„Boeing Boeing“ – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

von Uta Buhr
Fotos: Stefan Kock

Wie wäre es mit einem Flug rund um die Welt?

Kompliment! Mit dieser temporeichen Komödie von Marc Camoletti hat das English Theatre sich selbst übertroffen. Und das soll angesichts des vielfältigen Spielplans dieser kleinen Bühne schon etwas heißen. Warum ist dieses leichtfüßige Stück aus den etwas spießigen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute ein Hit – immerhin wurde es weltweit unzählige Male aufgeführt und schaffte es sogar ins Guiness Book of Records? Allein in Paris , wo die Komödie ihre Erstaufführung erlebte, lief sie neunzehn Jahre lang. Der Erfolg von „Boeing Boeing“ beruht sicherlich auch darauf, dass dieses Stück die Epoche einer „heilen Welt“ widerspiegelt, die das Publikum nach den gerade überwundenen bitteren Nachkriegsjahren an einem neckischen, höchst amüsanten Bäumchen-wechsel-dich Spiel teilnehmen lässt, das seinesgleichen an Komik sucht.

Liebling, freust du dich, mich wiederzusehen?

Aber nun Vorhang auf und mitten hinein ins Vergnügen.
Bernard, ein französischer Lebemann in den besten Jahren, hält nichts von einer dauerhaften Bindung. Wozu auch? Er lebt in einem modernen, mit viel moderner Kunst dekorierten Apartment mitten in Paris, verwöhnt von einer ihm ergebenen Haushälterin mit Häubchen und Spitzenschürze. Berthe (espritvoll witzig Jan Hirst) toleriert den lockeren Lebenswandel Bernards, der sich auf Flugbegleiterinnen verschiedener internationaler Airlines kapriziert hat, mit leicht angesäuerter Miene und entsprechend giftigen Kommentaren. Zur Zeit unterhält der elegante Mann (souverän dargestellt von James Walmesley, dem diese Rolle auf den Leib geschrieben ist) Beziehungen zu gleich drei jungen Damen, die beruflich über den Wolken schweben. Um terminliche Probleme zu vermeiden, führt Bernard akribisch Buch über die Flüge der verschiedenen Luftlinien. Heute ist Gloria (Charlotte Knowles mit einem bezauberenden American drawl) jene, die ihn für einen halben Tag und eine ganze Nacht beglücken soll. Von Kopf bis Fuß in das leuchtende Rot einer TWA Stewardess gekleidet, erscheint steht sie pünktlich auf der Türschwelle und richtet sich gleich in ihrem Zimmer ein. Unerwartet meldet sich ein weiterer Besucher an: Robert, der Freund aus Jugendtagen, der gerade aus seinem heimatlichen Wisconsin in Paris eingetroffen ist. Obwohl zuerst nicht besonders angenehm berührt, wird Bernard die Dienste seines etwas naiven und einfältigen ehemaligen Schulfreundes bald zu schätzen wissen. Denn – wie es in einer französischen Komödie nicht anders zu erwarten ist – kommt es im Haus des Frauenheldes Bernard bald zu Turbulenzen.

Lieber Freund, auf Robert kannst du dich immer verlassen

Eigentlich hatte Bernard mit Gabriella (hinreißend Holly Smith), seiner leidenschaftlichen Flamme im Dienste von Al Italia noch gar nicht gerechnet. Doch da ihr Dienstplan sich überraschend geändert hat, kündigt sie telefonisch ihren baldigen Besuch bei Bernard an. Da fällt die hübsche Frau auch gleich mit einem Wortschwall in einem zauberhaften Gemisch aus Englisch und Italienisch über ihn her. So sehr Bernard auch von seinem Harem angetan ist – aber zwei Frauen auf einmal sind dann selbst für ihn zuviel. Eine unglaubliche Hektik macht sich breit. Wenn Gloria aus dem Bad tritt, wird Gabriella flugs in ein leer stehendes Zimmer „entsorgt.“ Der gutmütige Robert (schusselig-komisch Stephen Chance) erweist sich als nützlicher Assistent, der auch noch – im Gegensatz zu Bernard – die Nerven behält. Totales Chaos bricht aus, als nun auch noch Gretchen, Flugbegleiterin der Lufthansa und Geliebte Nummer drei, auf den Plan tritt. Ein Sturm ist schuld an der Änderung ihres Flugplans. Auch hier erweist sich Robert wieder als Herr des Geschehens, der durch geschicktes Handeln vermeidet, dass die drei Damen sich gegenseitig begegnen. Während Türen klappen und Gloria, Gabriella und Gretchen geschickt von einem Raum in den anderen geschoben werden, ist Bernard der Ohnmacht nahe. Über allem steht die treue Berthe, die nach eigenen Worten schon lange nichts mehr bei ihrem Dienstherrn erschüttern kann und die schon immer wusste, dass hier eines Tages etwas gehörig schief laufen würde. Da hat er nun den Salat und soll mal sehen, wie er sich aus den von ihm angerichteten Irrungen und Wirrungen herauswindet. Nach weiteren Verwicklungen, die für Bernard und Robert bis an die Schmerzgrenze gehen, löst sich der gordische Knoten wie durch ein Wunder wie von selbst auf. Der geneigte künftige Zuschauer wird viel Spaß daran haben, den verzwickten Plot bis zum Ende zu verfolgen. Also – gleich eine Karte kaufen und zweieinhalb vergnügliche Stunden an der Mundsburg verbringen. Apropos – das Stück sprengt diesmal zeitlich den Rahmen, ohne dass auch nur eine Minute langweilig wäre! Anschließend ein mehr als verdienter lang anhaltender Applaus.

„Boeing Boeing“ wurde von Marc Camoletti, einem in Genf geborenen und in Paris aufgewachsenen Schweizer Autor geschrieben und verzeichnete – wie bereits eingangs beschrieben – weltweit einen einzigartigen Erfolg. Ins Englische von dem Duo Beverly Cross und Francis Evans übersetzt, lief das Stück zwei Jahre nach der Pariser Uraufführung sieben volle Jahre im Londoner Westend. Auch Hollywood nahm sich der Komödie an und verfilmte sie mit Tony Curtis und Jerry Lewis in den Hauptrollen. Die unvergleichliche Thelma Ritter übernahm darin den Part der Berthe. Der 1923 geborene Autor starb  2003 und hinterließ der Theaterwelt neben seinem Superhit „Boeing Boeing“ noch weitere Komödien, darunter „Don’t dress for Dinner“ und , „Happy Birthday.“

Dank der Spielfreude eines Ensembles wunderbarer Schauspieler geriet dieser Theaterabend zu einem unvergesslichen Erlebnis. Für vier der insgesamt fünf Mimen war dieser Abend ein Heimspiel. James Walmsley, Jan Hirst, Stephen Chance und Holly Smith kennen wir als vielseitige Darsteller aus verschiedenen anderen Stücken am English Theatre. Wir freuen uns auf weitere schöne Abende mit ihnen.

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„Boeing Boeing“ läuft bis einschließlich 3. Februar 2018
Tickets unter der Telefonnummer 040 -227 70 89
oder online unter www.english-theatre.de
Nächste Premiere „The Picture of Dorian Gray“ von Oscar Wilde
am 15. Februar 2018. Beginn: 19.30 Uhr

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.