„Bonum bono – dem Guten das Gute“: Ein grandioser Auftakt

Zur Premiere „Aus großer Zeit“ am Altonaer Theater am 22. September 2018

von Maren Schönfeld

Aus großer Zeit (c) 11 G2 Baraniak

Die Romane „Aus großer Zeit“ und „Schöne Aussicht“ haben zusammen 988 Seiten sind die ersten beiden Teile der neunbändigen „Chronik des deutschen Bürgertums“ von Walter Kempowski. Sie reichen von der Kaiserzeit über die Zwanzigerjahre bis zu den Anfängen den Hitlerreichs.
Insofern kann man es durchaus als ambitioniert bezeichnen, aus diesen Romanen ein einziges Theaterstück zu machen, so viel Stoff in zweieinhalb Stunden abzuhandeln. Wenn man die Romane gelesen hat, fragt man sich, ob das Vorhaben überhaupt gelingen kann. Wenn man das Stück gesehen hat, weiß man: Es kann nicht nur gelingen, es ist gelungen.  Neun Schauspieler verkörpern dabei mehr als 27 Figuren – und das überzeugend und mitreißend. Als Kulisse hängt eine vollgepackte Kleiderstange am hinteren Bühnenrand. Die Schauspieler ziehen eine andere Jacke an, setzen einen Hut auf – und schon sind sie jemand anders. Alternativ gehen sie kurz von der Bühne und kommen als ein anderer Charakter zurück. Diesen ungewöhnlichen Wechsel hat man als Zuschauer schnell kapiert, und er stört nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil: Diese Art des Spiels ist eine sehr gute Möglichkeit, die Bandbreite des Einzelnen zu erleben. Jede und jeder überzeugt in allen Rollen.

Aus großer Zeit (c) 15 G2 Baraniak

Den Erzähler Walter Kempowski stellt Johan Richter mit genau der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor dar. Ein running gag ist sein vermeintliches Eingreifen in das Beziehungsgefüge seiner ganz jungen Eltern, hat sich doch Grethe erst in den schmucken August Menz verguckt, der sich aber – Glück für Walter – doch nicht so gern in einer festen Beziehung sehen möchte. So fällt die Wahl auf Karl Kempowski, und damit sind die Familien de Bonsac und Kempowski untrennbar miteinander verbunden. Richter schafft eine wunderbare Gratwanderung zwischen Erzähler und Verkörperung des Walter Kempowski, er ist gleichzeitig innen und außen und mit allen anderen Figuren verbunden.

Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler sollte einzeln gewürdigt werden, es wäre geboten, über sie alle jeweils ein Porträt zu schreiben. Wie herrlich Philip Spreen den unbeholfenen Karl gibt, wie passend Nadja Wünsche die naiv-verträumte Grethe. Wie Dirk Hoener und Detlef Heydorn einmalig und tragikomisch die Zackigkeit der älteren Generation präsentieren. Wie wunderbar Anne Schieber so etepetete ihre Charaktere präsentiert (und dabei ganz pragmatisch als Anna Kempowski ihrem Mann den Hintern abwischt) und wie einfühlsam Katrin Gerken besonders die Szene der Martha de Bonsac spielt, die nach einem Schlaganfall nur noch Fragmente sprechen kann. Ute Geske und Tobias Dürr glänzen nicht nur, aber auch durch ihre humorvollen Einlagen, wenn Dürr als Draufgänger August Menz Grethe mit einem schwungvollen Tango über die Bühne schiebt oder Geske plötzlich mit einem Kleidchen als Kind fungiert. Man kauft ihnen allen das ab, jede Rolle und jeden Moment. Das ist eins der Phänomene dieses Stücks.

Das andere Phänomen ist die Auswahl der Textstellen aus den Büchern. Aus ihnen wird die Architektur des ganzen Stücks hergeleitet, und die Auswahl ist brillant. Wie soll man aus 988 Seiten diejenigen Textstellen aussuchen, die mit wenig Worten viel abbilden? Das ist unglaublich gut gelungen. Kempowski-Freunde kennen das: Man nimmt sich diese Sprache an, ertappt sich dabei, dass man selbst „völlig iben“ sagt. Und so gickern im Publikum auch die Kempowskianer, als Robert Kempowski (Detlef Heydorn) „Der Regent, Dirigent, das regent“ zum Besten gibt. Dazu wird gesungen und Gedichte werden zitiert, die die Atmosphäre dieser Zeit darstellen. Der Humor, der Walter Kempowski in seinen Büchern so wichtig war, ist ein Schwerpunkt im Stück. Vielleicht manchmal etwas zu sehr, ist man versucht zu denken – aber dann geschieht etwas Unerwartetes, das alle wieder einholt und auf den Teppich bringt. Die Szene, in der Karl mit seiner Truppe von Granaten beschossen wird, ist plötzlich ernst.

Aus großer Zeit (c) 5 G2 Baraniak

Es gibt eine Soundprobe von 90 Dezibel, Johan Richter erklärt dazu, dass die Soldaten im Krieg zehn Stunden lang einem Lärm von 170 Dezibel ausgesetzt waren. Wie stellt man Krieg im Theater dar? Diese Frage stellt Richter, und dann gibt es verschiedene Varianten: Rauch und Dunkel, Lärm und Feuer, marschierende Schritte, Gewehrsalven, unmittelbar danach – Ruhe. Es gibt mehrere Szenen, die fast zu Tränen rühren, unter anderem der Tod von Erex, dessen letzte Worte Karl nicht mehr loslassen. Aber auch Martha de Bonsac, wie sie aus ihrem vergessenen Wortschatz nur noch „Fuchba, du Kleine!“ oder „Und denn? Und denn?“ hervorbringen kann, als Grethe sie besucht. Die Harmlosigkeit neben dem Grauenhaften abzubilden, das ist Walter Kempowskis selbst formuliertes Konzept gewesen. Dieses Konzept hat Axel Schneider auf die Bühne übertragen und dazu eine zeitgemäße, packende Form gefunden, die Chronik den Menschen näherzubringen. Walter Kempowski ist einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er hat in einzigartiger Weise den Menschen, bekannten wie unbekannten, eine Stimme gegeben. Das Theaterprojekt lässt nicht nur die Bücher lebendig erstehen, sondern zeigt auch Parallelen zu unserer gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation auf. Es ist kein Widerspruch, gute Unterhaltung, Humor und Kritisches, Anregungen zum Nachdenken und Nachwirken-Lassen in einem Stück zu erleben. Dem Ensemble des Altonaer Theaters ist es grandios gelungen.

Alle Aufführungen und Termine finden Sie hier: https://www.altonaer-theater.de/

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.