„Proof“ (Der Beweis) von David Auburn, die neue Premiere am ETH

My god, what shall I do without dad? / Mein Gott, wie soll es nur weitergehen ohne Dad?

Sind Mathematiker per se verpeilt oder gar verrückt? Diese Frage beschäftigt David Auburn in seinem Drama „Proof“, das dem amerikanischen Autor sowohl den begehrten Pulitzer Preis als auch einen Tony Award einbrachte. Das von vier Schauspielern getragene Stück spielt in Chicago um das Jahr 2000.

Die gerade 25 Jahre alt gewordene Catherine trauert um ihren Vater Robert, ein allseits bewundertes Genie auf dem Gebiet der Mathematik. Während sie die Vorbereitungen für seine Beerdigung trifft, erscheint ihr Roberts Geist auf der Veranda ihres Hauses mit einer Flasche Champagner, um mit ihr auf ihr neues Lebensjahr anzustoßen.

Robert wirft Catherine vor, ihre Forschungsarbeit vernachlässigt zu haben. Ist sie doch selbst eine brillante Mathematikerin, die ihr Talent nicht verschwenden sollte. Catherine zeigt sich zutiefst verstört. Die jahrelange aufopfernde Pflege, die sie ihrem dementen Vater angedeihen ließ, hat sie viel Kraft gekostet und ihr kaum Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit gelassen. Auch Freundschaften hat sie seinetwegen nicht pflegen können. Selbst ihre Schwester Claire ist ihr fremd geworden. Catherines größte Sorge aber gilt ihrer eigenen mentalen Gesundheit. Womöglich hat sie Roberts Geisteskrankheit geerbt. Wer weiß das schon…

Hal, ein ehemaliger Student und Bewunderer Roberts, macht sich währenddessen daran, den wissenschaftlichen Nachlass des Verblichenen zu ordnen.

Schwesterliche Fürsorge

Pünktlich zur Beisetzung des Familienpatriarchen reist Catherines  Schwester Claire aus New York an. Besorgt über den depressiven Zustand ihrer jüngeren Schwester, möchte sie Catherine mit sich nach Big Apple nehmen, wo sie schnell von ihrer Trauer um den Vater abgelenkt würde. Catherine lehnt ab und verweist auf Hal, der ihr zur Seite steht. Wer zum Teufel ist der? Die pragmatische Claire vermutet, dass dieser Hal nur in Catherines Fantasie existiert. Ist die kleine Schwester etwa gerade dabei, ihren Verstand zu verlieren wie ihr Vater? Immerhin hat sie vor kurzem sogar die Polizei alarmiert, als sie sich einbildete, dass jemand Roberts Notizen stehlen wollte. Wo soll das noch hinführen!

Eine Trauerfeier und ihre Folgen

Auf der Feier im Kreise der Freunde und Kollegen des Verblichenen kommen sich Catherine und der sympathische Hal näher, während die sonst so kontrollierte Claire sich sinnlos betrinkt und am nächsten Morgen völlig verkatert zum Frühstück erscheint. Dennoch konfrontiert sie Catherine mit der Forderung, das Elternhaus in Chicago zu verkaufen. Gehört ihr nach Roberts Tod doch die Hälfte der Immobilie, für deren Erhalt sie jahrelang aufgekommen ist und auch die Hypothek bezahlt hat. Catherine ist empört und argumentiert, sie habe ihre eigene akademische Laufbahn aufgegeben, um jahrelang ihren dementen Vater zu pflegen. Claire kontert, dies sei Catherine nicht gut bekommen. Wenn Catherine sarkastisch anmerkt, ihre Schwester wolle sie wohl in eine Klapsmühle verfrachten, bestreitet diese dies vehement: Aber, aber, davon kann doch keine Rede sein.

Have a look, Catherine, this is the proof! / Sieh mal, Catherine, hier ist der Beweis. Eine Sensation!

Catherine ist entschlossen, ihr abgebrochenes Studium an der Northwestern University wieder aufzunehmen. Hal zeigt sich beeindruckt von ihrer Entscheidung und fährt fort, Roberts umfangreiche Notizen zu sichten. Ganz unten im Fach des Schreibtisches macht er eine schier unglaubliche Entdeckung.  Eureka – ich hab’s gefunden!   Wusste Catherine etwas von dem Eintrag in Roberts Notizen, der aussieht wie ein mathematisches Theorem über Primzahlen, das Mathematiker von jeher zu beweisen versuchten, ohne jedoch einer Lösung näher gekommen zu sein?  Ein wahrer Geniestreich, der alle bereits vorhandenen Erkenntnisse auf den Kopf stellt. Als Catherine erklärt, sie und nicht Robert habe diesen Beweis erbracht und niedergeschrieben, will weder Hal noch Claire ihr Glauben schenken.

Catherine, das verkannte Genie

Nachdem sich die Wellen geglättet haben und Hal die angeblich von Robert verfassten Notizen noch einmal gründlich durchgegangen ist, kommt er zu der Erkenntnis, dass Catherine und nicht Robert die Urheberin dieses bahnbrechenden Lehrsatzes ist. Denn zu Roberts Lebzeiten existierten die neueren mathematischen Techniken noch gar nicht, mit denen er hätte bewiesen werden können. Trotz dieser Versicherung befürchtet Catherine, dass „etwas mit ihr nicht stimmt“. Aber Hal versichert ihr, dass die abgedroschene Formel „Genie gleich  Wahnsinn“ jeglicher Grundlage entbehrt.

Catherine wird ihr Studium wieder aufnehmen, in Zukunft eng mit Hal wissenschaftlich zusammenarbeiten und beweisen, dass sie in der Lage ist, ein unabhängiges produktives Leben zu führen.

Fazit: Jene, die konsequent ihr Ziele im Auge behalten, werden am Ende mit Erfolg belohnt.

„Proof“ beginnt behäbig ohne Spannungsbögen und plätschert  dahin, ohne dass der Zuschauer zunächst einen Einblick in das eigentliche Sujet gewinnt. Bald aber wird ersichtlich, welchen Sprengstoff das fast ödipale Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Robert, einem international anerkannten Mathematiker, und der gerade 25-jährigen Catherine in sich birgt. Hing Catherine – selbst eine äußerst begabte Mathematikerin – während Roberts aktiver Zeit nicht wie eine Marionette an dem von ihrem Vater geführten Spielkreuz? Seit Robert in geistige Umnachtung verfiel, gab die Tochter ihr vielversprechendes Universitätsstudium auf, um sich ganz der Pflege ihres Vaters zu widmen. Regelmäßig erscheint dieser ihr jetzt als Geist, der sie rügt, ihre Studien vernachlässigt zu haben.

Catherines Schwester Claire, eine erfolgreiche New Yorker Währungsanalystin, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie verfolgt ihre Karriere und beobachtet den geistigen Verfall ihres Erzeugers aus der Distanz. Wäre der Vater nicht besser an einem Ort aufgehoben, wo man sich professionell um ihn kümmert?

Zu den beiden ungleichen Schwestern gesellt sich Hal, ein ehemaliger  Student Roberts, dessen Aufgabe es ist, den geistigen Nachlass seines Lehrmeisters unter die Lupe zu nehmen. Und damit beginnt der wahre Plot dieses von Clifford Dean ebenso spannend wie intelligent inszenierten Stückes. Denn was Hal in Roberts zahlreichen Notizheften schließlich entdeckt, hat das Zeug, die wissenschaftliche Welt buchstäblich aus den Angeln zu heben.

Gehen wir gleich in medias res: Eureka! Der smarte Hal hat mit der untrüglichen Nase eines Trüffelschweins das mathematische Theorem über Primzahlen aus dem unübersichtlichen Haufen von Notizen herausgefischt, nach dem Mathematiker forschten, so lange es diese Spezies gibt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass Catherine und nicht ihr Vater Robert für diesen Geniestreich verantwortlich zeichnet.

Doch nun passiert das, was manche als eine Art schlecht unter dem Deckel gehaltenen Sexismus empfinden. Wie kann es sein, dass eine Frau in dieser (immer noch) von Männern dominierten Welt der Wissenschaft zu einem derart bahnbrechenden Forschungsergebnis gelangen konnte! Während Claire vermutet, dass ihre Schwester ihrem verstorbenen Vater diesen späten Erfolg abspenstig machen will, glaubt Hal nach genauen Recherchen mit Fachleuten an Catherines Urheberschaft.

David Auburn, der Autor von „Proof“, betonte in einem Interview, es gehe in seinem Stück eigentlich gar nicht um Mathematik. Da müssen wir allerdings lebhaft widersprechen. Es geht sehr wohl um Mathematik, um Beweise und mathematische Aktivität. Viele Mathematiker sprechen gar von der „feinsten unwiderlegbaren“ Wissenschaft auf dem Planeten. Mathematik ist auch weder eine Geistes- noch eine Naturwissenschaft, sondern eine Strukturwissenschaft, die abstrakte Zusammenhänge, Muster und logische Strukturen untersucht, statt nur Zahlen zu berechnen. Noch Fragen?

Wieder einmal hat das English Theatre vier bemerkenswerte Schauspieler auf die Bretter des Hauses gebracht. Beeindruckend ist die Leistung Richard Ings als Robert. Er stellt den dementen Wissenschaftler mit einer Intensität dar, die an die Nieren geht. Catherine, gespielt von Georgina Casbarra, berührt mit ihrer Verletzlichkeit, während Katherine Bristow Claire die toughe Karrierefrau aus New York überzeugend gibt. Bleibt noch Peter Dewhurst als liebenswerter Hal, der am Ende alle Fäden in der Hand hält.

„Proof“ läuft bis zum 11. April 2026. Tickets unter der Telefonnummer 040-227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „All New People” von Zach Braff am 27. April 2026

Fotos: Stefan Kock

Ein neues Kapitel der Familienhotellerie Cavallino Bianco kommt ans Meer

Mit dem Cavallino Bianco Caorle – Venezia entsteht ein Projekt, das unternehmerische Vision mit zukunftsorientierter Tourismusentwicklung verbindet – mit 101 luxuriösen Suiten und rund 180 neuen Arbeitsplätzen.

Zwischen Pinienhain und Meer beginnt in Caorle ein neues Kapitel italienischer Gastfreundschaft. Nach dem internationalen Erfolg in St. Ulrich erhält das renommierte Cavallino Bianco Family Spa Grand Hotel – vielfach ausgezeichnet als eines der besten Luxus-Familienhotels weltweit – stilvollen Zuwachs an der venezianischen Küste. In bislang einzigartiger Form vereint das neue Haus exklusive Familienferien mit regional verwurzeltem Qualitätsanspruch und schafft dabei nicht nur neue Arbeitsplätze, sondern auch starke Impulse für die touristische Entwicklung der Region – mit Weitblick, Wertschätzung und unverwechselbarem Stil.

Die Bauarbeiten für das Cavallino Bianco Caorle – Venezia schreiten zügig voran. Die Eröffnung ist für Mai 2026 geplant. Ziel des Luxury Family Beach Resort ist es, das preisgekrönte Konzept aus Gröden auch ans Meer zu bringen: herausragende Gastlichkeit für Familien, ein Design, das bis ins Detail durchdacht ist, maßgeschneiderte Services und eine Philosophie, die das ganzheitliche Wohlbefinden aller Familienmitglieder in den Mittelpunkt stellt – vom ersten Moment an.

In privilegierter Lage – direkt am feinsandigen Strand von Caorle – entsteht ein Resort, das neue Maßstäbe im Familienurlaub setzt.

Das künftige Cavallino Bianco wird 101 großzügige Suiten zwischen 48 und 118 m² bieten – lichtdurchflutet, stilvoll designt und perfekt auf die Bedürfnisse moderner Familien abgestimmt. Jede Suite wurde mit dem Ziel entworfen, Familien maximalen Komfort, Privatsphäre und Bewegungsfreiheit zu schenken – ohne Kompromisse. Getrennte Schlafbereiche, zwei Bäder (eines davon kindgerecht), eine Pantryküche und eine private Terrasse mit Blick auf die Adria sind Standard. Komfort trifft Rückzugsort – mit Design und Atmosphäre.

Der Spa- und Wellnessbereich bietet nicht nur hochwertige Ausstattung, sondern auch angenehme Atmosphäre: beheizte Pools, verschiedene Themen-Saunen, eine Beauty-Farm mit individuell abgestimmten Behandlungen sowie ein Infinity Sky Pool auf der Dachterrasse mit weitem Blick über das Meer laden dazu ein, sich selbst wieder näherzukommen – in Momenten der Achtsamkeit und Regeneration.

Ergänzt wird das Angebot durch eine erlesene Restaurantwelt sowie eine fantasievoll gestaltete Kinderspiellandschaft mit viel Raum zum Entdecken, Spielen und Toben.

Im Mittelpunkt steht dabei stets ein Ziel: Familien höchsten Komfort, unbeschwerte Lebensfreude und bleibende Urlaubserinnerungen zu schenken – in einer Umgebung, die ebenso entspannt wie außergewöhnlich ist. Getragen wird das gesamte Projekt von der Vision und Leidenschaft von Ralph A. Riffeser, CEO des Cavallino Bianco in St. Ulrich. Sein Anspruch: Auch am Meer einen Ort zu schaffen, an dem Familienzeit als echter Luxus erlebbar wird. „Das Cavallino Bianco Caorle – Venezia ist weit mehr als ein Hotel – es ist ein Ort echter Verbindung zwischen Eltern und Kindern. Gemeinsame Zeit – ob als Elternpaar, als Familie oder unter Kindern – ist der wahre Luxus unserer Zeit. Mit diesem Projekt möchten wir Familien einen Rückzugsort schenken, an dem sie Harmonie und echte Emotionen wiederentdecken“, so Ralph A. Riffeser.

