Mit Magellan – historischer Roman von Reimer Boy Eilers

Buchcover „Mit Magellan“, Reimer Boy Eilers

Ein Gastbeitrag von Jakob Krajewsky

Es ist vielleicht die Suche seines Selbst, die Präsenz des Alter Egos, in dem präzise und sorgfältig recherchierten ersten Band der Trilogie: „Mit Magellan – Die Ausfahrt – Vom Hilligen Eiland nach Sevilla“ des Hamburger Autors Reimer Eilers. Überhaupt haben die einst ruhm- und siegreichen Entdecker wie Magellan, Kolumbus, Vespucci & Co., damals unterwegs mit dem Nimbus des Lichtträgers der abendländischen Zivilisation, im 21. Jahrhundert sehr im Zuge der Debatten um Kolonialismus und Postkolonialismus an Ansehen gelitten. Waren sie nicht einfach nur gierige Europäer, verkrachte Existenzen auf der Suche nach Gold und Ruhm im Auftrag ihrer Majestäten und Despoten? Oder sind sie heilige, weitsichtige Männer mit großer Überzeugungskraft und nötigem Sendungsbewusstsein gewesen, die die Dogmen der Kirche infrage stellten, die Erde sei eine Scheibe? Was suchten sie? Macht? Freiheit? Reichtum? Die Kapitäne, Hasardeure und Entrepreneure riskierten angesichts der Inquisition und der Gefahren auf See und im unbekannten Land ihre Gesundheit, ihr Leben und das ihrer Mannschaft. Was waren das für tollkühne verzweifelte oder schanghaite Männer, die mit den berühmt-berüchtigten und z.T. verrückten Entdeckern auf See waren? Nach Brecht‘scher Art stellt Eilers hier das Leben des kleinen Mannes im ganz großen Getriebe der Weltgeschichte dar.

Aufbruch in wortgewaltigen Erzählwelten über die erste Weltumsegelung.

In bester erzählerischer Manier und stilvoller, fein gesetzter Sprache, dann auch wieder in derb und großkotziger Rede, imaginiert Eilers beredt die Geschichte eines einfachen Helgoländer Seemanns, der auf ungewöhnliche Weise an Deck von Magellans Schiff in Sevilla geriet. Magellan ist Portugiese und wird von der eigenen Krone für seine Ideen eine Passage westwärts nach Indien zu finden verlacht. Dann wendet er sich den spanischen Hoheiten zu und findet endlich Gehör. Er gilt allerdings auch dort bei Hofe als Verräter und wird trotzdem losgeschickt auf die wilde Reise, die er selbst z.T. mitfinanzieren muss. Im August 1519 brach Magellan mit einer Flotte von fünf Schiffen von Sevilla auf. Die Handlung des Romans spielt in mittelalterlich anmutendem Gehabe der geschilderten Figuren, in einer Ära, die schon eine neue Zeit mit Blick auf völlig neue Welten einleitet. Eben durch den Buchdruck, die Erfindung des Protestantismus‘ und die Entdeckung der Neuen Welt über neue, unbekannte Seewege manifestiert sich das, was sich historisch gesehen als Neuzeit ausweist.

Alte Bekannte

Wer Eilers‘ Helgoland-Saga gelesen hat, trifft auf alte Bekannte. Es erscheinen der Hauptprotagonist Pay Edel Edlefsen, sowie Esquimeaux aus Grönland, auch als John Quivitoq McLoud bekannt, ganz simpel Quivitoq genannt, er ist der Busenfreund von Pay, sowie der Herr Nurredin al Gharb, den Pay sehr liebte. Dieser Herr Magister ist ein getaufter Maure mit kolossalem Weltwissen, der heimlich noch seinen alten Bräuchen huldigt und dem die gesellschaftliche Anerkennung in Sevilla versagt bleibt. Und auch die uns schon bekannte Jungfer Peerke wird immer wieder im Gedankenstrom des Pay Edel als seine geliebte Seemannsbraut, verblieben auf Helgoland, direkt angesprochen. Heimat bleibt verbindlich, nur nicht den Roten Felsen aus den Augen verlieren!
„Zu Hause hat es mich nie beunruhigt, die Verhältnisse jenseits der See zu missen. Es ist ein Kennzeichen der Heimat, dass sie den Menschen gut aufbewahrt und er gar nicht so viele Dinge zu wissen braucht, die wenigen aber gründlich.“ (S.182)

Wir tauchen ein in diese Welt der zuweilen rauen Seeleute, reisen mit Pay Edel, der wie der Autor Eilers selbst vom Hilligen Lande (Helgoland) stammt und Fischersmann Sohn ist, über Amsterdam nach Sevilla und gehen (fast) auf große Fahrt in die Neue Welt. Eine oft humoresque geschilderte Welt mit neuartiger Kosmologie und der Erkenntnis hochwohlgeborener Señores – die Erde sei gar eine Kugel, keine Scheibe – zwischen Glauben und Aberglauben und bunten Seemannsgeschichten sowie philosophischen Einsichten tut sich auf.
„Wie heilsam ist der Schlaf, wie lobesam ist seine Speise und Verheißung. Traum und Erquickung. Die Seele füllt den Leib des Menschen aus, aber in der Stunde, da der Mensch schläft, steigt sie zum Himmel und schöpft von oben.“ (S. 280)

Nicht alles sei verraten, nur so viel: in Amsterdam werden Pay und Quivitoq schanghait. Herrlich auch die Szenen aus dem Schankraum, bei den Gerberkuhlen und aus dem Badehaus dort. Die Lesenden lernen spielerisch manches über das maritime Gewerbe und alte Kulturtechniken, wie etwa ein Wundpflaster gefertigt, oder gelesen und mit Federkiel geschrieben wurde. Zudem werden die siegreiche und furchterregenden Schwarzen Schiffe der Spanische Armada erwähnt, und auch Spaniens König Karl als Weltenherrscher sowie Don Fernando Magellan werden alsbald eingeführt. In Sevilla angekommen, werden Pay und Quivitoq von einem Edelmann für die Heuer auf Magellans Schiffen für die Seereise in die neue Welt zwangsverpflichtet. Blumige Beschreibungen von Szenerien in der holländischen Hafenstadt und des burlesken Lebens im vornehmen Sevilla sowie diverse amouröse Einlassungen in den Hafenstädten sind des Autors Plaisir.
„Die Stadt war vollgestopft mit Abenteurern und Astrologen, mit Damen und Dieben, mit Händlern und Handwerkern, mit Bettlern und Bankiers, Edelleuten und ehrbaren Kaufleuten, mit Lahmen wie mit Laufburschen, Mönchen und Mägden, mit Landratten, Sesselfurzern und dann wieder mit Seeleuten wie uns.“ (S. 304)

Der erste von drei Bänden

Das Buch ist der erste von drei Bänden mit dutzenden Kapiteln, die immer mit skurrilen Aphorismen und Moritaten, u.a. von Hartman von Aue Zitaten, sowie oft mit kleinen Bildern und Miniaturen eingeleitet werden. Eilers ironisiert und dekonstruiert seine eigene Schreibtechnik und macht dieses zuweilen als ‚Beifang‘ kunstvoll präsent. Flaggenstreit, Mordkomplotte der Kapitäne Magellans, Rufmord, dominikanische Inquisitoren und Spione an Bord – Eilers liefert hier einen gewagten Mix aus historischen Ereignissen und imaginierten Momenten.

Das Buchcover zeigt welliges Meer mit einem antiken Globus dahinter, der untergeht und einer stolzen Caravela davor. Vermutlich ist es Magellans Flaggschiff Trinidad, die einsam den anderen vier Schiffen, die nicht in Sicht sind, vorausfährt. Diese Frontseite erscheint prophetisch wie ein Menetekel über den Zustand unserer heutigen Welt. Don Fernando hatte mit teuflischem Mut, bestem Kartenmaterial und seemännischer Geschicklichkeit um Feuerland herum die maritime Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik, die nach ihm benannte Magellanstrasse, als Durchfahrt gefunden. Das bleibt eine großartige kulturelle Leistung von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Auf dem Kamm einer populären Welle

Reimer Eilers befindet sich mit seinem historischen Roman über den Weltumsegler Magellan gerade auf dem Kamm einer populären Welle, um über die Deutungshoheit der einst glorifizierten Entdecker zu reflektieren. Hätten sie doch bloß nicht entdeckt, was sie damals entdeckt haben, mögen manche heute geradezu blasphemisch denken. Doch diese Frage stellt sich nun nicht mehr. Es macht einfach großen Spaß, sich mit den Erzählströmen durch die Wortkaskaden des wortgewaltigen Erzählers und durch das Erleben seiner vitalen Protagonisten wie von einem genialen Puppenspieler mitreißen zu lassen. Kunstvoll endet dieser Band mit einem epischen Gedicht über Portugals Zorn. Wir als Lese- und überwiegende Landratten sind nach dieser Lektüre nun schon recht gespannt auf den zweiten Band.

