Herausragende Ausstellung über den Lyriker Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf spricht bei „Künstler für den Frieden“ im St. Pauli-Stadion, Hamburg, 1983, Foto Helga Kneidl, DLA Marbach

Anlässlich von Peter Rühmkorfs 90. Geburtstag präsentiert die Arno Schmidt Stiftung, Erbin der Urheberrechte des Autors, in einer atmosphärisch und medial außergewöhnlich gestalteten Literaturausstellung im Altonaer Museum einen umfangreichen Einblick in das Werk und in den Nachlass des Dichters. Unter dem Titel „Lass leuchten!“, der einem von Rühmkorfs Gedichten entstammt, setzt sich die Ausstellung anhand von visuellen Inszenierungen, Manuskripten, Fotos und Alltagsobjekten mit dem facettenreichen Leben und Schaffen des engagierten Künstlers auseinander. Rühmkorfs Sammelsurien als Quelle seiner Inspiration eröffnen ebenso wie eine Reimwortmaschine oder filigrane Schriftanimationen einen unmittelbaren, sinnlichen Zugang zu seinem Werk.

Der vielfach preisgekrönte Dichter Peter Rühmkorf (1929–2008) gehört zu den bedeutendsten Lyrikern und Essayisten der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. In seinen Texten bedichtete Rühmkorf die Liebe und den Tod ebenso wie den Schnaps und den Schnellimbiss – nichts erschien ihm zu unbedeutend, um in eine lyrische Form gefasst zu werden. Seine vor allem durch Wortwitz funkelnden Gedichte bewegen bis heute mit ihrem politischen Engagement und bewähren sich zugleich auf dem poetischen Hochseil. Das Bühnenprogramm „Jazz und Lyrik“, mit dem er 1966 erstmals gemeinsam mit dem Jazzpianisten Michael Naura und dessen Quartett im Rahmen der Aktion „Dichter auf dem Markt“ auf dem Hamburger Adolphsplatz gastierte, erreichte über Jahrzehnte ein großes Publikum. Seit den frühen 1970er Jahren lebte der Autor mit seiner Frau, der Politikerin Eva Rühmkorf, im Hamburger Stadtteil Oevelgönne an der Elbe, umgeben von zahlreichen Fundstücken von seinen Reisen und Treibgut aller Art. An seinem „Schreibmaschinengewehrchen“ verfasste er dort mit Blick auf Fluss und Hafen Lyrik, Prosa, Essays und Theaterstücke. Seine Texte, Notizen und Zeichnungen sammelte er in Hunderten von Archivkästen, die heute den umfangreichsten Einzelnachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach bilden.

Blick in die Austellung Lass leuchten, Altonaer Museum, Foto Sinje Hasheider (2)

Zentrales Element der Ausstellung ist der „Raum der Gedichte“, in dem zehn lyrische Texte Rühmkorfs in Großprojektionen inszeniert werden. Zehn Leserinnen und Leser, unter ihnen Franziska Augstein, Nora Gomringer, Jan Wagner  und Heinrich Detering, stellen je ein Gedicht im Interview vor und erklären, warum es ihnen besonders am Herzen liegt. Die Textinszenierung von Stefan Matlik nimmt Rühmkorfs Bild vom „Fliegen“ der Texte über den Niederungen von Arbeit und Alltag auf, sodass die Gedichte als luftige Gebilde im Raum schweben. Eine Auswahl von weitgehend unbekannten Film-Aufnahmen von Rühmkorfs „Jazz und Lyrik“-Programmen aus mehreren Jahrzehnten ergänzt die Gedichtprojektionen. Weitere Themenstationen widmen sich wichtigen Aspekten im Schaffen und Leben des Dichters, stellen einzelne Werkphasen vor und erläutern auf anschauliche Weise sein poetisches Konzept. In vier Medien-Installationen kann von den Besuchern auf spielerische Weise nachvollzogen werden, wie Reimkunst, Ironie, politisches Engagement und Subjektivität in Rühmkorfs Lyrik zusammenwirken. Eine fünfzig Quadratmeter große Wandinstallation verdeutlicht am Beispiel des Gedichts „Selbst III/88“ Rühmkorfs aufwändigen Arbeitsprozess. In einem umfangreichen Begleitprogramm, das neben zahlreichen Führungen, einen festlichen Abend zu Rühmkorfs 90. Geburtstag, eine Lesung mit dem Lyriker und Büchner-Preisträger Jan Wagner, eine wissenschaftlichen Tagung und vielfältige pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche umfasst, können sich die Besucher vertiefend mit dem Oeuvre Peter Rühmkorfs auseinandersetzen. Im Anschluss an die Laufzeit in Hamburg wird die Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach gezeigt.

