bei Ehepaaren einstellt, die schon lange miteinander verheiratet sind und sich außer Banalitäten nichts mehr zu sagen haben. Die Gespräche plätschern dahin. Man spricht über die gemeinsamen Kinder, die sich gerade im Schüleraustausch in Frankreich befinden, und lästert süffisant über Abigail, die „Geschiedene“ von Charles‘ Bruder Robert. Der wird heute Nachmittag im Hause Fleminge erwartet. Gespannt sind beide auf Jane, Roberts frisch angetraute zweite Frau. Doch Robert erscheint allein und berichtet, Jane sei verhindert und stoße später dazu. Und damit beginnt sich das Rad der Verwechslungen in dieser Komödie der Missverständnisse in atemberaubendem Tempo zu drehen. Charles vertraut seinem Bruder an, er habe in New York eine zauberhafte junge Dame kennengelernt. Natürlich eine rein platonische Beziehung. Robert glaubt das nicht. Das Publikum ebenso wenig. Verhaltenes Gelächter. Aber er sei schlau genug gewesen, der hübschen Jaynie mit den tollen Beinen weder Adresse noch Telefonnummer zu hinterlassen, berichtet Charles stolz. Doch seine verführerische Eroberung steht unverhofft blond, süß und naiv im Türrahmen und plappert in ihrem American drawl munter drauf los.

„Schatz, ich habe Dich so vermisst.“ Foto: Stefan Kock

Was tun, damit Ehefrau Margery ihrem Charles nicht auf die Schliche kommt? Der gutmütige Robert lässt sich überreden, Jaynie als seine neue Ehefrau Jane auszugeben. Ein Freundschaftsdienst, den er alsbald bitter bereuen wird. Denn es kommt, wie es kommen muss. Aus heiterem Himmel schneit die echte Jane ins Haus. Dass beide Damen denselben Namen tragen, macht die Sache nicht eben leichter. Aus dieser total verfahrenen Gemengelage ergeben sich urkomische Situationen, die Sie, lieber Leser, liebe Leserin, unvoreingenommen auf ihrem Sitz im Theater genießen sollen. Daher nur soviel: Während vier Akteure wie aufgescheuchte Hühner agieren, steht Margery, die sturm- und wettererprobte Ehefrau, wie ein Fels in der Brandung. Auch sie hütet ein süßes Geheimnis. Eine romantische Beziehung, die sie allerdings diskret unter dem Deckel zu halten weiß. Fazit: Frauen können viel souveräner mit derlei Situationen umgehen als Männer. Sind sie deshalb verlogener als die Herren der Schöpfung? Mitnichten. Lediglich raffinierter.

Ende gut – alles gut

Selbstredend löst sich der gordische Knoten zum Schluss ganz von selbst auf. Die auf wundersame Weise geläuterten Paare versöhnen sich, und die Welt ist wieder in Ordnung. Wie es sich eben für eine Komödie der Irrungen und Wirrungen gehört.

Wunderbare Mimen
„Hallo, mein Lieber, ich melde mich später noch einmal.“ Foto: Stefan Kock

Dem Ensemble des English Theatre gelang es, mit dem spritzigen Stück ein Feuerwerk bester Laune zu zünden. Die Spielfreude der fünf Schauspieler übertrug sich auf das Publikum, das ob der zahlreichen Gags und Slapsticks aus dem Lachen nicht mehr heraus kam. Der Begriff „Ensemble“ trifft zu, weil vier der Darsteller schon zur Familie gehören. Sie kommen immer wieder gern nach Hamburg und haben sich inzwischen eine Fangemeinde erspielt. Das gilt nicht nur für den eleganten James Walmsley als Charles Fleminge, dem die Figur des Gentleman auf den Leib geschrieben ist. Die souveräne Jan Hirst (Margery), die uns als gestrenge Nonne in „Doubt“ noch in bester Erinnerung ist, hat ebenfalls die Herzen der Besucher des ETH erobert. Und auch Stephen Chance, dieser wandlungsfähige Mime, der nahtlos vom dramatischen ins komische Fach überzuwechseln versteht, ist uns seit langem bekannt. Man denke nur an seine Rolle des unter Verdacht geratenen Priesters in „Doubt.“ Auch Holly Smith kennen wir aus verschiedenen Rollen. Die ebenso wütende wie tränenreiche Jane spielt sie allerdings zum ersten Mal. Und dies grandios. Die „Novizin“ in der Runde ist Ola Forman, die den Part der schrill-naiven Jaynie übernommen hat. Ihr gebührt das Prädikat „Bildhübsch und umwerfend komisch.“

„Don’t misunderstand me“ läuft bis einschließlich 18. Juni 2022.
Tickets unter: 040 – 227 70 89
oder online unter: www.englishtheatre.de

Das English Theatre geht anschließend in die verdienten Theaterferien.
Zu Beginn der neuen Saison wartet ein ganz besonderer Leckerbissen:
Die Theateradaption von Charles Dickens‘ „Great Expectations.“
Premiere am 1. September 2022.

Machtlosigkeit der internationalen Gemeinschaft gegen Putins russischen Neo-Imperialismus?

Demonstranten am Tag der Invasion vor dem Brandenburger Tor in Berlin / Foto: privat

„Zeitenwende“ als politische Reaktion auf Putins Invasion in die Ukraine
Die neue Bundesregierung hat auf die völkerrechtswidrige Invasion der Russischen Föderation in die Ukraine mit einer ungewöhnlich scharf gehaltenen Regierungserklärung reagiert.  Die mit „Zeitenwende“ begründete Erklärung zur Verhängung schwerwiegender Wirtschaftssanktionen, zur Schaffung der Energieunabhängigkeit von Erdgas- und Erdöllieferungen aus der Russischen Föderation (RF) und zur Erhöhung der Rüstungsausgaben durch Bildung eines 100 Mrd. € Fonds fanden sogar die Zustimmung der Opposition. Nach den Raketenangriffen auf die Ukraine prüft die Bundesregierung die Errichtung eines deutschen Raketenabwehrschirms nach dem Modell Israels.

Groß-Demonstrationen auch in Berlin gegen Putins Invasion  

Fast zeitgleich zur denkwürdigen Bundestagssitzung demonstrierten Hundertausende in Berlin zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern, am Rande des sowjetischen Ehrenmals und in der Nähe der Botschaft der RF, gegen Putins militärische Invasion und forderten den umgehenden Rückzug der russischen Truppen aus der Ukraine. Bereits am Invasionstag fanden sich spontan Demonstranten am Brandenburger Tor.

Der Einmarsch der russischen Verbände hat mittlerweile zu einer millionenfachen Fluchtbewegung der ukrainischen Bevölkerung nach Mitteleuropa geführt, die auch in der Bundesrepublik Schutz sucht und findet, so in Hamburg, München und in Berlin. Solidarität und Hilfsbereitschaft der West-Europäer zu den Ost-Europäern sind bemerkenswert.

Putins russischer Neo-Imperialismus eine „Zeitenrückwende“

Der Westen hat der „Zeitenrückwende“ in der russischen Politik unter Putin nach den Reformern Jelzin und Gorbatschow zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl ukrainische Gebiete bereits seit 2014 besetzt gehalten werden und trotz der Warnungen Polens und Litauens. Diese außenpolitischen Fehler räumt jetzt auch Bundespräsident Steinmeier ein.

Auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007 hatte Putin den von Gorbatschow eingeleiteten Zerfall der Sowjetunion kritisiert und eine Revision angedeutet. Mit Rücksichtnahme auf die RF verhinderten Bundeskanzlerin Merkel und der Präsident Frankreichs  auf dem NATO-Gipfel 2008 in Bukarest eine weitere Osterweiterung. Damit wurde die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens blockiert, während die weniger schutzbedürftigen Länder Albanien und Kroatien aufgenommen wurden. In einem aktuellen Bild-TV-Interview kritisiert der ehemalige russische Ministerpräsident unter Putin, Kassjanow, diese Rücksichtnahme als „Einladung“ für Putins Aggressionspolitik.

Demonstranten am Tag der Invasion vor dem Brandenburger Tor in Berlin / Foto: privat

„Der Spiegel“ erläutert in einer Sonderausgabe Monate vor (!) der Invasion den Machtanspruch Putins, der mit seinem Neo-Imperialismus seinen kommunistischen Vorgängern Lenin und Stalin sowie den früheren Zaren im Bunde mit der russisch-orthodoxen Kirche nachzueifern scheint, nicht aber den Reformern Gorbatschow und Jelzin. Das belegt das rücksichtslose Vorgehen der russischen Armee gegen die Ukraine unter Inkaufnahme von zivilen Opfern und mit der Zerstörung ziviler Infrastruktur, einschließlich Schulen und Krankenhäusern.

Putins scheint seine geopolitische „Zeitenrückwende“ an den 1945 in Jalta auf der Krim von Stalin, Roosevelt und Churchill festgelegten russisch-sowjetischen Einflusszonen gegenüber dem Westen zu orientieren. Die „rote Linie“ des späteren kalten Krieges bildete die Oder. Die baltischen Staaten, die Ukraine und der Kaukasus wurden der russisch-sowjetischen Einflusszone zugeordnet. Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat zu dieser Thematik umfassende Zusammenstellungen publiziert.

„Zahnlose“ Vereinte Nationen trotz völkerrechtswidriger russischer Invasion   

Nach der Charta der „United Nations“ (UN)  ist nicht nur der Angriff auf die Zivilbevölkerung und auf zivile Einrichtungen sondern auch die Invasion in die Ukraine völkerrechtswidrig. Putin missachtet die international anerkannte und zwischen der RF und der Ukraine 1991 vereinbarte Souveränität der Ukraine.

So fordert Artikel 1 der UN-Charta „to maintain international peace and security“ and „to take effective collective measures for the … removal of threats to the peace”.  Der für die Verhängung von Sanktionen gegen die völkerrechtswidrige Invasion in die Ukraine angerufene Sicherheitsrat der UN und die UN-Vollversammlung, haben mit großer Mehrheit die Invasion Putins verurteilt. Der Internationale Gerichtshof der UN hat angeordnet, dass die RF ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine sofort einstellt. Die UN überprüft auch, ob beiderseits Kriegsverbrechen begangen wurden.

Die gegen die russische Aggression möglichen militärischen Sanktionsmaßnahmen des UN-Sicherheitsrats  können jedoch gegen das Veto der RF nicht verhängt werden. Bemerkenswert ist, dass diese Vetoklausel des Artikels 3 der UN-Charta 1945 auf der Konferenz in Jalta auf der Krim auf Wunsch Stalins mit Roosevelt und Churchill vereinbart worden war. Hier wäre zu prüfen, ob das Veto-Recht der RF dann auszusetzen ist, wenn das Sicherheitsratsmitglied selbst den verbotenen Angriffskrieg führt.

Ein UN-Mandat wird derzeit durch das Veto der RF blockiert, sodass die von Präsident Selenskyj geforderte unmittelbare militärische Unterstützung der Ukraine ausgeschlossen ist. Eine  NATO-Intervention nach Art. 5 ist nach NATO-Generalsekretär Stoltenberg ebenfalls ausgeschlossen, da die Ukraine kein NATO-Mitglied ist. Das gilt auch für einen gegenseitigen militärischen Beistand nach Art. 42 EU-Vertrag, solange die Ukraine nicht Mitglied der EU ist.

Putin unterschätzt Unabhängigkeitswillen und Widerstandskraft der Ukrainer

Putin hat seine Invasion in die Ukraine nach Auffassung von BBC und CNN fehleingeschätzt. Die Ukrainer leisten unerwartet heftigen Widerstand. Die russischen Truppen werden von den meisten Ukrainern keineswegs als Befreier begrüßt, wie 2014 teilweise auf der Krim und in der östlichen Ukraine oder etwa gegen Ende des zweiten Weltkriegs.

Sowjetisches Ehrenmal am Rande der Demonstration nunmehr ohne Kränze / Foto: privat

Der Präsident der RF und sein militärischer und politischer Führungskreis haben die historische Tatsache ignoriert, dass die meisten Ukrainer unabhängig von russischer Bevormundung sein wollen, die unter Stalin zu großer Hungersnot geführt hatte. Trotz des militärischen Ungleichgewichts ist eine Kapitulation, wie sie Polit-Philosoph Richard D. Precht als rational empfiehlt, für die Mehrheit der Ukrainer keine vertretbare Lösung.

 

Historische Konflikte um die Souveränität der Ukraine

Putin bestreitet zuletzt auch in seiner Ansprache vor der Invasion die staatliche Souveränität der Ukraine. Die Auseinandersetzung zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine hat nach Ansicht von Historikern eine längere Tradition, die auf die Konflikte zwischen dem Großfürstentum Kiew und dem Großfürstentum Moskau zurückdatiert werden kann. Involviert in die umstrittene ukrainische Unabhängigkeit waren nicht nur Litauen, Polen und die Habsburger Monarchie sondern auch Deutschland in beiden Weltkriegen. Die Komplexität des Unabhängigkeitskampfes der Ukraine erläutern Zusammenstellungen des Deutschen Historischen Museums.

Historiker Jörn Leonhard erinnert in seinem Weltkriegsband „Die Büchse der Pandora“ daran, dass die Unabhängigkeit der Ukraine erstmals in einem separaten Friedensschluss im Februar 1918 mit den Mittelmächten anerkannt und militärisch gegen Russland durchgesetzt wurde zur Sicherung von Getreidelieferungen. Im folgenden Friedensvertrag von Brest-Litowsk bestätigte Lenin die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine und anderer Staaten, wie Finnland, Polen, Litauen und Georgien, von Russland. Nach der Annullierung dieser Verträge im Versailler Friedensvertrag und nach Abzug der Mittelmächte besetzte Putins Vorbild Lenin die Ukraine und gliederte sie als „autonome“ Sowjetrepublik in die von Russland dominierte UdSSR ein.

Das Dilemma der deutschen Sanktions- und Integrationspolitik

Die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Konflikts, der westlichen Sanktionen und der Flüchtlingsströme für die EU und die Bundesrepublik sind schwer einschätzbar. Über zu erwartende wirtschaftlichen Verschlechterungen durch den Krieg, durch Pandemie, Energiekrise und Inflation hat der Wirtschaftssachverständigenrat jetzt ein Sondergutachten erstellt. Durch die hohe Energieabhängigkeit von der RF steht die deutsche wie die europäische Sanktionspolitik vor einem Dilemma. Nach Ansicht von Wirtschaftsverbänden hätte es schwerwiegende Folgen für die Unternehmen, Arbeitnehmer und Haushalte, wenn Putin als Reaktion auf die westlichen Sanktionen die Ausfuhr von Erdgas und Erdöl nach Deutschland und in die EU ad hoc aussetzen würde. Entsprechend hätte ein Einfuhrstopp für die europäische Wirtschaft erhebliche Negativauswirkungen.

Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge am Hauptbahnhof in Berlin / Foto: privat

Auch in der Flüchtlingsaufnahme stehen Deutschland und die EU vor einem Dilemma. Die europäische Solidarität gegenüber den Flüchtlingen aus Osteuropa ist groß, aber trotz der seit 2014 bestehenden Ukrainekrise waren keinerlei Vorbereitungen für solch einen Notfall getroffen worden. Die neuerliche Flüchtlingsbewegung trifft die EU-Länder ebenso unvorbereitet wie zuvor die Corona-Pandemie. Bei der Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge sollte nicht übersehen werden, dass die Flüchtlinge aus der Ukraine keine Einwanderer sind und dass ihnen die Möglichkeit gegeben werden sollte, ihre ukrainische Sprache und ihre Kultur zu pflegen und in ihren gewohnten Bezugsgruppen weiterzuleben, was digital erleichtert wird.

Nach Ansicht der Zukunftsforscher Edward Glaeser und David Cutler (Survival of the City) fehlt es auch in Europa am vorausschauenden Ausbau von staatlichen Institutionen und der Schaffung von Reserven an Versorgungsgütern und an Schulungen in den Behörden, um auf derartige Notlagen schnell staatlich reagieren zu können.

Garantien für eine langfristige Friedenssicherung und Abrüstungsverhandlungen

Für Vereinbarungen zu einer langfristigen Friedenssicherung liegen die Interessen der RF und der Ukraine, auch historisch bedingt, sehr weit auseinander. Der Neutralitätsstatus von Schweden und Finnland könnte eine Option sein. Den Friedensverhandlungen sollten auch Abrüstungsverhandlungen der NATO mit der RF und China folgen. Bedenklich ist aber, dass sich Putin bisher nicht an die zwischen der RF und der Ukraine vereinbarten und international anerkannten Grenzen der Ukraine und die Charta der UN hält.