Weihnachtsglück – eine Lese-Empfehlung

Sie kennen Fiete-Adam Kosmannski nicht? Vielleicht noch nicht. (So sähe er als Weihnachtskugel aus.)

Fiete-Adam ist ein Obdachloser, dem zum Fest so etwas wie ein ‚Weihnachts‘-Wunder passiert.

Nachhaltig, schicksalswendend, über das Jahr hinaus. Eine Möglichkeit der Integration? Sie ahnen richtig, Fiete-Adam ist eine literarische Figur aus einer ‚unfestlichen‘ Geschichte, in der er selbst zum Weihnachtsmann wird. Rot bemäntelt übersteht er im Haus einer wohlbegüterten bürgerlichen Familie in einer Villenvorstadt nicht nur den eiskalten Schneewinter, sondern auch das folgende wärmende Frühjahr. Für die Familie hingegen gehen die Ereignisse nicht so glatt. Fiete-Adam wird zum ‚Geburts‘-Helfer einiger über lange Jahre verkapselter Lebenslügen. Unter allem Humor der Geschichte, in der die festlichen Konventionen gründlich gesprengt werden, und bei allen ersehnten Chancen der gemeinsam feiernden Paare zur (Gewohnheiten)-Flucht, liegt eine sozialkritisch-nachdenkliche Erzählbasis, denn den Flucht-Versuchen steht nicht nur das eisige Winterwetter im Wege, sondern auch die Deutsche Bahn.

Quelle: Website des Autors

Rainer Lewandowski, Literaturwissenschaftler, Pädagoge, Psychologe, war 26 Jahre Intendant am E.T.A. Hoffmann-Theater in Bamberg. Er schreibt für Theater, Hörfunk und Fernsehen. Sein Stück ‚Heute weder Hamlet‘ wurde in Hamburg am Ernst-Deutsch-Theater mit Volker Lechtenbrink zweimal inszeniert. Außerdem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem über Volker Schlöndorff, Alexander Kluge, E.TA. Hoffmann und Stücke und Erzählungen für Kinder.

Buchcover (c) Rainer Lewandowski

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William Faulkner zum 125. Geburtstag

Foto: Cofield / Mississippi Encyclopedia

Ein hervorragender Geburtstags-Artikel von Uwe Britten im Ärzteblatt für psychotherapeutische Praxen (Britten 2022) darf als Anlass dienen, an dieser Stelle auf einen Meister der klassischen Moderne hinzuweisen, der die berühmt-berüchtigten US-amerikanischen Südstaaten in eine ganz eigene literarische Form gebracht hat.

Wie kaum ein anderer bietet William Faulkner neben dem reinen Lesegenuss dabei sowohl existentialistische als auch essentialistische Lesarten an; und die Achse Bergson – Sartre – Deleuze ist hier ebenso fruchtbar wie beispielsweise die von Schopenhauer – Nietzsche – Freud. Neben dem Publikumserfolg, der Faulkners Werk – teils mit Verzögerung – letztlich zuteil wurde, handelt es sich um nichts weniger als Weltliteratur. Albert Einstein soll einmal gesagt haben, dass die Lektüre dieses Werkes eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe ist (Sowder 1991) – da lag er gewiss richtig.

Das ewige Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart

Die Lebensphilosophie Henri Bergsons (Bergson 1991; 1994) kann eine hilfreiche Hintergrundfolie für ein Verständnis von Faulkner bieten, deren Aspekt von Zeitlichkeit ein zentraler in dessen Werk ist: Faulkners Leitthema ist nämlich das ewige Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart. Von Bergson, der ´le temps´, die objektive Zeit, von ´la durée´ zu unterscheiden wusste – der subjektiven, sagen wir: erlebten Zeit – kann man nicht wenig über Identitätsbildung und Subjektivität lernen. So hat mittlerweile auch die neuropsychiatrische Zeit- und Gedächtnisforschung (Squire & Kandel 2009) die Unterschiede von semantisch-motorischem Gedächtnis und episodischem Gedächtnis herausgearbeitet, von dem letzteres etwa identitätsbildende Funktion hat.

Bedeutsam ist bei Bergson zudem dessen Anti-Rationalismus, der der vor allem aus dem Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgehenden Vernunftorientierung entgegentritt, was ihm schon damals den Vorwurf von Unschärfe und Mystizismus einbrachte (Fellmann 1996). Dieser Vorwurf gründet aber überwiegend auf einem verengten Wissenschaftsbegriff, der ebenfalls dem Rationalismus – heute vielfach in Verbindung mit einer zu engen Anwendung des anglo-amerikanischen Empirismus – zu verdanken ist.

Man könnte sagen, so wie Bergson etwa Subjektivität konzipiert, erkennt Faulkner die Eigenarten des menschlichen Wesens mit all seinen Abgründen und in all seinen Widersprüchen. Doch ist er dabei nie fernab von Gesellschaftskritik; das Gegenteil ist der Fall. Nur eindimensionale Gemengelagen findet man bei ihm nicht, und eindimensionale Antworten bietet er ebenso wenig an. Der Balanceakt zwischen viktorianischer Vergangenheit und kommender Moderne ist bei Faulkner als Autor zwischen den Welten (und Weltkriegen) persönlich-kulturell gewissermaßen angelegt, obwohl und weil er, wie viele amerikanische Autoren, als „Regionalist“ im Kleinen das Große, im Mikro- den Makrokosmos findet.

Die „Snopes“-Trilogie

So weist Britten im Ärzteblatt-Artikel auch auf die ausgreifende „Snopes“-Trilogie (Faulkner 1994) hin, die jenseits eines ganzen Panoptikums an Figuren, Konflikten und Themen den besonders eindrücklichen Zwist der ungleichen Cousins Flem und Mink Snopes vorstellt. Dabei geht es um Religiosität, Alltagsmaterialismus, Moralität. Gesellschaftskritische Komponenten liegen auf der Hand, etwa wenn Faulkner zeigt, was es bedeuten kann, wenn Aufsteiger aufsteigen, oder wie Unausweichlichkeiten menschliches Handeln determinieren können.

Eine zentrale Figur der Trilogie ist also Flem Snopes, ein Parvenu und Opportunist verwegenster Sorte, der vom Cafébesitzer zum Bankvorstand der fiktiven Stadt Jefferson in Mississippi aufsteigt. Er stiehlt schon einmal seiner erwachsenen Tochter den Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei, um sie beim FBI anzuschwärzen. An anderer Stelle sitzt eben diese Tochter mit den einzigen anderen örtlichen Kommunisten – Arbeitsmigranten aus Finnland – in dessen Haus und spricht über die, wie Faulkner lakonisch ausführt, “emancipation of man from his tragedy, the liberation at last and forever from pain and hunger and injustice, of the human condition,” only two doors away from Flem, “the capitalist himself who owned the parlor and the house, the very circumambience they dreamed in, who had begun life as a nihilist and then softened into a mere anarchist and now was not only a conservative but a tory too: a pillar, rock-fixed, of things as they are” (Egloff 2020, 41-42).

Doch auch Cousin Mink steht Flem in Eigentümlichkeit kaum nach, wenn er auf seiner Vendetta über Memphis nach Jefferson ein sehr persönliches und intuitives, doch immer moralisches Prinzip vertritt und motivisch sowohl in Kontrast als auch in Nähe zum Cousin gerät. Wie Faulkner diese und andere Widersprüchlichkeiten mit Mitteln von Bewusstseinsstrom, Sprache, Bildern darstellt, ist kunstvoll, avantgardistisch, mitunter schwierig zu lesen, aber nicht unlesbar. Wir haben es mit drastischen Charakteren, Konstellationen und Situationen zu tun, und wie Faulkner diese vorbringt, entspricht ganz seiner Eigenart: sotto voce.

