Kafka und Meran – vor genau hundert Jahren

Im Jahre 1920 weilt der damals fast 37-jährige Franz Kafka von April bis Ende Juni in der Kurstadt Meran, um näheres über seine Tuberkulose zu erfahren. In dieser Zeit beginnt der Schriftsteller auch einen Briefaustausch mit der beinah 24-jährigen Milena Jesenská, seiner Übersetzerin und Geliebten. Eine kleine Sonderausstellung gibt es dazu seit dem 29. Mai 2020 in einigen restaurierten Räumen des Touriseums im schönen Schloss Trauthmannsdorf, bekannt wegen seiner wunderbaren Gärten.

Natürlich hatte auch der Luftkurort Meran im Jahre 1920 gerade den ersten Weltkrieg hinter sich und musste daher erstmal mit den schwerwiegenden politischen sowie wirtschaftlichen Folgen zurechtkommen. Besonders deshalb, weil Südtirol laut dem Vertrag von St. Germain-en-Laye von 1919 Italien zugesprochen wurde und eine neue politische Bewegung, welche die nächsten zwanzig Jahre das Land regieren würde, bereits im Aufmarsch war. So musste man sich damals auch in Meran der Kultur aus dem Süden öffnen. Und das nur 324 Meter über dem Meeresspiegel liegende Tiroler Städtchen wollte auch im neuen Staat Italien auf jeden Fall ein Luftkurort bleiben.

Pension Ottoburg

Viele berühmte Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Christian Morgenstern, Clara Schuman oder Edvard Grieg waren genauso in Meran zu Gast. Doch der Aufenthalt Franz Kafkas war allein seinem Gesundheitszustand geschuldet. Ein nächtlicher Blutsturz bereits im Jahre 1917, die Erkrankung an der Spanischen Grippe, eine Lungenentzündung im Jahre 1918, einige wenig bringende Aufenthalte in anderen Kurorten brachten den im Jahre 1883 in Prag geborenen deutschsprachigen Schriftsteller schließlich auch nach Meran.

Briefe an Milena

Dessen Aufenthalt in Meran ist schon durch seine Korrespondenz belegbar. In einem Brief an Milena Jesenká vermerkt Kafka aus Meran-Untermais, wo er offenbar in der Pension Ottoburg logierte, Folgendes: “Liebe Frau Milena, von Prag schrieb ich Ihnen einen Zettel und dann von Meran. Antwort bekam ich keine.” Ein weiterer Brief des Schriftstellers an Milena Jessenská bekundet in seiner Frage am Ende vielleicht sogar etwas Sehnsucht: “Ist es schön bei Ihnen zuhause?” Und wieder deutet Kafka daraufhin, dass er in Meran-Untermais, Pension Ottoburg wohnt. Mehr über seine Eindrücke in Meran erzählt der Schriftsteller ausdrücklich in einem Absatz eines anderen Briefes: ”Ich lebe hier recht gut, mehr Sorgfalt könnte der sterbliche Leib kaum ertragen, der Balkon meines Zimmers ist in einen Garten eingesenkt, umwachsen, überwachsen von blühenden Sträuchern (merkwürdig ist die Vegetation hier, bei einem Wetter, bei dem in Prag fast die Pfützen gefrieren, öffnen sich vor meinem Balkon langsam die Blüten), dabei voll der Sonne ausgesetzt (oder allerdings den tiefbewölkten Himmel, wie seit fast einer Woche schon), Eidechsen und Vögel, ungleiche Paare, besuchen mich: Ich würde Ihnen Meran so sehr gönnen, Sie schrieben letzthin einmal vom Nicht-atmen-können, Bild und Sinn sind darin sehr nah und beides mag hier ein wenig leichter werden.” In den nächsten “Briefen an Milena” steht über Meran dann nichts Genaueres mehr. Das Verhältnis zwischen Franz Kafka und Milena Jessenská soll auch etwas schwierig gewesen sein.

