Rezension zu Martin Altmeyer: Auf der Suche nach Resonanz –

wie sich das Seelenleben in der digitalen Moderne verändert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2016

„Der totale Staat, mochte er sich nun als 1000-jähriges Reich oder elektrifizierte Sowjetmacht darstellen, beruhte auf der Emergenz jener gigantischen Beeinflussungsmaschinerie, die auch noch den abgelegensten Herrgottswinkel gleichzuschalten vermag. (…) Und so konnte sichtbar werden, was die politischen Differenzen und Unterschiede zuvor verschleierten: dass nämlich die entscheidende Botschaft nicht in dieser oder jener Lehre ruht, sondern dass sie in den Medien selbst verborgen liegt“ (Burckhardt 2008, S. 70).

Was Martin Burckhardt hier luzide zusammenfasst, beschreibt nichts weniger als die Ermöglichung des Aufstiegs von Totalitarismen. Und so sei diese Rezension auf jeden Fall eine Kauf-Empfehlung. Denn, wie der Autor Altmeyer weiß, ist die digitale eine mentale Revolution. Er hält Digitalisierung für eine Öffnung und nicht für eine Zersetzung. Vor diesem Hintergrund wird Christopher Bollas´ Argumentation vom IPV-Kongress 2015 immer nachvollziehbarer. In seiner Gegenrede hält Altmeyer letztendlich Bollas vor, es gäbe kein ´age of bewilderment´, keinen zunehmenden Horizontalismus mit Verlust von Denk- und Gefühlstiefe, keine Tendenz zu nur noch Beziehung statt Essenz, keine Homogenisierung mit Entwertung der Bedeutung von Differenz (in der alle gleich, und auch alles gleich wichtig wird), keine ´sightophilia´ mit exazerbierender Lust am Sehen und Gesehenwerden, keine Unlust auf Einsicht. Altmeyer tut alles, um Bollas´ Belege zu entkräften: keine jüngeren Patienten mit niedrigem Bildungsniveau, eingeschränkter Reflektionsfähigkeit, restringiertem Sprachcode, woraus, so Bollas, ein ´subjecticide´ folge. Bollas´ Aufforderung, den Mord am Subjekt – wenn schon nicht verhinderbar – doch durch die Psychoanalyse wenigstens kritisch zu begleiten, hält Altmeyer schon für Anmaßung. Stattdessen nimmt Altmeyer für seine Diagnostik in Anspruch, wohlwollend zu sein – was wenig Sinn macht. Wohlwollend ist man zum Menschen, oder zum Patienten, aber nicht zur Theorie oder zu den Phänomenen. Womöglich hat sich der Autor in seiner eigenen Vernetzungstheorie verfangen – das dezentrierte Ich erschiene in ganz neuem Licht.

Es fällt dennoch nicht ganz leicht, den vorliegenden Band seiner verdienten Kritik zu unterziehen – wie soeben sehr elegant in der ´Psyche´ erfolgt (Senarclens de Grancy 2019) –, denn die Stimme des Autors macht einen sympathischen Eindruck, zeugt von Neugier und Beobachtungsgabe, ist in vielen Gebieten bewandert und beweist immer wieder guten Geschmack. Und das ist nicht ironisch gemeint. Dass ein durchaus renommierter Wissenschaftler und Psychotherapeut dann, ähnlich wie es schon sein Kollege Martin Dornes – noch erheblich weitreichender, dafür mit weit weniger Charme – gemacht hat (vgl. Egloff 2017b), virtuelle Stumpfheit zu verteidigen antritt, ist geradezu symptomatisch. Ist es das Alter, das Anschluss an die Jungen halten will und den Nach-68ern, die die hochambivalenten Ergebnisse der Revolution nicht einzuordnen wissen, zu Munde redet? Oder ist es das Ergebnis einer Frankfurter Intellektuellen-Umgebung, die in jeder Mode die Revolution sieht, gewissermaßen der Stahlhelm-Flügel der CDU mit umgekehrten Vorzeichen? Was ist da eigentlich los, möchte man fragen.

Von mentaler Verfassung spricht Altmeyer, und auch von der postheroischen Persönlichkeit (dies scheint der Traum aller Kinder der 1950er zu sein, verständlich), obwohl er immerhin das Konzept nicht ganz teilt. Viele solcher Konzeptionen müssen höchst kritisch gesehen werden (vgl. Brüggen 2012), drohen diese jede tiefer gehende Erkenntnis in die seichten Gewässer der Postmoderne rutschen zu lassen. Eher sinnvoll sind hingegen Konzepte, die der Entfremdung, die der menschlichen ödipalen Entwicklung entgegenstehen kann (vgl. Swales 2007; 2012) und somit Pathologie befördert, genug Platz einräumen. Sonst würde postheroisch nichts anderes bedeuten als post-bescheiden, post-reflexiv, post-kompetent. Im Zeitalter von Post-Rechenschaft und Post-Leidenschaft wäre sie postmodern in all ihren pathologischen Facetten. Wiederum hätte dieses insofern unbemerkt Ähnlichkeit zu Konzepten von Alain Badiou, als dass man diesem vorhält, eine nicht-pathetische Politik zu fordern, also eine Politik der Wahrheit, nicht der Leidenschaft. Doch nicht nur die Frage, ob so etwas wie Wahrheit vor, mittels oder nach Leidenschaft kommt, bleibt Altmeyer schuldig.

Es wäre in der Tat gut, wenn Menschen nicht mehr so anfällig für Totalitarismus – oder Totalismus (Lifton 1993) – wären, aber ist dem wirklich so? Der medialen Digitalisierung eine demokratiefördernde Wirkung bescheinigend, ist Altmeyers Mantra nämlich: sozialer Widerhall um jeden Preis. Der virtuelle Kapitalismus als Resonanzkatalysator? Nichts gegen Resonanz – wir brauchen sie alle – aber es gibt eben auch Resonanzpathologie. Und gibt es jenseits von Surfern, Driftern und Depressiven (Rosa 2015) noch etwas anderes im virtuellen Raum? Die beziehungsorientierte Erklärung, nach der sich die depressive Störung als Form von Entfremdung im Sinne von Resonanzlosigkeit konstelliert – weil alles zur Disposition steht –, verweist nämlich deutlich auf Aspekte des medialen Zeitalters. Mit Leuzinger-Bohleber – doch das Konzept ist nicht neu – kann die depressive Störung als extreme Entschleunigung, als Verweigerung gegenüber den Lebensverhältnissen verstanden werden (Leuzinger-Bohleber 2015), sozusagen in der Dialektik von Aneignung und Widerstand (vgl. Egloff 2015; 2017b). Remanenz würde damit zur privaten Notwendigkeit, mit der beschleunigten Umwelt in überlebensdienlichem Modus umzugehen. Der Heidelberger Psychiater Hubertus Tellenbach (1914-1994), der das Konzept der Remanenz, des psychischen Zurückbleibens hinter wie auch immer gearteten Erwartungen, entwickelte, eröffnete nicht nur für die Psychopathologie eine neue Dimension; sie reicht hinein in die Postmoderne, in der Subjektivität und Identität deutlichen Gefährdungen unterliegen (Janus 2017). Es wäre also geradezu gesund, das Zurückbleiben, die Entschleunigung, zu vollziehen und zu fördern. Denn die von Altmeyer beschriebene Faszination, die von Medien ausgeht, ist nicht neu – neu ist aber das Ausmaß der medialen Flutung, die mittlerweile alle lebensweltlichen Sphären okkupiert. So ist Altmeyer mit seinen Überlegungen zur Geheimnissuche in den Medien durchaus auf der richtigen Spur, diese führt aber nicht etwa zu Identität oder Authentizität, sondern in ihr Gegenteil.

