Sternenlichter: Ein Kinder- und Jugendhospiz

Zu meiner Zeit als Student am anglikanischen Priesterseminar Ripon Hall, Oxford (seit 1975 Ripon College, Cuddesdon) trat ein Kommilitone für eine Spende an „St Joseph’s Hospice for the Dying“ (Das Hospitz St Josef) ein. Eine so direkt kompromisslos ausgesprochene Bezeichnung  „Herberge für die Sterbenden“ wirkte wie ein Überfall, eine unbequeme, unerwartete Konfrontation, denn obwohl wir eine dunkele Ahnung hatten, dass es „irgendwo“ diese Institutionen gab, vermuteten wir keine solche in unserer schönen heilen Welt, Oxford. Etwa von seiner „Überraschungs- und Schocktaktik“, seinem Engagement und der Begeisterung für die Sache benommen wie wir waren –  haben wir seinen Zweck unterstützt. Heutzutage ist das Hospiz-Konzept weltweit bekannt. Allerdings für unheilbar kranke Erwachsene! Als ich von einem Freund gehört habe, dass es in seinem Göttinger Stadtteil Grohne ein Kinder- und Jugendhospiz gibt, erneuerte sich meine Erinnerung an die Gefühle, Oxford 1973. Bei uns sterben Kinder und Jugendliche nicht. Oder?
„Überzeuge dich selbst“, hat mein Freund geantwortet und mich mit Frau Maren Iben, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter e.V., bekannt gemacht. Unser Interview erfolgte vor Ort am Mittwoch, den 12. November 2025:

Clifford Middleton: Was hat Sie, Frau Iben, motiviert, in einem Kinder- und Jugendhospiz arbeiten zu wollen?

Maren Iben: Die größte Motivation für mich war Sinnhaftigkeit: Sternenlichter wurde quasi aus dem Nichts aufgebaut. Denn es war das Ziel, eine Einrichtung aufzubauen, für Menschen, denen es wirklich nicht gut geht. Es war eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Motivation.

Welche vorherige relevante Berufsausbildung und Berufserfahrung haben Sie?

Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig – und das Eine geht in das Andere über: Das ist natürlich nicht nur für Spenden wichtig, sondern vor allem auch für Familien, die bei uns zu Gast sein werden und auch generell für die interessierte Öffentlichkeit. Eine medizinisch-pflegerische Ausbildung war für mich nicht nötig, sondern, dass ich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit „sattelfest“ bin.

Maren Iben

Nach Abschluss des Studiums der Germanistik und Kulturanthropologie an der Universität Göttingen war ich über fünf Jahre als Tageszeitungsjournalistin tätig; es folgten anderthalb Jahre Tätigkeit als Bordredakteurin auf Kreuzfahrtschiffen einer großen Reederei. Diese vorherigen Tätigkeiten und die gesammelten Erfahrungen helfen mir in meinem heutigen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wichtig, für die Menschen, die noch nie von uns gehört haben, in kurzen, knappen Worten beschreiben zu können, was die Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz ausmacht – immer angepasst an die jeweilige Zielgruppe.

Welche besondere Weiterbildung für oder Vorbereitung auf die Aufgaben im Kinder- und Jugendhospiz waren für Sie nötig?

Es war wichtig für mich, Zeit zu haben und mich in unserem damals noch sehr kleinen Team austauschen zu können. Wichtig war auch, andere Kinder- und Jugendhospize zu besichtigen, vor Ort mit Kolleg(inn)en in Kontakt zu treten und ein Netzwerk aufzubauen. So konnte ich mich inhaltlich vorbereiten. Für den Themenbereich „Fundraising“ habe ich ganz klassisch Fortbildungen gemacht.

Die externe Kommunikation richtet sich hingegen an die interessierte Öffentlichkeit, Presse, Spender(inn)en und weitere.

Welchen beruflichen Hintergrund und welche berufliche Erfahrung haben Ihre Mitarbeitenden vor dem Einstieg in das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter? Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen „idealen“ beruflichen Hintergrund für einen Einstieg?

Wir arbeiten im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter (in Göttingen) in einem multiprofessionellen Team. Das bedeutet: Man muss offen für unterschiedliche Menschen sein.  Auch eine gewisse Akzeptanz sollte da sein, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt oder wie mit dem Thema Tod und Sterben, Trauer und Krankheit umgegangen wird.

