Sexuelle Funktionsstörungen: Diagnostik und Therapie

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Berend Olivier (ed.). Sexual Dysfunction. InTech Publ., Rijeka, 2017
Die Neuerscheinung des vom niederländisch-amerikanischen Pharmakologen Berend Olivier herausgegebenen Bandes „Sexual Dysfunction“ soll Anlass zu einem kurz gefassten Überblick über sexuelle Funktionsstörungen bei Männern geben, bevor auf den Stand der wissenschaftlichen Forschung in jenem Band eingegangen wird. Denn auf dem Markt der Potenzstörungen ist viel los, und es gibt Fragen über Fragen.

Nicht nur bei Erektionsstörungen oder vorzeitiger Ejakulation, die die Hauptprobleme der sog. Potenzstörungen bei Männern darstellen, sondern auch zur allgemeinen sexuellen Leistungssteigerung werden derzeit einige Wirkstoffe angeboten. Als Alternative zu den viel genutzten PDE-5-Hemmern wie Viagra® befinden sich auch naturähnliche Wirkstoffe auf dem Markt, über deren Nutzen-Profil jedoch wenig bekannt ist. In jedem Fall, und insbesondere zur bloßen Leistungssteigerung, gilt es bei jeder Dosierung nicht zu übertreiben und vorher ganz offen den Arzt des Vertrauens zu befragen.

Bei einer Erektion entspannt sich über die Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO) die glatte Muskulatur im Schwellkörper des Penis, sodass Blut in den Schwellkörper einströmen kann. Das Enzym Phosphodiesterase-5 (PDE-5) hingegen baut zyklisches Guanosinmonophosphat (cGMP) ab, was das Abklingen der Erektion einleitet. PDE-5-Hemmer verhindern diesen Abbau, sodass der sexuelle Akt ausgeführt werden kann, solange ein sexueller Reiz besteht. Die Wirkungsdauer beträgt, je nach Wirkstoff und Dosierung, zwischen 4 bis 36 Stunden. Bereits seit einigen Jahren gilt die sogenannte bedarfsorientierte Medikation als First-Line-Therapie (1). Bislang machte dies allerdings Sex nach Plan erforderlich und schränkte die Spontaneität somit erheblich ein. Die Einführung der sogenannten Low-dose-Intervention mit einer niedrigen, aber regelmäßigen Dosierung über einen hinreichenden Zeitraum macht unter bestimmten Voraussetzungen spontanen Sex auch bei erektiler Funktionseinschränkung möglich (2). Bei gleichzeitiger Einnahme von α-Rezeptoren-Blockern, Nitraten und ähnlichen Substanzgruppen besteht aber nach wie vor Kontraindikation.

Als Alternative zu PDE-5-Hemmern bieten sich nun naturähnliche Wirkstoffe an, deren Nutzen zumeist teils schwach, teils umstritten ist. Immer wieder, und daher kann sich ein Versuch lohnen, wird aber von individueller Wirksamkeit berichtet.

Ein kurzer Überblick dazu:
Phentolamin: Nutzen schwach bis umstritten (3)
L-Arginin: schwach bis umstritten (3)
roter Ginseng: schwach bis umstritten (3)
Yohimbin: wirksam bei leichten und psychosomatischen Erektionsstörungen; der seit nun etwa 100 Jahren angewendete α2-Antagonist Yohimbin wird als einigermaßen wirksam eingestuft; ist man also tendenziell gestresst, kann man dies probieren

Pflanzliche Alternativen können sein:
Agnus castus und Acidum picrinicum: als Viragil® zur psychophysischen Therapie bei männlichen Erschöpfungszuständen, da insgesamt abzielend auf Wiederherstellung des Sympathicus-Parasympathicus-Gleichgewichts
Rutin: steigert die Kapillarresistenz; eigentlich gegen Venenerkrankungen; gelegentlich wurde von verbesserter Erektionsfähigkeit berichtet; z.B. Tornix®

Was gibt es noch?
Durex Intensiv-Gel: als Stimulationsgel für Frauen gedacht, wird es auch als potenzsteigerndes Mittel von Männern verwendet; die darin enthaltene Aminosäure L-Arginin erscheint im Gel wirksamer als angenommen, fördert die NO-Bildung und wird auch bei unerfülltem Kinderwunsch und zur Verbesserung der Spermienqualität empfohlen
Taurumin: ein Nahrungsergänzungsmittel, über dessen Wirkung fast nichts bekannt ist; das darin enthaltene L-Arginin wirkt nur in Hochdosierung
Pro Man Boost: hier gilt gleiches wie für Taurumin
L-Citrulin: das dem L-Arginin verwandte L-Citrulin, das den Vorteil hat, vor Ankunft am Zielort nicht so stark abgebaut zu werden wie L-Arginin weist nach einer italienischen Studie gute Wirksamkeit bei leichten Erektionsstörungen nach (4); die Wirkung ist mit PDE-5-Hemmern zwar nicht vergleichbar, wird aber immer wieder einmal als gut beurteilt; nur bei relativ leichter erektiler Dysfunktion ist L-Citrulin zu empfehlen, zumal unklar ist, ob die Wirkung eher physiologisch oder psychologisch ist

Das von den Gynäkologen Daniel Stein und Nancy Bruemmer entwickelte ExtenZe galt kurze Zeit als vielversprechend; es enthält den Östrogen-/Testosteron-Vorläufer DHEA, der im Anti-Aging-Bereich eingesetzt wird. Rasch jedoch wurde von unbekannten Gefahren und dem Verdacht krebserregend zu sein berichtet (5).

Ein etwas anders gelagertes Problem stellt die Ejaculatio praecox (vorzeitiger Höhepunkt) dar. Hier gibt es verhaltenstherapeutischen Techniken, die erlernbar sind und mit denen die Verzögerung des Höhepunkts erreicht werden kann. Sowohl in Einzel- als auch Paartherapien können zudem Strategien herausgearbeitet werden, mit denen die Neigung zur vorzeitigen Ejakulation abgebaut werden kann. Dies nimmt Zeit und Mühe in Anspruch, kann allerdings anhaltende Erfolge bringen. Außerdem können auch körperliche Faktoren Auswirkungen auf die Dauer des Akts haben. Unbeschnittene Männer sollten eine Untersuchung auf ein Frenulum breve (verkürztes Vorhautbändchen) vornehmen lassen, da dies oft unbemerkt zur vorzeitigen Ejakulation beitragen kann (6). Es gilt also einige Faktoren zu berücksichtigen, bevor man einen medikamentösen Einsatz startet. Dass dieser lohnenswert sein kann, wie mit Dapoxetin, das als Priligy® noch nicht lang auf dem Markt ist, wird immer wieder bestätigt. Dieses Medikament beeinflusst den Serotoninspiegel, der auf die Ejakulationszeit wirkt (7).

