Was Körper und Geist im Inneren verbindet

Mit dem gut 200 Seiten starken Gedichtband „Silberfäden“ legt Gino Leineweber in einer Gesamtausgabe seine beiden ersten Sammlungen vor. Der Verleger und Poet Simo Eric aus dem Verlag „Das Bosnische Wort“ würdigt den international vernetzten Lyriker und Verleger in seinem Vorwort.

Dessen Lyrik wechselt zwischen – philosophischen – Blicken auf das große Ganze und situativen Betrachtungen einzelner Themen, Erlebnisse und Empfindungen. Der Autor verhandelt ehrlich und unverstellt, ohne inhaltliche oder formelle Attitüden, in knapp formulierten, prägnanten und überwiegend kurzen Poemen den jeweiligen Gegenstand seines Gedichts. Dabei lässt er angenehmen, aber nicht zu großen Raum für die Interpretation. Er bezieht Position, ohne eine Lesart zu vorzugeben. Ernste Themen, auch bedrückende wie das Leid, das Menschen an anderen begehen, wechseln mit lakonisch-humorvollen Texten ab, wenn der Autor sich selbst, aber auch das vermeintlich typisch Männliche bzw. Weibliche aufs Korn nimmt.

Der Einblick in männliches Empfinden, humorvoll zuweilen, manchmal auch größte Pein durchlassend, ist faszinierend. Das Alter(n), die Rolle in Beziehungen und in der Welt geht in die Lyrik ein und trägt zwischen den Zeilen Ungesagtes weiter, das nach der Lektüre fortwirkt. Die poetische Auseinandersetzung mit weltlichen Dingen wie Besitz und Status bleibt so angenehm zurückhaltend und verknappt, dass das Nachdenken darüber und das Herstellen eines Bezugs zur eigenen Lebenssituation fast unbemerkt beginnen. Von der allumfassenden Perspektive zurück im Detail, zeigt Gino Leineweber auf, was wir alle in den Beziehungen zu unseren Familien und Partnern erleben und versäumen. Berührend spiegelt er u.a. Bande zwischen Vater und Sohn, das als selbstverständlich Hingenommene der elterlichen Zuwendung und Versorgung, die Angst, dass es zu spät sein könnte, etwas zu äußern. Auch Prägungen der Kindheit sind eindrucksvoll Thema:

Schulzeit

Fliehen lernen
Andere Welten
Endlich lesen

Dabei schreibt er mal mit lyrischem Ich, mal in der dritten Person, was eine distanzierte, originelle Perspektive ist. Dass der Lyriker hieraus jedoch kein Dogma macht, sondern offensichtlich für jedes Gedicht entscheidet, ob es ein lyrisches Ich – oder ein Du – bekommt oder nicht, zeigt die aufmerksame Komposition. Überhaupt lassen die Gedichte den Schluss zu, dass Gino Leineweber ein reflektierter und bewusst wahrnehmender Mensch ist. Ein Gedicht aus dem ersten Kapitel empfinde ich als wegweisend:

Ich

Das Ich ist
Was Körper und Geist
Im Innern verbindet

Die Mitte der Platz
An dem
Von Augenblick zu Augenblick
Sich das Bewusstsein findet

Mich haben die Gedichte inspiriert, innezuhalten, hinzusehen, meine Innen- und Außenwelt bewusster wahrzunehmen und die Empathie für meine Mitmenschen nicht zu vergessen.

Immer schön cool bleiben

„O tempora, o mores”, ruft die Lehrerin in gespieltem Entsetzen aus, während ihre Klasse sich trotz ihrer Bitte um Ruhe und Ordnung schreiend und schubsend in den S-Bahn Waggon ergießt. Im Nu liegen Ranzen und Rucksäcke wild verstreut am Boden und ein zäher Kampf entbrennt um die Fensterplätze. Als zwei halbwüchsige Rowdys mit den Fäusten aufeinander losgehen, greift die Lehrkraft entschlossen ein: „Also, Daniel, Jörg, immer schön cool bleiben“, mahnt sie mit beschwörender Stimme und erinnert dabei lebhaft an eine Dompteurin im Raubtierkäfig.