Southern Gothic

Zum literarhistorischen Kontext: Die ´Southern Renaissance´ in den USA der 1920er und 1930er Jahre, aus der ab der Nachkriegszeit die als ´Southern Gothic´ bezeichnete, sehr populäre Stilrichtung hervorging, begründet einen nahezu neuen Typus nicht nur schrulliger , sondern auch mysteriöser, manchmal grotesker Charaktere. ´Southern Gothic´ hat längst Einzug in die Alltagskultur gehalten, dies nicht nur in den USA. Autorinnen wie Flannery O´Connor und Katherine Anne Porter gehören gewiss dazu, wie auch Cormac McCarthy, dessen Werke erst in den 1990er Jahren bekannt wurden, diesem aber zu einem rasanten Publikumserfolg verhalfen. Einige seiner Werke dürften mittlerweile auch einem größeren deutschen Publikum bekannt sein.

Faulkners Verarbeitung des Übergangs von viktorianischer Vergangenheit zu kommender Moderne bedeutet eben auch Charaktere in ihren Verwerfungen und ihrer Orientierungslosigkeit zu zeichnen, dies in Zeiten von Umbrüchen (Egloff 2017), die heutzutage geradezu zum Normalfall werden. Die umgreifende Diagnose ist die des Niedergangs von Strukturen. Damit erscheint das zweite zentrale Thema Faulkners, die innere Ortlosigkeit. Wenn Faulkner anhand der Brüchigkeit überlieferter Strukturen darstellt, wie Menschen vor Herausforderungen bezüglich ihres Selbstverständnisses gestellt werden, ist zu sehen, dass hier eine motivische Nähe hinein in die Postmoderne reicht, zu Autoren wie Bret Easton Ellis oder Don DeLillo. Dies zeigt sich z.B. in Ellis´ Roman „Lunar Park“ (Ellis 2005), in dem die Ortlosigkeit auf verschiedenen inhaltlichen und formalen Ebenen deutlich wird, wie die Literaturwissenschaftlerin Alison Lutton eindrucksvoll herausgearbeitet hat (Lutton 2012). „Lunar Park“ wartet dabei mit unerwartet traditionell-erzählerischer Kraft auf, die kaum noch mit dem ´minimal realism´ von Ann Beattie oder Joan Didion zu tun hat. Neben dem epischen Erzählen imponieren zudem – nicht weniger überraschend – für Ellis ungewohnte, teils verstörende ´Southern Gothic´-Elemente. Die innere Ortlosigkeit ist aber auch schon in Ellis´ schmalem, doch grandiosem Erstlingswerk „Less than Zero“ (Ellis 1985) ein zentrales Motiv; die Verbindung von innerer und äußerer Schwierigkeit seinen Ort zu finden, stellt das eigentliche menschliche Drama dar. Und so es ist kein Zufall, dass im Roman des ausgehenden 20. Jahrhunderts nur noch die Lektürehilfe zu Faulkners „As I Lay Dying” auftaucht, das Werk nur noch als Chiffre fungiert.

Was gesellschaftliche Strukturen ordnen sollen, droht sich gerade in der virtuellen Welt der Postmoderne unter dem Regime des Bildmediums aufzulösen, was viele Menschen intuitiv spüren. Die Tendenz zum Eskapismus im Konsumerismus neoliberaler Prägung (Donnelly 2018) lässt die 1980er Jahre fast noch harmlos erscheinen, weil wir es nun noch viel mehr mit der, wie der Amerikanist Heinz Ickstadt in Übereinkunft mit den entscheidenden Traditionslinien der Kritik festhält, „Verdrängung des Realen durch das Bild des Realen“ (Ickstadt 1998, 158) zu tun haben. Was bei Ellis also schillernd-postmodern, virtuell wird, ist bei Faulkner (noch) im Realen zu finden, als facettenreicher Kampf zwischen menschlicher Natur und Kultur.

Die Überschätzung des Rationalen

Wie schon Freud wusste, ist das, was wir Ich nennen, keineswegs Herr im Hause. Doch die Überschätzung des Rationalen ist heute wieder überall vorzufinden, auch und gerade in Politik, Wissenschaft, aber gewiss auch beim Einzelnen. Während Trieb und Begehren zwar als halbwegs anerkannte Kategorien gelten, treten deren Problematiken unter verschärften gesellschaftlichen Bedingungen offen zutage, wenn nämlich Strukturen als Rahmen gebende Orientierungspunkte sich auflösen. Jene Vernunftorientierung, die teils zu Vernunftgläubigkeit werden kann, läuft dann Gefahr – z.B. in Verbindung mit dem deutschen Idealismus –, eine merkwürdige Melange von (einerseits notwendiger) Weltverbesserung und (andererseits überbordender) Realitätsentsagung einzugehen.

Neben dem oben genannten, weit über tausend Seiten starken Spätwerk existieren noch etliche Klassiker der Moderne aus Faulkners früheren Schaffensphasen, von denen „The Sound and the Fury“ („Schall und Wahn“, erschienen 1929; Faulkner 2011) auch heute auf vielen Prüfungslisten der Geisteswissenschaften an deutschen Universitäten steht. Das nicht leicht zu lesende Werk ist immer noch ein Meilenstein des erzählerischen Bewusstseinsstroms. Und auch wenn es etwas ruhiger wurde: die Faulkner-Forschung blüht seit Jahrzehnten mit immer wieder neuen und ertragreichen Zugängen. Nicht nur in den USA, mit regelmäßigen Faulkner-Konferenzen in Mississippi und Missouri, sondern auch in Großbritannien, oder an deutschsprachigen Unis. Die Universität Straßburg stellte übrigens mit dem Lehrstuhl von André Bleikasten über Jahrzehnte hinweg eine Art europäischen Knotenpunkt der Faulkner- Forschung dar (Bleikasten 2017).

Faulkner, der im September 125 Jahre alt geworden wäre, hat also Spuren hinterlassen, die bis weit in die heutige Zeit hineinreichen und die mit unserer ganz konkreten Lebenswelt zu tun haben. Mittlerweile haben schräge Charaktere in Film und Fernsehen zudem geradezu eine gewisse Normalität erreicht – deren wohlkalkulierte Darstellung sich allerdings wie so oft von den Inhalten abzulösen droht. Mindestens aber dann, wenn in US-Filmen oder sonstigen Werken – nicht nur über die Südstaaten – merkwürdige Figuren auftauchen, vom Commis bis zum Schrat, kann man dies getrost als ´Southern Gothic´-Referenz lesen – wenn nicht gar als Verweis auf einen dieser zahlreichen Charaktere in Faulkners Oeuvre.

 

 

Literaturhinweise:

Bergson, H. (1994). Zeit und Freiheit. EVA, Hamburg.

Bergson, H. (1991). Materie und Gedächtnis. Felix Meiner, Hamburg.

Bleikasten, A. (2017). William Faulkner. A Life through Novels. Indiana University Press, Bloomington.

Britten, U. (2022). William Faulkner (1897-1962): Es war Notwehr! Deutsches Ärzteblatt PP 21, 7, 333-334.

Donnelly, A.M. (2018). Subverting Mainstream Narratives in the Reagan Era. Palgrave Macmillan, New York.

Egloff, G. (2020). William Faulkner, Snopes (1940, 1957, 1959). In: Egloff, G. Culture and Psyche – Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert, Beau Bassin, 31-60.

Egloff, G. (2017). Die Autobiographie von Alice B. Toklas – Gertrude Stein aus der Sicht von Alice B. Toklas aus der Sicht von Gertrude Stein. dap-hamburg.de, Dez. 2017.

Ellis, B.E. (2005). Lunar Park. Alfred A. Knopf, New York.

Ellis, B.E. (1985). Less than Zero. Simon & Schuster, New York.

Faulkner, W. (2011). The Sound and the Fury. Knopf Doubleday, New York.

Faulkner, W. (1994). Snopes. The Hamlet, The Town, The Mansion. Random House, New York.

Fellmann, F. (1996). Geschichte der Philosophie im 19. Jahrhundert. Rowohlt, Reinbek.

Ickstadt, H. (1998). Der amerikanische Roman im 20. Jahrhundert – Transformation des Mimetischen. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt.

Lutton, A. (2012). East is (not) East: the Strange Authorial Psychogeography of Bret Easton Ellis. 49th Parallel 28, 1, 1-30.

Sowder, W.L. (1991). Existential-Phenomenological Readings on Faulkner. University of Central Arkansas Press, Conway.

Squire, L., Kandel, E. (2009). Gedächtnis – die Natur des Erinnerns. Spektrum, Heidelberg.

 

Gespräch und Lesung: Der Star Irène Némirovsky

Kalligraphie zum Buch „Ida, Der Rausch des Weins“ / (c) Ralf Plenz, Input Verlag

„Ida“ ist der Star, seit Jahrzehnten die erfolgreichste Revuetänzerin in Paris. Doch wie lange kann sie sich noch die Konkurrenz vom Leibe halten? 
In der zweiten Erzählung dieses Buchs aus der Reihe „Perlen der Literatur“, „Im Rausch des Weins“, erlebt -Hjalmar, der bäuerliche Milizsoldat, in einer einsamen Villa mit Aïno, der schüchternen, hochmütigen  Bürgerfrau, den Beginn einer erotisch-zärtlichen Nacht. Die Situation, wirklichkeitsnah und behutsam erzählt, ergreift uns Leser, wir möchten den Verliebten Glück wünschen.
Die französischsprachige Autorin Irène Némirovsky aus Kiew verstarb 1942 im KZ. Ihr bekanntester Roman „Suite française“ wurde erst in den späten 1990er Jahren entdeckt.
Das Original von Irène Némirovskys „Films parlés“ von 1934, aus dem diese beiden Erzählungen stammen, entdeckte Ralf Plenz nach längerer Suche in Antiquariaten. Cordula Scheel übersetzte beide Texte einfühlsam neu und schrieb das Vorwort.

Cordula Scheel
Foto: privat

Geboren 1935 waren erste Lebensstationen Cordula Scheels Mecklenburg, Stettin und die Uckermark. Als Flüchtlingskind 1945 Schleswig Holstein, später Hamburg bis zum Abitur. Es folgten ab Mitte der fünfziger Jahre ein Jura- und Sprachenstudium im Ausland, in Tübingen und Hamburg mit Abschluss des ersten juristischen Staatsexamens. Gemeinsam mit ihrem Mann schloss sich eine langjährige selbständige Tätigkeit mit Schwerpunkten im See- und Transportrecht an.
Cordula Scheel hat sechs Lyrikbände veröffentlicht. 2019 erhielt sie den Lyrikpreis der Hamburger Autorenvereinigung. Sie ist Ehrenmitglied der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren (IGdA) und des Istituto Italiano, Hamburg.

 

Ralf Plenz
Foto: Privat

Ralf Plenz,
Jahrgang 1955. Studium Medienpädagogik in Bonn, Umzug nach Hamburg 1979. Danach acht Jahre Gründer und Leiter einer Druckerei in Ottensen, dann 12 Jahre Berater und Referent für die Verlagsbranche. Anschließend hat er 20 Jahre als Oberstudienrat im Medienbereich an einer Hamburger Berufsschule gelehrt. Er ist Verleger des Input-Verlags und gibt die Buchreihe „Perlen der Literatur“ heraus.

 

 

Zu der Buchreihe: https://input-verlag.de/category/input-verlag/ 

Die DAP berichtete bereits über die Buchreihe: https://die-auswaertige-presse.de/2021/09/eine-perlenkette-fuers-buecherregal/

Lesung und Gespräch mit Cordula Scheel und Ralf Plenz

am 6. September 2022 um 19 Uhr
Ort: Teehaus in den Großen Wallanlagen, neben der Rollschuh- und Eisbahn, schräg gegenüber der Handwerkskammer.
Erreichbar über U-Bahn St. Pauli (U3, oder Bus 16, Fußweg 10 Minuten) oder mit Bus 112 bis „Handwerkskammer“ (Fußweg 3 Minuten).
Eintritt: Abendkasse 6 Euro. Wenn Sie eine Reservierung wünschen: unter Angabe der -Veranstaltungsnummer ST4555 -direkt bei der AWO: per Mail an
sabine.witt@awo-hamburg.de oder telefonisch unter 040-414 023 786 und 0176-14140086.
Abendkasse 6 Euro, gilt auch für Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung.

Download der Einladung: 06_09_2022_Lesung_Irene_Nemirovsky

Ein Friesenkrimi vom Allerfeinsten

Bild von Peter Kraayvanger, Pixabay

Welkoam iip Lunn! Willkommen auf dem roten Felsbrocken, der wie eine von Riesenhand erschaffene Trutzburg aus der tosenden Nordsee herausragt. In seinem neuesten Buch mit dem etwas sperrigen vollständigen Titel „Das Helgoland, der Höllensturz oder Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet, obgleich die Dreizehenmöwen hier mit Rosinen gegessen werden“ führt uns Reimer Boy Eilers ohne Umschweife hinein in das Leben auf Helgoland am Anfang des 16. Jahrhunderts. Seitdem hat sich das Gesicht der Insel fundamental verändert. Anno dunnemals bestand sie lediglich aus zwei „Etagen“, dem Unter- und Oberland. Das Mittelland lag noch in ferner Zukunft. Es wurde erst nach 1945 von den Engländern „kreiert“ bei ihrem vergeblichen Versuch, „Hell-Go-Land“ auf immer und ewig im Meer zu versenken. Noch einmal Glück gehabt, Halunder! Deus vult. Und auch der monumentale leuchtend weiße Kalkfelsen, einst neben der Langen Anna ein weiteres Wahrzeichen der Insel, existiert nicht mehr. Er wurde vom seinerzeitigen Landesherrn gegen klingende Münze verscherbelt.

Bigotterie und Spökenkiekerei
Reimer Boy Eilers

Der auf den Helgoländer Hummerklippen aufgewachsene Lyriker, Romancier und renommierte Reiseschriftsteller Reimer Boy Eilers gilt als intimer Kenner der Geschichte seiner Heimat. In seinem 570 Seiten starken Opus entwirft er ein von Bigotterie und Spökenkiekerei geprägtes Sittengemälde einer im Korsett mittelalterlicher Moralvorstellungen verharrenden Inselgemeinde. Wäre den Insulanern auch ein Mord zuzutrauen für den Fall, dass sich ein Außenstehender nicht an ihre starren, seit Urzeiten tradierten Regeln hielte?

Hals- und Beinbruch

Kaum hatte Kapitän Hans Andahlsen aus Amsterdam den Fuß auf das Oberland gesetzt, stürzte er von einer Treppe in die Tiefe und brach sich neben seinem Hals auch die Beine. Unfall oder Mord? Für den jungen Fischer und Robbenjäger Pay Edel Edlefsen und seinen Jagdfreund John Quivitoq McLeod, Esquimaux von der „Frostinsel“, genannt das „Menschenkind“, steht fest, dass der wackere Seemann einem Verbrechen zum Opfer fiel. Denn wozu sonst die Eile der Insulaner, ihn bei Nacht und Nebel in den „wilden Dünen“ inmitten der Wasserleichen auf dem Friedhof der Namenlosen zu verscharren? Was viel schwerer wiegt: Der Mann ging in die Grube ohne – horribile dictu – die Sakramente der Heiligen Kirche empfangen zu haben. Eine Höchststrafe für jeden Christenmenschen jener Zeit. Nichts Geringeres als ewige Verdammnis erwartete die arme Seele. Misericordia!

Gegen den erklärten Willen seines Vaters Boje Edlef, seines Zeichens Fischerhauptmann und hoch angesehener Ratsherr, beginnen Pay Edel und John ihre Recherchen, um den Tod des Holländers aufzuklären. Sie können sich keinen Reim darauf machen, warum der Hauptmann sich so vehement gegen ihr Vorhaben sträubt. Hat er etwas zu verbergen? Aber die beiden Hobby-Detektive lassen sich nicht einschüchtern und bohren mutig weiter. Sich gegen die Obrigkeit oder ihre Vertreter aufzulehnen, geht in der Regel böse aus. Die erste Lektion erhält Pay Edel, als ihm ein besonders hinterhältiger Zeitgenosse einen kräftigen Schlag  auf den Schädel verpasst. Gottlob ist Freund John zur Stelle, der ihm mit einer Pütz Seewasser wieder auf die Füße hilft. Soweit die Rahmenhandlung.

Familienaufstellung

Die Rezensentin bekennt, dass sie anfänglich von den sich überschlagenden Ereignissen und jenen für Nichtfriesen seltsamen Namen überfordert war. Daher geht ihr Dank an den Autor, der sich der Mühe einer akribischen Aufzählung sämtlicher Namen der handelnden Personen einschließlich ihrer Berufe oder gesellschaftlichen Stellung auf Seite 555 unterzogen hat. Da wird die gesamte Sippe der Edlefsens vorgestellt, die aufgrund der Position des Familienoberhauptes und ihres relativen Wohlstands neben der Familie des Gouverneurs zum Insel-Adel gehört. Heute würden wir von „Promis“ sprechen. Des Weiteren erfahren wir, dass „Menschenkind“ John neben seinem Beruf als Robbenjäger der Bursche des Gouverneurs ist. Und ganz nebenbei auch der Geliebte von Pay Edels Schwester Petrine Anna, genannt Trine. Genau wie heute gab es seinerzeit schon Untergangspropheten von der Sorte eines Pedder Reymers, der, weilte er heute noch unter uns, sicherlich erstaunt wäre, dass die Welt sich immer noch dreht. Ganz wichtig: Der Barbier und Alchimist Bard Frederichs fungierte sicherlich in Personalunion als Bader und Barbier, der sich ebenfalls als „Kusenklempner“ bewährte und wohl auch den Versuch unternahm, Gold aus Dünensand zu extrahieren. Es spricht für die Halunder, dass sie sich der zahmen Möwe Graumariechen annahmen, die sie zärtlich „Ole Rappsnut“ nannten. Die Liste wäre unvollständig, wenn der Klerus in Gestalt des Kirchherrn Neocurrus von St. Nikolai keine Erwähnung fände. Ob die Heilige Ursula mit ihren elftausend Jungfrauen überhaupt existiert hat, steht in den Sternen. Es gibt aber ein Gemälde von ihr, auf welchem sie milde auf die Gläubigen herabschaut. Dies war lediglich ein kurzer Einblick in die „Personalakte“. Der geneigte Leser möge sich bei der Lektüre zwecks besseren Verständnisses der Vorkommnisse eingehender mit ihr befassen. Mal so unter uns: Mancher Insulaner, der auf ersten Blick ganz harmlos wirkt, hat eindeutig Dreck am Stecken. Der aufmerksame Leser findet das bei der Lektüre schnell heraus.

Und so geht die Moritat weiter

Wir begleiten Pay Edel und John Kapitel für Kapitel weiter auf ihrer
Suche nach dem Mörder oder den Mördern des holländischen Kapitäns Hans Andahlsen. Bis zum Showdown zieht sich die Geschichte noch eine Weile hin. Beide müssen noch eine Strecke eines nicht ungefährlichen Weges zurücklegen. Allgegenwärtig sind Rasmus und Klabautermann, zwei von Seeleuten im höchsten Maße respektierte Meeresgeister, die, wie jeder von ihnen weiß, launisch und manchmal sogar bösartig sein können. Aber auch freundlich und verständnisvoll. Je nach Wetterlage. Wer Wind und Gezeiten erbarmungslos ausgeliefert ist, muss stets auf der Hut sein. Aber auch auf festem Boden lauert Unheil von Landsknechten, die nichts Gutes im Schilde führen, sowie anderen Spitzbuben und Räubern, die überall ihr Unwesen treiben. Und dies, obgleich Klaus Störtebeker, der Berühmteste der Zunft, bereits tot ist. Im Jahre des Heils 1401 verlor er seinen Kopf auf dem Hamburger Grasbrook, nachdem hanseatische Pfeffersäcke ihn und seine Likedeeler zur Strecke gebracht hatten.

Ende gut – alles gut?

Bevor das Verbrechen an Kapitän Andahlsen endgültig aufgeklärt ist, wartet die Nordsee, die Mordsee noch mit einer Reihe infernalischer Stürme und anderer Unbill auf. Doch die Mühen der beiden Spürnasen Pay Edel und John haben sich gelohnt. Die am Ende festgenommenen Missetäter werden in Ketten abgeführt. Die Moral von der Geschicht‘: Verbrechen lohnt sich nicht.

Und so widerfährt dem gemeuchelten Kapitän am Ende doch noch Gerechtigkeit. Er erhält unverzüglich ein christliches Begräbnis. Requiescat in pace. Friede seiner Asche. Aniken Frederichs, genannt „die reine Seide“, die ihr süßes Geheimnis so lange hütete, bekommt ihr Erbstück in Form des Hutes von Kapitän Hans Andahlsen. Er wird der ledigen Mutter mit den gar nicht freundlichen Worten überreicht: „Es gehört nun ihrem Bastard.“ Hatten aufgeweckte Leser in dem forschen Seemann nicht schon früh einen Schwerenöter vermutet?

Eine letzte drängende Frage: Was wurde aus unseren beiden Helden, die trotz aller Hindernisse den brisanten Fall um den holländischen Kapitän lösten? Das, liebe Leser, müssen Sie nun selbst herausfinden, indem Sie diesen tollen Wälzer bis zum Schluss konsumieren. Viel Spaß bei der Lektüre!

Epilog

Dieser Krimi gehört nicht in die Schublade der herkömmlichen „Whodunnits.“ Das trotz aller Dramatik mit einer gehörigen Portion Humor gewürzte Buch zeichnet sich vor allem durch einen heute nur noch selten zu findenden wohlklingenden sprachlichen Duktus aus. Besonders gelungen sind die Naturbeschreibungen. Eine Kostprobe: „Von Westen rollen die immergrünen Wogen gegen die Insel. Sie peitschen die Klippen und zermürben den Felsen, der ihnen alljährlich seinen Tribut zollt. Ein Stück bricht ab und stürzt in die Flut. Dort vollendet die mahlende See ihr Werk.“

Des Weiteren verhelfen die zahlreichen eleganten Grafiken und Sinnsprüche, die jedes Kapitel einleiten, zu einem besseren Verständnis dieses sehr komplexen Werkes. Die meisten der Verse sind in friesischer Sprache verfasst. Keine Angst – die hochdeutsche Übersetzung steht gleich darunter. Die Rezensentin hat bei der Lektüre versucht, die Texte im Original zu verstehen, bevor sie in vielen Fällen auf die Übersetzung zurückgreifen musste. Dies war eine Hommage an ihre geliebte friesische Großmutter Dede Wolff, die sich mit ihren Geschwistern stets in ihrem heimatlichen Idiom unterhielt.

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Das Helgoland, der Höllensturz

Reimer Boy Eilers: Das Helgoland, der Höllensturz oder Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet, obwohl die Dreizehenmöwen hier mit Rosinen gegessen werden, Kulturmaschinen Verlag, 2019

Was uns hätte blühen können

Zur historischen Dystopie „Wenn der Führer wüsste…“ von Heiger Ostertag – Mal angenommen, Hitler hätte den Krieg gewonnen und wir lebten jetzt unter der Regierung seines Enkels Adolf II., der mit vierzig Jahren nach dem Tod seines Vaters Adolf Wolf die Herrschaft übernommen hätte. Den Leuten hat man die Legende erzählt, alle Juden hätten in Madagaskar ihren eigenen Staat bekommen. Die Denkmäler stehen noch, die nationalsozialistischen Werte auch – doch es beginnt zu rumoren. Nächstes Jahr wird eine Revolution angezettelt werden, in deren Folge die Regierung gestürzt werden soll. Finden Sie das schräg? Ist es auch. Aber so gut gemacht, dass es einem bei der Lektüre des Romans kalt den Rücken runterläuft. Nach dem viel beachteten Buch „Die Welle“ von Morton Rhue, das sich mit der Frage befasst, wie so ein Regime wie Hitlers möglich werden konnte, befasst sich „Wenn der Führer wüsste…“ mit einer Möglichkeit von Realität unter einer nationalsozialistischen Herrschaft und dem Aufbegehren der unterdrückten Bevölkerung.

Studentenrevolte unter Adolf II.

Der Studentenführer Rudolf von Bracken und seine Clique sind die Hauptfiguren der Geschichte. Groß geworden mit den nationalsozialistischen Rassegesetzen, sind für ihn die polnischen und russischen Raumpflegerinnen „rassisch minderwertige Arbeitsweiber, die man zumeist nicht wahrnahm oder schlicht übersah“ (S. 15). Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der solche Lebenswirklichkeiten der Romanfiguren erwähnt werden, offenbart die Grausamkeit dieses „Wertesystems“. In Rudolfs Realität sind er und seine Freunde die künftige Reichselite, und das – nach jahrzehntelanger Einprägung dieses Denkens – mit größter Selbstverständlichkeit. Doch während diese künftige Elite zur „neudeutschen Welle“ schwooft, braut sich unter den Studenten ein Aufruhr zusammen. Die strikte Trennung zwischen den unterschiedlichen „Rassen“ weicht auf, die Studenten sind die alten Zöpfe leid, sie wollen sich nicht mehr gängeln lassen. In dieser Aufbruchstimmung kommen Zweifel auf, was das Schicksal der Juden zuzeiten des Zweiten Weltkriegs angeht. Gerüchte kursieren, dass es geheime Akten gäbe. Rudolf und seine Freunde geraten in diese Umbruchzeit und wollen aufklären, was von der Kriegsgeneration der Nazis vertuscht wurde. Wird es ihnen gelingen und wird sich Regierung samt Wertesystem wandeln?

Gar nicht so abwegig …

Heiger Ostertags Roman überzeugt vor allem, weil die Story nicht weit hergeholt erscheint. Hinzu kommen viele kleine sarkastische Einsprengsel vor allem bei den Namen („Hagens Speer“ heißt eine Musikgruppe) oder Bezeichnungen wie „Handfon“ statt Handy. Wen Timur Vermes‘ „Er ist wieder da“ begeistert hat, wird auch an diesem Buch seine Freude und seinen Grusel haben.

Im Anhang erläutert der Autor und Historiker in einer „Historisch-kritischen Nachbetrachtung“ die Hintergründe und Inspirationsquellen, aber auch die Quellen für die eingebauten Fakten der Geschichte. Hier wird deutlich, wie nah an tatsächlichen Begebenheiten oder auch nationalsozialistischen Visionen die Geschichte entwickelt wurde. Das macht den Roman noch beklemmender und zeigt, was uns hätte blühen können, wenn der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen wäre.

Dr. Heiger Ostertag (M.A.) gehörte der Luftwaffe an, in der er u. a. eine fliegerische Ausbildung absolvierte. In Freiburg studierte Ostertag Geschichte, Germanistik sowie Nordgermanische Philologie und promovierte mit einem historisch-germanistischen Thema zum Kaiserreich. Seit den 90er Jahren ist Heiger Ostertag als Autor und Historiker in Forschung, Bildung und Lehre sowie als Lektor im Verlagswesen tätig. Die Fachliteratur erschien bei Ullstein, Herder, Rombach und Mittler. Das belletristische Werk wird beim Südwestbuch-Verlag, Gmeiner und im Theiss Verlag/WBV verlegt. Auf der Basis exakter Recherchen und psychologischer Personenprofile entstanden in den 30 Jahren seines Schreibens kontextsituierte Geschichten und zahlreiche Romane von großer Dichte und Spannung.  Unter Pseudonym sind vom Autor weitere brisante Politthriller erschienen. Einige Romane wurden zudem als Hörbuch vertont. Aktuell arbeitet der Schriftsteller am Abschlussband seiner Junker-von-Schack Reihe mit dem Arbeitstitel „Von Austerlitz nach Waterloo“.

Website des Autors: http://www.heigerostertag.de/

Heiger Ostertag: Wenn der Führer wüsste…, Südwestbuch Verlag/SWB Media Entertainment, Calw 2021

International Poetry Reading Part 2

SPRING’S BLUE RIBBON, edited by poet Gino Leineweber, is the fourth international poetry anthology published by Verlag Expeditionen, Germany. The publishing house presents an extraordinary project in which worldwide poets have participated. The poetry collection contains poems from 61 poets from 20 countries on five continents. With its different cultural and personal imprints, the range of poetry is unique and provides a profound insight into contemporary, lyrical work. Each poem is printed in mother-tongue and English and is likewise performed in the reading series. Anyone who has heard such multilingual readings knows how special it is to listen to a poem recited in a foreign language, even if you don’t understand it; the sound and rhythm of the language is always an experience.

The recitals of the poets will be framed by the moderation of the editor and poet Gino Leineweber and music videos of the musicians Ulrike Gaate and Thomas Styhn from Germany. The readings will be broadcast via Facebook and recorded to be made available later on YouTube and on the publisher’s website.

The first out of five readings from the international poetry anthology SPRING’S BLUE RIBBON will take place on

March 26, 2022, 12 pm EDT, 5 pm CET 

The whole Program you will find here: http://www.weblesung.de/

Every reading will be broadcast on FB-page “Cultivating Voices.”

If you want to join on the Zoom platform, you need to register in advance here:

https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZIsfu2pqDkrE9av_ZG-PNShbmPuqsmqCZXt

After registration, you will get an email with an access link.

Reading Poets on March 26 are:

Daniel Calabrese – Argentina,
Gülname Eslek – Turkey,
Maren Schoenfeld – Germany,
Raquel Martínez Gómez López – Spain,
Susanna Piontek – USA/Germany,
Zorin Diaconescu – Romania,
Dorel Cosma – Romania,
Hilal Karahan – Turkey,
Utz Rachowski – Germany

Moderation: Gino Leineweber, Germany

Music Videos: Ulrike Gaate & Thomas Styhn Germany

Internet Technic: Don Krieger, USA

Three members of the DAP, Ulrike Gaate, Maren Schönfeld and Gino Leineweber, are part of these special event.

Herz schlägt Krieg: Eine Familiengeschichte aus erster Hand

Hilde Niggetiet Foto: privat

Im ersten Teil seiner zweibändigen Familiensaga führt Jörg Krämer seine Leser in die Welt des Bergbaus im Ruhrgebiet im Jahr 1865. Der Bergmann Johannes Biel und seine Frau Wilhelmine leben in sehr einfachen Verhältnissen und mit harter Arbeit. Acht Kinder ziehen sie liebevoll groß und freuen sich an den kleinen Dingen.

Jörg Krämer erzählt die Geschichte handlungsorientiert und direkt, man ist sofort in das Geschehen eingebunden. Faszinierend ist der Einblick in eine untergegangene Welt ohne Handy, Fernsehen und Multimedia, dafür mit Arbeit bis über die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen hinweg. Da sitzt die Frau zu Hause und bangt, weil der Bergmann nicht zur gewohnten Zeit erscheint. Heute würde man eben anrufen. Kinder werden nicht zur Schule gefahren, sondern müssen weite Wege zu Fuß zurücklegen. Jüngere Geschwister tragen die Kleidung der älteren auf.

Foto: Pavlofox/Pixabay

Die Geschichte spielt in der Zeitspanne von 1865 bis 2001, auf knapp über 600 Buchseiten in zwei Bänden („Im Schatten von Schlägel und Eisen“ und „Herz schlägt Krieg“, beide im net-Verlag erschienen). Sie konzentriert sich in der Erzählweise vor allem auf den chronologischen Ablauf und die Personen. Bedingt durch die große Familie kommen viele verschiedene Personen vor, was teilweise etwas verwirrend ist. Im zweiten Teil ist am Ende ein Personenverzeichnis eingefügt, das einige Orientierung bietet.

Eigenhändige Aufzeichnungen der Großmutter

Hat Jörg Krämer den ersten Teil in Autorenperspektive als Roman geschrieben, so tritt der Autor im zweiten Teil ganz hinter der Erzählstimme Hilde Niggetiets – seiner Großmutter – zurück. Die Erzählung wechselt in die Ich-Perspektive und einen Tagebuchstil. Das bringt einige Sprünge im Erzählfluss mit sich, die nicht literarisch bearbeitet wurden; womöglich, um den authentischen Bericht der Protagonistin nicht zu verfälschen. Nun hat es durchaus etwas für sich, einen Menschen des Jahrgangs 1910 in seiner eigenen Sprache erzählen zu lassen. Die Ich-Form berührt direkt, vor allem in den schweren Phasen der Armut und des Krieges, und die aus anderen Zeitzeugenberichten bekannten Motive wie Kinderlandverschickung und Hamstertouren werden durch die eigenen Erlebnisse sehr lebendig. Durch Hilde Niggetiets eher sachlich-zurückhaltenden Stil sind einige Szenen besonders verstärkt, wenn sie beispielsweise berichtet, wie ihrer Tochter Edith nach der Zangengeburt des ersten Kindes die Beine zusammengebunden wurden, damit die Nähte nicht rissen.

Mit Blick auf das Positive
Foto: Congerdesign/Pixabay

Berührend ist auch, wie die Erzählerin sich bemüht, möglichst viel Positives zu berichten. Immer wieder kommentiert sie ihre Ausführungen selbst in dem Sinne, dass sie dem Schweren nicht zu viel Raum geben möchte. Eine Haltung, die mich an meine Großeltern (Jahrgang 1920) erinnert. Und wie konnte diese Generation auch anders überleben als durch Verdrängung? Meine Großmutter sagte in schweren Zeiten immer, man solle sich nur Schönes ansehen. Und so ist auch in der Familie des Autors Jörg Krämer der Blick eher auf das Schöne als auf das Schlimme gerichtet, und das bei Schicksalsschlägen, die mir beim Lesen manchmal den Atem verschlagen haben. Irgendwie muss es weitergehen, so ist das Motto, und es geht auch weiter, irgendwie. Männer schuften in der Zeche und leisten sich vielleicht ein bescheidenes Hobby wie die Taubenzucht, Frauen schuften zu Hause, zu Anfang von Krämers Geschichte ohne Waschmaschine und mit Wasser auf dem Kohleherd. In jeder freien Minuten scheinen die Frauen der Familie feinste Handarbeiten herzustellen, denn Schönheit war ihnen durchaus wichtig, und da sie nichts kaufen konnten, stickten, häkelten, nähten und strickten sie eben alles selbst und freuten sich daran. Der Einblick in diese Welt, auch in die Fertigkeiten der Menschen, in das Bemühen um Frieden und liebevolles Miteinander, ist sehr anrührend. Manches Wort, wie z. B. „Gabelarbeit“ (eine Häkeltechnik), musste ich nachschlagen. Nicht nur eine untergegangene Welt, auch untergegangene Worte finden sich in Jörg Krämers Familiensaga.

Gleichwohl birgt die tagebuchartige Erzählweise die Gefahr, dass man als Leser mit einigen Sprüngen zwischen Personen nicht mehr nachkommt. Auch wenn es noch schwieriger gewesen wäre, als es vermutlich ohnehin schon war, so einen langen Zeitraum in zwei Büchern unterzubringen, habe ich teilweise im ersten Teil ein Verweilen bei einzelnen Personen vermisst. Im zweiten Teil wäre es vielleicht einen Versuch wert gewesen, behutsam in den Tagebuchstil einzugreifen und ihn mit romanhaften Verbindungen zu ergänzen; allerdings ist es verständlich, wenn der Autor dies aus Gründen der Authentizität unterlassen hat.

Spannung aus vergangenen Zeiten
Foto: Uki_71/Pixabay

Wie auch immer: Eine spannend erzählte Geschichte ist es allemal, man wird als Leser etwas daraus mitnehmen, sei es die eine oder andere Information, wie man „damals“ und speziell in der Bergbau-Welt – die es wohl bald gar nicht mehr geben wird – gelebt hat; sei es ein Einblick in das Seelenleben einer Generation, die sich mit existenziellen Fragen tagtäglich buchstäblich abarbeiten musste und das Wohl der Familie über alles stellte, was mir beim Betrachten unserer heutigen Gesellschaft durchaus den einen oder anderen Denkimpuls gibt. Jörg Krämer hat ein Zeitzeugendokument geschaffen und dabei seiner Großmutter eine Stimme verliehen. Sie beschreibt an einer Stelle, dass es ihm als Oberschüler an Ehrgeiz gemangelt hätte (S. 239, „Herz schlägt Krieg“). Das muss sich später allerdings gründlich geändert haben, denn ohne Ehrgeiz ist so eine Recherche und Romanarbeit kaum zu bewerkstelligen.

 

Über den Autor:
Jörg Krämer Foto: privat

Jörg Krämer, Autor und Taekwondoin, wurde 1966 in Witten geboren, wo er gemeinsam mit seiner Familie lebt. Die Liebe zum Schreiben entdeckte er durch seinen Hund Odin, über dessen Rasse Germanischer Bärenhund er bereits ein Buch schrieb. Oft spielt in seinen Geschichten ein Germanischer Bärenhund mit.

Jörg Krämers Seite in unserem Online-Magazin

 

Die Familiensaga entstand in der Zeit von 2013 bis 2017 und basiert auf handschriftlichen Aufzeichnungen der Hauptfigur Hilde Niggetiet sowie deren Aufnahmen auf Kassette. Dabei war es Jörg Krämer wichtig, den authentischen Originaltext für die Nachwelt zu erhalten.

 

„Germanischer Bärenhund“ –  Porträt einer außergewöhnlichen Hunderasse

Als Hof-, Hirten- und Jagdhunde setzten die Germanen robuste, ausdauernde und wachsame Hunde, sogenannte Germanische Bärenhunde, ein. Diese mussten in einer harten, lebensfeindlichen Umwelt überleben und ihre Sippe verteidigen.

Im Laufe der Zeit verlor sich die Spur dieser Hunde. In den 1980er Jahren entwickelten sich aus einem Fehlwurf zwischen Bernhardiner und weißem Hirtenhund Welpen, die dem alten Germanischen Bärenhund nahekamen. 1994 wurde der moderne Germanische Bärenhund schließlich vom Deutschen Rassehunde Club anerkannt. Jörg Krämer schildert die Geschichte der Geburt dieser Hunderasse, illustriert die historischen Details mit kleinen Geschichten und Anekdoten sowie Bildern und gibt Ratschläge zu Haltung und Erziehung der kinderlieben, gutmütigen, charakterfesten Vierbeiner, die sich gut als Familienhund eignen.

Passt der Germanische Bärenhund in die Familie?

Ob die positiven Charaktereigenschaften voll zur Entfaltung kommen, hängt jedoch entscheidend von der richtigen und artgerechten Haltung ab. So ist das Buch eine wertvolle Informationsquelle, damit die Liebhaber dieser Rasse vor der Anschaffung eines solchen Hundes hinreichend überprüfen können, ob sie dem Tier und seinen Ansprüchen überhaupt gerecht werden können. Rüden können immerhin ein Gewicht bis 85 kg und eine Widerristhöhe von 85 cm erreichen, Hündinnen bis zu 70 kg bei einer Höhe bis zu 80 cm. Im Schnitt erreichen die Tiere ein Alter von zehn bis zwölf Jahren. Neben den häuslichen Gegebenheiten geht der Autor umfassend auf verschiedene Themen ein, wie z.B. die wichtigsten Grundregeln zur Ernährung und Gesundheit, empfohlene Impfungen und Wurmkuren, die kleine Hausapotheke, die Eingewöhnung und Erziehung des Welpen, Steuer und Versicherungen, was es vor dem Kauf eines Bärenhundes alles zu beachten gibt und wie man den passenden Züchter finden kann. Ein Erfahrungsbericht zum Leben mit dem Germanischen Bärenhund, Begegnungen mit Artgenossen auf Spaziergängen, mit dem Hund auf Reisen und schließlich die Begleitung des treuen Weggefährten auf seinem letzten Weg, runden das Buch ab und geben ihm eine sehr persönliche Note. Die Tipps sind alltagstauglich und auch mögliche Probleme, die sich ergeben können, werden angesprochen. Der Text ist sehr gut geschrieben und die informativen Bilder sind sehr ansprechend. Für diejenigen, die ernsthaft mit dem Gedanken spielen sich einen Germanischen Bärenhund anzuschaffen, ist das Buch ein nützliche Entscheidungshilfe vor dem Kauf. Wer sich bereits für einen Bärenhund entschieden hat, findet hier wertvolle Informationen und Tipps zum Leben mit dem sanften Riesen.

Jörg Krämer: Germanischer Bärenhund
Herausgeber: ‎ novum pro
Taschenbuch: ‎ 124 Seiten
ISBN-10: ‎ 3990266969
ISBN-13: ‎ 978-3990266960
Abmessungen: ‎ 13.49 x 0.76 x 21.49 cm
Preis: 17, 40 Euro

 

 

Website des Autors: https://www.ruhrpottstory.com/

Von Meeren und Wüsten. Die HAV tagte in den Bethanienhöfen

Gemälde von Angelika Kahl

Sie kamen im Doppelpack: Zwei Fahrensleute im besten Mannesalter, de wat to vertellen hebt. Wolf Cropp eröffnete die Lesung im wohl klingenden Bariton mit dem Shanty „Ick heff mol en hamborger Veermaster sehn, to my hoodah. to my hoodah, de Masten so scheef as den Schipper sien Been…“

Ein passender Einstieg in einen Törn mit der Viermastbark „Peking“, die der agile Autor im September letzten Jahres unternahm, als er die Verholung der aufwendig restaurierten Bark von Glücksburg nach Hamburg begleitete. Wolf ist Mitglied der „Freunde der Viermasterbark Peking e.V.“ und Experte bezüglich der Entstehungs- und Erfolgsgeschichte dieses ehrwürdigen Windjammers. Die „Peking“ ist einer der vier noch erhaltenen legendären Flying P-Liner der Hamburger Reederei Laeisz, die am 25. Februar 1911 zum ersten Mal auslief. Inzwischen ist das prachtvolle Segelschiff in die Jahre gekommen und reif fürs Museum. Sein künftiger Liegeplatz wird vermutlich bis zur Fertigstellung des Deutschen Hafenmuseums der Kleine Grasbrook sein. Da klingelt doch etwas. Wurde nicht im Jahre des Herrn 1401 direkt nebenan der berühmt-berüchtigte Seeräuber Klaus Störtebeker hingerichtet, den romantische Seelen zum Robin Hood der Meere verklärten?

Wolf-Ulrich Cropp

Doch zurück zur “Peking“, über deren abenteuerliche Reisen auf den Weltmeeren Wolf Cropp so anschaulich berichtet, dass man meint, dabei gewesen zu sein. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er drei Mal um Kap Hoorn“, zitiert der Autor einen alten Seemannsspruch und schlägt mit seinen abenteuerlichen Erzählungen über Cap Horniers und deren gefährliche Unternehmungen das Publikum in seinen Bann.

Exkursion in die Sahara

Szenenwechsel. Nahtlos tauchen wir ein in geheimnisvolle Wüstenlandschaften, in die selten ein Europäer den Fuß setzt. In einer der fünfzehn Kurzgeschichten in „Jenseits der Westwelt“ beschreibt Cropp seine Erfahrungen während einer Exkursion in die Sahara. Nach einem Besuch bei den Tuareg findet er sich plötzlich mutterseelenallein in der Wüste wieder. Denn während er die Gegend erkundete, hatte der Stamm seine Zelte abgebrochen und sich auf den Weg zum nächsten Rastplatz gemacht. Rund um den Fremdling nur Sanddünen und eine atemlose Stille, wie er sie noch nie erlebt hatte. Was bei den meisten Panikanfälle ausgelöst hätte, führt Cropp zu Frieden und tiefer innerer Einsicht. Eine Erzählung, die tief bewegt und zum Nachdenken anregt.

Das Meer und Helgoland
Reimer Boy Eilers

Reimer Boy Eilers ist aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Wolf Cropp. Auch er ist ein weit gereister Mann, der das Meer über alles liebt. Besonders die Nordsee. So lautet auch der schmale Band „Mehr Nordsee“, aus dem der Autor ein Gedicht zum Besten gab, bevor er zu seinem 570 Seiten starken Opus Magnum „Das Helgoland. der Höllensturz: Oder wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet“ überging. Hinter diesem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein äußerst kniffliger Kriminalfall, der sich Anfang des 16. Jahrhunderts auf Helgoland abspielte oder sich abgespielt haben soll. Ein Kapitän aus Amsterdam, der Station auf dem Roten Felsen macht, stürzt die Treppe zum Oberland hinunter. Er stirbt – horribile dictu – ohne die Sakramente der Heiligen Kirche empfangen zu haben, und wird von den Insulanern auf dem Friedhof der Wasserleichen und Namenlosen hoch oben in den Dünen verscharrt. Ist der Mann durch einen Unfall zu Tode gekommen oder war es Mord? Das ist die Frage, die den Autor bewegt. Die Ermittlungen werden von einem Mann namens Pay Edel Edlefsen und seinem Freund und Jagdgefährten Equimeaux Quivitoq, genannt Menschenkind, geführt. Und das gegen den Willen des Fischerhauptmanns, Pays Vater Boje Edlef. Hat der Hauptmann etwas zu verbergen? Bevor der Fall geklärt ist, wartet die Nordsee mit einer Reihe höllenartiger Stürme und anderer Unbill auf.

Der verscherbelte Kalkfelsen

Autor Eilers las einem andächtig lauschenden Publikum mehrere Kapitel seines Thrillers vor und erklärte nebenbei allerhand Wissenswertes über das rote Kliff, Deutschlands einzige Hochseeinsel. Wer wusste zum Beispiel, dass Helgoland einst neben der Langen Anna noch ein weiteres Wahrzeichen hatte? Der schneeweiße Kalkfelsen, von dem die Rede ist, existiert seit langem nicht mehr. Er wurde vom Landesherrn gegen klingende Münze verscherbelt, ohne dass er die Insulaner zuvor um ihre Zustimmung gebeten hatte. Profit stand eben seinerzeit schon an erster Stelle. Was interessierte schon die vox populi? Auch über die strengen Sitten und Gebräuche von anno dunnemals auf der Insel weiß der Autor anschaulich zu berichten. Ein durch und durch ebenso lesenswertes wie spannendes Buch. Eine ausführliche Besprechung von „Das Helgoland, der Höllensturz. Oder: Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet“ wird in unserem DAP Online-Magazin erscheinen, sobald die Rezensentin den dicken Wälzer von weit über fünfhundert Seiten vollständig gelesen hat.

Vom Cap Horn zum Cap Hornisse

Die Lesung fand in einer sehr entspannten Atmosphäre statt. Frei von Genderei und „Gedöns.“ Ohne Zweifel wird es inzwischen auch weibliche „Cap Horniers“ geben, die die gefährliche Umrundung des Kaps mit Bravour meistern. Aber wie sollen wir die im Zeitalter des nahezu militanten Feminismus nennen? Ich habe da einen Vorschlag zur Güte: Wie wäre es mit „Cap Hornisse?“ Klingt gut und hat etwas unverkennbar Martialisches.

Wem eine bessere Lösung für dieses weltbewegende Problem einfällt, möge sich melden. Ach ja, und Esquimeaux oder Eskimo geht natürlich gar nicht, lieber Reimer Boy Eilers. Das soll ja Fleischfresser bedeuten und ist daher in Zeiten von Veggitum und Veganismus total verpönt. Immer dran denken: Heute ist Inuit angesagt. Man möge es den Helgoländern verzeihen, dass sie diese Sprachregelung im 16. Jahrhundert noch nicht kannten!

Sabine Witt

Die Zuhörer applaudierten den beiden Autoren und freuten sich über diesen gelungenen Abend in den Bethanien-Höfen. Ein herzliches Dankeschön geht an Sabine Witt, die Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung, die die Lesung gewohnt charmant moderierte.

 

 

 

Wolf-Ulrich Cropp: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/cropp-wolf-ulrich-dr/

Reimer Boy Eilers: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/eilers-dr-reimer-boy/

Sabine Witt: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/witt-sabine/