Altmeyers affektive Abenteuer im Bestehenden wirken seltsam schlicht neben Alain Badious Diagnose vom zeitgenössischen Subjekt, das „leer, gespalten, a-substanziell, irreflexiv“ (Badiou 2005, S. 553) ist. Man muss vielleicht nicht die ´famous last words´ eines Steve Jobs gegen die Shakespeares ins Feld führen, wie es Terry Eagleton (2013) tut, man kann es aber. Denn im Rahmen der neuen Medien überantworten sich immer mehr Menschen der ´smarten´ Diktatur der medialen Welt (Welzer 2016). Was gerne ´rationales´ Handeln genannt wird, wird regelhaft mit bedeutungsvollem Handeln verwechselt, das zudem der Interpretation bedarf (vgl. Eagleton 2011, S. 133). So versucht Altmeyer sich an einer Art ´rational-choice-theory´ der Medien – bizarr genug. Dass Zeichen und Referenten frei flottieren könnten oder dass die Ununterscheidbarkeit von Bild und Wirklichkeit Hyperrealität (Baudrillard 1982) erzeugt – mit der Postmoderne in der neoliberal formatierten Welt mag er sich nicht ernsthaft beschäftigen. So werden von ihm zwar jede Menge interessanter Autoren zitiert, deren Werke aber nicht wirklich genutzt, so Aldous Huxley, Peter Sloterdijk, Slavoj Žižek, Thomas Fuchs. Stattdessen diskutiert er deren Medienpräsenz, und wir erfahren, dass eine Frau zu Guttenberg aus der Familie Bismarck stammt.

Obwohl er sie auf dem Schirm hat, argumentiert Altmeyer, als ob es Huxley und Orwell nie gegeben hätte, die bereits 1932 und 1949 herausgearbeitet haben, dass gesellschaftlicher Konflikt vorzugsweise durch Konsumerismus oder Terrorismus vermieden wird. Das Prinzip Terror dient der Einebnung von Konflikt ebenso wie es das Prinzip Konsum tut (vgl. Assmann & Harth 1997). Aber man darf sich natürlich auch auf die Seite von Houellebecq schlagen – vorausgesetzt, man reflektiert Positionen vorher ernsthaft. Stattdessen ist ihm die Geistesaristokratie eines Sloterdijk ein Dorn im Auge. Im gleichzeitig ent- und über-sozialdemokratisierten Kapitalismus neoliberaler Prägung kann vielleicht nur noch Geistesaristokratie bewahrt werden. Letztlich kommt es nicht von ungefähr, wenn, wie Sloterdijk formuliert, Unterhaltungsmassen den Aufstandsmassen gegenüber stehen, was heute ganz konkrete Bedeutung gewinnt (vgl. Egloff 2017a). Vielleicht ist Altmeyer auch lange nicht mehr bei McDonald´s gewesen, wo nach ein, zwei Metern das erste, nach weiteren zwei das zweite Bestellterminal folgt; ideal für die ADHS-Generation, die nette ´Generation Y´, oder schon ´Z´? Mehr Anbiederung an den Zeitgeist als nützliche Verbesserung. Und was ist mit dem halbstündigen Ausharren in der Warteschleife der Telekom, in der durchaus zugewandte Call-Center-Agenten ganz postheroisch stets die ihnen zugedachte Aufgabe an den Kunden zu verschieben suchen? Da war die einstige Störungsstelle der Post zwar unfreundlich, aber effektiv.

Die Zukunft des Sozialismus und die Vergangenheit des Faschismus bildeten den Sinnhorizont in der alten DDR. Im Gegensatz dazu herrschte im postfaschistischen Westen pure kapitalistische Gegenwart, kein offizieller Erfahrungsraum oder Erwartungshorizont; daher konnten Bierchen und Krimi genügen (Welsch & Witzel 2016, S. 118), um alltagserhaltend, wenn auch nicht sinnstiftend zu wirken. Dies geht nun verloren, und prompt geht öffentliche Meinung ins Indifferente und Pseudo-Sinnhafte (vgl. Egloff 2018). Sozialabbau und ähnliches wird dann gern Modernisierung genannt. Die tendenzielle Aggressivität im Konsumkapitalismus wird damit befeuert, zumal Befriedigung nie gefunden werden kann (McGowan 2016; Zupančič 2017), deren Illusion aber aufrecht erhalten werden muss. Stattdessen werden Identitäts- und Authentizitäts-Thematiken aufgeworfen, die im Osten wenig ausgeprägt, im Westen immer latent waren.

Die postmoderne Entwicklung selbst ist mehrfach problematisch, denn die Totalität des Waren-Fetischismus, die Lukács bereits 1923 beschreibt (Lukács 2013), ist im virtuellen Konsumkapitalismus extremer Potenzierung ausgesetzt. Was bei Lukács noch schlicht als Charaktermaske imponiert, wird in der Hyperrealität beschleunigt, vervielfacht und nahezu unwiderlegbar. So wird bei sogenannten fair gehandelten Produkten rasch so getan, als ob das Produkt selbst ein progressiver Akt sein könnte – die glatte Verdinglichung des Produkts – anstatt zu bedenken, wie die Rente der Zuarbeiter aussieht. Selbst vernünftig angelegte Ansätze, die erst subversiv erscheinen, geraten damit – folgerichtig in der Kapitallogik – in die stachel-ziehende Vermarktungsmaschinerie (vgl. Nielsen 2009, S. 24). Doch die postheroischen sind eben allzu oft auch die willigen Vollstrecker einer ´consumer culture´, in der das Subjekt sich selbst zur Ware macht: „the commodities the postmodern subject desires are commodities that allow her to produce more commodities” (Cosey 2018, S. 8). Nicht nur, dass deren Wert zerstört wird, es geht weder um Resonanz noch um Befreiung, sondern um den bloßen Prozess des Konsums der Kommodifikation (Jameson 2001). Der totalitäre Aspekt im virtualisierten Warenkäfig des globalen Kapitalismus (Cosey 2018, S. 9) kann dem geschulten Blick  nicht entgehen. Teile dieser Problematik hat z.B. René Pollesch in seinen Inszenierungen sehr deutlich gemacht (Pollesch 2004). Es lässt sich schon auf wenigen Seiten mühelos darstellen, wie Subjektivität zu Produktivität wird (vgl. Graefe 2016, S. 43-45). Altmeyer hingegen will kulturelle Verfasstheit als lockere äußere Bedingungen verstehen, mit denen der Mensch mehr oder weniger ´en passant´ konfrontiert wird – ´mit Handy´ oder ´ohne Handy´ ist nach dieser binären Logik zumal das Kriterium. Dass sich die Verkehrsformen – einem frühen intrapsychisch-intersubjektiven Niederschlagsprozess folgend – im Subjekt materialisieren, bevor das Subjekt, das Kind, der Mensch mit der lebensweltlichen Kategorie ´mit Handy´ oder ´ohne Handy´ konfrontiert wird, fällt auch für ihn    anscheinend gerade nicht unter kulturelle Verfasstheit. Doch von wissenschaftlichem Vorverständnis (vgl. Klafki 2001) ist zumal nirgendwo ernsthaft die Rede; stattdessen scheinen die durch deren Vorannahmen sehr begrenzten Erkenntnisse der Säuglingsforschung durch, die hier wenig hilfreich für tieferes Verstehen sind. In der von Altmeyer beschriebenen virtuellen Gesellschaft – sie ist das Parallel der Dienstleistungsgesellschaft, in der der Arbeitnehmer entfremdet von der Entfremdung ist – fehlt die Reibungsfläche, die Konfrontation, jene Elemente, die das Subjekt konfrontieren, woraus erst Konflikt entsteht.

So flach wie die ´flache Ontologie´, die Altmeyer ausdrücklich anstrebt, so flach gestalten sich unter Umständen eben auch die Zeitdiagnosen. Das kann man zwar machen, man darf nur nicht gleichzeitig eine umfassende Diagnostik für sich in Anspruch nehmen. Wie Brian McHale feststellt, bewegen wir uns ohnehin weg von der Epistemologie hin zur Ontologie, einem gesellschaftlichen Umschwung weg von ´Wie kann ich die Welt verstehen und was bin ich in ihr?´ hin zu ´In welcher Welt von mehreren möglichen bin ich, was ist in ihr zu tun, und welche meiner Identitäten könnte die Aufgabe übernehmen?´ (McHale 1992). Der Trend geht also nicht etwa zum Weltverstehen,  sondern zum Wie-sich-in-Welten-verhalten. Hier liegen die Themen Identität und  Authentizität bereit, die gerade nicht medial zu lösen sind. Im Gegensatz zum Unterschied zwischen Körper (soma) und Zeichen (sema) unterläuft die Schrift des Medienzeitalters die klare Trennung zwischen Realem und Symbolischem (Burckhardt 2008, S. 80). Der sogenannte Fundamentalismus hängt eng mit medialen Techniken zusammen, mit Schrift einerseits und mit modernen audiovisuellen Techniken andererseits (von Braun 2018, S. 100). Die technisch-mediale Beschleunigung tut ihr Übriges, um sowohl Stabilität als auch Derealisation – die in der imaginären Sphäre bereitliegen, wie es einst Salvador Dalí feststellte – nebeneinander zu perpetuieren. Louis Althusser konzipierte das kindliche Spiegelstadium einst als Pforte für Formationen von Ideologie: solche Aspekte bleiben bei Altmeyer völlig ungenutzt. Doch diese sind die Hintergrundfolie, auf der die Normalität ihre Ungeheuer gebiert (Maiso 2016), und nicht etwa ein spaßverderberischer allgemeiner Kulturpessimismus.

In der jetzigen Verfasstheit könnte Demokratie selbst Teil des Problems sein (Blühdorn 2016), denn diese entspricht eher einer Aussetzung von Demokratie,  z.B. in den Finanzmärkten, der EU, dem IWF. Zumal, wenn Demokratie zum Synonym für virtualisierte Marktwirtschaft wird, in der ´Demokraten´ nur ´Demokraten´ mögen (vgl. Badiou 2012). Möglicherweise haben wir nicht zu viel Demokratie, sondern zu wenig davon (Eagleton 2011), nur dass man in Zeiten medialer Hysterie auch darauf nicht vertrauen kann. Eine unbedachte Zerstörung ziviler Öffentlichkeit mittels recht willkürlicher Regulierung politisch korrekten Anstrichs bei gleichzeitiger Deregulierung von Infrastruktur wird  begleitet von einer grotesken Deregulierung des Finanzwesens und der Großkonzerne. Das hat mittlerweile auch der letzte Abgeordnete gehört. Und nicht wenige mediale Inhalte vermitteln spießbürgerliche Werte politisch korrekten Anstrichs, die ihren psychischen Niederschlag finden werden; dies ist weniger als Normalisierung denn als Symptom zu deuten. Wer hätte schon vor zwei Jahrzehnten angenommen, dass wir zusehends in eine jakobinische Gesellschaft mutieren?

Will Altmeyer nun Fußtrupp oder Überbau der Latte-Macchiato-Bourgeoisie sein? Er meint in der digitalen Revolution eine Näherung sowohl im Guten als auch im Bösen zu erkennen. Aber: die Näherung im Guten ist imaginär-virtuell, die Näherung im Bösen kann sehr real werden. Die weiterhin analoge Wirklichkeit erfordert eher Gegensteuern, also analoge Revolution. Es wäre besser, Digitales als Sonderfall des Analogen zu betrachten, wie es Nielsen (2018) tut. Denn der Verlust von Relationalität, Sozialität, Regulation, Verstehen (Hermeneutik heißt Analogie-Bildungen), Empathie, den die sogenannten modernen Medien befördern, bedeutet Realitätsverlust (von Braun 2018, S. 109); zugespitzt könnte man sagen, dass das schizophrene Syndrom, das mit einem Verlust der Ich-Grenzen einhergeht, ein Stück Alltagswirklichkeit geworden ist. Bevor eine unwiderlegbare technoide Herrschaft entsteht (Nielsen 2018), müsste daher sehr klug gehandelt werden im Sinne von Remanenz statt Resonanz. Der regressive Medien-Sog steht dem eher entgegen.

Es hätte durchaus ein gutes Buch werden können, dafür wäre aber eine kritischere Haltung unabdingbar. Etwas zu denkfaul und selbstgefällig, wenn auch oft amüsant und gut beobachtend. Vor allem aber erstaunlich ignorant hinsichtlich der ´culture of distraction´ (Dervin 2016) und der Einebnung von Oberfläche und Bedeutung (Jameson 2001). Erstaunlich auch, dass die schwierigeren Arbeiten von Žižek nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen werden, sondern eher seine Zeitungsartikelchen, auf die dann schon mal mit einem eigenen Zeitungsartikelchen geantwortet wird. Dies wäre alles nicht so tragisch, wenn nicht die nordatlantische Psychoanalyse – die mittlerweile weitenteils mit der Säuglingsforschung fusioniert wurde – für alles und jedes herangezogen würde, auch für die sagenhafte Erkenntnis, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Wer hätte das gedacht? Dabei bietet neben der französischen Psychoanalyse jene nordamerikanische ebenso das volle Theoriespektrum an; man muss nur danach suchen. Es ist schon mehr als seltsam anzusehen, dass sich ausgewiesene Psychodynamiker der akademischen Psychologie zuwenden just in jenem Moment, in dem die Freudsche Theoriebildung erneut Bedeutung ungeahnten Ausmaßes erlangt, so in der Neurobiologie (Eric Kandel, Gerhard Roth, Bernhard Haslinger, Bernhard Janta), über die Literatur- und Geisteswissenschaften (Terry Eagleton, Joseph Vogl, Johanna Bossinade, Laurence Rickels), bis hinein in die Gesellschaftstheorie (Samo Tomšič, Howard Rouse, Sonia Arribas). Die Frage, wie es um die Symbolisierungsfähigkeit bestellt ist, ist in Zeiten der volatilen Psyche, in der alle möglichen Erscheinungen medialer Hysterie erliegen, besonders geboten. Was heißt es, wenn Gustave LeBon schon  im Jahr 1895 schrieb: „Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen“ (LeBon 2011, S. 65)?

Wie anfangs nun auch zum Schluss noch eine Verdichtung, die die Dimension der Altmeyerschen Fragestellung verdeutlicht, auf die er Antworten freilich schuldig bleibt. So fragt die Sigmund-Freud-Buchhandlung bereits zum Erscheinen des Bandes in ihrer ´Novitätenschau Psychoanalyse  und Kulturwissenschaften´ vom April 2016 (1.4.16): „Weshalb und wofür derlei Schmonzes? (…) Die massenhafte Inanspruchnahme der kommunikationstechnologischen Optionen – andere sprechen von mit aller Werbemacht gepushten digitalen Abhängigkeitsverhältnissen, welche tiefer, subtiler und radikal in den Persönlichkeitsraum, in das Private, in das Selbst, einzudringen vermögen und das Subjekt dabei mit Kalkül in dem Glauben lassen, HerrIn des Verfahrens zu sein –, sind für Altmeyer offenbar kein Grund, seine Positionen einer kritischen Prüfung zu unterziehen und so zu bemerken, dass das Begehren hier in aller Regel nicht zum Begehrten führt – ganz im Gegenteil. Die als Zufriedenheit beobachteten Verhaltenszustände der im Cluster angefixten Electronic-Junkies dient euphorisierten Erbsenzählern nun tatsächlich als Beleg für die Sinnhaftig- und Unaufhaltbarkeit dieser Entwicklung. Das Beziehungsbegehren und die damit einhergehende Beziehungsarbeit wird im digitalen Raum synthetisiert, abgesahnt und also konterkariert – analytisch gesprochen gleich an der Wurzel kastriert. Seinen infantilen Adepten wird dafür als Surrogat die verführerische Möglichkeit der numerisch unbegrenzten Beziehungsanbahnung eröffnet, welche nach followers, Klickanzahlen und Beliebtheitsrankings rechnet. Wo in dieser Lebenszeit vernichtenden Dauer-Behandlung technischer Geräte selbstemanzipatorische Aspekte verborgen sind, wie unter diesen Verhältnissen permanenter Ablenkung und tastender und wischender Scheinaktivitäten dem Subjekt grundhafte Anreize zu erkenntnisgewinnendem (Nach-)Denken, zu Reflexion, Resümieren, Mentalisieren eröffnet werden, verrät uns der Autor nicht wirklich.“

 

 

Literaturhinweise:
Assmann, Jan & Harth, Dietrich (Hg.) (1997). Kultur und Konflikt. Suhrkamp, Frankfurt, S. 33ff.
Badiou, Alain (2005). Das Sein und das Ereignis. Diaphanes, Zürich/Berlin.
Badiou, Alain (2012). Das demokratische Wahrzeichen. In: Agamben, G.; Badiou, A.; Nancy, J.L.; Žižek, S. et al. (Hg.). Demokratie? Eine Debatte. Suhrkamp, Frankfurt, S. 13-22.
Baudrillard, Jean (1982). Der symbolische Tausch und der Tod. Matthes & Seitz, München.
Blühdorn, Ingolfur (2016). Das Postdemokratische Diskursquartett. Kommunikative Praxis in der simulativen Demokratie. In: psychosozial, Jg. 39, 1, S. 51-68.
Braun, Christina von (2018). Fundamentalismus und Medien. In: psychosozial, Jg. 41, 2, S. 97-111.
Brüggen, Wilhelm (2012). Ödipus, das Grauen der Sphinx und die Schrecken der Freiheit. In: Berkel, Irene (Hg.). Nähe Verbot Ordnung. Genealogische Nachrichten. Psychosozial, Gießen, S. 27-60.
Burckhardt, Martin (2008). Nachwort. In: Tausk, Victor (1919/2008). Beeinflussungsapparate. Zur Psychoanalyse der Medien. Semele Vlg., Berlin, S. 68-94.
Cosey, Felicia N. (2018). What ´WALL-E´ Can Teach Us about Global Capitalism in the Age of the Anal Father. In: Intl. Journal of Žižek Studies, Jg. 12, 1, pp. 1-19.
Dervin, Dan (2016). Where Have All the Children Gone? Journal of Psychohistory, Jg. 43, 4, pp. 262-276.
Eagleton, Terry (2011). Why Marx was Right. Yale UP, New Haven CT/London.
Eagleton, Terry (2013). How to Read Literature. Yale UP, New Haven CT/London, p.192.
Egloff, Götz (2015). Integrative Psychoanalyse. In: Janus, L.; Kurth, W.; Reiss, H.; Egloff, G. (Hg.). Verantwortung für unsere Gefühle. Mattes, Heidelberg, S. 303-331.
Egloff, Götz (2017a). Parenting in Psycho-Social Medicine: Analyzing the Basics, Applications, and Challenges. In: Egloff, Götz (ed.). Child-Rearing: Practices, Attitudes and Cultural Differences. Nova Science, New York, pp. 21-70.
Egloff, Götz (2017b). (Nichts) Neues vom unternehmerischen Selbst. Gegenrede zu Martin Dornes, Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften, Fischer, Frankfurt, 2016. www.dap-hamburg.de, 23.9.2017 / www.researchgate.net, Sept. 2017.
Egloff, Götz (2018). Revolutionäres Potenzial. Rezension zu Zana Ramadani, Die verschleierte Gefahr, Europa Vlg., Berlin, 2017. www.dap-hamburg.de, 23.5.2018 / www.researchgate.net, Mai 2018.
Graefe, Stefanie  (2016). Grenzen des Wachstums? Resiliente Subjektivität im Krisenkapitalismus. In: psychosozial, Jg. 39, 1, S. 39-50.
Jameson, Fredric (2001). Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism. Duke UP, Durham NC.
Janus, Ludwig (2017). Der Wandel der Identitätsstrukturen und Beziehungen im Laufe der Geschichte. In: Janus, L.; Kurth, W.; Reiss, H.; Egloff, G. (Hg.). Der Wandel der Identitätsstrukturen und Beziehungen im Laufe der Geschichte. Mattes, Heidelberg, S. 11-35.
Klafki, Wolfgang (2001). Hermeneutische Verfahren in der Erziehungswissenschaft. In: Rittelmeyer, Christian & Parmentier, Michael (Hg.). Einführung in die pädagogische Hermeneutik. Darmstadt, S.125-148 [1971].
LeBon, Gustave (2011). Psychologie der Massen. Anaconda, Köln [1895].
Leuzinger-Bohleber, Marianne (2015). Das erschöpfte Selbst und chronische Depression. Eine Zeitkrankheit? Vortrag, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP): Das überforderte Subjekt – Psychopathologie und beschleunigte Lebensformen. Heidelberg, 2.10.2015.
Lifton, Robert Jay (1993). The Protean Self: Human Resilience in an Age of Fragmentation. Basic Books, New York.
Lukács, Georg (2013). Geschichte und Klassenbewusstsein. Aisthesis, Bielefeld [1923].
Maiso, Jordi (2016). Die Normalität gebiert Ungeheuer. Rezension zu Götz Eisenberg, Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2, Polkowski Vlg., Gießen, 2016. www.nachdenkseiten.de, 9.9.2016 / www.researchgate.net, Sept. 2016.
McGowan, Todd (2016). Capitalism and Desire – The Psychic Cost of Free Markets. Columbia University Press, New York.
McHale, Brian (1992). Constructing Postmodernism. Routledge, London/New York.
Nielsen, Bernd (2009). Neoliberalismus – Dynamik, Destruktionen und Transformationen. In: Nielsen, B.; Kurth, W.; Reiss, H. (Hg.). Psychologie der Finanzkrise. Mattes, Heidelberg, S. 11-34.
Nielsen, Bernd (2018). „Digitale Revolution“ – Kritik eines entscheidenden Dispositivs der neoliberalen und neokonservativen Globalisierung. Vortrag, Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP): Die Paralyse der Kritik – eine Gesellschaft ohne Opposition. Berlin, 8.-11.3.2018.
Pollesch, René (2004). Pablo in der Plusfiliale. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, 2004.
Rosa, Hartmut (2015). Surfer, Drifter, Depressive: Subjektfiguren zwischen Resonanz und Entfremdung. Vortrag, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP): Das überforderte Subjekt – Psychopathologie und beschleunigte Lebensformen. Heidelberg, 3.10.2015.
Senarclens de Grancy, Moritz (2019). Rezension: Martin Altmeyer, Auf der Suche nach Resonanz, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2016. In: Psyche, Jg. 73, 6, S. 472-475.
Swales, Stephanie S. (2007). Lacanian Psychoanalysis, Truth-Saying, and the Cultural Unconscious. Book of Abstracts, International Society for Theoretical Psychology (ISTP) Conference, Toronto, June 18-22, 2007, pp. 18-19.
Swales, Stephanie S. (2012). Perversion: A Lacanian Psychoanalytic Approach to the Subject.  Routledge, New York.
Welsch, Philipp & Witzel, Frank (2016). BRD Noir. Matthes & Seitz, Berlin.
Welzer, Harald (2016). Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. S. Fischer, Frankfurt.
Zupančič, Alenka (2017). Book Review: Todd McGowan, Capitalism and Desire, Columbia University Press, New York, 2016. In: Continental Thought & Theory, Vol. 1, 3, pp. 757-761.

Aktuelle Gebühren heilpraktischer Leistungen

Kommentar zum GebüH 1985 (Stand 2018)

In den Jahren 2011 und 2016 kursierten in Therapeutenkreisen verschiedene Papiere, die sich mit der Abrechnung heilkundlicher Leistungen nach dem Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH 1985) im Vergleich zur Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) befassten. Hierzu muss man wissen, dass nicht nur neben dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM 2000, 2004, 2014) für gesetzliche Krankenversicherungen auch die GOÄ und für Psychotherapie die GOP in verschiedenen Versionen sowohl für gesetzliche als auch private Krankenversicherungen zum Einsatz kommen, sondern dass das GebüH (für heilpraktische Leistungen) nicht etwa fortwährend angepasst wird. So kommt es, dass den nominalen Daten des GebüH die realen Daten der Gebühren heilpraktischer Leistungen gegenüberstehen, mit denen Privatpatienten* zu rechnen haben. Wie bei den sog. Individuellen Gesundheits-Leistungen (IGeL) sollen die heilpraktischen Leistungen zwischen Therapeut und Privatpatient frei ausgehandelt werden, im Alltag sind jedoch gewisse Gebührenhöhen üblich. Im Folgenden wird daher das GebüH in der aktuellen Version dargestellt und kommentiert. Der Kommentar umfasst also die Erfahrungswerte, wie sie gehandhabt werden; bindend sind diese nicht.

Ein großer, wenn nicht der überwiegende Teil der als Heilpraktiker zugelassenen Therapeuten steht dem Fach Psychosomatik nahe, das wiederum dem Fachbereich Innere Medizin entstammt (nicht etwa der Nervenheilkunde) und auf ein eng verzahntes Leib-Seele-Verständnis zurückgreift. Ein anderer Strang des Faches ist mit der anthropologischen Medizin verbunden; zudem gibt es Verbindungen zur naturheilkundlichen Tradition der Jugendbewegung. Daher lässt sich von ganzheitlich-psychosomatischen Ansätzen sprechen, die sich ein Stückweit im GebüH widerspiegeln. Es ist nicht überraschend, wenn z.B. Regulationstherapien im Vordergrund stehen oder alternative    Verfahren auf leibseelische Veränderungen abzielen, mit jeweils unterschiedlichen Akzenten. Da Psychosomatik ein weit ausgreifendes Fach darstellt, in dem verbal und körperlich interveniert werden kann, findet sich am Ende der folgenden Auflistung und den dazugehörigen Einzelkommentaren ein Addendum, in dem berufspraktische Aspekte dargestellt werden, die für Patienten von Interesse sein können.

Vorausgeschickt sei ebenso, dass viele heilpraktische Behandlungsformen im GebüH nicht erfasst werden und deren Gebühren in der Regel analog zur GOÄ/GOP samt Steigerungssätzen ausgewiesen werden. Die Beihilfe für Beamte erstattet jedoch oft nur die Unter- oder Mittelwerte der GebüH. Im Falle von IGeL-Leistungen wie Faltenunterspritzung u.ä. im Beauty-Bereich ist anzufügen, dass diese keine heilkundlichen Behandlungen darstellen.

Im Folgenden erscheinen Einzelkommentare gleichermaßen kursiv und fettgedruckt. Wo kein Einzelkommentar erscheint, ist von analoger Gebührenbemessung in GebüH und GOÄ/GOP auszugehen. Aus Platzgründen wurden gekennzeichnete Auslassungen vorgenommen; am Ende des Textes findet sich ein Link zum vollständigen Download von Auflistung und Einzelkommentaren.

* Im Rahmen besserer Lesbarkeit wird in diesem Text nur die männliche Form verwendet, obwohl gleichermaßen Frauen und Männer gemeint sind.

 LEISTUNGSÜBERSICHT

Allgemeine Leistungen – Hausbesuch einschließlich Beratung – Nebengebühren für Hausbesuche – Schriftliche Auslassungen und Krankheitsbescheinigungen – Chemisch-physikalische Untersuchungen – Sonstige Untersuchungen – Spezielle Untersuchungen – Photoaufnahmen – Bioenergetische Verfahren – Neurologische Untersuchungen – Heilmagnetische Behandlungen – Psychotherapie – Atemtherapie, Massagen – Akupunktur – Inhalationen – Aerosole – Eigenblut, Eigenharn – Injektionen, Infusionen – Blutentnahmen – Hautableitungsverfahren, Hautreizverfahren – Infiltrationen – Roedersches Verfahren – Sonstiges – Abszesse u.a. – Versorgung einer frischen Wunde – Verbände (außer zur Wundbehandlung) – Wirbelsäulenbehandlung – Osteopathische Behandlung – Hydro- und Elektrotherapie – Elektrische Bäder- und Heißluftbäder – Spezialpackungen – Elektro-physikalische Heilmethoden

LEISTUNGEN

  1. Für die eingehende, das gewöhnliche Maß übersteigende Untersuchung € 12,30 bis 20,50
    KOMMENTAR: entspricht etwa der GOÄ. Generell gilt: dies ist die übliche Gebühr
  1. Durchführung des vollständigen Krankenexamens mit Repertorisation nach den Regeln der klassischen Homöopathie  15,40 bis 41,-
    KOMMENTAR: GOÄ ebenso etwa 120,-; Beihilfe ebenso. Generell gilt: dies ist die übliche Gebühr
  1. Kurze Information,auch mittels Fernsprecher, oder Ausstellung einer Wiederholungsverordnung, als einzige Leistung pro Inanspruchnahme des Heilpraktikers bis  4,50

4. Eingehende Beratung, die das gewöhnliche Maß übersteigt, von mindestens 15 Minuten Dauer, gegebenenfalls einschließlich einer Untersuchung  16,40 bis 22,-
Anmerkung: Eine Leistung nach Ziffer 4 wird nur als alleinige Leistung von der privaten Krankenversicherung oder Beihilfe erstattet.

5.- 8. (…)

  1. Hausbesuch einschließlich Beratung
    1 bei Tag 21,50 bis 29,50
    9.2 in dringenden Fällen (Eilbesuch, sofort ausgeführt)  24,- bis 32,-
    9.3 bei Nacht und an Sonn- und Feiertagen  27,50 bis 36,50

KOMMENTAR: die GOÄ liegt für Ziff. 9.1 bei etwa 42,-; 9.2 bei etwa 52,-; 9.3 bei etwa 62,-. Generell gilt: für Hausbesuche muss mit den Gebühren der GOÄ gerechnet werden 

10.-11.(…)

  1. Chemisch-physikalische Untersuchungen
    1 Harnuntersuchungen qualitativ mittels Verwendung eines Mehrfachreagenzträgers (Teststreifen) durch visuellen Farbvergleich bis zu 3,10
    Anmerkung: Die einfache qualitative Untersuchung auf Zucker und Eiweiß sowie die Bestimmung des ph-Wertes und des spezifischen Gewichtes ist nicht berechnungsfähig.
    12.2 Harnuntersuchung quantitativ (es ist anzugeben, auf welchen Stoff untersucht wurde, z.B. Zucker) bis zu  4,60
    12.4 Harnuntersuchung, nur Sediment bis zu  4,60
    12.5 Carzinochrom-Reaktion (CCR) bis zu  17,90
    12.7 Blutstatus (nicht neben Ziff. 12.9, 12.10,12.11) bis zu  18,-
    12.8 Blutzuckerbestimmung bis zu  8,-
    12.9 Hämoglobinbestimmung bis zu  5,50
    12.10 Differenzierung des gefärbten Blutausstriches bis zu  7,70
    12.11 Zählung der Leuko- und Erythrozyten bis zu  5,50
    12.12 Blutkörperchen-Senkungsgeschwindigkeit (BSK) einschließlich Blutentnahme bis zu 6,-
    12.13 Einfache mikroskopische und/oder chemische Untersuchung von Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen auch mit einfachen oder schwierigen Färbeverfahren sowie Dunkelfeld, pro Untersuchung bis zu  9,50
    12.14 Aufwändige Chemogramme von Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen je nach Umfang (z. B. Enzymdiagnostik, Nierenchemie, Blutserumchemie, Stuhlchemie, Elektrolyse, Elektrophorese, Fermentchemie, pro Einzeluntersuchung) bis zu  10,50
    12.15 Kristallographie, Photometrie, pro Einzeluntersuchung bis zu  10,50
    Anmerkung: Die Art der Untersuchung bei Ziff. 12.13, 12.14 oder 12.15 ist anzugeben.
    KOMMENTAR: die GOÄ liegt im Einzelnen teilweise deutlich unter den Oberwerten des GebüH. Generell gilt: die Ziff. 12 des GebüH kommen meist im Mittelwert zur Anwendung
  1. (…)
  2. Spezielle Untersuchungen
    1 Binokulare mikroskopische Untersuchung des Augenvordergrundes 5,20 bis 10,50
    14.2 Binokulare Spiegelung des Augenhintergrundes  5,20 bis 10,50
    Anmerkung: Eine Leistung nach Ziffer 14.1 kann nicht neben einer Leistung nach Ziffer 1 oder Ziffer 4 berechnet werden. Leistungen nach Ziffer 14.1 und 14.2 können nicht nebeneinander berechnet werden.
    14.3 Grundumsatzbestimmung nach Read  5,20 bis 8,-
    14.4 Grundumsatzbestimmung mit Hilfe der Atemgasuntersuchung  10,30 bis 26,-
    14.5 Prüfung der Lungenkapazität (Spirometrische Untersuchung)  10,50 bis 20,50
    14.6 Elektrokardiogramm mit Phonokardiogramm und Ergometrie, vollständiges Programm 26,- bis 51,50
    14.7 EKG mit Standardableitungen, Goldbergerableitungen, Nehbsche Ableitg., Brustwandableitung  20,50 bis 31,-
    14.8 Oszillogramm-Methoden  5,20 bis 25,50
    14.9 Spezielle Herz-Kreislauf-Untersuchungen  10,50 bis 25,50 Anmerkung: Nicht neben Ziffern 1 oder 4 berechenbar.
    14.10 Ultraschall-Gefäßdoppler-Untersuchung zur peripheren Venendruck- und/oder Strömungsmessung bis  11,30
    KOMMENTAR: GOÄ ähnlich, teilweise unter den Oberwerten des GebüH; nur die Ultraschall-Gefäßdoppler-Untersuchung nach Ziff. 14.10 liegt höher, nämlich bei etwa 41,-. Generell gilt: die Ziff. 14 des GebüH kommen meist im oberen Mittelwert zur Anwendung

15.-18. (…)