Dem vorzeitigen Höhepunkt kann also mit Dapoxetin beizukommen sein; bei vorhandener Indikation kann für Männer mit erektiler Dysfunktion eine kurzzeitige regelmäßige Niedrigmedikation mit einem PDE-5-Hemmer wie Tadalafil in Betracht gezogen werden. In jedem Fall muss eine gründliche Anamnese erfolgen, und fast jede Medikation sollte von körperlichem Training oder Stressbewältigungsstrategien flankiert werden, was bei erektiler Dysfunktion auch hinsichtlich der häufig assoziierten Hypertonie hilfreich ist (8).

Einen der drei Kernthemenbereiche in Berend Oliviers Neuerscheinung „Sexual Dysfunction“ stellt dann auch die männliche erektile Dysfunktion in ihrer Assoziierung mit eben jenen kardiovaskulären Beeinträchtigungen dar, die sich oft als stressrelevante Faktoren wiederfinden. Lebensalter und hohe Medikamenteneinnahme gelten hier als besonders relevant; werden Herz-Kreislauf-Parameter jedoch medikamentös gut eingestellt, verbessert sich meist auch die erektile Dysfunktion. Diese und weitere Zusammenhänge werden beleuchtet, wie der Band insgesamt derzeitige Forschungsergebnisse zu sexuellen Funktionsstörungen mit dem Schwerpunkt auf Störungen bei Männern vorlegt. Zwei weitere Kernthemenbereiche stellen Hypogonadismus, ebenso wichtig für sexuelle Funktionsstörungen bei Männern, sowie psychiatrisch-psychosomatische Aspekte sexueller Funktionsstörungen bei Männern und Frauen dar. Beim ersten Thema steht vor allem die Individualisierung der Therapie im Vordergrund, bei letzterem die Wechselbeziehungen zwischen sexueller Dysfunktion, Depression und Pharmakologie. Die Erforschung der Zusammenhänge im psychiatrisch-psychosomatischen Bereich steht bei den sexuellen Funktionsstörungen noch am Anfang, gleichzeitig kündigt sich mittels der translationalen Medizin, die die Ergebnisse aus der Grundlagenforschung direkt in klinische Anwendung überführt, Vielversprechendes an. Beispielsweise ist in der Praxis die Gabe von Dapoxetin bei Ejaculatio praecox sehr oft hilfreich, aber nicht unproblematisch. Zu diesem und assoziierten Bereichen erfolgen eine Zusammenfassung von Studienergebnissen sowie kulturspezifische Überlegungen zu Erektion und Potenz.

Der Markt der wissenschaftlichen Neuerscheinungen zum Thema ist um eine Veröffentlichung reicher: Berend Oliviers konziser englischsprachiger Band „Sexual Dysfunction“ liefert ausführliche Übersichten über den Stand der Forschung. Wenn das Werk auch in erster Linie auf Mediziner und verwandte Berufe abzielt, macht es dessen Ergebnisse auch dem wissenschaftlich gebildeten Laien zugänglich. Zudem zeigt sich, wie groß der weitere Forschungsbedarf ist.

Berend Olivier (ed.). Sexual Dysfunction. InTech Publ., Rijeka, 2017

Literaturverweise:

  • Stadler, T.C., Stief, C.G., Becker, A.J. (2011). Medikamentöse Therapie der Erektilen Dysfunktion – Aktueller Stand und Ausblick. In: Sexuologie, 18, 1, 57-63.
  • Egloff, G. (2012). Potenz und Psyche – PDE-5-Hemmer als Low-dose-Dauermedikation? In: Arzt, Zahnarzt & Naturheilverfahren, 1, 12-13.
  • Leiber, C. (2008). Jenseits der PDE-5-Hemmer. In: Uro-News, 10, 24-25.
  • Cormio, L., deSiati, M., Lorusso, F. et al. (2011). Oral L-Citruline Supplementation improves Erection Hardness in Men with Mild Erectile Dysfunction. In: Urology, 77, 1, 119-122.
  • Stein, D., Engebretsen, K., Bruemmer, N., Frasure, B. (2008/2010). A Medically Designed Synergistic Combination of Pro-Hormones and Pro-Sexual Nutrients and their Influence on Male Sexual Desire and Potency: Preliminary Results. In: Journal of the American Association of Integrative Medicine, 4 (2010), 2-24.
  • Gallo, L., Perdonà, S., Gallo, A. (2010). The Role of Short Frenulum and the Effects of Frenulectomy on Premature Ejaculation. In: J Sexual Medicine, 7, 3, 1269-1276.
  • Berlin Chemie (2014). Priligy® Newsletter 2 „Männerwissen“, spaeterkommen.de
  • Gossmann, J. (2008). Hypertonie und Sexualität. In: Lenz, T. (ed.). Hypertonie in Klinik und Praxis. Stuttgart: Schattauer, 406-407.

 

 

 

 

Aktuelle Entwicklungen der Psychopathologie

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Internationale wissenschaftliche Neuerscheinung
Den wissenschaftlichen Forschungsstand zu aktuellen Konzepten in der Psychopathologie präsentiert der neue im New Yorker Wissenschaftsverlag Nova Science erschienene Band „Psychopathology: Symptoms, Challenges and Current Concepts“, herausgegeben von Jeremy Williams. Der Band vereinigt eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, mit Schwerpunkten auf klinischer Persönlichkeitsforschung und Gewaltentstehung. In acht Kapiteln werden Daten und Überlegungen vorgelegt und zukünftige Forschungsperspektiven ausgewiesen.

