„Othello“ von William Shakespeare – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

von Uta Buhr
Fotos: Hans-Jürgen Kock

Sind diese beiden wirklich Freunde?
Sind diese beiden wirklich Freunde?

Endlich wieder ein Shakespeare auf den Brettern der Bühne an der Mundsburg!

Und noch dazu eine Inszenierung, die von sich reden machen wird. Sechs Schauspieler, zwei gar in drei Rollen, zelebrieren jenes Stück, in dem es um Liebe, Eifersucht, verletzte männliche Eitelkeit und Rache geht. Ein allzu menschliches Drama, das – obwohl vor über vierhundert Jahren geschrieben -nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Der Stoff zu diesem Trauerspiel ist den „Degli Hecatommithi,“ den hundert Novellen des aus Ferrara stammenden Dichters und Philosophen Giraldi Cinzio entlehnt. Die knappe Form der Novelle beeinflusst den Aufbau des Dramas. Die Ereignisse sind auf wenige Tage zusammengedrängt. Für Shakespeare untypisch ist die kleine Zahl der agierenden Personen. Die sonst bei ihm so beliebten Parallel- und Kontrastfiguren fehlen in diesem Stück. Das Publikum konzentriert sich voll und ganz auf die große Leidenschaft des Othello. Diese Leidenschaft ist die Eifersucht, ein beliebtes Motiv in den Dramen des 17. Jahrhunderts. Othello – auch der „Mohr von Venedig“ – ist ein passiver Held, der von seiner krankhaften Eifersucht und dem damit einhergehenden Misstrauen getrieben, am Ende zum Mörder wird. Schuld an dem Unheil ist der Fähnrich Jago, dem Arthur Schopenhauer in seinen Schriften die „außergewöhnliche Bosheit eines Charakters“ attestierte.

Das Drama beginnt im Haus des Jago in Venedig. Der schwarze Feldherr Othello hat dem ehrgeizigen Mann den Leutnant Cassio vorgezogen. Jago fühlt sich zutiefst gekränkt und sinnt auf Rache. Dabei bedient sich Jago des jungen, etwas unbedarften Venezianers Rodrigo, den er manipuliert und zu seinem Werkzeug formt. Ein geschickter Schachzug, zumal Rodrigo den Senator Brabantio um die Hand von dessen Tochter Desdemona angehalten hatte und abgewiesen wurde. Stattdessen hatte die schöne junge Frau Othello heimlich geehelicht.

Kann ich dir vertrauen, Desdemona?
Kann ich dir vertrauen, Desdemona?

Szenenwechsel: Der nächste Akt spielt auf der Insel Zypern im östlichen Mittelmeer, wo Othello auf Geheiß des Dogen von Venedig gegen die Türken kämpft und ihre Invasion abwehrt. Inzwischen ist Desdemona mit ihrer treuen Kammerzofe Emilia eingetroffen. Hier wird die Hochzeit von Othello und Desdemona gefeiert. Der Taumel des Sieges begünstigt Jagos Intrigen gegen Othello. Er verbreitet das Gerücht, Desdemona und Cassio hätten eine Verhältnis. Die von Jago und seinem Verbündeten gestreuten Verdächtigungen kommen auch Othello zu Ohren, der daraufhin Cassio aus dem Dienst entlässt. Von da an nimmt das Drama unaufhaltsam seinen Lauf wie in einer griechischen Tragödie.

Der listige Jago empfiehlt Cassio, sich an Desdemona zu wenden und um Fürsprache für den einst geschätzten Leutnant zu bitten. Als die arglose Frau sich dazu bereit erklärt, sieht Othello sich in seinem von Jago eingeflüsterten Verdacht der Untreue seiner Gattin bestätigt. Jetzt fehlt dem Intriganten nur noch das Indiz für Desdemonas Ehebruch. Und das findet sich in einem kostbaren Taschentuch, einem Geschenk Othellos an Desdemona. Als sie es verliert, hebt Emilia, die Zofe und Ehefrau des Jago, es auf und übergibt es ihrem Mann, der sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen darum gebeten hatte.

Mein Gott, sie ist tot.
Mein Gott, sie ist tot.

Othello tobt vor Wut und Eifersucht und lässt sich von Desdemona auch nicht von ihrer Unschuld überzeugen. Er erwürgt seine Frau, deren letzte Worte lauten: „Ich sterbe schuldlos.“ Othello bekennt, dass er der Mörder ist und richtet sich selbst mit dem Dolch.

Nach all den falschen Beschuldigungen und dem daraus resultierenden Blutvergießen siegt am Ende doch noch die Moral. Der brave von Rodrigo angegriffene Cassio bleibt am Leben, wenn auch schwer verletzt. Der Bösewicht Jago aber wird der irdischen Gerechtigkeit zugeführt.

„Othello“ ist eines der meist gespielten Theaterstücke weltweit. Sicherlich liegt dies nicht nur an der spannenden Handlung um Liebe und Verrat. Das nagende Gefühl der Eifersucht ist in uns allen angelegt. Wie heißt es doch in einem Schüttelreim: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Treffender geht’s nicht.

William Shakespeare, auch „der Schwan von Stratford“ genannt, schrieb dieses Drama zwischen den Jahren 1601 und 1603 in einer hinreißenden Sprache. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wer Shakespeare denn in Wirklichkeit war. Nicht wenige bezweifeln, dass der Mann aus Stratford-on-Avon die Bildung besaß, die ihm zugeschriebenen Königsdramen und Komödien zu schaffen, die von einem großen Wissen um höfische Sitten und Gebräuche künden. War vielleicht Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der Verfasser der großen Werke und bediente er sich des William Shakespeare, weil es sich für Adelige zu jener Zeit nicht ziemte, Theaterstücke zu schreiben? Gleichwohl, das Genie Shakespeare – wer sich auch immer hinter diesem Namen verbergen mag – ist eines der großen Geschenke der Natur an die Menschheit. Seine Werke faszinieren bis auf den heutigen Tag.

Beruhigt euch und streitet nicht, meine Herren.
Beruhigt euch und streitet nicht, meine Herren.

Wie eingangs erwähnt, verdient die Inszenierung großes Lob. Alles ist stimmig – das schlichte Bühnenbild, die schönen Kostüme. in erster Linie aber die Schauspieler, sechs an der Zahl für insgesamt elf Rollen. Othello wird souverän von Declan Wilson dargestellt, einem Schauspieler, den wir bereits aus dem Stück „The Whipping Man“ kennen. Imogen Daines verkörpert sensibel die leidenschaftlich liebende, unschuldige Desdemona, und Neal Craig glänzt in der Rolle des zynisch-intriganten Jago, dem die Bosheit aus den Augen sprüht.

Die drei übrigen Mimen – Zena Carswell, Jilly Bond und Joseph Cappellazzi – verkörpern gleich mehrere Charaktere. Großes Kompliment an die Vielseitigkeit dieser Schauspieler.

Drei Stunden dauert „Othello“ im English Theatre, 180 Minuten voller Spannung, in denen man eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören. Da das Englisch des beginnenden 17. Jahrhunderts sich selbstverständlich vom heute gesprochenen Idiom unterscheidet, ist die vorherige englische Lektüre des Stückes sehr zu empfehlen.

Fazit: Ein ganz großer Abend.

„Othello“ läuft bis einschließlich 15. April 2017

Tickets unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter

www.english-theatre.de

Nächste Premiere „April in Paris“ von John Godber am 27. April 2017

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.