„Great Expectations“ (Große Erwartungen) von Charles Dickens. Die neue Premiere am English Theatre of Hamburg

„Wie schön Du bist, Estella.“ Foto: Stefan Kock

Ein literarischer Blockbuster als Theaterstück!
Ist es überhaupt möglich, diesen komplexen Stoff für die Bühne einzurichten? Die Antwort lautet ja, vorausgesetzt ein genialischer Regisseur wie Paul Glaser nimmt sich dieser Herausforderung an. Aber davon später mehr.

Reminiszenzen

Dieser Wälzer aus der Feder von Charles Dickens wurde mit Starbesetzung – u. a. Alec Guinness und Jean Simmons – in England verfilmt und kam Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts unter dem Titel „Geheimnisvolle Erbschaft“ in die deutschen Kinos. Zu meinem Leidwesen war ich noch zu jung für den Thriller. Mir wurde der Zutritt in den „Kintopp“, wie man damals sagte, verwehrt. Doch mein älterer Bruder genoss das Privileg, diesen großartigen Film sehen zu dürfen. Er schlich sich abends heimlich in mein Zimmer und erzählte mir die spannende Geschichte vom Waisen Pip und seinem Wohltäter. Von der gruseligen Szene auf dem Friedhof bekam ich Albträume.

Das wundersame Abenteuer des kleinen Pip

Der achtjährige Waisenknabe Pip, Taufname Philip, wächst bei seiner herrschsüchtigen Schwester, einer wahren Megäre, und ihrem Ehemann, dem gutherzigen Schmied Joe Gargery, in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er kurz vor Heiligabend das Grab seiner Eltern auf dem Dorffriedhof besucht, wird er von einem Mann mit einer eisernen Fußfessel überfallen, der von ihm Essen und eine Feile verlangt. Andernfalls würde er Pip die Kehle durchschneiden. Der Junge bringt dem gerade von einem Sträflingsschiff entflohenen Verbrecher Magwitch das Gewünschte und vergisst nicht, auch noch eine Flasche Brandy „mitgehen“ zu lassen. Trotz aller Vorsicht wird der Sträfling von der örtlichen Polizei gefasst und auf ein Schiff verbracht, das am kommenden Tag nach Australien, die einstige britische Strafkolonie, auslaufen soll.

„Pip, Du darfst meine Hand küssen.“ Foto: Stefan Kock

Große Ehre wird Pip zuteil, als er ins Satis House eingeladen wird, das der seltsamen Miss Havisham gehört. Diese wurde vor vielen Jahren von ihrem Bräutigam am Tag ihrer Trauung sitzen gelassen. Seitdem trägt sie noch immer Brautkleid und Schleier und hegt eine krankhafte Abneigung gegen alle Männer. Zu ihrem Haushalt gehört ihr Mündel, die schöne Estella, der Pip als Spielkamerad dienen soll. Obwohl das junge Mädchen sich Pip gegenüber herablassend benimmt und ihn jeden Augenblick spüren lässt, dass er nicht ihrer gesellschaftlichen Klasse angehört, verliebt der Junge sich unsterblich in sie.

Pip, der Glückspilz

Vier Jahre vergehen, in denen Pip Joe in der Schmiede zur Hand geht. Da geschieht ein Wunder. Ein aus der Hauptstadt London angereister Anwalt namens Jagger informiert Pip, dass ihm ein großes Erbe vermacht wurde. Vorab erhält er schon einmal 500 Pfund, einen Betrag, der zu jener Zeit ein Vermögen darstellte. Für die Zukunft wird ihm eine beträchtliche jährlich auszuzahlende Summe in Aussicht gestellt. Der Anwalt betont, dass Pips Wohltäter auf jeden Fall anonym bleiben wolle. Zudem bestehe er darauf, dass Pip sich von einem Tutor zum Gentleman erziehen lasse. Nichts leichter als das. Pip stimmt zu und begibt sich in die professionellen Hände von Mathew Pocket, mit dessen Sohn Herbert er spontan Freundschaft schließt.

Leben wie ein Gentleman

Obgleich Pip von seinem Anwalt geraten wird, vorsichtig mit seinem Vermögen umzugehen, lockt London mit allzu vielen Versuchungen, denen der Gentleman in spe nicht widerstehen kann. Schnell lebt er über seine Verhältnisse. Freund Herbert teilt seinen aufwendigen Lebensstil und gerät ebenfalls in finanzielle Turbulenzen.

Ein Geheimnis wird enthüllt
„Sieh nur mein Junge, all dies gehört mir.“ Foto: Stefan Kock

Eines Tages erscheint der Sträfling Magwitch überraschend in Pips Londoner Residenz. Er hält sich illegal in der Stadt auf und fürchtet, von der Polizei festgenommen zu werden. Pip erfährt zu seinem
Erstaunen, dass nicht, wie angenommen, Miss Havisham seine Wohltäterin ist, sondern er Magwitch seinen Reichtum verdankt. Dieser hatte in Australien viel Geld verdient und fühlte sich Pip für dessen seinerzeitige Hilfe zu Dank verpflichtet. Ferner stellt sich heraus, dass ein Verbrecher namens Compeyson, der ehemalige Komplize von Magwitch, jener Mann ist, der die verwirrte Herrin von Satis House einst sitzen ließ. Da Compeyson Magwitch bedroht, beschließen Pit und sein Freund Herbert, Magwitch auf dem schnellsten Wege zur Flucht aus England zu verhelfen, bevor die Polizei ihm auf die Spur kommen kann. Doch der Versuch misslingt und Magwitch wird verhaftet. Von Stund‘ an versiegt Pips Geldquelle. Er steht plötzlich mit leeren Händen da. Regelmäßig besucht er den bei seinem Fluchtversuch schwer verletzten Magwitch im Gefängnis. Von seinem ehemaligen Tutor erfährt Pip, dass Magwitch Estellas Vater ist. Diese ging aus einer kurzen Beziehung zwischen Magwitch und Mr. Jaggers‘ Haushälterin hervor. Der Dienstherr sorgte dafür, dass Miss Havinsham Estella adoptierte. Kurz vor seinem Tod erfährt Magwitch noch durch Pip von der Existenz seiner Tochter Estella.

Schicksalsschläge
„Estella, Du bringst mich zum Weinen.“ Foto: Stefan Kock

Aber nicht nur finanzielle Sorgen plagen Pip. Zu seinem Entsetzen erfährt er, dass Estella in der Zwischenzeit den brutalen Bentley Drummle heiratete. Diesen rücksichtslosen Kerl hatte Pip während der gemeinsamen Tutorials bei Mr. Pocket kennengelernt. Pip kann es nicht verwinden, dass Estella Drummle erhörte und ihn verschmähte. Miss Havisham geht sein Kummer sehr nahe. Sie gesteht, dass es ihr sehr leidtue, Estella zu dieser Ehe geraten zu haben. Sie kommt bei ihrer Beichte dem Kamin im Salon so nahe, dass ihr Brautkleid Feuer fängt. Die schweren Verbrennungen raffen sie wenig später dahin. Steckt hinter ihrem schrecklichen Ende vielleicht eine heimliche Botschaft Dickens‘, die besagt, dass Hochmut stets vor dem Fall kommt?

Freunde in der Not

Die dramatischen Ereignisse sind nicht spurlos an Pip vorüber gegangen. Als er ernsthaft erkrankt, eilt der treue Joe nach London und pflegt ihn gesund. Während seiner Rekonvaleszenz erkennt Pip, dass er Joe mit seinem Snobismus tief gekränkt hat. Der Schmied, ist zwar ein einfacher Mann, hat aber das Herz am rechten Fleck und ist stets zur Stelle, wenn er gebraucht wird. Auch die einst so hochmütige Estella musste unter Schmerzen ihre Lektion lernen und feststellen, dass Reichtum und gesellschaftlicher Status nur Fassade und vergänglich sind. Die wahren Werte, die das Leben ausmachen, sind Liebe und Güte gegenüber den Mitmenschen.

„Es hat keinen Zweck, Pip, Dich unter dem Tisch zu verstecken.“ Foto: Stefan Kock

Die Ehe mit ihrem brutalen Mann hat die junge Frau gezeichnet. Als Pip sie in Satis House besucht, das sie von der verblichenen Miss Havisham geerbt hat, findet er sie sanfter und freundlicher vor als seinerzeit. Sie bedauert, Pip früher so herablassend behandelt zu haben und bittet ihn um Vergebung. Beide scheiden als Freunde.
Soweit die Wiedergabe des von zahlreichen Brüchen gezeichneten Lebensweges, den Pit zurücklegen muss, bevor das verschüchterte Kind zum reifen Mann wird. Elegant hat Regisseur Paul Glaser sämtliche Handlungsstränge miteinander verwoben und aus der Romanvorlage ein spannendes Melodram gezaubert, welches Charles Dickens sicherlich gefallen hätte.

Es ist offenkundig, dass sich hinter der Figur des Pip das alter ego des berühmten britischen Autors verbirgt. Denn auch er stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Als Heranwachsender wurde er genau wie Pip von boshaften Menschen herumgestoßen und gedemütigt. Wir können davon ausgehen, dass es für die zänkische Mrs. Joe, den pompösen Mr. Pumblechook, die hochmütige Estella und das übrige Romanpersonal entsprechende Vorbilder in seinem Leben gab.
Als Jugendlicher machte Dickens leidvolle Erfahrungen mit Gefängnissen. Sein hoch verschuldeter Vater saß mehrmals ein und wurde im Knast regelmäßig von seiner Familie besucht. Dass Dickens sich aus eigener Kraft im sittenstrengen viktorianischen England aus der Misere herausarbeitete, war allein sein Verdienst. Anders als Pip beglückte ihn kein Wohltäter mit einer heimlichen Erbschaft. Dickens war ein notorischer Moralist, eingezwängt in ein dem damaligen Zeitgeist geschuldetes starres Korsett aus Prüderie und Bigotterie. Daher verwundert es nicht, dass er seinen Helden nach einer langen, aus seiner Sicht unverdienten Glücksphase tief abstürzen lässt. Hochmut und Verachtung gegen den herzensguten Ziehvater Joe sowie seine Verwandlung in einen gefühllosen Snob auf Kosten eines kriminellen Wohltäters sind charakterliche Defizite, die bestraft werden müssen. Doch Ende gut, alles gut: Am Schluss erleben wir einen geläuterten Pip, der, nachdem ihn der alles verzeihende Joe wieder aufgepäppelt hat, sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.

„Keine Sorge, Du bist sicher auf diesem Boot.“ Foto: Stefan Kock

In „Great Expectations“ agieren sieben Schauspieler auf der Bühne, von denen jeder bis auf Pip (Theo Watt) gleich mehrere Rollen übernimmt. Da mutiert Miss Havishaw (MichelleTodd), die gerade noch ziellos im Brautkleid herumirrte, zum gestrengen Londoner Anwaltsgehilfen Mr. Wemmick mit Brille und Schnurrbart. Aus der zänkischen dürren Mrs. Joe (Dominic Charman) wird der Dandy Herbert Pocket mit dem leicht näselnden Akzent der britischen Upper Classes. Und Joe, der liebenswürdige Schmied und Ziehvater von Pip, (Jonny Magnanti) schlüpft nahtlos in die Rolle des bedrohlichen Sträflings Magwitch. Die übrigen Rollen sind ebenfalls glänzend besetzt. Doch damit nicht genug. Die Mimen dienen zudem als Kulissen- und Möbelschieber, wenn die Bühne für die nächste Szene umgebaut werden muss. Nennt man das nicht auf Neudeutsch Multitasking? Großes Lob auch dem Erzähler (Gordon Griffin), der während der Umbauten dem Publikum den Fortgang der Handlung aus dem Off nahebringt. Ein glänzender Einfall der Regie.

Während der erste Teil des Stücks nach der gruseligen Szene auf dem Friedhof eher ruhig und gemächlich dahinplätschert, spielen sich nach der Pause hochdramatische Szenen ab. Es blitzt und donnert über der Themse, auf der sich ein Fluchtboot vorsichtig durch die Nacht bewegt. Das Drama erreicht seinen Höhepunkt, als Miss Havisham samt Brautkleid in Flammen aufgeht, als sie ihrem Kamin zu nahekommt. Zuschauer mit schwachen Nerven seien gewarnt!
Bleibt nur noch zu sagen: Ein wunderbarer inspirierender Theaterabend. Chapeau!

„Great Expectations“ läuft bis einschließlich 29. Oktober 2022.
Tickets unter: 040-227 70 89 oder online unter: www.englishtheatre.de

Nächste Premiere: „Romance in D“
Komödie von James Sherman, am 10. November 2022

Gespräch und Lesung: Der Star Irène Némirovsky

Kalligraphie zum Buch „Ida, Der Rausch des Weins“ / (c) Ralf Plenz, Input Verlag

„Ida“ ist der Star, seit Jahrzehnten die erfolgreichste Revuetänzerin in Paris. Doch wie lange kann sie sich noch die Konkurrenz vom Leibe halten? 
In der zweiten Erzählung dieses Buchs aus der Reihe „Perlen der Literatur“, „Im Rausch des Weins“, erlebt -Hjalmar, der bäuerliche Milizsoldat, in einer einsamen Villa mit Aïno, der schüchternen, hochmütigen  Bürgerfrau, den Beginn einer erotisch-zärtlichen Nacht. Die Situation, wirklichkeitsnah und behutsam erzählt, ergreift uns Leser, wir möchten den Verliebten Glück wünschen.
Die französischsprachige Autorin Irène Némirovsky aus Kiew verstarb 1942 im KZ. Ihr bekanntester Roman „Suite française“ wurde erst in den späten 1990er Jahren entdeckt.
Das Original von Irène Némirovskys „Films parlés“ von 1934, aus dem diese beiden Erzählungen stammen, entdeckte Ralf Plenz nach längerer Suche in Antiquariaten. Cordula Scheel übersetzte beide Texte einfühlsam neu und schrieb das Vorwort.

Cordula Scheel
Foto: privat

Geboren 1935 waren erste Lebensstationen Cordula Scheels Mecklenburg, Stettin und die Uckermark. Als Flüchtlingskind 1945 Schleswig Holstein, später Hamburg bis zum Abitur. Es folgten ab Mitte der fünfziger Jahre ein Jura- und Sprachenstudium im Ausland, in Tübingen und Hamburg mit Abschluss des ersten juristischen Staatsexamens. Gemeinsam mit ihrem Mann schloss sich eine langjährige selbständige Tätigkeit mit Schwerpunkten im See- und Transportrecht an.
Cordula Scheel hat sechs Lyrikbände veröffentlicht. 2019 erhielt sie den Lyrikpreis der Hamburger Autorenvereinigung. Sie ist Ehrenmitglied der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren (IGdA) und des Istituto Italiano, Hamburg.

 

Ralf Plenz
Foto: Privat

Ralf Plenz,
Jahrgang 1955. Studium Medienpädagogik in Bonn, Umzug nach Hamburg 1979. Danach acht Jahre Gründer und Leiter einer Druckerei in Ottensen, dann 12 Jahre Berater und Referent für die Verlagsbranche. Anschließend hat er 20 Jahre als Oberstudienrat im Medienbereich an einer Hamburger Berufsschule gelehrt. Er ist Verleger des Input-Verlags und gibt die Buchreihe „Perlen der Literatur“ heraus.

 

 

Zu der Buchreihe: https://input-verlag.de/category/input-verlag/ 

Die DAP berichtete bereits über die Buchreihe: https://die-auswaertige-presse.de/2021/09/eine-perlenkette-fuers-buecherregal/

Lesung und Gespräch mit Cordula Scheel und Ralf Plenz

am 6. September 2022 um 19 Uhr
Ort: Teehaus in den Großen Wallanlagen, neben der Rollschuh- und Eisbahn, schräg gegenüber der Handwerkskammer.
Erreichbar über U-Bahn St. Pauli (U3, oder Bus 16, Fußweg 10 Minuten) oder mit Bus 112 bis „Handwerkskammer“ (Fußweg 3 Minuten).
Eintritt: Abendkasse 6 Euro. Wenn Sie eine Reservierung wünschen: unter Angabe der -Veranstaltungsnummer ST4555 -direkt bei der AWO: per Mail an
sabine.witt@awo-hamburg.de oder telefonisch unter 040-414 023 786 und 0176-14140086.
Abendkasse 6 Euro, gilt auch für Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung.

Download der Einladung: 06_09_2022_Lesung_Irene_Nemirovsky

Die Welt ist lauter Stille, nur mein Gedanke wacht.

Susanne Bienwald. Foto: Andrea Truernit

Ein musikalisch-literarisches Konzerterlebnis zu Kompositionen von Gustav Jenner
Klavier: Carl-Martin Buttgereit (Freiburg),
Bariton: Ulf Bästlein (Graz),
Literatur: Susanne Bienwald (Hamburg)

Die Liedkompositionen des einst hochgeschätzten Gustav Jenners – einziger Schüler von Johannes Brahms – gerieten hierzulande weitgehend in Vergessenheit. Darunter viele Werke nach Gedichten von Theodor Storm und Klaus Groth.

Carl-Martin Buttgereit (Piano). Foto: privat

Ulf Bästlein, international renommierter Bassbariton und auch Germanist, widmete sich in einer langen Forschungstätigkeit der Wiederbelebung dieser musikgeschichtlich bedeutsamen Kompositionen. In einem kammermusikalischen Programm trägt er diese gemeinsam mit dem Pianisten und Initiator des zukünftigen Gustav-Jenner-Festivals, Carl-Martin Buttgereit, vor.

Die bekannte Autorin Susanne Bienwald wird mit eigens zu diesem Anlass verfassten Texten die geistesgeschichtlich bemerkenswerte Konstellation „Storm-Groth-Brahms-Jenner“ poetisch beleuchten.

Ulf Bästlein, Graz (Bariton). Foto: Privat

Wann: Sonntag, 8. Mai 2022, 17 UHR
Wo: Lichtwarksaal, Neanderstrasse 22, 20459 Hamburg

Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro
Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung haben freien Eintritt.

Teilnahmebedingungen gemäß den aktuellen Corona-Maßnahmen.

Gefördert von der Behörde für Kultur und Medien.

 

Von Meeren und Wüsten. Die HAV tagte in den Bethanienhöfen

Gemälde von Angelika Kahl

Sie kamen im Doppelpack: Zwei Fahrensleute im besten Mannesalter, de wat to vertellen hebt. Wolf Cropp eröffnete die Lesung im wohl klingenden Bariton mit dem Shanty „Ick heff mol en hamborger Veermaster sehn, to my hoodah. to my hoodah, de Masten so scheef as den Schipper sien Been…“

Ein passender Einstieg in einen Törn mit der Viermastbark „Peking“, die der agile Autor im September letzten Jahres unternahm, als er die Verholung der aufwendig restaurierten Bark von Glücksburg nach Hamburg begleitete. Wolf ist Mitglied der „Freunde der Viermasterbark Peking e.V.“ und Experte bezüglich der Entstehungs- und Erfolgsgeschichte dieses ehrwürdigen Windjammers. Die „Peking“ ist einer der vier noch erhaltenen legendären Flying P-Liner der Hamburger Reederei Laeisz, die am 25. Februar 1911 zum ersten Mal auslief. Inzwischen ist das prachtvolle Segelschiff in die Jahre gekommen und reif fürs Museum. Sein künftiger Liegeplatz wird vermutlich bis zur Fertigstellung des Deutschen Hafenmuseums der Kleine Grasbrook sein. Da klingelt doch etwas. Wurde nicht im Jahre des Herrn 1401 direkt nebenan der berühmt-berüchtigte Seeräuber Klaus Störtebeker hingerichtet, den romantische Seelen zum Robin Hood der Meere verklärten?

Wolf-Ulrich Cropp

Doch zurück zur “Peking“, über deren abenteuerliche Reisen auf den Weltmeeren Wolf Cropp so anschaulich berichtet, dass man meint, dabei gewesen zu sein. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er drei Mal um Kap Hoorn“, zitiert der Autor einen alten Seemannsspruch und schlägt mit seinen abenteuerlichen Erzählungen über Cap Horniers und deren gefährliche Unternehmungen das Publikum in seinen Bann.

Exkursion in die Sahara

Szenenwechsel. Nahtlos tauchen wir ein in geheimnisvolle Wüstenlandschaften, in die selten ein Europäer den Fuß setzt. In einer der fünfzehn Kurzgeschichten in „Jenseits der Westwelt“ beschreibt Cropp seine Erfahrungen während einer Exkursion in die Sahara. Nach einem Besuch bei den Tuareg findet er sich plötzlich mutterseelenallein in der Wüste wieder. Denn während er die Gegend erkundete, hatte der Stamm seine Zelte abgebrochen und sich auf den Weg zum nächsten Rastplatz gemacht. Rund um den Fremdling nur Sanddünen und eine atemlose Stille, wie er sie noch nie erlebt hatte. Was bei den meisten Panikanfälle ausgelöst hätte, führt Cropp zu Frieden und tiefer innerer Einsicht. Eine Erzählung, die tief bewegt und zum Nachdenken anregt.

Das Meer und Helgoland
Reimer Boy Eilers

Reimer Boy Eilers ist aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Wolf Cropp. Auch er ist ein weit gereister Mann, der das Meer über alles liebt. Besonders die Nordsee. So lautet auch der schmale Band „Mehr Nordsee“, aus dem der Autor ein Gedicht zum Besten gab, bevor er zu seinem 570 Seiten starken Opus Magnum „Das Helgoland. der Höllensturz: Oder wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet“ überging. Hinter diesem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein äußerst kniffliger Kriminalfall, der sich Anfang des 16. Jahrhunderts auf Helgoland abspielte oder sich abgespielt haben soll. Ein Kapitän aus Amsterdam, der Station auf dem Roten Felsen macht, stürzt die Treppe zum Oberland hinunter. Er stirbt – horribile dictu – ohne die Sakramente der Heiligen Kirche empfangen zu haben, und wird von den Insulanern auf dem Friedhof der Wasserleichen und Namenlosen hoch oben in den Dünen verscharrt. Ist der Mann durch einen Unfall zu Tode gekommen oder war es Mord? Das ist die Frage, die den Autor bewegt. Die Ermittlungen werden von einem Mann namens Pay Edel Edlefsen und seinem Freund und Jagdgefährten Equimeaux Quivitoq, genannt Menschenkind, geführt. Und das gegen den Willen des Fischerhauptmanns, Pays Vater Boje Edlef. Hat der Hauptmann etwas zu verbergen? Bevor der Fall geklärt ist, wartet die Nordsee mit einer Reihe höllenartiger Stürme und anderer Unbill auf.

Der verscherbelte Kalkfelsen

Autor Eilers las einem andächtig lauschenden Publikum mehrere Kapitel seines Thrillers vor und erklärte nebenbei allerhand Wissenswertes über das rote Kliff, Deutschlands einzige Hochseeinsel. Wer wusste zum Beispiel, dass Helgoland einst neben der Langen Anna noch ein weiteres Wahrzeichen hatte? Der schneeweiße Kalkfelsen, von dem die Rede ist, existiert seit langem nicht mehr. Er wurde vom Landesherrn gegen klingende Münze verscherbelt, ohne dass er die Insulaner zuvor um ihre Zustimmung gebeten hatte. Profit stand eben seinerzeit schon an erster Stelle. Was interessierte schon die vox populi? Auch über die strengen Sitten und Gebräuche von anno dunnemals auf der Insel weiß der Autor anschaulich zu berichten. Ein durch und durch ebenso lesenswertes wie spannendes Buch. Eine ausführliche Besprechung von „Das Helgoland, der Höllensturz. Oder: Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet“ wird in unserem DAP Online-Magazin erscheinen, sobald die Rezensentin den dicken Wälzer von weit über fünfhundert Seiten vollständig gelesen hat.

Vom Cap Horn zum Cap Hornisse

Die Lesung fand in einer sehr entspannten Atmosphäre statt. Frei von Genderei und „Gedöns.“ Ohne Zweifel wird es inzwischen auch weibliche „Cap Horniers“ geben, die die gefährliche Umrundung des Kaps mit Bravour meistern. Aber wie sollen wir die im Zeitalter des nahezu militanten Feminismus nennen? Ich habe da einen Vorschlag zur Güte: Wie wäre es mit „Cap Hornisse?“ Klingt gut und hat etwas unverkennbar Martialisches.

Wem eine bessere Lösung für dieses weltbewegende Problem einfällt, möge sich melden. Ach ja, und Esquimeaux oder Eskimo geht natürlich gar nicht, lieber Reimer Boy Eilers. Das soll ja Fleischfresser bedeuten und ist daher in Zeiten von Veggitum und Veganismus total verpönt. Immer dran denken: Heute ist Inuit angesagt. Man möge es den Helgoländern verzeihen, dass sie diese Sprachregelung im 16. Jahrhundert noch nicht kannten!

Sabine Witt

Die Zuhörer applaudierten den beiden Autoren und freuten sich über diesen gelungenen Abend in den Bethanien-Höfen. Ein herzliches Dankeschön geht an Sabine Witt, die Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung, die die Lesung gewohnt charmant moderierte.

 

 

 

Wolf-Ulrich Cropp: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/cropp-wolf-ulrich-dr/

Reimer Boy Eilers: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/eilers-dr-reimer-boy/

Sabine Witt: https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/witt-sabine/

Eine Perlenkette fürs Bücherregal

Susanna M. Farkas, Gerrit Pohl, Charlotte Ueckert und Ralf Plenz (v.l.n.r.)

Zum Start der Reihe „Perlen der Literatur“ hat der Input Verlag aus Hamburg die ersten 13 Bände vorgelegt. Verlagsinhaber und Büchermacher Ralf Plenz führt hier seine Vorlieben für anspruchsvolle Literatur, handgemachte Bücher sowie für Kalligrafie zusammen.

Plenz hat sich für sein Vorhaben, für das er 2018 beim Schreiben seiner Romantrilogie die erste Idee hatte, ein Team aus einer Literaturwissenschaftlerin, einer Autorin und und einem Übersetzer zusammengestellt – denn der Plan ist nichts weniger als eine Neuauflage europäischer Literatur als Kontrapunkt zur amerikanischen Literatur, die den Buchmarkt derzeit dominiert.

Gekürzt, vereinfacht, neu übersetzt

Bei den „Perlen der Literatur“ geht es ausschließlich um bereits im 19. oder 20. Jahrhundert erschienene und seinerzeit erfolgreich gewesene Bücher. „Sprachgewaltig, aber vergessen“, so Ralf Plenz. Zur Auswahl der Titel werden Germanisten, Anglisten und Romanisten, Buchhändler, Bibliothekare, Psychologen und Vielleser befragt; dann wird die Auswahl von einem Beirat kuratiert und von Ralf Plenz herausgegeben. Dieser kauft nach Möglichkeit die Erstausgabe eines Titels antiquarisch, um wirklich den Originaltext und nicht eine bereits lektorierte oder übersetzte Version als Basis zu nehmen. Die Autorin und Gesangspädagogin Susanna M. Farkas, der Autor und Übersetzer Gerrit Pohl und die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Charlotte Ueckert bilden das Team um Ralf Plenz, das sich mit dem Lektorat und der Übersetzung beschäftigt. Ein interessantes Unterfangen ist es dabei, dass die Texte auch bearbeitet werden. So hat Susanna M. Farkas den Roman „Schatzinsel“ verkürzt und vereinfacht, um Passagen ohne Brüche zu verbinden. Gerrit Pohl hat in der Neuübersetzung von „1984“ sprachliche Anpassungen an die „Jetzt-Sprache“ vorgenommen und den Satzbau angepasst. Was im ersten Moment verwundert und als kühn anmutet, erweist sich im näheren Befassen mit „Bezaubernder April“, eine ebenfalls von Gerrit Pohl neu übersetzte Version des als „Verzauberter April“ bekannten Romans Elisabeth von Arnims, als behutsame, wohl überlegte und angewandte Transferierung in die heutige Zeit. Der anspruchsvolle, leicht ironische Erzählstil von Arnims bleibt erhalten, auch die Sprache ist als aus einer anderen Zeit stammend erkennbar – jedoch liest sich Pohls Übersetzung sehr flüssig und angenehm, sodass die Hoffnung des Verlegers Ralf Plenz, auch jüngere Leute für diese Bücher zu interessieren, zumindest nicht an der Erzählsprache scheitern dürfte. Auch wenn Charlotte Ueckert nach eigenem Bekunden manchmal „Bauchschmerzen dabei hat, Weltliteratur zu verändern“ und sie sich mit Ralf Plenz zuweilen „fetzt“ – was nützt die schönste Literatur, wenn sie heute nicht mehr verstanden und gelesen wird?

Mit Hingabe zur Buchgestaltung

Die Zeitspanne, in der die jeweiligen Autoren lebten, und die Hintergründe des literarischen Werks sind in jede Ausgabe der „Perlen der Literatur“ eingebettet. Da gibt es Abbildungen der Originalausgaben und die Banderole enthält Informationen und Autorenbilder. Überhaupt ist die Ausstattung der Reihe bemerkenswert. Jede Ausgabe, Hardcover mit Fadenbindung, bekommt ein individuelles Vorsatzpapier, dessen Design mit dem Inhalt zusammenhängt, und einen Leineneinband. Die Vorsatzpapiere gestaltet der Bruder des Verlegers, der Grafiker Jörn Plenz. Statt eines Lesebändchens bekommt jeder Band eine individuell gestaltete Banderole, die mehrere Funktionen erfüllt: Sie lässt, im Gegensatz zu einem Buchumschlag, die Haptik des Leineneinbands erspüren, wenn man das Buch in Händen hält; sie fungiert als Lesezeichen, enthält Informationen und ist auf der Außenseite von Ralf Plenz kalligrafisch mit Wortkunst gestaltet, die wiederum Bezüge zum Inhalt aufweist. Stellt man die Bücher in der korrekten Reihenfolge ins Regal, ergibt sich eine Gesamtgrafik aller Banderolen auf den Buchrücken – so entsteht die Perlenkette fürs Bücherregal. Jedes Jahr sind acht Titel geplant, jeder Jahrgang bekommt eine andere Farbe, sodass die Reihe für Buchsammler attraktiv ist, die einen schönen Anblick im Regal zu schätzen wissen. Dabei ist der Preis von 15 Euro pro Buch sehr günstig, denn es liegt dem Verleger am Herzen, dass viele Menschen sich die Bücher leisten können.

Neben den erwähnten, recht bekannten Buchtiteln finden sich getreu dem Motto der Reihe auch Titel, die es neu zu entdecken lohnt. Mitten im Ersten Weltkrieg schrieb beispielsweise Felix Timmermans 1916 über den pfiffigen Bauer „Pallieter“, der zu einem flämischen Nationalheld wurde, ähnlich dem deutschen Till Eulenspiegel. Der hunderttausendfach gelesene, übersetzte und sogar verfilmte Roman mit hinreißenden Naturbeschreibungen ist „heute, in einer Zeit, in der Sinnsuche in Konsum und Besitz kaum mehr Grenzen kennt und anerkennt, aktueller denn je – das perfekte Buch zur Entschleunigung“ (Verlagstext). Ein Kleinod ist auch Walter Benjamins „Einbahnstraße“ mit kurzen Texten, Impulsen und Aphorismen.

Alles in allem sind die „Perlen der Literatur“ ein gelungenes Gesamtkonzept, dem ein respektabler Platz im Buchmarkt zu wünschen ist.

Odyssee in Südostasien. Wolf-Ulrich Cropp auf Spurensuche

Buchcover (Ausschnitt)

Was tun in dieser bleiernen Zeit? Theater- und Restaurantbesuche nur mit Impfzertifikat oder einem 48-Stunden-Test dürfte in der Tat nicht nach jedermanns Gusto sein. Auch das Reisen in ferne Kontinente ist mit allerlei Unbill verbunden. Wer sitzt schon gern maskiert zehn oder mehr Stunden in einem Flieger, ehe er sein Ziel erreicht. Ehe ich mich ständig diesem Stress unterziehe, greife ich lieber zu einem spannenden Buch, gebe mich dem Zauber exotischer Destinationen hin und lasse mich in unbekannte Regionen entführen. Heute ist „Eine Tigerfrau“ von Wolf-Ulrich Cropp angesagt. Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und tauche in die geheimnisvolle Welt Südostasiens ein.

Die Odyssee durch das Goldene Dreieck war nicht geplant. Nach einem längeren Aufenthalt in Afghanistan will der bekannte Autor, Journalist und Weltreisende Wolf-Ulrich Cropp eigentlich nur eine Auszeit in Thailand nehmen. Eine Art Ferien vom Ich. Ausspannen, schwimmen, lesen und die Gegend erkunden. Doch es kommt anders, als die besorgten Eltern eines alten Schulfreundes ihn bitten, nach ihrem Sohn Klaus zu fahnden, der – vom Pfad der Tugend abgekommen – vor Jahren in den Weiten Südostasiens spurlos verschwand.

Spinnbeinige Mangroven und bizarre Kalkfelsen

Wir begleiten den Erzähler auf seiner abenteuerlichen Spurensuche, die in einem thailändischen Dorf hoch über der Andaman-See beginnt. Begeistert zelebriert Cropp die fast überirdische Schönheit der Landschaft: „Zwischen spinnbeinigen Mangroven und bizarren Kalkfelsen, in luftiger Höhe über der See“ hat er das Gefühl, mitten im Ozean zu liegen. Doch dieses wunderschöne Land hat viele Schattenseiten, die der Autor dem Leser nicht vorenthält. Beschreibungen grandioser Panoramen in diesem satt grünen tropischen Paradies wechseln ab mit grausamen Szenen, die sich in den Niederungen der Megacity Bangkok abspielen. Das Kapitel über einen Besuch im berühmt-berüchtigten Bang Kwang Gefängnis – von Zynikern Hotel Hilton Bangkok genannt – geht an die Nieren. Hier sitzen zahlreiche wegen Drogendelikten zu lebenslanger Haft verurteilte Europäer ein, die unter unmenschlichen Bedingungen in Chaos und unbeschreiblichem Dreck dahinvegetieren. Mit Erleichterung stellt Cropp fest, dass Freund Klaus nicht unter den Insassen weilt.