Welche sind Ihrer Meinung nach unentbehrliche persönliche Charaktereigenschaften bzw. Charakterzüge, über die man verfügen muss, um in einem Kinder- und Jugendhospiz,  wie den Sternenlichtern, arbeiten zu können?

Offenheit und Empathie sind in jedem Arbeitsbereich unserer Einrichtung (aus meiner Sicht) die wichtigsten Eigenschaften. Man muss auch verstehen, dass die Familien, die in unserer Einrichtung zu Gast sind, sich in einer extremen Ausnahmesituation befinden, und zwar oftmals über Jahre.

Muss man z.B. seelisch oder emotional besonders belastbar sein?

Es hilft, wenn man seelisch oder emotional belastbar ist. Aber am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen und es kann sein, dass das eine oder andere Schicksal einem näher geht.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Hospiz für Erwachsene und einem Kinder- und Jugendhospiz?

Der allergrößte Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu einem Erwachsenenhospiz keine reine Sterbeeinrichtung sind. Im Erwachsenenhospiz sind die Gäste in der letzten Lebensphase oder kurz davor. Im Kinder- und Jugendhospiz sind die Gäste lebensverkürzend und unheilbar krank.

Das kann bedeuten: das Kind wird mit 6 Monaten eine solche Diagnose bekommen, aber beispielsweise noch 5 Jahre weiterleben. Ab der Diagnosestellung können die Familien zu uns kommen … Wir begleiten die Familie durch den ganzen Krankheitsverlauf.

Welche „Programme“ bietet das Hospiz den Gästen und deren Angehörigen an?

Ganz unterschiedliche. Therapieangebote für die erkrankten Gäste bieten wir an, so wie sie sie brauchen. Ob Physiotherapie, Osteopathie, Musiktherapie, der Einsatz von Therapiehunden oder der Besuch von Clowns… es ist vieles möglich. Die Medikation unserer erkrankten Gäste wird natürlich auch ganz normal fortgeführt.

Freizeitangebote, psychosoziale Angebote allein oder in Gruppen, Kreativangebote in unserem Hause – vieles ist möglich. Unsere Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was die Familien möchten. Ganz wichtig ist jedoch: Niemand ist gezwungen, unser Angebot anzunehmen. Bei uns lautet die Devise: „Alles kann, nichts muss.“

Wie definiert man im Hospiz „Lebensqualität“?

Lebensqualität geht in den allerkleinsten Momenten los. Wir wollen versuchen, jeden Tag mit den Familien den Moment zu feiern z.B. beginnend bei einem leckeren Frühstück. Auch sehr wertvoll: ein gutes Gespräch, ein Moment des Lächelns, oder wenn die Kinder einfach mal ausgelassen sein können. Wir wollen Lebensfreude vermitteln, ohne aufgesetzt zu sein. Denn wir können nicht heilen, oder die belastende Situation ungeschehen machen. … wir können helfen, die nächste halbe Stunde, den nächs- ten Nachmittag, das nächste Wochenende… gut zu gestalten. Wenn … die Familien sagen, es war eine unglaublich schwere Zeit, aber wir wurden gut begleitet und aufgefangen, dann haben wir das erreicht, was wir erreichen können. Für die Eltern bedeutet Lebensqualität beispielsweise, eine Nacht durchschlafen zu können und nicht immer auf Alarm zu sein. … ich kann heute Abend essen gehen oder mit den gesunden Geschwistern einen Ausflug machen“.

Wie positiv ist die lokale öffentliche Einstellung, Wahrnehmung und Akzeptanz dem Konzept des Kinder- und Jugendhospizes gegenüber?

Wir sind (hier) mitten im Wohngebiet. bevor es los ging mit dem Bau haben wir Ankündigungsbriefe in die Briefkasten geworfen über das, was wir sind und was wir vorhaben. Man kann sich auf einen Kaffee mit uns treffen. Im Ortsteil Grohne gibt es aktives Vereinsleben, in das wir uns gleich integriert haben. Wir versuchen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit vorgefertigte Vorstellungen aufzulockern.  Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Akzeptanz ist da. Menschen können ihre eigene Unsicherheit  oder Angst und Leid verbalisieren und uns (trotzdem) nachher gerne unterstützen.

Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft der Kinder- und Jugendhospizbewegung regional, national und international aus?

Wir hoffen, dass die Zukunft gut aussieht – letztendlich hängt es aber davon ab, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns finanziell und ideell zu unterstützen, und unsere Arbeit in ihr Netzwerk zu tragen. Unsere Zielgruppe – unheilbar und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche wird es immer geben. Einrichtungen wie unsere sind für sie und ihre Angehörigen eine wichtige Anlauf- stelle.

Ein weiterer Faktor ist, dass es seit wenigen Jahren keine gesonderte Kinderkrankenpflegeausbildung mehr gibt. Die Kinderkrankenpflege unterscheidet sich aber in vielen Bereichen von der medizinisch- en Versorgung Erwachsener. … Kinder haben zudem altersabhängig unterschiedliche emotionale Bedürfnisse. Im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter sind wir gut aufgestellt in unserem Pflege- team, suchen aber weiterhin noch Kolleginnen und Kollegen. Wichtig: Nicht nur Pflegefachkräfte können sich bei uns bewerben, sondern auch Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger.

 

Interview: Clifford Middleton 

Fotos: Maren Iben, Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter, Göttingen

Lyrisch-politisch oder politisch-lyrisch?

Cover: Geest-Verlag

„In meiner Lyrik spielte die Politik bisher keine tragende Rolle.“ (Sybille Fritsch: Anderes, Politische Lyrik, Geest-Verlag 2025, S. 5)
Die neueste Sammlung von Sybille Fritsch ist tatsächlich für sie selbst und für ihre Leserschaft thematisch und stilistisch Neuland. Fritschs Gefühl: „Je weiter ich schrieb, desto mehr haben sich mir die Gedichte aufgedrängt, die in diesem Band zusammengefasst … werden“ (ebenda S. 5) und auch Rilkes Empfindung „Es schreibt mich“ (19.05.1924) können alle Lyriker/innen nachvollziehen.

Politische Lyrik ist seit Jahrhunderten in der deutschsprachigen Literatur fest verankert. Fritschs neueste Texte sind allgemein von derselben politisch liberal-demokratischen Einstellung wie zum Beispiel Heines gesellschaftskritische Gedichte. So könnte man behaupten, Fritschs Texte seien in deren Neigung innovativ „zu Hause“.

Ist dieser Aufbruch zum Politischen nötig gewesen? Anhand der Weltsituation muss die Antwort auf diese Frage ein klares „Ja“ sein. Der Schritt zur unverblümten Bloßstellung und Anprangerung der Fortschritte des Bösen war fällig. Um spezifisch zu sein: Schweigen, Wegducken; Gebrüll, Müll vom deutschen Wesen (S. 19), Kinder auf dem Gewissen (S. 21), Friede (der) Krieg bedeutet (S. 22), Gier (S. 23-25), Unrechtsschluchten (S. 26) (keine ) Friedensallee, Floskeln, Probleme … als Waffe, Der braune Ausweg (S. 28) , Europa will keine Flüchtlinge … Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt (S. 30) wechselhaftbefehl (S. 31).

In Teil 2 der Sammlung, „Klima Mit Weltrevolution“ (Texte S. 37-52) geht es um Reife; das System der menschlich-gesellschaftlichen Werte, die einen Zyklus bilden sollten, ist demontiert (S. 40-41). Eine „negative Revolution“ entwickelt einen Gegenzyklus, der „die eigenen Kinder frisst“ und den Status quo der Ungerechtigkeiten der „Vorzeit“ wieder aufleben lässt. In diesem Teil verwendet Fritsch Ausdrücke aus dem Alltag und „mischt“ sie neu.

Die Sprache und Stilmerkmale von Frieden, Krieg, Verzeihn, Shalom in Teil 3 (S. 57 ff) beschwören eine Wiederkehr Richtung reflektierter und verinnerlichter Bedeutung und Wirkung des neu zu gewinnenden „Sachverstands“. Auf den Seiten 61 64 z.B. handelt es sich um Verzicht auf Materielles zu Gunsten des inneren Weges: Lukas 9:3, 10:4 Matthias 10:9 Johannes 12:24. Trotz aller sich hieraus ergebender Hoffnung auf eine Änderung auch im Äußeren, „Hinterm Horizont gehts … weiter“ (S. 65). Wir ziehen unsere Komfortzone dem Erwachen vor: „alles über sich hinaus/Wollende nicht erwünscht (S. 69). Man kann in seinem eigenen Land doch ein „Außenseiter“ sein (S. 80). Auch ein Echo aus dem Markus Evangelium 6:4.

Fritsch findet zusammengefasst in diesem Band ein Idiom klarer Adressenorientierung, die noch emotional anspricht und gleichzeitig zu einem sich aktiv entwickelnden soziopolitischen Bewusstsein aufruft. Die besondere Stimme des Bandes verdankt sich gleichzeitig der Politik und der Literatur, denn Fritsch schreibt mit Fantasie und benutzt Sprache als Medium zur Erforschung menschlicher Erfahrung, um sowohl kulturelle und soziale Reflexion als auch universelle Themen zu vergegenwärtigen. Kurz gesagt, fällt weder das Lyrische dem Politischen zum Opfer noch schwächt das Lyrische die gesamte politische Aussage.

Sybille Fritsch
lebt in Hannover und Windheim an der Weser und war längere Zeit im Oberharz zu Hause.
Lyrikerin, Religionswissenschaftlerin, Philosophin. Seit einiger Zeit verfasst sie auch  lyrische Prosa.
Mitglied verschiedener literarischer Vereinigungen.
Gedichte veröffentlichte sie in deutschsprachigen Anthologien seit den Achtzigerjahren. Bisher vier eigenständige Lyrikbände. Zuletzt im Geest-Verlag ‚DA!‘. Gedichte (2024)

Link zum Buch: https://geest-verlag.de/news/sybille-fritsch-anderes-politische-lyrik-druck

Wenn aus der Kur ein Horrortrip wird

Orthopädisches
Turnen im Takt der Trommel, Ansichtskarte des Hermann-Hedrich-Heims bei Bad Frankenhausen, vor 1938 (c) Dölling und Galitz Verlag

Bis heute kann Beate N.* (75) keinen Quark oder Joghurt essen. Die Geschwister Werner (71) und Tanja T.* (69) haben dieselben Albträume vom Eingesperrtsein in einem dunklen Keller. Die Eltern wunderten sich, dass Werner nach Rückkehr von der „Kur“, wo die nachkriegsbedingt unternährten Kinder sich erholen und satt essen sollten, mit den Fingern Löcher in Wände kratzt. Bis heute kann er keinen Honig und keinen Käse essen.

Drei Fälle aus dem persönlichen Umfeld der Verfasserin dieses Beitrags, deren Erzählungen aus den so genannten Erholungsheimen ihr kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Drei Menschen, die von einem den Eltern als positive Maßnahme dargestellten Aufenthalt (allerdings nicht in einem DAK-Kurheim) traumatisiert zurückkehrten, so sehr, dass es sie ihr Leben lang nicht loslassen sollte. Die immer wieder davon erzählen, dass sie gezwungen wurden aufzuessen und Zeugen davon wurden, dass andere Kinder sogar ihr eigenes Erbrochenes aufessen mussten. Beate N. ekelte sich vor dem Schichtquark, aus dem Wasser quoll, und bekam ihn so lange immer wieder vorgesetzt, bis sie ihn aufgegessen hatte – über mehrere Mahlzeiten und mehrere Tage gab es für sie kein anderes Essen. Die Geschwister T. wurden tatsächlich in einen dunklen Keller gesperrt. Auch sie wurden gezwungen, alles zu essen, was auf den Tisch kam. „Wir haben gegessen, bis wir gekotzt haben“, wird eine Interviewpartnerin in dem Buch „Kur oder Verschickung – Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ (Dölling und Galitz Verlag, München und Hamburg 2023) zitiert. Hinter dem neutral daherkommenden Buchtitel verbirgt sich eine Chronologie des Grauens. Vor dem Hintergrund der vermehrt verlangten Warnungen vor extremen Inhalten müsste dieses Buch eine solche in roten Großbuchstaben enthalten, denn die Bilder der Schilderungen Betroffener wird man so leicht nicht wieder los.

Die DAK gab bei dem Historiker apl. Professor Hans-Walter Schmuhl eine systematische und unabhängige Untersuchung in Auftrag, so steht es im Vorwort. In der Tat wird in dem 304 Seiten starken Buch eine umfassende Analyse und Rekonstruktion der damaligen Umstände vorgelegt. Im Untersuchungszeitraum wurden laut Vorwort ca. 450.000 Kinder zwischen vier und 14 Jahren auf der Basis ärztlich verordenter Kinderkuren „verschickt“. Besonders in der Nachkriegszeit sollten die Kuren den oftmals prekären Gesundheitszustand der Kinder positiv verändern. Sie sollten „physisch und psychisch gestärkt werden und gesund heimkehren“. Doch in erschütternd vielen Fällen ist das Gegenteil passiert, wurde den Kindern psychische und physische Gewalt angetan, von der sie sich nie wieder erholt haben.

Den Willen brechen

In den ersten drei Kapiteln wird das Kinderkurwesen der Angestelltenkrankenkassen und der DAK vorgestellt und der theoretische Rahmen erläutert. Im vierten Kapitel kommen Betroffene zu Wort und wird der Alltag mit seinen Regeln in den Heimen geschildert. Diese Lektüre auf der Basis von Interviews (geführt von der Journalistin Anja Röhl) ist schwer auszuhalten. Wie man die Kinder von den Familien isolierte – Besuch war verboten, Post wurde kontrolliert – und die kleinen Kinder dachten, sie müssten für immer bleiben; wie sie sich vor Ärzten und den „Tanten“ (Personal) ausziehen mussten, auch beim Waschen keine Privatsphäre hatten; wie man ihnen ihre Teddys und Puppen abnahm, es nicht einmal einen Nachtschrank gab, sie keine persönlichen Dinge haben durften; Wutausbrüche der „Tanten“, Strafen und sogar sexualisierte Gewalt – all das klingt unvorstellbar und ist doch massenhaft passiert. Und meistens haben die Kinder ihren Eltern davon nichts erzählt, weil die kriegsgeplagten Erwachsenen doch dachten, sie hätten den Kindern etwas Gutes getan. So erzählen es auch die Geschwister T., die erst Jahre später den fassungslosen Eltern von diesen Vorkommnissen berichteten. Beate N. erzählte es sofort nach der Rückkehr. Bemerkenswert ist, dass beide Elternpaare sich nicht bei deren Krankenkasse erkundigten oder gegen diese vorgingen. Es wäre heute sicherlich unvorstellbar, dass Eltern sich an ein Kontaktverbot zu ihren Kindern während des Aufenthalts in einem Kurheim halten und später, nach Kenntnis der traumatischen Erlebnisse, stillhalten und schweigen würden.

So ist das Geschehen im Kontext der Nachkriegszeit zu betrachten, wobei einem als erstes der Gedanke an die nationalsozialistische Prägung in den Sinn kommt. Die „Tanten“ hatten dementsprechende Erziehungsmaßnahmen erlernt und waren möglicherweise sogar davon überzeugt, dass es zum Besten der Kinder war, deren Willen zu brechen und sie zu „züchtigen“. Diese Einstellung kam womöglich zusammen mit Überforderung oder auch schlichter Bosheit und Machtausübung. Und auch die Eltern hatten gelernt, lieber zu schweigen als sich mit der Obrigkeit anzulegen. Natürlich hatten die Eltern und Witwen Gefallener ihr eigenes Trauma (hierzu sei die Lektüre der Bücher von Sabine Bode über die Kriegs- und Nachkriegskinder empfohlen). Aber all das gehört zum Gesamtbild: Das Schweigen der Eltern hat einen bitteren Anteil am Leid der Kinder, auch wenn das nicht die Schuld der Täter abmildert oder gar entschuldigt.

Der Bildteil des Buches illustriert dieses Leiden einerseits durch beklemmende Szenen wie im Kreis kriechende Kinder beim Turnen oder halb nackten Kindern im Bestrahlungsraum und andererseits durch die Ablichtungen von Dokumenten, die Regeln zu Tischsitten und Ernährung zeigen. Es kommt einem vor wie in einer anderen Welt, es muss ein Horrortrip gewesen sein.

Verbrechen ohne Strafe?

Das fünfte Kapitel des Buchs setzt sich schließlich mit der rechtshistorischen Betrachtung auseinander, wie wiederum zum zeitlichen Kontext führt; womöglich wären nach damaligem Strafrecht viele Handlungen nicht als Körperverletzung verfolgt und andere als Affekthandlung verharmlost worden. Es bleibt unbefriedigend, dass man aus heutiger Sicht nicht beurteilen kann, ob die Taten im Falle von Anzeigen überhaupt geahndet worden wären.

Aus den Interviews ergibt sich, dass einige Betroffene trotz psychotherapeutischer Behandlungen auch Jahrzehnte später ihr seelisches Gleichgewicht nicht wiedergefunden haben. Die Kur hat ihr ganzes Leben verändert, nichts wurde wieder wie vorher. Dass die DAK-Führung im Vorwort schreibt: „Zu Betroffenen und der ‚Initiative Verschickungskinder‘ haben wir Kontakt aufgenommen und um Entschuldigung für die damaligen Geschehnisse gebeten“, ist als Verantwortungsübernahme sicherlich zu würdigen, steht aber kaum in einem angemessenen Verhältnis zu dem erlittenen Leid. Es bleibt zu wünschen, dass dieses Buch erst der Anfang einer groß angelegten Aufklärungs- und möglichst auch Entschädigungsarbeit ist.

Beate N. und Werner T. möchten das Buch lesen. Tanja T. hingegen sagte der Verfasserin dieser Zeilen, sie möchte nichts davon hören und auch nicht mehr darüber sprechen. Nie wieder.

*alle Namen geändert

 

Buchcover

Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz Verlag, München und Hamburg 2023

Link zum Verlag: https://www.dugverlag.de/isbn-3-86218-163-4

 

Der Verlag Dölling und Galitz hat ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Von Kindern lernen

Es ist ein alter Hut. Viele Bürger halten sich nur ungern an die einfachsten Verkehrsregeln. Wie oft muss ich erleben, dass ein Auto noch über die Kreuzung vor meinem Haus „nagelt“, wenn die Ampel schon längst auf Rot umgesprungen ist. Auch vor Zebrastreifen drosseln manche Fahrer nur ungern das Tempo. Häufig muss man beherzt ausschreiten, um sie noch rechtzeitig zum Halten zu bewegen.

Und wie steht es mit den Fußgängern, die nicht selten geduldig vor Ampeln ausharren müssen, bis sie endlich die Straße überqueren dürfen, auch wenn weit und breit kein Fahrzeug in Sicht ist? Ich gestehe, dass ich in so einem Fall nicht immer auf grünes Licht warte, solange keine Kinder in der Nähe sind. Dem Nachwuchs gegenüber zeige ich mich stets als vorbildliche Verkehrsteilnehmerin.

Zumindest bis gestern Mittag. Die Sonne blendete mich, als ich in der Nähe des Harburger Bahnhofs bei Rot schnell über eine Straße lief. „Rotgänger, Todgänger, Grüngänger leben länger“, erschallte ein mehrstimmiger Kinderchor hinter mir. Wie vom Schlag gerührt drehte ich mich um. Da standen vier etwa zehnjährige Schulmädchen am Straßenrand und drohten mir mit dem Finger. Mein Gott, die lieben Kleinen hatte ich ganz übersehen! „Entschuldigt“, stammelte ich verlegen. „Aber da habe ich wohl geschlafen. Kommt ja mal vor.“

„Sollte es aber nicht“, entgegnete das Größte von den Mädchen streng. „Erwachsene erzählen uns doch immer, wo es langgeht. Dann müssen sie aber auch Vorbilder sein.“ Wo Kinder recht haben, haben sie recht. Also schwor ich hoch und heilig, nie wieder bei Rot über die Straße zu gehen. Das versöhnte die jungen Damen offenbar, die sich mit einem freundlichen „Tschüs, und noch einen schönen Tag“, von mir verabschiedeten. Ich habe mir übrigens gelobt, dieses Versprechen niemals zu brechen. Großes Indianerehrenwort!

Diese Glosse erschien bereits im Hamburger Abendblatt
Foto: Michael_Luenen, Pixabay