Die Stadt, die niemals schläft – Hanna Malzahn stellt in Cuxhaven aus

von Jutta de Vries

„Downtown“
Foto: Hanna Malzahn

Am 7. Juli wurde um 11 Uhr die Ausstellung „Die Stadt, die niemals schläft“ mit Gemälden von der Hamburger Künstlerin Hanna Malzahn im Schloss Ritzebüttel in Cuxhaven eröffnet. Hier folgt ein Gastbeitrag der Kulturpädagogin Jutta de Vries zur Einführung in die Ausstellung. Sie hat diese Einführungsrede am 7. Juli vor Ort gehalten. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. August zu sehen.

Musik: Frank Sinatra, New York, New York

Weil alle lebenden jungen Musiker im Cuxhavener Umkreis schon ihre Sommerferien genießen, ist ein berühmter Sänger für uns heute morgen eingesprungen, wenn auch leider nur digital: Frank Sinatra mit „New York New York“, „the city that doesn’t sleep“ Ich möchte erwachen in der Stadt, die niemals schläft, und wenn ich es da schaffen kann, dann schaff ich es auch überall“ — Haben Sie den drive, die Unrast, die Gier nach Leben in der Anonymität, aber auch die Bewunderung für ein solches steinernes Riesengebilde „Weltstadt“ in der Musik gespürt?

Die Malerin, Illustratorin, Buchkünstlerin und Fotografin Hanna Malzahn aus Hamburg ist genau so fasziniert von der Stadt, die niemals schläft. Nach dem Studium Mode und Textildesign und der Pädagogik war sie als Lehrerin an Berufsschulen und am Landesinstitut für Lehrerbildung tätig. Seit ihrer Ateliergründung 2009 hat sie an vielen Orten ausgestellt. Sie ist Mitglied in den Künstlervereinigungen GEDOK und BBK, außerdem Kuratorin am Berenberg-Gossler Haus in Hamburg.

Gerade erscheint ihr erster Bildband zusammen mit Lyrik der Hamburger Literatin Maren Schönfeld. Ein Probeexemplar ist auch hier einzusehen.

Sinatras „Stadt, die niemals schläft“ geht mit der neuen Ausstellung von Hanna Malzahn eine Symbiose ein. Das titelgebende Werk hat Sie schon auf der Einladungskarte und gleich als erstes hier beim Eintritt in den Galeriesaal begrüßt. Die Künstlerin zeigt anstelle von New York ihre Stadt Hamburg, die niemals schläft, zumindest nicht auf St. Pauli, Nachtschwarz und doch glühend überlagern sich die vielen schnellen und flüchtigen Eindrücke des Vergnügens, einer ambivalenten Scheinwelt – heisst „dollhouse“ nun Puppenhaus oder verrücktes Haus? Ist die Freiheit wirklich groß? Und wo sind die Menschenmassen, die sich stets durch das Viertel wälzen? Viele Fragen, die wir uns als Betrachter*innen stellen werden.

Eine Stadt, die niemals schläft…
Schloss Ritzebüttel
Foto: Maren Schönfeld

Gleich nebenan befinden sich ja die Gedächtnisräume für den berühmtesten Herrn auf Ritzebüttel einst im 17. Jh., Amtmann Barthold Heinrich Brockes, der sah alles ganz anders. In seiner Dichtung kam die Stadt nicht vor. Wenn sich der Herr Senator, der Pflichtjahre im damals zu Hamburg gehörenden Elbe-Bollwerk Ritzebüttel ableistete, nach der damals schon riesigen Stadt Hamburg sehnte, dann nur nach seinem geliebten Garten vor dem Steintor. Gottes Schöpfung hier auf Erden in der Natur zu feiern, war ihm als Dichter das Höchste: „weil bey den Farben und Figuren so wunderschöner Kreaturen zugleich des Schöpfers Gegenwart unleugbar wird ihm vorgestellt“, so heißt es in einem Gartengedicht aus der Sammlung „Irdisches vergnügen in Gott“.

Während Brockes zu seiner Zeit der beginnenden Aufklärung ein Universum der Fülle in der Natur aufzeigt, macht Hanna Malzahn ein Universum sichtbar, das genau da ansetzt, nämlich im menschlichen Fortschrittsglauben und Erfindergeist, der mit dem barocken Gottesbild nicht mehr viel gemein hat. Es türmen sich die Fragmente der Stadtansichten, berühmte oder austauschbare, die in allen Großstädten der Welt zu finden sind; die wir zu kennen meinen, aber wir können keine so richtig finden, denn es handelt sich inhaltlich um Projektionen der Wirklichkeit auf Wunschtäume oder Horrorvisionen. Da verwandelt sich die Welt in Luftschlösser, in Wolkenkuckucksheime; es sind Fragmente einer universellen Urbanität, die um uns herum tanzen, aus dem Lot geraten, sich spiegeln oder in Nebelschwaden versinken.

Die Bodenhaftung scheint verloren, der Taumel in eine weite Vernetzung von Erinnerungswelten nimmt seinen Lauf, wie es in der Werkgruppe „Fragmente der Welt“ gut ablesbar ist. Da findet sich das St.Pauli-Theater auf dem Eiffelturm, der Topkapi Palast an den Wassern der Elbe, Shanghai und New York sind auch nicht weit, in den Hafensilhouetten erscheinen die Bibliothek von Ephesus und auch die Elphi, alles tanzt zusammen, über- mit- oder gegeneinander, so dass es scheint, als ob der Mensch hier gar keinen Platz mehr hat. er ist auch in der Tat nirgends sichtbar, nur seine Spuren, Spuren der Genialität, Spuren der Erfindungsgabe,

Spuren der Maßlosigkeit, des immer größer, höher, weiter….

Freude am Spiel, an der Farbe, an der Form bilden in Hanna Malzahns Arbeiten die Menschheit und ihr Tun und Lassen als Metapher unausgesprochen hinter den Fassaden ab. Der Bau von Behausung ist als Schutz und individueller Rückzugsraum des Menschen eine frühe Kulturleistung, die heute in immer anonymeren Megastädten ohne Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse kumuliert.
Denn abseits der offensichtlich humorvollen, vielfach heiter wirkenden Darstellungsweisen in Hanna Malzahns Werken werfen sich Fragen auf: Wie hat sich die Welt – nicht erst seit Barthold Heinrich Brockes – gewandelt, wie steht es mit der Landflucht, warum wird so sozial unverträglich in den Städten gebaut, wer zieht die Finanz-Fäden, wo sollen Kinder spielen, sind Einkaufstempel aus Glas und Stahl vorrangig, wie gehen Ballungszentren mit der Anonymität, den Einsamkeiten des einzelnen um, wie ballt sich Kriminalität, wer bezahlt die immer höheren Mieten, wo gibt es öffentliches Grün, wie verloren fühlen sich Neuankömmlinge? Kurz gesagt: wo findet sich der Mensch geachtet als Individuum oder als soziales Wesen?

Es gibt aber auch viele positive Aspekte von Stadt, die nich ungenannt bleiben sollen: Die Angebote von Lebensvielfalt sind groß, Wahlmöglichkeiten jeder Art sind gegeben, Interaktion, Information, Bildung, Kultur, Arbeit – die Liste ließe sich weit ergänzen.

Hanna Malzahn
Foto: Maren Schönfeld

Und alles findet sich unausgesprochen in den Arbeiten von Hanna Malzahn. Wir sehen farbsatte Leinwände unterschiedlicher Formate, auch als Triptychon und Diptychon zusammengestellt, um die epischen Möglichkeiten zu intensivieren. Hannas vielfältige Darstellungsmittel reichen von grafischen Zeichen über Papier-und Materialcollage, Monotypie, Prägedruck und Hochdruck auf Seide bis zu den feinsten Farblasuren in Acryl und Öl, die Fotografie nicht zu vergessen. Alles läßt sich auf den Leinwänden zu geschlossenen Kompositionen verbinden, unverwechselbar stilbildend.
Die Künstlerin setzt ihrer surrealen Ideen gern mit den Mitteln der Collage und deren verwandten Techniken sehr subtil und mit neuen Mitteln um. Picasso und Braque, die Collage-Erfinder, und auch Hannah Höch, die Collage-Meisterin zu Beginn des 20.Jh.,hatten davon noch keine Ahnung. Mit ihrer brillanten Weiterentwicklung der Collagetechnik könnte Hanna Malzahn durchaus Hannah Höchs Enkelschülerin sein.

Giorgio Morandi, großer italienischer Maler, meint zum Thema Erfindung: „Nichts oder nur sehr wenig ist neu in dieser Welt, wichtig ist die verschiedenartige und neue Position, in der ein Künstler die Dinge der so genannten Natur und die Werke, die ihm voraus gegangen sind und ihn beschäftigt haben, auffasst oder sieht.“

Im aktuellen Werk von Hanna Malzahn wird das globale Architekturthema in ständigen Variationen weiterentwickelt. Dabei ist formal der konstruktivistische Bauhausgedanke als geometrisches Strukturpotenzial immer vorhanden, in  manchen Werken wird er zum Thema, (Bauhaustryptichon, Downtown). Auch der Kubismus ist niemals weit, das zeigt sich explizit in den gläsernen Brüchen Hamburger EinkaufsGalerien (Fenster I+II). Auf den Grundformen bauen sich dann Liniengefüge, Farbflächen und orthogonale Baukörper in schwereloser Gliederung auf, die oftmals über den Bildrand hinaus ins Weite wachsen. Sie fluten mit ihren rhythmischen vertikalen Höhenschwingungen schwebend ins eigentlich Unfaßbare. Tiefenschärfe und Bewegungsstruktur werden durch repetitive Schichtungen und reliefartige Collage-Einschübe erzielt, die das Licht auf besondere Weise brechen, alles lebt, virulente Farben mischen sich ein. Es dominieren Türkis und verwandte Blauklänge, die mit den komplementären Rot-Violetts spielen. Schwarztrübungen leuchten und werden in den neuesten Werken zum Thema.
Paul Klees Farbklavier wird von Hanna virtuos bespielt.

Die atmosphärisch heitere Palette der leuchtenden Zwischentöne findet sich auch in den neuesten Arbeiten. die speziell für Ritzebüttel entstanden sind. Hier sind kostbare Türen und Fenster der Welt vereint in einem großen Triptychon, wenn das keine Symbolkraft hat! Warum nur sind sie, in ihrer ganzen Schönheit und Farbprächtigkeit, geschlossen?

Im Werk daneben zeigen die Türen in Hamburgs durchaus problematischen Szeneviertel, Am kleinen Schäferkamp, das Kontrastprogramm, aber eine ähnliche Geschlossenheit. Verstärkt wird die Abgrenzung nach außen hin noch durch authentische Botschaften: „Parken verboten“ „Hunde nicht erlaubt“ „Kein Zutritt“. Womöglich aber zeigen die Türen ihren Betrachter*innen ja besonders ihre künstlerische Schönheit, ihre revolutionären Botschaften, was nur in geschlossenem Zustand geht? Denn eigentlich wollen wir Menschen doch nur eins nach einer langen Wanderung durch die Welt unseres Lebens: offene Türen, Fenster, offene Arme, nach Hause kommen.
Home, home, home! schreit dann auch das graffitto gleich nebenan.

Auch die Stadt, die niemals schläft, ist Heimat, hinter jeder Tür, jedem Fenster, wächst eine ganz individuelle Geschichte.

Triptychon Kleiner Schäferkamp
Foto: Hanna Malzahn

 

 

 

 

Hanna Malzahn
„Die Stadt, die niemals schläft“
7.7. bis 25.8.2019, Schloss Ritzebüttel Schlossgarten 8, 27472 Cuxhaven
www.cuxhaven.de/schloss-ritzebuettel
Tel. 04721-721 812

„Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“ – Maren Schönfeld las aus ihrem neuesten Buch

Maren Schönfeld, Sabine Witt
Foto: Wolfgang Schönfeld

Nicht umsonst beginnt das neueste Buch von Maren Schönfeld, der preisgekrönten Lyrikerin, mit einem Gedicht: „Du hast mir den Rücken gebeugt, mir im Nacken gesessen, meine Träume aufgezehrt, mir die Zeit gestohlen…“ Schon die ersten Zeilen von „Strategie des Schmerzes“ treffen den Leser mitten ins Herz. Da schreibt eine Autorin, die es von frühester Kindheit an lernen musste, mit teilweise unerträglichen Schmerzen zu leben. Da, wie Maren Schönfeld bereits im Vorwort anmerkt, Krankheit in unserer Gesellschaft als Störfaktor wahrgenommen wird, stellt der Umgang mit einem chronischen Leiden, gegen das bis heute kein wirksames Medikament entwickelt wurde, eine fast übermenschliche Herausforderung für die Betroffenen dar. Aber das Buch der Autorin mit dem etwas sperrigen Titel „Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“, soll all jenen Mut machen, die sich bereits in ihr Schicksal ergeben haben und resigniert meinen, man müsse das Leiden halt so hinnehmen. Dass dies nicht so ist, beweist dieses schmale Werk auf jeder seiner 148 Seiten.

Odyssee durch Arztpraxen

Die in Kapitel 1 geschilderte gesundheitliche Geschichte der Autorin beschreibt ihre schier unendliche Odyssee durch die Praxen von Orthopäden, Physiotherapeuten, Allgemeinmedizinern und Schmerztherapeuten. Verblüfft sind alle über die enorme Beweglichkeit ihrer Patientin, die zudem noch regelmäßig Yoga treibt. Doch gerade diese „Hypermobilität“, die einer der Ärzte schließlich diagnostiziert, ist Maren Schönfelds Problem. Hier liegt der Schlüssel, der der Patientin ihr Krankheitsbild in einem anderen Licht zeigt und sie nach Rücksprache mit Fachleuten darin bestätigt, dass ihre Strategien, mit den Schmerzen zu leben, die einzig richtigen sind.