  1. Psychotherapie
    19.1 Psychotherapie von halbstündiger Dauer15,50 bis 26,-
    19.2 Psychotherapie von 50-90 Minuten Dauer  26,- bis 46,-
    19.3 Ausstellung eines psychodiagnostischen Befundes  15,50 bis 38,50
    19.4 Psychotherapeutisches Gutachten je zweizeiliger Schreibmaschinenseite bis  15,50
    19.5 Psychologische Exploration mit eingehender Beratung  15,50 bis 46,-
    19.6 Anwendung und Auswertung von Testverfahren (TAT, Rohrschach, usw.)  15,50 bis 38,50
    19.7 Behandlung von Störungen der Sprechorgane je Sitzung  10,50 bis 31,-
    Anmerkung: Die Honorare für eine ausgedehnte Spezialbehandlung von Sprechangst-Neurosen (Stottern), Honorare für spezielle ausgedehnte Sprechlernkurse, Kurse der Entwöhnungsbehandlung usw. sind besonders zu vereinbaren.
    19.8 Behandlung einer Einzelperson durch Hypnose  15,50 bis 26,-
    KOMMENTAR: wichtigste Ziffern sind jene der GOÄ/GOP 2002/2010 entstammenden; diese werden in der Regel mit den Steigerungssätzen 2,3 oder 3,5 belegt: Anamnese (Ziff. 860) etwa 123,-/187,-; 20-minütige Erörterung mit Patient (Ziff. 34) etwa 40,-/61,-; 20-minütige psychotherapeutische Behandlung (Ziff. 849) etwa 30,-/46,-; reguläre verhaltenstherapeutische Sitzung (Ziff. 870) etwa 100,-/153,-; reguläre psychotherapeutische Sitzung (tiefenpsychologisch Ziff. 861 oder analytisch Ziff. 863) etwa 92,-/140,-; für alle Ziffern gilt: ein Steigerungssatz von 3,5 oder mehr wird von privaten Krankenversicherungen selten vollständig erstattet. Generell gilt: es ist mit einer Sitzungsgebühr zwischen 100,- und 150,- zu rechnen
  1. (…)
  2. Akupunktur
    21.1 Akupunktur einschließlich Pulsdiagnose € 10,30 bis 26,-
    21.2 Moxibustionen, Elekroakupunktur, Injektionen und Quaddelungen in Akupunkturpunkte € 5,20 bis 15,50
  3. Inhalationen
    22.1 Inhalationen, soweit sie vom Heilpraktiker mit den verschiedenen Apparaturen in der Sprechstunde ausgeführt werden €5,50 bis 13,-
  4. Aerosole
    23.1 Anwendung von Aerosolen mit Kompressor, Pressluft- bzw. Sauerstoffapparat
    € 5,20 bis 15,50
  5. -33. (…)
  1. Wirbelsäulenbehandlung
    34.1 Chiropraktische Behandlung der Wirbelsäule €10,50 bis 18,-
    34.2 Gezielter chiropraktischer Eingriff an der Wirbelsäule € 15,40 bis 19,-
    Anmerkung zu Ziff. 34.2: Bei einem mehr als dreimaligen gezielten Eingriff an der Wirbelsäule kann der Leistungsträger eine Begründung verlangen.
    KOMMENTAR: Beihilfe erstattet bei Ziff. 34.1 etwa 4,-; bei 34.2. etwa 17,-. Generell gilt: die Ziff. 34 des GebüH kommen meist im Oberwert zur Anwendung
  1. Osteopathische Behandlung
    35.1 des Unterkiefers €7,70 bis 15,50
    35.2 des Schultergelenks € 15,40 bis 26,-
    35.3 der Handgelenke, des Oberschenkels, des Unterschenkels, des Vorderarmes und der Fußgelenke € 15,40 bis 26,-
    35.4 des Schlüsselbeins und der Kniegelenke € 5,20 bis 15,50
    35.5 des Daumens € 5,20 bis 13,-
    35.6 einzelner Finger und Zehen € 5,20 bis 13,-
    KOMMENTAR: die Ziff. 35.2, 35.3 und 35.5 sind in der GOÄ höher bewertet: jeweils etwa 49,-, 37,- und 19,-. Generell gilt: die Ziff. 35 des GebüH kommen in der Regel im Oberwert zur Anwendung oder gehen darüber hinaus

36.-37. (…)

  1. Spezialpackungen
    38.1 Fangopackungen €8,- bis 15,50
    38.2 Paraffinpackungen, örtliche € 8,- bis 15,50
    38.3 Paraffinganzpackungen € 10,50 bis 23,-
    38.4 Kneippsche Wickel und Ganzpackungen, Preißnitz- und Schlenzpackungen € 10,50 bis 31,-
    Anmerkung: Alle nicht aufgeführten Bäder und Packungen evtl. unter Verwendung verschiedener Apparate werden nach vergleichbaren Positionen berechnet.
    KOMMENTAR: Beihilfe erstattet je Packung höchstens 3,-. Generell gilt: die Ziff. 38 des GebüH kommen meist im Mittelwert zur Anwendung
  1. Elektro-physikalische Heilmethoden
    39.1 einfache oder örtliche Lichtbestrahlungen € 5,50 bis 8,-
    39.2 Ganzbestrahlungen € 7,70 bis 10,50
    39.4 Faradisation, Galvanisation, und verwandte Verfahren (Schwellstromgeräte) € 5,50 bis 15,50
    39.5 Anwendung der Influenzmaschine € 5,50 bis 10,50
    39.6 Anwendung von Heizsonnen (Infrarot) € 5,50 bis 8,-
    39.7 Verschorfung mit heißer Luft und heißen Dämpfen € 5,20 bis 10,50
    39.8 Behandlung mit hochgespannten Strömen, Hochfrequenzströmen i.V.m. verschiedensten Apparaten € 5,50 bis 15,50
    39.9 Langwellenbehandlung (Diathermie), Kurzwellen- und Mikrowellenbehandlung € 8,- bis 18,-
    39.10 Magnetfeldtherapie mit besonderen Spezialapparaten € 10,50 bis 20,50
    39.11 Elektromechanische und elektrothermische Behandlung (je nach Aufwand und Dauer) € 5,50 bis 31,-
    39.12 Niederfrequente Reizstromtherapie, z.B. Jono-Modulator € 5,50 bis 26,-
    39.13 Ultraschall-Behandlung € 5,50 bis 15,50
    KOMMENTAR: bei Ziff. 36-39 liegt die GOÄ teilweise ähnlich, teilweise deutlich unter den Unterwerten des GebüH; Packungen, Hydro- und elektrophysikalische Therapie sind tendenziell niedrig bewertet, obwohl hoher Aufwand; Beihilfe erstattet bspw. bei Ziff. 39.1 und 39.2 etwa 3,- bzw. 8,- und bei 39.13 höchstens 4,-. Generell gilt: die Ziff. 36-39 des GebüH kommen meist im Oberwert zur Anwendung

Den vollständigen Kommentar zum Download unter folgendem Link: https://www.researchgate.net/profile/Goetz_Egloff

 KOMMENTAR: Addendum 

Psychosomatik als weit ausgreifendes Fach spiegelt sich in den heterogenen Qualifikationen der Therapeuten wider. Daher ist anzufügen, dass eine vielfältige Gruppe von Therapeuten, die oft Mehrfachabschlüsse und unterschiedlichste Vorberufe und -ausbildungen mitbringt, die oben beschriebenen Ziffern (je nach Zulassung) nutzt, die rechtliche Zusammenführung jedoch nur drei heilpraktische Berufe kennt:

Heilpraktiker
Heilpraktiker für Psychotherapie (HP Psych)
Heilpraktiker für Physiotherapie (HP Phys)

Diese nutzen, neben grundständig ausgebildeten allgemeinen Heilpraktikern, bei heilkundlicher Zulassung folgende Berufsgruppen:

Akademische Psychologen und Sozialwissenschaftler (B.Sc., M.Sc., B.A., M.A., Dipl.-Psych. u.ä.)
Absolventen von Fachhochschulen (Bachelor, Master, Dipl.-Soz.päd. FH, Dipl.-Soz.arb. FH)
European Certified Psychotherapists (ECP) der European Association for Psychotherapy (EAP)
Mitglieder des Deutschen Dachverbands für Psychotherapie (DVP)
Mitglieder des Berufsverbands Akademischer PsychotherapeutInnen (BAPT)
Systemische Therapeuten, Gesprächstherapeuten u.ä.
Psychotherapeuten ohne Kassensitz bzw. ohne sog. Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenversicherungen
Supervisoren, Philosophen, Berater
Logotherapeuten, Existenzanalytiker, Daseinsanalytiker (sog. Phänomenologen und Existentialpsychologen, insbesondere in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz)
und einige andere

Nicht nur in der psychotherapeutischen Praxis werden psychosomatische Störungen behandelt; durch Überschneidungen der Fachgebiete werden diese ebenso von allgemeinen Heilpraktikern behandelt. Diese sind oft:

Osteopathen, Chiropraktiker u.ä.
Medizinische Fachberufe (examinierte Schwestern, Pfleger)
Naturärzte (Schweiz), Ayurveda-Ärzte, TCM-Ärzte
Doctors of Naturopathy (ND, DO) u.ä. ausländische Ärzte

Psychosomatik bedeutet in der Praxis überwiegend, aber eben nicht nur, verbale Behandlung. Je nach diagnostischer Einschätzung kommen unterschiedliche Ansätze zur Anwendung; psychotherapeutische Behandlungen können sein:

Die kleine Psychotherapie, meist Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie, aber auch Gesprächstherapie oder systemische Therapie, umfasst oft etwa 25 Sitzungen, kann aber bis etwa 50 Sitzungen reichen. Sie ist eher ziel- und lösungsorientiert unter unterschiedlicher Berücksichtigung biographischer Faktoren.

Eine große Psychotherapie (z.B. Psychoanalyse, oder eine sog. Strukturtherapie) ist als eher aufdeckende Therapie innerer Konflikte auf einen längeren Zeitraum angelegt und umfasst etwa ab 80 Sitzungen bis hin zu etwa 160 Sitzungen, was auch dem Grundkontingent der gesetzlichen Krankenversicherungen entspricht. Längere Therapien sind meist nicht sinnvoll. Zudem gibt es sog. niederfrequente Therapien, die sich über mehrere Jahre mit wenigen Sitzungen erstrecken, mit guten Erfolgen. Die Wahl des Verfahrens hängt meist, aber nicht nur, von der Symptomatik ab.

(für die Studiengemeinschaft für dermatologische, gynäkologische und andrologische Psychosomatik (SDGAP), Heidelberg: Götz Egloff)

Die weiblich-mütterliche und die kindheitliche Dimension im individuellen Leben …

Bild. Pixabay

… und im Laufe der Menschheitsgeschichte

Matriarchatsforschung, Psychohistorie und Pränatale Psychologie: eine Begegnung

Pressemitteilung zur 33. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie (GPPP) vom Fr., 5. bis So., 7. April 2019 in Heidelberg

Die Psychohistorie kann heute die Dynamik und die Grundlinien der Mentalitätsentwicklung im Laufe der Geschichte beschreiben, weil sie die Geschichte der Kindheit als eigenständige geschichtliche Kraft mit einbezieht. Insofern ein typisches Muster im Verhalten Erwachsener einer Gesellschaft darin besteht, das in der Kindheit Erfahrene in ihrem Leben zu reinszenieren, sind die Sozialisationsbedingungen der Kinder eine Wurzel des gesellschaftlichen Geschehens.

Unabhängig hiervon hat die Matriarchatsforschung den historischen Blick um die Wahrnehmung der Wirklichkeit der matrifokalen Kulturen in der Jungsteinzeit von ca. 11000 bis ca. 3000 v. Chr. erweitert, die den dann kulturbestimmenden patriarchalen Kulturen vorangehen. Eine besondere Dynamik in der individuellen und kollektiven Entwicklung entsteht nun daraus, dass die biografisch ursprünglichsten vorsprachlichen Erfahrungen vor, während und nach der Geburt infolge der „physiologischen Frühgeburtlichkeit“ des Menschen lebenslang in einer Art Hintergrundfilm virulent bleiben und als Kern des Unbewussten magische und mythische Erlebensweisen prägen, die sowohl das Erleben des Kindes wie auch die Mentalitäten der frühen Menschheitskulturen bestimmen. Dies ist das Forschungsgebiet der Pränatalen Psychologie, die eine bedeutsame Ergänzung zu der in der nachgeburtlichen Zeit ansetzenden Entwicklungspsychologie darstellt. Die kollektiv-psychologische Bedeutung dieser Zusammenhänge ist bisher nur ansatzweise erschlossen.

Im Gefolge der immer noch fortwirkenden patriarchalen Grundorientierung in unseren Gesellschaften werden die durch die weiblich-mütterliche und die kindheitliche Dimension bestimmten Wirklichkeitsbereiche nur marginal wahrgenommen. Auch haben sie sich erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu eigenständigen Wissenschaftsbereichen der Psychohistorie, der Matriarchatsforschung und der Pränatalen Psychologie entwickelt. Doch sind diese Bereiche bisher zu wenig aufeinander bezogen. Die Tagung hat das Ziel, eine Begegnung und einen konstruktiven Austausch zwischen diesen Wissenschaftsfeldern herzustellen, um ihre beträchtlichen Potenziale im öffentlichen Bewusstsein zu vergegenwärtigen. Das soll auch eine Ressource für den Diskurs um die heutige weibliche Identitätsentwicklung sein, mit dem die Tagung beginnt und ausklingt.

33. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie (GPPP) vom Fr., 5. bis So., 7. April 2019 in Heidelberg

Die weiblich-mütterliche und die kindheitliche Dimension im individuellen Leben und im Laufe der Menschheitsgeschichte

Tagungsort:
Abt. Medizinische Psychologie, Uniklinik Heidelberg
Bergheimer Str. 20, 69115 Heidelberg

Information, Organisation und Anmeldung:
Dr. Axel Bischoff
Friedhofweg 8
69118 Heidelberg
Tel.: 06221-8927-29, Fax: -30
info@psychohistorie.de
www.psychohistorie.de

Zertifizierung:
12 Fortbildungspunkte durch die Ärztekammer Baden-Württemberg

für die Veranstalter: Götz Egloff, Ludwig Janus

Familie und Kindheit in Zeiten von Wandel und Strukturverlust

Buchcover

Familien- und Erziehungsforschung sind in den letzten Jahrzehnten zu  breit angelegten Disziplinen geworden, in denen psychologische, soziologische und anthropologische Forschungsstränge zusammenlaufen. Ebenso sind Theorie und Praxis eng miteinander verbunden, was für die Wissenschaften nicht selbstverständlich ist. Das 20. Jahrhundert, das Ellen Key als das „Jahrhundert des Kindes” bezeichnete, brachte nicht nur einige Neuerungen, sondern wichtige Arbeiten zu diesem Gebiet hervor, darunter  W. Goodsells  „A History of the Family as a Social and Educational Institution“ (New York, 1915) und H. Schelskys „Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart“ (Stuttgart, 1967). Geradezu revolutionäre Ansätze gingen aus der Mentalitätsgeschichte nach Philippe Ariès und Lloyd deMause hervor, die in ihren unterschiedlichen Standortbestimmungen heute noch reichlich Stoff für Auseinandersetzung bieten. Der sogenannte psychogenetische Ansatz der Eltern-Kind-Beziehungen von deMause zog erhebliche Perspektivenwechsel nach sich, und mit der 1974 gegründeten Zeitschrift „History of Childhood Quarterly“ begann  eine neue Epoche der Familien- und Erziehungsforschung. Der vorliegende Band schließt insofern an diese an, als dass er sich als bio-psycho-soziale Fundierung versteht.

Das erste Kapitel stellt das Projekt Cross-National Collaboration in the Study of Parenting and Child Adjustment vor, eine neun Länder umfassende Langzeitstudie zu Elternschaft und kindlicher Entwicklung unter der Leitung von Ann T. Skinner, Duke University, USA, die zahlreiche internationale Wissenschaftler begleiten. Die Zusammenhänge von Elternschaft und Kindesentwicklung in internationalem Vergleich tragen erheblich zum Verständnis des menschlichen Sozialisationsprozesses bei.

