Zu meiner Zeit als Student am anglikanischen Priesterseminar Ripon Hall, Oxford (seit 1975 Ripon College, Cuddesdon) trat ein Kommilitone für eine Spende an „St Joseph’s Hospice for the Dying“ (Das Hospitz St Josef) ein. Eine so direkt kompromisslos ausgesprochene Bezeichnung „Herberge für die Sterbenden“ wirkte wie ein Überfall, eine unbequeme, unerwartete Konfrontation, denn obwohl wir eine dunkele Ahnung hatten, dass es „irgendwo“ diese Institutionen gab, vermuteten wir keine solche in unserer schönen heilen Welt, Oxford. Etwa von seiner „Überraschungs- und Schocktaktik“, seinem Engagement und der Begeisterung für die Sache benommen wie wir waren – haben wir seinen Zweck unterstützt. Heutzutage ist das Hospiz-Konzept weltweit bekannt. Allerdings für unheilbar kranke Erwachsene! Als ich von einem Freund gehört habe, dass es in seinem Göttinger Stadtteil Grohne ein Kinder- und Jugendhospiz gibt, erneuerte sich meine Erinnerung an die Gefühle, Oxford 1973. Bei uns sterben Kinder und Jugendliche nicht. Oder?
„Überzeuge dich selbst“, hat mein Freund geantwortet und mich mit Frau Maren Iben, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter e.V., bekannt gemacht. Unser Interview erfolgte vor Ort am Mittwoch, den 12. November 2025:
Clifford Middleton: Was hat Sie, Frau Iben, motiviert, in einem Kinder- und Jugendhospiz arbeiten zu wollen?
Maren Iben: Die größte Motivation für mich war Sinnhaftigkeit: Sternenlichter wurde quasi aus dem Nichts aufgebaut. Denn es war das Ziel, eine Einrichtung aufzubauen, für Menschen, denen es wirklich nicht gut geht. Es war eine große Herausforderung und gleichzeitig eine große Motivation.
Welche vorherige relevante Berufsausbildung und Berufserfahrung haben Sie?
Ich bin für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig – und das Eine geht in das Andere über: Das ist natürlich nicht nur für Spenden wichtig, sondern vor allem auch für Familien, die bei uns zu Gast sein werden und auch generell für die interessierte Öffentlichkeit. Eine medizinisch-pflegerische Ausbildung war für mich nicht nötig, sondern, dass ich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit „sattelfest“ bin.

Nach Abschluss des Studiums der Germanistik und Kulturanthropologie an der Universität Göttingen war ich über fünf Jahre als Tageszeitungsjournalistin tätig; es folgten anderthalb Jahre Tätigkeit als Bordredakteurin auf Kreuzfahrtschiffen einer großen Reederei. Diese vorherigen Tätigkeiten und die gesammelten Erfahrungen helfen mir in meinem heutigen Beruf in der Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wichtig, für die Menschen, die noch nie von uns gehört haben, in kurzen, knappen Worten beschreiben zu können, was die Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz ausmacht – immer angepasst an die jeweilige Zielgruppe.
Welche besondere Weiterbildung für oder Vorbereitung auf die Aufgaben im Kinder- und Jugendhospiz waren für Sie nötig?
Es war wichtig für mich, Zeit zu haben und mich in unserem damals noch sehr kleinen Team austauschen zu können. Wichtig war auch, andere Kinder- und Jugendhospize zu besichtigen, vor Ort mit Kolleg(inn)en in Kontakt zu treten und ein Netzwerk aufzubauen. So konnte ich mich inhaltlich vorbereiten. Für den Themenbereich „Fundraising“ habe ich ganz klassisch Fortbildungen gemacht.
Die externe Kommunikation richtet sich hingegen an die interessierte Öffentlichkeit, Presse, Spender(inn)en und weitere.
Welchen beruflichen Hintergrund und welche berufliche Erfahrung haben Ihre Mitarbeitenden vor dem Einstieg in das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter? Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen „idealen“ beruflichen Hintergrund für einen Einstieg?
Wir arbeiten im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter (in Göttingen) in einem multiprofessionellen Team. Das bedeutet: Man muss offen für unterschiedliche Menschen sein. Auch eine gewisse Akzeptanz sollte da sein, dass es unterschiedliche Lebensentwürfe gibt oder wie mit dem Thema Tod und Sterben, Trauer und Krankheit umgegangen wird.
Welche sind Ihrer Meinung nach unentbehrliche persönliche Charaktereigenschaften bzw. Charakterzüge, über die man verfügen muss, um in einem Kinder- und Jugendhospiz, wie den Sternenlichtern, arbeiten zu können?
Offenheit und Empathie sind in jedem Arbeitsbereich unserer Einrichtung (aus meiner Sicht) die wichtigsten Eigenschaften. Man muss auch verstehen, dass die Familien, die in unserer Einrichtung zu Gast sind, sich in einer extremen Ausnahmesituation befinden, und zwar oftmals über Jahre.
Muss man z.B. seelisch oder emotional besonders belastbar sein?