Das buddhistische Kloster Tham Krabok der suchtheilenden Mönche in Thailand

Die Suche geht weiter und entführt den Leser im Laufe der Handlung in die tropische Welt Thailands und Myanmars (früher Burma), in die Tiefen des Regenwaldes und zu den Highlights buddhistischer Baukunst. Der Autor genießt seinen Aufenthalt in vollen Zügen. Er lässt den Leser teilhaben an seiner Begeisterung für atemberaubende Landschaften und berichtet gleichzeitig über Begegnungen mit Einheimischen, die seinen Weg kreuzen. Doch im Garten Eden lauert auch die Schlange. Cropp thematisiert akribisch die dunkle Seite Thailands, wo Drogenbarone das Sagen haben und nur die Prostitution junger Frauen den Familien das Überleben ermöglicht. Das Kontrastprogramm zu diesem Elend findet im berühmten Fünf-Sterne-Luxustempel „Mandarin Oriental“ Bangkok statt, wo der Autor beim Verzehr sündhaft teurer Langustenschwänze einen ortskundigen Geschäftsmann trifft. Dieser gewährt ihm einen Einblick in Thailands Drogenwelt. Mohnanbau, Heroinlabore, Drogenschmuggel, erklärt der, waren gestern. Seitdem Afghanistan als Hauptlieferant für Heroin die Szene beherrscht, haben die Bosse im Urwald Giftküchen installiert, die in zunehmendem Maße Amphetamine produzieren. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Ob Freund Klaus hier zu finden ist?

Wo ist Klaus?

Heute wenden wir uns der legendären „Brücke am Kwai“ zu. Die älteren Leser werden sich noch an den grandiosen von David Lean in Thailand gedrehten Film mit Alec Guinness in der Hauptrolle erinnern. Guinness spielt darin einen britischen Offizier, der mit seinen Kameraden während des Pazifikkrieges in die Fänge der Japaner gerät und gezwungen wird, eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Kwai in Indochina zu bauen. Unvergesslich die Szene, in der die Gefangenen auf ihrem beschwerlichen Weg durch den Dschungel trotzig jene zündende Melodie pfeifen, die sich in den Endfünfzigern monatelang als Nummer eins in den internationalen Charts hielt. Das spannende Kapitel über den Bau, die Zerstörung und schließlich die Rekonstruktion der Brücke ist so anschaulich beschrieben, dass der Leser sich mitten im Geschehen wähnt.

Karenfrau in Nord-Myanmar: Wer schön sein Awill, muss leiden

Bislang gibt es noch immer keine heiße Spur, die auf den Verbleib von Freund Klaus hinweist. Doch Cropp lässt sich nicht entmutigen, sondern forscht unverdrossen weiter. Er lädt zu einer Flussfahrt auf dem Mekong ein, begleitet uns durch den Dschungel und stellt uns jene „Giraffenfrauen“ vor, die mit ihren in Metallreifen gezwängten überlangen Hälsen das weibliche Schönheitsideal Myanmars verkörpern. Schließlich kommt es zu der Begegnung mit „einer Tigerfrau“ namens Sami. Die Titelgeberin des Buches gilt als die Attraktion des Zoos von Bangkok, wo sie sich, Kopf an Kopf mit einem prachtvollen Königstiger, von sensationsgierigen Besuchern ablichten lässt.

Der Autor und haarigste Mönch in seiner Klause des Klosters Tham Krabok

Selbst ein unermüdlicher Geist wie Wolf-Ulrich Cropp benötigt hin und wieder eine Ruhepause. „Im Kloster am Wege beim Mönch ich verweile. Oh, kurze Muße im Leben voll Eile.“ Feng Meng-hung, der Verfasser dieses kurzen Gedichts, war offenbar ein sehr weiser Mann. Ihm will es unser Autor gleichtun. Denn wo entspannt der Mensch sich besser als in der Ruhe und Abgeschiedenheit eines buddhistischen Klosters. In Tham Krabok bezieht der „Novize“ eine karge Zelle und muss sich einem Initiationsritual unterziehen, das es in sich hat. Dem aus zahlreichen Heilpflanzen zusammen gemixten „Cocktail“ – mehr Brechmittel als Getränk – werden tiefenreinigende Kräfte nachgesagt. Cropp trinkt ihn todesmutig und unterwirft sich für mehrere Wochen den strengen Klosterregeln. Chapeau. Geschadet hat ihm diese Erfahrung in kratziger Mönchskutte bei karger Kost offenbar nicht. Ganz im Gegenteil. Sein – Zitat – „tausend Meilen langer Weg zu sich selbst“ hat ihn für sein künftiges Leben gestählt.

Mit dieser Einsicht endet eine grandios erzählte Reportage kreuz und quer durch die magische Welt verklärender Narrative und brutaler Einsichten in menschliche Abgründe. Nur eine Frage bleibt offen. Der geneigte Leser möchte endlich erfahren, ob der Autor auf seiner langen Reise den verschollenen Freund wiedergefunden hat. Darüber aber hier kein Wort. Wer das wissen will, muss „Eine Tigerfrau“ von der ersten bis zur letzten Zeile selbst lesen. Es lohnt sich.

Epilog

Was in sämtlichen Büchern des „globetrottenden“ Autors Wolf-Ulrich Cropp fasziniert, ist seine Fabulierkunst, angereichert mit einem genialischen Wissen über diverse Kulturen, Land, Leute und deren Befindlichkeiten. Der Autor wirft stets einen unverstellten Blick auf alles Fremde. Er versucht sich in andere Sitten und Gebräuche hineinzu“leben“ ohne jemals zu bewerten oder gar zu verurteilen.

Eine große Hilfe für den Leser ist der mehrseitige Abriss über den Buddhismus (Seite 419 ff.). In knapper klarer Form weist Cropp den Leser in die Lehre des Siddharta Gautama ein, der uns besser unter dem Namen Buddha (der Erleuchtete) bekannt ist.

Last but not least: Die zahlreichen vom Autor selbst geschossenen Fotos tragen nicht nur zum Verständnis, sondern auch zum Charme dieses Buches bei.

Buchcover

„Eine Tigerfrau“ von Wolf-Ulrich Cropp, erschienen im Verlag Expeditionen, 415 Seiten, ISBN: 978-3-947911-39-4 Preis: Euro 14,90

Die Gottesfrage in der deutschen Literatur

Ein Gastbeitrag von Matthias Kaiser, Hamburg

Buchcover

Schon im Titel dieses Buches drängt sich die Aktualität der Sehnsucht nach einem rettenden Gott angesichts der kleinen und großen Krisen und Dramen der Welt wie von selbst auf. Das Zitat aus  Georg Büchners Erzählung Lenz ist ein Aufschrei eines ohnmächtigen Menschen gegenüber einem als allmächtig  bezeichneten aber nicht eingreifenden Gott. Es ist mehr als nur erstaunlich, wie sich Schriftsteller und Theaterautoren mit der Frage nach Gott oder allgemeiner gefasst dem Thema Gott beschäftigt haben.

Für den theologischen Publizisten, Pfarrer und Hochschullehrer Benedict ist die Sichtung von Gedanken über Gott, sein Verhältnis zur Welt und zum Menschen in Anlehnung an Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer eine anthropologische Notwendigkeit. Transzendenz offenbart sich bereits in der Beziehung zum Nächsten. Insofern ist Benedict nicht darüber verwundert, wenn er in der literarischen Darstellung des Menschlichen sehr viel theologisches Material findet, das das Göttliche bezeugt. Er tut dies nicht nur als belesener Kenner der deutschen Literatur der letzten 300 Jahre, sondern erklärt auch deren historische und biographische Kontexte.

Analyse der Werke von 20 Autoren

„Matthias Claudius als Poet des Gottvertrauens“ ist der erste von 20 Autoren, dessen Werke er analysiert. Hebel, Goethe, Heine, Storm, Kafka, Thomas Mann und Heinrich Böll und Gegenwartsautoren wie Patrick Roths Sunrise oder Sten Nadolnys Roman Weitlings Sommerfrische erweisen sich als wahre Fundgruben kluger theologischer und theologiekritischer Gedanken.

Was einem selbst bekannt vorkommt, wird von Benedict geistreich gedeutet und erweitert. An Claudius entwickelt der Autor seine Sichtweise und Methode. Mehrfach kommt er bei seiner Einschätzung anderer Autoren auf ihn zurück. Dies geschieht keineswegs schematisch oder unpassend, lässt aber erkennen, woran Benedicts Herz hängt. In seinen Darstellungen geht er kreativ und originell vor. Interessant ist auch sein Vergleich von W. Borchert und D. Bonhoeffer, die beide während des II. Weltkrieges, zeitgleich und unweit von einander entfernt, in Berliner Gefängnissen einsaßen. Beide haben in ihrer unterschiedlich gefühlten Gottlosigkeit versucht, an Gott festzuhalten. Ihre Gedanken werden im Buch in einem fiktiven Dialog dargestellt, aus dem für heutige Erfahrungen von Gottlosigkeit viel zu lernen ist.

Besonders ehrlich ist das Buch in der Frage: Müssen alle sterben? Kindertheologie in Vaterjahre von Michael Kleeberg. Hier zeigt Kleeberg die große Verlegenheit der Pastorinnen und Pastoren im Umgang mit der Frage, welche Rolle Gott zwischen Tod und Leben einnimmt.  Die satirischen Milieubeschreibungen mit Wiedererkennungseffekt von einer auf bürgerliche Prominenz ausgerichteten, sich selbstsäkularisierenden Kirche zeigen Enttäuschung und Verlegenheit zwischen allen auf. Wie abgründig und bestimmend diese Verlegenheit ist, im Menschlichen und wohl auch im Göttlichen und wie sie sich bei den verschiedensten Autoren äußert, stellt das Buch eindrucksvoll dar.

Die im Epilog dargestellten Eingänge 2018 zur Gottesfrage in der deutschen Literatur über Monika Maron Munin oder Chaos im Kopf oder A. Schimmelbusch Hochdeutschland sind – so Benedict – weit entfernt von der Gottesgelehrtheit eines Thomas Mann. Dennoch sind auch sie wichtige Indikatoren dafür, wie über Gott, Kirche und die Welt in der Literatur und Gesellschaft zurzeit nachgedacht wird.

Wertvolle Verstehenshilfen

Hüter der theologischen Zunft mögen einwenden, dass es sich bei dem von Benedict gesammelten Material allenfalls um theologische Einsprengsel oder Spuren von Theologie handelt, nicht aber um Theologie im eigentlichen Sinn. Wer so denkt, unterschätzt die theologische Kompetenz von Nichttheologen. Der Autor widersteht der Versuchung, die biographisch geprägte Frömmigkeit der Autoren dazu zu nutzen, aus ihnen große christliche Vorbilder oder „Heilige“ zu machen. Vielmehr nimmt er ihr Interesse an der Theologie und dem religiösen Fragen auf, sieht aber auch ihre Vorbehalte und die Kritik an Theologie, Volksfrömmigkeit, realexistierender Kirche und Religion. Mit dieser Methode macht er sich zum Gesprächspartner für Germanisten und Philosophen, die oftmals auch verlegen und überfordert vor den Spuren der christlichen Tradition in Goethes Faust stehen und wenig damit anfangen können. Hier liefert Benedict wertvolle Verstehenshilfen, wenn er über Bibelbezug und Zivilisationskritik in Goethes Faust II reflektiert. So zeigt dieses leicht zu lesende Buch, wie bereichernd die große deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart für Interessierte unter den Bildungswilligen sein kann.

Die Mängel des Buches sind schnell genannt. Ein Stichwortverzeichnis fehlt, und in Den Haag existiert seit 1945 kein „Kriegsgerichtshof“(S.19) sondern der Internationale Strafgerichtshof der Vereinten Nationen, der Kriegsverbrechen ahndet. Doch dies sind keine Gründe, dieses wichtige Buch nicht zu lesen.

Hans-Jürgen Benedict: „Wär ich allmächtig, ich würde retten, retten.“ Aufsätze zur Gottesfrage in der deutschen Literatur, W. Kohlhammer GmbH, 1. Aufl. Stuttgart 2019  – 206 Seiten

Autor: Matthias Kaiser ist Pastor in der ev.-luth. Tabita-Kirchengemeinde in Hamburg-Ottensen