Nicole Schluep und Junaid Hassim untersuchen im ersten Kapitel „Prognosis in Context“ Prognoseperspektiven im Hinblick auf psychische Störungen. Dabei werden sowohl Faktoren zur Prognosestellung vorgestellt als auch kritisches Denken bei der klinischen Einschätzung in den Blick genommen. Es zeigen sich Notwendigkeiten von Kontextualisierungen, d.h. von Perspektivenrelativierungen, die schwierig, weil individuell anpassungsbedürftig sind, zumal soziale und persönliche Mechanismen psychisches Erleben in einem kulturellen Gefüge definieren. Die Prognosestellung, wie die Autoren es formulieren, variiert notwendigerweise mit der Tatsache, auf welcher Seite des Zaunes sich die Konzeption von Psychopathologie befindet.

Nicole Schluep ist Dozentin an der Psychiatrischen Klinik der Universität Pretoria und niedergelassen in privater Praxis.
Junaid Hassim ist klinischer Psychologe, Heilpraktiker und wissenschaftlicher  Mitarbeiter an der Psychiatrischen Klinik der Universität Pretoria.

Im zweiten Beitrag des Bandes „Pathological Personality Traits: The Darker Aspects of Personality“ widmen sich Gillian McCabe, Jennifer Vrabel und Virgil Zeigler-Hill jenen psychischen Anteilen, die im psychopathologischen Konzept der ´Dark Personality´ ihren Eingang gefunden haben. Mittels kategorialer und dimensionaler Zugänge werden hier Persönlichkeitsmerkmale diskutiert. Interessant ist, dass es eine Rückkehr zur alten psychoanalytischen Einsicht geben könnte, dass Persönlichkeitsmerkmale sich stets auf einem Kontinuum konstituieren, ein Ansatz, der in den letzten Jahrzehnten zunehmend verloren ging.

Gillian A. McCabe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Psychologie der Oakland University in Rochester, Michigan
Jennifer K. Vrabel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Psychologie der Oakland University in Rochester, Michigan
Virgil Zeigler-Hill, Persönlichkeitsforscher mit den Schwerpunkten Selbstwert, Narzissmus und interpersonelle Beziehungen, Associate Professor am Fachbereich Psychologie der Oakland University in Rochester, Michigan

Eine weitere Perspektive auf die „Dark Personality“ eröffnet András Láng in seinem Beitrag „Early Maladaptive Schema Domains and The Dark Triad: Core Beliefs Show What is Common and What is Distinct in Dark Personalities“. Jene Verhaltensmuster, deren sogenannte Eigenschaften Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus die ´Dunkle Triade´ begründen, werden auf ihre kognitiven Konstrukte hin untersucht. In seiner Studie arbeitet der Autor klinische und subklinische Merkmale heraus. Es lassen sich verschiedene Folgerungen ableiten, von denen die Hypothese frühkindlicher kognitiver Fehlanpassungen eine wesentliche ist.

András Láng, Assistant Professor an der Universität Pécs in Ungarn im Fachbereich klinische und Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitsforschung

Das vierte Kapitel des Bandes behandelt das Thema Vermeidung. Santiago Barajas, Luis Garra und Marisa García-Pérez stellen in “Avoidance: Implications for Psychopathology and Advances in Research” das Phänomen der Vermeidung im psychopathologischen Kontext derer Vorzüge und Nachteile vor und verweisen auf die Bedeutung der Funktionalität von Vermeidungsvorgängen für Diagnostik und Behandlung sowie auf Zusammenhänge mit Angststörungen und Depressionen. Ihr Studienüberblick fächert Vermeidungsvorgänge in Subtypen auf, die in grundlegend verhaltensbezogene, kognitive und erfahrungsgenerierte unterteilt werden. Daraus ergeben sich Optionen für Einschätzung und Behandlung. Wichtig erscheint dabei, dass gleichermaßen Verhalten, Denken und Fühlen angesprochen werden sollten.

Santiago Barajas, klinische Forschung, Universitätsklinik Guadalajara, Spanien
Luis Garra, Psychologe an der Universität Castilla-La Mancha
Marisa García-Pérez, Ärztin für Anästhesie, Schmerztherapie, Universitätsklinik Valencia

Das Forscherteam um Giulio Cesare Zavattini an der medizinisch-psychologischen Fakultät der Sapienza Universität Rom behandelt in ihrem Beitrag “The Intergenerational Impact of Trauma: Individual, Family and Community Implications”, dem fünften Kapitel, die Weitergabe von Traumata über die Generationen hinweg, eine Thematik, die in den letzten Jahren zu zahlreichen Veröffentlichungen geführt hat. Ihre Übersichtsarbeit führt Forschungsergebnisse mit dem Schwerpunkt schweres Trauma zusammen und referiert individuelle psychische Funktionen ebenso wie familiendynamische und soziodynamische Manifestationen der Weitergabe. Es zeigt sich auf verschiedenen Ebenen, dass Trauma-Aspekte transgenerational wirksam werden. In der Zusammenschau zeigt sich ebenso die erhebliche Bedeutung der Thematik, die lange Zeit vielfach unterschätzt wurde.

Giulio Cesare Zavattini ist Psychoanalytiker und leitet die Sektion dynamische und klinische Psychologie an der Sapienza Universität Rom
Antonio Gnazzo, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sapienza Universität Rom
Mojgan Khademi, niedergelassene Psychoanalytikerin und Associate Professor an der Alliant International University, Alhambra, Calif.
Viviana Guerriero, Psychologin, Sapienza Universität Rom
Julie Manoogian, niedergelassene Psychotherapeutin in San Diego, Calif., affil., Alliant International University, San Diego
Ani Kalayjian, Kulturwissenschaftlerin an der Columbia University New York
Gaia deCampora, ltd. Psychologin an der Sapienza Universität Rom, Perinatalpsychologin

Das sechste Kapitel fokussiert “On Pre- and Postnatal Mental Health Intervention Concepts” und trifft eine Bestandsaufnahme von Ansätzen früher Interventionen bei Mutter und Kind im vor- und nachgeburtlichen Bereich. Existierende Programme werden vorgestellt und der Forschungsstand beleuchtet. Vor dem Hintergrund einer materialistischen Sozialisationstheorie werden die Grundlagen um Einflüsse zu Persönlichkeitsentwicklung und Gewaltentstehung erweitert; ebenso wird die  psychosomatische Bedeutung pränataler Prägungen im intrauterinen Lebensraum  einbezogen.