Das zweite Kapitel, Parenting in Psycho-Social Medicine: Analyzing the Basics, Applications, and Challenges, behandelt  Elternschaft und frühkindliche Sozialisation aus Sicht der psycho-sozialen Medizin, in deren Rahmen in Deutschland Interventionsprogramme entwickelt wurden, die auf Forschungsergebnisse in erster Linie aus Psychoanalyse und Säuglingsforschung zurückgehen. Diese Ansätze reichen von bindungs- und beziehungsorientierten Elternkursen über erziehungspraktische Seminare bis hin zu entwicklungspädiatrischer Intervention und zu vorgeburtlicher Selbsterfahrung für Mütter. Jenseits individueller Förderung stellt sich gleichzeitig die Frage, ob gerade in hochindustrialisierten Ländern eine stärkere Betonung kollektiver Maßnahmen nötig ist, um die schwierige gesellschaftliche Entwicklung insbesondere der letzten zwei Jahrzehnte aufzufangen.

Im dritten Kapitel, Child-Rearing Attitudes and Practices in China, erörtern Vivien Yiu, Jinsol Lee, Jung Hwa Choi und Xinyin Chen von der University of Pennsylvania, USA, die Rolle der chinesischen Kultur in Bezug auf die Prägung elterlicher Einstellungen; sie untersuchen hierbei spezifische Erziehungsziele und -praktiken wie z.B. die Ausrichtung auf Autonomie, auf akademische Ausbildung, oder auf emotionale Bildung, und deren Zusammenhänge mit der Kindesentwicklung. Da kulturelle Normen und Wertvorstellungen elterliche Erziehungsziele und -praktiken  beeinflussen, prägen sie auch die psychische Entwicklung des Kindes. Hinzu kommt, dass auch in China westliche Einflüsse sozialen Wandel ausgelöst haben, der in unterschiedlichen Subgruppen unterschiedliche Ausprägung gefunden hat.

Andreas Schick, langjähriger Präventionsforscher und Gründer des Heidelberger Präventionszentrum (HPZ), stellt im vierten Kapitel die internationalen Evaluationsergebnisse eines der am intensivsten beforschten und am häufigsten genutzten Gewaltpräventionsprogramme vor. Second Step Violence Prevention and its European Versions behandelt ´Second Step´, dessen deutsche Version ´Faustlos´ seit Jahren erfolgreich im deutschsprachigen Raum eingesetzt wird. Die Förderung pro-sozialen Verhaltens wird dabei bereits im Kindergarten systematisch ermöglicht. Ein Überblick über das bio-psycho-soziale Modell der klinischen Psychologie erweitert den Blick auf die Faktoren destruktiv- aggressiven Verhaltens. Dabei wird deutlich, wie die ganze Bandbreite von Entwicklungs- und auslösenden Faktoren zu Sozialisation beiträgt und Präventionsprogramme die Entwicklung von Gewalt eindämmen können.

Die japanischen Forscher Rie Wakimizu und Hiroshi Fujioka beleuchten im fünften Kapitel, Characteristics of Child-Rearing in Japanese Families and Findings of the Positive Parenting Program (Triple P) in Japan, den gesellschaftlichen Wandel in Japan, der sich in sinkenden Geburtenraten und immer kleiner werdenden Familien niedergeschlagen hat. So steigt bspw. die Gefahr von Kindesmissbrauch entlang des Trends zur Kernfamilie ebenso wie die Zahl diagnostizierter Depressionen. Die Verfasser der Faculty of Medicine at University of Tsukuba und der Ibaraki Prefectural University of Health Sciences, Japan, halten eine bevölkerungsorientierte Interventionspolitik, die auf gefährdete Eltern und Familien ausgerichtet ist, für dringend erforderlich und weisen auch auf die Möglichkeiten des Positive Parenting Program (Triple P) hin, einem auch in Deutschland verbreiteten Elternprogramm.

Kapitel 6 beleuchtet gesellschaftlichen Wandel aus einer etwas anderen Perspektive. Esin Kumlu zeichnet in Falling from Grace: Analyzing the Landscape of Depression in „Prozac Nation“ and „The Last Yankee“ den Prozess postmoderner Fragmentierung bei Elizabeth Wurtzel und Arthur Miller nach. Wurtzel hat mit „Prozac Nation” eine Mischung aus Autobiographie und Soziogramm vorgelegt, die thematische Anknüpfungspunkte zu Arthur Millers Drama „The Last Yankee“ aufweist. Diese liegen in der historischen Bestandsaufnahme von Gesellschaft, Geschlecht und Rolle – und damit insbesondere der Themen von Mutterschaft und Familie. Die an der Dokuz Eylül Universität in Izmir, Türkei, lehrende Verfasserin greift Depression als Schlüsselbegriff auf, der den psychologischen Grundzustand  im ausgehenden 20. Jahrhundert definiert. Depression und Wahnsinn können zumal nicht nur als Resultat gesellschaftlicher Entwicklung verstanden werden, sondern als kulturelle Konstruktion des Abseitigen, das jedoch integraler Bestandteil der postmodernen Gesellschaft ist.

Im zweihundertsten Geburtsjahr von Henry David Thoreau ist die amerikanische Idee, die eigenen Potenziale zu nutzen, aktueller denn je. Dass dies mit Problemen einhergeht, ist angesichts enormer globaler Herausforderungen gewiss deutlich. Weniger deutlich dürfte sein, dass Potenziale in unterschiedlichen Lebensbereichen liegen können. In Kapitel 7 wird daher Emancipation as an Educational Issue in the Early Republic untersucht, und zwar anhand weiblicher Autorenperspektiven über Erziehungsziele und Sozialisationsvorstellungen. Obwohl weit entfernt von postmodernen Verhältnissen heutiger Zeit, zeigten sich die gesellschaftlichen Umbrüche in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts kaum minder dramatisch. Dass emanzipatorische Ansätze zu jener Zeit eine erhebliche Rolle spielten, lässt sich den Schriften der Frühen Republik entnehmen. Dabei kam Frauen eine entscheidende Rolle zu; dies sowohl in der Verschriftlichung publikumswirksamer Themen als auch in der Neugestaltung ihres gesellschaftlichen Standpunktes.

In Kapitel 8 untersucht Johanna Schacht, Internationale Studiengemeinschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin, den Beitrag von Otto Gross zur psychoanalytischen Theoriebildung sowie dessen wenig bekannten kulturellen Einfluss. Otto Gross, Original Sin and Psychoanalysis öffnet den Blick auf menschliche Sexualität und deren lange Geschichte der Unterdrückung, deren Opfer in erster Linie Frauen waren. Das Konzept der Erbsünde im Christentum dürfte im Rahmen der Trennung der Geschlechter mit den Themen Schuld, Scham und Schande aufs Engste verknüpft sein. Eine patriarchatskritische Lesart trägt erheblich zur Relativierung dieser Sichtweise bei, vor allem aber kann sie zu neuen Konzeptionen führen, die im 20. Jahrhundert bereits ein gutes Stück gegangen wurden, gewiss aber breiterer gesellschaftlicher Fundierung bedürfen.

Ludwig Janus erweitert im letzten Kapitel, Thoughts on Some Basic Assumptions of Psychoanalysis, die Perspektive nochmals um einige Aspekte des menschlichen Sozialisationsprozesses. Betrachtet man die psychoanalytische Theoriebildung und die Bindungs- und Säuglingsforschung in Zusammenschau mit Erkenntnissen der pränatalen Psychologie und der Psycho-Neuroendokrinologie, lässt sich konstatieren, dass manche Aspekte der menschlichen Entwicklung unterschätzt wurden. Die Historizität, also die Epochenbedingtheit mancher Konzeptionen fällt auf. Das Verfallsdatum wissenschaftlicher Erkenntnisse wird in Wissenschaft und Gesellschaft wenig diskutiert – was Konsequenzen auch auf die Vorstellungen von Familie, Sozialisation und Erziehung hat. Das Kapitel beleuchtet diese Dynamik und zeigt somit mögliche zukünftige Denkrichtungen auf.

In der Zusammenschau aktueller und historischer Perspektiven zeigt sich die Palette der Praktiken, Vorstellungen und kulturellen Unterschiede als maßgebliche Faktoren menschlichen Handelns. Familien- und Erziehungsforschung hat also viel zu bieten. Der in der Reihe „Family Issues of the 21st Century” erschienene Band knüpft an zahlreiche  Aspekte zur Sozialisationsforschung an und will einen weiteren Beitrag zum Verständnis menschlichen Handelns leisten. Der englischsprachige Band richtet sich sowohl an Fachleute als auch an interessierte Laien.

„Child-Rearing: Practices, Attitudes and Cultural Differences”, Götz Egloff (ed.). Nova Science, New York 2017. 242 pages, $ 95