
Gleich vier Würdigungen hat die Deutsche Post zum Ende des vergangenen Jahres in Form der Widmung einer neuen Briefmarke vorgenommen. Gewürdigt wurden beziehungsweise werden Bernhard Lichtenberg aus Anlass seines 150. Geburtstags am 3. Dezember 2025, Margot Friedländer aus Anlass ihres Todes am 9. Mai 2025, Hildegard Knef aus Anlass ihres 100. Geburtstags am 28. Dezember 2025 sowie das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, das vor über 30 Jahren, am 16. Dezember 1992, mit der Verlegung des ersten Stolpersteins vor dem Kölner Rathaus mit dem Auschwitz-Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 begann.
Die Marke „150. Geburtstag Bernhard Lichtenberg“ fällt schon insofern aus dem Rahmen, als sie im Unterschied zu den drei anderen nicht 95 Cent wert ist, sondern 15 Cent mehr. Zudem war Hildegard Knef eine im west- beziehungsweise süddeutschen Ulm geborene Wahlberlinerin und Margot Friedländer eine gebürtige Berlinerin, während Bernhard Lichtenberg als einziger aus Ostdeutschland stammte. Schließlich dürfte Lichtenberg von den drei Personen die mit Abstand unbekannteste sein. Dabei wird er in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt sowie in Israel zu den Gerechten unter den Völkern gezählt. Das ist auf seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen.
Bernhard Lichtenberg
In der Kreisstadt Ohlau im Regierungsbezirk Breslau geboren, verschlug es den katholischen Kaufmannssohn nach dem Theologiestudium in Innsbruck und Breslau nach der Priesterweihe 1899 in Schlesiens Hauptstadt bald in die Reichshauptstadt. Damals gehörte Berlin noch als Teil des Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern zum Bistum Breslau, und der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, war dafür bekannt, viele der besten seiner jungen Priester in diese Diaspora zu schicken, wo es viel zu tun gab. Insofern kann Lichtenbergs Entsendung als Auszeichnung interpretiert werden. Der Schlesier machte denn dort auch Karriere. Nach der Errichtung des Bistums Berlin 1930 wurde er im darauffolgenden Jahr residierender Domkapitular, 1932 Dompfarrer an St. Hedwig und 1938 schließlich Dompropst – und damit im Grunde die Nummer 2 nach dem Bischof.

Lichtenberg war ein Vertreter des den Nationalsozialisten besonders verhassten politischen Katholizismus. Von 1919 bis 1933 saß er für die Zentrumspartei in Charlottenburgs Parlament. Als 1930 „Im Westen nichts Neues“ in die Kinos kam, rief er dazu auf, sich die Verfilmung von Erich Maria Remarques gleichnamigem Antikriegsroman anzuschauen. Kaum, dass die Nationalsozialisten in Deutschland an der Macht waren, durchsuchte die Gestapo erstmals seine Wohnung. 1935 protestierte er in einer Beschwerdeschrift gegen die Zustände im KZ Esterwegen. Daraufhin verhört und misshandelt die Gestapo ihn wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“. Nach der sogenannten Reichskristallnacht betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. Nachdem der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die sogenannte Euthanasie publik gemacht hatte, schrieb Lichtenberg Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti einen Protestbrief.
Noch im selben Jahr, am 23. Oktober 1941, nahm ihn die Gestapo fest. Dabei wurde eine von ihm vorbereitete Kanzelvermeldung entdeckt, in der er ein antisemitisches Flugblatt als „Hetzblatt“ bezeichnete. Wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz wurde der Geistliche zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe wurde Lichtenberg nicht etwa freigelassen. Vielmehr verfügte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf dem Transport in das KZ Dachau ist der schwer herz- und nierenkranke Häftling am 5. November fern der Heimat im fränkischen Hof gestorben.