Götz Egloff, nach psychoanalytischer und psychotherapeutischer Ausbildung in Heidelberg, Mannheim und Düsseldorf niedergelassen in Mannheim
Dragana Djordjevic, nach Tätigkeit als Ärztin im Kreißsaal Gastwissenschaftlerin an der Universität Heidelberg und Stipendiatin für den Aufbau psychosozialer Behandlungskonzepte für Neugeborene im jugoslawischen Raum, Oberärztin an der Universitätsklinik Niš. Forschung zur Psychosomatik der Herzfrequenzvariabilität

Robert Emes Beitrag “Advances in the Study of Male Psychopathy” bildet das siebte Kapitel. Die nach wie vor männliche Domäne der Psychopathie, einem Konzept, das auch als Soziopathie beschrieben wird und aufs Engste mit dem Phänomen Gewalt verknüpft ist, rekapituliert der Autor hinsichtlich der ihr unterliegenden Forschung. Eme weist auf Entwicklungspotentiale und -grenzen von Persönlichkeit hin und verbindet Ergebnisse und Erfahrungen mit neurowissenschaftlicher Forschung. In seinem Beitrag werden    entwicklungspsychologische Fragestellungen neu aufgeworfen; und es zeigt sich auch, dass selbst Programme, die frühzeitig einwirken, im Bereich Delinquenz bislang wenig erfolgreich waren.

Robert Eme forscht zum Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom in den Grenzgebieten Neurowissenschaften, Pädiatrie und Endokrinologie. Als Professor an der Argosy University in Schaumburg, Illinois, betreibt er langjährig Forschung zu Delinquenz

Last but not least, “Biofeedback – an Evidence-based Approach to the Management of Two Major Health Diseases: Obesity and Perinatal Mood Disorders” behandelt als achtes und letztes Kapitel des Bandes ein effektives, doch bislang wenig beachtetes Verfahren zur Beeinflussung von Übergewicht und Essstörungen sowie der postpartalen Depression. In ihrer Vorstellung des Verfahrens weisen Gaia deCampora, Luciano Giromini und Richard Gevirtz auf die Bedeutsamkeit der Regulierung des Autonomen Nervensystems bei psychischen und psychosomatischen Störungen hin. Die insbesondere in der Postpartum-Phase auftretenden Stimmungsstörungen können frühzeitig beeinflusst werden, so wie auch physiologische Parameter wie Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Steigerung der Flexibilität mittels Selbst-Regulation möglich und wünschenswert ist. Biofeedback, richtig eingesetzt, kann eine wertvolle Intervention sein, gerade wenn weitergehende Maßnahmen nicht passend sind.

Gaia deCampora, ltd. Psychologin an der Sapienza Universität Rom, Perinatalpsychologin
Luciano Giromini, Dozent an der Universität Turin und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Alliant International University, San Diego, Calif.
Richard Gevirtz, Alliant International University, San Diego, Calif., Forschung zur Herzfrequenzvariabilität

Der englischsprachige Band zeichnet sich durch eine ausgewogene Auswahl von Forschungsansätzen und -perspektiven aus. Sowohl Studien als auch theoretische Grundlagen werden vorgestellt. Die am Band beteiligten Wissenschaftler geben mit ihren Beiträgen Einblick in die derzeitigen Entwicklungen der Psychopathologie als Untersuchungsgegenstand und als Konzeption. Möglichkeiten und Grenzen werden dabei deutlich, ebenso wie die Erkenntnisbemühungen an der Schnittstelle von Natur- und Geisteswissenschaften.

„Psychopathology: Symptoms, Challenges and Current Concepts“, Jeremy Williams (ed.). Nova Science, New York. 225 pages, $ 160

 

Eine andere Einsamkeit – Hochsensibilität als Romanthema

von Maren Schönfeld

(c) Kadera Verlag
(c) Kadera Verlag

Während ich das Gefühl habe, dass unsere Welt immer lauter wird, immer voller mit Informationen und Nachrichten, stolpere ich über ein Buch, dessen Thema das genaue Gegenteil ist: Die Stille. Nicht die Stille in der Natur oder in der Nacht, sondern die Stille als ein Grundbedürfnis des Menschen. Es ist kein kontemplatives Sachbuch mit Anleitung zur Meditation, sondern ein Roman aus dem Hier und Jetzt, über eine Frau, die schon in ihrer Kindheit an dem Zuviel ihres Umfelds leidet. Als ihre Schwester geboren wird, melden die Eltern die dreijährige Xenia im Kindergarten an. Das Kind erlebt diesen Ort als die „Große Qual“ (S. 13), dessen Lärmmischung aus Geschirrgeklapper, Geschmatze, Geschrei und als Krönung der immer wieder erklingenden „Vogelhochzeit“ kaum auszuhalten ist. Ihre Versuche, sich innerhalb dieser Struktur zurückzuziehen, in Ecken zu verschwinden und allein zu spielen, scheitern an dem Eingewöhnungsprogramm der Erzieher. Xenia fühlt sich verkehrt, und dieses Gefühl soll ihr prägendes werden. Denn es wird nicht besser. Continue reading „Eine andere Einsamkeit – Hochsensibilität als Romanthema“

Balancieren lernen mit einem Buch?

von Maren Schönfeld

Buchcover
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Das ist meine erste Frage, nachdem ich den Buchtitel gelesen habe. Aber mir wird schnell klar: Das ist gar kein Buch! Jedenfalls keins, das man einmal durchliest und ins Regal stellt. Nicht mal eins, das man gemütlich bei Tee und Keksen, mehr oder weniger konzentriert, nach Belieben konsumiert. Nein: Das Buch fordert mich heraus. Schon auf Seite 18 lädt es mich ein, im Wohnzimmer zu balancieren, und auf Seite 21 finde ich mich schreibend wieder! Ich merke bald: Diese Seiten können mein Leben verändern, mit diesem Buch kann ich etwas, kann ich mich verändern. Und zwar nicht im Sinne viel gepriesener Selbstoptimierung zur Erzielung höherer Leistungen – wäre vielleicht auch als Nebenfaktor möglich –, sondern um in meine Balance zu kommen.