Es hilft, wenn man seelisch oder emotional belastbar ist. Aber am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen und es kann sein, dass das eine oder andere Schicksal einem näher geht.
Welche Unterschiede gibt es zwischen einem Hospiz für Erwachsene und einem Kinder- und Jugendhospiz?
Der allergrößte Unterschied ist, dass wir im Gegensatz zu einem Erwachsenenhospiz keine reine Sterbeeinrichtung sind. Im Erwachsenenhospiz sind die Gäste in der letzten Lebensphase oder kurz davor. Im Kinder- und Jugendhospiz sind die Gäste lebensverkürzend und unheilbar krank.
Das kann bedeuten: das Kind wird mit 6 Monaten eine solche Diagnose bekommen, aber beispielsweise noch 5 Jahre weiterleben. Ab der Diagnosestellung können die Familien zu uns kommen … Wir begleiten die Familie durch den ganzen Krankheitsverlauf.
Welche „Programme“ bietet das Hospiz den Gästen und deren Angehörigen an?
Ganz unterschiedliche. Therapieangebote für die erkrankten Gäste bieten wir an, so wie sie sie brauchen. Ob Physiotherapie, Osteopathie, Musiktherapie, der Einsatz von Therapiehunden oder der Besuch von Clowns… es ist vieles möglich. Die Medikation unserer erkrankten Gäste wird natürlich auch ganz normal fortgeführt.
Freizeitangebote, psychosoziale Angebote allein oder in Gruppen, Kreativangebote in unserem Hause – vieles ist möglich. Unsere Aufgabe besteht darin, herauszufinden, was die Familien möchten. Ganz wichtig ist jedoch: Niemand ist gezwungen, unser Angebot anzunehmen. Bei uns lautet die Devise: „Alles kann, nichts muss.“
Wie definiert man im Hospiz „Lebensqualität“?
Lebensqualität geht in den allerkleinsten Momenten los. Wir wollen versuchen, jeden Tag mit den Familien den Moment zu feiern z.B. beginnend bei einem leckeren Frühstück. Auch sehr wertvoll: ein gutes Gespräch, ein Moment des Lächelns, oder wenn die Kinder einfach mal ausgelassen sein können. Wir wollen Lebensfreude vermitteln, ohne aufgesetzt zu sein. Denn wir können nicht heilen, oder die belastende Situation ungeschehen machen. … wir können helfen, die nächste halbe Stunde, den nächs- ten Nachmittag, das nächste Wochenende… gut zu gestalten. Wenn … die Familien sagen, es war eine unglaublich schwere Zeit, aber wir wurden gut begleitet und aufgefangen, dann haben wir das erreicht, was wir erreichen können. Für die Eltern bedeutet Lebensqualität beispielsweise, eine Nacht durchschlafen zu können und nicht immer auf Alarm zu sein. … ich kann heute Abend essen gehen oder mit den gesunden Geschwistern einen Ausflug machen“.
Wie positiv ist die lokale öffentliche Einstellung, Wahrnehmung und Akzeptanz dem Konzept des Kinder- und Jugendhospizes gegenüber?
Wir sind (hier) mitten im Wohngebiet. bevor es los ging mit dem Bau haben wir Ankündigungsbriefe in die Briefkasten geworfen über das, was wir sind und was wir vorhaben. Man kann sich auf einen Kaffee mit uns treffen. Im Ortsteil Grohne gibt es aktives Vereinsleben, in das wir uns gleich integriert haben. Wir versuchen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit vorgefertigte Vorstellungen aufzulockern. Wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Akzeptanz ist da. Menschen können ihre eigene Unsicherheit oder Angst und Leid verbalisieren und uns (trotzdem) nachher gerne unterstützen.
Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft der Kinder- und Jugendhospizbewegung regional, national und international aus?
Wir hoffen, dass die Zukunft gut aussieht – letztendlich hängt es aber davon ab, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns finanziell und ideell zu unterstützen, und unsere Arbeit in ihr Netzwerk zu tragen. Unsere Zielgruppe – unheilbar und lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche wird es immer geben. Einrichtungen wie unsere sind für sie und ihre Angehörigen eine wichtige Anlauf- stelle.
Ein weiterer Faktor ist, dass es seit wenigen Jahren keine gesonderte Kinderkrankenpflegeausbildung mehr gibt. Die Kinderkrankenpflege unterscheidet sich aber in vielen Bereichen von der medizinisch- en Versorgung Erwachsener. … Kinder haben zudem altersabhängig unterschiedliche emotionale Bedürfnisse. Im Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter sind wir gut aufgestellt in unserem Pflege- team, suchen aber weiterhin noch Kolleginnen und Kollegen. Wichtig: Nicht nur Pflegefachkräfte können sich bei uns bewerben, sondern auch Heilerziehungspflegerinnen und -pfleger.
Interview: Clifford Middleton
Fotos: Maren Iben, Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter, Göttingen






Der neuste Lyrikband von Sybille Fritsch, „DA! Gedichte“, beschwört durch die Dichtkunst eine Metaphysik des Dauernden im Flüchtigen.