Akribisch blättert Maren Schönfeld ihr Leben vor uns auf, beginnend mit ihrer Geburt im Jahre 1970. Nachdem die Großmutter feststellt, dass ihr neun Monate altes Enkelkind zwei verschieden lange Beine hat und verschiedene Ärzte sich dieses Problems annehmen, beginnt eine unendliche Leidenszeit für das kleine Mädchen. Nur ein paar Stichworte: Die diagnostizierte Hüftdysplasie und linksseitige Hüftluxation erfordern nicht nur ständiges Röntgen, sondern auch Spreizhosen und Eingipsung bis zur Taille. Schlimmer geht’s nimmer. Oder etwa doch? Der aufmerksame Leser wird auf den folgenden Seiten eines Besseren belehrt und wundert sich darüber, was ein Mensch – zumal ein so junger – alles aushalten kann.

Foto: Wolfgang Schönfeld

Maren Schönfeld protokolliert in den folgenden Kapiteln, wie sie trotz aller Widerstände und Schmerzen ihr Leben gemeistert hat. Es muss nicht betont werden, dass sie es in der Schule, wo Sport immer eine übergeordnete Rolle spielte, nicht leicht hatte. Da Maren langsam ist, wird sie nolens volens von den Mitschülern als Letzte in eine Mannschaft aufgenommen und mit Hand- und Medizinbällen attackiert, wenn sie im Tor steht. Aber Schwamm drüber, denn die Autorin hat einen wachen Verstand und kompensiert all diese Widrigkeiten mit ihrem Interesse an Literatur. Während andere laufen, springen und turnen, verschlingt sie Bücher von Erich Kästner, Christine Nöstlinger, Astrid Lindgren, Otfried Preußler und anderen Autoren. Ein gutes Beispiel dürfte Astrid Lindgren, die geistige Mutter von Pipi Langstrumpf, gewesen sein, die bekanntlich mit dem Schreiben ihrer weltweit berühmten Werke begann, als eine längere Krankheit sie ans Bett fesselte.

Zwischengedichte

Und da sind wir bereits bei einem weiteren Aspekt von „Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“ – Maren Schönfelds wunderbaren Gedichten, die sie zwischen die Kapitel über ihre Krankheitsgeschichte eingestreut hat. Nicht immer leichte Kost, wie das folgende Gedicht „An der Angsthand“ beweist:
Gehen
kleine Schritte
die Angsthand hält
das klopfende Herz
keine Angst sagt die Angst
ich bin ja da lasse dich nicht
(S. 100)

Vom Alltag mit chronischen Schmerzen

In Kapitel 7 schildert Maren Schönfeld ihren Alltag mit „benennbarem“ und „unbenennbarem“ Schmerz. Sie weist darauf hin, dass alles Benennbare von anderen akzeptiert und mit Ratschlägen bedacht wird, während der Leidende mit dem nicht benennbaren Schmerz ganz allein ist und keine Hilfe von außen erwarten kann: „Du gehst durch tiefste Täler und stehst irgendwann wieder oben, und nebenbei lebst du dein Leben, spielst deine Rollen, und vielleicht ist das für andere Menschen das Hauptleben“, schreibt sie. Noch tiefere Einblicke in das zum Teil grausame Erleben der Betroffenen gewährt Maren Schönfelds Gedicht „Schmerz pur“ auf Seite 105.

Das vorletzte Kapitel dieses aufrüttelnden Buches beinhaltet alphabetisch geordnete „Praktische Stärkungen von A bis Z“, beginnend bei Arbeit, über Bewegung, Disziplin und Experimentieren bis W wie Wärme. Zu Z ist ihr nichts eingefallen, dafür aber zu gerade für die Damenwelt wichtigen Themen wie Kleidung, Kosmetik, Kultur und Schuhe. Letzteres dürfte jedoch ein Problem darstellen für jene Frauen, die gern auf sogenannten high heels herumstöckeln, auch wenn die Füße schmerzen. Maren Schönfelds Credo lautet: “Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir nur Schuhe tragen, in denen wir so gut wie möglich gehen können.“ Gut gebrüllt, Löwin. Aber sei’s drum.

