Mutter der »Wurzelkinder«

Die Kinderbuchautorin und -illustratorin Sibylle von Olfers

von Dr. Manuel Ruoff

Buchcover
(c) Esslinger Verlag

Wenn einer Kinderbücher macht, kann es nicht schaden, wenn er pädagogisch begabt, zu bildhafter Darstellung fähig sowie phantasievoll ist, um nicht zu sagen verträumt. Für die Macherin des Jugendstil-Klassikers „Etwas von den Wurzelkindern“ traf alles drei zu. Die am 8. Mai 1881 auf Schloss Metgethen bei Königsberg geborene Sibylle von Olfers entstammte einer Schriftstellerfamilie. Zu ihren Tanten gehörte die Schriftstellerin, Illustratorin und Salonnière Marie von Olfers, die unter dem Pseudonym Maria Werner neben Gedichten und Novellen auch Kinderbücher herausgab, die sie selbst illustrierte. In den Sommermonaten besuchte Maria von Olfers die Familie ihres Bruders und hatte auf ihre Nichte dabei großen Einfluss.

Dass die Natur in Sibylle von Olfers Werk eine derart große Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr. Ihr Vater war Naturforscher und Naturfreund und ließ mit seiner Frau die reiche Kinderschar für damalige Verhältnisse ziemlich ungezwungen von gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen aufwachsen. Der Vater konnte das Gut nicht halten und mit 17 Jahren kam Sibylle zu ihrer Tante nach Berlin. Sibylle von Olfers, die ihre Naturverbundenheit auch in der Großstadt bewahrte, wurde durch ihre Tante nun noch systematischer in Zeichnen und Malen ausgebildet, als es vorher schon während der Sommerbesuche der Fall gewesen war.

Olfers war still und verträumt und alles andere als oberflächlich und materialistisch. Ein angesehener Adliger mit großem Besitz  hielt um ihre Hand an, aber sie verzichtete auf die „schillernde und elitäre, nutzlose Welt der Aristokraten“. Stattdessen verschrieb sie sich der Kirche. Schon als Kind bastelte die Katholikin Altärchen, um dort Andachten zu halten. Als junge Frau folgte sie dem Vorbild ihrer zwei Jahre älteren Schwester Nina und trat 1906 wie diese in Königsberg in den Orden der Grauen Schwestern von der heiligen Elisabeth ein.

Zum Glück erkannte der Orden ihre Fähigkeiten und förderte sie. 1907 wurde sie nach Lübeck versetzt, wo sie an den dortigen Malkursen des Freiherren Willibald Leo von Lütgendorff-Leinburg teilnehmen konnte. Sinnvollerweise wurde die kinderliebe Ordensschwester im Kunstunterricht an Schulen eingesetzt.

Schon als Kind hatte Olfers für ihre geliebte, wenige Jahre jüngere Schwester nicht nur Heiligenbilder gemalt, sondern auch Kinderbücher entworfen. Dieses Werk setzte sie als Erwachsene fort, auch als Ordensschwester. „Was Marilenchen erlebte“ aus dem Jahre 1905 folgte bereits 1906 mit „Etwas von den Wurzelkindern“ ihr größter Erfolg. Nur noch ein halbes Dutzend Jahre Schaffenskraft waren ihr da noch gegeben. 1912 brach dann ein Lungenleiden aus. Sie wurde deshalb in ein Ordensheim am Gardasee versetzt, aber der Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg zwang sie zur Rückkehr nach Deutschland mit seinem raueren Klima, wo sie nach vorherigem Einsatz als Lazarettschwester am 29. Januar 1916 in Lübeck starb.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haiku-Gesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.