Rapunzel und die Mafia

von Maren Schönfeld

Sofi Oksanen, Foto: Toni Härkönen

Das Märchen Rapunzel war der Ausgangspunkt für Sofi Oksanens 2015 in Finnland, 2017 in Deutschland erschienenen Roman „Norma“ (deutscher Titel: „Die Sache mit Norma“). Für die estnisch-finnische Autorin, in der Kindheit geprägt von russischen lehrreichen oder Tiermärchen, war die revolutionäre Geschichte von Rapunzel das Lieblingsmärchen. So kreierte sie eine, wie sie sagt, postmoderne Version dieser Märchenfigur. Aber es wäre nicht Sofi Oksanen, bekämen wir es nicht auch mit Feminismus und gesellschaftlichen Fakten zu tun. 19 Millionen Menschen kamen 2010 zum indischen Tirupati-Tempel, um ihre Haare den Göttern zu opfern[1]. Die Tempel verkaufen das Haar, längst reicht es nicht mehr, um den Bedarf in der Welt zu decken. Extensions, wie sie Jennifer Lopez und Paris Hilton tragen, sind beliebt und werden teuer bezahlt. Längst ist das Geschäft mit den Haaren ein weltweites geworden. Im chinesischen Taihe wurden 2012 mit Haarexporten 88 Millionen Dollar erwirtschaftet.[2] Es gibt Orte auf der Welt, in denen sich zwei Bandenmitglieder auf einem Mofa einer an der Ampel stehenden Frau nähern und ihr – ratsch! – die Haare abschneiden, um damit zu türmen und sie zu verkaufen. Doch die Frauen im Tempel geben ihre Haare freiwillig her, andere gegen einen geringen Preis. Am wenigsten bekommen weltweit die Frauen, die ihre Haare abgeben. Am meisten kassieren Männer, die diese Geschäfte machen.

Normas Haare wachsen einen Meter in 24 Stunden. Sie hat immer eine Schere dabei, um sie zu schneiden, und sie trägt einen Turban, um das Wachstum zu verbergen. Die größte Sorge von Normas Mutter war, dass jemand hinter Normas Geheimnis kommen und sie zu Wissenschaftszwecken oder aus Profitgier einsperren und missbrauchen könnte. Nicht nur der Handel mit den Haaren wäre interessant, sondern auch Babys mit Normas DNA. Hinter denen wäre vor allem die Leihmuttermafia her, die – wie die Haarmafia – in allen Ecken der Welt aktiv ist. 2015 ging das Schicksal des Babys Gammy durch die Medien, das in Thailand von einer Leihmutter ausgetragen wurde. Gammy und seine Zwillingsschwester waren von einem australischen Paar bestellt worden. Als sich herausstellte, dass der kleine Junge von Trisomie 21 und einem Herzfehler betroffen war, nahm das Paar nur dessen Schwester und ließ den Jungen bei der Leihmutter zurück.[3] Die in Deutschland verbotene, in anderen EU-Ländern wie Dänemark oder Tschechien erlaubte Leihmutterschaft ist hierzulande immer wieder ein Diskussionsthema, zuletzt anlässlich der Messe „Kinderwunsch-Tage“, die im Februar 2017 in Berlin veranstaltet wurde. Dort präsentierten sich Kinderwunschkliniken, zu 80 Prozent aus dem Ausland, wo einiges mehr möglich ist als in Deutschland.[4] Ein Kinderwunsch kann alles beherrschen. Viele kennen zumindest ein Paar, das auf medizinischem Weg „nachgeholfen“ hat, mit oder ohne Erfolg. Von den Erfolglosen suchen 80 Prozent Hilfe im Ausland. Ist das Machbare auch ethisch und moralisch vertretbar? Und wie geht es den Leihmüttern damit, dass sie Kinder für andere austragen?

Sofi Oksanen verknüpft in ihrer Geschichte beide Themenfelder zu einem spannenden, kriminalistischen Erzählstrang. Lambert, das Klan-Oberhaupt, verbirgt hinter dem Geschäft mit Echthaar seinen Menschenhandel mit Leihmutterschaft. Normas Mutter Anita ist in seinem Friseursalon angestellt und versorgt ihn mit „Ukrainischen“ – ganz besonderen Haarsträngen von herausragender Qualität, deren genaue Herkunft sie nicht preisgibt. Als Anita sich vor eine U-Bahn wirft, glaubt Norma keine Sekunde lang an Selbstmord. Sie recherchiert, arbeitet sogar im selben Salon wie die Mutter und deckt Stück für Stück Lamberts Machenschaften und die Verflechtungen ihrer Mutter mit dessen mafiösen Strukturen auf – und ist dabei mit jedem neuen Bruchteil, den sie findet, mehr in Gefahr, und das nicht nur, weil der Klan glaubt, dass Norma die Herkunft der „Ukrainischen“ kennen und preisgeben müsste.

