“Fat Pig” – das neue Stück am English Theatre in Hamburg

Von Uta Buhr

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Bikini-Schönheit sieht auf XXL-Rivalin herab

Dick- oder gar Fettsein gehört sich nun mal nicht in einer Gesellschaft wie der unserigen, die magersüchtige Models auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen feiert und der weiblichen Welt suggeriert: „So müsst ihr auch aussehen, wenn ihr dazu gehören wollt.“ Neil LaBute, einer der bekanntesten amerikanischen Stückeschreiber und Drehbuchautoren, der stets das Ohr am Puls der Zeit hat und nicht selten Kontroversen wegen seiner kritischen, oft zynischen Sicht auf die Dinge des Alltags heraufbeschwört, behandelt mit „Fat Pig“ ein ebenso aktuelles wie brisantes Thema. Die Tragikomödie um die XXL-Schönheit Helen verbuchte umjubelte Erfolge sowohl am Off-Broadway als auch in London und bescherte dem Autor sogar die Nominierung für den begehrten „Laurence Olivier Award for Best Comedy.“

Die Handlung beginnt auf einer fast leeren Bühne. Wir befinden uns irgendwo in den USA, vermutlich in Kalifornien. Einziges Dekor ist ein Stehtisch unter freiem Himmel, an dem die reichlich übergewichtige Helen ihren Lunch einnimmt. Während sie gedankenverloren ihr Dessert löffelt, gesellt sich Tom, ein attraktiver erfolgreicher Geschäftsmann zu ihr. Beeindruckt von Helens Gelassenheit und ihrem Humor verliebt es sich auf der Stelle in sie. Auch ihr Geständnis, sie habe gerade drei Pizzas und einen Nachtisch vertilgt, schreckt ihn nicht. Er bittet sie, die als Bibliothekarin tätig ist, um ihre Telefonnummer mit der Absicht, sie wieder zu treffen.

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„Du solltest dich nur mit deinesgleichen abgeben, Tom.“

Toms Kollege Carter fällt aus allen Wolken, als er Tom und seine neue Flamme beim tête-à-tête in einem chinesischen Restaurant antrifft. Ist es möglich, dass sein smarter Freund sich mit diesem fetten Trumm eingelassen hat. Hochgradig empört zeigt sich Toms langjährige hübsche, modisch-schlanke Freundin Jeannie (herrlich schnippisch bis bösartig gespielt von Lucy Sinclair) über Toms Untreue und seine Geschmacksverirrung. In der Zwischenzeit grassiert ein per E-Mail im ganzen Betrieb verbreitetes Foto von Helen, dieser „fetten Sau“, wie Jeannie ihre Rivalin ganz offen betitelt.

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Zwei Männer streiten über weibliche Attraktivität

Trotz aller Anfechtungen hält Tom loyal zu Helen, versucht sie aber zunehmend vor seinen Freunden zu verbergen. Wie lange, so fragt sich der Zuschauer, wird er dieser von allen Seiten auf ihn einstürmenden Polemik noch standhalten können?
Den dramaturgischen Höhepunkt erreicht „Fat Pig“ an einem sonnigen Strand. Etwas abseits von der Masse der Sonnenanbeter haben Tom und Helen es sich gemütlich gemacht. Auf einmal taucht Jeannie auf, zierlich und elegant in einem knappen Bikini. Herablassend beäugt sie Helen, die ihre schwellenden Formen so gut es geht unter einem wallenden Tuch
zu verbergen sucht. Als die Übergewichtige sich Jeannie als Helen zu erkennen gibt, erwidert diese nur arrogant, das habe sie sich schon gedacht, und verschwindet im Off. Mehr Verachtung geht nicht. Doch Helen scheint all dies nicht zu berühren. Seit langem ist sie derartige Bemerkungen gewohnt. So ganz nebenbei erzählt sie Tom, man habe ihr einen sehr guten Job in einer anderenStadt angeboten. Soll sie den annehmen oder ablehnen, weil er auch weiter mit ihr zusammen bleiben möchte. Ob Tom sich Pro oder Contra entscheidet, finden Sie, liebe Zuschauer, selbst heraus. Eines aber steht fest: Leicht wird ihm diese Entscheidung nicht fallen.

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„Du machst dich lächerlich, Tom. Wie kannst du dich in so ein Monster verlieben.“

Es steht außer Frage, dass Schlanke oder auch nur leidlich Normalgewichtige Probleme mit ihren XXL-Zeitgenossen haben. Da sagen häufig Blicke mehr als Worte, wenn ein „gestrandeter Wal“ oder eben ein „fettes Schwein“ (Fat Pig) an ihnen vorübergeht. Nahezu empört zeigen sich manche, wenn diese Menschen sich auch noch erlauben, in aller Öffentlichkeit zu essen. Und genau dieser Problematik hat Neil LaBute sich in seinem Stück angenommen, das nicht mit Kritik an den herzlosen, oft sarkastisch oder gar zynisch reagierenden Mitmenschen spart. Die Figur des sympathischen Tom (sensibel dargestellt von Ed Sheridan) steht in scharfem Kontrast zu der seines Freundes und Kollegen Carter (Ziggy Ross), der ebenso perfide wie charmant agiert. Die Zentralfigur Helen wird von einer souveränen Rosalind Seal gespielt, die trotz aller Anfeindungen ihrer Umwelt ein herzlicher Mensch ohne Bitterkeit geblieben ist.

Nach dem Fall des Vorhanges wurden die vier Schauspieler mit lebhaftem Applaus bedacht. Ein Lob geht an den Direktor des TET Robert Rumpf, der einmal erneut sein Talent bei der Auswahl der Darsteller bewiesen hat. Wie wir erfuhren, wurden insgesamt 500 Mimen in London zum Vorsprechen geladen. Resultat dieses Auswahlverfahrens: Vier Schauspieler, denen ihre Rollen auf den Leib geschrieben schienen.

Der Autor
Wie bereits erwähnt, zählt Neil LaBute zu den Top-Bühnenautoren des amerikanischen Gegenwarttheaters. Es ist ihm ein Bedürfnis, heiße Eisen anzufassen, die für andere Kollegen immer noch Tabus sind. Bislang brachte das TET “Reasons to be pretty” und „This is how it goes“auf die Bühne. Letzteres Stück befasst sich mit dem problematischen Zusammenleben von Schwarz und Weiß in den Vereinigten Staaten, ein Thema, das in letzter Zeit durch verschiedene dramatische Ereignisse erneut an Aktualität gewann.
„Fat Pig“ läuft bis einschließlich 7. November 2015
Karten unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 – oder online unter www.englishtheatre.de
Nächste Premiere von Edward Taylors Komödie „No Dinner for Sinners“
am 19. November 2015

Fotos: Kock