
Foto: Götz Egloff
Da helfen auch Tabletten nicht… oder doch? – Bringen wir Endokrinologie und Psychosomatik im Sinne einer bio-psycho-sozialen Medizin, die gesellschaftliche Entwicklungen miteinbezieht, zusammen, so gelangen wir rasch zu Einsichten, die durchaus gegenläufig zu vielen weit verbreiteten Annahmen sein dürften. Sowohl klinisch Beobachtbares als auch Alltagserscheinungen in deren Verhältnis zu den aktuell geführten gesellschaftlichen Debatten liefern Anschauungsmaterial, das der Interpretation würdig ist. Ohne hier durchaus bedeutsame individuelle psychische Verfasstheiten zu beleuchten, werden also im Folgenden verschiedene Befunde kursorisch erfasst und in gesellschaftlichen Kontext gesetzt.
In ihrem Fachartikel zur ‚Kontrazeption bei Jugendlichen‘ formulierte Cosima Brucker von der Uni Ulm noch im Jahr 2002 die Problematik von Teenager-Schwangerschaften, die damals schon im Rückgang begriffen waren und noch sind. In ihrem Bezug auf Studiendaten von 1980 und 1998 wurde vor allem zuviel Spontaneität im sexuellen Verhalten als problematisch eingeschätzt. Über 20 Jahre und nichts weniger als eine Medienrevolution später, muss Christian Dadak (2025) vor allem in den westlichen europäischen Ländern nicht nur einen immer drastischeren Geburtenrückgang feststellen; wir haben es bei jugendlichen Frauen hinsichtlich Sexualität und Kontrazeption gar mit einer komplizierten, vielschichtigen Gemengelage zu tun, in der einiges nicht nur auf eine Abnahme der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr hinweist, sondern auf einen Libidorückgang selbst. Dies wäre eine hochproblematische Entwicklung, die von einer der renommiertesten Sexualforscherinnen Nachkriegsdeutschlands, Sophinette Becker, bereits 2013 kritisch in Aussicht gestellt wurde (Becker 2013; vgl. Egloff 2023). Von einer Problematik der Spontaneität hin zur Problematik des Libidorückgangs könnte man wohl sprechen.
Die Luxemburger Gynäkologin Danielle Choucroun (2024) publiziert hierzu über die zunehmende Ablehnung von Kontrazeption und stellt gleichzeitig im Frankreich des Jahres 2022 die höchste Schwangerschaftsabbruchrate seit etwa 30 Jahren fest. Die paradoxe Erscheinung, dass gerade in westlichen Gesellschaften die Geburtenrate sinkt – die niedrigste Anzahl an europäischen Geburten weist Malta auf (Calleja-Agius u. Attard 2024) – und gleichzeitig die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei rückgehender Kontrazeption steigt, muss man erst einmal verdauen: Choucroun beschreibt, wie in Luxemburg im Jahr 2023 die Abbrüche rapide anstiegen, also in genau jenem Jahr, in dem alle Kontrazeptionsmittel zum ersten mal kostenfrei zur Verfügung standen; im Jahr der staatlichen finanziellen Übernahme verdoppelte sich gar deren Anzahl. Auf Luxemburg als “champion of contraception in Europe” hinzuweisen lässt sich die Autorin dennoch nicht nehmen und fragt sich, ob kostenfrei nun noch nicht genug sei. Diese beliebte hyperrationale Perspektive verkennt – neben einem möglicherweise als solchem wahrgenommenen staatlichen Signal, keine Geburten seien Geburten vorzuziehen – mindestens manche derzeitigen gesellschaftlichen Beschaffenheiten. In diesen gehen Gedankenlosigkeit und Anspruchshaltung gar nicht so selten eine unheilige Allianz ein, gewiss nicht nur bei jungen Frauen. Dabei führt Choucroun im Abschnitt über die Hypermoderne gute Beobachtungen an, kann sie aber nicht recht nutzen. Dass totale Verwöhnung mindestens so schädlich ist wie totale Versagung, scheint jedenfalls noch nicht überall durchgedrungen zu sein. Die Hormondosis der ´Morning-after-Pille´ beträgt ein Vielfaches der täglichen Antibabypille und wird im ´Notfall´ doch recht bedenkenlos konsumiert. Dass die Autorin daher die Pillenmüdigkeit beklagt, ist nachvollziehbar, muss aber in einen Gesamtkontext eingebettet werden.
