Bei dem Stück „April in Paris“ von John Godber bleibt kein Auge trocken

Premiere am English Theatre of Hamburg

von Uta Buhr
Fotos: Stefan Kock

Bild 1
Unglaublich, wie pornografisch diese Pariser doch sind!

Nach der beeindruckenden Inszenierung von Shakespeares „Othello“ war am TET wieder eine Komödie fällig. Oder handelt es sich hierbei nicht eher um eine Tragikomödie? Das Stück leuchtet die deprimierende soziale Lage eines Ehepaars irgendwo in der englischen Grafschaft Yorkshire genau aus. Al, ein übergewichtiges Mitglied der englischen Arbeiterklasse, hat nicht nur seinen Job verloren, sondern auch jeglichen Mut, jemals wieder in Brot und Arbeit zu kommen. Profitbesessene Unternehmer haben ihn und seine Kollegen mit billigeren Arbeitskräften vom „Kontinent“ ausgebremst. Während Al am Anfang noch gekämpft hat, ist er inzwischen apathisch geworden und hat sein Schicksal akzeptiert. Seitdem lässt er sich hemmungslos gehen, schleicht in Schlappen und schmuddeligen Klamotten herum. Um sich irgendwie zu beschäftigen, malt er ein düsteres, stets in grau-weißen Tönen gehaltenes Bild nach dem anderen. Das Sujet ist immer das gleiche: Trostlose Industrieanlagen mit rauchenden Schloten.

Ehefrau Bet ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie arbeitet als schlecht bezahlte Verkäuferin in einem Schuhgeschäft und hat sich – im Gegensatz zu ihrem Mann – noch lange nicht aufgegeben. Was sollen denn bloß seine schrecklichen Gemälde, die rein gar nichts an ihrer Situation ändern? Statt sich hängen zu lassen, blättert Bet in allen möglichen Magazinen, die nicht nur die Reichen und Schönen dieser Welt und ihr glamouröses Leben als Vorbilder verkaufen, sondern in jeder Ausgabe ein Preisausschreiben offerieren. Und – oh Wunder – Bet gewinnt ein Luxuswochenende in Paris zu zweit. Obwohl Al sich zunächst weigert, diese Reise auf völlig fremdes Terrain anzutreten, setzt Bet sich durch. Und los geht es auf der Fähre in Richtung Frankreich. Die beiden Briten aus der Provinz, die noch nie in ihrem Leben im Ausland waren, fühlen sich zunächst etwas deplatziert zwischen den vielen weltgewandten Menschen an Bord. Einige werden von Al und Bet sogleich als Franzosen identifiziert, weil sie Weißwein statt Bier trinken. Und merken diese coolen, entspannten Menschen nicht, dass er und Bet aufgrund eines Gewinns – also kostenfrei – an Bord sind? Er in seinem billigen Anzug und Bet in einem Fähnchen von Primark? Sei’s drum, die lernfähige und -freudige Bet versucht sich in der fremden Kultur und ist sogar in der Lage, dem Schiffspersonal ihre Wünsche mit Hilfe eines kleinen Wörterbuchs auf französisch mitzuteilen. Und sie wird sogar verstanden, was Al in Ehrfurcht vor seiner Frau erstarren lässt.

Bild 2
Muss ich dieses so genannte romantische Wochenende wirklich genießen?

Endlich in Paris angekommen, stürzen sich Al und Bet in das sündige Nachtleben der Seine-Metropole. Hier feiern Als Vorurteile zunächst fröhliche Urständ. Nichts als Pornoshops, stellt er fest, als beide das Viertel unterhalb der Sacré Coeur durchstreifen. Na, und dann die berühmte französische Küche! Igitt – Al hat in Unkenntnis der Sprache etwas Falsches bestellt, während die wissbegierige Bet sich an einem köstlichen Fischgericht delektiert. Bei einem Besuch im Louvre allerdings punktet Al, der sich von den Werken der großen Impressionisten gebührlich beeindruckt fühlt.

