Klondike in Friesland – „Alarm in Hooksiel“, ein Kriminalroman von Michael Buschow

von Uta Buhr
Autorenfoto: Jürgen Heck

Michael Buschow

„Nach Golde drängt, am Gold hängt doch alles. Ach wir Armen!“ Dies lässt Goethe in seinem „Faust“ Margarethe seufzen, als sie das von Mephisto in ihr Zimmer geschmuggelte Geschmeide entdeckt.

Kennen Sie Hooksiel? Falls nicht, sollten Sie umgehend eine Spritztour dorthin unternehmen, um in diesem 2.127 Seelen-Ort in der Gemeinde Wangerland (Landkreis Friesland) Ihr Glück zu machen. Denn es könnte sein, dass Ihnen eine gute Fee oder einfach nur ein guter Mensch klammheimlich Goldmünzen aus der Kaiserzeit zusteckt. Ist Ihr Interesse geweckt? Na, dann lesen sie mal, wie es zu diesem Goldregen an der stürmischen Nordseeküste kam.

Es wäre untertrieben zu behaupten, Polizeioberkommissar Schrader aus Hamburg sei nur ein ganz wenig frustriert ob seiner vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand. Voller Wut im Bauch über uneinsichtige Vorgesetzte und eine völlig verfehlte Umweltpolitik hat er die Hansestadt gegen das friesische Nest Hooksiel mit seinen schnuckeligen Speicherhäusern und dem schönen, von einem Zwiebelturm gekrönten Rathaus getauscht. Doch der prachtvolle Außenhafen hat es ihm, dem alten Skipper und Fahrensmann, besonders angetan. Hier hat Schrader jüngst sein kleines Plattbodenschiff vertäut. Jetzt denkt er in Muße über sein Leben als Bulle auf dem Kiez mit all den schweren Jungs und den gefährlichen Einsetzen nach, bei denen nicht selten sein Leben auf dem Spiel stand. Und was hatten die Festnahmen gebracht, wenn irgendwelche Psychofritzen die Verbrecher mit allen möglichen Tricks vor dem Knast bewahrten! Das waren aufregende Zeiten gewesen, die endgültig der Vergangenheit angehörten. Tempi passati – Gott sei Dank. Oder?

Gerade als die Spürnase Schrader sich in seiner selbst gewählten Einsamkeit zu langweilen beginnt, geschieht es. Bei Baggerarbeiten am Altdeich werden menschliche Gebeine entdeckt – zwei Unterkiefer, zwei Becken und ein Oberschenkelknochen. Dass es sich um uralte Skelettteile handelt, ist Schrader sofort klar. Zu dieser Feststellung hätte es der Aussage des hochnäsigen Arztes Dr. Dr. Schmidt nicht bedurft. Und nun beginnt die akribische Suche nach der Identität der Toten, die – wie eine kriminaltechnische Untersuchung ergibt – keineswegs eines natürlichen Todes gestorben waren, sondern ermordet wurden.

Und das vor etwa hundert Jahren. Also in grauer Vorzeit. Eine Kiste mit Münzen aus purem Gold aus der Kaiserzeit mit den Prägedaten 1904, 1905, 1907 und 1909 gibt Rätsel auf. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass dieser Goldregen im friesischen „Klondike“ Begehrlichkeiten erweckt und verschiedene Leute alles daran setzen, sich ihn unter den Nagel zu reißen, darunter eine äußerst windige Erscheinung mit gleich zwei Doktortiteln… Dass das Gold am Schluss dann doch noch in die richtigen Hände gerät, und dies, wie eingangs erwähnt durch einen rechtschaffenen Menschen, eine Art modernen Robin Hood, versteht sich fast von selbst. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, gepflastert mit Randale, bösen Buben und auch manch hilfreichen Zeitgenossen wie etwa den Wikingern, die – vor tausend Jahren wegen ihrer Raub- und Mordlust noch die „Geißel der Meere“ genannt – inzwischen domestiziert und voll integriert, die Hooksieler und ihre Touristen mit ihrer idyllischen Folklore und selbst gebastelten Schmuckstücken bereichern. Ja, lieber Leser, nun ist es an Ihnen herauszufinden, warum dieser Goldschatz hundert lange Jahre ausgerechnet in Hooksiel in einem zwei Meter tiefen Grab ruhte, wer ihn aufspürt und dann auch noch ganz gerecht verteilt. Viel Spaß beim Lesen und Kombinieren!

„Alarm in Hooksiel“ ist der erste Kriminalroman von Michael Buschow, der bereits verschiedene Bücher publiziert hat, darunter „Matrosenball“ und „Poller-Elly und Rattenpack.“ Mit dem hier besprochenen Krimi ist der Autor in die Geschichte der kaiserlichen Marine eingetaucht, die mit der Kapitulation des Kaiserreichs unter Wilhelms II. im Jahre 1918 verblasste. Das im Prolog genannte Großlinienschiff S.M.S. „Friedrich der Große“, das bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in der Ostsee verblieb, hat es wirklich gegeben. Buschow hat es in dichterischer Freiheit in die Nordsee verlegt. Sämtliche Ereignisse an Bord inklusive des sagenhaften Goldschatzes bilden zwar den Kern des spannenden Plots, sind aber frei erfunden. Der Mann hat dabei eine ganz große Spule Seemannsgarn abgewickelt. Wat’n Kerl!

Schon auf den ersten Seiten outet sich der Autor als Kenner der Christlichen Seefahrt und des maritimen Wortschatzes. Er selber ist jahrelang zur See gefahren und heute noch leidenschaftlicher Skipper, der sich mit seinem Boot gern auch in unbekannte Gewässer begibt. Das Buch wimmelt nur so von seemännischen Ausdrücken wie Hecksee, Laschen, Fender, Pullen und anderem Fachjargon. Entwarnung an alle Landratten, denen dieses Vokabular nicht geläufig ist: Der Autor hat ein alphabetisch geordnetes Glossar an seinen Text angehängt, das sich auf den Seiten 179 bis 187 befindet.

Das Buch ist durchweg flott und unterhaltsam geschrieben, wurde wohl aber teilweise wegen eines hohen Termindrucks mit „heißer Nadel“ genäht. Anders sind die verschiedenen stilistischen Ausrutscher kaum zu erklären. Zudem hatte der Verlag vermutlich vor der Drucklegung dieses Buches sein Lektorat in den Urlaub geschickt. Schade. Da aber eine Fortsetzung der kriminalistischen Tätigkeit des gewieften Kommissars Schrader geplant ist, kann die Betreuung des nächsten Krimis durch den Wiesenburg Verlag in Schweinfurt ja nur besser ausfallen.

Buchcover

„Alarm in Hooksiel“ ist im Wiesenburg Verlag, Schweinfurt, erschienen und umfasst 187 Seiten. ISBN-Nummer 978-3-95632-611-0, Preis 12,90 Euro

 

 

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.