In diesem Artikel finden sich zwei Rezensionen, beide Bücher sind Hardcoverbände aus dem gleichen Verlag: Favoritenpresse aus Berlin. Ich kenne den Gründer, Bodo von Hodenberg, seit ein paar Jahren und finde es bewundernswert, welch gut ausgestattete Bücher er seit mehreren Jahren macht. Zu seinem Hintergrund: Er war vorher Chef-Einkäufer des Großversands Frölich und Kaufmann.
Wie sollte man ein Buch lesen?
Dieser Titel ist von der Autorin Virginia Woolf, von der in meiner Buchreihe „Perlen der Literatur“ der Band 16, Orlando, stammt. Es hat bei 48 Seiten das handliche Format von 17 × 17 cm, eine Fadenheftung. Der Deckenband besteht aus einem sehr haltbaren Papier mit einer Leinenprägung und einem Mattlack als Schutz, jedoch ohne weitere Kaschierung oder Cellophanierung. Er ist, genau wie der Buchblock im Innenteil, durchgängig zweifarbig in Dunkelgelb und Schwarz gedruckt, was ein schönes, einheitliches Erscheinungsbild mit sich bringt.
Der Text von Virginia Woolf in der Übersetzung von Eric Eichinger liest sich flüssig und spricht den Leser direkt an. Ihr erster Rat besteht darin, keinen Rat anzunehmen, außer dem eigenen Instinkt zu folgen. Das gefällt mir wunderbar, scheint jedoch die nächsten Seiten überflüssig zu machen. Sie spricht von der Sparsamkeit mit Ressourcen (gemeint ist die Zeit) und davon, wie man sein Leseverhalten etwas besser strukturiert.
Die Autorin verweist selbstverständlich darauf, dass Bibliotheken Ordnung schaffen und nicht nur das Wiederfinden erleichtern, sondern das Strukturieren aller Inhalte. Sehr gut hat mir der Satz gefallen „Bücher werden zu Komplizen“. Um zu würdigen, wie schwer es ist, einen Roman zu schreiben, gibt sie den einfachen Tipp, doch selber zu schreiben und damit zu merken, wie schwierig es ist, die passenden Formulierungen zu finden und diesen Stil dann beizubehalten – eine einfache, aber wirkungsvolle Empfehlung. Dennoch versucht sie zu vermitteln, gute von schlechten oder mittelgute von brillanten Büchern zu unterscheiden. Sie empfiehlt, öfter aus dem Fenster zu schauen, denn es ermüde, Abfall zu lesen.
Weiterhin geht Virginia Woolf auf die Komplexität des Lesens ein und kommt zu dem Schluss: Wir brauchen nur Bücher miteinander zu vergleichen, und zwar jedes mit den Besten seiner Art. Welches das beste ist, findet man im Laufe von Jahren heraus, und man stellt es sich im Bücherschrank an eine besondere Position. Dann vergleicht man andere gelesene Texte damit und entwickelt zunehmend einen eigenen Geschmack. Das ist das Ziel ihres Buches: Der Leser möge einen eigenen Geschmack entwickeln und ihn später verfeinern.
Wie diese Verfeinerung des Geschmacks zu funktionieren hat, überlässt sie natürlich dem Leser selbst, gibt aber gute Hinweise. Gegen Ende kommt sie darauf zu sprechen, dass es eine besondere Fähigkeit der Einbildungskraft sei, die das Lesen fördere. Je mehr man liest, desto besser wird die Einbildungskraft. Der Schlusssatz lautete sinngemäß, wenn jemand stirbt und vor den Allmächtigen tritt und dieser zu Petrus sagt: „Sie liebte es zu lesen“, dann hätte man sein Lebensziel erreicht.
Die Südkoreanerin Ji Hyun Yu hat das Buch mit durchgängig gelb-schwarzen Illustrationen bereichert, die auf angenehme Weise zeigen, was die Autorin meint. Sie hat es mit viel Humor so illustriert, dass hierdurch fast eine neue oder erweiterte Geschichte entsteht. Das ist die große Kunst dieser 40-jährigen Illustratorin, die in Mainz studiert und unter anderem für das Zeit-Magazin, die New York Times und den Esquire gearbeitet hat.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Obwohl die Autorin schon seit 85 Jahren tot ist, sind ihre Texte lesenswert, und aus diesem Essay ein komplettes 48-Seiten-Buch zu machen, dessen Titel – wie die Autorin besonders betont – mit einem Fragezeichen endet, ist dem Verleger hoch anzurechnen. Wie sollte man ein Buch lesen? Meine Antwort: Indem man dieses hier kauft und sich mit Virginia Woolfs Anregungen und Argumenten auseinandersetzt.