Doch zurück zum Rapunzel-Motiv. Sofi Oksanen führt es weiter, indem Normas Haare nicht nur unnatürlich schnell wachsen, sondern auch eine Art Eigenleben führen. Sie kringeln sich, kriechen aus dem Turban hervor, wenn sie Gefahr wittern. Norma kann an den Haaren anderer riechen, wie deren Lebenssituation ist, was sie zu sich genommen haben, ob sie krank sind und bald sterben müssen. Sie weiß es, aber sie behält es für sich und leidet still darunter, so sehr, dass sie immer wieder Arbeitsplätze verlassen muss und verliert. Das symbiotische Leben mit ihrer Mutter ist mit deren Tod schlagartig vorbei, Norma ist allein mit sich und ihrem Geheimnis. So hat sie ihr Geheimnis zu bewahren und das ihrer Mutter und deren Todes aufzuklären, ohne dem Klan dabei zu nahe zu kommen.

Im Gegensatz zu „Fegefeuer“ ist „Die Sache mit Norma“ ein subtiles Buch. Sofi Oksanen hält sich dicht an ihrer Hauptfigur und deren innerer Entwicklung. Sie spricht die Dinge nicht so unverblümt aus, wie sie es in „Fegefeuer“ getan hat, deutet manchmal nur an – und gerade das weckt den Wissenshunger nach den faktischen Hintergründen. Norma, die stigmatisierte, stille und zurückgezogene junge Frau, die glaubt, dass eine normale Beziehung, ein normales Leben für sie nicht möglich sein kann – nicht zuletzt aus Angst, ihre Besonderheiten zu vererben –, irrlichtert durch eine Welt, in der mit Menschenhaaren und Menschenkindern gehandelt wird. Gerade weil diese Figur so mystisch ist, kommt die Realität umso härter daher.

Sofi Oksanen bezeichnet sich als assoziative Schreiberin. Zu Anfang habe sie nur einige Hauptthemen oder Erzählstränge und kein vollständiges Bild von ihren Charakteren. Als sie mit Normas Geschichte begann, wusste sie zwar, dass die Haarindustrie ein existenzieller Teil der Story werden sollte. Aber erst, als sie mehr über die Fertilitätsindustrie wusste und ihr klar wurde, wie die Unterschiede zwischen den einzelnen legalen Systemen dem Markt einen lukrativen Boden bereiten, entschied sie, dass dieser Aspekt ein zentraler Punkt in ihrem Roman werden sollte.

Sie hätte auch eine Reportage schreiben können. Aber ein Roman, sagt Sofi Oksanen, berührt das Herz und den Kopf, weckt Mitgefühl und Empathie. Wissen ist nicht genug. Der Roman ist auf eine hintergründige Art kraftvoll, man kann ihn zweimal hintereinander lesen, man kann parallel über Haarhandel und Leihmutterschaft recherchieren und den Roman anschließend noch tiefer und breiter verstehen. Er besteht aus zwei Erzählebenen. Die eine ist Normas gegenwärtige Welt, die andere – abgesetzt durch Datumsangaben und ein anderes Schriftbild – besteht aus Sequenzen in Videofilmen der Mutter, die Norma gefunden hat. In diesen Sequenzen wird die Familiengeschichte erzählt, in der es schon einmal eine Frau wie Norma gegeben hat.

Dass Sofi Oksanen auch Theaterstücke schreibt, merkt man dem szenischen Aufbau ihrer Romane an. Sie schreibt dichte, spannende Stories mit aktuellem Bezug und sorgfältig recherchierten faktischen Hintergründen. Sie bezieht Position zu zeitgenössischen Themen und hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Die Ausbeutung von Frauen, die Frauenrechte, der Feminismus sind ihre wiederkehrenden Themen, mit denen sie Denkanstöße gibt und auf Missstände hinweist. Mit dem Roman „Die Sache mit Norma“ stellt sie eine Entwicklungsgeschichte, ein Familiendrama und eine spannende Kriminalgeschichte zu einem Gesamtwerk zusammen, das so dicht ist, dass es sich erst im zweiten Lesen richtig entfaltet. Es lohnt sich, dem Roman diese Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen – denn es ist eine Geschichte aus unserer globalisierten Welt, in der wir leben und in die wir uns einmischen, die wir mitgestalten können und sollten.

 

 

[1] Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/2.220/indien-und-das-geschaeft-mit-den-haaren-haben-sie-bei-euch-keine-eigenen-am-kopf-1.189211

[2] Quelle: http://www.neon.de/artikel/kaufen/produkte/indien-ist-weltweit-der-groesste-lieferant-von-menschenhaar/1129809

[3] Quelle: https://www.focus.de/familie/kuenstliche_befruchtung/weg-vom-miete-einen-bauch-tourismus-thailand-besiegelt-das-ende-der-leihmutterschaft-fuer-auslaender_id_4490139.html

[4] https://www.welt.de/politik/deutschland/article161139605/Das-lukrative-Geschaeft-mit-dem-unerfuellten-Kinderwunsch.html

Weitere Quellen:
Interview Stefan Mostar mit Sofi Oksanen am 29.11.2017 im Literaturhaus Hamburg
Interview Maren Schönfeld mit Sofi Oksanen vom 2./3.12.2017

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.