Als wir das Ehepaar nach diesem Ausflug in eine exotische fremde Welt wieder in seinen vier Wänden in Yorkshire antreffen, hat sich vieles in ihren Köpfen verändert. Alles erscheint jetzt freundlicher und unkomplizierter. Zum Frühstück versucht sich Bet in ihrem rudimentären Französisch und serviert ihrem Al neben warmen Croissants kochend heißen „café noir.“ Der gute Al hat sich endgültig von seinen düsteren Bildern getrennt und malt jetzt stattdessen farbenfrohe Bilder von Paris mit allen Klischees, die die Metropole zu bieten hat: Notre Dame, Eiffelturm, Sacré Coeur und Arc de Triomphe. Jetzt zieren diese dilettantischen Schinken die Wände des bescheidenen Heims. Aber Al und Bet scheinen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich zu sein. Was beweist, dass selbst wenige Tage jenseits des gewohnten tristen Lebens, zumal in einer fremden Kultur, wahre Wunder bewirken können.

Erfolgsstücke sieht das Publikum immer wieder gern. Und diese auch in einem völlig anderen Gewand. Vor langer Zeit lief „April im Paris“ schon einmal im English Theatre. Die gegenwärtige Inszenierung besticht durch Tempo und das überschäumende Temperament der Darsteller Cathy Conneff und Ralph Bogart, deren Darstellungskunst und Spielfreude das Publikum zu Lachsalven und frenetischem Beifall hinreißt. Das Stück bewegt sich zwischen zwei Polen, Depression und Situationskomik, bei der kein Auge trocken bleibt. Erwähnt sei nur die Szene an Bord der im Sturm schlingernden

Fähre, in der beide Protagonisten seekrank über der Reling hängen und Bet „die Fische füttert.“ Ähnlich skurril geht es an den Tischen der französischen Restaurants und Bistros zu. Wunderbar ist der unverhohlene Yorkshire Sound der beiden Darsteller. Allerdings schimmert der feine Oxford-Akzent bei Cathy hier und da durch. Das Londoner Drama Studio ist unverkennbar.

Der Autor John Godber, nicht umsonst einer der populärsten und meist gespielten britischen Bühnenautoren, kennt seine Pappenheimer. Er selbst wurde 1956 als Sohn eines Bergmanns geboren, der in den Kohleminen Yorkshires sein hartes Brot verdiente. Inzwischen sind die Minen geschlossen, die Arbeitslosenquote sehr hoch, die Stimmung in der Bevölkerung eher gedämpft. John Godber studierte an der Universität von Leeds, arbeitete anschließend als Lehrer und ab 1984 als künstlerischer Leiter der HullTruckTheatre Company. Im Laufe der Zeit verfasste er über 30 Theaterstücke – darunter „Bouncers“, „Blood, Sweat and Tears“, „Passion Killers“ und „Lucky Sods.“ Auch im Filmgeschäft ist der Autor unermüdlich aktiv. Erstaunlich, dass ein Mann seines Formats noch nicht den Weg auf deutsche Bühnen geschafft hat. Die Probleme, zum Beispiel jene, mit denen uns Godber in „April in Paris“ konfrontiert, stellen sich in den ehemaligen Kohlerevieren Deutschlands ähnlich dar. Bestes Beispiel ist NRW, einst der Motor des deutschen Wirtschaftswunders, heute das Armenhaus der Republik.

Bild 3
Was zum Teufel isst du da, Al?

Aber zurück zur Inszenierung. Wieder einmal schafft es das TET, die Reise von Yorkshire nach Paris mit begrenzten Mitteln darzustellen. Ausgangspunkt ist die Küche von Al und Bet, die – je nach Bedarf – in das Bordrestaurant auf der Fähre, zu Bistros in Frankreich sowie in den Louvre und den Rotlichtbezirk der Lichterstadt Paris umfunktioniert wird. Und dies mit großformatigen bemalten Flächen, die das Moulin Rouge, den Louvre und andere touristische Zentren darstellen. Für die Szene an Bord wird einfach ein Fenster geöffnet und eine Reling installiert – mit dunklem Hintergrund, der den Channel symbolisiert. Die Musik aus dem Off tut ihr Übriges.

 

Alles in allem in sehr gelungener Abend mit einem Theaterstück, das sicherlich in Hamburg für Furore sorgen wird.

„April in Paris“ läuft bis einschließlich 24. Juni 2017

Tickets unter der Telefonnummer 040 -227 70 89 oder online unter www.english-theatre.de

Es folgen die Theaterferien, und das TET meldet ich im September mit einem neuen Stück zurück. Dies ist uns zurzeit noch nicht bekannt. Wir melden uns rechtzeitig vor der Premiere an dieser Stelle wieder.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haiku-Gesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.