 

Von Menschen und Masken

Birgit Meyer, Dr. László Kova, Winfried Wöhlke, Alex Heinrich (hi. R. v. li. n. r.); Birgit Romann-Pontow, Witka Kova, Uta Buhr, Maren Schönfeld, Günther Falbe (v. R. v. li. n. r.) Foto: Tamara Jarchow

Maskerade! Welch Zauberwort in jungen Jahren. Von meiner Mutter existiert ein Foto, auf dem sie als Torero posiert. Da sie als Zwanzigjährige wunderbar geschnittenes dunkles Haar und eine sehr biegsame Figur besaß, wirkte sie in ihrem Glitzeranzug wie ein echter spanischer Stierkämpfer. Sie erzählte gern von diesem Maskenball, dessen spannendster Augenblick die Demaskierung um Punkt Mitternacht war. Ein ganz großer Spaß. „Ach du bist es, Paulchen,“ hieß es dann oder „Lotti, ich war mir nicht sicher, ob du es bist.“ Und alle freuten sich, andere an der Nase herumgeführt zu haben.

In meiner Jugend gab es so etwas nicht mehr. Da ging man auf ein Kostüm- oder Kappenfest. Letzteres fand ich ziemlich öde. Besonders Onkel Willi sah mit seinem schief aufgesetzten Zylinder einfach lächerlich aus. Toll waren hingegen die Kostümfeste, auf die wir Kinder fantasievoll verkleidet gingen. Am liebsten verkörperte ich Minnehaha, die wir Kinder für die Schwester des edlen Indianerhäuptlings Winnetou hielten. Meinen rötlich-blonden Schopf zierte eine bunte Feder, die ich einem von Tante Ellas Hähnen heimlich ausgerupft hatte. Die bunte Kriegsbemalung meines Gesichts wirkte wie eine Maske. Meine kindliche Leidenschaft für Verkleidungen und Maskeraden verlor sich eigentlich nie. Sie besteht bis heute. Daher meine Vorliebe für „Schnutenpullis“, wie man in Schleswig-Holstein sagt. Aber davon später.
„Don Giovanni“ von Mozart ist neben dem Strauß’schen „Rosenkavalier“ meine Lieblingsoper. Die Szene, in der der Wüstling und Verführer Giovanni von mehreren maskierten Personen umstellt wird, denen er übel mitgespielt hat, ist eine der eindrucksvollsten in diesem dramma giocoso. Giovanni reagiert mit Spott und Herablassung auf die Verschwörer und ahnt nicht, was ihm blühen wird, wenn diese die Masken fallen lassen. Auf den reichen Protz Ochs von Lerchenau aus dem „Rosenkavalier“ wartet zwar nicht der Sensenmann. Aber er macht sich so lächerlich, dass er einen gesellschaftlichen Tod stirbt. Mit allen Konsequenzen. Eitel wie er ist, fällt er auf das Mimikry des jungen Octavio herein, der seine geliebte Sophie vor dem Lüstling bewahren will.

Masken in der Weltliteratur

Es gibt viele Beispiele in der Weltliteratur, die zeigen, wie Menschen mit Verkleidungen und Masken ihre Umgebung täuschen, um ihre mehr oder minder edlen Ziele zu erreichen. Schlag‘ nach bei Shakespeare. Nicht selten verbirgt sich hinter der Maske auch ein Verbrecher, der sein Incognito nutzt, um im Verborgenen einen Widersacher zu meucheln. Quelle: Guiseppe Verdis „Ein Maskenball.“
Aber in medias res. Seit nunmehr über zwei Jahren besuchen wir täglich einen wenig amüsanten Maskenball, der zu unser aller Leidwesen nicht nach der Demaskierung um Mitternacht endet. Solange nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht genug medizinische Masken vorhanden waren, wurde von offizieller Seite verkündet, sie böten gar keinen Schutz gegen das Virus. Kurz darauf erfolgte dann eine Empfehlung zum Tragen einer Maske. Emsige Hände machten sich daran, in Heimarbeit Stoffmasken herzustellen. Eine Zeitlang reichten selbst Tücher jeglicher Couleur und Muster. Hauptsache war, dass sie Mund und Nase bedeckten.

Vom Maskenball zum Maskenkult

Inzwischen erleben wir einen veritablen Maskenkult. Man trägt sie je nach Gusto in allen Farben des Regenbogens. Manche wollen selbst im Auto oder unter freiem Himmel auf dem Fahrrad nicht von ihnen lassen. Offenbar haben viele sich mittlerweile an dieses Accessoire gewöhnt, als wäre es eine zweite Haut. Mir geht es auch so. Ohne besagten „Schnutenpulli“ fühle ich mich fast nackt. Dennoch schätze ich es nicht, wenn mir ein selbsternannter Blockwart oder – bitte gendern – eine Blockwärtin mit vor Empörung zitternder Stimme befiehlt: „Setzen Sie mal Ihre Maske ordentlich auf“, wenn diese einmal um ein paar Millimeter verrutscht ist. Auf der anderen Seite muss ich natürlich dankbar dafür sein, dass manch ein Kümmerer oder eine Kümmerin sich soviel Gedanken über die Hygiene im öffentlichen Raum macht. In U- und S-Bahn wird sogar zweisprachig auf die Einhaltung der Maskenpflicht hingewiesen. Fast martialisch beendet die Frauenstimme aus dem Off ihre Anweisungen mit einem kernigen „Ssänk ju werri matschsch.“
Der weise, leider viel zu früh verblichene Loriot hätte das Maskenphänomen wohl mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: „Ein Leben ohne Maske ist möglich. Aber sinnlos.“

Positive Nebeneffekte von Masken

Ich gebe zu, dass ich zuerst ein wenig mit der Maske gehadert habe. Das ist vorbei, seitdem die schicke, einem Melitta-Kaffeefilter nachempfunden Maske von höchster Stelle zur idealen Gesichtsbedeckung erkoren wurde. Das Teil erweist sich gerade bei älteren Semestern als segensreich, weil es unattraktive Mundfalten verdeckt. Als Ausgleich kann frau in der oberen Region rund um die Augen mit Mascara und fünflagigen falschen Wimpern in die Vollen gehen. Toll! Als ich mich gerade mit beidem eingedeckt hatte, hörte ich zu meinem Frust, dass die Maskenpflicht demnächst fallen soll. Da machen diese Spielverderber in der Regierung mir doch glatt einen Strich durch die Rechnung. Also echt – auf die da „oben“ ist wirklich kein Verlass!
PS: Beim Durchlesen meines Textes fällt mir auf, dass ich mich als Kind der „kulturellen Aneignung“ schuldig gemacht habe, als ich in die Rolle der „Indianerin“ Minnehaha schlüpfte. Bei dem Gedanken daran werde ich feuerrot vor Scham. Ich schwöre an dieser Stelle, dass mir ein solcher Fauxpas nie wieder unterlaufen wird. Heiliges Indianerehrenwort!

80 Jahre und kein bisschen leise

Foto: Jan-Rasmus Lippels

Sängerin Janice Harrington, Urgestein des Gospel, Blues und Jazz sowie Finalistin der TV-Show „The Voice Senior“ von SAT 1, feiert ihren runden Geburtstag mit neuer CD und Jubiläumskonzerten.

In Las Vegas stand sie mit Sammy Davis Jr. auf der Bühne, spielte im Vorprogramm von Joan Armatrading und B.B. King, trat mit Frank Sinatra Jr., Big Jay McNeely und Lionel Hampton auf. In Oslo sang sie für den kürzlich verstorbenen Bischof Desmond Tutu, als ihm dort gerade der Friedensnobelpreis verliehen worden war. Janice Harrington hat viel von der Welt gesehen und viel erlebt.

Janice Harrington mit Blues-Legende B.B. King.
Foto: Archiv Janice Harrington

Coronabedingt musste das geplante Geburtstagskonzert in der Lüneburger St. Nikolaikirche zwar ausfallen, doch das hält Janice Harrington nicht auf. Sie ist eine Naturgewalt. Wer sie live auf der Bühne sieht, kann kaum glauben, dass das Energiebündel mit der kraftvollen Stimme bereits ein so stolzes Alter erreicht hat, in dem sich die meisten Menschen längst auf ihr Altenteil zurückgezogen haben und das Leben in ruhigem Fahrwasser genießen. Ein beschauliches Rentnerdasein ist ihre Sache nicht, im Gegenteil. In fettgedruckten Lettern prangt auf ihrer Webseite ihr Lebensmotto: „Alter ist nur eine Zahl. Ich bin immer noch allzu bereit das Haus zu rocken!“

Mit 76 Jahren ins Finale von „The Voice Senior“ von SAT 1

In der Tat verspricht sie ihrem Publikum nicht zuviel. Im Alter von 76 konnte sie auch die Fernsehzuschauer in Deutschland sowie die Jury der SAT 1 – Show „The Voice Senior“ von ihrem Talent überzeugen. Als Kandidatin schaffte sie es als Schützling von Yvonne Catterfeld bis ins Finale. Ihre drei Auftritte erreichten auf YouTube bis heute über 2,2 Millionen Klicks.
Für „The Great Grandma Jan“, wie sie sich selbst nennt, sah der Start ins Leben zunächst jedoch alles andere als einfach aus. 1942 in Cleveland, USA geboren herrschte in Amerika noch die Rassentrennung. Erst 1964 wurde diese in öffentlichen Einrichtungen wie Hotels, Bussen oder Sanitäranlagen durch die Verabschiedung des amerikanischen Bürgerrechtsgesetzes „Civil Rights Act“ aufgehoben. Von der musikalischen Mutter, die in einem Gospelchor sang, erbte sie die Liebe zur Musik. Der Vater war bei der Armee und viel unterwegs. Als die junge Janice mit 14 Jahren schwanger wurde, drängte die Mutter sie zur Heirat und so schloss sie mit 15 Jahren in den USA den ersten Bund für’s Leben, der knapp vier Jahre dauern sollte und ihr zwei weitere Kinder brachte. Mit dem zweiten Mann bekam sie Zwillinge, aber erst mit Ehemann Nr. 4 fand sie in Deutschland die Liebe ihres Lebens.

Mit Sammy Davis Jr. in Las Vegas
Mit Sammy Davis Jr. in Las Vegas.
Foto: Archiv Janice Harrington

Doch zunächst baute sie sich als junge Frau in den USA schrittweise eine Karriere als professionelle Musikerin auf, während ihre Mutter als Babysitterin einsprang, wenn sie auf der Bühne stand. Das erste Engagement erfolgte bei den United Service Organizations (USO), einer gemeinnützigen Organisation, die US-amerikanische Streitkräfte und ihre Angehörigen unterstützt. Mit dem Showprogramm zur Unterhaltung der Soldaten, die sich im Ausland befanden, ging es nach Südostasien, Panama, Grönland, Neufundland, Island, Schottland und Irland. Es folgte ein dreijähriger Vertrag mit dem Flamingo-Hotel in Las Vegas, wo sie von 1975-1977 allabendlich mit ihrer Band auf der Bühne stand und dort auch auf besagte Showgrößen wie Sammy Davis Jr. traf.

Umzug nach Deutschland
Mit Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu. Foto: Archiv Janice Harrington

Nach Gastauftritten als Schauspielerin in einer amerikanischen TV-Serie, als Autorin und Produzentin verschiedener Musicals und einer Zwischenstation in Norwegen folgte der Sprung nach Deutschland, wo sie schließlich ihren heutigen Ehemann kennenlernte. Seit 33 Jahren ist sie inzwischen mit Werner Gürtler verheiratet, ebenfalls Musiker und zudem ausgebildeter Klavierbauer und –stimmer, dem man vor Konzerten die Flügel großer Namen wie Leonard Bernstein und Oscar Peterson anvertraute. Getroffen hatten sich die beiden Ende der 1980er Jahre in Norddeutschland als Janice im Rundfunk sang und dort auf ihren zukünftigen Mann traf, der sofort von ihr fasziniert war. Als Posaunist begleitet er seine Frau regelmäßig auf der Bühne, vor allem bei ihrer erfolgreichen Musikshow „What my eyes have seen“, die sich seit vielen Jahren als Dauerbrenner etabliert hat und ihr stets hochgelobte Kritiken einbringt. Auf musikalische Weise lässt Janice Harrington mit den jeweils passenden Songs ihr Leben Revue passieren, Diashow und Kostümwechsel inklusive.

Lady of the Gospel
Foto: Ute Bösch

Ihr Mann unterstützte sie auch tatkräftig, als sie in den 1990er Jahren den Gospel nach Deutschland holte. Nach dem ersten Gospel-Konzert in der St. Nikolaikirche in Lüneburg folgten die allerersten Gospel-Workshops in Deutschland. Die Menschen waren begeistert von den ungewohnten Klängen und die Gospelmusik verbreitete sich im ganzen Land, was ihr den Titel „Germany’s Lady of the Gospel“ einbrachte. Nach wie vor hält sie Workshops und Masterclasses ab und konzentriert sich seit 2000 auch auf die Arbeit mit jungen Menschen und Menschen mit Behinderungen. Sie will Vorbild und Inspiration sein, sowohl für die jungen als auch für die älteren Generationen.

Live auf der Bühne, begleitet von Ehemann Werner Gürtler (Posaune) und Gottfried Böttger („3nach9“) am Klavier. Foto: Archiv Janice Harrington

Zu ihren persönlichen Vorbildern gehören Frauen wie Tina Turner, Ma Rainey, die „Mutter des Blues“ und Iris Apfel. Die exzentrische US-Amerikanerin mit der markanten Riesenbrille gilt mit ihren einhundert Jahren und ihren schrill-bunten Outfits als Mode-Ikone und ältestes Model der Welt. Mit 97 unterschrieb sie einen Vertrag bei der renommierten Model-Agentur IMG, neben hochbezahlten Models wie Gigi Hadid und Kate Moss. Soviel kreative Geschäftigkeit im reifen Alter inspiriert auch Janice Harrington. In Kürze veröffentlicht sie ihre neue CD mit dem Titel „Janice Harrington. 80 Years Of International Friendship“.

Eine weitere CD, auf der sie von vielen befreundeten Gastmusikern begleitet wird, ist bereits in Arbeit und wird heißen: „Janice Harrington sings Dinah Washington“. Geplant ist für 2022 auch eine große Jubiläumstournee mit Konzerten im gesamten Jahresverlauf.
Immer an ihrer Seite wird natürlich Ehemann Werner Gürtler sein. Die Liebe und die Musik sind bekanntlich die besten Jungbrunnen.

Mehr Informationen zu Janice Harrington, der neuen CD und den aktuellen Konzertterminen unter:
www.janice-harrington.com

Janice Harrington bei „The Voice Senior“ von SAT 1:
Hound Dog (Big Mama Thornton):
https://www.youtube.com/watch?v=hq_IAlYBDKk

Honky Tonk Woman (Rolling Stones):
https://www.youtube.com/watch?v=OK0x6eO45WE

DIE DREI VON DER TANKSTELLE (1930) oder Erfolg, Erfolg – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt…

„Die Drei von der Tankstelle“ DE 1930
Oskar Karlweis, Willy Fritsch, Heinz Rühmann (v.l.n.r.)
Foto: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Franz Schulz zum 125. Geburtstag (22. März 1897 – 4. Mai 1971)
Nicht nur aus der Sicht des Stars Lilian Harvey soll der Ufa-Film DIE DREI VON DER TANKSTELLE ihr erster großer Erfolg werden. Die parodistische Filmoperette, die mehr Musical-Charakter hat als das, was sich heute oft so nennt, soll zum größten Kassenschlager der Spielzeit l930/3l überhaupt werden.

Wie meistens auch im Leben, so hat auch im Kino der Erfolg mehrere Väter. Allen voran: der Ufa-Produktionschef Erich Pommer, Leiter der größten Filmproduktionsgruppe. Er möchte den klischeehaften Operettenstil nicht mehr fortsetzen; ihm schwebt etwas Zeitnahes vor, etwas aus dem Alltag. Da kommt ihm das Filmexposé des Drehbuchautors Franz Schulz, dem „Meister der leichten Hand“, und dessen Co-Autor Paul Frank auf den Tisch. Pommer liest die paar Seiten und – er ist begeistert! Das ist genau sein Stoff: Drei junge Leute machen sich in der Wirtschaftskrise 1929 selbstständig. Franz Schulz und Paul Frank werden mit dem Drehbuch beauftragt. Dieses Drehbuch, das die beiden schreiben, ruft bei Lilian Harvey helle Begeisterung hervor: „Als Erich Pommer mir das Manuskript von den DREI VON DER TANKSTELLE in die Hand drückte, dachte ich nur neugierig: Was werden uns diese beiden Drehbuchautoren beschert haben? Ich kann Ihnen heute schon verraten (Deutsche Tageszeitung vom l4.9.l930) – es war das lustigste Drehbuch, das ich je gelesen habe…“ Lustig! – und das mitten im Wirtschaftskrisen-Alltag von l930 mit 4,4 Millionen Arbeitslosen. Doch genau das wollte Erich Pommer: die Menschen von ihrer Misere ablenken, ihnen wenigstens ein paar heitere Stunden gönnen. Der erfolgreiche Ufa-Regisseur Wilhelm Thiele erklärt zur Konzeption des Films: „Es galt, ganz neue Momente zu gewinnen… Mit der Einführung des tänzerischen Elements in die Tonfilmoperette haben wir versucht, das gesamte Geschehen des Films musikalisch-rhythmisch aufzulösen… Gesang, Musik, Bewegung stehen im Dienste der Gesamtkomposition.“

Lilian Harvey, Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann
Foto: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Dieser Ufa-Film hat seinen Ruhm nicht zuletzt seinen Darstellern zu verdanken: Dem „Traumpaar“ Lilian Harvey und Willy Fritsch sowie Oskar Karlweis und einem ungemein komödiantischen Heinz Rühmann, der hier als künftiger Star seinen Durchbruch schafft. Und der im übrigen – das wollen wir an dieser Stelle gleichfalls würdigen – an 7. März d.J. seinen 120. Geburtstag hatte. Mit der Unterzeichnung seines Ufa-Vertrages wurde Rühmann damals auch bei Lloyd’s in London versichert. Den Fragebogen muß er wohl als sehr komisch empfunden haben, denn zu der Frage: „Ist Ihnen ein Umstand bekannt, der Sie bei der Ausübung Ihrer Tätigkeit hindert?“ schreibt Rühmann kess: „Saufen.“ Offenbar kannte Lloyd’s diesen Ausdruck nicht und fragt zurück: „Was ist das, bitte, Saufen?“ Die Ufa empfahl Lloyd’s, dieses Wort ersatzlos zu streichen und vor allem möglichst schnell zu vergessen…Unvergessen hingegen blieb Heinz Rühmann als einer der DREI VON DER TANKSTELLE.

Und unvergessen auch Felix Bressart als skurriler Gerichtsvollzieher, aus Ostpreußen stammend, wo er in Eydtkuhnen am 2.3.1892 , also vor 130 Jahren, geboren wurde, um als Exilant in Hollywood mit seiner bedeutendsten Rolle als Politkommissar Buljanoff in Lubitschs NINOTSCHKA (1939) weltberühmt zu werden. Zu einer weiteren Erfolgssäule der „Tankstelle“ wird die unschlagbar mitreißende Musik des Komponisten Werner Richard Heymann zu den Texten von Robert Gilbert, Lieder, die dem Film den unverwechselbaren Ton geben und zu Evergreens werden wie „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt…“ W.R. Heymann, aus Königsberg /Ostpreußen  stammend (14.2.1896-30.5.1961), zählte zu den bedeutendsten Musikschöpfern der Weimarer Republik,  der Weltgeltung erlangte.

Premiere im luxuriösen Großkino an der Gedächtniskirche

Die Premiere der DREI VON DER TANKSTELLE am 15. September 1930 im Gloria-Palast, dem luxuriösen Großkino an der Gedächtniskirche in Berlin, ließ alle Beteiligten wohl den Siegeszug ihres Films erahnen. Nicht erahnen aber konnten oder wollten sie den Siegeszug eines Adolf Hitlers und seiner „belächelten Sekte“, der genau einen Tag zuvor begonnen hatte, nämlich am 14. September 1930, als Hitlers Partei bei der Wahl zum Reichstag 107 Sitze errang. Na, wenn schon! Aktuell war jetzt der Tonfilm, der den Stummfilm abgelöst hatte. Und Franz Schulz sollte nach seiner bereits erfolgreichen Stummfilmzeit als Komödienautor comme il faut jetzt zum gefragtesten Drehbuchautor der Tonfilmära werden. Bis 1933…

Franz Schulz aka Spencer
Foto: G.G. von Bülow, 1960

Ausgerechnet der unübertroffene Kassenschlager aber DIE DREI VON TANKSTELLE wird am l. Oktober 1937 von der Filmprüfstelle in Deutschland verboten. Vermutlich muss jemand bemerkt haben, wer da inzwischen längst emigriert war- seit 1933. Nicht nur der Produktionschef Erich Pommer, nicht nur der Regisseur Wilhelm Thiele, nicht nur der Komponist Werner Richard Heymann, auch sein Freund, sein guter Freund Franz Schulz war in Hollywood gelandet. Im Exil. Aus dem Franz Schulz Mitte der 1950er nach Europa zurückkehrte – als Franz Spencer (zitiert nach G.G. von Bülow: „Franz Schulz. Ein Autor zwischen Prag und Hollywood“. Eine Biographie, Prag 1997).

Veranstaltungen anlässlich Franz Schulz‘ Geburtstag:

1) CineGraph, 22.März 22: mit DIE DREI VON DER TANKSTELLE
www.cinegraph.dewww.cinefest.de

2) F.W. Murnau-Stiftung, 23. März 22 BOMBEN AUF MONTE CARLO; hierzu siehe Link: https://www.murnau-stiftung.de/index.php/filmtheater/kinoprogramm/bomben-auf-monte-carlo-0

3)   Filmmuseum München, 24. März 22:  DIE PRIVATSEKRETÄRIN, ein weiterer Erfolgsfilm der Zeit 1930/31:
https://www.kulturforum.info/de/termine/veranstaltungen/1023893-die-privatsekretaerin

„Die Drei von der Tankstelle“
DE 1930
Heinz Rühmann, Willy Fritsch, Oskar Karlweis (v.l.n.r.)
DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum

Neuerscheinung: Hochbegabung und Hochsensibilität

Buchcover Hochbegabung und Hochsensibilität

Sind Sie etwa hochbegabt?
Fühlen Sie sich manchmal wie von einem anderen Stern? Wundern Sie sich, weil Ihr Gegenüber so lange braucht, um einen Text zu lesen? Nimmt man Sie manchmal als abgehoben wahr? Wenn Sie sich fragen, ob das wahr sein kann: Vielleicht gibt es Fakten und Hintergründe, die Sie – und die anderen – nicht kennen.

Ungefähr zwei bis drei Prozent der Bevölkerung werden als hochbegabt eingestuft. Traditionell wird ein Mensch als hochbegabt bezeichnet, wenn er in einem Intelligenztest einen Intelligenzquotienten (IQ) von mindestens 130 erreicht. Bei ca. 80 Millionen Einwohnern leben in Deutschland also ungefähr 1,6 Millionen Hochbegabte.
Wie man eine Hochbegabung bei sich oder seinem Kind erkennt, welches Potenzial sich dahinter verbirgt, aber auch welche Gefahren, Probleme und Herausforderungen damit verbunden sein können, darauf gehen die Herausgeber in ihrem umfassenden Ratgeber ausführlich ein. Diese sind fast alle selbst hochbegabt und können mit ihren breit gestreuten psychologischen, therapeutischen und pädgagogischen Expertisen auf langjährige Berufserfahrung zurückgreifen.

Mythen und Vorurteile
Zeichnung: Natalie Bromberger

Da mit dem Wort Hochbegabung noch immer viele Vorurteile und falsche Vorstellungen verbunden sind und es deshalb sogar zu folgenschweren, ärztlichen Fehldiagnosen kommen kann, soll das Buch einer breiten Zielgruppe die Augen öffnen. Gedacht ist das Werk sowohl für Betroffene und deren Bezugspersonen, als auch für Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen, der Pädagogik, dem Sozialwesen bis hin zu Führungskräften und Seelsorgern.

Die IQ-Zahl alleine hilft oft nicht weiter

Da mit einer Hochbegabung eine auffallende Häufung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale und Charakterzüge verbunden ist, hilft die ausschließliche IQ-Zahl aus einem Intelligenztest den Betroffenen meist nicht weiter. Die markanten Merkmale zu kennen, die im zwischenmenschlichen Umgang oder bei vielen Lebensentscheidungen, von der Berufs- bis zur Partnerwahl, von zentraler Bedeutung sein können, ist daher besonders wichtig. So nimmt dieses Thema im Buch einen zentralen Stellenwert ein.

Markante Persönlichkeitsmerkmale bei Hochbegabten

Zu den typischen Merkmalen gehören z.B. ein auffallend hohes Lern- und Denktempo, schnelles Erfassen komplexer Zusammenhänge, sprunghaftes Denken, ausgeprägter Wissensdurst, gutes Abstraktions- und logisches Denkvermögen, sowie ein großer Wortschatz. Aber auch Eigenschaften wie Perfektionismus, Ungeduld, wenn andere nicht auf den Punkt kommen und Frustration, wenn andere zu langsam sind, gehören dazu. Durch ausgeprägtes Reflektieren kann es zu Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung führen.

Zeichnung: Natalie Bromberger

Aufallend sind auch Probleme mit einfachen Aufgaben und Routinearbeiten, sowie Widerwille, Unlust, Konzentrationsschwierigkeiten und schnell aufkommende Langeweile bei monotonen Aufgaben, Wiederholungen oder mangelnder Weiterentwicklung, die das Lebensgefühl der Betroffenen prägen können. Das starke Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Freiheit und Nonkonformismus, sowie ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn können zur täglichen Herausforderung werden und tragen zum sogenannten „Alien-Effekt“ bei. Viele Betroffene fühlen sich wie von einem anderen Stern und nicht für diese Welt geschaffen, was den Aufbau von Freundschaften und Beziehungen auf Augenhöhe mangels Gleichgesinnter erschweren kann.

Hochbegabte Erwachsene, Hochsensibilität, Fallbeispiele

Da ca. 70 Prozent der Bücher von der Hochbegabung von Kindern und Jugendlichen handeln, liegt der Schwerpunkt dieses Buches auf unentdeckten und erkannten hochbegabten Erwachsenen.
Da eine Hochbegabung auch mit einer Hochsensibilität einhergehen kann, aber nicht muss!, wird auch dieses Phänomen im Buch ausführlich erläutert.
Neben aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, beruflichen und persönlichen Erfahrungen der Herausgeber, haben auch verschiedene Erfahrungsberichte von Betroffenen Eingang in das Werk gefunden, was es sehr lebensnah macht.

Das ABC des Lebens von hochbegabten und hochsensiblen Menschen

Das Buch ist alphabetisch aufgebaut, sodass man die verschiedenen Themenfelder schnell finden kann. Am Ende jeden Kapitels werden die Kernaussagen noch einmal übersichtlich zusammengefasst.
Die Texte sind verständlich geschrieben und werden der breiten Zielgruppe, vom Laien bis zum Experten, gerecht. Zahlreiche Zeichnungen lockern die Textpassagen sehr angenehm auf.

Zeichnung: Natalie Bromberger

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Inhalte aus der Psychologie, Medizin, Psychiatrie, Pädagogik, Psychosomatik und alternativen Medizin wie Green Care (z. B. tiergestützte Therapie oder Gartentherapie) einbezogen werden und sich in diesem Ratgeber erstmalig ein ganzheitlicher und interdisziplinärer Ansatz findet. Das Buch schließt die Lücke zwischen der allgemein üblichen Betrachtungsweise kognitiver Hochbegabung und einem breiteren Ansatz, wie zum Beispiel musischer, kreativer, naturzentrierter und hochsensibler Hochbegabung, die sich bislang nicht mit Hilfe von Intelligenztests messen lässt.

Lebenshilfe
Zeichnung: Natalie Bromberger

Der umfassende Ratgeber, den die Herausgeber als Lebenshilfe verstehen, enthält neben wertvollen Informationen und vielen Tipps auch Kontaktadressen zu Beratungsstellen, Webseiten und Netzwerken. Normalbegabte bekommen einen ausführlichen Einblick in die Situation, Gefühls- und Gedankenwelt von Hochbegabten. Somit kann auch das Zusammenleben von Hochbegabten und Normalbegabten harmonischer gestaltet werden und Vorurteile gegenüber Hochbegabten können abgebaut werden.

Die Herausgeber

Theres Germann-Tillmann ist freiberufliche Fachfrau für Tiergestützte Therapie/Pädagogik und Beratung. Sie arbeitet mit ihrem Hintergrund als Pflegefachfrau HF, Dipl. Berufsschullehrerin Pflege WPI und Dipl. Schulleiterin SRK in den Fachbereichen Psychiatrie, Forensik, Pädagogik / Heilpädagogik. Sie engagiert sich ehrenamtlich für eine bessere Lebensqualität von hochbegabten Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern.

Dr. Karin Joder ist Betriebswirtin, Master of Public Health (Gesundheitswissenschaftlerin), Diplom-Psychologin und promovierte an der Universität Kiel über das Thema Hochbegabung. Von 2003 bis 2021 leitete sie in Kiel ihre psychologische Privatpraxis mit den Schwerpunkten Hochbegabungs-diagnostik, Beratung/Coaching und Gutachtenerstellung. Sie lebt in der Schweiz und leitet dort das von ihr gegründete Online-Unternehmen „Clever People GmbH“, das besondere Netzwerk für Hochbegabung und Neurodiversität.

Dr. med. René Treier ist selbständiger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet in einer Praxisgemeinschaft in der Schweiz.

Renée Vroomen-Marell schloss an der Radboud-Universität in Nijmegen ihren Master of Science in Pädagogische Wissenschaften ab. Seit 2014 hat sie eine eigene Praxis in den Niederlanden. Sie ist spezialisiert auf Bindungsprobleme und Traumatherapie und führt zudem regelmäßig psychodiagnostische Tests durch, einschließlich Intelligenztests.

Zeichnungen
Natalie Bromberger studierte Soziologie und machte Weiterbildungen im Bereich Coaching und als Legasthenietrainerin. Seit 2003 arbeitet sie mit hochbegabten, kreativen und legasthenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie arbeitet vorwiegend als Illustratorin und für ihren eigenen Verlag.

Verlag: ‎ Schattauer, Klett-Cotta, 1. Aufl., 2021
Gebundene Ausgabe: 286 Seiten
ISBN-10: ‎3608400893
ISBN-13: 978-3608400892
Abmessungen:‎ 17 x 2.4 x 24.4 cm
Preis: 35 Euro

 

„Outside Mullingar“ by John Patrick Shanley – the new play at The English Theatre of Hamburg

Do you care for another cup of tea?

After the breath-taking parody “The 39 Steps”, which ran until the end of January, the English Theatre of Hamburg now presents the much acclaimed bitter-sweet comedy “Outside Mullingar.” According to an American critic this heart-warming play is John Patrick Shanley’s best work since “ Doubt.” It is up to you, dear spectator, to agree or disagree with this statement of a real theatre aficionado after you have seen the play directed by Clifford Dean.

A place in rural Ireland

Mullingar is not a fictional place but the capital of County Westmeath which is part of the Irish Midlands region. It features an impressive cathedral and some other monuments that are worth being visited. We suppose that John Patrick Shanley once came along and fell in love with the lush green landscape and rolling hills which inspired him to set his romantic play in the rural region outside Mullingar.

Rosemary Muldoon and Anthony Reilly grew up on two neighbouring farms. As early as at the age of six vivacious Rosemary fell in love with Anthony who was too shy to see Rosie’s deep affection for him. Anthony’s heart once broke when his great love Fiona left him for another man. Being extremely self-conscious he feared another disappointment and dared not open his heart to another woman.

Forty years later both are still living on their family farms – practically door to door – instead of together in the same house. When a feud over a strip of land breaks out between the Reillys and the Muldoons, the chances for a late fairy tale end for Rosie and Anthony seem to tend towards zero. Will both eventually find a way for a happy future?

Characters
Tony, be sweet and gentle for a change.

Let us briefly introduce the four characters of the play to you: Tony Reilly, the 75 year old big boss and authoritarian father of Anthony does not think much of his over-sensitive son. He is keen on keeping his farm in the family after his death. Tony, a real farmer, has a strange sense of humour and could not care less about other people’s feelings.

Anthony Reilly, Tony’s offspring, is already 42, but still lives on his father’s farm. Unlike Tony, he is not particularly interested in raising cattle and sheep.

This is my last cigarette. I swear…

Rosemary Muldoon is an attractive headstrong woman who has been working on her parents’ farm since early childhood. Now, as an “old maid” at the age of 36 she is still waiting for Anthony to declare his love to her.

Aoife Muldoon, Rosemary’s mother, is a strong pragmatic woman. Recently widowed at the age of 70, her main drive is to secure her daughter’s future. Her whole adult life she and her husband Chris Muldoon have lived next door to the Reillys.

Tony, Anthony and the American nephew

In the first act we meet Tony and Anthony in the Reilly’s cozy yet a bit untidy kitchen when Aoife Muldoon arrives with daughter Rosemary on her heels. She is the spitting image of the old Queen Victoria, clad in black silk and walking with a cane. She has just returned from her husband’s funeral and now enjoys a cup of tea with Tony an Anthony. Tony being absolutely destitute of tact, states that a wife who has lost her husband will follow soon: “You’ll be dead in a year.” Anthony who is shocked by his father’s harsh words quickly intervenes: ”She will not.” But Aoife who is obviously cut from the same cloth as Tony affirms coolly that Tony is right and she will be dead in a year. “In half a year.” Tony must always have the last word. But Aoife has not come to Tony’s house to waist her time on trivia. Being a practical woman, she wants to know whether Tony will hand over his farm to Anthony after his demise as she intends to sign over the Muldoon’s farm to Rosemary. But Tony has not made up his mind yet and argues that Anthony is not a real Reilly but takes more after his mother’s side of the family, the Kellys. In his opinion he is not the right man for the job on the farm since he does not really love the land and the work on it. Tony prefers to sign over his farm to an American nephew rather than leave it to his son. However, he is not entitled to sell the land. Chris Muldoon’s will in which he handed over the plot of land to his daughter Rosemary blocks a sale. For that reason, Tony does not have a say in the matter. It is solely a matter between Rosemary and Anthony.

As time goes by

Years later when Aoife and Tony have long passed away, we are invited into Rosemary’s pretty drawing-room where she receives Anthony. She is now in her mid-thirties, more attractive than ever and still waiting for Anthony to declare his love to her. The odds are good. But will Anthony overcome his shyness and make the first step. Wait and see. The end of the play will surprise you.

Dad, I always tried to be a good son.

Conclusion: This “farmers’ tale” is as amusing as dramatic. A love story in which a man and a woman have to wait half their lives to find each other. We all know the truism that it is never too late to fall in love. While old stubborn Tony Reilly hindered the relationship between Rosemary and his son, Aoife always thought Anthony to be the perfect match for her daughter. As a very pragmatic person she considered two farms united better than a single one. What a clever woman whose ambitious plans proved right in the end.

Dear spectator, look forward to meeting Nora Connolly as witty, snappish Aoife Muldoon, Seamus Newham playing sly, feisty Tony Reilly, pretty red-haired Catherine Deevy in the role of vivacious headstrong Rosemary Muldoon and last but not least Brian Tynan as shy, introverted Anthony Reilly. A great performance with four Irish actors speaking their native idiom.

No accounting for taste

While Charles Isherwood for the New York Times praised John Patrick Shanley’s lyrical writing, Fintan O’Toole of the Irish Times wrote that for him “Outside Mullingar” was “mystifyingly awful” and “beyond the edge of awfulness.” The critic of “The Guardian” joined him in describing the play as an “overwrought comic romance.” What about the irresistible charm of the play, dear critics? It seems that both of you had a bad day when typing your reviews. After all – there’s no accounting for taste.

Final performance of “Outside Mullingar” on April 9, 2022. Tickets under phone number 040 – 227 70 89 or online under www.englishtheatre.de

Next premiere: “Don’t misunderstand me”, comedy by Patrick Cargill, on April 21, 2022

(Photos: Stefan Kock)

 

„Outside Mullingar“ von John Patrick Shanley – die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Möchte einer noch Tee?

Nach den temporeichen „39 Stufen“, die bis in den Januar liefen und das Publikum wochenlang in atemloser Spannung hielten, hat das Theater an der Mundsburg mit seinem neuen Stück eine gemächlichere Gangart eingeschlagen. „Outside Mullingar“ ist Clifford Deans neueste Regiearbeit an der Mundsburg. In dieser mit viel Sprachwitz und schwarzem Humor gewürzten bitter-süßen Komödie geht es um den Streit zweier in den irischen Midlands verwurzelter Familien um ein Stück Land. Eine an sich alltägliche Geschichte, die ihren Charme den dickköpfigen Protagonisten dieser Saga verdankt.

Das alte Lied: Keine der beiden Parteien ist willens, auch nur einen Millimeter auf die andere zuzugehen. Während die Alten miteinander im Clinch liegen, gleicht der Nachwuchs den beiden Königskindern, die nicht zu einander finden können, um sich ihre gegenseitige Liebe zu gestehen. Zum besseren Verständnis der Handlung stellen wir zunächst die vier Personen vor, die das geneigte Publikum zwei Stunden unterhalten.

Familienaufstellung
Tony, sei doch zur Abwechslung mal freundlich.

Da ist zunächst Tony Reilly, ein ebenso listiger wie temperamentvoller Mann von 75 Jahren, der seine Farm nach seinem Ableben unbedingt auch weiter im Familienbesitz wissen will. Tony irritiert seine Mitmenschen zuweilen mit seinem etwas abartigen Sinn für Humor.

Anthony Reilly, Tonys Sohn, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt als sein Vater. Im Alter von 42 lebt der scheue Sonderling immer noch auf dem väterlichen Hof. Die Leidenschaft seines Vaters für die Vieh- und Schafzucht teilt er zum Leidwesen Tonys nicht. Anthony trauert immer noch seiner alten Liebe Fiona nach, die ihn einst verließ und die er nicht vergessen kann. Diese lange zurückliegende Kränkung hat seinen Blick dermaßen getrübt, dass er Rosemarys Avancen gar nicht bemerkt.

Der Gegenpart wird angeführt von Aoife Muldoon. Diese praktisch veranlagte 70jährige Matrone möchte ihrer Tochter eine gute Zukunft sichern. Aoife ist die Witwe Chris Muldoons, des gerade verblichenen langjährigen Nachbarn der Reillys.

Dies ist meine letzte Zigarette. Ehrenwort.

Bleibt noch die 36jährige Rosemary Muldoon, Aoifes eigensinnige Tochter. Sie ist seit ihrem sechsten Lebensjahr heimlich in Anthony verliebt und wartet hartnäckig darauf, dass der endlich ihre Gefühle erwidert.

Trennende Zäune und Streitigkeiten

Anthony Reilly und Rosemary Muldoony kennen sich seit frühester Kindheit. Beide trennen nicht nur Zäune, sondern immer wieder aufkeimende Streitigkeiten zwischen ihren Familien. Sie haben in ihrem Leben niemals die grüne Insel verlassen. Beide scheinen auf der heimatlichen Scholle festgewachsen zu sein. Hier auf dem Land reiht sich ein ereignisloser Tag an den anderen wie Perlen auf einer Schnur. Auf den ersten Blick scheint es, als wäre Rosemary gar nicht an dem Nachbarssohn interessiert. Doch im Stillen wartet sie seit einer gefühlten Ewigkeit darauf, dass Anthony sie endlich wahrnimmt und sich zu ihr bekennt. Rosemarys Mutter Aoife, die sonst das Gras wachsen hört, ist der Meinung, ihre Tochter mache sich nicht nur nichts aus Anthony, sondern lehne ihn schlichtweg ab, weil er sie in Kindertagen einmal sehr heftig „geschubst“ hatte.

Bewegung kommt in das tägliche Allerlei der beiden Familien, als Anthonys Vater andeutet, seinen Besitz einem entfernten Verwandten in Amerika zu überschreiben, da sein weltfremder Sprössling wenig Interesse an der Farm bekunde. Daraufhin bringt Rosemary sich in Stellung. Sie will dies um jeden Preis verhindern. Kann ihr mutiges Eintreten für Anthony sich am Ende als der Schlüssel zu beider Glück erweisen? Warten wir es ab.

Ein Ire kommt selten allein

Es ist ein Vergnügen, die vier Darsteller auf der Bühne agieren zu sehen. Alle sind waschechte Iren und sprechen in dem ihnen eigenen Idiom. Der Zuschauer muss schon die Ohren spitzen, um alle Feinheiten der zum Teil skurrilen Dialoge mitzubekommen.

Papa, ich wollte immer ein guter Sohn sein.

Während Aoife Muldoony (sensationell Nora Connolly), deren Habitus lebhaft an die alte Queen Victoria erinnert, zwar Tacheles redet, sich aber strikt an die Regeln des Anstands hält, lässt Tony Reilly (knorrig Seamus Newham) seinem Zynismus oft freien Lauf, ohne Rücksicht auf die Gefühle der anderen. Rosemary spielt die zupackende Tochter aus bäuerlicher Familie, die keine Scheu hat, Schaufel und Mistgabel anzufassen. Sie wird von Catherine Deevy verkörpert. Die lebhafte Aktrice mit der flammend roten Mähne erinnert an ihre Landsmännin Maureen O’Hara, die in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Hollywood Furore machte. Sympathisch kommt Brian Tyman rüber, der den etwas verklemmten Anthony Reilly überzeugend darstellt.

Kritiker sind selten einer Meinung

Eine Reihe von Kritikern hat „Outside Mullingar“ euphorisch als eine Art Synthese aus „Doubt“ (Zweifel) und „Moonstruck“ (Mondsüchtig) beschrieben. Hier gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Während die New York Times schwärmt, dies sei John Patrick Shanleys bestes Theaterstück, verreißt der Rezensent der Irish Times dieses Werk mit den Worten „absolut grauenvoll. Eher noch darunter.“

Fest steht, dass sämtliche Werke des 1950 in der Bronx geborenen amerikanischen Autors mit unverkennbar irischen Wurzeln im Handumdrehen zu internationalen Erfolgen wurden. Auch Hollywood riss sich um die Rechte und verfilmte sowohl „Doubt“ und „Moonstruck“ als auch „Outside Mullingar“ mit Starbesetzung. Man denke nur an Meryl Streeps grandiose schauspielerische Leistung in „Doubt.“

Das Schlusswort überlassen wir dem großen George Bernhard Shaw, der einmal sinngemäß meinte, ohne die genialen irischen Autoren tauge die englische Literatur bestenfalls die Hälfte. Wenn diese Aussage auch stark übertrieben ist, müssen wir einräumen, dass JBS nicht ganz unrecht hat. Denn waren nicht auch Jonathan Swift, Oscar Wilde, James Joyce, William Butler und Brendan Behan Iren, die die englischsprachige Literatur bis auf den heutigen Tag bereichern?

„Outside Mullingar“ läuft bis einschließlich 9. April 2022. Tickets unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Don’t missunderstand me“, Komödie von Patrick Cargill, am 21. April 2022

(Fotos: Stefan Kock)

Wohlfühlen mit Meerblick

  • Ausflug auf Bonaire mit Blick auf die AIDAperla
    Ausflug auf Antigua mit Blick auf die AIDAperla

    Was gibt es schöneres, als nach zwei Jahren Corona-Pandemie eine Kreuzfahrt zu machen, sich den Wind auf den Weltmeeren um die Nase wehen zu lassen und den Duft traumhafter Landschaften in sich aufzusaugen?

  • Wenn nicht jetzt, wann dann? Nach diesem Motto habe ich mich ganz spontan  zu einer Kreuzfahrt in die Karibik mit „Inselhüpfen“ entschlossen: Noch nie waren Kreuzfahrten so preiswert wie in der aktuellen Winter-und Frühjahrssaison 2022. Trotz einiger Bedenken ging es mir wie weit über zwei Millionen Deutschen, die Träume vom Sternenhimmel über dem Meer, von Partynächten und Entdeckungen in fernen Ländern hautnah erleben wollen. Nach den Amerikanern und Chinesen stellen die Deutschen die drittgrößte Kreuzfahrernation – weltweit gehen rund 30 Millionen auf Kreuzfahrt. Marktführer ist die Reederei Aida Cruises aus Rostock. Die Tochter des Kreuzfahrtriesen Carnival ist derzeit mit 10 von 13 Schiffen unterwegs, die 2022 mit einer „angepassten Passagierkapazität“ fahren.
  • Natürlich sagten sie im Reisebüro von Aida Cruises, ich könne mit gutem Gewissen  auf Fahrt gehen. Sie sagten, die Hygienevorschriften seien absolut sicher. Man hätte im Ernstfall sogar eine Isolier-Krankenstation und einen für Notfälle ausgerichteten OP. Also buchte ich eine Doppel-Kabine zur Alleinbenutzung zum Supersparpreis mit Flug nach Barbados. Um es vorweg zu nehmen: Sonne, azurblaues Meer und Karibik-Feeling halfen, die ständige Sorge der Corona-Ansteckungsgefahr mit Omikron oder anderen Mutanten für 14 Tage zu vergessen. Und das tat sehr, sehr gut – Wellness auf dem Meer. Größte Unsicherheit war für mich vor Reiseantritt, ob diese Cruise in weltweiten Pandemiezeiten überhaupt stattfinden würde. An Bord bestätigten mir diese Absageängste dann fast jeder der befragten Passagiere.
  • Viel Arbeit mit der Reise-Sicherheit vor der Cruise

    Wer jetzt auf Kreuzfahrt gehen will, muss zwar damit rechnen, dass die Sicherheitsbestimmungen auf See viel höher sind als an Land; die Reedereien wenden aktuell noch striktere Corona-Regeln wegen der Omikron-Variante an. Generelle Impfpflicht gilt auf fast allen Schiffen weltweit, inzwischen sogar Booster-Impfpflicht. Und immer mal wieder müssen Schiffe ihre Reise unterbrechen, weil Passagiere oder Besatzungsmitglieder positiv auf Covid-19 getestet wurden.

  • Klar dachte man im Flugzeug nach Barbados noch an den Reiseantritts-Stress daheim: Das Ausfüllen von Fragebögen, das Studieren der Gesundheitsvorschriften, die digitale Übertragung des Einreisevisums vom Computer aufs Handy, das „Schlangestehen“ für die erforderlichen PCR-und Antigen-Impfnachweise 72 und 24 Stunden vor Abflug von Frankfurt. Was sich in Corona-Zeiten hinter den Kulissen an Passagier-Kontrolle oder Schiffs-Routen-Änderungen abspielt, wollte ich gar nicht wissen.
  • Die Auszeit von der Pandemie macht die Seele frei
  • An Bord der AIDAperla auf Barbados waren alle heimatlichen Mühen und Befürchtungen verflogen. 2017 in Dienst gestellt, strahlte der Kreuzfahrtriese von der Wasserlinie bis Deck 18 in unbeflecktem Weiß. Das Schiff ist groß wie ein quergelegtes Hochhaus, 300 Meter lang, 37,6 Meter breit. Auf dieser Fahrt durch die Kleinen Antillen und die ABC-Inseln im Karibischen Meer waren die 1643 Kabinen für 4350 Passagiere nur zu 40 Prozent mit Erwachsenen belegt. Geschätztes Durchschnittsalter 35 bis 50 Jahre. Kein Geschiebe und Gedränge in allen öffentlichen Bereichen und in den Fahrstühlen. Einfach herrlich – natürlich nur für die Gäste! Die Anforderungen an die Hygiene waren anspruchsvoll. Alle Passagiere und 900 Besatzungsmitglieder mussten mindestens zweimal geimpft oder geboostert sein. Häufiges Händewaschen und Desinfizieren vor den Restaurantbesuchen war Pflicht. Streng genommen mussten die Masken außer in den Kabinen überall im Innern des Schiffs getragen werden. Selbstbedienung an fünf Buffet-Restaurants war mit Maske erlaubt. Bei der Einnahme von Getränken und Speisen durften die Masken auch in drei Spezialitäten und vier à-la-Carte-Restaurants an den Tischen abgenommen werden. An drei Snack-Bars konnte sogar direkt am Tresen ohne Maske gesessen und getrunken werden. Und auch auf den Sonnen-und Pooldecks fühlten sich Youngster und Senioren beim Tanzen ohne Masken sichtbar glücklich befreit  – mehrere erstklassige internationale Bands waren an Bord.

    Wellness auf dem Sonnendeck der Perla- SPA-Oase
  • An Ausflugstagen hatten eine Hand voll Wellness-Gäste das (kostenpflichtige) luxuriöse 3100 qm große SPA mit fünf verschiedenen Saunen, Whirlpools und bequemen Sonnenliegen auf zwei Außendecks für sich allein – traumhafte Ruhe, Entspannung pur, die Seele lacht!  Auch Schiffsarzt Dr. Bernd Horten wirkte auf seiner Krankenstation ganz relaxed: „Bisher haben wir keinen Corona-Fall auf der Perla. Bei mir haben sich auch keine Gäste beschwert, dass die Sicherheitskontrollen nicht eingehalten werden. Die Disziplin der Passagiere ist vorbildlich – sie halten sich fast ausnahmslos an die Vorschriften.“
  • Keine Beschränkungen auf den Karibik-Ausflügen
  • So erlebte das auch Fernwehexpertin Katja Voss. Sie kümmerte sich an Bord um die Landausflüge, empfahl auch weitere Reiseziele. „ Noch vor wenigen Monaten waren nur von uns organisierte Ausflüge erlaubt. Unsere Gäste durften sich nicht von der Gruppe entfernen“, sagt die Rostockerin. Das habe sich inzwischen geändert. „Wer auf eigene Faust zu Fuß, mit Bus oder Taxi unterwegs sein will, muss nur wieder pünktlich zur festgelegten Zeit an Bord sein.“
  • E-Bike-Ausflug auf Aruba

    Die Ein- und Ausreisevorschriften auf den meisten ABC-Inseln und Kleinen Antillen waren liberal. In der Regel reichte bei Landgängen das kurze Vorzeigen des Schiffsausweises. Nur auf Barbados wurde noch ein aktueller Corona-Test verlangt. Hier half das Team um Schiffsarzt Bernd Horten. Ohne Wartezeit im Minutentakt nahmen seine Mitarbeiter am Tag vor dem Landgang allen Passagieren zu persönlich festgelegten Zeiten die geforderten Antigen-Schnelltests ab.