Endokrinologie und Psychosomatik
Brasilien ist seit jeher ein westliches Land, in dem nur wenige Frauen die Pille mögen (vgl. Egloff 2011a, b). In Italien verhält es sich ähnlich: mit nur etwa 20 Prozent Anwenderinnen in der weiblichen Bevölkerung ist die italienische Pillenquote eine der niedrigsten in Europa, und insgesamt etwa 40 Prozent wenden keine oder nur halbherzig kontrazeptive Maßnahmen an (Farris u. Bastianelli 2025). Nun könnte es sein, dass auch in Deutschland der in Brasilien und Italien oft ins Feld geführte spürbare Libidoverlust im Rahmen der Pilleneinnahme gerade junge Frauen von dieser abhält – und wenn das Verlangen dann durchbricht, sie die ´Pille danach´ als notwendiges Übel akzeptieren lässt. Aus psychotherapeutischen Praxen ist dies gelegentlich zu vernehmen. Die tägliche Hormondosis nicht zu vergessen kann heute für manche junge Frau ein echtes Problem darstellen, und transdermales Hormonpflaster oder Monatsring werden nach wie vor selten verwendet. Näher allerdings scheint zu liegen, dass in Brasilien und Italien mit manchen Rationalisierungsschüben kälterer Länder und Kulturen nur ungern mitgegangen wird. Was für junge Frauen in südlichen Ländern bei einer fraglos beobachtbaren Appetenz- und Libidosteigerung nach Absetzen der Pille (Egloff 2012) nachvollziehbar erscheint, kann auch bedeuten, dass diese eine mögliche Schwangerschaft nicht unbedingt als Katastrophe verstehen; vielleicht ist die ´Empfänglichkeit´ für Empfängnis ausgeprägter als in nördlichen Ländern. Dennoch sinkt auch im europäischen Süden die Geburtenrate.
So wie erhebliche Libidostörungen bei vielerlei pharmakotherapeutischer Medikation (Keck 2019) eher die Regel als die Ausnahme darstellen, werden nun kontrazeptive Maßnahmen auch in Deutschland zunehmend als Bremse oder Belastung wahrgenommen. Dass nach langjähriger Pilleneinnahme Schwierigkeiten auftreten können, schwanger zu werden, hat sich zum Teil herumgesprochen; die sogenannte Lutealphasenunterstützung mittels Progesteron scheint auch bei natürlich geplanter Schwangerschaft mittlerweile immer nötiger zu werden, wie auf dem Kongress der Preis School für Perinatologie, Neonatologie und Reproduktionsmedizin zu hören war (Bruer 2023). Ob dieser Faktor bei jungen deutschen Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, bleibt fraglich. Junge Frauen, pillenmüde oder als unzuverlässige Pillen-Anwenderinnen, könnten von strukturierter Beratung profitieren – in Italien wechselt etwa die Hälfte nach eingehender Beratung ihre Kontrazeptionsmethode (Farris u. Bastianelli 2025) –, ohne dass dies natürlich die Geburtenrate steigern würde.
Kultur und Biochemie
Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchten in gesellschaftlichen Debatten zunehmend Begriffe wie ‚Toxische Männlichkeit‘ auf, die nicht etwa die naheliegenden Vergiftungsängste durch das Männliche (Priskil 2024) thematisieren, sondern meist poststrukturalistisch verwendet werden. Poststrukturalistisch bedeutet sprachtheoretisch und zeichentheoretisch, und letztlich machttheoretisch. Manche dieser Ansätze lassen sich auf vieles sinnvoll anwenden, auf Körper und Geschlecht aber am wenigsten. Wer Körper und Geschlecht nur poststrukturalistisch – quasi ohne Körper – denken mag, dem sei hier Ralph Frenkens Kapitel “Venus-Phallus” (2023) anempfohlen, das körperlich-leibliche Aspekte leicht sichtbar macht: Körper sind real, und Psyche ist eng mit dem Körper verbunden, gar in Wechselwirkung eingeschrieben. Doch ein ‚Körper, nein danke!‘ ist heute wieder gar nicht so selten zu bemerken, auch ohne dass es immer ausgesprochen würde.