Virginia Woolf: Wie sollte man ein Buch lesen?, Favoritenpresse, Berlin 2022, 48 S., ISBN 978-3-96849-067-0, € 15
Wie sollte man ein Buch drucken?
Das fast quadratische illustrierte Wörterbuch des Buches (17 x 20 cm) von Stephan Füssel ist auf einem 1,75 fachen, leicht gelblich-weißen Werkdruckpapier zweifarbig gedruckt. Die Schmuckfarbe ist eine Volltonfarbe, ein angenehmes, mittelhelles Grün. Zwar waren zweifarbig gedruckte Bücher bis in die Achtzigerjahre hinein üblich, da sie die Schmuckfarbe gezielt einsetzen, der Druck aber nicht so teuer war wie vierfarbig gedruckte Exemplare. Mit Aufkommen der Online-Druckereien und dem Preiswerterwerden des vierfarbigen Offsetdrucks wird dieses Verfahren nur noch selten angewandt. Es bietet sich an, wenn feine Linien und größere Flächen in dieser Schmuckfarbe sind, die beim farbigen Druck gerastert werden müssten, was hier entfällt, wenn man mit Volltonfarbe von Pantone oder anderen Herstellern druckt. Ein großes Lob an den Verleger für diese Entscheidung.
Die vielen Illustrationen sind von verschiedenen Künstlern unter der Leitung von Jakob Hinrichs entstanden. Sie sind anregend, humorvoll und expressiv, jedoch – das muss ich einschränkend sagen – erklären sie nicht immer den Begriff, den sie visualisieren sollen.
Die Basis dieses Buches stammt aus dem Jahr 1954 von Helmut Hiller und wurde mehrfach von Professor Füssel, der in Mainz Buchwissenschaften gelehrt hat, überarbeitet. Ich kenne auch die Vorgängerversionen, die mir immer sehr gut gefallen haben. Diese hatten jedoch keine Illustrationen. Der Buchsatz ist in einer serifenlosen Schrift zweispaltig gesetzt, die Spaltenbreite ist als angenehm anzusehen, der Zeilenabstand könnte ein wenig größer sein. Warum gelegentlich einzelne Worte gesperrt sind, lässt sich nur dadurch erklären, dass der Setzer eine falsche Voreinstellung von InDesign gewählt haben muss, denn man darf gemeine Buchstaben niemals sperren, was jedoch beim Layoutprogramm InDesign bei entsprechender Einstellung passieren kann. Die Begriffe selbst sind in Versalien und halbfett gedruckt, die Verweise in einer kursiven, serifenlosen Schrift. Außerdem sind Verweise in Grün gedruckt. Es gibt also drei Arten der Hervorhebung: kursiv, serifenlos und Druckfarbe, das sind nach den Regeln der Druckkunst zwei Auszeichnungen zu viel. Dass sich Versalbegriffe etwas langsamer lesen lassen, ist sicherlich gewollt, auch wenn es mir persönlich nicht sonderlich gut gefällt.
Die Substanz ist dem Studiengang Buchwissenschaften geschuldet, selbst als Fachmann entdeckt man einige spannende Dinge, von denen man zuvor nichts wusste.
Manche Begriffe sind ein wenig veraltet, was jedoch meist dabei angemerkt wird. Einen „Andruck“ macht man heutzutage nicht mehr auf einer Auflagenmaschine, da helfen digitale Techniken viel preiswerter und schneller weiter und sind exakt so gut wie der damalige Andruck.
Die Ausführungen zu den Anführungsstrichen haben eine recht gute Illustration, sind aber viel zu kurz gegriffen. Denn es gibt neben den erwähnten drei Anführungsstrichen noch andere, und diese wurden weder bezeichnet noch wurde dazu eine Empfehlung abgegeben, was ich als Mediengestalter schade finde. Anschaulich und hilfreich sind die Anmerkungen zum Chinapapier, zum Begriff des Durchschusses ebenfalls. Letztere hat eine sehr nette Grafik. Betrachtet man die Definition des Durchschusses genauer, fehlen mir die Angaben, wie viel der Durchschuss sein sollte, beispielsweise: Schriftgröße 11 mit 4 Punkt Durchschuss ergibt einen Zeilenabstand von 15 Punkt.