Auf der Rolltreppe begegne ich den beiden Kampfhähnen wieder. Ihre Streitigkeiten haben sie inzwischen beigelegt. Dafür belästigen sie jetzt voller Inbrunst andere Leute, indem sie sich mit verschränkten Armen vor ihnen aufbauen und sie am Verlassen der Treppe hindern. Eine elegante ältere Dame, die offenbar den Anschlusszug noch erreichen will, versucht sich mit aller Macht an ihnen vorbei zu winden.
„Hey, du alte Gruftspinne, mal’n bisschen mehr Benehmen“, sagt der eine der beiden Flegel. Da entfleucht der Frau, die vor Wut putterot angelaufen ist, ein Wort, das zivilisierte Menschen üblicherweise mit „Armleuchter“ zu umschreiben pflegen. Wie von einem Zauberstab berührt, treten die Jungen zur Seite und sehen der eben noch Geschmähten mit unverhohlener Ehrfurcht nach. „Echt geil“, sagt der eine, „was die Mutter für Ausdrücke drauf hat.“

Nachwort: Das oben Geschilderte widerfuhr mir wenige Wochen vor dem ersten Lockdown, als unser Dasein in geregelten Bahnen verlief und wir alle noch unmaskiert die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen durften. Da tobte das pralle Leben, wozu auch gelegentliche verbale Entgleisungen von frechen Buben wie Daniel und Jörg gehörten. Ich gestehe, dass diese mir jetzt viel weniger ausmachen würden als die gegenwärtige depressive Stimmung, die wie Blei auf uns allen lastet.

 

Blume des Jahres 2021

In Norddeutschlang ist der Große Wiesenknopf vor allem entlang der Elbe und Weser zu finden.. Foto: Julian Denstorf
Der Große Wiesenknopf wächst in Norddeutschland vor allem entlang der Elbe und Weser in den Flussauen. Foto: Julian Denstorf

Der Schutz gefährdeter heimischer Pflanzen liegt der Hamburger Loki Schmidt Stiftung sehr am Herzen. Aus diesem Grund wählt sie unter anderem bereits seit 1980 jährlich die Blume des Jahres. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 gab die Botanikerin Loki Schmidt die Wahl immer selbst bekannt. Seitdem erfolgt nun die Bekanntgabe stets am 21. Oktober, dem Todestag der Kanzlergattin.
Die Stiftung entschied sich im vergangenen Jahr dafür, den Großen Wiesenknopf zur Blume des Jahres 2021 zu küren und sich damit für den Erhalt seines Lebensraumes, den schonend genutzten Grünflächen, einzusetzen, die in den letzten 50 Jahren stark zurückgegangen sind. Diese Flächen sind heutzutage häufig unwirtschaftlich und werden vielerorts trockengelegt oder zu Äckern umgewandelt.
Die Blume des Jahres 2021 wächst vom Hügelland bis in beinahe alpine Höhen auf sonnigen oder halbschattigen wechselfeuchten Wiesen. In Norddeutschland ist die Art nur selten vertreten. Hier findet man den Großen Wiesenknopf vor allem entlang der Flüsse Weser und Elbe in den Flussauen und auf frischem Grünland.
Einst galt der Große Wiesenknopf, der zur Familie der Rosengewächse gehört, als wichtige Heilpflanze. Im Mittelalter glaubte man, dass er vor Pest und Tuberkulose schützen könne. Auch in der heutigen Zeit sagt man ihm noch gewisse Heilkräfte nach. So soll er unter anderem blutstillend und entgiftend wirken sowie gegen Verdauungsbeschwerden helfen. Darüber hinaus gilt der Wiesenknopf als wichtige Nahrungsquelle für Schmetterlinge, Bienen und Ameisen.
Wer mehr über den Großen Wiesenknopf erfahren möchte, kann sich an die Loki Schmidt Stiftung in Hamburg wenden. Dort kann außerdem der traditionelle Kalender bestellt werden, der neben Fotos der Blume des Jahres auch Abbildungen anderer Pflanzen enthält.
info@loki-schmidt-stiftung.de
Telefon: 040-2840998-0