AnGEDICHTet im Kunstforum der GEDOK Hamburg

von Maren Schönfeld

Fotos: Günther von der Kammer

Künstlerinnen und Autorinnen der Ausstellung
Künstlerinnen und Autorinnen der Ausstellung

Im Juni 2015 war ich in Zwickau bei einer Tagung der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, über die ich in diesem Magazin einen Artikel veröffentlichte. Das Thema hieß „Spiel-Arten der Lyrik“, und wir gaben und nahmen Einblick in die Arbeitsweise der verschiedenen Kolleginnen und Kollegen. Dass dabei das Zusammenwirken von Bildern und Literatur sowie von Musik und Literatur als naheliegend, beinahe selbstverständlich genommen wurde, überrascht diejenigen, die mittendrin im kreativen Prozess stehen, nicht. Aber was ist eigentlich der kreative Prozess, woher kommt die Inspiration? Einerseits kennen alle kreativ Schaffenden die intrinsische Motivation, etwas aus sich heraus schaffen zu wollen oder zu müssen. Eine andere Seite ist die Inspiration für ein Gedicht oder eine Geschichte von außen, das Betrachten eines Bildes oder das Hören eines Musikstücks. Auch anders herum ist es möglich, dass Bild oder Komposition durch einen Text inspiriert werden. Im besten Fall entsteht Zusammenarbeit gegenseitiger Inspiration, die sich immer wieder erneuert. Zwei Künstler gehen einen Weg zusammen und finden in einen Dialog ihrer Werke.

Als die Künstlerinnen der Angewandten Kunst an uns Literatinnen herantraten, um zu unseren literarischen Texten zu arbeiten, war das für mich in gewisser Weise die dritte Dimension. Erstaunt hörte ich, dass zu Gedichten und Geschichten Objekte der Keramik, Textilkunst und des Schmuckdesigns entstehen sollten. Wie wird beispielsweise ein kleines dreizeiliges japanisches Gedicht, Haiku genannt, in einer Plisseearbeit seinen neuen Ausdruck finden? Es war eine sehr spannende, freudige und berührende Phase, untereinander zu kommunizieren, Auswahlen zu treffen diese künstlerischen Arbeiten schließlich auf ersten Fotos zu sehen. Ich hätte diese Phase noch viel länger ausdehnen können und hätte am liebsten alle Künstlerinnen in ihren Ateliers aufgesucht, um zu sehen, wie sie arbeiten und zu welchen Objekten ich noch gern geschrieben hätte. Doch flugs war die Zeit vergangen und schon der Tag der Vernissage gekommen: Am 19. Juni 2016 sahen die Gäste im bis zum letzten Platz gefüllten Kunstforum endlich die Exponate.

Krisztina Gyöpös und Sophie Reuter
Krisztina Gyöpös und Sophie Reuter

Im Rahmen der Vernissage spielten Krisztina Gyöpös (Klavier) und Sophie Reuter (Sopran) Lieder von Schubert, Poulanc, Satie, Brahms und Grieg. Die Autorinnen Anna Würth, Ellen Sell und ich lasen aus unseren Texten. Weitere in der Ausstellung vertretene Autorinnen sind Doris Runge, Tine Hohn und Hilde Möhring. Die Künstlerinnen der Sparte Angewandte Kunst sind Silvia Bunke, Ariane Forkel, Barbara Guthmann, Susanne Koh, Julia Hühne-Simon, Marina Krog, Anke Rasche-Suhr, Annette Reher, Katrin Schober und Claudia Tejeda.

Das Faszinierende an der GEDOK ist die Vernetzung der Sparten, die völlig neue Inspirationen bietet. So entstehen Projekte in einem Miteinander, das ohne die GEDOK so nicht möglich gewesen wäre – einfach, weil die Akteurinnen sich nicht begegnet wären. So erfüllt sich in der Zusammenarbeit der Mitglieder der Zweck der Produzentinnengalerie: gemeinsam Neues zu schaffen.

Die Ausstellung mit Objekten der Angewandten Kunst und literarischen Texten ist noch bis zum 10. September 2016 im Kunstforum der GEDOK zu sehen. Im August ist die Galerie wegen der Sommerpause geschlossen.

Textilobjekt von Julia Hühne-Simon zu dem Gedicht "Das brave Blau"
Textilobjekt von Julia Hühne-Simon zu dem Gedicht „Das brave Blau“

 

Das brave Blau fegt
der Wind durch Himmelslöcher
und Wolkenquader kiesfarben
schieben die Sonne ins All

Auf der Erde treiben
Wurzeln durch mein Herz
durchdringt mich Grün
umschlingt Organe

Blattarme halten
fest mich im Sand
was aus mir wächst
ist nicht mehr meins

(Maren Schönfeld,
aus „Die Peripherie des Lichts“, Wiesenburg, 2014)

 

 

 

 

www.gedok-hamburg.deschoenfeldblog.wordpress.com

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.