Zu guter Letzt noch ein paar wertvolle Tipps von A bis Z im Hinblick auf mentale Stärkungen: Von Annehmen und Achtsam sein bis Zutrauen. Dem letzten Punkt, der sich eingehend mit dem Fortschritt der Medizin und besseren Behandlungs- und Heilungsmethoden als im Jahr des Heils 1970 befasst, sollte besondere Beachtung geschenkt werden. Denn hier keimt Hoffnung für alle Betroffenen auf.

Wer sich durch Maren Schönfelds Buch „durchgeackert“ hat, ist um viele Erkenntnisse reicher. Es dient auch als Anleitung für uns “Gesunde“, die nur hin und wieder eine Schmerztablette nehmen, sich in die Welt jener hinein zu versetzen, die tagtäglich mit zum Teil unerträglichen Schmerzen leben müssen. Es ist daher jedem zu empfehlen – ob Schmerzpatient oder nicht. Ein wenig Demut hat noch keinem geschadet. Dieses Buch ist nicht nur wegen seines klaren verständlichen Stils lesenswert, sondern beeindruckt besonders dadurch, dass die Autorin trotz ihres Leidensdrucks an keiner Stelle in Larmoyanz verfällt.

Die Lesung fand am 12. Juli in den Bethanien-Höfen der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde in Hamburg-Eppendorf auf Einladung der Hamburger Autorenvereinigung statt. Sabine Witt, die Vorsitzende der HAV, leitete die Veranstaltung gewohnt souverän.

Buchcover
(c) Verlag Expeditionen

„Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“ ist im Verlag Expeditionen erschienen, hat 148 Seiten und kostet € 6,90 als Taschenbuch und als E-Book € 3,99.
ISBN: 978-3-947911-07-3

70 Jahre Grundgesetz – Jubiläum eines Fragments der Direkten Demokratie

Direkte Demokratie durch Digitalisierung, vorgestellt
in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin Ende Juni 2019
Foto: Immo H. Wernicke

Auf zahlreichen Veranstaltungen haben der Bundespräsident Frank W. Steinmeier und die Bundeskanzlerin Angela Merkel für das vor 70 Jahren im Mai 1949 in Kraft getretene Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als dem Garanten für die Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geworben. Historiker verweisen auf frühere deutsche Verfassungen, die bereits die wichtigsten Grundrechte enthielten. Kritiker, wie seinerzeit Bayerns Regierung oder heute der ehemalige Verfassungsrichter, Paul Kirchhof, bemängeln das Demokratiedefizit des Grundgesetzes gegenüber den Landesverfassungen und der Schweizer Verfassung. Die Digitalisierung könnte den Bürgern auch in Europa mehr politische Mitwirkung ermöglichen.

Werbung für das Grundgesetz durch Bundeskanzlerin und Bundespräsident

In ihrer Rede zum Festakt der Deutschlandstiftung Integration am 14. Mai 2019 in Berlin stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel heraus: „70 Jahre Grundgesetz – das ist in der Tat ein Anlass zu feiern“, und es ist  „immer wieder gelungen, die Werte und Rechte unserer Verfassung mit Leben zu erfüllen.“ Der Bundespräsident geht am 22. Mai 2019 in seiner Rede vor dem Bundesverfassungsgericht auf die Entstehungsgeschichte des Grundgesetzes ein: „Der Parlamentarische Rat gliederte Westdeutschland wieder ein in die liberale Verfassungstradition der Aufklärung. Und er konnte (…) an deutsche Traditionen anknüpfen, an die Verfassung der Frankfurter Paulskirche und die Weimarer Reichsverfassung“, die vor 100 Jahren in Kraft getreten war. 

Alliierte der westlichen Besatzungszonen als Geburtshelfer des Grundgesetzes

Wenig enthalten die Politikerreden über die Rolle der Alliierten als damaliger „Übergangsregierung“ bei der Entstehung des Grundgesetzes. Staatsrechtler Heinrich A. Wolff  erläutert, dass die Militärgouverneure der drei Westzonen im Frankfurter Dokument  von 1948 die Länderregierungen zur Schaffung einer Verfassung unter besonderer Berücksichtigung der Grundrechte aufgefordert hatten. Historiker erinnern daran, dass zuvor im Juni 1945 die damaligen Alliierten und ihre Verbündeten die Grundrechte in Artikel 1 (3) der Charta der neugegründeten „United Nations“ von 1945 vereinbart und in der „Declaration of Human Rights of the United Nations“ von  1948 aufgelistet hatten.

Rückschau auf die Grundrechte in älteren „Deutschen Verfassungen“  

In seiner Rede hatte der Bundespräsident auch an die jüngere deutsche Verfassungsgeschichte erinnert. Herrmann-Josef  Blankes bestätigt in seinem Band „Deutsche Verfassungen“, dass bereits die Verfassung des Deutschen Reichs v. 1849 (Paulskirchenverfassung) „Die Grundrechte des deutschen Volkes“ enthielt. § 138 legte fest „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“, und § 140 bestimmte „Die Wohnung ist unverletzlich“, § 143 sicherte die „Preßfreiheit“, und § 164 garantierte „Das Eigentum ist unverletzlich“.  Ähnlich legte die Verfassung des Deutschen Reichs von 1919, die „Weimarer Verfassung“ die „Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen“ fest.

Wie die Alliierten 1945, übergehen Bundespolitiker gerne die Landesverfassungen und deren Grundrechtegarantie. Bereits die 200 Jahre alte Verfassungsurkunde für das Königreich Württemberg von 1819 sicherte „jedem Bürger Freiheit der Person, Gewissens- und Denkfreiheit und Freiheit des Eigentums und Auswanderungsfreiheit“. In der Verfassung des Königreichs Bayern v. 1818 wurde dem Volk von Bayern „Freyheit der Meinungen“  und „Gleichheit der Gesetze und vor dem Gesetze“ zugesichert: „Der Staat gewährt jedem Einwohner Sicherheit seiner Person, seines Eigentums und seiner Rechte“ garantiert.

Strafrechtshistoriker erinnern daran, dass die Grundrechte, auch auf „guten Leumund“, seit Jahrhunderten durch die Strafjustiz in den Einzelstaaten einschließlich der Reichsstädte (Frankfurt) und der Freien Städte (Hamburg) im „Heiligen Römischen Reich“ geschützt waren. Verfassungshistoriker Gerhard Oestrich verweist auf die früheren Reichsgerichte, die die persönliche Freiheit, das Eigentum und die Religionsfreiheit vor Übergriffen der Fürsten schützen sollten.

Legitimations- und Demokratiedefizite des Grundgesetzes?

Bundeskanzlerin und Bundespräsident übergehen in ihren Festtagsreden die Legitimations- und Demokratiedefizite des Grundgesetzes. Staatsrechtler Christoph Gröpl erläutert, dass das Grundgesetz „nicht durch eine Volksabstimmung angenommen worden war“. Der Staatsrechtler bestreitet aber ein Legitimationsdefizit des Grundgesetzes, da die Wähler seit 1949 die Parteien gewählt haben, die sich “eindeutig zur grundgesetzlichen Verfassungsordnung bekannten.“

Das Demokratiedefizit besteht nach Ansicht des ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Paul Kirchhof, insofern, als den Bürgern nur wenige konkrete Mitwirkungsmöglichkeiten an politischen Entscheidungen und an der Rechtsetzung gewährt werden. Das Grundgesetz unterscheidet sich darin sowohl von den Landesverfassungen als auch von der „Weimarer Verfassung“ von 1919. Diese gewährte Mitwirkungsrechte bei der Reichsgesetzgebung bei Verfassungsänderungen durch Volksentscheide und Volksbegehren. Die an die Schweizer Verfassung angelehnten Landesverfassungen nach 1945 garantieren ebenfalls Volksentscheide, so das Land Hessen: „Das Volk handelt nach den Bestimmungen dieser Verfassung unmittelbar durch Volksabstimmung (Volkswahl, Volksbegehren und Volksentscheid), mittelbar durch die Beschlüsse der verfassungsmäßig bestellten Organe.“ Anders als das Grundgesetz wurden die Landesverfassungen durch Volksabstimmungen legitimiert. Die Schweiz ist als politisches Vorbild der Direkten Demokratie für Europa jedoch umstritten.

Grundgesetz und Lissabon-Vertrag Fragmente der Direkten Demokratie
Schweizer Botschaft ohne Absperrungen in Berlin:
Vorbild für mehr Direkte Demokratie in Europa
Foto: Immo H. Wernicke

Verfassungsrichter Paul Kirchhof würdigte in seiner 2013 gehaltenen Rede zur 60-Jahrfeier der baden-württembergischen Verfassung die politischen  Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger durch Volksentscheid, Volksbegehren und Volksinitiative. Die Direkte Demokratie ermöglicht dem „Bürger, sich mehr mit seinem Staat zu identifizieren, weil er an ihm selbst mitwirkt“, so Paul Kirchof. Er bemängelt dagegen, dass im Grundgesetz die Befugnis der Bürger zur unmittelbaren Sachentscheidung und zur Rechtsetzung fehlt, denn dies ist Parlament, Bundesregierung und Bundesrat vorbehalten. Volksentscheide sind lediglich bei Gebietsveränderungen der Bundesländer vorgesehen.

Das Reichstagsgebäude gewidmet „Dem Deutschen Volke“,
abgesperrter Sitz seiner Repräsentanten
Foto: Immo H. Wernicke

Das Grundgesetz sieht folglich weder Volksbefragungen noch Volksabstimmungen vor, auch nicht bei so einschneidenden Eingriffen in die Gesellschaftsstrukturen von Ländern und Gemeinden durch Erweiterung von Bundeskompetenzen, Steuer- und Abgabenbelastung, Verteilung von Asylbewerbern und Migranten und durch Abtretung von Souveränitätsrechten an die Europäische Union.

Auf europäischer Ebene sind mehr politische Rechte für die Bürger Fehlanzeige. So konstatiert Paul Kirchhof, dass sich die „Europäische Union im Lissabonvertrag vor direkter Demokratie scheut“. In seinem  2008 erschienen Bestseller kritisiert der ehemalige Verfassungsrichter die „Normenflut die den Rechtsstaat erdrückt“ und fordert von Politikern, Parteien  und Medien: „Gebt den Bürgern ihren Staat zurück“. Die Digitalisierung und das Internet könnten das Prinzip der Volkssouveränität des Grundgesetzes endlich „mit Leben erfüllen“.

In vino veritas – eine genussreiche Wein- und Kulturreise durch das Taubertal

Der Kaffelstein auf der Gemarkung Kreuzwertheim schräg gegenüber der Wertheimer Burg und ist eine der letzten klassischen Steillagen der Region. Heute bewirtschaftet das Weingut Alte Grafschaft den Weinberg in Handarbeit.

Lieblich ist das Tal der Tauber – ein Garten Eden in deutschen Landen. Wie Perlen auf einer Schnur reiht sich entlang der Tauber ein schöner Ort, ein romantisches Städtchen an das nächste. Da ist die Fechterhochburg Tauberbischofsheim, eine fränkische Stadt wie aus dem Bilderbuch, die Deutschordensstadt Bad Mergentheim sowie das Dörfchen Stuppach mit der berühmten Madonna von Matthias Grünewald. Um nur einige der kulturellen Höhepunkte zu benennen. In zierlichen Schleifen windet sich die Tauber durch Wiesen, Äcker und Weindörfer. Blühende Weinberge, soweit das Auge reicht.

Marketingleiter Michael Spies von der Winzergenossenschaft Beckstein freut sich auf ein Gläschen Silvaner.

In Beckstein, dem ersten Halt auf unserer Reise, werden wir mit einem fröhlichen „Grüß Gott“ zur ersten Weinprobe eingeladen. Was darf’s denn sein – ein trockener Silvaner, ein erdiger Kerner oder lieber ein im Glas rubinrot funkelnder Tauberschwarz? Im Mikroklima dieses gesegneten Landstrichs gedeihen die unterschiedlichsten Rebsorten. Das Weingut Benz bietet mit seinem „Vinasticum“ innerhalb der Becksteiner Weinwelt ein Erlebnis der besonderen Art. Während einer etwa einstündigen Kellerführung inklusive Degustation werden mittels verschiedener Lichteffekte und Farbspiele alle fünf Sinne des Genießers angesprochen. Ganz nebenbei erfährt er viel Wissenswertes über Bodenbeschaffenheit, Klima und naturgegebene Einflüsse, die den Weinanbau begünstigen. Die französische Sprache deckt all diese Faktoren kurz und elegant mit dem Wort „terroir“ ab. Und weiter geht es nach Kembach, Dertingen und Kreuzwertheim. Hier werden wir mit weiteren Kostproben edler Tropfen verwöhnt und erfahren in einem Kurzlehrgang allerlei Wissenswertes über Beschaffenheit der lokalen Böden und den Rebschnitt.

„Ein Gang durchs Taubertal ist ein Gang durch die deutsche Geschichte, ein Gang durch das alte Reich mit ziemlich leichter Barschaft des Geldbeutels“, schrieb 1865 der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich von Riehl. An der Faszination, der er seinerzeit erlag, hat sich kaum etwas geändert. Auch heutige Urlauber schätzen im Taubertal die Verbindung aus Naturerlebnis, Burgenromantik und rustikaler Gastlichkeit.