Eine Vielzahl an Veranstaltungen wird während des Ausstellungszeitraums stattfinden, die in einem Flyer des Altonaer Museums zum Download zusammengefasst sind:

Lass_leuchten_Peter_Ruehmkorf_Flyer

Hier gehts zum Altonaer Museum

Stiftung Historische Museen Hamburg
Matthias Seeberg
Pressesprecher
Tel.: 040 428 131 171
matthias.seeberg@presse.shmh.de

www.shmh.de

Out of office – out of control?

Banksy continued his month long New York residency with his latest piece of street art, a robot spray painting a bar code on the wall of a disused building on the corner of Neptune Avenue and Stillwell Avenue in Coney Island (c) picture-alliance-Photoshot

Irgendetwas zwischen Code und einem Roboter, der selbst handeln kann. Zwischen dem, was meine Vernunft mir sagt und was Science-Fiction-Filme mir eingetrichtert haben, weil sich dadurch so wunderbare Schauermärchen erzeugen lassen. So habe ich mir künstliche Intelligenz bisher vorgestellt. Humanoide, mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter wie „Sophia“, die in Saudi Arabien sogar die Staatsbürgerschaft angeboten bekam, lassen diese Märchen Gestalt annehmen und der Respekt oder sogar die Angst, die dadurch aufkommt, entstehen aus unserem Unwissen. Oder aus dem, was wir glauben zu wissen, nämlich: KI ist gefährlich, weil sie uns ersetzbar macht. Aber ist dem wirklich so? Dass lästige, kleinschrittliche Arbeit durch künstliche Intelligenz übernommen, uns abgenommen werden kann, ist klar und gut. Wenn sich die Wirtschaft und somit die Gesellschaft wandeln, gibt es einen Bereich, der unangetastet bleibt? Gibt es etwas, das dem Menschen allein vorbehalten ist? „Geh‘ in den kreativen Bereich“, hört man immer wieder, wenn man nach sicheren, nicht von durch künstlicher Intelligenz herbeigeführtem Wandel betroffenen Sparten fragt. Dies zu hinterfragen hat sich das Museum der Arbeit in Barmbek zur Aufgabe gemacht und eine umfassende Ausstellung arrangiert, deren Ziel es ist, den Besucher an verschiedenen Stationen interaktiv entscheiden zu lassen, wie viel „Roboter“ er in sein persönliches Zukunftsbild zu integrieren bereit ist, und zu zeigen, an welchen Ecken und Enden wir – oft unwissentlich – KI bereits nutzen. Die begleitende Podiumsdiskussion am 25. Februar 2019 bot weitere Einblicke in die Arbeit solcher Künstler, die KI auch in ihre kreativen Prozesse einbinden. Vor einem relativ kleinen Publikum, circa fünfzig bis siebzig Leute stark, stellten vier unterschiedliche Künstler und ein Kunsthistoriker ihre Arbeit und ihre Erfahrungen vor. Das Publikum, ebenso ich, wurde in seinem erwartungsvollen, wie der Kunsthistoriker Dr. Klaus Siebenhaar es ausdrückte, „Schwanken zwischen einer naiven Heilserwartung oder einer genauso naiven apokalyptischen Erwartung“ aufgefangen und mit Methoden vertraut gemacht, wie man sie sonst nur bei Galileo Big Pictures sieht. Denn trotz fehlendem Ich- Bewusstsein, was, wie sich die Diskutierenden auf der Bühne einig sind, hingegen das Alleinstellungsmerkmal der menschlichen Spezies ist, arbeitet beispielsweise Liat Grayver mit Robotern, denen sie die Aufgabe gibt, ein Selbstportrait zu malen. Ja, richtig vermutet, von dem Roboter und nicht von Frau Grayver.

Am Anfang steht der Mensch

Doch egal, wie viele Aufgaben die KI schon alleine ausführen kann, am Anfang steht der Mensch, da stimmen alle zu. Der Mensch braucht die Idee und er ist auch derjenige, der evaluieren muss. Das kennt Eric Eitel nur allzu gut. Er ist Musikproduzent und nutzt unter anderem künstliche Intelligenz, um Beats zu generieren. Diese nimmt ihm somit einige Arbeit ab, dennoch benötigt er das Wissen, welche Musik auf welchem Markt erfolgversprechend ist. Doch kommt an diesem Punkt der Diskussion ein neuer Streitpunkt auf: Wer ist der Urheber? Schon beim „Portrait of Edmond de Belamy“ des Pariser Künstlerkollektivs „Obvious“, welches mit einem intelligenten Algorithmus erstellt und vom Auktionshaus „Christie’s“ für über 400.000 Dollar verkauft wurde, traten Streitigkeiten wegen des Urheberrechts auf. Aber wie will man solche Fälle auch lösen, in denen es noch keine geregelten Gesetzmäßigkeiten gibt? Und wie sollte man diese überhaupt erstellen? Nähme man Rücksicht auf die Künstler, deren Werke als Daten in den Algorithmus eingespeist wurden? Wäre der Urheber der Programmierer, der den Code schrieb, mit dem das alles erst möglich wurde? Vielleicht wäre es aber auch die Person, die aus unzähligen Resultaten das eine als Kunst befunden und ausgewählt hat? Oder sogar der Roboter selbst? Bei dieser Frage wurden sich auch die Streitenden auf der Bühne nicht einig.

Was ist überhaupt Kunst?

Auch diese Frage, die man so oft gehört und nie beantwortet hat, tauchte auf. Etwas ironisch, dass auch keiner der Künstler auf der Bühne eine Antwort parat hatte. Dr. Siebenhaar half mit einer historischen Definition aus: „Creatio ex nihilo“ sei ein Ansatz, der die Kunst und zugleich den Unterschied zwischen KI und Mensch erklären könne. Der Roboter brauche Input, könne aus dem Nichts nichts schaffen, der Mensch jedoch sei dazu in der Lage. „Aber ist die Voraussetzung für das Schaffen des Menschen nicht auch der Einfluss seiner Umgebung, seiner Zeit, seiner Emotion?“ fragte ein Gast am Ende, bei der Diskussion mit dem Publikum. ,,Doch“ war die Antwort, aber auch die Experten auf der Bühne waren mittlerweile nicht mehr gewillt, einen Streit vom Zaun zu brechen.

Diese Experten sind eben auch, wie wir, nur Menschen, die sich an neue technologische Bereiche herantasten, als Vorreiter versuchen, sie in ihr Leben und Schaffen zu integrieren und eine neue und einzigartige Form der Kunst zu schaffen. Egal ob aus dem Nichts, mithilfe der Technologie oder der Natur, das Schaffen, das Kreieren kann der Mensch in Zusammenarbeit mit der künstlichen Intelligenz. Er kann sie nutzen und entdecken. Wer darauf nicht mehr warten möchte, kann im Museum der Arbeit schon einmal einen Ausflug in die Zukunft machen.