Federn sammeln: Über den Lyriker Ilhan Sami Comak

Bild: Krzysztof Niewolny, Pixabay

Ilhan Sami Çomak wurde 1994 im Alter von 22 Jahren festgenommen und sitzt nunmehr seit 28 Jahren im Gefängnis. Bis heute wurden von ihm neun Bücher mit Gedichten veröffentlicht. Neben Lyrik hat er auch noch viele Essays geschrieben, die in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden, und seine Autobiographie, die bereits in der 4. Auflage erschienen ist.
Wenn man seine Schriften liest, kann man Zeuge seiner Liebe, Freude und seines Optimismus werden.
Ipek Özel ist Sozialarbeiterin und besucht Ilhan zweimal im Monat. Sie hat eine Veranstaltung des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und des Letters with Wings aus Irland organisiert, die am 20. November 2021 zum Day of the Imprisoned Writers stattgefunden hat. Einen Mitschnitt der mehrsprachigen Veranstaltung ist auf YouTube zu sehen (https://youtu.be/3FTvXLpgpqI).

Mit einem Gratulationsvideo zu Ilhan Sami Çomaks Geburtstag am 8. März 2022 hat Gino Leineweber, Vorstandsmitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, ein Gedicht von ihm gelesen, das hier vorgestellt wird.

Auf dem Video wird das Gedicht in Englisch vorgetragen.

Hier folgt der Text mit einer anschließenden deutschen Übersetzung.

FEATHER COLLECTING
By Ilhan Sami Çomak
Translated by Caroline Stockford

With my conscious dark I correct my writing
Why did I clap and come into this world?

Hear me

I asked the world whilst in your presence:
Why did I land?
These days my mind is seeded with flight
Not with the static stare of stone, but degree by degree
With a flight that denies the road

With the boundlessness that opens the woven cage of sky:
Frighten me
Prove me the stars’ slightest movement!
My consciousness I refresh in the darkness
Bird feathers I collect for you

At the sound of wings the pomegranate cracks
From the hoop that is love to the palm of the leaf
I came from the stratum of rain in the conscious-raising roar
I drank water
From this stairway of no sound and into the world
why did I come?

I sing songs with the distant dream of flying
my name suits well to blue, and you
Your name fits the distances
The wind blows, the wind is blowing, shadows leaning
I collect up the blowing, the footstep sounds of morning
The clear destiny of laughing to your heart’s content,
Yes, in this realm of sheer habit why did life
Come to me?

The limitless law of flight is steeping in your warmth
The lightness of embracing my awareness refreshes

What meaning has flying
I have bird feathers
I have the sky
A heartbeat that is washed by your smiles
I have that.

 

Ein Gedicht von Ilhan Sami Çomak
Aus der englischen Version von Caroline Stockford übersetzt von Gino Leineweber

Im Dunkel des Bewusstseins ändere ich meine Texte
Warum erfreute es mich in diese Welt zu kommen?
Höre!
Ich fragte die Welt als du bei mir warst:
Warum bin ich hier?
Mein Geist ist jetzt vom Fliegen berauscht
Nicht mit statischem Starren auf Mauern
sondern Stufe für Stufe
Vom Fliegen ohne Straßen zu berühren

Grenzenlosigkeit die den gewebten Himmelskäfig öffnet:
Lasse mich schaudern
Zeige mir die kleinsten Bewegungen der Sterne!

Im Dunkel erfrische ich mein Bewusstsein
Sammle für dich Vogelfedern
Vom Flügelschlag platzt der Granatapfel
Das Band der Liebe umspannt Palmenblätter
Ich kam aus den Regenwolken
im bewusstseinssteigernden Tosen
Wassertrinkend
Stillschweigend in die Welt:
Warum?

Ich träume Lieder von fernem Fliegen
Mein Name ist passend zum Blau
und deiner
Deiner zur Ferne

Der Wind bläst, weht und die Schatten neigen sich
Ich sammle das Wehen, die Trittgeräusche des Morgens,
Die heitere Fügung nach Herzenslust zu lachen
Ja und im Reich der reinen Gewohnheit die Frage:
Warum?
Warum ist das Leben zu mir gekommen?

Die grenzenlose Bestimmung des Fliegens taucht in deine Wärme ein
Die unbeschwerte Umarmung erfrischt mein Bewusstsein

Welchen Sinn hat Fliegen?
Ich habe Vogelfedern
Den Himmel
Und mein Herz ist von deinem Lächeln umspült
Das ist was ich habe

 

 

Autor: Gino Leineweber

Gino Leineweber, Jahrgang 1944, lebt und arbeitet als Schriftsteller und Poet in seiner Heimatstadt Hamburg. Von 2003 bis 2008 war er Redakteur der Buddhistischen Monatsblätter (BM). 1991 bis 2015 gehörte er der Deputation der Kulturbehörde Hamburg an. Er ist seit 2015 Ehrenvorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung. Von 2013 bis 2020 war er Präsident des Three Seas Writers’ and Translators’ Council (TSWTC) mit Sitz in Rhodos, Griechenland. Zurzeit ist er Mitglied im Vorstand des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und Vorsitzender des Fördervereins Buch e. V.

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