Hundstage

von Uta Buhr

Foto: Pixabay

Es ist bruttig heiß, und das schon seit Monaten. So verwöhnt von der Sonne waren wir doch noch nie – oder zumindest ziemlich selten. Wo sonst über ständigen Regen und niedrige Temperaturen geschimpft wurde, wird jetzt über die lähmende Hitze gemeckert. Ja, es ist wirklich heiß an diesen Tagen unter dem Canis Major, dem Sternbild des Großen Hundes. Und erfrischende Regenfälle und angenehme Kühle sind in naher Zukunft nicht zu erwarten.

Erinnern wir uns doch einmal an unsere Schultage im Hochsommer. Bei 28 Grad Celsius war Hitzefrei angesagt. Zeigte das Thermometer lediglich schlappe 27 Grad, wurde von dem Mutigsten der Klasse kräftig auf dasselbe gehaucht und dem Lehrkörper triumphierend aufs Pult gelegt. Aber der brave Mann oder die brave Frau – je nachdem, wer gerade die Klassenaufsicht führte – ließ sich nicht täuschen, schlug das Thermometer herunter und verkündete kühl den wahren Wärmegrad. Pech gehabt. Da musste bei hohen Temperaturen weiter gelernt und geschwitzt werden. Denn Klimaanlagen waren noch Zukunftsmusik.

Ja, und wie gehen wir heute mit der Hitze um? Manche suchen das überfüllte Freibad auf und klagen, das Wasser sei bei der Dichte von Kühlung Suchenden eher lauwarm und gar nicht erfrischend. Die beste Lösung sei daher, jeder bringe einen Eimer voll Eiswasser mit. Manche möchten gern zumindest ihren Kopf in den Kühlschrank stecken, während andere einfach Zuflucht unter den hohen Bäumen eines Parks suchen, um dort endlich das Buch zu Ende zu lesen, das schon so lange auf ihrem Nachttisch liegt.

Der Edeka bei mir um die Ecke bietet eine ganz besonders attraktive Variante der Hitzevermeidung. Ganz hinten, wo die leicht verderblichen Waren wie Milch, Jogurt, Käse und Wurst gelagert werden und zudem ein riesiger Tiefkühlschrank gemütlich vor sich hinbrummt, hält sich eine Schar Kunden auf, die schon lange ihre Einkäufe getätigt hat und in dieser Nische Kühlung sucht. Eine ältere Frau, die im Nebenhaus wohnt, gab zu, mehrere Male am Tag hier „Einkehr“ zu halten, weil es in jedem Winkel ihrer Wohnung unerträglich heiß ist – 29 Grad, man stelle sich das mal vor – und ihr Balkon eher einem Ort mitten in der Wüste gleiche.

Die Kassiererin an Kasse 3 darauf angesprochen, ob sie sich auch mal so hin und wieder in der hinteren Ecke abkühle, zeigte sich indes vollkommen ungerührt: „Was meinen Sie wohl, wie das im Winter ist“, erwiderte sie leicht gereizt. „Wenn wir mal nach hinten müssen, um etwas zu holen, erleiden wir regelmäßig einen Kälteschock.“ Da diese Gefahr zurzeit nicht besteht, plädiere ich dafür, Kältekammern für überhitzte Bürger und Bürgerinnen einzurichten, bis die Temperaturen sich normalisiert haben. Und was eignet sich besser dafür als ein Supermarkt, der dann auch noch ein Zusatzgeschäft mit der Einrichtung einer Eisdiele machen kann, die neben bunten Kugeln der Kundschaft auch noch gekühlte Getränke anbietet. Ich beeile mich, meinem Edeka diesen Vorschlag zu unterbreiten, bevor die Temperaturen abstürzen und alle sich wieder dem Gejammer über zuviel Regen und einen total versauten Sommer hingeben können.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.