Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck