Wilhelm Reich und Otto Rank – Zwei Pioniere der Psychosomatik

Institut für pränatale Psychologie und Medizin, Heidelberg

Institut für pränatale Psychologie und Medizin, HeidelbergAn Instituten für ganzheitliche Medizin, in Heilpraktikerschulen und komplementärmedizinischen Einrichtungen gibt es heutzutage oft noch einen Wilhelm-Reich-Seminarraum. An psychoanalytisch orientierten Instituten für Psychotherapie und Psychosomatik ist dies seltener der Fall, wenn auch dort Körper und Psyche meist in ihren Zusammenhängen gesehen werden. Und auch wenn die Bedeutung der frühen Kindheit bis zurück in die Schwangerschaft mittlerweile nahezu zum Allgemeinwissen gehört, ist der Name Otto Rank zwar vielen Therapeuten und Therapeutinnen bekannt, in der interessierten Öffentlichkeit aber viel weniger als der von Wilhelm Reich.

Historie

Sowohl Reich (1897-1957) als auch Rank (1884-1939) waren Psychoanalytiker; Rank war zudem lange Jahre engster Mitarbeiter von Sigmund Freud (1856-1939). Dieser, obwohl gelernter Neurologe, stand dem Geisteswissenschaftler Rank näher als dem Arzt Reich, nicht nur aufgrund des geringeren Altersunterschieds. Freud brach letztlich mit beiden Kollegen, wobei Reichs politisches Engagement einerseits dem bürgerlichen Habitus Freuds nicht entsprach, Ranks Fokus auf Geburtsthemen andererseits ebenso dessen kühlen Kopf verschreckte. Doch haben beide, neben Freud selbst, enormen Einfluss auf die heutige Psychosomatik gehabt.

Was sind nun die zentralen Gedanken und Beobachtungen dieser Pioniere? Man kann dies mit dem Begriff der Ganzheitlichkeit beschreiben, die Körper und Seele eng zusammendenkt. Ganzheitlichkeit zeigt eine gewisse Nähe zur anthropologischen Medizin, die heute zum Teil noch im universitätsmedizinischen Fach der Psychosomatik beheimatet ist. In ihr kann für das Verstehen von Symptomatik einerseits das Unbewusste in Anspruch genommen werden, andererseits kann Symptomatik auch als direkter Ausdruck körperlich-seelischer Konflikte konzipiert werden. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung.

Wilhelm Reich

Wilhelm Reich, Foto Ludwig Gutmann, Public domain, via Wikimedia Commons

Dieser hielt zeitlebens an Freuds sogenannter erster Angsttheorie fest, dass seelische Konflikte aus dem Inneren, dem Somatischen kommen – ein Ansatz, den auch Freud selbst nie ganz aufgegeben hat. Dieser auch als Libidotheorie bekannte Ansatz geht vom Trieb und dessen libidinöser Energie aus, die im Rahmen einer Libidostauung als Überschuss an Energie Symptome unterschiedlichster Art ausbilden kann. Störung heißt bei Reich immer Aktualneurose: es entsteht eine Art Panzerung, die sowohl körperlich als auch psychisch in Erscheinung treten kann. Die darauf aufbauende Charakteranalyse [1] stellt heute noch die Grundlage für fast jede Typologie von Persönlichkeit dar.

 

Otto Rank

Otto Rank. By Becker & Maass / Marie Boehm*

Bei ihm spielt die Geburtlichkeit des Menschen die Hauptrolle, nämlich dass der Geburtsvorgang an sich traumatischen Charakter für den werdenden Menschen hat [2]. Zudem kommen vorgeburtliche Prägungen ins Spiel; Kerngedanke jedoch bleibt die Unfertigkeit des Menschen und der geburtliche Milieuwechsel vom Uterus hin zur Außenwelt. Enormen Einfluss hatte Rank auf die humanistische Psychologie von Carl Rogers, aber auch auf die Gestalttherapie, die der Psychiater Fritz Perls – als Schüler von Wilhelm Reich – entwickelte. Auch die sogenannte Terminsetzung als anvisiertes Ende der Therapie stammt von Rank; sie ist heute noch Standard, um eine gewisse Dynamik in den Therapieprozess zu bringen und diesen nicht unendlich werden zu lassen. Die Ähnlichkeit von Therapieprozess und Geburtsprozess hat später der tschechisch-amerikanische Psychiater Stanislav Grof mit seiner in den USA noch heute sehr bekannten Geburtsmatrix ausgearbeitet [3].

Sanfte Geburt

Der französische Arzt Michel Odent, Schüler von Frédérick Leboyer und wie dieser Pionier der sanften Geburt, der sich nicht nur auf Rank, sondern auch auf Reich bezieht und ebensoviel Forschung zu Sexualität und Libido vorgelegt hat, hat zuletzt ausführlich die Problematik der Kaiserschnittgeburt bearbeitet [4]. Wegweisend war die Richtung zur sanften Geburt auch durch die Wiener Geburtshelferin Marina Marcovich [5]. Die ‚Methode Marcovich‘, die Frühgeborene behutsam ins Leben begleitet, wurde in den 1990er Jahren noch heftig bekämpft – selbst „Der Spiegel“ berichtete darüber [6]. Sie ist heute Standard an Universitätskliniken weltweit. Nur wenige prominente Mediziner wie Otwin Linderkamp, Wulf Schiefenhövel oder etwa Freuds Enkel, Ernest Freud, wagten damals für sie Stellung zu beziehen und manchmal gar ihre Karrieren aufs Spiel zu setzen. Hieran kann man erkennen, dass was heute noch leichtfertig als esoterisch abgestempelt wird, morgen schon allgemeiner Standard sein kann. So hat dazu die pränatale Psychologie mittlerweile viele Forschungsbefunde vorgelegt, und auch die neuronale Vernetzung in der allerfrühesten Lebenszeit wurde eindrücklich beschrieben [7, 8, 9]. Zudem hat sich gezeigt, dass dem Träumen in Schwangerschaft und Stillzeit eine erhebliche Bedeutung zukommen kann, eine Thematik, die bislang kaum beachtet wurde [10].

Beziehungen

Wo bei Rank also die vorgeburtliche Totalität zu einem partialen Leben wird und damit die Beziehungssuche vorprogrammiert ist, ist dies unabänderlich und zudem mit Stress verbunden. Es ist eine Art Vertreibung aus dem Paradies, obwohl das vorgeburtliche Leben im Uterus nicht so paradiesisch ist, wie man es sich vielleicht vorstellen möchte. Ranks Meisterwerk „Das Trauma der Geburt“, das vorletztes Jahr 100-jähriges Jubiläum feierte, erschließt diese Zusammenhänge tiefenpsychologisch sehr profund [11]. Die gute Nachricht ist zudem, dass man auf manche psychische Störungen auch körperlich guten Zugriff hat, z.B. durch strukturierte Entspannungsverfahren [12]. Körperliches Leben heißt aber nicht monadisches Leben, nicht Inselexistenz. Entscheidend ist, dass der oder die Einzelne sozusagen nicht ohne die Anderen existiert: ein Kind existiert nicht ohne Mutter, so wie ein Kellner nicht ohne Gast existieren kann und eine Schülerin nicht ohne Lehrerin – und umgekehrt. Alles findet in Beziehung statt; der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seiner Sphären-Trilogie ähnliche Befunde vorgelegt [13, 14]. Das heißt letztlich, Interaktion wird gesucht und muss gesucht werden. Dies wiederum hatte auch Reich erkannt, aber stärker über den Körper konzipiert.

Kultureller Hintergrund

Sowohl Reich als auch Rank kamen aus dem österreich-ungarischen Gebiet mit dessen geographisch-kulturell höchst vielfältigen Einflüssen. Diese haben einen gemeinsamen Nenner, der noch heute besteht: Beziehung und Bezogenheit, etwas, das sich aus der menschlichen Unvollständigkeit ableitet. Reich beschreibt dies eindrücklich in seinem Buch „Leidenschaft der Jugend“ [15]. Beziehung ist alles, und in jenem geographischen Gebiet ist besonders leicht zu bemerken, dass menschliche Motive immer in Beziehungen interpretiert werden, und zwar konkret-körperlich. Unter dieser existentiellen Ebene liegt sozusagen die Essenz: der Körper und der von ihm ausgehende Eros. Damit folgt man sozusagen Reichs Konzept, der in der Geschlechterbeziehung den Urgrund allen Menschseins findet, der letztlich auf eine komplementäre Beziehung zusteuert. Dazu hat auch Stanislav Grof im Bereich der LSD-Forschung Bahnbrechendes geleistet, über das heute kaum mehr gesprochen, nun allerdings im wissenschaftlichen Rahmen wieder neu diskutiert wird [16].    Dabei war experimentell zu beobachten, dass auch homosexuell lebende Männer libidinöse Energie in weiblichen Genitalien entdeckten [17, 18], etwas, das Auskunft über die polare Beziehungsdimension geben konnte, die Reich so ausführlich aufzeichnete. Reich hat zudem mit den in den 1960er Jahren stark rezipierten Schriften enormen Einfluss auf die leiblich-seelische Wahrnehmung in der Gesellschaft gehabt, so auch mit dem Konzept von Vor- und Endlust [19, 20]. Ranks Konzept des Partialen wiederum ist in der Beziehungsdimension als Vervollständigung des Unfertigen enthalten; Beziehungsvermeidung hingegen, und deren Ersetzung durch Medien oder virtuelle Welten, führt in die mögliche Destruktivität des Menschen [21, 22]. Die heutigen Befunde der Medienwelten der westlichen Industrieländer zu Beziehung und Bindung [23] können daher nichts weniger als alarmierend eingestuft werden.

Psychosomatische Anthropologie: Körper, Sinne, Triebe 

Was Sloterdijk ‚Philosophische Anthropologie‘ nennt und z.B. mit den Namen Plessner und Gehlen einhergeht, ist psychosomatische Anthropologie im Sinne eines verkörperten leiblich-seelischen Zusammenspiels. Seine Ideengeschichte der Nähe-Faszination und der Perspektivenwechsel zu einem ‚Wo sind wir‘, um das ‚Wer sind wir‘ zu erweitern, weist eine kulturwissenschaftlich-psychohistorische Dimension auf [24], die auch Eingang in die medizinisch-psychologische Lehre finden konnte [25, 26].

Körper, Sinne und Triebe, etwas das sich für viele westeuropäische Vorstellungen wieder fast fremdartig anfühlt und nun vermehrt über Gesetze geregelt werden soll, werden heute noch in Österreich, Ungarn und weiter südlichen Ländern nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Privileg menschlichen Lebens empfunden. Damit wird der körperlosen Existenz im virtuellen Raum, die leicht in die  entsprechenden Störungen mündet [27], der Boden entzogen; ‚echte‘ Beziehung und ‚echte‘ Körper gewinnen dabei ihre Berechtigung zurück.

Hierzu wird in vielen süd-europäischen Großstädten geforscht; in Budapest ist z.B. die ungarische Gesellschaft für pränatale Psychologie und Medizin ein Nabelpunkt der psychosomatischen Gemeinschaft, ähnlich wie auch das renommierte Belgrader Institut für Sprachstörungen und Phonetik psychische und Entwicklungsstörungen in (vor-)geburtlichen und frühkindlichen Zusammenhängen untersucht. Wenn Ganzheitlichkeit nämlich auch Beziehung bedeutet, ist diese ohne Körper, Sinne und Triebe nicht denkbar. Dem innewohnend ist auch die Auffassung, dass der Mensch keine Maschine, sondern eher ein Künstler seines Lebens ist, sein muss [28]. Sowohl Reich als auch Rank haben bedeutsame Konzepte hierzu entwickelt. Die manchmal schwierige Lektüre dieser Autoren ist lohnenswert. Wer Kunst und Literatur schätzt, kann sich jedoch auch über ältere Romane der Thematik nähern. Ein Autor wie Honoré de Balzac, der den Menschen in Gesellschaft und Alltag des 19. Jahrhunderts großartig zeichnet [29], erlaubt uns ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge der menschlichen Entwicklung auszubilden; und für das 20. Jahrhundert geradezu paradigmatisch ist Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften”, von dem manche kulturwissenschaftlichen Aspekte von Lilith Jappe und Ludwig Janus vorzüglich herausgearbeitet wurden [30, 31]. Die Dimension menschlicher Geburtlichkeit kann im Sinne einer psychosomatischen Anthropologie zudem ganz konkret in Praxis und Alltag umgesetzt werden; Konzepte und Evaluationen liegen hierzu vor, mit optimistisch stimmenden Ergebnissen [32, 33].

Freud und andere Psychoanalytiker: (von links nach rechts, sitzend) Freud, Sándor Ferenczi und Hanns Sachs; (stehend) Otto Rank, Karl Abraham, Max Eitingon und Ernest Jones.
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Für nähere Informationen zur Thematik:

Institut für Pränatale Psychologie und Medizin (IPPM) – Friedhofweg 8 – 69118 Heidelberg – Leitungsgremium: Ludwig Janus, Dr. med. – Götz Egloff, Mag. – Thomas Müller-Staffelstein, Dipl.-Psych. – Axel Bischoff, Dr. (Sekretariat) www.praenatalpsychologie.de

Für Fachlektüre zur Geburtlichkeit im Rahmen von Psyche und heutigen gesellschaftlichen Bedingungen sind kostenfrei zu empfehlen:

Janus L (2024) Die psychologische Dimension von Schwangerschaft und Geburt. gyn – Praktische Gynäkologie 29(2):115-129.  Download unter: www.researchgate.net/profile/Ludwig-Janus

Janus L (2025) Die Psychodynamik des mütterlichen Über-Ichs. Y – Zschr atopisches Denken 5(8):1-17.  Download unter: https://www.y-zeitschrift.de/essays/215-janus-2025-08

Egloff G (2025) Vertrauen, Bilder, symbolische Ordnung in der Postmoderne. Deutsches Ärzteblatt PP 24(7):313-315.  Download unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychodynamische-psychotherapie-vertrauen-bilder-symbolische-ordnung-in-der-postmoderne-0d5210db-1704-49cb-abbb-d08ce3d3630f

  

Texthinweise

[1] Reich W (1933) Charakteranalyse. K&W, 1989.

[2] Rank O (1924) Das Trauma der Geburt. Psychosozial, 2007.

[3] Grof S (2021) Topographie des Unbewussten. 13. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart.

[4] Odent M (2014) Generation Kaiserschnitt. Kösel, Freiburg.

[5] Marcovich M (1995) Vom sanften Umgang mit Frühgeborenen. Neue Wege in der Neonatologie.

Int J Prenatal Perinatal Psychol Med 7(1): 57-71.

[6] Kampf der Mechaniker. Der Spiegel 1994; 17:222-224.

[7] Janus L (2018) Homo foetalis et sapiens. Mattes, Heidelberg.

[8] Schindler S (1998) Pränatale Psychologie als wissenschaftlicher Dialog. Int J Prenatal Perinatal Psychol Med 10(4):521-536.

[9] Egloff G, Janus L, Djordjevic D, Linderkamp O (2021) Psychosomatically oriented obstetrics and perinatal medicine. Eur Gynecol Obstetr 3(2):60-62.

[10] Barrasch E (1999) Geburt und Traum. ganzheitlich heilen 4(1):18-20.

[11] Egloff G, Janus L (2024) 100 Jahre ´Das Trauma der Geburt´. Pressemitteilung des Instituts für Pränatale Psychologie und Medizin Heidelberg (IPPM) zur Tagung „Otto Rank (1884-1939): 100 Jahre ´Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse´“, Heidelberg, 23.11.2024. www.dap-hamburg.de, Okt. 2024.

[12] Schirmohammadi A, Egloff G (2017) Entspannungstechniken in der Psychotherapie. AKOM Angew Komplementärmed 2(6):60-63.

[13] Sloterdijk P (2004) Sphären I-III. Suhrkamp, Frankfurt.

[14] Sloterdijk P (2008) Negative Gynäkologie und transindividuelle Immunität. In: Janus L, Evertz K (Hg.) Kunst als kulturelles Bewusstsein geburtlicher und vorgeburtlicher Erfahrungen. Mattes, Heidelberg, 35-48.

[15] Reich W (1922) Leidenschaft der Jugend. K&W, 1994.

[16] Bosch OG, Seifritz E (2022) Renaissance eines Sorgenkindes – Psychedelika in der Depressionsbehandlung. J Neurol Neurochir Psychiatr 23(1):16-25.

[17] Grof S (2009) LSD – Doorway to the Numinous. Park Street Publ., Rochester.

[18] Egloff G, Djordjevic D (2020) Pre- and postnatal psychosomatics in the social context. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.) Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 141-198.

[19] Reich W (1923) Zur Trieb-Energetik. In: Frühe Schriften 1920-1925. K&W, 1997, 153-167.

[20] Egloff G (2026) The best age to circumcise from a psychosomatic point of view. In: Columbus N (ed.) Advances in Psychology Research. Vol.162. Nova Science, New York, 101-122.

[21] Streeck-Fischer A (2004) Adoleszenz – Bindung – Destruktivität. Klett-Cotta, Stuttgart.

[22] Egloff G (2024) ´Der Tod kommt zweimal´ – Wie Brian De Palma die Hyperrealität vorwegnahm. www.dap-hamburg.de, Feb. 2024.

[23] Seiffge-Krenke I (2022) Partnerbeziehungen bei jungen Erwachsenen: Flucht vor der Intimität? Psychotherapeut 67(4):320-329.

[24] Sloterdijk P (1999) Zur Ideengeschichte Nähe-Faszination. Vortrag, 13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für psychohistorische Forschung (DGPF), Frankfurt, 26.3.1999.

[25] Janus L (2023) Die Erweiterung der Wahrnehmung in der Moderne. In: Reiss H, Janus L, Kurth W (Hg.) Identität in der Moderne – die Bilderwelt der Medien und der kollektiven Selbstbilder. Mattes, Heidelberg, 13-42.

[26] Evertz K (2014) Philosophische Aspekte der pränatalen Zeit am Beispiel Peter Sloterdijks. In: Evertz K, Janus L, Linder R (Hg.) Lehrbuch der pränatalen Psychologie. Mattes, Heidelberg, 636-641.

[27] Egloff G (2024) Leere statt Libido – Sexuelle Störungen im digitalen Raum. Freie Psychotherapie 24(4):28-31.

[28] Rank O (1932) Kunst und Künstler. Psychosozial, 2000.

[29] Britten U (2024) Balzacs Blick – Die Geburt des modernen Individuums und seiner psychischen Verfasstheit. Königshausen & Neumann, Würzburg.

[30] Janus L (2024) Zur Selbstkonstitution in der Moderne. Die Gestaltung der Mentalitäts-transformation im 20. Jahrhundert in Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften”. In: Boelderl AR, Neymeyr B (Hg.) Robert Musil im Spannungsfeld zwischen Psychologie und Phänomenologie. deGruyter, Berlin/Boston, 151-170.

[31] Jappe L (2024) Selbstliebe und Seele. Das andere Erleben in Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften” mit Blick auf Geburt und vorgeburtliche Welt. In: Boelderl AR, Neymeyr B (Hg.) Robert Musil im Spannungsfeld zwischen Psychologie und Phänomenologie. deGruyter, Berlin/Boston, 171-190.

[32] Linder R (2023) Ebenen der Wahrnehmung und Behandlung in der Schwangerenvorsorge. In: Reiss H, Janus L, Kurth W (Hg.) Identität in der Moderne – die Bilderwelt der Medien und der kollektiven Selbstbilder. Mattes, Heidelberg,175-191.

[33] Metz G, Hoover T, Gavris D, Olson DM, Vinturache A, Linder R (2022) The Pforzheim Study: Psychotherapy Mitigates the Impact of Transgenerational Maternal Stress and Reduces Adverse Pregnancy Outcomes. Conference Presentation, Developmental Origins of Health and Disease (DOHaD) World Congress, Vancouver, 27.-31.8.2022.

Auszüge aus diesem Beitrag sind im Deutschen Ärzteblatt PP 25(3):123-124 erschienen.

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Das leise Versiegen – Anmerkungen zu Libido und Fruchtbarkeit

Hispanic teen girl with medicine pill
Foto: Götz Egloff

Da helfen auch Tabletten nicht… oder doch? – Bringen wir Endokrinologie und Psychosomatik im Sinne einer bio-psycho-sozialen Medizin, die gesellschaftliche Entwicklungen miteinbezieht, zusammen, so gelangen wir rasch zu Einsichten, die durchaus gegenläufig zu vielen weit verbreiteten Annahmen sein dürften. Sowohl klinisch Beobachtbares als auch Alltagserscheinungen in deren Verhältnis zu den aktuell geführten gesellschaftlichen Debatten liefern Anschauungsmaterial, das der Interpretation würdig ist. Ohne hier durchaus bedeutsame individuelle psychische Verfasstheiten zu beleuchten, werden also im Folgenden verschiedene Befunde kursorisch erfasst und in gesellschaftlichen Kontext gesetzt.

In ihrem Fachartikel zur ‚Kontrazeption bei Jugendlichen‘ formulierte Cosima Brucker von der Uni Ulm noch im Jahr 2002 die Problematik von Teenager-Schwangerschaften, die damals schon im Rückgang begriffen waren und noch sind. In ihrem Bezug auf Studiendaten von 1980 und 1998 wurde vor allem zuviel Spontaneität im sexuellen Verhalten als problematisch eingeschätzt. Über 20 Jahre und nichts weniger als eine Medienrevolution später, muss Christian Dadak (2025) vor allem in den westlichen europäischen Ländern nicht nur einen immer drastischeren Geburtenrückgang feststellen; wir haben es bei jugendlichen Frauen hinsichtlich Sexualität und Kontrazeption gar mit einer komplizierten, vielschichtigen Gemengelage zu tun, in der einiges nicht nur auf eine Abnahme der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr hinweist, sondern auf einen Libidorückgang selbst. Dies wäre eine hochproblematische Entwicklung, die von einer der renommiertesten Sexualforscherinnen Nachkriegsdeutschlands, Sophinette Becker, bereits 2013 kritisch in Aussicht gestellt wurde (Becker 2013; vgl. Egloff 2023). Von einer Problematik der Spontaneität hin zur Problematik des Libidorückgangs könnte man wohl sprechen.

Die Luxemburger Gynäkologin Danielle Choucroun (2024) publiziert hierzu über die zunehmende Ablehnung von Kontrazeption und stellt gleichzeitig im Frankreich des Jahres 2022 die höchste Schwangerschaftsabbruchrate seit etwa 30 Jahren fest. Die paradoxe Erscheinung, dass gerade in westlichen Gesellschaften die Geburtenrate sinkt – die niedrigste Anzahl an europäischen Geburten weist Malta auf (Calleja-Agius u. Attard 2024) – und gleichzeitig die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei rückgehender Kontrazeption steigt, muss man erst einmal verdauen: Choucroun beschreibt, wie in Luxemburg im Jahr 2023 die Abbrüche rapide anstiegen, also in genau jenem Jahr, in dem alle Kontrazeptionsmittel zum ersten mal kostenfrei zur Verfügung standen; im Jahr der staatlichen finanziellen Übernahme verdoppelte sich gar deren Anzahl. Auf Luxemburg als “champion of contraception in Europe” hinzuweisen lässt sich die Autorin dennoch nicht nehmen und fragt sich, ob kostenfrei nun noch nicht genug sei. Diese beliebte hyperrationale Perspektive verkennt – neben einem möglicherweise als solchem wahrgenommenen staatlichen Signal, keine Geburten seien Geburten vorzuziehen – mindestens manche derzeitigen gesellschaftlichen Beschaffenheiten. In diesen gehen Gedankenlosigkeit und Anspruchshaltung gar nicht so selten eine unheilige Allianz ein, gewiss nicht nur bei jungen Frauen. Dabei führt Choucroun im Abschnitt über die Hypermoderne gute Beobachtungen an, kann sie aber nicht recht nutzen. Dass totale Verwöhnung mindestens so schädlich ist wie totale Versagung, scheint jedenfalls noch nicht überall durchgedrungen zu sein. Die Hormondosis der ´Morning-after-Pille´ beträgt ein Vielfaches der täglichen Antibabypille und wird im ´Notfall´ doch recht bedenkenlos konsumiert. Dass die Autorin daher die Pillenmüdigkeit beklagt, ist nachvollziehbar, muss aber in einen Gesamtkontext eingebettet werden.

Endokrinologie und Psychosomatik 

Brasilien ist seit jeher ein westliches Land, in dem nur wenige Frauen die Pille mögen (vgl. Egloff 2011a, b). In Italien verhält es sich ähnlich: mit nur etwa 20 Prozent Anwenderinnen in der weiblichen Bevölkerung ist die italienische Pillenquote eine der niedrigsten in Europa, und insgesamt etwa 40 Prozent wenden keine oder nur halbherzig kontrazeptive Maßnahmen an (Farris u. Bastianelli 2025). Nun könnte es sein, dass auch in Deutschland der in Brasilien und Italien oft ins Feld geführte spürbare Libidoverlust im Rahmen der Pilleneinnahme gerade junge Frauen von dieser abhält – und wenn das Verlangen dann durchbricht, sie die ´Pille danach´ als notwendiges Übel akzeptieren lässt. Aus psychotherapeutischen Praxen ist dies gelegentlich zu vernehmen. Die tägliche Hormondosis nicht zu vergessen kann heute für manche junge Frau ein echtes Problem darstellen, und transdermales Hormonpflaster oder Monatsring werden nach wie vor selten verwendet. Näher allerdings scheint zu liegen, dass in Brasilien und Italien mit manchen Rationalisierungsschüben kälterer Länder und Kulturen nur ungern mitgegangen wird. Was für junge Frauen in südlichen Ländern bei einer fraglos beobachtbaren Appetenz- und Libidosteigerung nach Absetzen der Pille (Egloff 2012) nachvollziehbar erscheint, kann auch bedeuten, dass diese eine mögliche Schwangerschaft nicht unbedingt als Katastrophe verstehen; vielleicht ist die ´Empfänglichkeit´ für Empfängnis ausgeprägter als in nördlichen Ländern. Dennoch sinkt auch im europäischen Süden die Geburtenrate.

So wie erhebliche Libidostörungen bei vielerlei pharmakotherapeutischer Medikation (Keck 2019) eher die Regel als die Ausnahme darstellen, werden nun kontrazeptive Maßnahmen auch in Deutschland zunehmend als Bremse oder Belastung wahrgenommen. Dass nach langjähriger Pilleneinnahme Schwierigkeiten auftreten können, schwanger zu werden, hat sich zum Teil herumgesprochen; die sogenannte Lutealphasenunterstützung mittels Progesteron scheint auch bei natürlich geplanter Schwangerschaft mittlerweile immer nötiger zu werden, wie auf dem Kongress der Preis School für Perinatologie, Neonatologie und Reproduktionsmedizin zu hören war (Bruer 2023). Ob dieser Faktor bei jungen deutschen Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, bleibt fraglich. Junge Frauen, pillenmüde oder als unzuverlässige Pillen-Anwenderinnen, könnten von strukturierter Beratung profitieren – in Italien wechselt etwa die Hälfte nach eingehender Beratung ihre Kontrazeptionsmethode (Farris u. Bastianelli 2025) –, ohne dass dies natürlich die Geburtenrate steigern würde.

Kultur und Biochemie

Irgendwann nach der Jahrtausendwende tauchten in gesellschaftlichen Debatten zunehmend Begriffe wie ‚Toxische Männlichkeit‘ auf, die nicht etwa die naheliegenden Vergiftungsängste durch das Männliche (Priskil 2024) thematisieren, sondern meist poststrukturalistisch verwendet werden. Poststrukturalistisch bedeutet sprachtheoretisch und zeichentheoretisch, und letztlich machttheoretisch. Manche dieser Ansätze lassen sich auf vieles sinnvoll anwenden, auf Körper und Geschlecht aber am wenigsten. Wer Körper und Geschlecht nur poststrukturalistisch – quasi ohne Körper – denken mag, dem sei hier Ralph Frenkens Kapitel “Venus-Phallus” (2023) anempfohlen, das körperlich-leibliche Aspekte leicht sichtbar macht: Körper sind real, und Psyche ist eng mit dem Körper verbunden, gar in Wechselwirkung eingeschrieben. Doch ein ‚Körper, nein danke!‘ ist heute wieder gar nicht so selten zu bemerken, auch ohne dass es immer ausgesprochen würde.

Betrachten wir die Nanowelt der Mitochondrien in der Reproduktion, wird klar, dass im biologischen Befruchtungsvorgang biochemische Prozesse stattfinden, die psychosomatisch fundiert sind. So konnte z.B. nachgewiesen werden, dass molekularer oxidativer Stress männliche Spermien beim Prozess der Kapazitation und damit die Akrosom-Reaktion im Rahmen der Befruchtung stören kann, was deren Beweglichkeit betrifft, sodass auch bei ausreichender Spermienzahl keine Befruchtung stattfindet (Franjic 2023). Die Biologin Darja Wagner sieht in ihrem Artikel “Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr?” (2025) die männliche Fertilität gar in exorbitantem Rückgang begriffen, wofür manches spricht. Was sie in Zusammenhang mit einer Überexpression des Spike-Proteins im Rahmen der CoVid19-Pandemie formuliert, könnte sogar weitgehendere Zusammenhänge haben.

Die Spermienqualität gehe in Westeuropa, Nord- und Südamerika, China und Indien zurück, formuliert Wagner vielleicht etwas zu global, denn: wo nicht gemessen wird, können keine Befunde vorliegen. Und es wird nicht überall gemessen. Warum geht sie überhaupt zurück? Die üblichen Verdächtigen wie Ernährung, Plastik und manche Stoffe dürften gewiss eine Rolle spielen, es müssten aber auch andere Zusammenhänge eröffnet werden. Denn insgesamt schaut es in afrikanischen und arabischen Regionen deutlich anders aus, sodass von einer Schwerpunkt-Problematik überwiegend westlicher und westlich gepägter Industrieländer gesprochen werden muss. Als mögliche Faktoren müssten auch psychogeographische einbezogen werden; im Rahmen von Mentalität ist eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit im Süd-Nord-Gefälle überdeutlich.

Im engeren biochemischen Rahmen sind bei oxidativem Stress nicht nur eine zu geringe, sondern auch die exzessive Zufuhr von Antioxidantien ungünstige Faktoren, die die Spermien-Kapazitation behindern oder stören (Henkel 2024). Zudem können bei eigentlich gesunden Spermien neben der Motilität auch andere Faktoren als Problematiken auftreten, die im Ergebnis als Sterilität bezeichnet werden können (Franjic 2023). Die Eiweiß-Verbindung L-Carnitin, vertreten durch rotes Fleisch und insbesondere Hammel und Lamm (Henkel 2024), ist dagegen ein protektiver Faktor. Regionen wie Nordafrika und Vorderasien sind hier klar im Vorteil. Von den Ländern auf mit Europa vergleichbaren Breitengraden ist es die Mongolei, die, auf dem Breitengrad Österreichs, eine hohe Geburtenrate aufweist – wenn auch ganz andere soziokulturelle Bedingungen vorliegen. Dennoch: traditionellere Gesellschaften haben kulturell manche Probleme weniger, weil sie sich genealogischer, d.h. sich stärker in historischen Linien sehen (Egloff 2023; vgl. Nassar 2023). Aber auch in Island, wo Hammel und Lamm ebenso eine gewisse Rolle spielen, gibt es eine immerhin recht stabile mittlere Geburtenrate. Ganz entgegengesetzt, auf den Philippinen, ist sie recht hoch. Gemeinsam haben die genannten Länder wiederum, dass Vegetarismus dort keine Rolle spielt. Dieser ist für männliche Fertilitätsförderung wenig geeignet, da fast kein L-Carnitin zugeführt wird (Henkel 2024). Liegt hier gar ein übersehener Schlüssel zu niedrigen Geburtenraten?

Man kann nicht wissen, ob soziokulturelle Bedingungen den psychosomatischen Beschaffenheiten vorausgehen oder andersherum. Ein Sowohl-als-auch ist wahrscheinllich. Was man wissen kann ist, dass auch biologische und kulturelle Faktoren in Wechselwirkung stehen und neben den sozialen eine gewichtige Rolle spielen, die oft ausgeblendet wird. Ein Mehr an oft verwirrenden Informationen schafft zudem nicht unbedingt mehr Aufklärung, sondern dient oft der weiteren Rationalisierung der Lebenswelt, was existentielle Verunsicherung schafft. Die globalisierte Welt zeugt vom Aufschaukeln von Informationsüberflüssen. Nehmen wir gesellschaftlich also einen eher genealogischen als biographischen Standpunkt ein (Egloff 2020), ist davon auszugehen, dass traditionellere Gesellschaften bei der Reproduktion im Vorteil sind, was natürlich zu Lasten von Freiheiten, aber eben auch zu Lasten westlicher Anomietendenzen geht. Daher findet sich in westlichen Ländern nun ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach kultureller Verankerung. Die derzeitig gängigen poststrukturalistischen Konzepte gerade in diesem Bereich stehen dem zum Teil entgegen und befördern eher die existentielle Verunsicherung. Oft werden sie recht unbedacht verwendet und auf alles und jedes angewendet. Weder Körper noch Kultur spielen darin die ihnen zustehende Rolle, und sie werden einem meist unbestimmt genutzten Universalismus untergeordnet.

Mentalität und Debatten

Derzeitige poststrukturalistische Stoßrichtung findet sich auch im Spiegel-Artikel “Männer sind mir fremd geworden” von Nina Sternburg (2025). Ihr Lamento umfasst viele der heutigen Chiffren westlicher Millennials, von denen nicht wenige mit einem Ausmaß an Privilegien aufwuchsen, das Seinesgleichen sucht. Wenn die Autorin das ganze Repertoire der Begrifflichkeiten auspackt und in Deutschland Gewalt allerorten entdeckt, fragt man sich unwillkürlich, ob sie wohl vom Tocqueville-Effekt gehört hat. In ihren Ausführungen erfolgt zunächst nicht nur keine Selbstreflektion, keine historische Einordnung, keine Anerkennung historischer Bedingtheiten, sondern eher schon einiges an Verkennung. So rekurriert die Autorin auf irgendeinen Instagram-Post, postuliert Riss, Zäsur und manches andere. Aber immerhin, dann setzt Selbstreflektion ein: ihre 50-jährige Mutter, die ein Bekannter “nackig” sehen möchte, lässt die Autorin aufhorchen: ihre Mutter sei von Männern nicht entfremdet, sondern lediglich befremdet. Ist das etwa Erwachsenwerden?

Die Kunst, auch ein ungeschicktes Kompliment als solches zu erkennen, scheint auf dem Rückzug. Auch hier kommt es zudem auf Mentalität und Kulturkreis an: nicht nur ´Anmache´, sondern auch Reaktion können schon in Italien und Schweden sehr unterschiedlich sein (vgl. Egloff 2025). Vielleicht war die Mutter der Autorin ungeachtet der Plumpheit ein bisschen stolz auf die Nachfrage; auch das taucht in psychotherapeutischen Praxen manches Mal auf. Wir alle sind eben auch: Körper. Die Entkörperlichung, die auch Becker (2013) in Poststrukturalismus-Konzepten moniert, hat nämlich bereits einige Arbeit geleistet. Wo sie Einzug hält, befinden wir uns, psychoanalytisch gesprochen, auf dem regressiven Weg von der Endlust zur Vorlust, einer zwar dauerhaften, aber nur quasi-libidinösen Erregungskurve, die nie ihr Ziel, nie ihr Objekt, nie Befriedigung findet.

Das leise Versiegen von Libido und Fruchtbarkeit beginnt wohl dann, wenn Männer Frauen zu ähnlich werden. Dann werden sie entweder noch immer als zu fremd empfunden oder aber gar nicht mehr als Männer erlebt. Die Psychoanalytikerin Simone Reissner (2025) findet bei manchen jungen Pornographiekonsumenten gar das Verharren in der Kleinkind-Position, die man evolutionsbiologisch auch als Omega-Position bezeichnen kann. Aus dieser schaut man den Erwachsenen bei eher unverständlichen als ‚unanständigen‘ Sachen zu – mit denen zu tun hat man ohnehin nichts. Die Alpha-Position hingegen, für Männer zur Zeit schwer in Verruf, ist in Debatten nicht gefragt; wer weiß, ob diese durch Alpha-Frauen gefüllt werden kann (Paglia 2014).

So liegt der Gedanke nahe, dass es eine gesellschaftliche Bewegung gibt, weg von: mit Pille weniger Lust, aber keine Kinder – das ‚alte‘ deutsche Modell – und: ohne Pille mehr Lust und mehr Kinder – das ‚alte‘ südliche Modell, hin zu: keine Pille, keine Lust, und auch keine Kinder. Wird dies das ’neu‘ global-westliche Modell? Dagegen existieren nennenswerte Initiativen eigentlich nur in wenigen südlichen Ländern wie Griechenland, Serbien, Italien, Spanien oder Malta, die die Brisanz der Thematik als hoch einschätzen und: die Kinder und – die fremden – Männer mögen.

Literaturhinweise

Becker, Sophinette (2013). Bisexuelle Omnipotenz als “Leitkultur”? Sexuelle Verhältnisse im gesellschaftlichen Wandel. Psychoanalyse im Widerspruch 25(49):7-25

Brucker, Cosima (2002). Kontrazeption bei Jugendlichen. Gynäkologische Endokrinologie 1:11-17

Bruer, Christian (2023). Kongressbericht Preis School April 2023: Stimulationsprotokolle, Chancen und Risiken bei älteren Patientinnen – und vom Benefit der Lutealphasenunterstützung. J Reproduktionsmed Endokrinol 20(4):174-175

Calleja-Agius, Jean u. Attard, Maria (2024). Will science alone save your fertility? Int J Prenat Life Sci 16(4):1-5

Choucroun, Danielle (2024). Refusal of medical contraception in a hypermodern age: does sexuality want to emancipate itself from science? Europ Gynecol Obstetr 6(2):50-53

Dadak, Christian (2025). Kontrazeption bei Jugendlichen. päd – Prakt Pädiatr 31(2):158-160

Egloff, Götz (2025). Weibliche Psychosomatik in der “postödipalen” Gesellschaft. gyn – Prakt Gynäkol 30(3):242-250

Egloff, Götz (2023). Psyche zwischen Libido und Medien: vom verlorenen zum virtuellen Objekt. gyn – Prakt Gynäkol 28(1):58-68

Egloff, Götz (2020). Time and Psyche. In: Egloff G, Djordjevic D (eds.). Pre- and Postnatal Psychology and Medicine. Nova Science, New York, 269-295

Egloff, Götz (2012). Der Monatsring als Alternative? Paracelsus 12(6):14-15

Egloff, Götz (2011a). Ist weniger mehr? Der Langzyklus als Therapeutikum. gyne 32(8):8-10

Egloff, Götz (2011b). Neues vom Langzyklus. Gynäkologische Endokrinologie 9(2):132

Farris, Manuela u. Bastianelli, Carlo (2025). Unmet needs of contraception in Italy and the role of transdermal contraception. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 6(1):1-5

Franjic, Sinisa (2023). Sperm are very small male sex cells. J Androl Gynaecol 11(1):1-4

Frenken, Ralph (2023). Venus-Phallus: psychologische Anmerkungen zu den sexuell doppeldeutigen Figurinen des Paläolithikums. In: Stubbe H, Frenken R (Hg.). Paläopsychologie – Erleben, Verhalten und künstlerische Gestaltungen des prähistorischen Menschen. Pabst, Lengerich, 157-206

Henkel, Ralf (2024). Role of mitochondria and redox state in sperm and oocyte health. Gynecol Reproduct Endocrinol Metabol 5(1):27-33

Keck, Christoph (2019). Endokrine Aspekte bei Libidostörungen. gynäkologie + geburtshilfe 24(4):22-27

Nassar, Anwar (2023). Newsletter, American University of  Beirut, Medical Center. OB/GYN Wire 43(1):1-7

Paglia, Camille (2014). Alpha. Playboy (US), May 2014, A-Z Special Edition, A

Priskil, Peter (2024). ´Toxische Männlichkeit´. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 42(1):96-102

Reissner, Simone (2025). Unbewusste Motive bei Pornographiekonsumenten. System ubw – Zschr klass Psychoanalyse 43(1/2):95-102

Sternburg, Nina (2025). Männer sind mir fremd geworden. Der Spiegel 9, 55 (22.2.2025)

Wagner, Darja (2025). Männliche Fruchtbarkeit in Gefahr? Paracelsus 25(3):48-53

 

Kultur und Psyche

Buchcover

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020

Buchvorstellung

Der englischsprachige Band umfasst gedankliche Aufbereitungen sowohl zur neueren amerikanischen Literaturgeschichte als auch zu kulturellen und klinischen Phänomenen, die der informierten Öffentlichkeit wohlbekannt sind. Deren Zusammenhänge werden Schritt für Schritt erschlossen. Beginnend mit Werken von Maria Cummins und William Faulkner, über J.D. Salinger und John Updike, hin zu John Barth und Don DeLillo, zeigt sich eine Entwicklung, die zuläuft auf die postmoderne Konfiguration der westlichen Welt zur Jahrtausendwende. Deren klinische Aspekte werden augenfällig in Bereichen von Beziehung und Sexualität oder finden im bulimischen Syndrom postmoderner Unverdaulichkeit ihren Ausdruck.

Subjektivitätsbildung in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen weist zum Epochenwechsel von Moderne zu Postmoderne, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt, hin auf eine Herauslösung des Ichs aus dem kulturellen Gefüge, „from a culture-based toward a psyche-based view of man“. Nur scheinbar gegenläufig verbleibt das auf einen Sockel gestellte Ich umso mehr unter dem Einfluss von Ökonomie und Verlust von Repräsentation, was zu neuen Formen existentiellen Unbehagens führt. Paradigmatisch wird diese Konstellation in DonDeLillos Roman White Noise, in dem die Referenzsysteme menschlichen Gelingens nahezu zusammenbrechen.

Weitere Themenbereiche des Bandes umfassen die Psychosomatik von Haut und Hormonen, des Beschneidungszeitpunkts im männlichen Entwicklungsverlauf, der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen kindlichen Entwicklung sowie der gesellschaftlichen Strukturen; dies  jeweils in Verbindung mit Aspekten von Ritual, Gedächtnis und Zeit. Der Band versteht sich als Hintergrundfolie zur Kulturhistorie von Körper, Psyche und Gesellschaft im  jüdisch-christlich-muslimischen Kulturraum, auf der zukünftige Konzeptionen entworfen werden können. Ein Anhang mit Auszügen aus Interviews in der spanisch- und deutschsprachigen yellow press zu Schwangerschaft, Geburt und kindlicher Entwicklung ergänzt den Band.

Goetz Egloff. Culture and Psyche: Lecture Notes for the Liberal Arts. Lambert Publ., Beau Bassin, 2020, 308 S., 53,90 Euro

Frühes Trauma verhindern

Der Belgrader Kongress zu Psychischem Trauma: Prä-, Peri- und Postnatale Aspekte (PTPPPA 2015) liefert Einsichten in die Entwicklung des frühesten Lebensalters

Den Bedingungen und den Folgen von psychischem Trauma widmete sich der Erste Internationale Kongress zu Aspekten rund um Schwangerschaft, Geburt und Frühsozialisation, der vom 15.-16.Mai in der serbischen Hauptstadt stattfand. Der Kongress versammelte Experten nicht nur aus dem jugoslawischen, sondern aus dem ganzen europäischen Raum, Russland, den USA und einigen weiteren Ländern. Gefördert vom serbischen Bildungsministerium und unter der traditionell starken Beteiligung deutscher, serbischer, griechischer und amerikanischer Fachgesellschaften rückte die ganze Bandbreite menschlicher Entwicklungsbedingungen in den Blick. Die frühe Entwicklungspädiatrie und -psychologie bildet dabei neben Geburtshilfe und Psychosomatik einen Schwerpunkt, ebenso wie die klinische Sprachforschung, die mit dem ansässigen Institut für experimentelle Phonetik und Sprachpathologie seit langer Zeit ein agiles interdisziplinäres Forschungsinstitut unterhält.

Neben evolutionspsychologischen Aspekten von Schwangerschaft und Geburt bildeten die transgenerationale Weitergabe von Schwangerschafts- und Geburtserleben eine grundlegende Hintergrundfolie psychodynamischen Verstehens; sowohl im Licht der Systemtheorie, der konkreten Mutter-Kind-Dyade oder der bio-psychologischen Auffächerung von Traumata bei Kindern und bei Erwachsenen wurden Studien und Überlegungen vorgestellt. Im Sinne der sogenannten Fötalen Programmierung, also der Einflussnahme intrauteriner Prozesse auf die spätere Entwicklung von Gesundheit und Krankheit des werdenden Menschen, wurde die ganze Tragweite früher Einflüsse deutlich.

Die Fächer Geburtshilfe und Psychosomatik mit Psychotherapeutischer Medizin verdienen hier besondere Aufmerksamkeit. So beeinträchtigen schwangerschaftsassoziierte Erkrankungen wie Präeklampsie und HELLP-Syndrom sowohl Mutter als auch werdendes Kind; Entwicklungsstörungen im Zusammenhang mit Kaiserschnitt-Entbindungen sind nicht selten; Nabelschnur-Umwicklungen scheinen mit dem Grad an mütterlicher Angst vermutlich mehr zu korrelieren als allgemein angenommen. Jegliche Interaktionen mit Auswirkungen auf das Ungeborene, Neugeborene, Frühgeborene müssen als besonders bedeutsam erachtet werden, da sich vieles nicht einfach auswächst. So können vielfältige auf dem Kongress vorgestellte Aspekte Geltung beanspruchen und internationale Präventions- und Interventionsansätze begründen. Klinische Bezüge stets im Blick, wurden bspw. Entwicklungswege zu sensorischer Integration, Autismus-Spektrum-Störungen, Laktose-Intoleranz oder Posttraumatischer Belastungsstörung dargestellt. Auch Trennungsangst, Asthma oder Schizophrenie verweisen auf ein breites Spektrum möglicher früher Entstehungsbedingungen.

Körperpsychotherapeutische Ansätze, die generell eher wenig berücksichtigt werden, aber frühe intrauterine Prägungen noch am ehesten erfahrbar werden lassen, fanden ebenso Eingang. Da Erinnerungsspuren aus dem vorgeburtlichen Leben nicht versprachlicht sind, können sie – wenn überhaupt – nur auf körperlichem Wege verstanden werden. Diese Dimension verdient gewiss besondere Aufmerksamkeit. Ganz konkret heißt dies natürlich, Bedingungen im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt – und der folgenden Frühsozialisation – zu schaffen, die frühe Traumata so weit wie möglich verhindern können. Ein Anliegen, dessen Dimension der Kongress deutlich machen konnte.