Premiere im English Theatre Hamburg: „Mass Appeal“ ( Der Priestermacher)

Von Uta Buhr

„Mass Appeal“ (deutscher Titel „Der Priestermacher“):  In diesem  Stück am English Theatre of Hamburg überprüft der amerikanische Autor Bill C. Davis den Willen zum Wandel innerhalb der katholischen Kirche

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Zwei, die sich verstehen

 Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Bühne an der Mundsburg die Saison mit einem Stück eröffnet, das bereits 1981  am Broadway Furore machte. Denn die Thematik von „Mass Appeal“ ist brandaktuell. Zwar geht es in Bill C. Davis’ liebevoll satirisch angelegtem Spiel nicht um den Missbrauch Jugendlicher durch Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, sondern um ihr Verharren auf uralten Ritualen und die damit verbundene Unfähigkeit, neue Wege einzuschlagen. Durch die erst kürzlich erfolgte Papstwahl hat dieses faszinierende Bühnenwerk noch an Aktualität hinzu gewonnen.

Die Handlung ist schnell erzählt. Pfarrer Tim Farley, ein trinkfester und dem guten Leben zugetaner Priester irischer Herkunft, der  als eine Art Manager Christi fungiert und sich in seiner Pfarrei St. Francis bequem eingerichtet hat, sieht sich eines Tages dem  Priesterkandidaten Mark Dolson gegenüber. Dieser bringt ihn mit bohrenden Fragen völlig aus der Fassung.  Wieso, fragt der junge Heißsporn, lehnt die Kurie vehement die Ordination von Frauen ab? „Waren es nicht Frauen, die Jesus in seinen schwersten Stunden am Kreuz zur Seite standen?“ Wischte die  Heilige Veronika nicht mit ihrem Schleier  den Schweiß von der Stirn unseres Herrn? Und wie steht die Kirche zu Maria von Magdala, die für den Unterhalt Jesu und seiner Jünger sorgte, bei der Grablegung half und als erste die Wiederauferstehung verkünden durfte? Nach einem derartigen Bombardement von Fragen muss der erschrockene  Geistliche erst einmal einen tiefen Schluck aus einer der teuren Weinflaschen nehmen, die in Reih und  auf der Anrichte in seinem Dienstzimmer stehen. Doch weiteres Ungemach droht, als Mark fragt, wie die Kirche zur Homosexualität stehe, ferner zum Zölibat  und wie sie es mit der von ihr ständig zitierten Nächstenliebe halte. Da gerät selbst der sonst um keine Antwort verlegene Tim Farley ins Stottern und versteht nicht, warum in aller Welt dieser junge attraktive Seminarist aus gutem und offenbar wohlhabendem Hause unbedingt Priester werden will.

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Dann man ran, Junge

Ganz einfach, der junge Mann ist angetreten, etwas zu verändern und die Kirche aus ihrem starren, über hunderte von Jahren von Rom verordneten Korsett zu befreien. Obgleich Tim Farley allen revolutionären, die Kirche betreffenden Ideen abhold ist, gibt er Mark die Chance, an einem der kommenden Tage die Messe vor seiner Gemeinde zu lesen. Das Experiment gerät zu einem Desaster, zumal Mark total die Kontrolle über sich verliert, als Unmutsäußerungen und ständiges Husten und Schnäuzen der Gemeindemitglieder seine Predigt stören. Dennoch gewinnt er mit seiner offenen Art  und durch seine durch nichts zu erschütternde Prinzipientreue die Sympathie des älteren Priesters, der sogar versucht, seinen Vorgesetzten Monsignore Thomas Burke von der Qualifikation des eigenwilligen Kandidaten zu überzeugen. Es versteht sich, dass Mark schließlich an der unbeugsamen, von Burke vertretenen Haltung der Kirche scheitert und seine Kandidatur  resigniert zurückzieht. Doch sein Aufbegehren hat Pater Farley die Augen geöffnet. Er wird einen Neuanfang wagen und künftig mit seiner Gemeinde einen offenen Dialog führen.

Ein subtiles  Konversationsstück, geführt von  zwei grandiosen Schauspielern. Peter Amory (Pater Tim Farley) und Stephen McGonigle (Kandidat Mark Dolson) werfen sich in einzigartiger Weise die verbalen Bälle zu. Da wird diskutiert und geflucht, gebrüllt und besänftigt; der Zuschauer ist Zeuge zweier unterschiedlicher, auf den ersten Blick unvereinbar erscheinender  Weltanschauungen. Hinreißend die Pantomime Peter Amorys als kurzatmiger Monsignore Burke und als verzweifelter Priester, der sich mit mehreren bis zum Rand gefüllten Gläsern Wein die „Kante“ gibt. Lob und Dank auch an den britischen Regisseur Andrew Lynford, der auf eine Reihe sehr erfolgreicher Inszenierungen im Vereinigten Königreich zurückblickt.

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Nimm`s nicht swo schwer Mark

Der  Titel „Mass Appeal“ gibt Rätsel auf. Er irritiert, denn dieses Wortspiel kann, je nach Gusto, unterschiedlich interpretiert werden. Im juristischen Englisch bedeutet „appeal“ Einspruch. In der Umgangssprache ist der Begriff auch mit Appel oder Bitte zu übersetzen. Wie soll nun unser Titel auf Deutsch lauten – „Massenappell“ oder vielleicht doch „Einspruch in der Messe?“ Jede  der beiden Lösungen ist möglich, aber nicht griffig. Da kommt schon der von den deutschen Übersetzern gewählte Titel  des Stückes  „Der Priestermacher“ dem Inhalt ziemlich nahe.

Schade, dass Autor Bill C. Davis  diesem hinreißenden Theaterabend in Hamburg nicht beiwohnen konnte. Er wäre sicherlich begeistert gewesen von der Inszenierung, die den Zuschauer mit dem betörenden Duft von  Weihrauch und herrlichen Orgelklängen in den Bann schlägt, bevor das Stück überhaut begonnen hat. Wie üblich, stimmt wieder jedes Detail. Die kleine Bühne liegt im Halbdunkel. Lediglich durch ein buntes (gemaltes) Kirchenfenster dringt Licht und beleuchtet das Konterfei von Papst Franziskus. Ein charmanter Einfall.

Bill C. Davis, der Autor von „Mass Appeal“ ist hierzulande (noch) ziemlich unbekannt. Aber sicherlich wird sich das ändern, wenn weitere in den Vereinigten Staaten sehr erfolgreiche Werke wie „Spine“ oder „The Secret Path“ auf die Bühne kommen. Davis, eine interessante Mischung mit italienischen, irischen und russisch-jüdischen Wurzeln, wuchs in New York auf und wurde auf katholischen Schulen sozialisiert. Er weiß also sehr genau, wovon er redet, wenn er die römisch-katholische Kirche zum Handlungsort eines seiner Stücke wählt. Neben seiner Tätigkeit als Autor versuchte Davis sich auch in der Politik und kandidierte einst für die amerikanischen „Grünen“ im Bundesstaat Connecticut. Erfreulich, dass er die Politik an den Nagel hängte, um die Theaterwelt mit weiteren wunderbaren Werken zu beglücken.

… übrigens „Mass Appeal“ wurde vor Jahren  von Hollywood mit Jack Lemmon in der Paraderolle des Tim Farley verfilmt.

Bleibt nur noch zu sagen:  Ein wunderbarer, amüsanter Theaterabend sorgte beim Publikum für gute Laune.  Darsteller und Regisseur wurden  mit lang anhaltendem Applaus gefeiert.

„Mass Appeal“ läuft bis einschließlich 19. April 2014. Karten wie üblich unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter  www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „National Anthems“ von Dennis McIntyre am 1. Mai 2014