„Death Knell“ – das neue Stück am English Theatre of Hamburg ist eine europäische Premiere

Von Uta Buhr
Fotos: Stefan Kock

Der Titel des neuen Thrillers des britischen Autors James Cawood ist Programm. Wem läuft bei „Death Knell“ – zu deutsch Totenglocke – nicht ein kalter Schauer über den Rücken. Ein Effekt, der durchaus beabsichtigt ist.

Nicht bewegen oder ich schieße!

Das Stück auf der Mundsburger Bühne beginnt so, wie man sich ein Schauermärchen in den schottischen Highlands vorstellt. Eine bedrohliche Atmosphäre liegt über dem stilvollen Intérieur einer alten Jagdhütte inmitten wogender Baumkronen. Donner rollen, Blitze zucken, und die Vorhänge an den französischen Fenstern blähen sich im Sturm. Über diesem Szenario wabert eine düstere dissonante Musik, die nichts Gutes verheißt. Der bröckelnde Charme dieses Hauses weitab jeglicher Zivilisation aber ist genau das, was Henry Roth gesucht und schließlich gefunden hat. Dieser eitle Zyniker mittleren Alters (glänzend dargestellt von Charlie Buckland) schrieb einst erfolgreiche Thriller für das Theater und war ein gefragter Autor im Londoner Westend. Doch wann feierte er eigentlich seinen letzten großen Triumph vor einem begeisterten Publikum?

Lang ist’s her, und Henry ist auf der Suche nach einem Plot, der ihm erneut einen großen Erfolg im gleißenden Licht der Scheinwerfer bescheren soll. Nicht nur Henry Roth ist frustriert, sondern auch seine hübsche Ehefrau Evelyn, die bis vor kurzem in einer feinen Londoner Klinik wegen ihres Alkoholismus behandelt wurde. Die bissigen Dialoge zwischen Henry und Evelyn belegen, dass es um diese Ehe nicht gut steht. Die Streitereien der beiden werden unterbrochen durch einen jungen Schauspieler mit Namen Jack, den Henry zum Vorsprechen für sein neues Stück eingeladen hat. Während der vom Unwetter völlig durchnässte junge Mann sich am lodernden Kamin aufwärmt, betritt Evelyn den Salon. Könnte es sein, dass er und Henrys Ehefrau sich kennen, obgleich sie beide versichern, sich noch nie begegnet zu sein?

Glaubt mir, ich bin unschuldig.

„Death Knell“ entpuppt sich mehr und mehr als ein raffiniertes Spinnennetz aus Wahrheit und faustdicker Lüge, in dem keiner dem anderen traut und nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Um dem Publikum nicht die Spannung zu nehmen, muss an dieser Stelle auf Details verzichtet werden. Nur soviel: Henry hat Evelyn, der er seit langem misstraut, während ihres Aufenthaltes in London überwachen lassen und ist dabei auf Dinge gestoßen, die ihn zutiefst in seiner Eitelkeit verletzt haben. Das wiederum zeitigt fatale Folgen für den sympathischen Jack, Evelyns heimlichem Liebhaber, der, im Effekt erstochen, auf dem Grund des Sees (schottisch Loch) vor der Haustür des Ehepaares Roth „entsorgt“ wird. Für Henry scheint die Welt wieder in Ordnung, bis aus dem Nichts Detective Chief Inspector Lazan von Scotland Yard auftaucht, der viele seltsame Fragen stellt und insgeheim zu wissen scheint, was hier gespielt wird. Ein großartiger Stephen MacNeice erinnert in seiner verhuschten Art an den legendären Peter Falk in seiner Paraderolle als Inspektor Columbo in der gleichnamigen amerikanischen Serie seligen Angedenkens. Henry wird angesichts der raffinierten Verhörtechnik des so gemütlich wirkenden Mannes von der Metropolitan Police immer unsicherer und aggressiver, bis Schüsse fallen und das Publikum erschrocken in seinen Sitzen erstarrt. Das Stück nimmt hier wieder eine entscheidende Wende, und sowohl Henry als auch Evelyn sind wie vom Schlag gerührt, als Jack auf einmal quicklebendig vor ihnen steht. Wie konnte der attraktive Mime nur seinem nassen Grab entkommen? Lieber Leser, dies ist nun deine Aufgabe, alle Tricks, Wendungen und Halbwahrheiten, die „Death Knell“ zu einem so spannenden Krimi machen, selbst herauszufinden. Viel Spaß und Erfolg beim Lösen dieses unterhaltsamen Rätsels.

Evelyn, sei ein liebes Mädchen …

James Cawood ist den Besuchern des TET bereits bekannt durch seinen Thriller „Stone Cold Murder“, der 2013/14 das Publikum in Spannung hielt. Der Autor hat seinen neuesten Thriller, der in Großbritannien sehr erfolgreich ist, in die Highlands verlegt, weil er die wilde Landschaft Schottlands liebt, dort schon als ganz junger Mann gern gewandert und oft an baufälligen Jagdhütten vorbei gekommen ist. Er hat sich von diesem Szenario zu „Death Knell“ inspirieren lassen. Paul Glaser, der zum wiederholten Mal die Regie am English Theatre führt, hat Cawood in London getroffen und ein langes Interview mit ihm geführt. Wieder einmal ist es ihm gelungen, vier wundervolle Schauspieler für das Stück zu engagieren, die auf das Beste miteinander auf der Bühne harmonieren. Neben den bereits erwähnten Rollen des Henry Roth und des Inspektors Lazan glänzen Faith Knight als verängstigte, zur Hysterie neigende Evelyn Roth und Joseph Passaforo in der Rolle des charming boys Jack Willoughby.

„Death Knell“ läuft bis einschließlich 3. November 2018

Tickets unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.english-theatre.de

Nächste Premiere „Here lies Jeremy Troy“ – eine Farce von Jack Sharkey am 15. November 2018

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.