„Educating Rita“ – Das neue Stück am English Theatre of Hamburg

von Uta Buhr
Fotos: Stefan Kock

Educating Rita 1
Neuer Haarschnitt aus Meisterhand

Eigentlich heißt Rita Susan. Weil sie aber für die Schriftstellerin Rita Mae Brown schwärmt, hat sie kurzerhand den Namen ihres Schriftsteller-Idols angenommen. Besonders „Rubinroter Dschungel“ hat es ihr angetan. In diesem Roman schildert die Autorin die Vita einer gewissen Molly Bolt, die sich für ein selbstbestimmtes Leben – ein Skandal in den prüden fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts – entschieden hat und hoch hinaus will. Sie liest viel, bildet sich und strebt gar das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Diese Absicht äußert Rita/Susan allerdings nicht, als sie das Studierzimmer von Frank betritt. Dieser desillusionierte, reichlich Gin und Scotch konsumierende Professor für Literatur an einer nordenglischen Universität ist gleichermaßen amüsiert und verwirrt über den Auftritt der jungen Friseurin aus eindeutig „bildungsfernen“ Schichten, die sich vorgenommen hat, an der „Open University“ einen Examensabschluss in Literatur zu erlangen. Diesen Schock muss Frank erst einmal mit einem kräftigen Schluck aus Flasche hinunter spülen. Hat er das alles richtig verstanden? Diese blondgefärbte Rita in ihrem unmöglichen Aufzug – zu kurzer Rock, zu hohe Absätze – erwartet tatsächlich von ihm, dass er sie in die hohen Weihen europäischer Literatur einführt! Allein ihr kaum verständlicher Liverpooler Akzent ist eine Zumutung für sein an eine gepflegte Aussprache gewöhntes Ohr. Und wie, bitte schön, will diese ungehobelte Tussi Shakespeare, Chaucer oder Shaw rezitieren!

Educating Rita 3
Ein großer Auftritt

„Educating Rita“ – deutscher Titel „Rita will es endlich wissen“ – variiert auf elegant-humorvolle Weise das altbekannte „Pygmalion“- Motiv. Der uns aus der griechischen Mythologie bekannte Bildhauer formte mit dem Meißel die Idealvorstellung einer Frau, die er schließlich zum Leben erweckt. Die berühmteste Variante dieses Stoffes finden wir in George Bernard Shaws „Pygmalion“, aus dem das amerikanische Musical-Duo Frederick Lowe und Alan Jay Lerner „My Fair Lady“ schuf. Der dritte im Bunde, sich dieses unerschöpflichen Stoffes anzunehmen, war der britische Autor Willy Russell, dem wir die ebenso charmante wie temporeiche Komödie „Educating Rita“ verdanken.

Doch zurück zum Stück. Der Geschlechterkampf, der sich auf der in ein universitäres Studierzimmer umgewandelten Bühne des English Theatre abspielt, ist vom Feinsten. Entsetzen spiegelt sich in Franks Gesicht (Frank, witzig und souverän gespielt von Tim Shoesmith), als Rita sagt, bei ihm studieren zu wollen. Er weist ihr die Tür. Aber das selbstbewusste Arbeiterkind lässt sich nicht abwimmeln, sondern zwingt die arrogante, sich selbst überschätzende „Magnifizenz“ (so ließen sich früher einmal die Universitätsprofessoren von ihren Studenten anreden) dazu, sie in die Welt der Literatur einzuweisen. Nachdem Rita (hinreißend Grace Alexander-Scott) Frank im Anfang mit ihrer Naivität und Unwissenheit fast an den Rand der Verzweiflung treibt, fühlt sie sich mehr und mehr in die Materie ein und verlangt sogar nach der Lektüre von Ibsen. Frank erliegt ihrem Charme, beginnt ihre Natürlichkeit und Spontaneität zu schätzen und verliebt sich schließlich in seine Studentin. Rita ihrerseits versetzt mit ihrem Wissensdurst Berge und meistert sämtliche Prüfungen. Statt sich über seinen Erfolg als Ritas „Erzieher“ zu freuen, fällt Frank nach vollendeter Mission in ein schwarzes Loch. Wohin hat sich die Abhängigkeit der jungen Frau von ihrem großen Meister verflüchtigt? Rita hat sich zu einem selbstständig denkenden Menschen gemausert. Sie benötigt niemanden mehr, der ihr den Weg weist. Da meldet sich der Macho in Frank. Sein Selbstmitleid überwältigt ihn so sehr, dass er beschließt, seine Tätigkeit in England aufzugeben und eine Professur in „Down Under“, dem tausende von Kilometern entfernten Australien, anzutreten. Je größer die Distanz, umso besser… In der letzten Szene erleben wir einen gebrochenen Mann, der seine Koffer packt, und eine strahlende Rita, die ein völlig neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen hat. Vorhang und Beifall für diese gelungene Inszenierung eines Zwei-Personen-Kammerspiels.

Educating Rita 2
Ein Herz und eine Seele

Der 1947 in Liverpool geborene Autor des Stückes Willy Russell blickt auf eine glänzende Karriere als Schreiber von Komödien und Musicals zurück. Seine bekanntesten Stücke sind das preisgekrönte, im Londoner Westend gefeierte Beatles-Musical „John, Paul, George, Ringo … and Bert“ sowie „Shirley Valentine” und “The Wrong Boy.” Die Erfolge von Willy Russell zeigen, wie weit ein Friseur – das war Willys ursprünglicher Beruf – es im Leben bringen kann. Gibt es einen besseren Beweis als Rita, die ihren Frisiersalon mit dem Hörsaal einer Alma Mater tauscht!

 

 

„Educating Rita“ läuft bis einschließlich 16. April 2016

Karten unter der Telefonnummer 040 – 227 70 89 oder online unter www.englishtheatre.de

Nächste Premiere „ Dangerous Obsession“ von N.J. Crisp am 28. April 2016

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.