Dass die mittlerweile kaum noch in Papierform erscheinenden Enzyklopädien weitgehend durch digitale Inhalte abgelöst wurden, ist bekannt und wird auch im Wörterbuch vermerkt. Dennoch widmet der Autor diesem Thema eine ganzen Spalte, was sicherlich dem historischen Hintergrund der großen Bedeutsamkeit damaliger Enzyklopädien geschuldet ist.
Gelernt habe ich etwas bei dem Begriff „Narbe“, denn er bezeichnet eine künstlich gestellte Oberfläche von Leder (oder reale Oberfläche von Leder). Das wird detailliert beschrieben, was mich freut. Auch der Begriff „Neumen“, was Handschrift aus dem Mittelalter bezeichnet, war mir nicht bekannt.
Erfreulich finde ich, dass die Mainzer Minipressemesse als Buchdruck-Kunst-Fachmesse hervorgehoben wird. Andere vergleichbare Messen wie die BuchDruckKunst in Hamburg oder die Schweizer Messe in Neuenfelde werden jedoch nicht erwähnt. Bei den gesammelten Biografischen Gesellschaften finden sich es auch hilfreiche Anmerkungen, jedoch werden hier keine deutschen Gesellschaften erwähnt, wozu beispielsweise die Pirckheimer-Gesellschaft gehört.
Der letzte Begriff, der mir neu war, ist die „Tragweite“: Sie bezeichnet das Maß, in dem Papier sich unter Feuchtigkeitseinfluss und unter Bearbeitungseinflüssen dehnt oder zusammenzieht.
Fehlendes zu kritisieren und Überflüssiges als veraltet anzugeben, ist leicht! Diese Rezension beinhaltet Kritik auf hohem Niveau. Das Buch gefällt mir ausgezeichnet und ich kann es sehr empfehlen.
Es ist hervorragend, dass ein breites Lesepublikum durch die schöne Optik des Hardcover-Bandes, der mit 28 Euro zudem noch preiswert ist, an das Thema Buch herangeführt wird.
Ein letzter Kritikpunkt: Die Verwendung eines 1,75-fachen Volumens bringt es mit sich, dass das Buch zwar relativ leicht ist, aber mit vier Zentimetern sehr dick. Würde man ein anderes Papier verwenden, käme man möglicherweise sogar auf weniger als zwei Zentimeter Dicke. Mein im Jahr 2002 gestaltetes, vergleichbares Verlagslexikon hat 400 Seiten und nur 2,1 Zentimeter Dicke.
Ich bin also etwas befangen, möchte jedoch dieses Wörterbuch des Buches jedem empfehlen, der mit Verlagen zusammenarbeitet, der gestaltet, der als Dienstleister tätig ist oder Ähnliches, denn die Fachbegriffe sind schlicht und einfach unersetzlich. Man muss sie kennen und richtig einsetzen.
Zum Schluss eine persönliche Anmerkung zu den Illustrationen: Ich habe in den 1990er Jahren einen Vorläufer meines Verlagslexikons im Rahmen des Verlagshandbuchs hergestellt und hatte dort weit über 100 4-farbige Illustrationen, die meine Studenten hergestellt haben. Jede dieser Illustrationen hatte erläuternde Begriffe integriert und konnte den Begriff verständlich machen, während die Illustrationen im Wörterbuch des Buches ein optisches Beiwerk sind, das nicht den Anspruch hat, jeden Begriff durch die Illustration zu erklären. Für eine mögliche weitere Auflage würde ich dem Verleger der Favoritenpresse diese Illustrationen gern zur Verfügung stellen.
Stephan Füssel: Das illustrierte Wörterbuch des Buches, Favoriten Presse, Berlin 2026 (neue Auflage), 352 S., ISBN 978-3-96849-146-2, € 28
Verlagslink: https://www.favoritenpresse.de
Fotos: Ralf Plenz



Am 25. Februar 2024 veranstaltete der Büchermacher Ralf Plenz in Kooperation mit der Hamburger Autorenvereinigung ein Treffen der Pirckheimer Gesellschaft in Hamburg-Altona. In der Alfred-Schnittke-Akademie konnten Interessierte sich über die Institutionen informieren, bibliophile Buchausgaben bewundern und erstehen. Dabei ging es auch um die Frage, was der Begriff „bibliophil“ denn eigentlich umfasst.