  • Faszinierende Natur und viel Bade-Spaß auf allen Inseln
  • Wer mit den „AIDA-Guest-Guides“ auf den landschaftlich unterschiedlichen Karibikinseln  „auf Tour“ war,  hatte trotzdem  genug eigene Bewegungsfreiheit. Spaß machten perfekt organisierte Aida-E-Bike-Ausflüge entlang der Küsten von Saint-Martin oder La Romana in der Dominikanischen Republik. Für 25 Dollar konnte man aber auch Tickets für dreistündige Insel-Rundfahrten mit öffentlichen Bussen direkt vor den Hafenausgängen kaufen. Auf Barbados setzte unser Driver  „Paolo“ seine Gruppe am schönsten Karibik-Beach an der Hotelmeile ab. Davor genossen wir seine Panoramafahrt auf den 213 Meter hoch gelegenen „Cherry Tree Hill“. Von dort hatten wir einen gigantischen Blick auf den tosenden Ozean. Nach zwei Stunden Badeaufenthalt stand Guide Paolo dann pünktlich am ausgemachten Beach-Treffpunkt und fuhr uns zurück zum Schiff.  Auf Aruba, Dominica oder St. Lucia  wählten viele Cruise-Gäste diese beliebte kostengünstige Stopp-over-Beach-Variante zur Insel-Rundfahrt in  tropische Vulkanberge, Regenwälder, zu Wasserfällen, bunten Märkten und Dörfern mit anschließendem Badeaufenthalt an puderweißen Stränden. Zur Abwechslung, vielleicht auf Antigua, sollte man eine Katamaran-oder Segeltour einplanen und dabei die Bade-Stopps an dem einen oder anderen der 365 „Champagner“- Strände genießen. Im karibischen Meer von Bonaire und Grenada faszinierten Schnorchel-Trips in die Unterwasserwelt an bunten Korallenriffen.
    Bade-Stopp am Mambo Beeach auf Curacao

    Das glasklare Karibische Meer war überall  auf den Inseln badewannenwarm. Es schimmerte von Türkisgrün bis Dunkelblau. In den pittoresken niederländischen Städtchen Curaçao und Aruba auf den ABC-Inseln sollte man geführte Spaziergänge einplanen. Überall drückten die lokalen Touristenführer schon mal ein Auge zu, wenn die Gäste die Masken nicht richtig oder gar nicht trugen. Sie sind dringend auf Kundschaft angewiesen.

  • Auch wenn Kreuzfahrten angesichts der weltweiten Pandemie-Entwicklung auf unbestimmte Zeit voraussichtlich immer noch Unsicherheiten mit sich bringen – ich würde mich wieder für eine Schiffsreise entscheiden.  Alle Angebote und Routen kann man online unter www.aidacruises.de finden.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt

Blick auf einen der Pools der fünf GB Thermae Hotels in Abano Terme

Bewegung macht Spaß – Und nach zwei  Jahren  Reiseabstinenz tun Anti-Stress-Therapien erst recht gut. Das volle Programm kann man im kommenden Frühling wieder in Abano Terme genießen

Klar denkt man erst noch an Omrikon, die Lieben zu Hause und daran, ob Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit seiner Prognose doch richtig liegen könnte: “Wir müssen uns schon jetzt auf neue Corona-Mutanten im Herbst 2022 vorbereiten“.  Aber dann gibt das 36 Grad warme Thermalwasser dem Körper Auftrieb. Und der Seele auch. Endlich Urlaub vom Pandemie-Stress – fit machen für Frühling und Sommer. Es müssen ja nicht die Malediven sein, wenn die Balance verloren gegangen ist. Das Gesundheitsparadies liegt knappe zwei Flugstunden von Hamburg entfernt in Venetien. Vom Flughafen Venice nach Abano Terme kann man die rund 60 Kilometer per Bus, Zug, Taxi oder Stadtauto zurücklegen.

Also denn: Eine Woche Detox High Impact-Behandlung im Hotel Due Torri Abano Terme für eine Rundum-Erholung. Diagnostik durch den deutschsprechenden Badearzt zuerst, dann individuell Fangobäder und Packungen mit Biothermalschlamm, allerlei Antistress-Therapien, die den Rücken lockern, Muskeln entspannen, den Körper entgiften und das Immunsystem stärken kosten rund  1.500 Euro (www.gbhotelsabano.it)  – die köstlichsten Menüs inbegriffen. Man hat sich ja lange genug nichts gegönnt.

Zwei Hände verteilen den nach klassischer Methode gereiften Fango auf Rücken, Brust, Bauch und Oberschenkel. Welche Körperteile behandelt werden dürfen und mit welcher Temperatur bestimmt der deutschsprechende Badearzt. Nach 15 Minuten werden die durch das Schwitzen ausgeschiedenen Giftstoffe mit einer Thermaldusche von der Haut gespült und der Body mit einem wohlriechenden, frischen Detox Gel eingerieben. Zur Entspannung und zur Stimulation des Mikrokreislaufs entmannt man im aromatischen Thermalbad. Dampfend blubbert und sprudelt das Wasser aus diversen Hydromassagedüsen zur Lockerung der Muskulatur. Mit ihrer Salz-Brom-Jod Zusammensetzung entfaltet es heilende Wirkung auf Gelenke, Herz-und Kreislauf. Es folgt eine zweite Reinigungsdusche mit  “Seife aus Abano”. Zum Schluß wird man noch einmal mit dem heilenden GB-Thermalwasser eingesprüht, damit die Haut erneut mit Feuchtigkeit versorgt wird. Sie fühlt sich danach seidenweich an. Himmlisch!

Medizinische Gesichtsbehandlung für die Schönheit

Wer in Venetien Gesundheit und Wellness miteinander verbinden möchte, findet im Hotel Due Torri Abano Terme einen erstklassigen Rahmen für Erholung, Fitness und Entspannung. Nicht nur die Fahrt durch Venetien und die Ausläufer der Toscana sind filmreife Kulissen. Im Due Torri  angekommen flaniert man  gleich nach dem Auspacken des Koffers  durch einen blühenden Park in einer   wunderbaren Thermenwelt mit  drei auf  28 bis 35 Grad abgekühlten Außen-Thermal-Schwimmbecken. Sodann schwimmt man bis in das  36 Grad warme Thermalhallenbad. Geht zur Kneipp-Therapie oder zur Thermalgrotte. Es gibt Hydromassage-Ruheinseln mit Wasserbetten und ausreichend Liegen zum Sonnenbaden auf den Terrassen.

 

Entspannung pur im Thermalwasser des Palazzo-Hotels Due Torri Abano

Der elegante Fünf-Sterne-Palazzo der  GB Thermae Hotels in Abano Terme war im 17. Jahrhundert Residenz der adligen, venezianischen Familie Morosini. Er liegt zentral am wunderschönen Kupark Montrione von Abano Terme – Europas beliebtester Thermalregion. Nur wenige Kilometer und schon ist man in Padua oder Verona. Das stilvolle klassisch-antike Ambiente in den Aufenthaltsräumen setzt sich in den Zimmern und Suiten fort. Von den Balkonen blickt man über den Park bis hin zu den Euganeischen Hügeln. Im Frühling ist die liebliche Veneto-Landschaft eingetaucht in Grün-, Weiß-,  Rot- und Gelbtöne – so bunt und schön, das man hier gar nicht mehr weg möchte.

Ausflüge, Fango, Thermalwasser, Sport und gepflegter Müßigang machen Appetit. Zumal, wenn die raffiniertesten Gaumenfreuden locken! Bei Antipasti, frischer Pasta und Salaten kann man sich für die Tagesprogramme stärken. Wenn man dann abends im Restaurant „Venezia“ schwelgt bei einem Gourmet Dinner und einem guten Tropfen aus dem exquisiten Weinkeller, schmiedet man nur zu gern Pläne, wie man die herrliche Corona-Auszeit irgendwie verlängern kann.

Preisbeispiel: 7 Nachte/Frstck. im Hotel Due Torri  Abano Terme mit Regenerationsprogramm  (18 Behandlungen) ab € 1.399 p .P. i DZ (fit-Reisen)

 

 

Herz schlägt Krieg: Eine Familiengeschichte aus erster Hand

Hilde Niggetiet Foto: privat

Im ersten Teil seiner zweibändigen Familiensaga führt Jörg Krämer seine Leser in die Welt des Bergbaus im Ruhrgebiet im Jahr 1865. Der Bergmann Johannes Biel und seine Frau Wilhelmine leben in sehr einfachen Verhältnissen und mit harter Arbeit. Acht Kinder ziehen sie liebevoll groß und freuen sich an den kleinen Dingen.

Jörg Krämer erzählt die Geschichte handlungsorientiert und direkt, man ist sofort in das Geschehen eingebunden. Faszinierend ist der Einblick in eine untergegangene Welt ohne Handy, Fernsehen und Multimedia, dafür mit Arbeit bis über die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen hinweg. Da sitzt die Frau zu Hause und bangt, weil der Bergmann nicht zur gewohnten Zeit erscheint. Heute würde man eben anrufen. Kinder werden nicht zur Schule gefahren, sondern müssen weite Wege zu Fuß zurücklegen. Jüngere Geschwister tragen die Kleidung der älteren auf.

Foto: Pavlofox/Pixabay

Die Geschichte spielt in der Zeitspanne von 1865 bis 2001, auf knapp über 600 Buchseiten in zwei Bänden („Im Schatten von Schlägel und Eisen“ und „Herz schlägt Krieg“, beide im net-Verlag erschienen). Sie konzentriert sich in der Erzählweise vor allem auf den chronologischen Ablauf und die Personen. Bedingt durch die große Familie kommen viele verschiedene Personen vor, was teilweise etwas verwirrend ist. Im zweiten Teil ist am Ende ein Personenverzeichnis eingefügt, das einige Orientierung bietet.

Eigenhändige Aufzeichnungen der Großmutter

Hat Jörg Krämer den ersten Teil in Autorenperspektive als Roman geschrieben, so tritt der Autor im zweiten Teil ganz hinter der Erzählstimme Hilde Niggetiets – seiner Großmutter – zurück. Die Erzählung wechselt in die Ich-Perspektive und einen Tagebuchstil. Das bringt einige Sprünge im Erzählfluss mit sich, die nicht literarisch bearbeitet wurden; womöglich, um den authentischen Bericht der Protagonistin nicht zu verfälschen. Nun hat es durchaus etwas für sich, einen Menschen des Jahrgangs 1910 in seiner eigenen Sprache erzählen zu lassen. Die Ich-Form berührt direkt, vor allem in den schweren Phasen der Armut und des Krieges, und die aus anderen Zeitzeugenberichten bekannten Motive wie Kinderlandverschickung und Hamstertouren werden durch die eigenen Erlebnisse sehr lebendig. Durch Hilde Niggetiets eher sachlich-zurückhaltenden Stil sind einige Szenen besonders verstärkt, wenn sie beispielsweise berichtet, wie ihrer Tochter Edith nach der Zangengeburt des ersten Kindes die Beine zusammengebunden wurden, damit die Nähte nicht rissen.

Mit Blick auf das Positive
Foto: Congerdesign/Pixabay

Berührend ist auch, wie die Erzählerin sich bemüht, möglichst viel Positives zu berichten. Immer wieder kommentiert sie ihre Ausführungen selbst in dem Sinne, dass sie dem Schweren nicht zu viel Raum geben möchte. Eine Haltung, die mich an meine Großeltern (Jahrgang 1920) erinnert. Und wie konnte diese Generation auch anders überleben als durch Verdrängung? Meine Großmutter sagte in schweren Zeiten immer, man solle sich nur Schönes ansehen. Und so ist auch in der Familie des Autors Jörg Krämer der Blick eher auf das Schöne als auf das Schlimme gerichtet, und das bei Schicksalsschlägen, die mir beim Lesen manchmal den Atem verschlagen haben. Irgendwie muss es weitergehen, so ist das Motto, und es geht auch weiter, irgendwie. Männer schuften in der Zeche und leisten sich vielleicht ein bescheidenes Hobby wie die Taubenzucht, Frauen schuften zu Hause, zu Anfang von Krämers Geschichte ohne Waschmaschine und mit Wasser auf dem Kohleherd. In jeder freien Minuten scheinen die Frauen der Familie feinste Handarbeiten herzustellen, denn Schönheit war ihnen durchaus wichtig, und da sie nichts kaufen konnten, stickten, häkelten, nähten und strickten sie eben alles selbst und freuten sich daran. Der Einblick in diese Welt, auch in die Fertigkeiten der Menschen, in das Bemühen um Frieden und liebevolles Miteinander, ist sehr anrührend. Manches Wort, wie z. B. „Gabelarbeit“ (eine Häkeltechnik), musste ich nachschlagen. Nicht nur eine untergegangene Welt, auch untergegangene Worte finden sich in Jörg Krämers Familiensaga.

Gleichwohl birgt die tagebuchartige Erzählweise die Gefahr, dass man als Leser mit einigen Sprüngen zwischen Personen nicht mehr nachkommt. Auch wenn es noch schwieriger gewesen wäre, als es vermutlich ohnehin schon war, so einen langen Zeitraum in zwei Büchern unterzubringen, habe ich teilweise im ersten Teil ein Verweilen bei einzelnen Personen vermisst. Im zweiten Teil wäre es vielleicht einen Versuch wert gewesen, behutsam in den Tagebuchstil einzugreifen und ihn mit romanhaften Verbindungen zu ergänzen; allerdings ist es verständlich, wenn der Autor dies aus Gründen der Authentizität unterlassen hat.

Spannung aus vergangenen Zeiten
Foto: Uki_71/Pixabay

Wie auch immer: Eine spannend erzählte Geschichte ist es allemal, man wird als Leser etwas daraus mitnehmen, sei es die eine oder andere Information, wie man „damals“ und speziell in der Bergbau-Welt – die es wohl bald gar nicht mehr geben wird – gelebt hat; sei es ein Einblick in das Seelenleben einer Generation, die sich mit existenziellen Fragen tagtäglich buchstäblich abarbeiten musste und das Wohl der Familie über alles stellte, was mir beim Betrachten unserer heutigen Gesellschaft durchaus den einen oder anderen Denkimpuls gibt. Jörg Krämer hat ein Zeitzeugendokument geschaffen und dabei seiner Großmutter eine Stimme verliehen. Sie beschreibt an einer Stelle, dass es ihm als Oberschüler an Ehrgeiz gemangelt hätte (S. 239, „Herz schlägt Krieg“). Das muss sich später allerdings gründlich geändert haben, denn ohne Ehrgeiz ist so eine Recherche und Romanarbeit kaum zu bewerkstelligen.

 

Über den Autor:
Jörg Krämer Foto: privat

Jörg Krämer, Autor und Taekwondoin, wurde 1966 in Witten geboren, wo er gemeinsam mit seiner Familie lebt. Die Liebe zum Schreiben entdeckte er durch seinen Hund Odin, über dessen Rasse Germanischer Bärenhund er bereits ein Buch schrieb. Oft spielt in seinen Geschichten ein Germanischer Bärenhund mit.

Jörg Krämers Seite in unserem Online-Magazin

 

Die Familiensaga entstand in der Zeit von 2013 bis 2017 und basiert auf handschriftlichen Aufzeichnungen der Hauptfigur Hilde Niggetiet sowie deren Aufnahmen auf Kassette. Dabei war es Jörg Krämer wichtig, den authentischen Originaltext für die Nachwelt zu erhalten.

