Der Zahn war nicht immer hohl

Vor 127 Jahren wurde der Grundstein zum Altbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gelegt

von Manuel Ruoff

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gehört zu den Sehenswürdigkeiten West-Berlins. Außer der „Puderdose“ (Hauptbau) und dem „Lippenstift“ (Turm) gehört zu dem Ensemble auch der „hohle Zahn“. Im Gegensatz zu den Nachkriegsbauten des Architekten Egon Eiermann reicht die Geschichte von Franz Heinrich Schwechtens Altbau bis in die wilhelminische Zeit zurück.

Wilhelm II. hatte ein gestörtes Verhältnis zu seinen Eltern, der Mutter Victoria und dem von ihr stark beeinflussten Vater Friedrich III. Der liberale Fried­rich III. verhielt sich zwar loyal zu seinem Vater, aber er verfolgte eine andere politische Linie als der konservative Wilhelm I., was ihr Verhältnis belastete. Da verwundert es nicht, dass Wilhelm II. seinen Großvater mochte. Anfänglich mochte er auch dessen Kanzler Otto von Bismarck, aber das hatte sich über die Zeit so sehr geändert, dass er diesen 1890 zum Rücktritt drängte. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Wilhelm II. für seinen Großvater die Bezeichnung „Wilhelm der Große“ durchsetzen und ihn als Heros der neusten preußischen und deutschen Geschichte hervorheben wollte.

In diesem Sinne regte Wilhelm die Errichtung einer Gedächtnis­kirche für seinen Großvater in seiner Hauptstadt an. Im Juni 1890, wenige Monate nachdem Wilhelm Bismarck entlassen hatte, wurde ein Wettbewerb für ein „dem Andenken des Hochseligen Kaisers Wilhelm I.“ gewidmetes Gotteshaus ausgeschrieben. Der Sakralbau sollte dem Anlass entsprechend repräsentativ sein, 1500 Gläubigen sollte er einen Sitzplatz bieten und Wilhelm II. eine königliche Loge. Das Rennen machte Franz Heinrich Schwechten. Der Architekt war in Berlin kein unbekannter. Mit dem Anhalter Bahnhof hatte er in Berlin bereits eine größere Visitenkarte abgegeben. Der Historist war Kölner und ließ sich von der rheinischen Romanik inspirieren. Das war Wilhelm II. nicht unlieb, galt der romanische Stil ihm doch als Ausdruck des unverfälscht Germanischen.

Wilhelm II. ließ es sich nicht nehmen, mit seiner Ehefrau an der Grundsteinlegung am 94. Geburtstag seines Großvaters teilzunehmen. Im Jahre darauf erhielt das Areal zu Ehren seiner Gattin den Namen Auguste-Viktoria-Platz. Unter dem Protektorat Auguste Victorias war 1888 der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein gegründet worden, aus dem 1890 der Evangelische Kirchenbauverein hervorging, der wiederum offizieller Bauträger war. Die Leitung über die Bauprojekte hatte Ernst Freiherr von Mirbach und damit der Oberhofmeister der Kaiserin.

Bereits vier Jahre nach der Grundsteinlegung wurde die Kirche eingeweiht. Allerdings war bis dahin nur der Chorraum fertig gestellt. So dauerte es doch noch elf Jahre, bis der Bau vollendet war. Es lag aber auch an der aufwendigen Innenausstattung. Sie kostete nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld. Mit 6,41 Millionen Mark kam die Kirche fast zehnmal so teuer wie geplant. Geld war zweitrangig, ging es doch schließlich um ein „nationales Denkmal, das uns und alle zukünftigen Geschlechter erinnern soll an die unvergleichliche Größe und das unermessliche, weltgeschichtliche Verdienst des ersten Deutschen Kaisers“.

Angesichts dieser hohen Symbolik darf man unterstellen, dass die Alliierten gar nicht so unglück­lich waren, dass ihre Bomben 1943 einen Brand bewirkten, der sowohl zum Zusammenbruch des Dachstuhls über dem Kirchenschiff als auch zum Abknicken der Spitze des Hauptturms führte. Jedenfalls waren die Siegermächte gegen einen Wiederaufbau, zu dem es dann ja auch nicht kam. Stattdessen wurde ab 1959 neu gebaut.

Der Architekt des Neubaus, Egon Eiermann, hatte den vollständigen Abriss der Reste des Vorgängerbaus vorgeschlagen, nachdem 1956 bereits damit begonnen worden war, den einsturzgefährdeten Chor abzureißen. Statt entsprechend Eiermanns Vorschlag alles abzureißen, wurde indes die 71 Meter hohe Ruine des alten Hauptturms bautechnisch gesichert und ist uns als Mahnmal gegen den Krieg, als „hohler Zahn“, bis zum heutigen Tag erhalten geblieben.

Website der Gedächtniskirche: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de/

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.