Bei den „Perlen der Literatur“ geht es ausschließlich um bereits im 19. oder 20. Jahrhundert erschienene und seinerzeit erfolgreich gewesene Bücher. „Sprachgewaltig, aber vergessen“, so Ralf Plenz. Zur Auswahl der Titel werden Germanisten, Anglisten und Romanisten, Buchhändler, Bibliothekare, Psychologen und Vielleser befragt; dann wird die Auswahl von einem Beirat kuratiert und von Ralf Plenz herausgegeben. Dieser kauft nach Möglichkeit die Erstausgabe eines Titels antiquarisch, um wirklich den Originaltext und nicht eine bereits lektorierte oder übersetzte Version als Basis zu nehmen. Die Autorin und Gesangspädagogin Susanna M. Farkas, der Autor und Übersetzer Gerrit Pohl und die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Charlotte Ueckert bilden das Team um Ralf Plenz, das sich mit dem Lektorat und der Übersetzung beschäftigt. Ein interessantes Unterfangen ist es dabei, dass die Texte auch bearbeitet werden. So hat Susanna M. Farkas den Roman „Schatzinsel“ verkürzt und vereinfacht, um Passagen ohne Brüche zu verbinden. Gerrit Pohl hat in der Neuübersetzung von „1984“ sprachliche Anpassungen an die „Jetzt-Sprache“ vorgenommen und den Satzbau angepasst. Was im ersten Moment verwundert und als kühn anmutet, erweist sich im näheren Befassen mit „Bezaubernder April“, eine ebenfalls von Gerrit Pohl neu übersetzte Version des als „Verzauberter April“ bekannten Romans Elisabeth von Arnims, als behutsame, wohl überlegte und angewandte Transferierung in die heutige Zeit. Der anspruchsvolle, leicht ironische Erzählstil von Arnims bleibt erhalten, auch die Sprache ist als aus einer anderen Zeit stammend erkennbar – jedoch liest sich Pohls Übersetzung sehr flüssig und angenehm, sodass die Hoffnung des Verlegers Ralf Plenz, auch jüngere Leute für diese Bücher zu interessieren, zumindest nicht an der Erzählsprache scheitern dürfte. Auch wenn Charlotte Ueckert nach eigenem Bekunden manchmal „Bauchschmerzen dabei hat, Weltliteratur zu verändern“ und sie sich mit Ralf Plenz zuweilen „fetzt“ – was nützt die schönste Literatur, wenn sie heute nicht mehr verstanden und gelesen wird?
Die Zeitspanne, in der die jeweiligen Autoren lebten, und die Hintergründe des literarischen Werks sind in jede Ausgabe der „Perlen der Literatur“ eingebettet. Da gibt es Abbildungen der Originalausgaben und die Banderole enthält Informationen und Autorenbilder. Überhaupt ist die Ausstattung der Reihe bemerkenswert. Jede Ausgabe, Hardcover mit Fadenbindung, bekommt ein individuelles Vorsatzpapier, dessen Design mit dem Inhalt zusammenhängt, und einen Leineneinband. Die Vorsatzpapiere gestaltet der Bruder des Verlegers, der Grafiker Jörn Plenz. Statt eines Lesebändchens bekommt jeder Band eine individuell gestaltete Banderole, die mehrere Funktionen erfüllt: Sie lässt, im Gegensatz zu einem Buchumschlag, die Haptik des Leineneinbands erspüren, wenn man das Buch in Händen hält; sie fungiert als Lesezeichen, enthält Informationen und ist auf der Außenseite von Ralf Plenz kalligrafisch mit Wortkunst gestaltet, die wiederum Bezüge zum Inhalt aufweist. Stellt man die Bücher in der korrekten Reihenfolge ins Regal, ergibt sich eine Gesamtgrafik aller Banderolen auf den Buchrücken – so entsteht die Perlenkette fürs Bücherregal. Jedes Jahr sind acht Titel geplant, jeder Jahrgang bekommt eine andere Farbe, sodass die Reihe für Buchsammler attraktiv ist, die einen schönen Anblick im Regal zu schätzen wissen. Dabei ist der Preis von 15 Euro pro Buch sehr günstig, denn es liegt dem Verleger am Herzen, dass viele Menschen sich die Bücher leisten können.
Alles in allem sind die „Perlen der Literatur“ ein gelungenes Gesamtkonzept, dem ein respektabler Platz im Buchmarkt zu wünschen ist.