Und weiter geht’s nach Creglingen. Die gotische Herrgottskirche birgt einen Marienaltar von Tilman Riemenschneider, der erst – völlig verstaubt – Mitte des 19. Jahrhunderts bei Aufräumarbeiten entdeckt wurde. Eine Sensation, ebenso wie das benachbarte Fingerhutmuseum, in welchem Exponate zu besichtigen sind, die – man höre und staune – ein Alter von bis zu 30.000 Jahren aufweisen. Auch Tauberrettersheim, ein verschlafenes 900-Seelendorf, wartet mit zwei Kostbarkeiten auf – der eleganten, vom berühmten Barockbaumeister Balthasar Neumann konstruierten Brücke und einem spritzigen Frankenwein, der seinesgleichen sucht.

Die Külsheimer Weinkönigin Laura Behringer.

Szenenwechsel. Die Tauber ergießt sich im Weikersheimer Grafenwinkel in ein weitläufiges Tal. Wir sind inzwischen von Bayern ins Bundesland Baden-Württemberg übergewechselt. Vor uns liegt das Renaissanceschloss der Grafen und Fürsten von Hohenlohe. Hinter der schlicht-eleganten Fassade verbirgt sich ein verspielter Barockgarten mit plätschernden Springbrunnen, Putten und üppigen Blumenrabatten. Innen lockt das Schloss mit zwei Raritäten – einem Rittersaal und dem Spiegelkabinett. Nach einer ausgiebigen Besichtigung des „hohenlohischen Versailles“ steigt die Gruppe vom nostalgischen Oldtimerbus auf E-Bikes um und radelt bei strahlendem Sonnenschein und angenehmem Fahrtwind auf gut ausgebauten Radwegen gemächlich in Richtung Bad Mergentheim. Nicht nur die Sole, die hier verschwenderisch aus dem Boden sprudelt, macht den Kurort so anziehend, sondern auch die Vielfalt der historischen Bauwerke. Während die um den Marktplatz gruppierten Bürgerhäuser in der Zeit um 1500 errichtet wurden, stammt die im Stil der Gotik erbaute Marienkirche bereits aus dem 14. Jahrhundert. Glanzlicht Mergentheims ist das Deutschordensschloss mit dem historischen Kapitelsaal und der Hochmeistergalerie, das von 1525 bis 1809 Hauptsitz des Ordens war. Nach einem Stadtrundgang lautet das Motto: Von der Kultur zur Kur. Die salzhaltige Sole Mergentheims reinigt Leber und Galle. eine Wohltat nach dem reichlichen Genuss von Riesling und Tauberschwarz. An Leib und Seele gestärkt folgt ein Abstecher nach Külsheim, wo die hübsche diesjährige Weinkönigin Laura ihre Gäste mitten im Weinberg mit einem Glas kühlen Müller-Thurgau empfängt und zur zünftigen Winzervesper einlädt. „Unsere wunderbaren Weine verdanken wir dem heimischen Muschelkalkboden und unserem milden Klima“ erklärt sie und prostet uns zu.

Die letzte Etappe führt uns nach Wertheim. Die rötlichen Sandsteinmauern der Burgruine auf felsigem Grund spiegeln sich in den dunklen Fluten der Tauber. Den sanften Fluss besang der Dichter Clemens von Brentano einst in weinseliger Stimmung mit den Worten: „Tauber heiß ich, Reben schwing ich, trunken in dem Taubergrund, und den Kindern Trauben bring ich um die Hälse golden bunt.“ Verse, die gut zu dieser fröhlichen Stadt passen mit ihrer Vielzahl gemütlicher Wirtshäuser und uriger Weinstuben. Am Abend trifft sich Alt und Jung am Engelsbrunnen. Die Namensgeber – zwei lichte Engel – halten das Wertheimer Wappen schützend über die Stadt.

Zu guter Letzt noch dies: Die Kelten, die einst in dieser Region siedelten, nannten den Fluss „Dubra“, zu Deutsch „die Schwarze.“ Daraus wurde später die Tauber. Der linke Nebenfluss des Mains entspringt in Franken und durchfließt den Taubergrund zwischen Rothenburg und Tauberbischofsheim. Er ist tief in die unterfränkische Muschenkalkplatte eingeschnitten und mündet im Wertheim. Die Mönche des Klosters Bronnbach unterwiesen die Bauern der Gegend einst in der Landwirtschaft und fanden heraus, dass der Muschelkalkboden sich vorzüglich für den Weinanbau eignete. Nicht zuletzt der Rebensaft ist es auch, der den Landstrich heute zum „Lieblichen Taubertal“ macht. Früher einmal war das gesamte Gebiet mit Weinbergen überzogen, während heute die Gesamtanbaufläche noch gut 1100 Hektar ausmacht. Für die Dezimierung der Anbaufläche war ursächlich die aus Amerika eingeschleppte Reblaus schuld. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

www.liebliches-taubertal.de

Fotos: Dieter Warnick