Hommage: Über die Kurzprosa von Johanna Renate Wöhlke

von Dr. László Kova

Johanna Renate Wöhlke bei der Internationalen Gartenschau 2013 in Wilhelmsburg

Eines Tages besuchte ich gerade eine renommierte Galerie in der Stadtmitte Hamburg, um dort anlässlich einer Vernissage nach spannenden Bildern für meine neue Wohnung zu suchen. Ich tat das natürlich nur als witziges Spiel, da ich als Maler ausreichend Bilder habe. Die Ausstellung, die mir übrigens gar nicht gefiel, sah ich mir lustlos an. Plötzlich drückte mir eine hübsche Hostess ein Glas Sekt in die Hand und begleitete mich in einen Raum, in dem schon viele Menschen auf einer breiten Edelholztreppe saßen  und auf den Beginn des Erzählabends einer Studentin warteten, die sichtlich aus der fernen arabischen Welt stammte.

Märchen für mich?  Nein!, sagte ich mir, aber der Rückweg war hinter mir schon versperrt. Und sie fing eben mit ihrer Vorführung an. Sie erzählte keine Märchen. Aber auch keine Wahrheiten. Sie erzählte Geschichten, die sie in ihrer Kindheit von ihrer Großmutter und von alten, ehrwürdigen Dorffrauen gehört hatte, die sie an warmen Abenden vor den Hütten im Sand sitzend den Familienmitgliedern und gelegentlichen Zuhörern vortrugen. Diese Geschichten sind nicht aufgeschrieben, sie werden in Tausenden von Variationen immer wieder erzählt, sie haben keinen Anfang und kein Ende, sie gehen ineinander über, sie schweben und fließen, sie reißen die Hörerschaft mit. Der Zuhörer fühlt die eigene Person ins Geschehen hineingezogen, man ist mitten drin, man verliert das Raum- und Zeitgefühl, man hört nicht nur zu, man handelt im Geschehen mit, man glaubt, dass alles in diesem Moment passiert.

So irgendwie fühle ich mich beim Lesen der Kurzprosa der Schriftstellerin, Journalistin und Künstlerin Frau Wöhlke (1950-2017). So fühlte ich mich auch, als ich ihr beim Vorlesen zuhörte. Ab und zu glaubte ich, dass ich in einem phantasiereichen literarischen Spiel sei und spontan meinte,  dass ich so etwas auch schreiben könnte. Aber nein!  Leider! Ich kann das nicht! Das kann nur sie.

Ihre Schreibweise erinnerte mich ungewollt an die in der Hamburger Galerie gehörten arabischen „Märchen“, die eigentlich ohne Anfang und ohne Ende auskommen, die ineinander fließen und immer wieder neue Türen öffnen, wo die Kurzprosateile erfindungsreich ihre permanente Fortsetzung  finden, wo sich Phantasie und Wahrheit in undefinierbaren Dimensionen vermischen sowie vereinen und die Zuhörer wie die himmlischen Flutwellen mit  sich fortspülen.

Ich lese die Geschichten oder Erzählungen, also die Kurzprosa,  von Frau Johanna  Renate Wöhlke immer wieder, da sie mich mit ihrer Überzeugungskraft  zu neuen Gefühlen und Gedanken führen, meinen Gedankenhorizont kreativ erweitern.

Ihr Erfindungsreichtum produziert ihre neuen Werke schnell, sogar blitzschnell. Mit der Geschwindigkeit von Elektronen stürzen ihre Ideen auf uns – Leser und Zuhörer – ein, man kann sie gar nicht so schnell nacherzählen, geschweige denn notieren. Ihre Sprache ist anspruchsvoll und besonders bilderreich, man sieht alles vor sich, beim Zuhören arbeiten alle Sinne mit: Man hört, man sieht, man spürt und schmeckt vielleicht sogar, um ihre vielschichtige Phantasie adäquat wahrzunehmen. Und wenn eine Geschichte eventuell dem Ende zuneigt, wartet man schon auf die nächste. Und die kommt.

Danke Johanna.

 

Infos über biographische Daten unter https://die-auswaertige-presse.de/mitglieder-1/wohlke-johanna-renate/

Bücher der Autorin: Amazon-Seite der Autorin

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.