Aber der Reihe nach: Alexandra Bischoff stellt in diesem kurzweiligen, verständlichen und eloquent geschriebenen Buch Elemente aus Continue reading „Balancieren lernen mit einem Buch?“

Jung- und Gesundbrunnen Európa Fit in Heviz

von Uta Buhr

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Foto: Hotel Európa fit

Wer kennt es nicht, das von Lucas Cranach d.Ä. 1546 geschaffene prächtige Gemälde „Der Jungbrunnen.“  Auf diesem Genrebild stellt der Künstler dar, was sich seine Zeitgenossen am sehnlichsten wünschten – ewige Jugend. Alte gebrechliche Menschen, die sich mühsam an Stöcken voranbewegen oder herangekarrt werden, besteigen ein großes, mit heilendem Wasser gefülltes Becken, bewegen sich darin und springen dann voller Elan aus dem göttlichen Nass. Ohne Krücken! Continue reading „Jung- und Gesundbrunnen Európa Fit in Heviz“

Die schönste Badewanne der Welt – der Heilsee von Héviz

Von Uta Buhr

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Die „Badewanne“ aus der Vogelperspektive

Ubi beni, ibi patria! Wo es dem Römer gut ging, war er zu Hause. Besonders gefiel es ihm in der vom Imperium romanum eroberten Provinz Pannonia. Die fruchtbare ungarische Tiefebene bot den verwöhnten Bürgern Roms unter vielem anderen  eine ganz besondere Kostbarkeit – sprudelnde Quellen heilenden Wassers. Erstaunlicherweise taucht in keiner der ausschweifenden Erzählungen römischer Literaten und Berichterstatter der Heilsee von Héviz auf.

Könnte es sein, dass jene, die sich in seinen Fluten aalten, diesen Geheimtipp um keinen Preis weitergeben wollten? Continue reading „Die schönste Badewanne der Welt – der Heilsee von Héviz“

Zugänge zur Männerseele

Selbsterfahrung MannAndreas Schick, langjähriger Heidelberger Präventionsforscher und Männertherapeut, hat ein überfälliges Buch vorgelegt, das Theorie und Praxis des therapeutischen Umgangs mit der männlichen Psyche schlüssig miteinander verbindet. Ebenso leicht zugänglich wie undogmatisch angelegt, nutzt der Autor die Stärken von C.G. Jungs Archetypenlehre eindrucksvoll, um zu den lebensweltlichen Belangen heutiger Männer vorzudringen und diese therapeutisch-beraterisch zu handhaben. Diese Belange werden in ihren Schattierungen und entlang ihrer Schnittpunkte durch Fallvignetten illustriert, sodass die Verbildlichungen, die auf diese Weise gelingen, als eindrucksvolle Hintergrundfolie für die Arbeit mit Männern im Einzel- und Gruppensetting dienen können. Die an W. Mauckners initiatisch-phänomenologischem Konzept orientierte Männer-Arbeit strebt dabei sowohl eine geschärfte Wahrnehmung als auch die Rückbesinnung auf männliche Ressourcen an, die, weitab von chauvinistischen Klischees liegend, im Alltag verloren zu gehen drohen. Daher ist Schicks knappes, doch dichtes Werk hochinteressant und zeigt, dass überdauernde Konzeptionen jenseits des akademischen Mainstreams Geltung beanspruchen können, ohne esoterisch sein zu müssen. Der Autor versteht es, immer die männliche Lebenswelt im Blick zu haben und sich nicht in Theorie zu verlieren, diese im Gegenteil jederzeit nutzbar zu machen, so weit dies ein Buch überhaupt im Gegensatz zu in-vivo-Erfahrungen bieten kann. Um genau diese in der Männer-Arbeit zu ermöglichen, empfiehlt sich dieses Buch Männern und Frauen in unterschiedlichsten Arbeitsfeldern.

Allein mit der seltenen Krankheit EDS

Cover
Cover

von Maren Schönfeld

Karina Sturm legt mit diesem Erfahrungsbericht mit Tagebucheinschüben eines der ersten, wenn nicht gar das erste deutschsprachige Buch aus Betroffenensicht über das Ehlers-Danlos-Syndrom, Halswirbelsäuleninstabilität und die damit verbundenen Probleme vor. Sie schildert ihre schier endlosen Versuche, auf klassischem Wege und schließlich auch unter Einsatz ihrer eigenen Ersparnisse zu einer Diagnose und anschließenden Therapie zu kommen. Dieser Weg des Resignierens und immer wieder Aufstehens führt sie schließlich bis in die USA. Kaum zu glauben, dass die Autorin erst Ende Zwanzig ist und bereits vier Jahre ihres jungen Lebens in den Kampf investiert hat, und zwar nicht nur für sich allein. Sie hat sich vielmehr zum Ziel gesetzt, nicht nachzulassen, bis ihre seltene Krankheit sehr viel bekannter wird, und „zwar so lange bis in Continue reading „Allein mit der seltenen Krankheit EDS“

„Hop on – hop off“ mit der AIDAdiva

von Marita Weber-Hagel

Es geht gar nicht anders: Ein Trip mit der Rostocker AIDA Flotte heißt für Rollstuhlfahrer jede Menge Wellness und Genuss – aber auch jede Menge Action, Abenteuer & Kultur.

Unterwegs mit der Aida
Unterwegs mit der Aida

Wir sind auf der Ostsee Richtung St. Petersburg unterwegs. Erster Landgang in Tallinn nach einem Tag auf See. 23. Juni, bewölkt, 19 Grad. Fast gleichzeitig wollen an die 2000 Passagiere nach dem Frühstück von Bord der AIDAdiva. In drei bis sieben Stunden den malerischen Markt in der Altstadt, das gotische Rathaus besichtigen. Von der Aussichtsplattform den Kanonenturm, die mittelalterliche Stadtmauer bestaunen. Fotos in der Neustadt, an der Parkanlage Katharinental und der Sängerwiese schießen. In Souvenirshops zwischen Bernsteinanhängern, Continue reading „„Hop on – hop off“ mit der AIDAdiva“

Designkunst von Sybs Bauer: In jedem Fall mobil

erschienen online bei Petri+Lehr

Von Johanna Renate Wöhlke

Sybs Bauer
Sybs Bauer

Mobilität für Menschen mit körperlicher Behinderung in Verbindung mit Designkunst: die Hamburger Designerin Sybs Bauer und ihre Arbeit für Petri+Lehr: 112 Jahre im Dienst für Mobilität körperlich behinderter Menschen.

Wenn Pioniergeist und Designergeist zusammentreffen und sich darin eine 112 Jahre alte Firmengeschichte mit den modernen Ideen einer Designerin wie Sybs Bauer vereinen – dann liegt Innovation in kompetenten Händen. Im Falle von Petri+Lehr – 112 Jahre lang im Dienst für die Mobilität für Menschen mit körperlicher Behinderung – und Sybs Bauer ist seit März 2014 der Multifunktionsdrehknopf „MFDTOUCH“ für die Lenkung von Automobilen ein Beweis dafür. Sich durch technische Hilfen das Leben erobern können, welch ein Gewinn an Lebensqualität! Welch ein Erfolg für das Produkt – denn noch vor der Markteinführung im Frühjahr 2014 wurde es im Lieferprogramm von Mercedes-Benz aufgenommen. Continue reading „Designkunst von Sybs Bauer: In jedem Fall mobil“

Frühes Trauma verhindern

Der Belgrader Kongress zu Psychischem Trauma: Prä-, Peri- und Postnatale Aspekte (PTPPPA 2015) liefert Einsichten in die Entwicklung des frühesten Lebensalters

Den Bedingungen und den Folgen von psychischem Trauma widmete sich der Erste Internationale Kongress zu Aspekten rund um Schwangerschaft, Geburt und Frühsozialisation, der vom 15.-16.Mai in der serbischen Hauptstadt stattfand. Der Kongress versammelte Experten nicht nur aus dem jugoslawischen, sondern aus dem ganzen europäischen Raum, Russland, den USA und einigen weiteren Ländern. Gefördert vom serbischen Bildungsministerium und unter der traditionell starken Beteiligung deutscher, serbischer, griechischer und amerikanischer Fachgesellschaften rückte die ganze Bandbreite menschlicher Entwicklungsbedingungen in den Blick. Die frühe Entwicklungspädiatrie und -psychologie bildet dabei neben Geburtshilfe und Psychosomatik einen Schwerpunkt, ebenso wie die klinische Sprachforschung, die mit dem ansässigen Institut für experimentelle Phonetik und Sprachpathologie seit langer Zeit ein agiles interdisziplinäres Forschungsinstitut unterhält.

Neben evolutionspsychologischen Aspekten von Schwangerschaft und Geburt bildeten die transgenerationale Weitergabe von Schwangerschafts- und Geburtserleben eine grundlegende Hintergrundfolie psychodynamischen Verstehens; sowohl im Licht der Systemtheorie, der konkreten Mutter-Kind-Dyade oder der bio-psychologischen Auffächerung von Traumata bei Kindern und bei Erwachsenen wurden Studien und Überlegungen vorgestellt. Im Sinne der sogenannten Fötalen Programmierung, also der Einflussnahme intrauteriner Prozesse auf die spätere Entwicklung von Gesundheit und Krankheit des werdenden Menschen, wurde die ganze Tragweite früher Einflüsse deutlich.

Die Fächer Geburtshilfe und Psychosomatik mit Psychotherapeutischer Medizin verdienen hier besondere Aufmerksamkeit. So beeinträchtigen schwangerschaftsassoziierte Erkrankungen wie Präeklampsie und HELLP-Syndrom sowohl Mutter als auch werdendes Kind; Entwicklungsstörungen im Zusammenhang mit Kaiserschnitt-Entbindungen sind nicht selten; Nabelschnur-Umwicklungen scheinen mit dem Grad an mütterlicher Angst vermutlich mehr zu korrelieren als allgemein angenommen. Jegliche Interaktionen mit Auswirkungen auf das Ungeborene, Neugeborene, Frühgeborene müssen als besonders bedeutsam erachtet werden, da sich vieles nicht einfach auswächst. So können vielfältige auf dem Kongress vorgestellte Aspekte Geltung beanspruchen und internationale Präventions- und Interventionsansätze begründen. Klinische Bezüge stets im Blick, wurden bspw. Entwicklungswege zu sensorischer Integration, Autismus-Spektrum-Störungen, Laktose-Intoleranz oder Posttraumatischer Belastungsstörung dargestellt. Auch Trennungsangst, Asthma oder Schizophrenie verweisen auf ein breites Spektrum möglicher früher Entstehungsbedingungen.

Körperpsychotherapeutische Ansätze, die generell eher wenig berücksichtigt werden, aber frühe intrauterine Prägungen noch am ehesten erfahrbar werden lassen, fanden ebenso Eingang. Da Erinnerungsspuren aus dem vorgeburtlichen Leben nicht versprachlicht sind, können sie – wenn überhaupt – nur auf körperlichem Wege verstanden werden. Diese Dimension verdient gewiss besondere Aufmerksamkeit. Ganz konkret heißt dies natürlich, Bedingungen im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt – und der folgenden Frühsozialisation – zu schaffen, die frühe Traumata so weit wie möglich verhindern können. Ein Anliegen, dessen Dimension der Kongress deutlich machen konnte.

Für eine neue Geburtskultur

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Hebammen, Eltern und Experten vereint für vernünftige RahmenbedingungenDie gesetzlichen Krankenkassen verhandeln zur Zeit mit den Hebammen-Verbänden; die Wahl des Geburtsortes soll zur Disposition stehen. Ebenso sollen z.B. Vorgespräche von Hebammen mit Schwangeren nicht ausreichend finanziert werden; einiges mehr soll reglementiert werden. Viele Hausgeburten würden so aus dem gesetzlichen Leistungsspektrum herausfallen und zu privaten Leistungen umdefiniert werden. Noch will der Gesetzgeber einerseits eine flächendeckende Hebammen-Versorgung gewährleisten und das Selbstbestimmungsrecht von Schwangeren schützen; andererseits weiß man nur allzu gut, wie rasch politische Positionen heutzutage kippen.

Wie der Verein „HappyBirthday – Gemeinsam für eine selbstbestimmte Geburtskultur e.V.“ nach einem ersten deutschlandweiten Netzwerktreffen am 11.April 2015 in Kassel zusammenfasst, ist die anhaltende Verschlechterung der Rahmenbedingungen in Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe in Deutschland alarmierend. Gravierende Fehlentwicklungen gefährdeten nicht nur die Existenz freiberuflicher Hebammen, die körperliche und seelische Gesundheit von Müttern und ihren Kindern hänge in zunehmendem Maße von den familiären finanziellen Ressourcen ab. Bedenkt man die ohnehin schon niedrige Geburtenrate in Deutschland, so ist es grotesk, dass werdende Eltern in der Phase des Familienstarts wenig oder gar nicht bio-psycho-sozial versorgt werden.

Insbesondere die stetig steigende Zahl von Kaiserschnitten, eine sehr hohe Frühgeburtlichkeitsrate sowie eine ebenso hohe medizinische Interventionsrate bei fast allen Geburten lassen auf Fehlentwicklungen in der Geburtskultur schließen, die dringend Reformen benötigt. Auf dem Kasseler Netzwerktreffen sei deutlich geworden, dass die verschiedenen Elterninitiativen nicht nur ein Mitspracherecht fordern, wenn es um die Rahmenbedingungen von Schwangerschaft, Geburtshilfe, Wochenbett und Stillzeit geht, sondern diese den Staat nicht aus seiner Mitverantwortung entlassen wollen. Die Gewährleistung einer individuellen, wohnortnahen geburtshilflichen Versorgung sowie die stärkende Begleitung durch Hebammen bei der Familiengründung kann nur im Interesse aller sein.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Zeugung, Geburt und Erziehung wird in hochindustrialisierten Kulturen traditionell unterschätzt; sie muss in den Vorstellungen der Menschen und ganz konkret im Alltag vernünftige Bedingungen vorfinden, damit Gesellschaft funktionieren kann. Nicht nur werdende Eltern werden sich über diese Zusammenhänge immer öfter bewusst. Von wissenschaftlicher Seite wird der Einsatz von Familien-Hebammen mittlerweile als sehr sinnvoll erachtet; noch dazu werden die Erkenntnisse der Pränatalpsychologie weiteren Kreisen zugänglich. Gebären ist einerseits ein archaischer Akt, der auf den Ursprung der Menschheit verweist. Andererseits hat sich über Jahrzehnte eine Kultur der Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe entwickelt, die eine enorme Bandbreite an technischen Möglichkeiten und medizinischer Intervention aufweist. Dies führt dazu, dass eine angemessene menschliche Begleitung von Schwangeren und Gebärenden durch eine technische in den Hintergrund gedrängt wurde. Wie wichtig jedoch gerade in dieser sensiblen Umbruchsphase eine vertrauensvolle Betreuung ist, wissen Mütter, Väter und werdende Eltern nur zu gut. Nun gilt es, diese Fehlentwicklungen wieder in vernünftige, sinnvolle Bahnen zu lenken. Eine gelungene Geburtskultur zu etablieren ist notwendig und auch möglich, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Ein Umdenken ist dazu gewiss erforderlich. Zahlreiche Initiativen und Gesellschaften im Bereich der Geburtskultur haben dies bereits erkannt, so wie ebenso Wandlungen der Wahrnehmung von Zeugung, Geburt und Erziehung in weiten Teilen der Öffentlichkeit stattgefunden haben. Dazu gehört auch die Wandlung der Wahrnehmung von Schwangerschaft und Geburt vom rein Angstbesetzten hin zum auch Lustbesetzten, die immer mehr werdende Mütter realisieren können, dies auch gewiss mit den entsprechenden Auswirkungen auf das werdende Kind. Um allen Aspekten rund um diese komplexe Thematik gerecht werden zu können, müssen jedoch Notwendigkeiten personeller und materieller Ressourcen berücksichtigt werden. Die Schaffung einer gelungenen Geburtskultur muss oberstes Anliegen einer Gesellschaft sein – im Interesse der Gesellschaft, der Mütter, der Väter und der Kinder. Man kann die Bedeutung dessen gar nicht überschätzen: Es ist der Grundpfeiler, auf dem sich unser Sein errichtet.

Weitere Informationen auch über HappyBirthday e.V., Karlsruhe
www.happybirthday-deutschland.de

Götz Egloff / für HappyBirthday e.V.: Cerstin Jütte, Simone Vogel

„Ärzte ohne Grenzen“ sind „Optimist des Jahres“

Von Monika Landsky

Der „Optimist des Jahres“ ist in diesem Jahr 2015 die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wurde vom „Club der Optimisten“ in der Hanse Lounge verliehen. Der Club verleiht diesen Preis an herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nun schon zum 21. Mal.
In seiner Rede betonte der Vorsitzende des „Club der Optimisten“, Klaus Utermöhle, wie wichtig es gerade in dieser Welt der schrecklichen Nachrichten sei, an andere zu denken und sich seines eigenen Glückes sehr bewusst zu sein.
Den Scheck überreichte Utermöhle in Vertretung an Amadeus von der Oelsnitz, der die Ärzte ohne Grenzen seit zehn Jahren als Pfleger unterstützt und von der Arbeit berichtete, die seit 1971 von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern oft unter Einsatz ihres Lebens geleistet wird. Dafür opfern viele ihre Freizeit und ihren Urlaub. Sie helfen damit den Ärmsten der Welt und bringen ihre Hilfe auch in gefährliche Kriegsgebiete. Dafür wurde die Organisation im Jahr 1999 auch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/was-ist-aerzte-ohne-grenzen

 

Alphabetisierung der Empfindungen

von Götz Egloff

Rezension zu Ulrich Schultz-Venrath, Lehrbuch Mentalisieren – Psychotherapien wirksam gestalten, Klett-Cotta, Stuttgart, 2013.

Das Cover
Das Cover

Ein beeindruckendes Kompendium zum Themenkomplex des Mentalisierens legt Ulrich Schultz-Venrath vor. Im theoretischen Teil zeichnet der Autor die Entwicklung des Konzepts aus der französischen psychosomatischen Schule, über das Alexithymie-Konzept, hin zur Fonagy-Gruppe nach, gewahr der verschiedenen Betonungen körper-orientierter Ansätze. Der praktische Teil bietet reichhaltige Ausarbeitungen und Beispiele nicht nur zu verschiedenen Störungsbildern, sondern in verschiedensten therapeutischen Settings. Deutlich wird immer wieder die Grundlage der psychoanalytisch-interaktionellen Methode des Göttinger Modells (Heigl/Heigl-Evers, König), die letztlich auch den Weg zur Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) bahnte.
Crits-Christoph, Luborsky, Gabbard fallen spontan ein, pragmatische Analytiker; allen voran Sullivan mit seiner leider weithin vergessenen, doch brillanten interpersonellen Psychoanalyse. Continue reading „Alphabetisierung der Empfindungen“

Neues vom wilden Analytiker

von Götz Egloff

Rezension zu Michael Giefer, Otto Jägersberg, Walter H. Krause (Hg.):
Wege zum Es. VAS – Verlag für akademische Schriften, Bad Homburg, 2010.

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Dieses Buch, das die Vorträge des Baden-Badener Georg-Groddeck-Symposions 2009 der
deutschen Georg-Groddeck-Gesellschaft anlässlich dessen 75. Todesjahrs versammelt, ist alles andere als eine trockene Vortragssammlung. Selten werden Psychotherapie und Psychosomatik so lebendig vermittelt wie in den Beiträgen dieser internationalen (und wirklich interdisziplinären) Denker und Praktiker (Damen wie Herren). Damit wird man dem Altmeister der „wilden Analyse“, dem Schöpfer des „Buch vom Es“ und all zu oft enfant terrible Geschimpften mehr als gerecht. Zu sperrig, zu kauzig, um im überrationalisierten Wissenschaftsdiskurs heute noch Erwähnung zu finden. Lässt man sich auf ihn ein, öffnen sich Welten. So oder so ähnlich muss Freud empfunden haben, der nur wenige Häretiker um sich ertragen konnte; Ferenczi und Groddeck waren persönlich und inhaltlich einfach zu originell, um sie loswerden zu wollen. Continue reading „Neues vom wilden Analytiker“

Zwangsehe mit Gummipuppe? Noch nicht in Sicht!

Von Johanna Renate Wöhlke

Eine Satire, stellenweise auch ernst zu nehmen

Manchmal kann auch eine große Philanthropin und Optimistin zur Zynikerin werden. Warum? Der Grund dafür stand heute früh in meiner großen Regionalzeitung. Er stand auf der letzten Seite „Aus aller Welt“ und trug die Überschrift „Zur Zwangsehe nach China verschleppt“.

Zur Zwangsehe nach China verschleppt? Das musste so kommen. Zum Glück, so scheint es, sind noch keine blonden Europäerinnen dabei. Im Kreise lebenskluger Freundinnen haben wir schon vor Jahren prognostiziert – ohne zum Club der Weisen zu gehören – dass die „Ein-Kind-Politik“ Chinas im Desaster enden wird. Im Desaster menschlicher Trugschlüsse, illusionärer Hoffnungen, frauenfeindlicher Denkweisen und menschenfeindlicher Handlungsmaximen. Continue reading „Zwangsehe mit Gummipuppe? Noch nicht in Sicht!“

Diabetiker brauchen Herzschutz

Von Achim Simon

Roter Naturreis
Roter Naturreis

Mehr als 7 Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes und müssen ein Leben lang besonders bewusst ihren Lebensalltag bewältigen. Die Zuckerkrankheit zwingt die Menschen dazu, sich aufgrund ihrer meist auch zu hohen Cholesterinwerte ausgewogener zu ernähren und moderat zu bewegen sowie  ihren Insulinstoffwechsel so gut es geht mit Medikamenten zu steuern. Doch hier können Probleme lauern: Viele Medikamente- insbesondere die sogenannten Statine, die weltweit am meisten bei zu hohen Blufettwerten eingesetzt werden, haben zum Teil schwere Nebenwirkungen. Doch es gibt Alternativen, hohes Cholesterin auf natürliche Weise senken. Continue reading „Diabetiker brauchen Herzschutz“

Sicherheit mit Unbekannten: Wie gut lässt sich wirklich für Krankheit und Sterben vorsorgen?

Von Maren Schönfeld

An einem Tag im Mai passierte, was Bärbel M. (63) ihrer sterbenskranken und alten Mutter um jeden Preis ersparen wollte. Nach dem fünften Schlaganfall, Selma B. (90) hatte aufgehört zu atmen, wurde die alte Dame wiederbelebt. Gegen ihren Willen und gegen ihre ausdrückliche schriftliche Verfügung.
2009 erklärte die Bundesregierung die Patientenverfügung für verbindlich. Wer sie missachtet, macht sich der Körperverletzung strafbar. Weil Bärbel M. und ihre Mutter das wussten, beschritten sie anderthalb Jahre zuvor einen Weg, der Menschen empfohlen wird, die sich um ihre letzte Lebensphase Gedanken machen. Selma B. unterzeichnete eine Patientenverfügung, in der sie bestimmte, dass man ihr keine Magensonde legen dürfe. Das Papier enthielt auch die Anweisung, ohne Aussicht auf Genesung nicht zur Lebensverlängerung an Apparate angeschlossen zu werden. Wenn sie nicht mehr allein atmen konnte, wollte sie sterben. Sie bestimmte ihre Tochter Bärbel M. zur Vorsorgebevollmächtigten; diese sollte dafür sorgen, dass die Verfügung im Ernstfall beachtet wird. Nach Gegenzeichnung durch den Hausarzt ließ Bärbel M. die Dokumente bei der Bundesnotarkammer hinterlegen und informierte das Pflegeheim, wo Selma B. seit ihrem ersten Schlaganfall lebte. Sie reichte Kopien zur Akte, mit dem guten Gefühl, nun alles geregelt zu haben. Doch es sollte sich zeigen, dass die Theorie von der Realität weit entfernt ist. Continue reading „Sicherheit mit Unbekannten: Wie gut lässt sich wirklich für Krankheit und Sterben vorsorgen?“