Willy Haas schrieb 1952 in seinem Nachwort zu “Franz Kafka, Briefe an Milena”, erschienen im Fischer Taschenbuch-Verlag, Folgendes: “Der Übergang in seine leidenschaftliche Bindung lässt sich aus seinen Meraner Briefen 1920 verfolgen. (…) es ist eigentlich nur ein Augenblick – der Augenblick, in dem sich Kafka klar darüber wird, dass er nicht mehr frei in seinen Entschlüssen ist, dass er nicht von Meran über München oder eine andere Strecke nach Prag oder in ein böhmisches Bad zurückkehren kann, sondern über Wien, wie es Milena vom ihm verlangte, die dort in einer sich allmählich auflösenden Ehe lebte. Auch Kafka war nicht frei, seine Situation war der ihren nicht unähnlich, eine Verlobte wartete auf ihn in Prag, mit Hoffnung auf baldige Ehe, aber mit ebenso wenig Aussicht auf eine solche, wie vorher schon eine andere Verlobte, die wir nur als ‚die Berlinerin‘  kannten. Der einzige Unterschied: Beide Male – oder eigentlich dreimal, denn er war wohl zweimal mit demselben Mädchen verlobt, bedeutete der Bruch offenbar eine schwere Krise im Leben dieser Mädchen. Während Milenas Auflösung von ihrem Mann vermutlich ganz ohne jede Tragödie ausgegangen wäre, wie es einige Jahre später auch wirklich geschah.”

Es sind von Franz Kafka aber noch andere Briefinhalte erhalten geblieben, die uns auch nach einem Jahrhundert einige Einzelheiten über ihn selbst, seine Pension und seine Wirtin berichten. Und das ist durchaus interessant, weil Franz Kafka in Meran alles schätzte, außer der etwas fantasielosen Küche seiner Wirtin eben. Wir wissen, dass Kafka Veganer und als solcher daher im Essen ausgesprochen anspruchsvoll war.

Kafka als Aufhänger?

Die ganze Ausstellung, die eigentlich der Geschichte sowie touristischen Entwicklung der Stadt Meran und Südtirols gewidmet ist, hat im Grunde genommen über den Aufenthalt Franz Kafkas in der in Südtirol sogenannten Passerstadt (die Passer ist der Fluss, der aus dem Passeiertal kommt und auch Meran durchfließt, deshalb nennt man Meran die Passerstadt) außer dem Dutzend Briefe, vielleicht ein paar mehr, sonst wenig anzubieten. Es gibt nur noch einige historische Fotos, auf denen zum Beispiel auch die inzwischen nicht mehr existierende Pension Ottoburg abgebildet ist.

Für die so bedeutsamen Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hat man den Schriftsteller Franz Kafka als Bezug nehmen wollen, ohne ihn vielleicht aber in diesem Kontext gebührend genug zu würdigen. Wahrscheinlich hatte man wenig Ausstellungsmaterial zur Verfügung, aber sicherlich hätte man den Aufenthalt Kafkas in Meran etwas aufwendiger und prunkvoller inszenieren können.

Besucht man nämlich die Ausstellung als Freund der deutschen Literatur, wird man schnell davon überzeugt, dass Franz Kafka in der insgesamten Ausstellung des Touriseums nicht viel mehr als eine berühmte Komparse ist. Ist das nicht eine Zumutung? Den Schriftsteller Franz Kafka beinahe nur als “Marketing-Aufhänger” für eine Ausstellung zu benutzen, die eigentlich Landesgeschichte und Tourismus vermischt, ist wie ein Stich mitten ins Herz! Für einen Freund der Literatur ganz sicher.

Diese Sonderausstellung über Kafka in Meran ist noch bis zum 5. Oktober 2020 zu sehen.

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Autor: Gontran Peer

Jahrgang 1957, u.a. ehemaliger Verlags- und Mediendienstleister, Lyriker, dichtet deutschsprachige lyrische Miniaturen, die sich an der traditionellen japanischen Kurzlyrik inspirieren.

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