Kein schöner Land in dieser Zeit?

Zur Premiere von „Tadellöser & Wolff“ am Altonaer Theater am 23. September 2018

von Lena Boßmann

Tadellöser und Wolff (c) G2 Baraniak

,,Kein schöner Land in dieser Zeit“ singt die Familie Kempowski im Chor und läutet das Stück ein. Unter ihnen natürlich auch Walter Kempowski, der sich nun aus der Formation löst und in seine Funktion als Erzähler schlüpft. Die am Vortag vorgestellte Dramaturgie wird damit fortgeführt, auch heute spielt das neunköpfige Ensemble sehr viele Rollen. Besser hätte man die Stimmung des Stückes nicht zusammenfassen können. Ein fröhliches, dennoch durch Nostalgie belastetes Lied, das die Familie in ihrer Zurückgezogenheit, ihrem gemeinsamen Versuch, nach Biedermeier-Art die Normalität in totalitären Zeiten zu bewahren, portraitiert. Durch Walter als Erzähler und Handelnden, wird der autobiografische Charakter des Werkes treffend widergespiegelt.

Tadellöser und Wolff (c) 9 G2 Baraniak

Walters Heranwachsen vom Kind zum Jugendlichen gestaltet sich als schwierig. Sei es der Vater, der seinen Hitlergruß zwar sehr halbherzig ausführt, jedoch im Ganzen findet, es sei ,,ordentlich, wie der Hitler das macht“. In seiner preußisch-korrekten Art möchte er immer wissen, ob die Kinder denn in der Schule drangekommen seien und sich schließlich die Chance auf den Ruhm eines Kriegshelden nicht nehmen lassen. Oder die Mutter, die um alles in der Welt möchte, dass aus ihrem Jungen ein gebildeter Mann mit Zukunftsperspektive wird und ihn daher zum Klavierunterricht und zur Nachhilfe bei seiner cholerischen Tante Anna zwingt. Mag man noch mit einem Schmunzeln betrachten, wie Walters unliebsame Klavierlehrerin nach einem ohrenbetäubenden Knacken ihrer Hände diese virtuos und synchron zur ertönenden Musik über imaginäre Tasten fliegen lässt oder wie Ute Geske eine Platte in ihrer Hand balancierend das Grammophon des Karl Kempowski mimt und ihre fantastische Stimme zum Besten gibt, so gibt es doch auch bedrückende Szenen. In der Bombennacht, in der die ,,schöne Aussicht“  mit welcher Angst die Bewohner des Hauses im Keller ausharren und seine Mutter Walter ins Haus zurückrennen sieht, weil dieser sein Versprechen halten und die Platten seines Bruders retten will. Während sich das gesamte Stück vor der beinahe unveränderten Kulisse der vollbehangenen Kleiderstange abspielt (die bereits in der Premiere am Vorabend das Bühnenbild beherrschte), wird dadurch die Wandlung der Charaktere und ihrer Beziehungen noch deutlicher. Die Eltern entfremden sich durch den Krieg und dessen psychologische Belastung, Ulla und der Däne hingegen kommen sich näher. Und Walter? Der beobachtet scharfsinnig seine Umgebung, tritt an die Zuschauer heran und berichtet mal voller Witz, mal betrübt von den ihn umgebenden Geschehnissen und wird zu einem jungen Mann, der sich nie so richtig in ihm aufgezwungene Rahmenbedingungen einfügen wollte.

Sowohl für die Arbeit der Regisseure als auch der Schauspieler bleibt auch für die zweite von insgesamt vier Premieren zu sagen: Tadellöser & Wolff!

Tadellöser und Wolff (c) 14 G2 Baraniak

Über die weiteren Premieren werden wir zu gegebener Zeit berichten.

Alle Termine finden Sie hier: https://www.altonaer-theater.de/

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.