Betrachten wir die Nanowelt der Mitochondrien in der Reproduktion, wird klar, dass im biologischen Befruchtungsvorgang biochemische Prozesse stattfinden, die psychosomatisch fundiert sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass molekularer oxidativer Stress männliche Spermien beim Prozess der Kapazitation und damit die Akrosom-Reaktion im Rahmen der Befruchtung stören kann, was deren Beweglichkeit betrifft, sodass auch bei ausreichender Spermienzahl keine Befruchtung stattfindet (Franjic 2023). Die Biologin Darja Wagner sieht in ihrem Artikel “Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr?” (2025) die männliche Fertilität gar in exorbitantem Rückgang begriffen, wofür manches spricht. Was sie in Zusammenhang mit einer Überexpression des Spike-Proteins im Rahmen der CoVid19-Pandemie formuliert, könnte sogar weitgehendere Zusammenhänge haben.
Die Spermienqualität gehe in Westeuropa, Nord- und Südamerika, China und Indien zurück, formuliert Wagner vielleicht etwas zu global, denn: wo nicht gemessen wird, können keine Befunde vorliegen. Und es wird nicht überall gemessen. Warum geht sie überhaupt zurück? Die üblichen Verdächtigen wie Ernährung, Plastik und manche Stoffe dürften gewiss eine Rolle spielen, es müssten aber auch andere Zusammenhänge eröffnet werden. Denn insgesamt schaut es in afrikanischen und arabischen Regionen deutlich anders aus, sodass von einer Schwerpunkt-Problematik überwiegend westlicher und westlich gepägter Industrieländer gesprochen werden muss. Als mögliche Faktoren müssten auch psychogeographische einbezogen werden; im Rahmen von Mentalität ist eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit im Süd-Nord-Gefälle überdeutlich.
Im engeren biochemischen Rahmen sind bei oxidativem Stress nicht nur eine zu geringe, sondern auch die exzessive Zufuhr von Antioxidantien ungünstige Faktoren, die die Spermien-Kapazitation behindern oder stören (Henkel 2024). Zudem können bei eigentlich gesunden Spermien neben der Motilität auch andere Faktoren als Problematiken auftreten, die im Ergebnis als Sterilität bezeichnet werden können (Franjic 2023). Die Eiweiß-Verbindung L-Carnitin, vertreten durch rotes Fleisch und insbesondere Hammel und Lamm (Henkel 2024), ist dagegen ein protektiver Faktor. Regionen wie Nordafrika und Vorderasien sind hier klar im Vorteil. Von den Ländern auf mit Europa vergleichbaren Breitengraden ist es die Mongolei, die, auf dem Breitengrad Österreichs, eine hohe Geburtenrate aufweist – wenn auch ganz andere soziokulturelle Bedingungen vorliegen. Dennoch: traditionellere Gesellschaften haben kulturell manche Probleme weniger, weil sie sich genealogischer, d.h. sich stärker in historischen Linien sehen (Egloff 2023; vgl. Nassar 2023). Aber auch in Island, wo Hammel und Lamm ebenso eine gewisse Rolle spielen, gibt es eine immerhin recht stabile mittlere Geburtenrate. Ganz entgegengesetzt, auf den Philippinen, ist sie recht hoch. Gemeinsam haben die genannten Länder wiederum, dass Vegetarismus dort keine Rolle spielt. Dieser ist für männliche Fertilitätsförderung wenig geeignet, da fast kein L-Carnitin zugeführt wird (Henkel 2024). Liegt hier gar ein übersehener Schlüssel zu niedrigen Geburtenraten?
Man kann nicht wissen, ob soziokulturelle Bedingungen den psychosomatischen Beschaffenheiten vorausgehen oder andersherum. Ein Sowohl-als-auch ist wahrscheinllich. Was man wissen kann ist, dass auch biologische und kulturelle Faktoren in Wechselwirkung stehen und neben den sozialen eine gewichtige Rolle spielen, die oft ausgeblendet wird. Ein Mehr an oft verwirrenden Informationen schafft zudem nicht unbedingt mehr Aufklärung, sondern dient oft der weiteren Rationalisierung der Lebenswelt, was existentielle Verunsicherung schafft. Die globalisierte Welt zeugt vom Aufschaukeln von Informationsüberflüssen. Nehmen wir gesellschaftlich also einen eher genealogischen als biographischen Standpunkt ein (Egloff 2020), ist davon auszugehen, dass traditionellere Gesellschaften bei der Reproduktion im Vorteil sind, was natürlich zu Lasten von Freiheiten, aber eben auch zu Lasten westlicher Anomietendenzen geht. Daher findet sich in westlichen Ländern nun ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach kultureller Verankerung. Die derzeitig gängigen poststrukturalistischen Konzepte gerade in diesem Bereich stehen dem zum Teil entgegen und befördern eher die existentielle Verunsicherung. Oft werden sie recht unbedacht verwendet und auf alles und jedes angewendet. Weder Körper noch Kultur spielen darin die ihnen zustehende Rolle, und sie werden einem meist unbestimmt genutzten Universalismus untergeordnet.
Mentalität und Debatten
Derzeitige poststrukturalistische Stoßrichtung findet sich auch im Spiegel-Artikel “Männer sind mir fremd geworden” von Nina Sternburg (2025). Ihr Lamento umfasst viele der heutigen Chiffren westlicher Millennials, von denen nicht wenige mit einem Ausmaß an Privilegien aufwuchsen, das Seinesgleichen sucht. Wenn die Autorin das ganze Repertoire der Begrifflichkeiten auspackt und in Deutschland Gewalt allerorten entdeckt, fragt man sich unwillkürlich, ob sie wohl vom Tocqueville-Effekt gehört hat. In ihren Ausführungen erfolgt zunächst nicht nur keine Selbstreflektion, keine historische Einordnung, keine Anerkennung historischer Bedingtheiten, sondern eher schon einiges an Verkennung. So rekurriert die Autorin auf irgendeinen Instagram-Post, postuliert Riss, Zäsur und manches andere. Aber immerhin, dann setzt Selbstreflektion ein: ihre 50-jährige Mutter, die ein Bekannter “nackig” sehen möchte, lässt die Autorin aufhorchen: ihre Mutter sei von Männern nicht entfremdet, sondern lediglich befremdet. Ist das etwa Erwachsenwerden?
Die Kunst, auch ein ungeschicktes Kompliment als solches zu erkennen, scheint auf dem Rückzug. Auch hier kommt es zudem auf Mentalität und Kulturkreis an: nicht nur ´Anmache´, sondern auch Reaktion können schon in Italien und Schweden sehr unterschiedlich sein (vgl. Egloff 2025). Vielleicht war die Mutter der Autorin ungeachtet der Plumpheit ein bisschen stolz auf die Nachfrage; auch das taucht in psychotherapeutischen Praxen manches Mal auf. Wir alle sind eben auch: Körper. Die Entkörperlichung, die auch Becker (2013) in Poststrukturalismus-Konzepten moniert, hat nämlich bereits einige Arbeit geleistet. Wo sie Einzug hält, befinden wir uns, psychoanalytisch gesprochen, auf dem regressiven Weg von der Endlust zur Vorlust, einer zwar dauerhaften, aber nur quasi-libidinösen Erregungskurve, die nie ihr Ziel, nie ihr Objekt, nie Befriedigung findet.
Das leise Versiegen von Libido und Fruchtbarkeit beginnt wohl dann, wenn Männer Frauen zu ähnlich werden. Dann werden sie entweder noch immer als zu fremd empfunden oder aber gar nicht mehr als Männer erlebt. Die Psychoanalytikerin Simone Reissner (2025) findet bei manchen jungen Pornographiekonsumenten gar das Verharren in der Kleinkind-Position, die man evolutionsbiologisch auch als Omega-Position bezeichnen kann. Aus dieser schaut man den Erwachsenen bei eher unverständlichen als ‚unanständigen‘ Sachen zu – mit denen zu tun hat man ohnehin nichts. Die Alpha-Position hingegen, für Männer zur Zeit schwer in Verruf, ist in Debatten nicht gefragt; wer weiß, ob diese durch Alpha-Frauen gefüllt werden kann (Paglia 2014).
So liegt der Gedanke nahe, dass es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, weg von: mit Pille weniger Lust, aber keine Kinder – das ‚alte‘ deutsche Modell – und: ohne Pille mehr Lust und mehr Kinder – das ‚alte‘ südliche Modell, hin zu: keine Pille, keine Lust, und auch keine Kinder. Wird dies das ’neu‘ global-westliche Modell? Dagegen existieren nennenswerte Initiativen eigentlich nur in wenigen südlichen Ländern wie Griechenland, Serbien, Italien, Spanien oder Malta, die die Brisanz der Thematik als hoch einschätzen und: die Kinder und – die fremden – Männer mögen.
Literaturhinweise
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