 

Das beste Buch für guten Stil

Coverausschnitt, (c) Knesebeck Verlag

Wie viele Kleidungsstücke hängen aus alter Tradition in Ihrem Kleiderschrank? Gehören Sie auch zu den Leuten, die zwanzig Prozent ihrer Kleidung regelmäßig tragen, während der Rest so gut wie nie ans Tageslicht kommt? Die Verfasserin dieser Zeilen pflegt zweimal jährlich – nämlich zum Saisonwechsel – sinnierend vor ihrem Klamottenuniversum zu stehen und darüber nachzudenken, welche Teile aus dem Fach ganz oben nach unten in Greifnähe wandern und umgekehrt. Und vor allem, welche rausfliegen. Denn die Umsortierung nach Saison bietet sich dafür an. Allerdings sind die Gründe, warum ein Kleidungsstück mich verlassen oder eben nicht verlassen soll, höchst subjektiv. Nach einer Greenpeace-Studie kaufen wir rein statistisch gesehen jedes Jahr 60 Kleidungsstücke. Was passiert mit den anderen 600 aus den letzten zehn Jahren? Tatsächlich ist Fast Fashion für die Umwelt, aber auch für Menschen, die die Mode produzieren, ein großes Problem. Ob wir nun 60 oder 30 oder 100 Kleidungsstücke pro Jahr kaufen, es stellt sich die Frage: Braucht man das? Was braucht man wirklich, um gut angezogen zu sein? Habe ich mich früher gern experimentierend in verschiedene Fummel gewandet, hat sich im Lauf der Zeit meine Vorliebe eher hin zu schlichteren, kombinierbaren Stücken entwickelt. Was machen dann die alten Wallawallakleider im Schrank? Ziehe ich die noch mal an?

Fashion for Women. Not Girls.
Susanne Ackstaller/(c) Martina Klein, Knesebeck Verlag

In diese Überlegungen hinein fiel mir das Buch „Die beste Zeit für guten Stil“ von Susanne Ackstaller quasi vor’s Smartphone. „Fashion for Women. Not Girls.“ steht auf dem Cover und das sprach mich sofort an. Bei der fulminanten Online-Buchpräsentation war ich fasziniert von Susanne Ackstallers Energie und guter Laune. Und auch die Gemeinschaft der Frauen, die am Buch mitgewirkt haben, fand ich sehr einladend, unprätentiös, klar und spannend. Der Einblick in die Entstehung des Buches war beeindruckend, inklusive eines Blicks hinter die Kulissen der Fotostrecken. Ich bestellte also dieses Buch und las es fasziniert.

Susanne Ackstaller hat einen Katalog aufgestellt, welche Kleidungsstücke eine gute Basisgarderobe ausmachen. Zwischen den Kapiteln für jedes Teil befinden sich elf Porträts über und Interviews mit stilsicheren Frauen, die von der Fotografin Martina Klein wunderbar in Szene gesetzt wurden. Diese Frauen geben auch ihre Empfehlungen für wichtigste Kleidungsstücke im Schrank, und das ist ebenso informativ wie lustig. Denn es geht von „Weiße Blusen in allen Varianten“ (Claudia Braunstein) über „Ein gut sitzendes schwarzes Kleid“ (Carola Niemann) bis „Keine (…)“ (Stephanie Gruppe). Manchmal stimmen die Empfehlungen der Frauen mit denen der Autorin überein, manchmal auch nicht. Etelka Kovacs-Koller bringt es auf den Punkt: „Jede Frau sollte das im Schrank haben, womit sie sich gut fühlt.“ Das kann man als Motto des Buchs begreifen, denn Susanne Ackstaller hat es geschafft, konkrete Empfehlungen mit der Ermutigung zu verbinden, alles so zu gestalten, wie man sich selbst damit am wohlsten fühlt. Dadurch ist das Buch unterhaltsam, locker und anregend statt dogmatisch. Der Anhang „Lassen Sie sich inspirieren“ stellt in sehr kurzen Texten weitere Frauen vor, auf deren Internetseiten Anregungen vielfältigster Art warten.

Lieblingsstücke und Stil-Ikonen
Annette Bopp / (c) Martina Klein, Knesebeck Verlag

Die interviewten und porträtierten Frauen erscheinen wie ein Miniquerschnitt der Frauentypen im mittleren Alter. Sie haben unterschiedlichste Berufe wie Food- und Modebloggerin, Art Directorin, Stylisting und Moderedakteurin, Malerin und Fotografin. Einige habe ich auf Instagram entdeckt. Sie sind rund und schlank, groß und klein, sie sind Frauen wie Sie und ich. Das spiegeln auch die Fotos wider, die die Frauen in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld zeigen. Annette Bopp sitzt barfuß auf der Lehne ihres Sofas vorm Bücherregal (S. 26), Christine Mortag lehnt im lässig-farbkräftigen Outfit in der Tür (S. 106). Die Interviewten verraten ihre Lieblingsmarken, Stil-Ikonen und dergleichen. So entsteht ein vielfältiges und beeindruckendes Kaleidoskop.

Illustrationen von Veronika Gruhl versprühen gute Laune und Schwung, sie hat Susanne Ackstaller sehr gut getroffen. Gemeinsam mit roten Überschriften, Textteilen und Zwischenseiten verleihen sie dem Buch eine frische Note.

Besitzen Sie einen Tüllrock?
Zeichnung: Verena Gruhl, Knesebeck Verlag

Nein? Ich auch nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, einen zu besitzen. Dass er aber in der Empfehlungsliste der Autorin auftaucht, finde ich wunderbar, denn er steht für mich symbolisch für die Ermunterung, etwas Ungewöhnliches, vielleicht sogar Verwegenes zu wagen. Wenn Sie womöglich lange Haare haben, kennen Sie sicherlich den Blick des Friseurs, der liebend gern die Haare kappen möchte, damit Sie jünger aussehen. Ich habe unzählige derartige Empfehlungen gehört. Aber ist es das Evangelium, jünger aussehen zu müssen? Warum soll ich mit Fünfzig, Sechzig oder Siebzig keine langen Haare tragen? Lange Haare sind zwar kein Thema in Susanne Ackstallers Buch, aber ich habe mich daran erinnert gefühlt, weil sie so charmant und souverän mit solchen Dingen aufräumt. Es ist nicht die Frage, ob man zu alt ist für einen Tüllrock, Glitzerschuhe oder lange Haare. Sondern es ist die Frage, ob man sich damit wohlfühlt!

Das ist schon einmal ein gutes Argument für meine Schrankbesichtigung. Obwohl Wallawalla gerade wieder in ist, fliegt das jetzt alles raus. Stattdessen prüfe ich, welche Kleidungsstücke von Susanne Ackstallers Liste bereits vorhanden sind und wie ich zu ihnen stehe. Ich hake ab: die weiße Bluse, die Jeans, die Sneakers, den Trenchcoat, das Nickituch. Wussten Sie, dass das Wort Bluse aus dem Mittelalter stammt? Der Kittel, den Kreuzritter als Schutz über ihrer Rüstung trugen, hieß „Blouse“. Wer schon mal in einer schwierigen beruflichen Situation war und eine gut sitzende weiße Bluse trug, weiß sofort, warum ich das stimmig finde.

Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen

In diesem Buch findet sich zu jedem Stück eine Erklärung zur Geschichte und ausführliche, kurzweilige Erläuterungen, was es mit dem Teil auf sich hat. Hinzu kommen Erklärungen zu Material und Schnitt („Was gibt’s zu beachten?“, Kombinierungsempfehlungen für verschiedene Anlässe („Wie wird’s gestylt?“) und letztlich sogar Bezugsquellen („Wo kriegt man’s?“). Dabei achtet die Autorin auf Nachhaltigkeit und faire Produktionsbedingungen.

Ihr Plädoyer für Qualität hat mich sofort überzeugt: „Ein Polyesterfetzen mag an 20-Jährigen noch charmant aussehen und bei einer 30-Jährigen gerade noch durchgehen. Aber bei Älteren wirkt er billig. Von möglichen Hitzewallungen unter Kunstfasern ganz abgesehen.“ (S. 23) Wobei heutzutage auch teure Teile aus Kunstfaser sein können. Doch dies ist das nächste Kriterium fürs Ausmisten. Tatsächlich fühle ich mich nicht mehr wohl in Polyester und bin jetzt so weit, alle unliebsamen Teile rauszuwerfen. Abgesehen davon hat man unlängst in Hamburg alle Altkleidercontainer eingesammelt, weil die abgegebenen Teile aus Kunstfasern nicht mehr verwertbar sind – nicht einmal als Lumpen. Die Entsorgung kostet für die Altwarenfirmen zu viel Geld, als dass sich eine Kleidersammlung noch lohnte. Ein Grund mehr, qualitativ Hochwertiges zu kaufen, das man später an Oxfam oder ähnliche Organisationen spenden kann.

Kreativ ins Umstylen

Weiter in Ackstallers Liste. Eine Jeansjacke? Besitze ich nicht. Sollte ich? Ich folge der Empfehlung der Autorin und schaue mich Second Hand um. Tatsächlich eine super Anschaffung, meine graue Jeansjacke! In meiner nächsten Online-Konferenz verpasste sie mir zu einem schlichten Shirt einen lässig-eleganten Look. „Nonchalance, Lässigkeit, Understatement“, meint die Autorin (S. 89) – sie hat recht! Hätte nicht gedacht, dass mir das steht.

Ich ergänze „die Umhängetasche“ durch „den Ledergürtel“ und finde beides in hervorragender Qualität in einem traditionellen Lederfachgeschäft einer niedersächsischen Kleinstadt, und das für sehr wenig Geld. Stattdessen verzichte ich auf „die Glitzerschuhe“, erwerbe aber umgehend „das weiße T-Shirt“. Langsam nimmt mein Stil-Experiment Form an! Ergänzend zu den Kleidungsstücken und Schuhe kommen die Kapitel „der rote Lippenstift“ und „die Augenbrauen“ mit guten Tipps daher. Welches Rot mir steht, finde ich allerdings schwer zu sagen – in einer Farbberatung habe ich gelernt, dass ich ein kühler Typ bin und deshalb eher blaustichige Töne wählen sollte, weil die gelbstichigen mich noch blasser erscheinen lassen, als ich ohnehin schon bin. Dass aber ein roter Lippenstift „Launeheber, Express-Stylist und Schönermacher par excellence“ ist (S. 43), das merke ich gleich, als ich ihn ausprobiere. Super!

Sie sehen schon, ich bin nicht unbedingt schnell durch mit dem Buch. Seit ich es habe, schaue ich jedes Teil im Schrank anders an. Es fällt mir leichter, mich zu trennen. Ich weiß die guten Teile mehr zu schätzen. Das Reduzieren ist ein erleichterndes Gefühl, weniger ist mehr. Ein gutes Teil anzuschaffen und dafür drei, die nichts mehr sind, wegzugeben, ist ein gutes Verfahren. Alles habe ich noch nicht ausprobiert, wie zum Beispiel „das Barrett“, aber das kommt noch! Mit diesem Buch werde ich noch lange Inspiration und Freude haben, und das wünsche ich Ihnen auch. Wer weiß, vielleicht findet sich ja Susanne Ackstallers Fanbase eines Tages mit Selfies, die vom Buch inspiriert sind, auf Instagram wieder?

(c) Knesebeck Verlag

Autorin und Fotografin

Susanne Ackstaller ist Kolumnistin, Bloggerin und Texterin. Seit 2009 schreibt sie auf ihrem Blog Texterella, der zu den bekanntesten Blogs Deutschlands zählt, über Mode und Lifestyle. Texterella richtet sich insbesondere an Frauen über 40, vor allem aber an Frauen, die ihren Weg voller Freude und Lebenslust gehen – unabhängig von Alter und Kleidergröße.

Martina Klein ist Fotografin und bloggt unter Still Sparkling über Stil, Reisen, Beauty und Genuss für die Generation Ü50. In ihren Bildern fängt sie mit viel Feingefühl die individuelle Persönlichkeit der Portraitierten ein und holt sich dabei besonders gerne Frauen Ü40 vor ihre Kamera.

Buchcover

Susanne Ackstaller: Die beste Zeit für guten Stil, Knesebeck, München 2021

“The 39 Steps” by Patrick Barlow – the new play at the English Theatre of Hamburg

Come on, dear, we are in a hurry! Photo: Stefan Kock

For all those who remember the spy thriller “The 39 Steps”, filmed in 1935 by the Master of Suspense Alfred Hitchcock, the stage version of the plot is a déjà vu. Yet it differs from the original story by Scottish author John Buchan who concocted a dramatic espionage novel in 1915, the second year of the First World War. Playwright Patrick Barlow, born in Leicester, was bold enough to transform this very serious subject into a highly amusing comedy spiced with all the ingredients of a thriller including loads of black British humour.

It’s great fun to drive this elegant car Photo: Stefan Kock

Have a look at our short synopsis before we go into detail: Pulled into a web of intrigue and deceit Richard Hannay, the unwilling hero of the plot, is constantly on a run to escape a criminal organization, two “femmes fatales”, weird farmers and wives. Richard is in a great hurry to solve the mystery of the 39 steps. He must stop a gang of spies to threaten national security. Does he succeed? Read on.

Here we go: While Richard Hanney, a young man in his thirties, is on vacation in London he attends a demonstration of “Mr. Memory”, a man with a photographic memory. On the way back to his flat he meets a frightened woman by the name of Annabella Smith who asks him to put her up for the night. She tells him that she is a spy chased by criminals who are trying to kill her since she has uncovered a plot to steal top secret documents that threaten national security. The head of the spy ring “The 39 Steps” is a most dangerous man who can easily be identified by the missing joint on the little finger of his right hand. Richard is at a loss to believe this fantastic story told by a woman with a thick German accent and goes to sleep. In the morning he finds his guest murdered with a knife in her back. When the police turns up and accuses innocent Richard of murder, he manages to escape in the very last moment. From now on he is a man on the run. He takes the next train to Scotland where, according to Annabella Smith, the head of the espionage organization is hiding.

The head of „The 39 Steps“
Good Lord, what is the matter with you? Photo: Stefan Kock

On the train he meets beautiful Pamela who identifies him as the killer portrayed on page one of all the newspapers in the country. She reports him to the police and Richard manages another dramatic evasion from the train on the Forth Bridge. He is lucky to find a place for the night at a farm in the Highlands. While the wife of the old suspicious farmer is friendly and gives him her husband’s warm coat to protect him from the cold in the mountains, the farmer reports Richard to the police. He is after the high reward promised to the person who helps to catch the killer. But Richard evades capture once again and finally finds a village named Alt-na-shellach where he meets Professor Jordan, a perfect gentleman at first sight. Looking at his right hand with a missing joint on his little finger Richard realizes that he is standing face to face with the head of “The 39 Steps.” When Richard refuses to cooperate with him and his spy gang, Jordan shoots at him. Thanks to the farmer’s hymn book in the breast pocket of the coat Richard survives. Now it is on him to report an attempt of murder to the sheriff. But – surprise, surprise – the sheriff and the rest of the police are befriended with Jordan. Another hope crushed, poor Richard. He is again on the run from his pursuers. All of a sudden he finds himself in a political meeting and is mistaken for a candidate. Without having the slightest idea of what is going on, he improvises a speech which is enthusiastically applauded by the audience. By chance he meets Pamela again. Out of the blue Jordan’s men arrive and handcuff Richard and Pamela to each other. They spend the night at a small hotel in the countryside. With a trick Pamela frees both of them from the handcuffs. After a longer discussion Richard can convince her of his innocence. Now they are free to go to London where – according to Pamela who overheard a telephone call – the spy gang will meet.

Pamela, why is it so dark in this room? Photo: Stefan Kock

Back in the city, Richard and Pamela meet at Mr. Memory’s show and realize that the spies are taking advantage of Mr. Memory’s performance to smuggle the secrets out of the country. When being perfectly memorized, there are no paper documents. A very clever idea. The show ends abruptly when Richard asks Mr. Memory: “What are the 39 steps?” Do you think, dear spectator, that Mr. Memory is able to answer that question? Come and find out yourself when you are sitting in the audience of the English Theatre. By the way, according to a New York critic, this scene remains one of the most gripping moments of the play.

Shall we call the police? Photo: Stefan Kock
Packed with twists and turns

Packed with twists and turns, this fast-paced thriller keeps the audience in constant suspense. Only four actors – one woman and three men – are playing during 100 minutes altogether 150 characters in this hilarious spy comedy. While James Killeen “only” plays one part, that of anti-hero Richard Hannay, Man 1 Charlie McCullagh and Man 2 Jonny Magnati are to be seen in multiple roles. They appear as police men, drivers, station masters, farmers, gang members and even as women imitating high-pitched voices. An endless mimicry causing roars of laughter in den audience. Madeleine Hutchins plays three female parts. In one scene she turns up as Annalena Schmidt, the spy “with the accent”, a few minutes later she is Pamela, the red-haired vamp who reports good-hearted Richard to the police. Margaret, the sweetly naïve grumbling farmer’s wife with her long blond plait is the most touching figure in the play. A great performance. Thank you, Madeleine. The same refers to Charlie and Jonny, two brilliant actors, dancers and singers who would do honour to every musical show. Not to forget James in the part of Richard who reminds us of Cary Grant in Hitchcock’s 1959 blockbuster “North by North West.” Remember? A New York City advertising man mistaken for a non-existing man by the name of George Kaplan is unwillingly thrust into a world of spies. Just as Richard he escapes his pursuers by chance and is still alive when all the trials and tribulations are over.

