Peter Fonagy und Anthony Bateman in Heidelberg

von Götz Egloff

Universitätsklinikum Heideberg und Anna Freud Centre London laden ein

Zwei zentrale Persönlichkeiten der psychologischen Forschungs-Szene kommen nach Heidelberg – eine Seltenheit, obwohl Heidelberg nicht rar an wissenschaftlichen Gästen ist. An der Schnittstelle von tiefenpsychologischer Theoriebildung und experimenteller Forschung bewegen sich Peter Fonagy und Anthony Bateman seit langen Jahren mit weitreichendem Einfluss. In Heidelberg bieten sie nun das englischsprachige Grundlagen-Seminar zu ‚Mentalization-based treatment‘ (MBT) an, das sich in erster Linie der Borderline Personality Disorder widmet.

Der Psychologe und Psychoanalytiker Peter Fonagy leitet das Anna Freud Centre in London und ist u.a. Freud Memorial Professor am dortigen University College. Mit seinem Team hat er maßgeblich zu den Themen Affektregulation und Mentalisierung gearbeitet; in tiefenpsychologischen Kreisen ist sein Name bestens bekannt. Anthony W. Bateman ist Psychiater und Psychoanalytiker, ebenso visiting Professor am University College, und er koordiniert am Anna Freud Centre die MBT-Abteilung. Seine bereits 1995 zusammen mit Jeremy Holmes verfasste ‚Introduction to Psychoanalysis‘ (1) stellt immer noch eine der interessantesten Einführungen in die zeitgenössische Entwicklung der Psychoanalyse dar und erfreut sich nach wie vor breiter Lektüre.

Was wir ständig tun oder nicht tun, nämlich uns in die Welt des Anderen hineinzudenken bzw. zu -fühlen mit ihren Affekten, Einstellungen, Motivationen, wird mit dem Konzept der Mentalisierung erfasst. Genannte Fähigkeit scheint allerdings zunehmend abhanden gekommen zu sein; vielleicht hat sie auch noch nie so recht existiert. In psychotherapeutischen Praxen scheint die Zahl der Patienten mit derartigen Problemen jedenfalls zuzunehmen. ‚Mentalization-based treatment‘, das mit der zentralen Haltung des Nicht-Wissens des Behandlers die psychologische Unsitte des Alles-Verstehens unterläuft, speist sich unbemerkt sowohl aus dem Fundus von Jacques Lacan („Hüten Sie sich zu verstehen!“) als auch aus dem Bruch mit einem Wahrheitsanspruch, den schon die systemische Theorie und Therapie ein gutes Stück dekonstruiert hat. Die inquisitive Haltung im MBT bedeutet hier eine nachforschende, nachfragende Haltung, die sich vom Patienten dessen Wahrnehmungswelt erklären lässt. Im Gefolge dessen wird es zwar mehr um Kommunikation als um Psyche gehen, doch auch wer der Auffassung ist, Psyche sei mehr als Kommunikation, wird kaum die weitreichende Bedeutung von Kommunikation bestreiten können.

Am Universitätsklinikum Heideberg wird unter der Ägide der Nachfolgerin des ehemaligen ärztlichen Direktors Manfred Cierpka, Prof. Svenja Taubner, Institut für psychosoziale Prävention, das für Wissenschaftler und Psychotherapeuten mit Schwerpunkt Persönlichkeitsstörungen geeignete Seminar koordiniert. Wer also nicht in der letzten September-Woche in Los Angeles weilte, dort bereits alle Strände abgearbeitet hatte und das Seminar vor Ort besucht hat, der sollte nun Heidelberg wählen. Und wer Anthony Bateman nie persönlich erlebt hat, sollte dies allein deshalb nachholen, um zu erfahren, was es bedeutet, wenn Londoner Psychiater raten: „Make sure you don´t get on the wrong train!“ (2)

 

Basic training: Mentalization-based treatment (MBT)

Peter Fonagy, Anthony W. Bateman

Do., 30.11. bis Sa., 2.12.2016, 9-17 Uhr

Voranmeldung und Information über: Institut für psychosoziale Prävention und Ambulanz für Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg

 

(1)Bateman, A., Holmes, J. (1995). Introduction to Psychoanalysis. Contemporary Theory and Practice. Routledge, London/New York.

(2)Bateman, A., Schell, G., Hinz, G. (1998). Psychoanalytic Day Hospital Treatment of Severe Personality Disorder. Seminar, Furtbachklinik, Stuttgart, 11.12.1998.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.