Kaleidoskop mit Morgenstern

von Maren Schönfeld
Foto: Katharina Jaglewicz

Kaleidoskop-Akteure
B. Bolduan, B. Cleve, B. Halenta, V. Maaßen, M. Bühler, Stella’s Morgenstern (v.l.n.r.)

Wer bei Bad Segeberg an Karl May denkt, hat die Buchhandlung „Wortwerke“ noch nicht kennengelernt. Es ist viel mehr als eine Buchhandlung, denn das Gesamtkonzept aus der Gastronomie „Blattwerk“, die mit selbstgemachten Kuchen und kleinen Speisen sowie einem breiten Teesortiment aufwartet, dem Bücherzimmer mit „Schmökerexemplaren“ und Sesseln vor den Regalen, den Ausstellungsflächen für Bilder und Kunsthandwerk ist eigentlich schon für sich ein Kaleidoskop. Entsprechend früh erscheinen die Gäste vor der für den Abend angesetzten Veranstaltung, um sich auf den prächtigen Sofas und Holzstühlen vor dem Ofen niederzulassen und Tee mit Gebäck zu genießen. Nebenbei spielt die Gruppe „Stella’s Morgenstern“ sich ein, eine Autorin schreibt an ihrem Manuskript, einige Gäste stöbern durch die Bücherregale und nicht alle wechseln kurz vor 19 Uhr in die aufgestellten Stuhlreihen vor der Bühne. Auch wer sich nicht vom Sofa trennen mag, bekommt alles von der musikalischen und literarischen Darbietung mit.

Martin Bühler, Publisher aus Schleswig-Holstein und Mitveranstalter des Abends, begrüßt das Publikum und gibt das Wort gleich an Stella, die Sängerin, weiter. Gemeinsam mit dem Gitarristen Andreas Hecht liefern sie mit zwei Stimmen, vier Händen, vier Sprachen (darunter Hebräisch) und zwölf Instrumenten ein außergewöhnliches Klangerlebnis, das mit seinen gefühlvollen Liedern und Interpretationen zu Herzen geht.

Volker Maaßen hat die recht schwierige Aufgabe, nach zwei der einnehmenden musikalischen Stücke aus seinem Segler-Krimi „Regatta über Leichen“ eine Szene zum Besten zu geben. Er habe sich allerdings nur für eine Viertelstunde vorbereitet, lässt er das Publikum wissen, und nun erfahren, dass er eine halbe Stunde lesen solle. So reichert er seinen Vortrag mit einigen Gedichten aus seinen Büchern „Bitterleichte Lyrik“, Bände 1 und 2, an. Die Gedichte, die ein wenig an Kästner und Morgenstern erinnern, jedoch den in der Lyrik-Szene schon ziemlich bekannten eigenen „Maaßen-Sound“ aufweisen, sind solche, bei denen einem das Lachen bei der vorletzten Zeile im Halse stecken bleibt, wenn die letzte Zeile gelesen wird. Sowohl mit den lyrischen Texten als auch mit der Krimiszene legt er den gesellschaftskritischen Themenkreis des Abends vor. Willy, der Segler, versenkt Geld: Im wahrsten Sinne des Wortes sitzt er mit einer Gruppe Menschen auf seinem Boot und wirft Fünfzigeuroscheine ins Meer. Habe man es, sei es nur Papier, sinniert Willy, mit dem man sich seine Träume wegkaufe. Die seien dann auch nicht mehr da. Willy befindet sich mit seinem Team auf einer wichtigen Regatta, die skurrile und unerhörte Szene ist interessant – aber der Gesamtzusammenhang bleibt etwas unklar. Wünschenswert wäre eine etwas längere Lesung oder tiefergehende Einführung in die Geschichte gewesen.

Nach zwei musikalischen Beiträgen liest die bekannte Segeberger Autorin Brigitte Halenta, den Segebergern aus Artikeln für die Regionalzeitung „Basses Blatt“ ein Begriff, aus ihrem Roman „Das letzte Wort hat Dorothee“. Was für eine ungewöhnliche Geschichte: Die Protagonistin Marlies hat ihren problematischen siebzehnjährigen Sohn sozusagen bei Fachleuten „untergebracht“ und bricht ihre Zelte an dem gemeinsamen Standort ab. Das allein ist schon eine unerhörte Begebenheit, die in unser Gesellschaftsbild der allzeit glücklichen und dankbaren Mutter überhaupt nicht passt. Zurück lässt sie ein Mehrfamilienhaus, geerbt von ihrer ewig an ihr herumnörgelnden Mutter; eine Vermietung und die Beauftragung eines Hausverwalters waren ihre letzten Taten in ihrem alten Leben. Nach der Schlüsselübergabe bricht sie auf, um zu ihrer neuen Wohnung zu fahren, ihrem neuen Leben – da merkt sie, dass sie im Keller ihres alten Hauses den Schlüssel für die neue Wohnung vergaß. Es hilft nichts, sie muss umdrehen, und dieser Weg zurück zum alten Standort ist irgendwie ein Weg zurück in ihr altes Leben. Denn dort in dem Keller stößt sie auf Thommi, den ihr fremden Sohn, wie er sich vor einem Kleinkind entblößt. Konfrontiert mit seiner Mutter, stürzt er davon. Marlies bleibt mit dem kleinen Mädchen zurück.
Eine fast unvorstellbare Ausgangssituation, die ungeheuer mitreißt. Was soll Marlies tun? Sie nimmt das nur Englisch sprechende kleine Mädchen mit in ihr neues Leben. Die Vorlesezeit Brigitte Halentas ist wie im Flug vergangen, das dicke Buch wird zugeklappt und wir erfahren nicht, wie es weitergeht. Ein Ausblick der Verfasserin dieses Artikels, die sich direkt das E-Book besorgte: Es ist eine sehr kluge, glaubhafte Geschichte, die Halenta auffächert und es fasziniert, wie eine fast surreale Szene Wahrheit wird, wie eine Frau, die sich zunächst der Lästigkeit einer Pflicht zu entledigen sucht, letztlich doch eine so tiefe Liebe zu diesem Mädchen entwickelt, dass die neue Freiheit ganz anders aussehen wird, als es sich die Protagonistin ausgemalt hatte. Was aus Thommi wird und was es bedeutet, dass seine Mutter, die ihn nicht lieben konnte, nun ein fremdes kleines Mädchen als ihre Tochter liebt – ich bin gespannt.

Stella’s Morgenstern schafft es, die tiefgehenden Bewegungen aus dem Text aufzunehmen und behutsam, berührend in Musik weiterzuführen. Es ist erstaunlich, wie virtuos sie und ihr Partner die Instrumente beherrschen, wie mühelos die Sängerin zwischen Sprachen wechselt. Stella moderiert jeweils die Lesenden an und bittet nach der Pause auch die dritte Akteurin auf die Bühne.

Brigitte Cleve hat in ihrem Roman mit dem markanten Titel „Meerraben“ ein weiteres gesellschaftskritisches Thema bearbeitet: Den Umgang mit den Frauen der Generation der Kriegs- und Flüchtlingskinder. Die Protagonistin Lina hatte sich, wie es ihrer Generation eigen war, ganz für die Familie aufgeopfert. Nun ist sie Witwe und ihr steht das erste Weihnachtsfest allein bevor. Doch ihr Sohn Henning lädt sie über die Feiertage bis nach Neujahr ein. Die Lesung beginnt mit der Ankunft des Zuges in Hamburg und Linas Unwohlsein vor der Begegnung mit der Schwiegertochter. Außerdem plagt sie der Wunsch, ein lange gehütetes Tabu endlich zur Sprache zu bringen: Die Identität des leiblichen Vaters ihres Sohnes – ein Thema, das zu Lebzeiten des Adoptivvaters nicht angeschnitten werden durfte.
Brigitte Cleve liest und erzählt abwechselnd, eine angenehme Art des Vortrags, die uns Zuhörer gut in die Geschichte und ihre Figuren einführt. Wie befürchtet, geht es nicht gut mit der Schwiegertochter und Lina reist schon am zweiten Weihnachtstag wieder ab. In einer Gedankenrückblende erfahren wir, dass Lina sich in jungen Jahren mit einem durchreisenden Holländer eingelassen hatte, dem Henning seine Existenz verdankt. Kaum ist sie zu Hause angekommen, ruft Henning an und teilt ihr mit, er habe seine Frau verlassen. Nun treffen Mutter und Sohn sich bei Lina und endlich ist der Moment gekommen, über das Tabu zu sprechen.
Die Autorin legt mit dem Bereinigen der alten Themen eine Spur in eine neue Zeit, Lina wird frei für ein neues Leben. Mit 72 Jahren einen Neubeginn wagen – warum nicht? Aus ihren Zeilen ist ihr Anliegen, den älteren Menschen eine Stimme zu geben, spürbar. In einer dem Jugendwahn sowie der Selbstoptimierung verfallenen Gesellschaft thematisiert sie den Wert des Lebens in jeder seiner Phasen. Sie erinnert mich ein wenig an Noëlle Châtelet und ihre Marthe („Die Klatschmohnfrau“) und zeigt mir einmal mehr, dass es viel zu wenige Bücher zu diesem Thema gibt. Brigitte Cleve beschließt ihre Lesung mit dem bedenkenswerten Satz: „Alter schützt nicht vor Liebe, aber Liebe schützt vor dem Alter.“ Auch bei diesem Buch habe ich große Lust, weiterzulesen.

Stella’s Morgenstern rundet den Abend mit weiteren Stücken ab, die alle irgendwie sehr persönlich auf das Duo zugeschnitten wirken. Man hat das Gefühl, als sei man mit diesen Musikern in deren Wohnzimmer und werde Zeuge eines Privatkonzerts. Dieser Eindruck von Vertrautheit steht im Raum und lässt aus Akteuren und Publikum eine harmonische Einheit werden.

Es war ein spannender, nachdenklich stimmender, anregender Abend, den Bianca Bolduan und Martin Bühler zusammengestellt haben. Musik und Lesungen wirken nach. Der jeweils exzellente Vortrag der Autoren wäre allerdings noch stärker gewesen, hätten sie sich – wie „Stella’s Morgenstern“ – eines Mikrofons bedient, bei dem es weniger um Lautstärke als vielmehr um Inszenierung geht. Das Konzept „Wortwerke“ hat wenige Monate nach seiner Eröffnung schon einen beachtlichen Stand erreicht. Das gastronomische „Blattwerk“-Team verwöhnte die Gäste leise und sorgsam mit Tee und kleinen Speisen während des ganzen literarisch-musikalischen Abends, der etwa drei Stunden dauerte. Wir werden sicherlich noch viel mehr von Bianca Bolduan und ihrem „Wortwerke“ hören, der Weg nach Bad Segeberg lohnt sich allemal.

Autor: Maren Schönfeld

Maren Schönfeld *1970, lebt in Hamburg und schreibt seit 1992 Lyrik, Prosa und Sachtexte. Veröffentlichung von Gedichtbänden und Sachbüchern. Mitglied der GEDOK Hamburg , der Hamburger Autorenvereinigung, der Deutschen Haikugesellschaft und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig.