Handfester Lyrikpreis für Autorinnen statt Fake-Feminismus

von Maren Schönfeld

Geht es wirklich voran mit der Gleichberechtigung? Feminismus oder der so genannte „neue Feminismus“ ist angesagt und das hat sich bis zur Werbeindustrie herumgesprochen. „Femvertising“ ist das neue Schlagwort, das aus Feminismus und Advertising gebildet wurde und die Vermarktung des Feminismus für kommerzielle Zwecke bezeichnet. Entschieden haben das Vorstände, die immer noch ganz überwiegend aus Männern bestehen. Ob das den Frauen außer ein wenig Medienwirksamkeit irgendetwas bringt, bleibt fraglich.

Und wie sieht es in der Kultur aus? Was die Auszeichnungen von Lyrikerinnen angeht, so befinden wir uns immer noch gefühlt in der Steinzeit. Frauen sind deutlich unterrepräsentiert. Dagegen geht das Literaturportal Fixpoetry nun aktiv an und hat den Gertrud Kolmar Preis ausgeschrieben: „Handfester Lyrikpreis für Autorinnen statt Fake-Feminismus“ weiterlesen

War die Novemberrevolution eine Revolution?

Dieser Artikel ist in der Preußischen Allgemeinen Zeitung
Nr. 38 vom 21.09.2018 erschienen.

von Maren Schönfeld 

Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zu den Ereignissen vor 100 Jahren

Blick in die Ausstellung Revolution Hamburg 1918_19, Foto SHMH (7)

In der betont föderalistisch strukturierten Bundesrepublik Deutschland nehmen sich diverse Landesmuseen der Novemberrevolution vor 100 Jahren an. Das gilt auch für das Museum für Hamburgische Geschichte. Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass die Frage aufgeworfen wird, ob die Novemberrevolution überhaupt eine Revolution war. „Revolution! Revolution? Hamburg 1918–1919“ lautet denn auch der Titel der Sonderausstellung, die noch bis zum 25. Februar im Museum am Holstenwall zu sehen ist.

Ein Flur führt zur schweren Glastür, hinter der sich die Ausstellung befindet. An den Flurwänden stimmen auf der linken Seite Repliken zeitgenössischer Plakate und auf der rechten 20 chro­nologisch geordnete Extrablätter des „Hamburger Fremdenblatts“ und der „Neuen Hamburger Zeitung“ aus den Wochen vor der Novemberrevolution auf die Thematik ein.

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„Bonum bono – dem Guten das Gute“: Ein grandioser Auftakt

Zur Premiere „Aus großer Zeit“ am Altonaer Theater am 22. September 2018

von Maren Schönfeld

Aus großer Zeit (c) 11 G2 Baraniak

Die Romane „Aus großer Zeit“ und „Schöne Aussicht“ haben zusammen 988 Seiten sind die ersten beiden Teile der neunbändigen „Chronik des deutschen Bürgertums“ von Walter Kempowski. Sie reichen von der Kaiserzeit über die Zwanzigerjahre bis zu den Anfängen den Hitlerreichs.
Insofern kann man es durchaus als ambitioniert bezeichnen, aus diesen Romanen ein einziges Theaterstück zu machen, so viel Stoff in zweieinhalb Stunden abzuhandeln. Wenn man die Romane gelesen hat, fragt man sich, ob das Vorhaben überhaupt gelingen kann. Wenn man das Stück gesehen hat, weiß man: Es kann nicht nur gelingen, es ist gelungen.  Neun Schauspieler verkörpern dabei mehr als 27 Figuren – und das überzeugend und mitreißend. Als Kulisse hängt eine vollgepackte Kleiderstange am hinteren Bühnenrand. Die Schauspieler ziehen eine andere Jacke an, setzen einen Hut auf – und schon sind sie jemand anders. Alternativ gehen sie kurz von der Bühne und kommen als ein anderer Charakter zurück. Diesen ungewöhnlichen Wechsel hat man als Zuschauer schnell kapiert, und er stört nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil: Diese Art des Spiels ist eine sehr gute Möglichkeit, die Bandbreite des Einzelnen zu erleben. Jede und jeder überzeugt in allen Rollen.

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Vergessene Schätze heben: Meisterkurs in Husum

von Maren Schönfeld (Text und Fotos)

Ulf Bästlein und Hedayet Djeddikar

Am 23. Juli begann der 18. Meisterkurs für Liedgestaltung mit einem Eröffnungskonzert im Schloss vor Husum. Feride Büyükdenktas (Mezzosopran) und Ulf Bästlein (Bassbariton) sangen Lieder von Johannes Brahms, Gustav Jenner, Anton Bruckner und Martin Plüddemann, begleitet von den Pianisten Charles Spencer und Hedayet Djeddikar. Susanne Bienwald erzählte vom Netzwerken im 19. Jahrhundert.

Wie hieß er gleich? Plüddemann? Kennen Sie nicht? Keine Angst – die rund 80 Gäste des Konzerts hatten diesen Namen auch noch nicht gehört. Ganz im Gegensatz zu Ulf Bästlein, dem gebürtigen Husumer, in Graz lebend. Er hat sich den unbekannten, vergessenen Komponisten der Liedkunst verschrieben, und sein derzeitiges Projekt heißt Gustav Jenner. Bästlein möchte Jenners Kompositionen mit Konzerten und einer CD zu neuer Aufmerksamkeit verhelfen und teilte bereits in seiner Eröffnungsrede mit, dass er sein Preisgeld aus dem Hans-Momsen-Preis, den er dieses Jahr erhält, komplett in dieses Projekt investieren wird.

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Kurzgeschichtenpreis der Hamburger Autorenvereinigung vergeben

von Maren Schönfeld

Heike S. Hartmann-Heesch, Birgit Rabisch, Karsten Meyer (Foto: Detlef Heesch)

Birgit Rabisch (1. Platz), Karsten Meyer (2. Platz) und Heike Suzanne Hartmann-Heesch (3. Platz) sind die Gewinner des zum zweiten Mal ausgeschriebenen Kurzgeschichtenpreises.

„Heimat“ lautete das Motto des Preises, an dem nur Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung teilnehmen konnten. Sechs Texte schafften es in die Endrunde, das Publikum kürte am 28. Juni die drei Gewinner. Vor mehr als 80 Gästen fand die öffentliche Lesung in den Bethanien-Höfen in Eppendorf statt. Nachdem die Vorsitzende Sabine Witt die Anwesenden begrüßt hatte, führte Wolf-Ulrich Cropp (Stellvertretender Vorsitzender) durch den Abend.

Die sechs Finalisten hatten das Thema ganz unterschiedlich umgesetzt

Naheliegend ist es, Lebens- oder Kindheitserinnerungen mit dem Motto zu verknüpfen, wie es in einigen Erzählungen auch geschah. Erinnerungen an Kriegszeit und Flucht, an eine Kindheit in einer deutschen Kolonie in Oranienbaum, einmal von Cordula Scheel in nahezu lyrischen, detailreichen Bildern geschildert, einmal von Heidrun Schaller wie ein Blitzlicht ins Gestern gesetzt. Mit einer bildkräftigen und leidenschaftlich vorgetragenen Hommage an den Hamburger Dom präsentierte Hans Krech seine Variante des Wettbewerbsthemas.

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Das Schweigen der Mütter

von Maren Schönfeld

Buchcover

zu dem Roman „Die Kuschellüge“ von Brigitte Cleve

Als die Protagonistin Laura nach fast zwanzig Jahren wieder in das Ferienhaus der Familie zurückkehrt, um dort die Haushaltsauflösung voranzutreiben, ergreifen sie traumatische Erinnerungen. Ihren Freund, der sie begleitet, weist sie aggressiv zurück. Ihr Aufenthalt in dem Haus beschert ihr ein Déjà-vu nach dem anderen, ausgelöst von Dingen wie dem Kacheldekor in der Dusche. Was war geschehen in dem einen Sommer mit Onkel Edi, der auf die damals Elfjährige aufpassen sollte? Und wer wusste davon?

Brigitte Cleves klar und taktvoll geschriebener Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Diese Geschichte könnte sich überall abgespielt haben, denn in den meisten Fällen findet Missbrauch in der eigenen Familie oder im engeren sozialen Umfeld statt. Wie die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in einer Studie 2016 ermittelte, waren in 70 Prozent der 200 untersuchten Fälle die Täter aus Familie und sozialem Umfeld. Dass die Familien den Opfern nicht glauben, dass die Mütter meistens Bescheid wissen und wegsehen, ist für die Opfer sehr verstörend.[1]

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Unbunt eindringlich

Zur Ausstellung „18/I ihr habt es alle gewusst“ von Ele Runge im Berenberg-Gossler-Haus, Hamburg-Niendorf

von Maren Schönfeld
Fotos: Ele Runge

CARPETS, medusa, Fotofragmenteriung, 80 x 80 cm (Ele Runge)

Mit dem ersten Blick sieht das Auge grafische Formen, die wie Teppichmuster aussehen, allerdings fast nur in Schwarz, Grautönen und Weiß. Ich stehe zunächst weit entfernt. Deutlich und harmonisch erscheint mir das grafische Muster, oben und unten, rechts und links gespiegelt. Es strahlt eine Ordnung, Struktur und Symmetrie aus, die eine beruhigende Wirkung auf mich haben. Ich schaue diese Carpets, wie Ele Runge sie nennt, gern an. Dann trete ich näher und mit jedem Schritt vereinzelt der Blick die Elemente dieses Musters. Es sind keine grafischen Formen, sondern winzige organische: Menschen, gehend oder eng zusammen hockend, in Tücher gehüllt. Menschen, deren Gesichter resigniert sind. Menschen, die klagende Posen einnehmen, Menschen hinter Zäunen, Menschen auf der Flucht. Je tiefer ich in den Carpet eintauche, je dichter ich davorstehe, desto verstörender wirkt er. Trete ich zurück, verliert sich die Vereinzelung wieder, das Gebilde verwandelt sich erneut in eine grafisch strukturierte Fläche. Diese Symbolhaftigkeit empfinde ich sofort als stimmig: Die Masse des Leids berührt uns nicht, aber das einzelne Schicksal schon. Die vielen einzelnen Schicksale sind so eine große Masse, das sie uns überfordern. Wir nehmen sie als eine Art Abstraktion wahr. Bewegungen, Wanderungen finden statt, ohne dass wir sie beeinflussen können und egal, wie wir dazu stehen. Dort sind die Grenzen unserer auf Selbstoptimierung getrimmten Welt und dort ist auch der Rand unseres Suppentellers, über den hinauszuschauen Ele Runge uns auffordert. „Unbunt eindringlich“ weiterlesen

“Norma” – the new book by Sofi Oksanen

by Maren Schönfeld (German version), English summery by Uta Buhr

Sofi Oksanen, Photo: Toni Härkönen

The German fairy tale “Rapunzel” – one of many tales collected by the Brothers Grimm – forms the basis of Sofi Oksanen’s new novel. Do you remember? Rapunzel, the young woman who is endowed with the most beautiful long hair imaginable which serves her secret lover as a ladder to see her in her tower on top of a castle. Generations of children and young adults all over the world were and still are enchanted by this charming and thrilling tale.

In 2017, “Norma” was published in German language under the title “Die Sache mit Norma.” The author is the daughter of a Finnish father and an Estonian mother, born and raised in Central Finland. Russian animal tales and other stories inspired her to create the post-modern figure of Norma. It goes without saying that a writer of Sofi’s stature does not merely tell us a story, but spices her novel with fine doses of feminism and social problems. Just imagine, in 2010 19 million people went on a pilgrimage to the Indian Tirupati Temple to offer their hair to the gods. As a matter of fact, the temple sells the hair very expensively to celebrities such as Jennifer Lopez and Paris Hilton as hair extensions!  To make a long story short: There is not enough hair to satisfy the “need” for it worldwide. Some gangs meanwhile even go so far as to steel women’s hair by cutting it while their victims are trying to cross the street. Afterwards these gangsters chop off on their mopeds. „“Norma” – the new book by Sofi Oksanen“ weiterlesen

Rapunzel und die Mafia

von Maren Schönfeld

Sofi Oksanen, Foto: Toni Härkönen

Das Märchen Rapunzel war der Ausgangspunkt für Sofi Oksanens 2015 in Finnland, 2017 in Deutschland erschienenen Roman „Norma“ (deutscher Titel: „Die Sache mit Norma“). Für die estnisch-finnische Autorin, in der Kindheit geprägt von russischen lehrreichen oder Tiermärchen, war die revolutionäre Geschichte von Rapunzel das Lieblingsmärchen. So kreierte sie eine, wie sie sagt, postmoderne Version dieser Märchenfigur. Aber es wäre nicht Sofi Oksanen, bekämen wir es nicht auch mit Feminismus und gesellschaftlichen Fakten zu tun. 19 Millionen Menschen kamen 2010 zum indischen Tirupati-Tempel, um ihre Haare den Göttern zu opfern[1]. Die Tempel verkaufen das Haar, längst reicht es nicht mehr, um den Bedarf in der Welt zu decken. Extensions, wie sie Jennifer Lopez und Paris Hilton tragen, sind beliebt und werden teuer bezahlt. Längst ist das Geschäft mit den Haaren ein weltweites geworden. Im chinesischen Taihe wurden 2012 mit Haarexporten 88 Millionen Dollar erwirtschaftet.[2] Es gibt Orte auf der Welt, in denen sich zwei Bandenmitglieder auf einem Mofa einer an der Ampel stehenden Frau nähern und ihr – ratsch! – die Haare abschneiden, um damit zu türmen und sie zu verkaufen. Doch die Frauen im Tempel geben ihre Haare freiwillig her, andere gegen einen geringen Preis. Am wenigsten bekommen weltweit die Frauen, die ihre Haare abgeben. Am meisten kassieren Männer, die diese Geschäfte machen. „Rapunzel und die Mafia“ weiterlesen

Wohnzimmerlesung zu verschenken

Lesungen für einen guten Zweck – Mitmachen noch bis zum 21.12.17 möglich

von Maren Schönfeld

Miniatur/Foto: Joy Schalunke,  Grafikdesign: Andrea Rick

Wer noch auf der Suche nach einem originellen Weihnachtsgeschenk ist, wird vielleicht hier fündig: Das Bündnis „Autoren helfen“, eine Initiative von deutschsprachigen Autorinnen und Autorinnen, die sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzt, unterstützt dieses Jahr die Hilfsorganisation „DocMobile – Medical Help e.V.“, die medizinische Hilfe in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln organisiert.

Dafür bieten deutschlandweit Schriftstellerinnen und Schriftsteller an, gegen eine Mindestspende von 100 Euro im Wohnzimmer des Beschenkten oder des Schenkenden aus ihren Büchern zu lesen. Die Spender erhalten von „Autoren helfen“ einen schön gestalteten Gutschein, den sie auf den Gabentisch legen können – die Lesung selbst findet dann nach Absprache mit dem Autor im nächsten Jahr statt. Die Spenden kommen zu hundert Prozent der Hilfsorganisation „DocMobile – Medical Help e.V.“ zugute. Diese Aktion findet bundesweit statt, auf der Internetseite (Link s. u.) sind nach Regionen sortiert die Autorennamen zu finden. „Wohnzimmerlesung zu verschenken“ weiterlesen