Conclusion: A brilliant performance on a grey November evening in Hamburg.
A big hand for director Paul Glaser and his crew of smashing actors!

Final performance of “The 39 Steps” on January 29, 2022.
Tickets under: phone number 040 – 227 70 89 or
online under: www.englishtheatre.de
Next premiere:
“Outside Mullingar” by John Patrick Stanley on February 10, 2022

 

“The 39 Steps” von Patrick Barlow – die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

Nun komm‘ schon, wir sind in Eile Foto: Stefan Kock

Mit dieser Farce auf den von Altmeister Hitchcock 1935 verfilmten gleichnamigen Krimi hat sich das English Theatre of Hamburg selbst übertroffen. Welches andere Theater schafft es, mit nur vier Darstellern ein so spannendes, temporeiches und mit einer gehörigen Dosis schwärzesten britischen Humors angereichertes Stück auf die Bühne zu bringen. Eine Persiflage, die selbst einen Dauerbrenner wie „Dinner for One“ um Längen schlägt und das Publikum die Sorgen, Nöte und Einschränkungen in Zeiten der Pandemie für zwei Stunden vergessen lässt.

Was für ein Spaß, ein so schickes Auto zu fahren! Foto: Stefan Kock

Die Handlung des Stückes versetzt uns in das turbulente London des Jahres 1935 am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, wo der junge Richard Hanney ein paar entspannte Urlaubstage verbringen will. Im berühmten Palladium in der Argyll Street lauscht er gespannt Mr. Memory, der mit seinem phänomenalen Gedächtnis das Publikum in seinen Bann schlägt. Wenig später begegnet er Annabella Schmidt, die sich von einer kriminellen Gang mit dem seltsamen Namen „Die 39 Stufen“ verfolgt fühlt und Richard bittet, sie für die Nacht bei sich aufzunehmen. Angeblich befindet sie sich im Besitz hoch brisanter Informationen, die die nationale Sicherheit bedrohen. Und um Unheil abzuwenden, muss sie umgehend eine Person in Schottland treffen. Dichtung oder Wahrheit, erdacht von einer Verschwörungstheoretikerin? Bevor Richard sich ein Bild von der mysteriösen Fremden machen kann, ist diese tot und liegt mit einem Messer im Rücken in seiner Wohnung. Wie nicht anders zu erwarten, verdächtigt die Polizei den unschuldigen Richard des Mordes. Der entzieht sich ihrem Zugriff durch eine tollkühne Flucht. Ab jetzt beginnt eine wilde verwegene Jagd kreuz und quer durch London. Während sowohl britische Ordnungshüter als auch Mitglieder besagter krimineller Bande dem angeblichen Delinquenten unerbittlich auf den Fersen sind, schlägt dieser Haken wie ein Hase und schafft es schließlich in einen Zug, der ihn nach Schottland bringen soll.

Die schöne Unbekannte

Mit Hilfe einer Landkarte aus dem Besitz Annabellas will er, neugierig geworden, dem Geheimnis der schönen Unbekannten auf die Spur kommen. Endlich für kurze Zeit seinen Häschern entkommen, tappt Richard in die nächste Falle. Die auf den ersten Blick sympathische Pamela entpuppt sich als üble Verräterin, die ihm ohne Skrupel die Polizei auf den Hals hetzt. Die Verfolgungsjagd geht weiter, bis Richard auf einem einsamen Hof in den Highlands ein bäuerliches Ehepaar trifft, das ihm Asyl für eine Nacht gewährt. Aber auch hier lauert höchste Gefahr, denn die Kunde von dem entlaufenen Mörder ist bis in dieses Nest am Ende der Welt vorgedrungen. Selbst hier gibt es Zeitungen, deren Titelseiten das Konterfei Richards ziert. Da jenem, der Richard ausliefert, eine hohe Belohnung winkt, findet der alte Bauer Mittel und Wege, die Polizei zu alarmieren. Allein seine Ehefrau empfindet Mitleid mit dem Verfolgten und schenkt ihm den warmen Mantel ihres Mannes, der sich später als sehr nützlich, sogar lebensrettend für Richard erweisen wird.

Mein Gott, was ist nur los mit dir? Foto: Stefan Kock

Erneut auf der Flucht, kommt Richard seinem Ziel immer näher, bis er schließlich auf ein herrschaftliches Anwesen in einem Ort mit dem klingenden keltischen Namen Alt-na-shellach stößt. Hier residiert Professor Jordan, offenbar ein Herr vom Scheitel bis zur Sohle, dem Richard sich anvertraut, bis er entdeckt, dass diesem die Kuppe des kleinen Fingers an der rechten Hand fehlt. Vor diesem Mann, dem Spiritus Rector der „39 Stufen“, hatte Annabella Schmidt ihn ausdrücklich gewarnt. Als Richard eine Zusammenarbeit mit Jordan verweigert, eröffnet dieser das Feuer auf ihn. Richard überlebt den Anschlag dank des Gesangbuches in der Brusttasche des geliehenen Mantels und wendet sich an den Sheriff. Doch – wie konnte es anders sein in dieser Welt der Clans – der steckt mit Jordan und den Seinen unter einer Decke. Um der Polizei zu entkommen, rettet Richard sich in eine Wahlveranstaltung, in der er für einen Kandidaten gehalten wird und eine zündende Rede hält, die mit tosendem Beifall von den Anwesenden aufgenommen wird.
Bei dieser Gelegenheit begegnet er der attraktiven Pamela wieder, die ihn zweimal verriet, weil sie ihn irrtümlich für den gesuchten Mörder hielt. Nun sitzen die beiden in der Falle, von einem Polizisten mit Handschellen an einander gefesselt. Pamela gelingt es, sich und Richard mit einem Trick zu befreien, so dass sie gemeinsam fliehen können. Es stellt sich heraus, dass der Polizist gar keiner war, sondern einer von Jordans Komplizen. Wow – wer hätte das gedacht!
Das verzwickte Spionagekomplott findet sein Ende im London Palladium, wo Richards unfreiwilliger Ausflug in die Welt der Geheimdienste begann. Diesmal wird er von Pamela begleitet. Erneut tritt Mr. Memory auf und beantwortet alle an ihn vom Publikum gestellten Fragen im wahrsten Sinne des Wortes wie „aus der Pistole geschossen.“ Ob er wohl etwas über die „39 Stufen“ und ihre Bedeutung weiß? Lassen Sie sich überraschen, liebe Zuschauer!

Eine gelungene Parodie auf das Genre Spionagefilme
Pamela, warum ist es hier so dunkel? Foto: Stefan Kock

Dieses Stück lässt das Publikum atemlos zurück. „Die 39 Stufen“ gleichen einem Parforceritt durch das Genre des Spionagethrillers. Denn als solcher war es vom schottischen Autor John Buchan angelegt, der seinen Plot 1915, im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges, zu Papier brachte. Es erstaunt nicht, dass Alfred Hitchcock sich dieses Stoffes annahm und ihn als hochdramatischen Krimi inszenierte, wie üblich augenzwinkernd gewürzt mit amüsanten Nebenhandlungen und einer kurzen Frequenz, in der er ganz bescheiden selbst auftritt.
Noch einen Schritt weiter geht der britische Bühnenautor Patrick Barlow, dem wir diese ebenso spannende wie skurrile Krimi-Komödie verdanken. Er nimmt den ganzen Spionage- und Geheimdienstschrott, mit dem wir nicht selten im Fernsehen gelangweilt werden, auf die Schippe und hält das Publikum mit einer Parodie auf das Genre bis zum Finale bei bester Laune. Zwischendurch wird auch zur Freude der Zuschauer mit Platzpatronen scharf geschossen. Alle gehen in Deckung!

Ein echter Geniestreich

Die Inszenierung unter der Regie von Paul Glaser ist ein echter Geniestreich. Und der gelingt mit nur vier Schauspielern – einer Frau und drei Männern – in 150 (in Worten: einhundertfünfzig) Rollen, und dies innerhalb von hundert Minuten! Die Mimen schlüpfen in Windeseile von einer Rolle in die nächste. Da wird durch den Austausch von Kopfbedeckungen aus einem Bobby ein Zugschaffner. Da verwandelt sich eine schlichte Frau aus den Highlands mit Hilfe einer platinblonden Perücke in einen Männer mordenden Vamp. Die rasante, mit einer Reihe Verfolgungsjagden gespickte Handlung raubt dem Zuschauer schier den Atem. Doch damit nicht genug. Er hat Mühe die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Denn häufig wähnt er sich auf der richtigen Fährte, wird alsbald jedoch eines Besseren belehrt. Dieses Stück verdankt seinen Effekt dem Einsatz einfachster Mittel. Hier wird ein schlichter Sessel zu einem Auto, indem der „Fahrer“ ein Lenkrad in die Hände nimmt und seine Passagiere über eine fiktive holperige Landstraße manövriert. Ein weiterer Gag ist der „Trick“, mit dem Pamela sich und Richard von den Handschellen befreit. Dafür zieht sie eine schlichte Haarnadel aus ihrem Chignon. Donnerwetter – von dieser Frau können selbst die gewieftesten schweren Jungs noch was lernen. Ein Brüller!

Sollen wir die Polizei rufen? Foto: Stefan Kock

Fazit: Diese Slapstick-Komödie verdient höchstes Lob. Von 10 möglichen Punkten verleihen wir die volle Zahl mit einem Stern! Ein weiterer Stern geht an die vier Schauspieler. Während James Killeen, der Darsteller des Helden wider Willen Richard Hannay, „nur“ eine Figur verkörpert, treten Charlie McCullagh und Jonny Magnanti in zahllosen Rollen auf. Sie steppen und tanzen wie die Weltmeister nach den Melodien der dreißiger Jahre, schlüpfen in die Rollen von misstrauischen Highlandern, falschen und gelegentlich echten Polizisten, mimen Ehrenmänner und Gangster. Hin und wieder ist auch die Rolle einer Frau dabei, die/der in ihrer/seiner Kostümierung und schriller Stimme für Heiterkeit sorgt. Ein tolles Duo, das in allen Sätteln der Bühnenkunst gerecht ist. Die einzige Frau im Bunde, Madeleine Hutchins, glänzt in drei unterschiedlichen Rollen. Sie ist die mysteriöse Annalena Schmidt, die glamouröse Pamela und das Landei Margaret in Personalunion. Vier Mimen – echte Rampensäue, wie man im Theaterjargon anerkennend sagt – die mit ihrer Spielfreude das Publikum auf wunderbare Weise „infizierten.“
Ein höchst amüsanter Theaterabend, der den Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Wer in den Weihnachtstagen oder zu Silvester noch nichts vorhat, sollte sich umgehend ein Ticket sichern.

„The 39 Steps“ läuft bis einschließlich 29. Januar 2022.
Tickets unter: 040 – 227 70 89
oder online unter: www.englishtheatre.de
Nächste Premiere:
„Outside Mullingar“von John Patrick Shanley am 10. Februar 2022

Knüppelfreitag: Schlacht am Zaailand vor 70 Jahren

Foto: Piet van de Wiel/Pixabay

Am sogenannten Knüppelfreitag (Kneppelfreed), dem 16. November 1951, fand die sogenannte Schlacht am Zaailand statt. „Zaailand“ ist der inoffizielle Name eines Marktplatzes in Leeuwarden (Ljouwert). Und Leeuwarden ist der Verwaltungssitz der niederländischen Provinz Friesland (Fryslân).

Zur Schlacht am Zaailand wäre es nicht gekommen, wenn nicht an jenem Freitag in dem an den Marktplatz grenzenden Gerichtsgebäude ein Prozess gegen Fedde Schurer stattgefunden hätte. Der friesische Journalist, Schriftsteller und Politiker musste sich wegen Beleidigung eines Richters verantworten. Er hatte in einem friesischsprachigen Leitartikel der Tageszeitung „Heerenvense Koerier“, deren Chefredakteur er war, Mijnheer Wolthers’ Amtsführung als „kindisch und schikanös“ kritisiert. Er hatte seine Gründe. Wolthers war wiederholt als friesenfeindlich aufgefallen. Einmal hatte er einen Milchmann verurteilt, weil dieser Ware nur auf Friesisch ausgezeichnet hatte. Ein andermal machte er es einem wegen eines Verkehrsdelikts vor dem Kadi stehenden Tierarzt unmöglich, sich auf Friesisch zu verteidigen.

Als zusätzliche Schikane wurde es empfunden, dass für die Gerichtsverhandlung ein kleiner Saal gewählt wurde mit der fadenscheinigen Begründung, Heizöl sparen zu wollen. So sammelten sich Schurers zahlreiche Sympathisanten, die im Gerichtssaal keinen Platz bekommen hatten, vor dem Gerichtsgebäude und skandierten öffentlich: „Wir wollen Schurer sehen!“ Da gerade Markt war, der Platz entsprechend belebt und auch die Presse an dem Sprachenstreit großes Interesse zeigte, wuchs die Menge vor dem Gerichtsgebäude schnell an.

Die zuständige Staatsanwaltschaft hatte damit nicht gerechnet und zeigte Nerven. Sie ließ den Platz von der Polizei mit Gewalt räumen. Knüppel kamen dabei ebenso zum Einsatz wie Wasserschläuche. Zusätzliches Öl goss die Staatsanwaltschaft ins Feuer, indem sie anschließend auf ein anonymes Protestpamphlet mit einer nächtlichen Razzia reagierte, in deren Verlauf Minderjährige aus ihren Betten gezerrt wurden.

Das löste eine Welle der Solidarität aus, nicht nur in Friesland. Die Obrigkeit sah sich gezwungen, zurückzurudern, die Regierung Schadensbegrenzung zu üben. So wurden den Friesen in den Niederlanden Zugeständnisse gemacht, die ohne den Knüppelfreitag möglicherweise nie oder erst später gemacht worden wären.

„Germanischer Bärenhund“ –  Porträt einer außergewöhnlichen Hunderasse

Als Hof-, Hirten- und Jagdhunde setzten die Germanen robuste, ausdauernde und wachsame Hunde, sogenannte Germanische Bärenhunde, ein. Diese mussten in einer harten, lebensfeindlichen Umwelt überleben und ihre Sippe verteidigen.

Im Laufe der Zeit verlor sich die Spur dieser Hunde. In den 1980er Jahren entwickelten sich aus einem Fehlwurf zwischen Bernhardiner und weißem Hirtenhund Welpen, die dem alten Germanischen Bärenhund nahekamen. 1994 wurde der moderne Germanische Bärenhund schließlich vom Deutschen Rassehunde Club anerkannt. Jörg Krämer schildert die Geschichte der Geburt dieser Hunderasse, illustriert die historischen Details mit kleinen Geschichten und Anekdoten sowie Bildern und gibt Ratschläge zu Haltung und Erziehung der kinderlieben, gutmütigen, charakterfesten Vierbeiner, die sich gut als Familienhund eignen.

Passt der Germanische Bärenhund in die Familie?

Ob die positiven Charaktereigenschaften voll zur Entfaltung kommen, hängt jedoch entscheidend von der richtigen und artgerechten Haltung ab. So ist das Buch eine wertvolle Informationsquelle, damit die Liebhaber dieser Rasse vor der Anschaffung eines solchen Hundes hinreichend überprüfen können, ob sie dem Tier und seinen Ansprüchen überhaupt gerecht werden können. Rüden können immerhin ein Gewicht bis 85 kg und eine Widerristhöhe von 85 cm erreichen, Hündinnen bis zu 70 kg bei einer Höhe bis zu 80 cm. Im Schnitt erreichen die Tiere ein Alter von zehn bis zwölf Jahren. Neben den häuslichen Gegebenheiten geht der Autor umfassend auf verschiedene Themen ein, wie z.B. die wichtigsten Grundregeln zur Ernährung und Gesundheit, empfohlene Impfungen und Wurmkuren, die kleine Hausapotheke, die Eingewöhnung und Erziehung des Welpen, Steuer und Versicherungen, was es vor dem Kauf eines Bärenhundes alles zu beachten gibt und wie man den passenden Züchter finden kann. Ein Erfahrungsbericht zum Leben mit dem Germanischen Bärenhund, Begegnungen mit Artgenossen auf Spaziergängen, mit dem Hund auf Reisen und schließlich die Begleitung des treuen Weggefährten auf seinem letzten Weg, runden das Buch ab und geben ihm eine sehr persönliche Note. Die Tipps sind alltagstauglich und auch mögliche Probleme, die sich ergeben können, werden angesprochen. Der Text ist sehr gut geschrieben und die informativen Bilder sind sehr ansprechend. Für diejenigen, die ernsthaft mit dem Gedanken spielen sich einen Germanischen Bärenhund anzuschaffen, ist das Buch ein nützliche Entscheidungshilfe vor dem Kauf. Wer sich bereits für einen Bärenhund entschieden hat, findet hier wertvolle Informationen und Tipps zum Leben mit dem sanften Riesen.

Jörg Krämer: Germanischer Bärenhund
Herausgeber: ‎ novum pro
Taschenbuch: ‎ 124 Seiten
ISBN-10: ‎ 3990266969
ISBN-13: ‎ 978-3990266960
Abmessungen: ‎ 13.49 x 0.76 x 21.49 cm
Preis: 17, 40 Euro

 

 

Website des Autors: https://www.ruhrpottstory.com/

Kuba – Ein Reiseführer auf den Spuren Ernest Hemingways

Mutti mit Cohiba

„Kuba, Hemingway, eine Cohiba + ich“ von Wolf Cropp liest sich wie ein Vademecum durch die wechselvolle Geschichte der karibischen Zuckerinsel, angereichert mit akribisch recherchierten Episoden aus der Vita des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway. Hier ist dem Autor der perfekte Spagat zwischen Reiseführer und Biografie gelungen.

 

Cropp beginnt seine weit ausgreifende Geschichte in den Keys, dem äußersten Zipfel der Vereinigten Staaten. Zunächst in Key West gestrandet, wie er im Eingangskapitel schreibt, schaut er, ein Lager aus der Flasche trinkend, auf den Golf von Mexiko und die mit vielen kleinen Eilanden gesprenkelte Straße von Florida. Hier ließ sich Hemingway auf Empfehlung seines Schriftsteller-Freundes John Dos Passos 1928 nieder. Das Ambiente seines aus Muschelkalk im amerikanischen Kolonialstil erbauten Wohnhauses – heute Museum – hat ihn offenbar zu Höchstleistungen inspiriert. Denn hier schrieb er „Wem die Stunde schlägt“ und „Die grünen Hügel von Afrika“, die weltweit zu seinen berühmtesten Werken wurden. Zudem frönte er in Key West der Hochseefischerei, seinem liebsten Hobby neben der Jagd. Aus Gesprächen, die Cropp mit Aficionados Hemingways vor Ort führte, ist unschwer zu entnehmen, dass er nicht zu „Papas“ Bewunderern zählt. Seine Sprache sei primitiv, die Plots nicht selten langweilig, findet Cropp. Eine Einschätzung, die die Rezensentin seines Buches über Kuba und Hemingway weitgehend teilt. Hemingways ausschweifendes Leben – man denke nur an seine zahllosen Liebschaften – war hingegen hoch interessant und füllte jahrelang die Seiten einschlägiger Publikationen.

An der Fassade Camilo Cienfuegos

Endlich landet Cropp auf Kuba. Er führt den Leser durch das laute quirlige Havanna, dessen bröckelnde Fassaden entfernt an die einstige Pracht der reichsten spanischen Kolonie erinnern. Das Straßenbild wird auch heute noch von den bonbonfarbenen amerikanischen Straßenkreuzern dominiert, die die Oberschicht des korrupten Bastista-Regimes zurückließ, bevor Fidel Castro mit seinen Genossen als „El Máximo Lider“ das Ruder übernahm. Von der anfänglichen Euphorie ist nichts geblieben. Mangelwirtschaft, wohin man schaut, leere Regale in den Läden. Und – Ironie der Geschichte – selbst der Zucker wird der Bevölkerung der Zuckerinsel in fast homöopathischen Dosen zugeteilt. Umso erstaunlicher berührt die Fröhlichkeit der Kubaner, deren Leidensfähigkeit unendlich zu sein scheint.

Die tropische Pracht Kubas fasziniert

Während seiner Erkundungstour kreuz und quer über die Insel gerät der Autor in manche prekäre Lage. Während eine „patrulla de policiá“ Cropps Papiere peinlich genau in Augenschein nimmt, versuchen ein paar Insulaner – allesamt arme Teufel – ihn mit einer angeblichen Hilfeleistung beim Reifenwechsel am gemieteten Renault über den Tisch zu ziehen. 500 US-Dollar her oder… Da kann der Autor nur das Hasenpanier ergreifen und weiterfahren in Richtung Santa Clara, dem Wallfahrtsort der Verehrer des Helden aller Linken dieser Welt, Che Guevara, dem man in diesem armseligen Ort ein monumentales Denkmal errichtet hat. Obwohl an den Händen dieses Revoluzzers – seines Zeichens Humanmediziner – das Blut vieler unschuldiger Menschen klebt, wird er auch fünfzig Jahre nach seinem gewaltsamen Tod verehrt wie ein Heiliger. Das Che gewidmete Lied „Hasta siempre comandante“ – auf immer um ewig, Kommandant – hat sich zu einer Art Nationalhymne entwickelt. Der Geist Guevaras lebt weiter auf der Insel und manifestiert sich in diesem Diktum: “Man trägt die Revolution nicht auf den Lippen, um von ihr zu reden, sondern im Herzen, um mit ihr zu sterben.“ Doch die meisten Kubaner haben die Nase gestrichen voll von derart inhaltlosen Parolen und Castros ständig wiederholtem Aufruf: „Revolución o muerte.“ Die Menschen wollen nicht für eine Ideologie sterben, sondern ein besseres Leben in einem Land, das die Natur so reich beschenkt hat. Liebevoll beschreibt Cropp die tropische Pracht Kubas in all ihren Facetten und dokumentiert in jeder Zeile, wie eingehend er sich mit der Fauna und Flora der Insel beschäftigt hat.

Über Santa Ifigenia geht es heute zum berüchtigten Guantánamo, einem trostlosen Ort mit real existierenden sozialistischen Plattenbauten. „1903 besetzte die amerikanische Marine die südöstlich gelegene Bucht, seitdem gibt es Streit,“ resümiert Cropp lakonisch. Wohin der letztlich führte, wissen wir aus Beschreibungen von Folterungen in diesem von den Amerikanern betriebenen Straflager, das trotz aller Beteuerungen bis heute nicht aufgelöst ist und nur noch alte und kranke Insassen beherbergt. Verlassen wir dieses Schandmal fehlgeleiteter Politik und wenden uns der fast unberührten Natur zu, die der Autor nach seiner Exkursion in die Niederungen menschlicher Unbelehrbarkeit aufsucht. Seine Naturbetrachtungen gehören zum Lesenswertesten des Buches. Wer hatte je zuvor von dem Monte-Iberia-Fröschchen gehört, das mit seiner Größe von 10 Millimetern auf einer Fingerkuppe Platz hat? Ob Riesenspitzmaus oder seltene Vogelarten wie der Zuzun, ein kolibriartiges Vögelchen, das gerade einmal 1,8 Gramm auf die Waage bringt, Cropp hat diese kleinen Wunder der Wildnis im Visier und lässt uns an seiner Begeisterung teilhaben. Während seiner Wanderung unter 40 Meter hohen Königspalmen, Drachen- und Trompetenbäumen droht ihm keine Gefahr. Denn Giftschlangen und Vogelspinnen sind auf Kuba unbekannt.

Auf zur Schweinebucht! Wer denkt da nicht an die gescheiterte Invasion der Amerikaner im Jahre 1962. Ein Desaster für den seinerzeit amtierenden Präsidenten John F. Kennedy. Diese Episode darf in keinem Buch über Kuba fehlen. Cropp hakt sie kurz ab und begibt sich geradeswegs ans Wasser. Denn an diesem Tag ist eine Tauch- und Beobachtungstour angesagt, die zur Laguna de las Salinas führt. Hier gilt es an Deck eines Bootes Delfine und Haie zu beobachten. Die kabbelige See tut diesem Vergnügen keinen Abbruch.

Unter Krokodilen auf Sumpfsafari

Eine Sumpfsafari in einem unwegsamen Gelände, in dem sich Krokodile von stattlicher Größe tummeln, ist ein Erlebnis besonderer Art. Hier ist äußerste Vorsicht geboten, denn die Echsen sind erstaunlich gewandt und schnell. Der Legende nach haben die Taino, Kubas Ureinwohner, in den Sümpfen ihr Gold vergraben, um es vor den gierigen Konquistadoren in Sicherheit zu bringen. Ob der sagenhafte Schatz immer noch tief im Schilf unter den langen Wurzeln ewig blühender Seerosen schlummert? Die Begegnung mit den „Kroks“ verläuft ohne Zwischenfall. Und so verabschiedet sich dieser ereignisreiche Tag „mit einem grandiosen Sonnenuntergang. bei dem der Feuerball wie eine flammende Orange im Röhricht versinkt, Wasser und Himmel in mystisches Lila taucht.“ Poetischer kann man „eines langen Tages Reise in die Nacht“ nicht beschreiben.

Hemingways Wohnzimmer in Finca

Obwohl der Autor bekanntermaßen kein Fan Hemingways ist, kommt er am Ende seines Kuba-Aufenthaltes wiederum an Papa nicht vorbei. Die aufregende Fangfahrt im blauen Strom erinnert an das Opus Magnum Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ und trägt demgemäß folgendes Zitat des Schriftstellers im Titel: „Der letzte Ort der Freiheit, den es gibt, ist das Meer.“ Cropp als ein mit den Wassern aller Meere gewaschener Fahrensmann ist kein ambitionierter Fischer, aber kann der Versuchung nicht widerstehen, auch einmal einen großen Fisch zu fangen. Bald hat er einen kapitalen Thunfisch am Haken. Nach einem langen Kampf mit diesem Meeresbewohner ist er fix und fertig und fragt sich nach dem Sinn der Übung. Was hat der Fisch ihm getan? Hat er nicht Besseres verdient als den Tod?

Versunken in voluminösen Kunststoffledersitzen eines Cadillac

Szenenwechsel. Dort, wo das Abenteuer Kuba begann, findet es auch sein Ende – in Havanna. „Gerade versinke ich in den voluminösen Kunststoffledersitzen eines Cadillac mit steilen Heckflossen. Eingequetscht zwischen einer Hausfrau mit vollen Tüten und einem Liebespaar. Der Dinosaurier ist mindestens 70 Jahre alt und nennt sich Taxi Particular.“ Wer schon einmal auf Kuba mit einem solchen Ungetüm auf den engen Straßen unterwegs war, weiß, wovon der Autor spricht. Das ist Lokalkolorit pur! Noch ein paar Tage auf der Insel und Cropp muss die Heimreise antreten. Ein Abschied, der wehmütig stimmt. Salud y adiós.

Mit „Kuba, Hemingway, eine Cohiba + ich“ hat Wolf Cropp wieder ein exzellent geschriebenes Buch vorgelegt, das jedem empfohlen wird, der Kuba besuchen oder aus der Ferne kennenlernen möchte. Bemerkenswert sind nicht nur die Beschreibungen von Land, Leuten und der einzigartigen Natur der Karibikinsel, sondern auch die geschichtlichen und ethnischen Bezüge, die ein paradiesisches Fleckchen Erde prägen, auf das vor nunmehr über fünfhundert Jahren ein Europäer zum ersten Mal seinen Fuß setzte. Mit den bekannten Folgen.

„Kuba, Hemingway, eine Cohiba + ich“ von Wolf Cropp, erschienen im Verlag Expeditionen, 304 Seiten, ISBN 978-3-947911-55-4, kostet 22 Euro

Fotos dieses Beitrags: Wolf-Ulrich Cropp

Manifest der deutschsprachigen Ikigai-Lyrik

Laotse, chin. Philosoph
Foto: Gontran Peer

Unsere Gegenwart ist die Zeit der geistig-seelischen Wende, für jeden von uns daher auch lebensentscheidend. Die Spiritualität findet im Alltag und im Leben jedes einzelnen Menschen jene Aufmerksamkeit, die diese Welt ins Positive verändern wird.

Das wahre Leben kennt nur Gegenwart, Harmonie, Licht, Liebe, Glückseligkeit, Wahrheit und Unschuld. Das wissen wir Menschen – egal, wo wir uns auf diesem Planeten befinden. Wir Menschen haben all das sogar in unseren Seelen gespeichert, wollen es allerdings nicht immer oder nur teilweise wahrnehmen und wahrhaben und vor allem nicht in die Tat umsetzen.

Deshalb sollte es wieder zur prioritären Aufgabe aller Kunstbereiche werden, Hilfe zu leisten und die Menschen auf die spirituellen Werte des Lebens hinzuweisen. Demzufolge spricht sich jetzt der Urheber dieses Manifests ganz klar für das Ikigai als Ziel eines kollektiven Glücks aus.

Eine japanische Lebensphilosophie

Das Ikigai ist eine japanische Lebensphilosophie, und Ziel des Autors dieses Manifests ist es, auch für die deutschsprachige Lyrik den japanischen Namen IKIGAI zu übernehmen.

Ikigai ist ein japanisches Wort und bedeutet auf Deutsch so viel wie Lebenssinn, Freude oder Wert des Lebens. “Iki” bedeutet Leben und “gai” Wert. Ikigai ist auch bewusste Wahrnehmung sowie Selbstfindung und Selbstverwirklichung jenes Wesens, das man selbst ist.

Im Wort Ikigai ist schon alles enthalten, wonach der Mensch streben und auch suchen sollte: das eigene und das kollektive Glück.

Die Suche nach dem Ikigai ist ein Prozess innerhalb einer Vielfalt von Existenzen.

Die Ikigai Lebensphilosophie will sich jetzt ganz sicher nicht zufällig im deutschen Sprachraum verbreiten, sondern aus der bereits genannten spirituellen Notwendigkeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts heraus.

Das Ikigai will sich als literarische, aber noch mehr als spirituelle Strömung der japa- nischen Kurzlyrik in deutscher Sprache durchsetzen. Es ist deshalb also nicht nur eine lyrische Gattung oder Form, sondern eine Lebenseinstellung, ein Lebensweg und ein Lebensauftrag, welche sich einiger japanischen Kurzlyrikformen und Kurzlyrikgattungen bedienen.

Das Ikigai bezieht sich vor allem auf die japanischen Lyrikformen und Gattungen wie Haiku, Senryu, Haibun, Haiga und Tanka, die im deutschen Sprachraum seit dem zwanzigsten Jahrhundert – sei es in japanischer Sprache als Original, als auch in deutscher Sprache als Übersetzung oder als Neuschaffung – in Erscheinung treten.

Ikigai ist nichts Geringeres als das allumfassende essenzielle Thema, um welches sich das ganze Leben dreht.

Ikigai ist also ein Sammelbegriff. Alle in diesem literarischen Manifest genannten japanischen Lyrikgattungen und Formen in deutscher Sprache dienen dem Ziel des kollektiven Glücks und werden hier deshalb als Ikigai bezeichnet.

Alles ist und hat Ikigai

Der Verfasser des Manifests will sogar von der grundlegenden Erkenntnis ausgehen: Alles ist und hat Ikigai, und jeder ist und hat Ikigai.

Die deutschsprachige Ikigai Kurzlyrik nach japanischem Vorbild will nach dem Wert des Lebens, also nach dem kollektiven Glück suchen und in diesem Zusammenhang und Kontext an die japanische literarische Blütezeit in der Edo-Periode anknüpfen.

Religionen, Philosophien und Denkweisen wie Shintoismus, Taoismus, Konfuzismus, Buddhismus und vor allem Zen-Buddhismus sollen das deutschsprachige Ikigai unterstützen.

Die deutschsprachigen lyrischen Ikigai Dichtungen nach japanischem Vorbild sind einerseits ausgesprochen der japanischen Tradition verpflichtet, andererseits aber auch der japanischen Moderne.

Da für jeden Ikigai-Dichter der Ausgangspunkt seiner Lyrik seine gegenwärtig geistig-seelische Ebene ist und das Ikigai sein sich gesetztes Ziel, darf die deutsch-sprachige Ikigai Dichtung nicht als spirituell vollkommenes Werk verstanden werden.

Der Frosch ist in Japan ein Glücksbringer.
Foto: Gontran Peer

Dem Ikigai-Dichter muss es darum gehen, dass die Natur, die Umwelt sowie die Mitmenschen an seinem Alltag sowie an seinem inneren Leben vollkommen teilhaben können – um zu erreichen, dass er in einem immer umfassenderen Bewusstseinzustand die Freiheit des Geistes, also das Glück schrittweise für sich findet und es dann anderen Menschen weitergeben kann.

Der verantwortungsvolle Auftrag sowie die besondere, große Aufgabe des Ikigai-Dichters besteht darin, seine Leser sowie Zuhörer durch seine Lyrik schrittweise zum geistig-seelischen Glück zu verhelfen.

Das ist die Gegenwart, das ist die Wende. Es lebe hoch die Gegenwart – und hoch lebe die Wende!

Ebenda im einundzwanzigsten Jahr des einundzwanzigsten Jahrhunderts