„Orphans“ – das neue Stück am English Theatre of Hamburg

von Uta Buhr
Fotos: Stefan Kock

Lieber Junge, auch du bist ein Teil des Universums
Lieber Junge, auch du bist ein Teil des Universums

In seinem Stück „Orphans“ (Waisen) lädt der amerikanische Bühnenautor Lyle Kessler sein Publikum zu einem Trip auf der Geisterbahn ein. Die Gratwanderung zwischen freundlicher Hingabe und teilweise extremer Gewalttätigkeit lässt so manchem das anfängliche Lachen auf den Lippen gefrieren. Fest steht, dass sich keiner während der zweistündigen Vorstellung auch nur eine Sekunde langweilen wird. Offenbar war es höchste Zeit, dieses vor nicht allzu langer Zeit wieder an  den Broadway zurückgekehrte Stück auf die Bühne des English Theatre zu bringen. Namhafte Schauspieler wie Albert Finney, Al Pacino und unlängst Alec Baldwin glänzten in diesem hinreißenden Drei-Personen-Stück, das erfrischend frei von jeglicher lähmenden politischen Korrektheit ist und in welchem am laufenden Band geflucht wird, was das Zeug hält.

Zum Stück
Die Bühnenausstattung könnte deprimierender nicht sein. Wir befinden uns in einem alten, völlig herunter gekommenen Haus im Norden Philadelphias, der „Stadt der brüderlichen Liebe.“ Die Wände „ziert“ eine schmutzige dunkle Tapete, von den Türen und Fensterrahmen blättert die Farbe. In diesem düsteren Szenario schlägt der junge Philip Purzelbäume, springt wie ein Akrobat von Tischen und Stühlen und erweckt beim Zuschauer den Eindruck eines unbeschwerten Kindes, das seinen Spaß hat. Als sein  Bruder Treat polternd zur Tür hereinkommt, kippt die Stimmung von einem Augenblick zum anderen. Philip wird scheu und fängt an zu stottern, als Treat einen ganzen Stapel gestohlener Gegenstände  – Uhren, Geldbörsen und Ringe – triumphierend auf den Tisch des Hauses wirft. Taschendiebstahl ist sein Gewerbe, und mit seinen täglichen Beutezügen ernährt er sich und seinen kleinen Bruder, seit dem frühen Tod der Mutter. Bald wird klar, dass von „brüderlicher Liebe“ seitens des Älteren nicht die Rede sein kann. Er spielt sich zwar als dessen Beschützer auf, doch zu einem sehr hohen Preis. Um ihn total abhängig von sich und seinen Launen zu machen, hält er den Jüngeren wie eine Geisel. Philip darf das Haus nicht verlassen und nicht zur Schule gehen. Treat redet ihm sogar eine Allergie ein, die ihn töten wird, sobald er an die frische Luft geht. Als Treat entdeckt, dass Philip sich heimlich bildet und Zeitung liest, kommt es zu einem gewalttätigen Ausbruch, dem der kleine schwache Bruder nichts entgegenzusetzen hat.

Du bist doch hoffentlich nicht allein draußen gewesen
Du bist doch hoffentlich nicht allein draußen gewesen

Als Treat eines Abends mit Harold, einem stark betrunkenen älteren Mann, nach Hause kommt, ändert sich das Leben  der beiden Waisen schlagartig: „Wenn ich die Flügel eines Engels hätte, flöge ich über Gefängnismauern“, singt der gut gekleidete Mann mit dem prall gefüllten Koffer aus Krokodilleder. Voilà Treats zweite Geisel in seinem düsteren Universum, die sofort an einen Stuhl gefesselt wird. Doch Harold (Alan Booty, großartig in der ihm auf den Leib geschriebenen Rolle),  ein abgebrühter Gangster aus Chicago, befreit sich von den Fesseln und beweist, dass auch Kriminelle ein weiches Herz haben können. Er erkennt Philips Nöte als unterdrückter Bruder und beginnt, dem Kleinen moralischen Halt zu geben. Auch er sei ein Waisenkind, gesteht er Philip. Seine Jugend im Heim sei bei Gott kein Zuckerschlecken gewesen. Auch Treat gewöhnt sich nach anfänglichen Brutalitäten an Harold, der in zwischen die Rolle des nie gekannten Vaters der beiden übernommen hat. Deren Erzeuger hatte sich bereits aus dem Staube gemacht, als die beiden Jungen noch ganz klein waren. Vieles ändert sich in  dem jetzigen Drei-Personen-Haushalt. Ein neues Sofa wird angeschafft und  der Müll aus der Wohnung entfernt. Selbst Blumen kommen auf den Tisch.

Treat agiert von Stund’ an als Harolds Leibwächter, während Philip trotz gelegentlicher bösartiger Interventionen seines Bruders immer selbstbewusster wird und es sogar wagt, die Wohnung zu verlassen, vorsorglich von Harold  mit einem Stadtplan von Philadelphia ausgestattet.

Wo zum Teufel hast du den roten Schuh her?
Wo zum Teufel hast du den roten Schuh her?

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Denn Lyle Kessler hält noch weitere Überraschungen für uns bereit. Gangster bleibt eben Gangster, selbst einer wie der ebenso gutmütige wie lebensweise Harold. Andere Gangmitglieder, vor denen er sich so erfolgreich im Hause von Treat und Philip versteckt hält, sind ihm auf der Spur. Mehrmals entwischt er ihnen, bis diese ihn schließlich in einen Hinterhalt locken. Schwer verletzt schleppt er sich ins Haus zurück, wo die beiden Brüder sich seiner annehmen. Wird Harold überleben? Dieses herauszufinden, liebe Zuschauer, ist jetzt Ihre Aufgabe. Erleben Sie einen ebenso aufregenden wie emotionalen Theaterabend im TET, der vom Premierenpublikum mit großem Applaus bedacht wurde.

Drei wunderbare Schauspieler – der sehr jugendliche Christopher Buckley als Philip, Chris Casey in der Rolle des Treat und Alan Booty, der den väterlichen Harold verkörperte, tauchten durch ihr intensives Spiel die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Alan Booty und Chris Casey sind uns bereits aus mehreren Stücken im TET bekannt. Wie wir hören, kommen sie immer wieder gern zu uns an die Alster. Ihr seid stets willkommen. Bleibt zu hoffen, dass auch das über die Bühne wirbelnde „Zirkuskind“ Christopher Buckley in nicht allzu ferner Zukunft wieder dabei sein wird.

Der Autor

Neben seinem von der Kritik hoch gelobten und mit einem Tony Award ausgezeichneten Bühnenstück „Orphans“ schrieb Lyle Kessler weitere erfolgreiche Stücke  – u.a. „The Watering Place“, „Posession“ und „Robbers.“ Neben seiner dramaturgischen Arbeit widmet sich Kessler zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Margaret Ladd, Theaterprojekten und Workshops,  in die er Patienten psychiatrischer Kliniken einbezieht.

 

„Orphans“ läuft bis einschließlich 5. November 2016

Karten unter der Telefonnummer 040-27 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere „Don’t Lose The Place” von Derek Benfield, am 17. November 2016

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Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.