Die Architektur des Luxury Family Beach Resorts ist inspiriert von der zeitlosen Eleganz venezianischer Paläste und fügt sich harmonisch in die natürliche Umgebung ein. Besonders eindrucksvoll ist die private Strandlandschaft: Eine 50.000 m² große Fläche mit Cabanas, King-Size-Liegen, Kühlschränken und Spielzonen – exklusiv für Hotelgäste. Ein Stück Freiheit unter der Sonne Italiens, in dem Familien ihren eigenen Rhythmus leben dürfen.

Schon jetzt gilt das Projekt als Meilenstein für die touristische Entwicklung der Region – mit dem Anspruch, neue Maßstäbe für Qualität und Familienfreundlichkeit entlang der gesamten Adriaküste zu setzen. Service auf höchstem Niveau, architektonische Sensibilität und ein tief verankerter Bezug zur Küste verschmelzen zu einem Resort-Erlebnis, das inspiriert – und bleibt. Das Cavallino Bianco Caorle – Venezia empfängt seine Gäste bis zu zehn Monate im Jahr – eine außergewöhnliche Gelegenheit für Familien, ihren Urlaub am Meer auch außerhalb der klassischen Sommermonate zu genießen.

Cavallino Bianco Caorle – Venezia
https://caorle.cavallino-bianco.com/

Vier auf einen Streich

Quelle: Deutsche Post

Gleich vier Würdigungen hat die Deutsche Post zum Ende des vergangenen Jahres in Form der Widmung einer neuen Briefmarke vorgenommen. Gewürdigt wurden beziehungsweise werden Bernhard Lichtenberg aus Anlass seines 150. Geburtstags am 3. Dezember 2025, Margot Friedländer aus Anlass ihres Todes am 9. Mai 2025, Hildegard Knef aus Anlass ihres 100. Geburtstags am 28. Dezember 2025 sowie das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, das vor über 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins vor dem Kölner Rathaus mit dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 begann.

Die Marke „150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg“ fällt schon insofern aus dem Rahmen, als sie im Unterschied zu den drei anderen nicht 95 Cent wert ist, sondern 15 Cent mehr. Zudem war Hildegard Knef eine im west- beziehungsweise süddeutschen Ulm geborene Wahlberlinerin und Margot Friedländer eine gebürtige Berlinerin, während Bernhard Lichtenberg als einziger aus Ostdeutschland stammte. Schließlich dürfte Lichtenberg von den drei Personen die mit Abstand unbekannteste sein. Dabei wird er in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt sowie in Israel zu den Gerechten unter den Völkern gezählt. Das ist auf seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen.

Bernhard Lichtenberg

In der Kreisstadt Ohlau im Regierungsbezirk Breslau geboren, verschlug es den katholischen Kaufmannssohn nach dem Theologiestudium in Innsbruck und Breslau nach der Priesterweihe 1899 in Schlesiens Hauptstadt bald in die Reichshauptstadt. Damals gehörte Berlin noch als Teil des Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern zum Bistum Breslau, und der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, war dafür bekannt, viele der besten seiner jungen Priester in diese Diaspora zu schicken, wo es viel zu tun gab. Insofern kann Lichtenbergs Entsendung als Auszeichnung interpretiert werden. Der Schlesier machte denn dort auch Karriere. Nach der Errichtung des Bistums Berlin 1930 wurde er im darauffolgenden Jahr residierender Domkapitular, 1932 Dompfarrer an St. Hedwig und 1938 schließlich Dompropst – und damit im Grunde die Nummer 2 nach dem Bischof.

Erinnerungsblatt 150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg, Quelle: Deutsche Post

Lichtenberg war ein Vertreter des den Nationalsozialisten besonders verhassten politischen Katholizismus. Von 1919 bis 1933 saß er für die Zentrumspartei in Charlottenburgs Parlament. Als 1930 „Im Westen nichts Neues“ in die Kinos kam, rief er dazu auf, sich die Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigem Antikriegsroman anzuschauen. Kaum, dass die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren, durchsuchte die Gestapo erstmals seine Wohnung. 1935 protestierte er in einer Beschwerdeschrift gegen die Zustände im KZ Esterwegen. Daraufhin verhört und misshandelt die Gestapo ihn wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“. Nach der sogenannten Reichskristallnacht betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. Nachdem der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die sogenannte Euthanasie publik gemacht hatte, schrieb Lichtenberg Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti einen Protestbrief.

Noch im selben Jahr, am 23. Oktober 1941, nahm ihn die Gestapo fest. Dabei wurde eine von ihm vorbereitete Kanzelvermeldung entdeckt, in der er ein antisemitisches Flugblatt als „Hetzblatt“ bezeichnete. Wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz wurde der Geistliche zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Lichtenberg nicht etwa freigelassen. Vielmehr verfügte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf dem Transport in das KZ Dachau ist der schwer herz- und nierenkranke Häftling am 5. November fern der Heimat im fränkischen Hof gestorben.

Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck