Was zieht einen Menschen, der in den klimatisch gemäßigten Zonen unseres Planeten aufgewachsen ist, in eine arktische Wüste? Und dies zum wiederholten Mal. Die Antwort, lieber Leser, findest du zwischen den zwei Buchdeckeln des 195 Seiten starken Romans „Rückkehr nach Alaska“ des Bestseller-Autors Wolf Cropp.
Cropp, jener Tausendsassa, der die ganze Welt von Nord nach Süd erkundet und seine Eindrücke akribisch in zahlreichen Büchern niedergeschrieben hat, ist fasziniert von Alaska. Der Name leitet sich vom aleutischen Alaxsxaq ab und bedeutet so viel wie „das große Land.“ Ein passender Name für eine Gesamtfläche von stolzen 1.717.854 Quadratkilometern, die den 49. Staat der USA zum flächenmäßig größten Bundesstaat der USA machen. Damit ist er fast fünf Mal so groß wie Deutschland.
Das Abenteuer beginnt bereits im Kopf
Gut vorbereitet beginnt Wolf Cropp seine Reise durch Amerikas „icebox.“ Ein Foto zeigt ihn auf dem Cover seines Buches zünftig verpackt mit tief in die Stirn gezogener Pelzmütze. So will er der Polarkälte trotzen.
Bevor Cropp sich in die eis- und schneebedeckten Weiten des Landes begibt, wärmt er sich in einem Saloon bei einem Alaska-Cocktail auf, einem Trank aus Gin und Chartreuse, und vergnügt sich mit einem Mann namens Mike am Billardtisch. Hier lebt man mit der Natur, nicht gegen sie, erläutert der Mann, der mit Bären und Elchen und vielerlei Gefahren auf freier Wildbahn vertraut ist. „Wer das nicht begreift, ist verloren.“ Ein weiser Mann, der die Überlebensstrategie in diesem Teil der Welt in wenigen Worten zusammenfasst.

„Rückkehr nach Alaska“ beinhaltet siebzehn akribisch strukturierte, spannende Kapitel, die den Leser an den Erlebnissen des Autors hautnah teilhaben lassen. Eindrucksvoll ist die Beschreibung der Inseln im Sturm. Der „Magie der Aleuten“, dem Phänomen einer vulkanischen Gasexplosion kann er sich nicht entziehen: „Ein Feuerbogen durchzieht die Kette der Alaska-Halbinsel und der Aleuten“, schreibt er, „Vulkane aufgereiht wie an einer endlosen Perlenschnur, die erst nahe Russlands enden.“
„On Tour“ ist ein weiteres spannendes Kapitel in welchem Cropp sich per Snowmobil, nur mit einem Indigenen und Schlittenhunden aufs Eis begibt. Ein lautes „Hike, Hike“ des „Mushers“ (Hundeschlittenlenker) feuert die Huskys an, während der Schlitten durch Tiefschnee rauscht. Cropp punktet bei den Einheimischen, die dem „Stadtonkel“ so viel Courage gar nicht zugetraut hätten.
Die nächste Herausforderung ist der Transalaska-Highway – 1400 Kilometer entlang der Pipeline und auf keiner Karte zu finden. Zivilisation ade! Hier lockt eine unberührte Natur, in der sich Elche, Bären, Wölfe und Karibus (Rentiere) gute Nacht sagen. In dieser Wildnis lacht das Herz des Abenteurers, der sich wie ein Trapper und Pionier in einer traumhaften Landschaft fühlt, während er an kristallklaren Flüssen und Seen vorbeizieht und die eisig frische Luft genüsslich einatmet.
Mitten hinein ins eiskalte Abenteuer
Mit dem Autor erkunden wir das Geheimnis der Alaska Range (wird nicht verraten; selber lesen auf Seite 141), bewegen uns in Richtung Fort Yukon und landen schließlich in Sitka, laut Aussage von Kennern, „die schönste Stadt Alaskas.“ In der Tat, eine Hafenstadt wie aus dem Bilderbuch, die vom Fischfang und Tourismus lebt. Zumal ein Ort, der einst von dem kriegerischen Indianerstamm der Tlingit besiedelt war, der sich tapfer gegen Eindringlinge wehrte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Siedler frech wurden und die anfänglichen Streitereien in kriegerische Handlungen ausarteten. C’est la vie…
Schon mal was von Kodiak gehört? Nicht zu verwechseln mit Kodak. Wer kann schon ein Unwort wie qiq’rtag artikulieren, das auf aleutisch schlicht Insel heißt? Gleichwohl, hier sollen die Kodiak-Bären leben, wunderschöne, aber hoch gefährliche Raubtiere – Zoologen unter der Bezeichnung ursus arctus middendorffi geläufig. Man sagt, sie erreichten, auf den Hinterbeinen stehend, eine Größe von bis zu vier Metern. Dichtung oder Wahrheit? Hinfahren und selber nachmessen. Vielleicht führt ja die Polarkälte zu gelegentlichen Halluzinationen.
Auf nach Juneau, die Hauptstadt Alaskas, die ihren Namen dem Goldgräber Joe Juneau verdankt, der sich mit seinem Kumpel Richard Harris Anfang des 20. Jahrhunderts hier niederließ. Inzwischen hat sich der einstige Goldgräberort in eine moderne Metropole mit allen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts verwandelt. Ein Naturbursche wie Wolf Cropp kann mit einer weit über ihre Grenzen hinausgewachsenen Stadt wenig anfangen. Zuviel Trubel, zu viel Schickimicki. Alles Ursprüngliche wurde dem Fortschritt geopfert. Und von der einst grandiosen Naturszene ist fast nichts mehr übrig geblieben. Zwanzig Kilometer von der heutigen Boomtown befindet sich der Mendenhall-Gletscher, der den Verlust der malerischen Szenerie ein wenig kompensiert. Immerhin.
Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Gretchens Klage aus Goethes Faust hat auch heute noch Gültigkeit. Am Chilkoot-Pass wird wie eh und je Gold geschürft. Auch Jack London folgte einst dem Lockruf des Goldes bis nach Klondike. Das Edelmetall aus den Flüssen machte ihn nicht reich. Wohl aber die hier gesammelten Erfahrungen, die ihn zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Generation werden ließen.
Was kostet ein eigener Claim?
Wer schon einmal den Fuß ins Goldland gesetzt hat, sollte auch einen Claim besitzen. Auch Wolf Cropp erliegt der Versuchung und lässt bei eisiger Kälte die Waschpfanne kreisen auf der Suche nach Nuggets, wie winzig auch immer. Ein Erdrutsch beendet das goldene Abenteuer. Das war’s also. Der Claim ist weg und mit ihm mehrere hundert Dollar. Wie ein begossener Pudel steht er da in seiner triefenden Kleidung. Als Trost gönnt Freund Jim ihm einen Nugget aus seinem eigenen Fund als Erinnerung an diesen gemeinsamen Ausflug in die Welt der Goldschürfer.
Fazit: Gold macht nicht glücklich, die gesammelte Erfahrung umso reicher.
Was bleibt
So endet ein grandioser mit Herzblut geschriebener (Abenteuer)Roman, verfasst von einem Autor, der stets auf der Suche nach dem Ursprünglichen auf unserem Planeten war und immer noch ist. Hier in Alaska „am Ende der Welt“ ist er fündig und reich belohnt worden.
Wolf Cropp besitzt das Talent, seine Leser hautnah an seinen Exkursen und gewagten Experimenten teilhaben zu lassen. Seine Sprache ist klar und immer verständlich, selbst wenn er von seltsamen Sitten und Gebräuchen berichtet, die das Verständnis Uneingeweihter überfordern könnten. Auch vor wenig appetitlichen Beschreibungen scheut er nicht zurück. Da ist zum Beispiel die Einladung zu einem „Festessen,“ das aus tranigem Walfleisch und einer Art Blutsuppe besteht. Der Rezensentin wurde beim Lesen leicht übel. Da kamen Erinnerungen an die tägliche Portion Dorschlebertran aus Kindertagen hoch. Und von dem gab es gottlob nur einen Löffel.
Es ist ein Verdienst dieses Buches, dass der Autor neben seinen vielen Aktivitäten immer wieder auf die Geschichte Alaskas mit Jahreszahlen und einschneidenden Vorkommnissen hinweist. Auch die verschiedenen Volksstämme und die indigenen Sprachen werden eingehend beleuchtet.
Alles in allem ein lesenswertes Buch, angereichert mit herrlichen Naturbeschreibungen, das einen tiefen Einblick in eine Welt gewährt, die für die meisten von uns terra incognita ist und wohl auch bleiben wird. Mallorca ist halt wärmer und hat zudem noch einen „Ballermann“, den man im Eis der Arktis wohl immer vergeblich suchen wird. Gott sei Dank!

„Rückkehr nach Alaska“ von Wolf Cropp, 195 Seiten, erschienen im Omnino Verlag. Berlin, zum Preis von Euro 16, ISBN 978-3-95894-389-6 (Print)
Fotos in diesem Artikel: privat/Wolf-Ulrich Cropp


